Beiträge getaggt mit Menschen

Pferdestory ohne Pferd …

Gaulloses Wiehern und huffreies Galoppieren. Gibt es tatsächlich! Beweise habe ich mittlerweile.
So kommt es heute zur Pferdestory ohne Pferd.
Sie werden stattdessen Ersatzhengst und Stutendouble kennenlernen.

Wissen Sie, was ich unpraktisch finde?
Dass der Mensch manchmal zu perplex ist, um schlagfertig zu reagieren. Allerdings – vielleicht ist man auch nur zu abgeklärt, zu vorsichtig, ein Schisser … was auch immer, um sich auf einen (sinnlosen) verbalen Schlagabtausch einzulassen. Einen, der dann womöglich nicht einmal verbal bleibt sondern ausartet und womöglich handgreiflich wird!

Pferdestory ohne Pferd ... Ausspanntee!Ich setzte mich vorgestern unterwegs an einen Tisch, um meinen Ausspanntee (im Sinne von „Getränk um sich zu erholen“, kein sonderbarer Wundertrank um „jemandem jemanden auszuspannen“) zu genießen und bemerkte leider zu spät, dass zwei Tische weiter ein lautes, anstrengendes Frauentrio hockte. Ich sage Frauen, weil der Begriff Damen irreführend wäre.
Als ich eintraf, waren alle mit dem Handy beschäftigt und zufällig leise, doch kaum hatte ich bestellt, ging ein wahnsinniges Palaver los. Mein Rasenmäher ist leiser. Und klingt zudem intelligenter.
Ein Wesen hatte ein besonders durchdringendes, dominantes Organ, dabei gleichzeitig eine dermaßen nöhlige, unzufriedene Stimme, dass es einer Vergewaltigung der Ohren gleichkam und sich meine Nackenhaare unverzüglich aufrichteten.
Die Bestellung konnte ich nicht mehr rückgängig machen, doch ein Blick Richtung besagtem Tisch und das Entdecken fast leerer Tassen und Gläser, ließ mich hoffen, dass der Lärmtrupp bald – und zwar vor mir! – ging.
Mein stiller Wunsch erfüllte sich; einige Minuten darauf rüstete man sich zum Aufbruch. Beim Aufstehen wurde erneut das Handy gezuckt. Ein Smartphone hat für viele Erwachsene häufig eine ganz ähnliche Wirkung wie die Gabe eines Schnullers bei manchem Baby. Es kehrte himmlische Ruhe ein.
Machen Sie dann nicht den Fehler, den ich gemacht habe!
Ich habe definitiv zu früh entspannt, innerlich abgeschaltet, geträumt.
Sie mussten an meinem Tisch vorbei, um zum Ausgang zu gelangen. Irgendetwas auf dem Display der Dezibel liebenden großen Brünetten muss der Auslöser für einen – wie ich vermute – Heiterkeitsanfall gewesen sein. Oder für Entrüstung. Es war nicht eindeutig zu identifizieren.  Als sie an mir vorbeikam, explodierte sie.
Es ruderten ihre Gliedmaßen. Ihre Hand erschien plötzlich neben meinem Gesicht. Ihr Knie rumste an die Tischkante.
Aber vor allem war da der Lärm!
Ein Krach sondergleichen! Der Lautstärkeregler stand bis zum Anschlag! Ich spreche von ihrem, nicht von dem des Handys.
Kennen Sie diese Filme, in denen nächtens irgendwo auf einer Ranch ein böser, rachsüchtiger Pyromane Feuer im Stall legt und die Pferde unruhig werden? Wenn sie scharren, sich gegen die Wände ihrer Boxen schmeißen, sich aufbäumen und laut und schrill „Geräusche“ von sich geben?
Vielleicht hatte sie auf ihrem Handy Feueralarm vorgefunden. Ich hatte jedenfalls aus heiterem Himmel ein wildes, unkontrolliert wieherndes und schnaubendes Pferd am Tisch und mich darüber dermaßen erschrocken, dass mir der Teelöffel aus der Hand fiel.
Das eben noch wiehernde Wesen stutzte kurz, schaute mich leicht genervt an und äußerte sich folgendermaßen:
„Mein Gott, nun seien Sie doch nicht so schreckhaft!“
Ja, gell? Sie sind auch geringfügig überrascht? Hatten Sie angenommen, es wäre ihr vielleicht unangenehm?
Nicht doch! Die Umwelt ist das Weichei!
Ja, ich war perplex. Und nein, ich würde auch jetzt noch nichts erwidern. Es ist mir einfach zu blöd. Doch echte Pferde sind mir schon wesentlich lieber als dieses Stutendouble.

