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Wie hieß das gleich noch mal? – Anzeichen digitaler Demenz …

Michèle Legrand (WordPress)„Wie heißt das noch, was Sie da machen?“ Der Tischnachbar fragt, als ich gerade aufschaue, um nach meiner Kaffeetasse zu greifen. „Meine Frau macht diese Dinger auch“, ergänzt er.
„Das Zahlenrätsel meinen Sie? Das ist ein Sudoku“, antworte ich ihm.
„Richtig, genau so heißt das! Sagen Sie, macht das eigentlich Spaß?“ Er klingt nicht davon überzeugt.
„Ja, schon – außerdem hilft es ein bisschen.“
„Wieso? Wie denn? Ich meine wofür oder nein, wogegen?“
„Gegen etwas, was mich wurmt. Es ist eine Art Trainingsübung, die ich absolviere, seit ich bei mir die ersten Anzeichen von digitaler Demenz bemerkt habe.“
„Ach, hören Sie auf, die gibt es doch gar nicht! Oder doch?“

Der Herr, der ein Stückchen weiter sitzt, einen Espresso trinkt und bisher mit seinem Smartphone beschäftigt war, ist sich nicht sicher, und ich kann ihm die Existenz auch nicht mit letzter Gewissheit bestätigen, denn man weiß bis heute nicht so genau, wie verheerend oder harmlos die Auswirkungen der digitalen Datenflut, die Folgen der intensiven Internetnutzung oder auch die des digitalen Lernens durch bereits kleine Kinder sind.
Man ist sich uneinig in den Kreisen der Fachleute, weiß nicht mit Sicherheit zu sagen, was Surferei, ewiges Herumgoogeln und  Datenmassenandrang im Hirn bewirken. Diese bunte, wirre und bald unüberschaubare Vielfalt,
Darüber gibt es selbstverständlich viele Forschungsarbeiten, einige Studien, Umfragen, Berichte und Bücher, die sogar Bestseller wurden! Doch manche der Untersuchungen, die dazu durchgeführt wurden, waren zu speziell, zu herausgepickt oder aber so verallgemeinert, dass die Resultate ebenso gut dadurch entstanden sein konnten, dass andere Umstände mit hineinspielten und das Ergebnis beeinflussten.
Besondere Reaktionen sowie Verhaltensänderungen und -auffälligkeiten sind zudem oftmals nur über einen verhältnismäßig  kurzen Zeitraum dokumentiert. Es fehlt der penibel durchgeführte Langzeitvergleich unter konstanten Bedingungen.
So lässt sich bisher eine durchs www. (und alles was damit verbunden ist) verursachte Demenz weder völlig bestätigen noch definitiv ausschließen.  Zu widersprüchlich und nicht beweiskräftig sind die Aussagen und Erkenntnisse bisher.

Und? Somit alles bestens? Kein Grund zur Sorge?

Wenn Sie mich fragen, ist es letztendlich sowieso nicht ausschlaggebend, was die Wissenschaft dazu vorweisen kann und ob ein offizielles „Vorsicht, Demenz!“ kursiert.  Jeder Mensch reagiert – unabhängig davon, ob digitale Demenz offiziell bestätigt oder inoffiziell existent ist. Wie stark, merkt er am besten selbst.
Nur, selbst die ziemlich sichere Annahme, dass Demenz definitiv entsteht, vermag es wohl kaum zu schaffen, dass sich in der Gesellschaft wirklich etwas ändert. Gäbe es aus Gesundheitsbewusstsein wieder weniger Computer, weniger Handys, weniger Elektronik, eingeschränkten Zugriff auf das Netz? Mit Sicherheit nicht.
Es gibt jedoch auch kein Attest für Sie, eine offizielle Bestätigung, dass sie gefährdet sind oder daran bereits leiden. Ein Befund, der Ihnen vielleicht Vorteile, Erleichterungen oder Hilfe und Behandlung sichern würde.
Nein, nein, ich habe eher das Gefühl, selbst darauf schauen und entdecken zu müssen, wie das Computerzeitalter sich auf mein Hirn und das der Menschen in meinem Umfeld auswirkt!
Die heutige Art der Wissensaufnahme und des Arbeitens verändert das Gehirn! Das sagt kein weiterer Forscher, das ist meine Erkenntnis, das behaupte ich einfach.

