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„Du, denk dran, Gertrud ist allein im Auto …“ und andere Lappalien

Michèle Legrand  @Wordpress.com

Wir sollten uns wieder einmal unterhalten. Einfach so.
Wer?
Wieso wer?   
Oh, Entschuldigung, wenn das nicht klar war.
Na, wir hier! Sie und ich!
Mit der Zeit sammeln sich doch immer kleine Dinge an, die geklärt werden sollten.
Wichtiges?  Was ist schon wichtig …
Wichtig ist subjektiv! Und letztendlich haben dadurch sogar Lappalien irgendwo ihre Berechtigung! Sonst gäbe es sie nicht. Was des einen Lappalie, ist des anderen Herzstillstand.
Eine Laufmasche zum Beispiel. Der Schweißfleck unterm Arm. Die geplatzte Bratwurst. Etwas Missverstandenes!
Lappalien sind in der Lage sich zu verändern. Sie können wachsen und schrumpfen. Nehmen an Bedeutung zu oder ab. Lappalien sind durchaus auch ätzend. Oder aber hochamüsant …

Es ist schon wieder mehr als eine Woche her, seit wir uns das letzte Mal gelesen haben. Die Ursache dafür war in nicht unerheblichem Maße das mittlerweile zur Riesenlappalie gewordene Wetter, über das zu schreiben ich partout keine Lust verspürte. Im Gegenteil, es legte mich zusätzlich langsam aber sicher lahm. Es fraß die für Blogposts reservierten Gehirnkapazitäten gnadenlos auf und beeinträchtigte die Kreativität erheblich.

Wassertropfen am Kletterrosentrieb

Wassertropfen am Kletterrosentrieb

Kennen Sie ihn auch?
Diesen Vorhang, der irgendwann schließlich auch in Ihnen zugezogen wird? Nicht mehr nur ein trostloser Dauergrauschleier draußen, sondern auch ein trübes, einschläferndes Grau drinnen?
Du hast den Farbfilm vergessen, mein Micha …
Vorbei. Am Mittwoch riss der Himmel endlich auf und nun geht es los!

Wolkenlos ...

Nach langen Wochen endlich einmal wieder wolkenlos …

Wir waren bei den Lappalien, und aus aktuellem Anlass picke ich mir heute – auch weil es sehr entspannend ist – eine weitere dieser relativ unwichtigen Angelegenheiten heraus.
Ich bin nämlich gerade wieder einmal, obwohl ich – rein theoretisch – vorgewarnt war, auf etwas hereingefallen und brauchte einen Moment, um die Situation richtig zu erfassen. Vielleicht sind Sie nicht so begriffsstutzig und schalten schneller.
Stellen Sie sich bitte vor, Sie befinden sich in einem der Geschäfte eines Einkaufzentrums, warten auf einen freien Verkäufer und das modische Pärchen in den Dreißigern vor Ihnen kommt nicht zu Pott.
Die Entscheidungsfindung ist das Problem. Er will was anderes als sie. Sie findet einen Haartrockner in der blauen Variante besser, er steht auf die schwarze Version. Im Gange ist eine etwas fruchtlose Diskussion.
Während ich versuche, geduldig zu bleiben und auf eine baldige Einigung hoffe, fällt folgender Satz aus seinem Mund:

„Du, denk dran, Gertrud ist allein im Auto, wir können hier jetzt nicht ewig …“

Ein Film spult ab. Das Einkaufszentrum. Sein Parkhaus. In diesem Fall eine Tiefgarage. Schwenk hinunter. Betonpfeiler, es ist kühl, dunkel, Benzingeruch dringt in die Nase, die Reste von Abgasen schwängern ebenfalls die Luft. Und dann links! Ein nicht mehr neuer dort abgestellter VW Passat mit einem aufrechten Schatten, der regungslos auf dem Beifahrersitz verharrt.
Gertrud!
Ich denke an eine ältere Dame, die man im Auto hat sitzen lassen. Der Einfachheit halber.
Komm, wir erledigen das schnell ohne Gertrud!
Ist nicht schön, ich weiß.
Vielleicht geht es schlecht mit dem Laufen. Möglicherweise kann sie die stickige Luft in den Geschäften nicht ab. Es kann auch sein, dass sie extrem anstrengend beim Shopping ist!
Drängelt vor. Droht mit dem Stock …
Man weiß es nicht.
Merkwürdig wäre es trotzdem.