Das zweite Erlebnis hatte ich heute am Morgen, als ich mich im oberen Stockwerk im Bad vor dem Spiegel zurechtmachte, das Fenster eingeklappt hatte und sich mit einem Mal schnelle Schritte und schweres Prusten näherten.
Hier ist eine Sackgasse mit Wendeplatz. Die Sackgasse ist wirklich eine! Nicht nur für Autos. Auch Radfahrer und Fußgänger kommen nicht weiter. Am Ende des Wendeplatzes ist Schluss. Außerdem befindet sich in direkter Nähe ein Bahnübergang, dessen Schranken gern und lange geschlossen sind. Ist dies der Fall, schneien viele der nicht ortskundigen Wartenden hier trotz des Sackgassenschilds herein. In der Hoffnung, einen Alternativweg gefunden zu haben, der irgendwann auf eine der Parallelstraßen führt.
Eine vergebliche Hoffnung.
Das morgendliche Schnauben produzierten zwei Jogger. Die Schritte, die ich anfangs etwas entfernter gehört hatte, erklangen mittlerweile direkt unterhalb des Fensters. Füße traten auf der Stelle … Sie suchten vermutlich mit ihren Blicken den nicht vorhandenen zweiten Ausweg. Einer der beiden Läufer stellte ernüchtert fest:
„Du, isch gloob, wir beede ham uns hier rischdisch fergalobbierd.“
Voilà, der Ersatzhengst, das Fastpferd Nummer zwei!
Ein Jogger sächsischen Ursprungs, dem klar wurde, dass die Rennstrecke hier leider nicht fortführt.
„Komm, loofn könn’n wir ooch hier uffm Platz!“
Galopprennbahnen führen schließlich auch immer nur im Kreis bzw. Oval.
„Ja, nicht stoppen“, meinte sein Trainingspartner.
„Nu, mein Gudster, sisch imma beweschn is wirglisch am wischdigsdn!“, bekräftigte die erste Stimme.
Und während ich mich weiter zurechtmachte, drehten die beiden unermüdlich eine Runde nach der anderen. Zwischendurch kam ein Zug … und dann noch einer … und ein weiterer. Und wenn sie nicht gestorben sind …
Hoppala! Bewegung an der Schranke!
Man konnte den Galopp doch noch vor dem Abendmahl fortsetzen.

Wir fassen zusammen:

Läuft ein Hengst die falsche Route,
bewegt sich wie im Hamsterrad,
ist dem Gaul nicht wohl zumute,
doch bessres hat er nicht parat.

Hat eine Stute Geltungsdrang
und nervt durch Lärm erheblich
dann tut sie es wie unter Zwang,
was sagen ist vergeblich.

Und letztendlich:

Dreht eine Story sich ums Pferd
nur wird’s dir vorenthalten,
so hat Ersatz auch seinen Wert
drum lass doch Milde walten.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

, , , , , , , , , , ,

13 Kommentare

„Willi wird’s überleben …“

„Du fährst doch auch mit ins Altmühltal, Liesel?“ Die kleine, weißhaarige Dame, die diese Frage stellte, hatte soeben mit einer Freundin das Café betreten. Beide schälten sich aus ihren Jacken.
„Ist das warm hier!“ stöhnte Edith. Sie nestelte am Halstuch. Der dekorative, kunstvoll geknüpfte Knoten war widerspenstig und ließ sich nicht gleich öffnen. Ihre Bewegungen wurden zunehmend hektisch.
Liesel hatte damit keine Probleme. Sie war ohne separaten Halswindschutz, und ihr dunkler Filzhut mit Bernsteinbrosche blieb selbstverständlich dort, wo er hingehörte: auf ihrem Kopf!
Es gibt eine Generation von Damen, die hat das so gelernt. Hat es förmlich eingebläut bekommen! Sie würde sich eher den Finger abhacken, als den Hut abzunehmen. Weder draußen noch im Lokal. Tut man einfach nicht. Der Hut bleibt auf dem Haupt bis zur Heimkehr. Basta!
Edith hatte inzwischen den Knoten überlistet, bekam nun sichtlich besser Luft. Kaum hatten beide Platz genommen, näherte sich auch schon der Kellner ihrem Tisch. Das Gespräch über eine eventuelle Mitfahrt ins Altmühltal musste noch einen kleinen Moment warten.