Mein Szenario – das brauche ich, um den Ablauf für mich zu verstehen! – sieht in etwa so aus:
Das Hirn nimmt Unmengen von außen auf. Verschiedenes, wahllos gemischt, schnell! Teilweise rund um die Uhr – im Beruf und in der Freizeit –  ist es den Neuigkeiten und Masseninformationen aus aller Welt via Netz genauso wie Reaktionen, Gesprächen etc., optischen, akustischen oder andersgearteten Reizen und vielem mehr ausgesetzt.
Offensichtlich bemerkt es irgendwann, dass leichte Überfüllung herrscht, viel Unnützes und sogar ausgesprochener Mist dabei ist und sortiert aus. Relativ rigoros und etwas unkontrolliert hinsichtlich des Inhalts. Egal, Hauptsache, da wird wieder Platz geschaffen.
Weg damit!
Das Hirn ist wie ein Schwamm, der aufsaugt. Das macht er willig so lange, bis er vollgesogen ist. Und dann? Das Problem heute ist, dass er zwischendurch keine Zeit hat zu trocknen. Früher schien es so, als würde Information eher wie ein Rinnsal unter der Tür durchlaufen. Stetig, in der Menge jedoch überschaubar.
Schnell den Schwamm vor die Ritze und das Wasser aufgetupft! Geht doch gut. Oh, es läuft nach! Noch einmal auf die gleiche Stelle. Fein, alles aufgesogen …
Der Schwamm, sprich Ihr Hirn, konnte nun den Inhalt speichern, auswerten, verarbeiten, anwenden und repetieren. Während dieses Prozesses konnte er nebenher trocknen und war wieder einsatzbereit, um neue Rinnsale zu stoppen und aufzunehmen.
Heute scheint bei Ihnen hingegen dauernd jemand die Tür sperrangelweit aufzureißen und die Wassermassen quellen nur so herein. Werfen Sie um. Eine mittlere Springflut. Sie tupfen wie ein Weltmeister und doch kommt der Schwamm nicht hinterher. Das unproduktive, wilde von links nach rechts wischen bringt nichts – der Schwamm nimmt nichts mehr auf.
Was nun?
Sie schauen sich heimlich um, und in einem unbeachteten Moment quetschen Sie das Ding irgendwo aus. Die meisten tun es fatalerweise über einem Sieb …  Alles weg.

Das Hirn merkt sich heutzutage lediglich einen verschwindend kleinen Teil richtig und dauerhaft, das meiste ist nur noch zum Kurzbesuch da oben. Warum auch merken, man kann ja nachschauen. Zum hundertsten Mal! Das darf man nicht so eng sehen …, und es geht ja schnell. Hundert Mal schnell ist im Endeffekt allerdings wesentlich länger als einmal richtig.
Die Konzentration ist unter aller Kanone und wäre Zuhören können ein Fach mit Noten, wären wir ständig versetzungsgefährdet. Die Menschheit zeigt Suchtanzeichen und ist daher natürlich der Ansicht, dass wir das alles bräuchten, wir darauf angewiesen sind und es ein ungeheurer Segen sei. Es erleichtert ja vieles so kolossal.
Lieber gestresst damit leben, als auf Entzug sein.
Es stimmt, dass vieles heute superschnell zu erledigen geht. Keiner muss mehr mit Stift und Block vor dem Kassettenrecorder sitzen und während eines Lieds ständig die Stopptaste drücken, damit er in mühevoller Kleinarbeit den Liedtext niederschreiben kann.
Keiner will diesen Zustand wieder zurück!
Sicher ist es prima, wenn der ganze Text mit einem Klick im Netz aufgerufen werden kann.. Doch ganz ehrlich, von den Texten, die so präsentiert und gesehen werden, von hier nach dort kopiert werden, bleibt nicht viel haften, wohingegen die uralten, auf die andere Art erfassten Texte, heute noch im Kopf abgespeichert sind.
Das ist der Unterschied zwischen bloßem Hinsehen und Auf- bzw. Wahrnehmen.