Oder geht es um ein Kind?
Gertrud, wir wollen jetzt einkaufen. Steig aus!  – Nein, ich will nicht! – Komm jetzt! – Nein! (Gebrüll) –  So nicht, Fräulein, dann bleibst du halt hier!
Macht auch keiner. Das Kind im Auto deponieren.

Doch nicht etwa ein BABY?
Verwaist auf dem Rücksitz des Autos im Kindersitz angegurtet! Zurückgelassen, weil es gerade erst kurz vor dem Befahren der Tiefgarage eingeschlafen ist?
Lass Gertrud schlafen, wenn sie jetzt gleich wieder aufwacht, ist sie unausstehlich!
Nein, sehr unwahrscheinlich.
Und überhaupt! Gertrud!
Das klingt zu altmodisch für ein Baby. Andererseits … Namen wie Paul, Marie, Ferdinand, Pauline o. ä. würde auch niemand als modern bezeichnen und trotzdem sind sie en vogue und werden heutzutage gern an den Nachwuchs vergeben.

Die Angelegenheit klärt sich in diesem Moment.
„Ich hoffe, sie bellt nicht wieder die ganze Zeit“, stöhnt sie, einen der Haartrockner näher begutachtend. Sie stockt. „Oder beißt wie neulich ins Polster!“
Allein der bloße Gedanke daran, lässt die beiden zusammenzucken.
Ach, ein Hund!
Der Film reißt abrupt ab. Durchatmen. Die Aufregung war völlig überflüssig.
Menschenskind! Muss ein Hund unbedingt Gertrud heißen und einen völlig verwirren?

Sie merken, die heutige Lappalie und ihre Auswirkung ließe sich wie folgt zusammenfassen:
Wie Sie sehr schnell dumm dastehen, wenn Sie glauben, ein menschlicher Name gehöre zu einem menschlichen Wesen!
Oder Sie könnten mit etwas Wohlwollen auch noch etwas anderes darin sehen:
Wie Sie sich gelegentlich einfach über das Kuddelmuddel oder das Kopfkino amüsieren sollten, das entsteht, wenn Gegenstände  menschliche Namen tragen!
Als ich vorhin erwähnte, dass ich im Grunde vorgewarnt war, entsprach dies den Tatsachen. Erinnern Sie sich vielleicht noch an die Geschichte mit Herrn Piefke? Wenn Sie damals noch nicht dabei waren, schauen Sie doch einmal hier:
https://michelelegrand.wordpress.com/2011/07/26/heute-herrn-piefke-kennengelernt/

Mir passiert es von  Zeit zu Zeit, dass ich sehr erheitert reagiere, wenn menschliche (Vor-)namen nicht nur  im Zusammenhang mit Tieren, sondern auch mit Gebrauchsgegenständen, technischen Geräten, Möbeln oder sonstigen Artikeln meinen Weg kreuzen.Wie oft habe ich schon gegrinst, wenn ich im Baumarkt sah, dass Anke auf Dieter lag.
Fliesen, liebe Leser!
Anke ist kühl, aus Keramik. Dieter von der glatten Sorte. Gerne habe ich auch das Bild vor Augen, wenn es heißt, man könne Bert an die Wand tackern oder sich von Lilo Schatten spenden lassen (Sonnenschirm).
Es ist schön, wenn die Modellbezeichnungen nicht mehr wie früher nur aus Zahlen- und Buchstabenkombinationen bestehen. Das kann sich eh keiner merken! Wie praktisch, wenn Möbelserien  und -produkte beispielsweise von IKEA, dem Vorreiter der Branche, nette, für uns oft auch lustig klingende, skandinavische Bezeichnungen erhalten. Auf diese Art war ich nämlich in Benno verknallt und schleppte ihn eigenhändig auf mein Zimmer. Ich habe ihn immer noch. Ohne Billy. Und auf Marius habe ich schon gesessen.
Selbstverständlich ließe sich das auch unter Verwendung der Bezeichnung CD-Regal 17 und Hocker 5a erzählen. Macht aber entschieden weniger Spaß.