„Haben Sie schon gewählt? Was darf ich Ihnen denn bringen?“
„Wir hätten gern Kaffee“, antwortet Liesel.
„Café Crema oder Latte Macchiato, Cappuccino …?“
„Nee, nee, normalen Kaffee! Nichts mit diesem Schaum. Richtigen Kaffee! BOHNENKAFFEE, junger Mann! Den haben Sie doch, oder?“
„Selbstverständlich! Zweimal Kaffee … Sehr gern. Große oder kleine Tassen?“
„Gibt es auch Kännchen?“, hakt Edith nach.
„Leider nicht.“ Der Angestellte zieht bedauernd die Schultern hoch.
Kännchen sind am aussterben. So wie die Generation Dame-mit-Hut-plus-Bohnenkaffee-pur selten geworden ist. Heute sind besondere Kaffeekreationen angesagt, gern mit Schaum, wenn es mehr sein soll notfalls in XL-Tassen oder -Gläsern serviert. Ohne Hut getrunken.
Der junge Mann vom Service entfernt sich, die Unterhaltung wendet sich erneut dem Thema Reise zu.

„Ich glaube, ich kann da leider nicht mit“, seufzt Liesel. „Ich habe gerade wieder eine hohe Rechnung bekommen, da ist wohl erst einmal keine Fahrt drin.“
„Ach, nein, sag nicht so etwas!“ Edith reagiert enttäuscht. „Was ist es denn? Strom, Heizung? Musst du nachzahlen?“
„Nein, die Rechnung vom Friedhof ist da. Willis Grabpflege.“
„Wie viel ist es denn?“, möchte Edith wissen.
„Die wollen jedes Jahr 350 €! Dabei tun sie gar nicht viel!“ Liesel klingt leicht verbittert. „Wenn ich nicht hingehen und kontrollieren würde, würden die wohl auch das Vereinbarte nicht immer erledigen. Ich habe sie bereits einmal erwischt.“
„Und warum machst du es nicht lieber selbst?“, fragt Edith.
„Ich schaffe es nicht mehr, alles selbst heranzuschleppen und auf den Knien herumzurutschen! Aber es wurmt mich, wie wenig und was gemacht wird. Weißt du, auf dem Grab sind Bodendecker, und lediglich in der Mitte vor dem Stein ist ein kleines Stück freigelassen für andere Sachen, Blühendes. Momentan pflanzen die dort im Frühjahr einmal fünf Stiefmütterchen, im Sommer fünf Eisbegonien und im Winter decken sie ein bisschen Tanne drauf. Dafür 350 €! Unkraut wächst trotzdem, das mache ich zwischendurch weg. Und gießen tu ich auch! Da kommt selbst bei Dauerhitze kein Mensch!“
„Und wegen der Rechnung kannst du jetzt nicht mit ins Altmühltal? Geht es wirklich nicht? Kommst du denn im nächsten Sommer mit nach Büsum?“ Edith lässt nicht locker.
„Du, so weit im Voraus plane ich nicht mehr. Wer weiß, ob ich dann noch lebe! Die Veranstalter wollen ja sofort bei der Buchung eine Anzahlung! Die zahlt doch keiner zurück, falls … In meinem Alter schaue ich höchstens noch drei Monate voraus.“
„Liesel!“
„Doch, Edith!“ Liesel sieht das ganz nüchtern und hat sich angewöhnt, pragmatisch zu handeln.
„Nun, wenn du nur noch so kurzfristige Sachen planst, musst du jetzt aber doch im Oktober mit ins Altmühltal kommen!“ Edith zwinkert verschworen.
„Kommt eigentlich Marianne auch mit?“ Die zu Überzeugende ist am schwanken und sucht weitere Entscheidungshilfen.
„Nur wenn es dort Diät gibt. Marianne darf ja nicht alles essen.“
„Und was ist mit Gerd?“
„Gerd will nur, wenn die Krögers nicht mitbekommen. Die findet er fürchterlich.“ Edith ist über alles bestens informiert. „Jetzt müssen wir irgendwie die Krögers vom Buchen abbringen …“

Inzwischen ist der Kaffee eingetroffen und für gut befunden worden.