Oder Telefonnummern! Wer weiß noch Telefonnummern und kann sie auswendig?
Wozu?
Die Frage ist berechtigt, wo wir doch nur noch den Knopf mit dem Namen des Anzurufenden anklicken brauchen, den Rest macht das schlaue Smartphone. Auch hier wünscht sich niemand unbedingt alte Zeiten zurück. Nur mit diesem überreichlichen Angebot an elektronischen Hilfsmitteln und Wundergeräten, gibt es kaum noch Möglichkeiten, sein Gehirn auf etwas zu trainieren, was dem Gedächtnis und der Konzentration hilft.
Man hat  ja nicht einmal die Chance!
Die Nummern werden Ihnen, sobald Sie einen Namen dazu gespeichert haben, doch nicht einmal mehr gezeigt!  Die Krux ist, Ihr Gehirn ist mit Informationen, die auf es einstürmen, einerseits komplett überfordert, aber andererseits auch völlig unterfordert, was das Training fürs Merken und die Konzentration angeht. Merkfähigkeit und -dauer sowie Konzentrationsfähigkeit und -spanne sind heute geradezu als gnomenhaft zu bezeichnen!
Lachhaft gering!
Man weiß, dass bei mangelnder Übung und zu geringer Nutzung Verknüpfungen im Hirn nicht mehr funktionieren. Sie stellen ihren Dienst ein und kommen einfach nicht mehr zustande. Wenn das Gehirn bei seiner Tätigkeit mit der eines Muskels vergleichbar ist, dann verkümmert es wie dieser es tut, sobald er ohne Training und Beanspruchung bleibt. Und sobald Nervenzellen erst absterben und auch neue keine Überlebenschance haben, weil sie von vornherein gar nicht genutzt werden, lässt das Gedächtnis nach.
Das geht ziemlich flott!
Für die bei immer mehr Menschen nachlassende Fähigkeit, zuhören und sich länger auf etwas konzentrieren zu können, ist zusätzlich offenbar das sehr verbreitete Verhalten, mehrere Geräte gleichzeitig zu nutzen und mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, ein Auslöser. Auch beim Multitasking ist man sich – wie bei der digitalen Demenz – nicht eins hinsichtlich der Auswirkungen oder ihres Umfangs.

Und ich? Wie ist das nun bei mir?
Ich nutze das Internet. Ich nutze Google und andere Suchmaschinen. Ich habe eine Smartphone.
Irgendwann bemerkte ich an mir beginnende Anzeichen von leichter Doofheit. Sachen, die ich gerade nachgelesen hatte, waren kurz danach weg.
Nichts behalten!
Die Orientierung verschlechterte sich. Statt Karten war das Navi zum Einsatz gekommen. Die Umgebung brauchte ich nicht mehr im Hirn abzuspeichern, nur auf den vorgegebenen Weg zu achten.
Einerseits herrlich einfach, ein Segen, oder? 
Nur hinterher hatte ich keine Ahnung, wo genau ich eigentlich gewesen war.
So etwas fuchst mich ungemein! Das ist ein unhaltbarer Zustand!
An anderen nervte und nervt mich weiterhin, wenn alles zig Mal wiederholt werden muss, weil keiner vernünftig zuhört.
Und am allermeisten wurmen mich die zunehmende Abhängigkeit von elektronischem Gerät und die Tatsache, dass seelenlose und skrupellose Geräte mir meinen Kram aus der Hand nehmen! Nicht als Helfer, der einspringt in der Not, sondern als vermeintlich schlaues Ding, dass mich langsam aber sicher immer hilfloser macht und mich dümmer zurücklässt.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, ob es sie gibt“, antworte ich meinem Tischnachbarn, „aber ich sehe an mir, dass es Folgen hat, wenn ich nur via Netz Neues erfasse. Mein Gehirn baut ab.“
„Und da hilft dieses … Zeug?“ Er zeigt auf mein Zahlenrätsel.
„Ja, unter anderem.“
„Also, meine Frau meint ja, ich würde auch viel vergessen und nicht richtig zuhören.“
„Nutzen Sie viel die modernen Geräte und das Internet? Ihr Smartphone?“
„Ja, klar! Geht doch fix damit.“
Ich zeige auf mein Rätsel.
„Erinnern Sie sich noch, wie das „Zeug“ hieß?“
„Ne, hab’ ich schon wieder vergessen …“ Er stutzt leicht.
„Sehen Sie“, fahre ich fort, „so etwas meine ich. Und da ich nicht digital dement werden möchte, nutze ich seit längerer Zeit meine elektronischen Geräte noch bewusster und sehr gezielt. Trotz allem kommen Stunden zusammen, denn sie sind immerhin Arbeitsgerät. Allein dadurch kann ich somit den persönlichen Verfall wohl nicht verhindern.
So habe ich umgeschaltet auf mehr Gehirntraining. Als Ausgleich. Keine offiziellen, wahnsinnig ausgeklügelten Übungsprogramme, aber überall dort, wo es geht, bin ich am Hirn trainieren. Präge mir Dinge ein, versuche Zahlenketten systematisch zu erfassen, halte mich dazu an, mich eine bestimmte Zeit auf etwas Vorgegebenes zu konzentrieren. Ausschließlich darauf! Höre intensiv zu und gebe mir quasi vorher die Aufgabe, dass ich hinterher in der Lage sein müsste, eine Inhaltsangabe oder besser noch – rein theoretisch – eine Nacherzählung davon anzufertigen. Auch noch nach drei Tagen.
Ich konstruiere Eselsbrücken, arbeite mit Gedankensprüngen, Geschichten … wie in guten alten Zeiten. Die Doofheit hat nachgelassen.“
„Vielleicht ist das aber nicht das Internet, was Schuld ist, sondern wir werden ja alle auch älter …“, meint er nachdenklich.
„Sie können damit recht haben“, bestätige ich ihm, „die Möglichkeit will ich gar nicht abstreiten. Doch selbst wenn es lediglich eine altersbedingt nachlassende Gehirntätigkeit sein sollte, kann ich mir mit meinem Programm ja nicht schaden.“