Ich habe eine Hose, die heißt wie ich. Dieses spezielle Modell. Das habe ich erst nach dem Kauf bemerkt. Ich betrachte Michèle jetzt manchmal kritisch und ziehe ihr die Beine lang.
Blumen habe ich schon in Doris gestellt und mir an Desirée die Hände abgetrocknet.
Mit Henning habe ich jemandem komplett den Kopf verdreht. Henning ist ein Schraubenzieher.

Manche Menschen behalten die offiziell vom Hersteller verwandten Namen auch später bei. Das ist bei mir nicht der Fall. Bei mir werden Sie sehr schnell wieder zu Tisch, Gurkenreibe, WC-Reiniger oder Smartphone. Ich bin in der Hinsicht ein Langweiler. Wenn ich von meinem Auto nicht als Auto spreche, dann ist das höchste der Gefühle, dass ich alternativ seine Marke nenne.
Andere besitzen einen Wagen, eine Waschmaschine oder ein Handy und fühlen sich sehr viel wohler, wenn sie diesen Teilen von sich aus einen menschlichen Namen spendieren.
Warum?
Ich vermute, dass besonders die Gegenstände davon betroffen sind, auf die wir besonders angewiesen sind, die uns dienen, an denen wir sehr hängen, die aber oft auch sehr störanfällig sind und uns durchaus gern im unpassendsten  Moment im Stich lassen. Wenn sie dies tun, glauben viele Zeitgenossen, dass eine vertrauensvolle, persönliche Beziehung sich positiv auswirkt und dass reden helfen würde.
Unser Zureden!
Ich befürchte, dabei erleichtern wir nur uns die Situation. Wir können (ab-)reagieren, es vermittelt uns den beruhigenden Eindruck, dass wir wenigstens etwas versucht hätten.
Wir flehen sie an, wir motzen, wir versuchen sachlich zu überzeugen – und manch einer glaubt felsenfest, diese weitere Personifizierung steigere die Wirkung.
Ach, Leo, nun lass mich nicht hängen … Spring endlich an!
Die Unterhaltung mit dem alten Ford Fiesta nach einer klirrenden Frostnacht.
Hilde, was ist denn? Mach nicht so komische Geräusche!
Sie hören förmlich den sorgenvollen Unterton bei diesem Gespräch mit der Waschmaschine.
Da kriegst du doch die Krätze! Paul, du Blödmann, warum löscht du jetzt den ganzen Text!
Der Wutanfall nach einem sehr eigenmächtigen Verhalten des Rechners.

Manch Hilfeschrei wurde tatsächlich schon erhört. Meiner Erfahrung nach aber unabhängig vom Namen, der gewählt wurde. Sie hätten auch den Ford Fiesta Hilde, die Waschmaschine Paul oder den Rechner Leo nennen können. Die hören doch nicht zu.
In Wirklichkeit war es das gnädige Schicksal, das noch keine größeren Schäden vorsah bzw. bei tatsächlichen Problemen schaffte das Laden der Autobatterie, das Entfernen des Geldstücks aus der Trommel und das Deaktivieren des Touchpads eher Abhilfe als ein gesäuseltes Helmut, gib doch jetzt nicht auf!

Oh …!
Einen Moment bitte!
Nein, das kann doch jetzt nicht schon wieder … Doch!

Es war nur ein kurzes Intermezzo. Wolken ziehen auf ...