„Liesel, kündige das mit der Grabpflege. Das ist es doch nicht wert! Wie oft gehst du auf den Friedhof?“
„Wie oft? Wieso? Einmal die Woche etwa …“
„Dann lass das mit der Bepflanzung in der Mitte, steck da eine dieser grünen Vasen hin. Bring jede Woche eine einzelne frische Blume oder einen Zweig mit. Dann blüht immer etwas. Notfalls setzt du zwei weitere Bodendecker in die Lücke, wenn dir noch zu viel Erde rausschaut. Die kann ich dir hinbringen und einpflanzen. Tanne brauchst du im Winter nicht unbedingt. Danach macht das Grab kaum Arbeit, und du hast jedes Jahr eine hohe Rechnung weniger.“
Liesel denkt über diese Alternative nach.
„Und du meinst nicht, dass Willi … dass er das komisch fände?“
„Ach, komm, der wird’s überleben!“, kontert Edith.
Liesel reagiert mit leichter Verzögerung. Sie stutzt plötzlich und ruft mehr gespielt als tatsächlich empört:
„Du bist unmöglich!“
„Wieso das denn?“, fragt Edith verdutzt. Sie ist sich ihres Schnitzers überhaupt nicht bewusst.
„Na, hör mal! Willi wird’s überleben! Wird etwas schwierig …!“
Edith errötet. Erleichtert registriert sie, dass die Freundin es nicht wirklich übelgenommen hat, im Gegenteil, der kleine Fauxpas hebt die Stimmung gewaltig. Liesel fällt prompt ein weiteres wichtiges Argument dafür ein, den Grabpflegeservice fortan nicht mehr zu nutzen:
„Du, Edith, wusstest du, dass Willi Eisbegonien immer gehasst hat …?“
Die Freundin lacht laut los und verkündet kurz entschlossen:
„Du kommst mit in den Urlaub! Kündige den Kram – und wenn du grad im Moment etwas Geld brauchst, um mitfahren zu können, dann leihe ich dir einen Teil. Nur komm mit!“

Freundinnen. Schön, dass sie sich haben …
Ein Gespräch, dass inhaltlich (vielleicht nicht immer wortwörtlich) so am vergangenen Sonnabend stattfand. Ich schrieb es auf, weil es einerseits nicht einer gewissen Komik entbehrt und andererseits etwas offenbart, was in unseren Tagen häufig geworden ist: Die traurige Tatsache, wie wenig oft einem Menschen im Alter bleibt. Finanziell gesehen. Den Frauen ganz besonders. Und wenn die Knappheit der Mittel schließlich verhindert, dass soziale Kontakte aufrecht erhalten werden können und an gemeinsamen Unternehmungen teilgenommen werden kann (nichts Luxuriöses, nicht Häufiges, manchmal nur der Kaffee auswärts oder die Kosten für den Busfahrschein), ist das sogar mehr als traurig.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

, , , , , , , , , , ,

14 Kommentare

Kurze Betrachtung: Der Norden hat sich angesteckt …

Erwischt. Er hat sich tatsächlich angesteckt!
Vor Jahren bereits wurde der Norden von hartnäckigen Valentinstagsbazillen attackiert. Hanseaten und sonstige Nordlichter, ansonsten eher auf der Hut und resistent wirkend, verspürten nach Infizierung mit einem Mal einen unbezwingbaren Kaufdrang. Häufig lechzten die Befallenen im Februar nach überaus kitschigen Gegenständen,  solchen, die sie den Rest des Jahres nicht eines Blickes würdigen würden.
Mit einigem zeitlichen Abstand folgte der Überfall der Halloweenbazillen samt Gruselschminkzwang. Bei leichtem Verlauf fiel dieser gemäßigt aus, steigerte sich mit zunehmender Schwere der Infektion jedoch hin zu blutrünstigem Enthusiasmus und wahrer Euphorie bei der Erstellung von täuschend echten Narben und Wunden.
Ganz zum Schluss strecken uns nun ganz offensichtlich auch noch diese Erreger nieder: die Oktoberfestbazillen. Im ernsten Stadium dieser Krankheit kommt es unweigerlich zum Auftreten des DirndlLederhosentragzwangs.