Für mich wird es Zeit. Ich mache Anstalten aufzubrechen. Er wirkt ein bisschen in Gedanken versunken. Während ich meine Jacke schließe, holt er sein Handy wieder hervor und meint abschließend:
„Ne, schaden kann’s nicht. Moment! Wie hieß das jetzt gleich noch mal, dieses Rätsel?  So… Su… Sudu …?“
„Auf Wiedersehen“, winke ich ihm zu und ergänze beim Griff nach der Tasche:
„Sie sind jünger als ich, ich würde in Ihrem Fall von digitaler Demenz ausgehen …“

©Januar 2014 by Michèle Legrand

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Erledigt! Dinge, Tätigkeiten – nicht Sie selbst …

Wandsbeker Mühlenteich - Nachmittagssonne im April

Wandsbeker Mühlenteich im April

Ich habe keine Ahnung, wie Sie es handhaben. Ob Sie ein Nebenher-Typ sind, ein Gehäuft-Typ oder gar ein Delegier-Typ. Ob Sie es selten tun, ob gern, ungern, ad hoc, geplant, chaotisch, murrend, gleichgültig, freudig, widerwillig …Vielleicht sind Sie noch ganz anders drauf, viel spezieller, sind quasi ein Unter- oder Mischtyp! Das kennen sie von der Haut: Mischhaut. Oder vom Hund: Misch(lings)hund. Wenn wir bei diesem Beispiel bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie eine Art Promenadenmischung sind. Sie mixen sicher bunt und je nach Gelegenheit bzw. Umständen.
Falls Sie noch nicht sicher sind, um welches Thema es heute geht: Wir sprechen gerade von Dingen, die erledigt werden müssen. Kurz: Erledigungen. Pflichterledigungen. Sie und die Art und Weise der Erledigung von Erledigungen.