Es war nur ein kurzes Intermezzo. Wolken ziehen auf …

 Ich sehe gerade, neue Wolken drängeln sich vor die Sonne. Tut mir leid, ich muss Schluss machen und vorher dringend noch einen Strahl erhaschen.
Susi ist sonst weg.

Bis zum nächsten Mal, und sehen Sie zu, dass Sie diese Lappalie von Freitag noch gut hinter sich lassen!

©Februar 2013 by Michèle Legrand

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Bring eine Keule mit! Und geh nicht wieder fremd …!

Ausgelöst hat folgenden Artikel ein kurzes Telefonat mit meiner Mutter gestern früh. Als es klingelte, nahm ich ab und ihre Stimme vermeldete:
„Ich bin’s. Kannst du eine Keule mitbringen?“
Was sie letztendlich wollte, war ein Hähnchenbein als Mittagessen.  (Sie ist im Moment nach einer Fuß-Operation ans Haus gefesselt)

Ich bin ein Mensch, der von der Sprachvielfalt und auch dem Wortreichtum unserer deutschen Sprache sehr angetan ist und gern möglichst viel davon verwendet, um genauer differenzieren zu können. Trotz dieser enormen Auswahl an zur Verfügung stehenden Worten, haben wir ebenfalls reichlich mehrdeutige Begriffe! Wenn ein solcher auftaucht, erscheinen vor meinem inneren Auge sofort die verschiedenen Varianten.
Ich sah mich während des Telefonats kurzzeitig im Höhlenmenschen-Look mit einer großen Keule bewaffnet bei meiner Mutter läuten. Bis mir einfiel, dass Höhlen damals wohl keine Klingel hatten! Letztendlich holte mich diese Feinheit wieder auf den Teppich zurück.
Wer mir auf Facebook folgt, hat gestern Abend bereits eine lebhafte Unterhaltung aufgrund des kurzen Keulen-Statements erlebt oder war selbst beteiligt.
Die Keule ist ein Teekesselchen. ‚Teekesselchen suchen‘ war – vielleicht ist es das heute immer noch – ein beliebtes Spiel in meiner Kindheit. Dabei geht es um das Finden und Erraten von Begriffen, die zwei oder noch mehr Bedeutungen haben.
Ganz nett. Im Krankenhaus sagte mal eine Krankenschwester zu einem beinamputierten Herren:
„Sie haben Anspruch auf den elektrischen Stuhl.“
Oh, diese Mehrfachbedeutungen …
Für mich  interessanter sind nur noch Redewendungen. Sie standen und stehen für die Beschreibung einer Situation, eines Empfindens, können Beurteilung oder Kommentar und noch vieles mehr sein. Gerade sie geben Anlass für Missverständnisse und können gelegentlich ziemlich in die Irre leiten. Einmal durch schlichte Missinterpretation, aber hauptsächlich passiert dies, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen und für sich alleine genannt werden! Wenn auf einmal nicht mehr klar ist, ob der wortwörtliche Inhalt gemeint ist oder der Sinn der Redewendung.
Der Mensch möchte im Grunde einen ganz einfachen Satz mitteilen, erwischt nur unbewusst eine Redewendung! Er äußert diesen Satz , allerdings empfängt sein Gesprächspartner ihn als  Redewendung und nimmt sie und den Inhalt erstaunt zur Kenntnis. Der eine (Absender) nichtsahnend, der andere (Empfänger) geplättet …

Soso, Teekesselchen und Redewendungen …
Zu abstrakt? Zu trocken?
Lieber ein Beispiel?
Situation: Ein Nachmittag an dem rege SMS geschickt oder Tweets gepostet werden
Zweck: Das harmlose Mitteilen von und Teilhaben lassen an Neuigkeiten. Ein netter, unbekümmerter Mann aus Hamburg, berichtet vom Besuch bei seiner neuen Freundin, und er meint genau das, was er schreibt:

SMS 1: Stehe unter Strom!
(Der junge Mann macht sich auf den Weg, durchquert den alten Elbtunnel)
SMS 2: Sie hat ziemlich nahe am Wasser gebaut …
(Er besucht die Villa seiner neuen Freundin direkt an der Elbe …)
SMS 3: Wir waren bei der Bank.
(Nix Individualkundencenter und Geld abheben, eher Herumlümmeln auf den edlen Holzlatten im Garten)
SMS 4: Ich stehe auf dem Schlauch
(Was liegt der auch in der Gegend herum)
SMS 5: Sie hat mir die kalte Schulter gezeigt.
(Es ist frisch geworden draußen im Spaghetti-Top)
SMS 6: Bleibe jetzt auf dem Teppich.
(Vom Garten nach drinnen gewechselt …)
SMS 7: Sie geht grad an die Decke.
(Freundin erklimmt in der Bibliothek die hohe Leiter, um einen antiken Band auf dem obersten Regal des Bücherbords zu holen)
SMS 8: Ihr Lack ist ab.
(Der von der Leiter selbstverständlich!)
SMS 9: Ich steig ihr aufs Dach.
(Bei dieser grandiosen Sonnenterrasse!)
SMS 10: Sie hat einen Vogel!
(Er hat auf der Terrasse die Voliere mit dem Papagei entdeckt)
SMS 11: Es hat gewaltig gefunkt!
(Beim Anzünden ihres Gasherdes …)
SMS 12: Habe gerade ein bisschen an der Brust geknabbert
(Es gab Wachteltäubchen zu seinen Ehren)
SMS 13: Habe ihre gerade reinen Wein eingeschenkt.
(Gute Qualität hat der Tropfen …)
SMS 14: Ließ mich von Sharon verführen
(Er bezieht sich lediglich auf die appetitliche Kaki-Frucht, die es zum Nachtisch gab)
SMS 15: Bin grad fremdgegangen.
(Er brauchte doch noch Geld für weitere Unternehmungen. Leider gab es keinen Bankautomaten der eigenen Bank in der Nähe …)
SMS 16: Morgen fahre ich mit ihr nach Russland.
(Ausflug in die Nähe von Eckernförde in Schleswig-Holstein)
SMS 17: Es ist aus, bin ihr an den Karren gefahren.
(Beule im Porsche sorgt für Beziehungsende)
SMS 18: Sie hat mir eben ihren letzten Willen mitgeteilt.
(Geh endlich!)

Etwas weniger abstrakt jetzt? ;)
Dann war es das für heute.
„Bin am Ende“
(der Seite)

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Der Lustmolch – Eine untypische Adventsgeschichte