Ich meine nicht die beinahe täglich anstehenden Dinge wie Lebensmitteleinkauf, Haushalt oder die wegen ihrer Kürze hier zu vernachlässigenden Tätigkeiten wie Gaszähler ablesen oder Müll heraustragen. Ich spreche von Pflichterledigungen der nächsthöheren Kategorie: ab Aufwandsstufe 2 aufwärts. Sie stehen mit ziemlicher Sicherheit und in regelmäßigen Abständen an. Rumsen unangefordert an die Tür. Bollern aufdringlich und nerven mit einem:
Hey, mach endlich mal!
Der Imperativ! Damit wir merken, dass wir müssen …
Menschen handeln unterschiedlich. Manche (Delegier-Typen) geben gern alles ihnen Unangenehme weiter, was aber (Gott sei Dank) nicht immer möglich ist. Einige (Gehäuft-Typen) sammeln erst lustlos Aufgabe um Aufgabe, bevor sie loslegen. Andere handeln gleich. Wieder andere nehmen sich Extrazeit dafür, trennen strikt, doch die Tendenz ist, vieles schnell nebenher zu schaffen.
Nur kurz bei der Reinigung etwas abholen, mal eben zur Bücherhalle wegen der Fälligkeit des Lesestoffs. Schnell huschen, um ein Geschenk zu besorgen,  zackig mit Paketen zur Post, locker den Werkstatttermin einschieben, den Vorsorgecheck gleich mit, kurz etwas in der Apotheke besorgen oder bei der Reinigung abholen, Zahnarzt erfreuen, Auto ummelden, Ausweis verlängern, Baugenehmigung beantragen – Behördensachen gehen sicher besonders flott …
Wann plant der Nebenher-Typ seine Erledigungsaktionen ein?
Vor der Arbeit, in der Pause, mittendrin – jedenfalls irgendwie hineingezwängt. Nebenher schaffen lautet die Parole. Bloß keine Zeit verlieren.
Dauert ja alles nicht lang …
Genau hier liegt aber der Denkfehler! Derartige Pflichterledigungen haben überhaupt nichts mit der simplen Fähigkeit, die wir als Multitasking bezeichnen, zu tun. Denn dort werden zwar zeitgleich mehrere, verschiedenartige Tätigkeiten erledigt, jedoch an einem Ort! Dadurch können sie parallel laufen und sind – wenn es auch oft alles andere als ratsam ist – ausführbar. In welchem Maße ist natürlich abhängig von den Fähigkeiten jedes Einzelnen.
Erledigungen (wie oben näher eingegrenzt) verteilen sich hingegen auf unterschiedliche Örtlichkeiten. Ihnen ist zudem eigen, dass ihr Einschieben grundsätzlich anders verläuft als angenommen.
Der weitaus größte Teil erfordert mehr Zeit und Aufwand als erwartet. Sei es durch längere Wartezeiten in Geschäften und Behörden, Notfälle beim Arzt, Formularkämpfe, Parkplatzsuche, o. ä. Jeder neu hinzukommende Ort, jeder zusätzliche Weg erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der angepeilte Zeitrahmen nicht eingehalten werden kann und Ihre frohgemuten Pläne sehr schnell durchkreuzt und boykottiert werden.
Folge: diese Aktionen mal eben nebenher kollidieren mit der restlichen Terminplanung des Tages, den feststehenden Arbeitszeiten, der Routine etc. Ihr Ablauf wird durcheinander gebracht.
Ich müsste schon längst wieder bei der Arbeit sein …!
Wahrscheinlich haben sich die Kollegen schon gemeldet. Ihr Handy zeigt diverse SMS, Mails und Anrufe in Abwesenheit an. Nachdem Sie endlich mit schon leicht erhöhtem Blutdruck zurückgekehrt sind, lässt sich das eigentliche Pensum so nicht mehr schaffen. Der Blick wandert ständig zur Uhr, die Unruhe wächst und mit ihr kommen Anspannung, Verspannung. Kopfschmerzen, mangelnde Konzentration. Die Laune ist auf dem Nullpunkt.
Es schließt sich der hektische Versuch an, die verlorene Zeit einzuholen, doch nüchtern betrachtet, gestaltet sich die Restarbeitszeit an diesem Tag vergleichsweise unproduktiv. Für effizienteres Tun und Handeln ist der Mensch zu erledigt. Von seinen Erledigungen …
Noch ein Wort zur verlorenen Zeit: Dadurch, dass wir sie als solche betrachten, sinkt in unseren Augen der ohnehin nicht sehr hohe Wert, den wir unserer Erledigungstätigkeit beimessen, erneut. Ins Unterirdische. Von Lust auf zukünftige derartige Erledigungen kann man kaum noch sprechen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass sie vielen mittlerweile ziemlich bevorstehen. Manch einer schiebt sie daraufhin ewig vor sich her, solange, bis es sich nicht mehr hinauszögern lässt. Aus der Not heraus startet irgendwann die geballte Aktion, wahrscheinlich wieder mit dem genialen Plan:
Mach ich nebenher … Passt schon.
Möglicherweise sind Ihnen solche Geballt-in-letzter-Minute-Erlediger bereits begegnet. Es sind häufig Mitmenschen, die überall zuerst drankommen möchten, in Kassenschlangen leicht ausrasten oder die Mitleidsmasche anwenden.
Kann ich vor? Ich habe es fürchterlich eilig … Schon haben sie sich dazwischen gequetscht.
Falls sich jemand querstellt, ist die Reaktion anklagend:
Nicht? Wieso das denn? Also, SIE haben bestimmt alle Zeit der Welt, da hätte ich doch ein bisschen mehr Entgegenkommen erwartet …!
Es gibt die, die hoffen, Termine von heute auf morgen zu ergattern oder annehmen, dass das Bezirksamt ihr Formular für den neuen Personalausweis sicher auch noch gegen 22 Uhr bearbeitet.
Ach, Sie haben nur bis 16 Uhr auf …? Unmöglich ist das, unmöglich!
Weiterhin die, die schnell lospöbeln, wenn im Geschäft das Gewünschte nicht bei Eintreten vorrätig ist, die,  die häufig unvorbereitet loshechten und unterwegs sehr uncharmant reagieren, wenn so ein unverschämter Depp bei Kaufvertragsabschluss doch glatt ihren Ausweis verlangt, der selbstverständlich alleine zu Hause geblieben ist …
Doch genug davon.