Er beobachtete sie.
Sie saß vier Tische entfernt von ihm. Sie wirkte entspannt und löffelte hingebungsvoll den Milchschaum von ihrem Cappuccino. Sie schob in Zeitlupe den Löffel in ihren Mund, schloss verzückt die Augen und bevor sie ihn wieder hinauszog, drehte sie ihn offenbar um, um mit der Zunge jeglichen Rest aus dem Löffel herauszuschlecken. Die Zungenspitze kreiste am Ende, wenn der Löffel schon längst erneut auf dem Weg zum Nachschlag holen war, ganz kurz einmal über Ober- und Unterlippe …
Allein beim Zusehen passierten mit ihm wundersame Dinge. Er war neidisch auf ihren Cappuccino, er konnte nicht wegsehen, es machte ihn an, und er fragte sich wieso. So ganz neu war es für ihn nun auch nicht …
Er winkte dem Ober zu. Es war der Richtige.
„Einen Espresso, bitte.“
„Sehr gerne, der Herr.“
Oh, freundlich heute, und offenbar erinnerte er sich auch nicht an die Szene von vor einer Woche. Vielleicht musste er nachhelfen …
Er schaute wieder zu dem anderen Tisch hinüber. Die Frau hatte ungefähr sein Alter, und sie war sein Typ. Sie war ladylike und mädchenhaft in einem. Sie wirkte geheimnisvoll, doch zugleich auch unschuldig. Sie hatte einfach etwas, das ihn sehr anzog, magisch anzog.
Der Ober näherte sich mit seinem Getränk.
Richard verwickelte ihn in ein Gespräch. Eventuell erkannte dieser seine Stimme wieder.
„Könnte ich vielleicht noch extra Zucker bekommen? Ich mag es gern süß.“
Er hatte auch letztes Mal danach gefragt.
Der Kellner schaute ihm jetzt ins Gesicht. Richard meinte, ein Wiedererkennen zu beobachten.
„Natürlich, ich bringe Ihnen gleich noch eine weitere Portion.“
„Das ist sehr freundlich. Haben Sie nicht neulich auch an diesem Tisch hier bedient?“
„Sicher. Ach, jetzt erinnere ich mich. Sie waren ja hier in Begleitung …“
Der Groschen war gefallen, und Richard bemerkte den urplötzlich auftretenden Unwillen, das leicht Abschätzige im Blick des Gegenübers. Dieser verzog sich nun, um das Gewünschte zu besorgen.
Richard war immer noch sauer, und gleichzeitig musste er grinsen. Am vergangenen Sonntag hatte er hier mit Mara gesessen. Er hatte sie gerade vom Flughafen abgeholt und weil ihr Magen lautstark geknurrt hatte, hatten sie hier angehalten, um eine Kleinigkeit zu essen. Sie hatte sich unbändig gefreut, ihn nach einem halben Jahr Aufenthalt im Ausland wiederzusehen und hatte ihn immer wieder herzlich berührt. Seine Hand zu sich hinübergezogen, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, ihn angestrahlt.
Er war 45 und hatte es sehr genossen, von einer hübschen, jungen Frau so angehimmelt zu werden. Mara war inzwischen 19. Und seine Tochter. Sie unterhielten sich über eine Klingel, die Mara aus Montreal mitgebracht hatte, weil sie den Klingelton einfach liebte.
„Kannst du mir helfen, sie zu montieren? Ich komme mit den vielen Kabeln nicht zurecht, und mir fehlen auch noch Schrauben und Dübel.“
Der Ober war in dem Moment an den Tisch gekommen, als er ihr antwortete:
„Klar, Kleines, ich besorg es dir.“
Mara hatte ihm eine Kusshand zugeworfen.
Der Kellner musste es wohl irgendwie in den falschen Hals bekommen haben. Er schaute indigniert, sein Verhalten wurde kühl und kühler, passend zum Anstieg der offenbar mit ihm wild durchgehenden Fantasie. In seinem Kopf schienen sich Sätze zu formen wie:
Dass die alten Knacker immer mit den jüngsten Mädels herummachen müssen!
Er hatte auch Mara anschuldigend und leicht verächtlich angesehen.
Was willst du mit dem? Ausnehmen?
Als Richard und Mara bemerkt hatten, was falsch lief, hatte er gerade den Weg in die Küche angetreten, und es war  ihnen zu müßig, sich zu verteidigen und alles klarzustellen. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal geglaubt.
Als sie ihre Garderobe holten, schaute der Angestellte demonstrativ weg. Im Hinausgehen hörten sie seine Bemerkung zu einem Kollegen an der Bar.
„Der ist wohl im zweiten Frühling! Widerlich!“
Sie waren verärgert gewesen. Mara hatte draußen vor der Tür jedoch schon wieder gelacht, und als sie bemerkte, dass ihr Ober sie von drinnen durchs Fenster hindurch immer noch im Blick hatte, hatte sie ihn besonders eng an sich herangezogen und ihm ins Ohr geflüstert:
„Papa, du musst jetzt tierisch verliebt tun. Dann kriegt er drinnen einen Anfall.“

Er hätte es dabei bewenden lassen können, aber es hatte ihn gewurmt.
Was bildete der sich eigentlich ein? Sich als Moralapostel aufzuspielen!
Das war das eine. Das andere, weitaus Schwerwiegendere war, dass er IHM zugetraut hätte, es in seinem Alter mit einem Teenager zu treiben! Das schrie nach Revanche.
Seine Frau reagierte auf die Geschichte anfangs wie Mara. Sie lachte sich schlapp, bis sie merkte, dass diese Sache ihn getroffen hatte.
Es hatte ihn in seiner Ehre getroffen!