Was hat das jetzt eigentlich alles mit dem schönen Teichbild von oben zu tun?
War das Ihr Gedanke?
Ich habe es mir so gedacht: Persönlich ziehe ich es vor, meine Erledigungen unter anderen und entspannteren Umständen zu machen. In der Vergangenheit war es mir durchaus auch einen Urlaubstag wert. Das ist keine für jeden zutreffende Lösung, keine allgemeingültige und unumstrittene  Empfehlung, sondern etwas, was jeder für sich entscheiden muss.
Was ist es mir persönlich wert, wenn ich Dinge, die getan werden müssen, effektiv und zugleich in Ruhe erledigen kann?
Vielleicht taucht die Frage auf:
Aber dafür gleich einen Urlaubstag wegwerfen …?
Auch dies ist Einstellungssache. Nur, was nützt es einem, die Tage für einmal im Jahr groß in den Urlaub zu sammeln, aber bis dahin entweder alles wie Ballast vor sich herzuschieben oder in ständiger Zeitnot zu erledigen und infolgedessen geschlaucht und missgelaunt zu sein?
Will ich mir selbst diese Stresssituationen schaffen?

So ein „geopferter“ Urlaubstag ist doch nicht zwangsläufig weggeworfen oder verplempert!

Einen solchen Erledigungstag der anderen Art,  gönnte ich mir in der zurückliegenden Woche. Wie so häufig im Leben,  ist es die Ausgewogenheit, die bewirkt, dass der so negative Touch der als unliebsam und aufgezwungen empfundene Tätigkeiten  vielleicht nicht ganz genommen, aber zumindest abgemildert werden kann, indem ich Dinge zulasse und beisteuere, die mir persönlich behagen, die als schön und positiv empfunden werden. Ich erziele eine Balance durch die Kombination von Müssen und Wollen. Bildlich gesprochen, hocke ich nicht in der am Boden aufsitzenden Müssen-Waagschale, sondern winke durch mein eingebrachtes Gegengewicht munter aus luftiger Höhe. Mein Pflichtprogramm wird um die Kür erweitert.
Während Erledigungen und Arbeit eindeutig nicht recht harmonieren, verstehen sich Pflichterledigungen und Küreinlagen  ausgezeichnet!

Mein Erledigungstag sah daher so aus (und nun kommen die Bilder zum Einsatz):

Pflicht: 1
Termin Werkstatt. Auto morgens abgeliefert.
Kür:

Wandsbeker Mühlenteich morgens bei Bewölkung (April)

Der Mühlenteich am Morgen …

Ausgedehnter Spaziergang danach um acht Uhr morgens rund um den Mühlenteich. Schöne Stimmung. Es ist bewölkt, aber trocken. Ruhig, trotz angrenzender Straßen. Die Enten schlafen um diese Zeit noch.

Morgens um acht - Die Herren Erpel schlafen noch ... (Wandsbeker Mühlenteich)

Morgens um acht – Die Herren Erpel schlafen noch …

Ich bin präpariert und habe getrocknetes Brot zum Verfüttern bei mir. In die Gewässer darf es nicht geworfen werden, aber man kann schließlich auch an Land füttern. Beim Rascheln der Tüte wachen die Kollegen prompt auf und nähern sich neugierig.

Sofort aufgewacht beim Rascheln der Brottüte ... (Mühlenteich in Wandsbek)

Sofort aufgewacht beim Rascheln der Brottüte … Na, gibt’s jetzt was …?

Die ersten Krumen sind verteilt. Das war der Startschuss: sie strömen heran.
Ist das nicht merkwürdig? Nur Erpel! Jedenfalls was die Entenbevölkerung angeht. Sitzen die Damen eventuell auf Gelegen und brüten?

Es strömt heran. Das hungrige Vogelvolk ... Frühstück! (Wandsbeker Mühlenteich)

Es strömt heran. Das hungrige Vogelvolk … Frühstück! (Wandsbeker Mühlenteich)

Ansonsten frühstücken noch eine Graugans und ein Teichhuhn mit.
Das Interesse der Vögel lässt schlagartig nach, als mein Vorrat aufgebraucht ist …

Pflicht: 2
Zwei weitere Termine im Umkreis bis zum frühen Mittag, anschließend Bankangelegenheiten
Kür:
Stippvisite auf dem Wochenmarkt mit seinen vielen Blumenständen und meinem langjährigen Baumschulgärtner.

Wandsbek Quarrée - Wochenmarkt mit Blumenhändlern - April 2012

Wandsbek Quarrée – Wochenmarkt

In einer Wohnstraße am Wochenmarkt sitzt auch sie: die Gitarrenspielerin

Gitarrenspielerin nahe Wochenmarkt Wandsbek Quarrée

Gitarrenspielerin …

Cappuccino im Eiscafé Giovanni L (EKZ Wandsbek Quarrée). Treffe dort unvermutet gute Bekannte mit ihrer Chihuahua-Mix Hündin. Hündin und ich sind dicke Freunde.

Meine Hundefreundin ...

Meine Hundefreundin …

Nächstes Ziel ist das Finanzamt. Auf sehr nettem (Um-)Weg erreicht. Vorher beim Schimmelmann-Mausoleum (hinter der Christus-Kirche) vorbeigeschaut. Dort befindet sich ebenfalls der historische Friedhof. Der Dichter Matthias Claudius sowie seine Frau haben hier ihren Platz, und es stehen sogar frische Blumen dort.

Schimmelmann-Mausoleum (Hamburg Wandsbek)

Das Schimmelmann-Mausoleum ist eine klassizistische Grabkapelle für Heinrich Carl Graf von Schimmelmann. Neben aller anderen Verdienste nicht ganz unumstritten der Mann, da er auch mit Sklavenhandel zu tun hatte.

Der historische Friedhof an der Christuskirche (Wandsbek-Markt) mit den Kreuzen von Matthias Claudius und seiner Frau

Historischer Friedhof an der Christuskirche. Frische Blumen für Matthias Claudius …

Danach plötzlich ein Privatkonzert!

Amsel gibt Privatkonzert an der Christuskirche Wandsbek

Privatkonzert von einer nur etwa 2m entfernt sitzenden Amsel …

Pflicht: 3
Finanzamt Wandsbek
Kür:
Nach dem Termin in unmittelbarer Nähe diesen kunstvoll gestalteten Verteilerkasten entdeckt. Ihn ziert das Wandsbeker Schloss, welches leider nicht mehr existiert (es wurde 1861 abgerissen). Ich habe dieses Foto bereits auf Facebook/Twitter gepostet, ergänze es dennoch hier für die zahlreichen Blogleser. Das Motiv wurde von 08SCHULZEDESIGN.de umgesetzt. Mir gefällt es, wenn das Aussehen von relativ unattraktiven Gegenständen so positiv verändert wird und zudem Bezug zur Umgebung hat.