Nun saß er ein weiteres Mal hier. Schön, sein Kontrahent hatte ihn wiedererkannt.
Wo blieb denn jetzt der Zucker? Mit den voreiligen Schlüssen schien er schneller zu sein …
Sein Blick wanderte wieder hinüber zu der Frau. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte leicht und rührte dann wieder in ihrer Tasse. Sie setzte sich etwas schräger auf ihren Stuhl und schlug die Beine übereinander. Ihr Rock verrutschte.
Er schluckte. Das war ein … netter Anblick! Oh ja.
Der Ober kehrte zurück.
„Ihr Zucker.“
Das Wiedererkennen schien die Verwendung kürzerer Sätze in Gang gebracht zu haben.
Das kann ich auch, dachte Richard.
„Danke.“
Bevor der Kellner  jedoch verschwinden konnte, winkte er ihn näher zu sich heran und fragte sehr vertraulich:
„Kennen Sie die Dame dort drüben am Tisch?“
Sein Kopf nickte leicht in die richtige Richtung. Der Ober sah hinüber, antwortete jedoch nicht, sondern sah ihn nur fragend an.
Richard bemühte sich um einen jovialen Tonfall:
„Nun, unter uns Männern: ist schon ein Klasseweib, oder? Kennen Sie ihren Namen? Ich würde sie gern näher kennenlernen.“
Der andere schnappte nach Luft.
Reicht dir deine junge Gespielin vom letzten Mal nicht mehr, du Lustmolch?
Richard meinte, diese Worte auf seiner Stirn geschrieben zu sehen. Er wartete auf eine Antwort, die nun auch mit zitronensaurer Miene und leicht zusammengebissenen Zähnen kam:
„Ich kann Ihnen keinen Namen nennen, und es tut mir leid, ich glaube nicht, dass die DAME Interesse an Ihnen hat!“
Bingo! Richard hatte es vorausgesehen.
„Wetten doch?“
Er grinste sein schmierigstes Lächeln.
Der Ober starrte ihn an.
„Warten Sie  einen Moment“, instruierte er den Mann, kritzelte ein paar Worte auf einen kleinen Zettel, faltete ihn zusammen und reichte ihn hinüber. „Geben Sie ihn bitte der Dame! Wären Sie so nett?“
Sein Gegenüber war hin- und hergerissen. Schließlich nahm er, innerlich wutschnaubend, die Notiz und stampfte Richtung Richards Herzkasper verursachender Lady.
„Das soll ich Ihnen von dem Herrn dort drüben geben …“, kam es gepresst.
Richard beobachte die Szene.
Die Dame schaute anfangs überrascht, zögerte leicht, entfaltete dann den Zettel, las und lächelte schließlich. Sie entnahm ihrer Handtasche einen Stift und schrieb eine Antwort. Dann faltete sie das Blatt sorgsam wieder zusammen und wandte sich dem noch neben ihr stehenden Kellner zu. Sie reichte es ihm sehr charmant und fragte überaus gewinnend:
„Wären Sie so nett …?“
Dabei zeigte hinüber zu Richard. Der Ober bekam eine ungesunde Gesichtsfarbe, doch tat er, wie sie ihm geheißen. An dessen Platz angekommen, drosch er die Nachricht auf die Tischplatte.
Richard strich den Zettel glatt und legte ihn so vor sich, dass der Kellner ihre Antwort mitlesen konnte, mitlesen musste!
Ich finde sie auch enorm sexy! Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Ihnen gehen? Ich bin verheiratet.
Richard unterdrückte ein Grinsen.
Der Kellner konnte es nicht fassen!
Sie war inzwischen aufgestanden, kam leicht wiegenden Schrittes herüber, beugte sich am Tisch zu ihm herab und hauchte:
„Wollen wir …?“
Richard griff nach ihren Fingern, schaute ihr tief in die Augen und deutete einen Handkuss an.
„Gerne“, erwiderte er mit sonorer Stimme.
Er stand auf, holte seine Jacke, half ihr in ihren Mantel. Er liebte ihr Parfum und sog tief die zarte Duftwolke ein, die sie umgab.
Währenddessen kam der Ober zur Besinnung.
„Sie haben noch nicht bezahlt!“ Das galt für beide.
„Ich zahle“, entschied Richard.
„Zusammen?“, vergewisserte sich der Kellner.
„Ja“, bestätigte Richard und die Dame honorierte es mit einem: „Oh, ein Gentleman!“
Richard hatte das Gefühl, der Angestellte konnte gerade noch ein angewidertes Gentleman? Der? unterdrücken.
Richard und seine Eroberung wendeten sich der Tür zu. Der Kellner begleitete sie ein Stück, machte aber keine Anstalten, sie ihnen zu öffnen. Die Dame drehte sich leicht zu Richard und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Lange. Dann sagte sie:
„Schatz, sag es ihm! Tu es – bitte!“