Von 08SCHULZEDESIGN.de  gestalteter Verteilerkasten - Motiv: das frühere Wandsbeker Schloss (wurde bereits 1861 abgerissen)

Verteilerkasten mit Wandsbeker Schloss, links daneben auf dem kleinen Kasten noch eine ergänzende Karte. Gestaltung: 08SCHULZEDESIGN.de

Durch einen Teil des Wandsbeker Gehölzes nach Hause gewandert und dabei neugierig geschaut, was hier im Unterholz momentan blüht oder herumliegt.

Wandsbeker Gehölz im April

Wandsbeker Gehölz im April – es wird langsam aber sicher grün …

Gehölz Wandsbek - April - Scharbockskraut (Feigwurz Ranunculus ficaria)

Scharbockskraut (Feigwurz Ranunculus ficaria)

Gehölz Wandsbek - April - Buschwindröschen (Anemone nemorosa)

Buschwindröschen (Anemone nemorosa)

Wandsbeker Gehölz - grünliches Dreieck am Stamm  - Wanderweganzeige oder Fällurteil?

Grünliches Dreieck am Stamm – Wanderweganzeige oder Fällurteil?

Gehölz Wandsbek - April - Felsen ...?

Felsen?

Gehölz Wandsbek - April - kein Felsen, sondern die Restborke an einem gefällten Baum

Kein Felsen im Gehölz, sondern die Restborke an einem gefällten Baum

Pflicht: 4
(Hausarbeit, Schreibkram, Ablage erwähne ich nicht extra ;)
Auto wieder von der Werkstatt abholen (+ Einkäufe anschließend)
Kür:
Auch zum Abholen einen kleinen Umweg eingeplant, um wieder ein Stückchen entlang der Wandse zu gehen.

Wandselauf  (Hamburg-Wandsbek)

Wandselauf

Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und bestrahlt den Mühlenteich, der morgens noch schlummerte. Die Graugänse ziehen ihre Kreise, die Erpel sind verschwunden.

Mühlenteich Wandsbek: Am sonnigen Nachmittag gehört der Teich den Graugänsen ...

Mühlenteich Wandsbek: Am sonnigen Nachmittag gehört der Teich den Graugänsen …

Graugans am Mühlenteich

Graugans am Mühlenteich

Pflicht: 5
Der Garten ruft. Schreit!
Kür:
Beschlossen, an diesem Restnachmittag nur Kleinigkeiten im Garten zu richten. Trotzdem noch zwei Stunden zufrieden gewerkelt, Sonne genossen, und mehr erledigt als gedacht. Freue mich über meinen ständigen Gast – ein Rotkehlchen, das auf Armlänge entfernt vor mir auf dem Boden sitzt. Emily erzählt viel, ganz zart und nur halblaut. Sie lässt sich auch von meinen Kommentaren (Echt? – Nein!) nicht aus dem Konzept bringen. Entferne ich Laubreste oder alte Staudenteile, hüpft sie noch näher heran, um das frisch freigelegte Erdreich nach Nahrung abzusuchen.

War wieder dabei: Emily, mein zutrauliches Rotkehlchen mit dem Erzähldrang ...

War wieder dabei: Emily, mein zutrauliches Rotkehlchen mit dem Erzähldrang …

Die Sonne verschwindet und kündigt das Ende eines Erledigungstages an …

Für mich bleibt das überaus positive Gefühl, etwas geschafft zu haben, diverse Punkte einer Liste abhaken zu können. Dazu gesellt sich Wohlbehagen, welches durch Bewegung, Sonne, frische Luft, Natur in der Stadt und ihren Sinneschmaus ausgelöst wurde. Keinerlei Stressanzeichen, lediglich angenehm körperlich ermüdet.
Es fehlt hingegen definitiv das bedauernde Gefühl, den Tag weggeworfen oder verplempert zu haben.

Könnten Sie sich mit dieser Art von Erledigungsbewältigung anfreunden? ;)
Heute habe ich versucht, für Sie eine ähnliche Ausgewogenheit hier im Blog zu schaffen. Möglicherweise haben Sie ja Gefallen gefunden an der Mischung aus Artikel lesen und entspannt Fotos anschauen.
Ansonsten wünsche ich Ihnen, dass Sie für sich einen Ihnen genehmen Weg entdecken, notwendige, unliebsame, lästige, manchmal mühsame Tätigkeiten relativ stressfrei zu erledigen.

Denn nur diese sollten erledigt sein – nicht Sie!

©April 2012 by Michèle Legrand

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