Richard seufzte. Natürlich musste wieder einer weich werden!
Er wandte sich um und murmelte etwas missmutig:
„Ich soll Sie von meiner Tochter grüßen. Das ist die junge Dame, die vor einer Woche mit mir hier gegessen hat. Ach ja, und meine Frau und ich“, Richard wies auf seine Begleitung, „wir wünschen Ihnen natürlich noch einen schönen 1. Advent!“
Das Auf Wiedersehen ließ er weg …

Vor der Tür hakte sich Helen bei ihm ein. Sie strich die Falten auf seiner Stirn glatt.
„Richard, schau mich an! Hör auf zu grummeln!  Das war kein Spiel verderben! Du wolltest ihm eine Lehre erteilen. Es wird ihm so viel mehr zu denken geben, glaub mir, mein Schatz! Außerdem ist jetzt dein guter Ruf wiederhergestellt.“
Sie knabberte sanft an seinem Ohrläppchen. Er stöhnte, zog sie dann allerdings forsch mit sich.
„Was …?“, fragte Helen irritiert.
„Ich habe gerade festgestellt, dass mein Ruf akut wieder in Gefahr ist, wenn wir nicht sofort nach Hause fahren …“

Ende

(NEU: Auch als Podcast! )
Den  Lustmolch gibt es jetzt auch in der Audioversion. Technisch bedingt besteht dieser Hörbeitrag  aus drei Teilen.
Sie werden auf die Seite von Audioboo geleitet. Es ist kein Download erforderlich, es verursacht Ihnen keinerlei Kosten!
Sie brauchen lediglich den Pfeil anzuklicken.
Viel Vergnügen!

http://audioboo.fm/boos/1114945-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-1
http://audioboo.fm/boos/1114947-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-2
http://audioboo.fm/boos/1114951-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-3

Michèle Legrand - Kurzgeschichte im Blog - Der Lustmolch - eine etwas andere Adventsgeschichte©November 2011 (Podcast 2012)  by Michèle Legrand

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2 Kommentare

Neujahrsputz? Der Eindruck kann manchmal auch täuschen …

Ein Spaziergang am Neujahrsmorgen.
Waren Sie auch schon einmal besser, als Sie dachten?
Haben Sie – selbstverständlich völlig ahnungslos – der Menschheit angeblich Gutes getan?
Was man eigentlich (nur) beabsichtigt und was der andere unter Umständen daraus macht, das beschreibt meine neue, kleine Geschichte, die Sie seit heute bei www.goodsnewstoday.de lesen können.

„Wie nett, dass Sie aufräumen …!“ – „???“
http://goodnewstoday.de/?p=1202
Viel Spaß dabei!
Den dazugehörigen Podcast finden Sie ebenfalls dort.

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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