Es ist zwei, drei Jahre her, als ich hier im Blog ein wenig über das nordisch aufbereitete Oktoberfest in meinem Stadtteil schrieb. Eine blau-weiße Kopie des Bayernoriginals. Kopie en miniature. Die Wandsbeker Wiesn hat man sie getauft. Die Veranstaltung hat sich erfolgreich etabliert, findet seither alljährlich statt. Ab 19. September 2014 sind die Pforten respektive der Zelteingang wieder geöffnet. Wir haben noch gut drei Wochen Zeit bis dahin.

Oktoberfestexport in den Norden. Klappt so etwas, oder ist es von vornherein zum Scheitern verurteilt?
In den Anfängen, der experimentellen Versuchsphase, ließ sich ein Norddeutscher zwar dort sehen, tauchte jedoch mehr aus Versehen oder spontan aufgrund von Durst auf. Oder er wurde abgeschleppt! Mit Freunden gemeinsam war das lustig. Er fand allmählich Gefallen an der Sache, doch nichts, aber auch gar nichts, hätte ihn dazu bewegen können, sich sozusagen zum Affen zu machen und seine Kleidung zu ändern. Sie dem Bayerischen anzupassen! Kurze Lederhosen, Hosenträger, Strickkniestrümpfe mit Herzchen …
Niemals!
Die Damen zeigten sich geringfügig williger und offener, was eher daran liegen mag, das anlassbezogenes Ankleiden ein femininer Grundwesenszug zu sein scheint. Jedenfalls sind neue Kleidungsstücke und ein typveränderndes Styling nie wirklich unwillkommen.
Zurück zu den Herren. Irgendwann entdeckte ein Häuflein wiederkehrender Gäste – vermutlich eine Mischung aus Zugereisten und einigen Individuen des Schlags Hamburger, der etwas extrovertierter, mutiger, modeaffiner und verrückter ist als der Rest – dass man mit einem passenden Wiesn-Outfit à la Bavaria einerseits wunderbar auffällt und Eindruck macht – aber offenkundig auch mehr Spaß hat.

Anfangs wurden sie natürlich bestaunt, diese Exoten. Der Umschwung im Denken der restlichen Besucher vollzog sich jedoch verblüffend schnell. Lichtzeitschnell! Plötzlich war es in, regelrecht ein Muss, stilecht gekleidet zu erscheinen! Mit einem Male werden nun die beguckt, die immer noch wie üblich erscheinen.
Schau nur, im Alltagslook! Wie langweilig!
Und die Reaktion der Langweiler?
„Mensch, du, ich brauche dringend was zum Anziehen!“
„Wo willst du denn hin? Oper?“
„Nein, Oktoberfest!“
Zack! Wieder welche infiziert!
Man kann sich heute immer noch in Zivilkleidung und unvorbereitet hinsichtlich des Aussehens dazwischenmischen, doch wer sich nicht nur tagsüber und spontan auf ein Bier dort trifft, sondern abends (womöglich als Teil einer  Gruppe),  der macht daraus ein stilechtes Event.

Den Handel hat es irgendwie verblüfft. Er blieb in den ersten Jahren zurückhaltend. Selbst 2012 versuchten nur vereinzelt Läden – meist unmittelbar vor dem Fassanstich – auf diesen Zug namens „Oktoberfest“ aufzuspringen. Etwas passender Schmuck (Brezn-Motiv) bei Bijou Brigitte, ein wenig Trachtenlook bei C&A. Ein Friseur, der Flechtfrisuren anpries … Karstadt warf sich auf das kulinarische Programm mit Weißwürsten, Löwensenf, Brezeln und Bier.
Und im Jahre 2014? Wochen bevor es richtig losgeht?
Der Handel ist heute gewappnet, die großen Ketten reagieren. Plakate, Auslagen, Ankündigungen. Die Botschaft lautet:
Pass auf, das Oktoberfest naht! Vergiss das nicht wieder! Du willst doch nicht als einziger blöd dastehen. So unvorbereitet. Ignorant, langweilig … Hast du dich schon darum gekümmert, hm?
Alles so ein bisschen wie damals in der Lenor-Werbung diese Stimme von hinten. Das schlechte Gewissen. Und – wie praktisch – danach kommen die rettenden Angebote. Dekorationsartikel, Rezepte, Schmuck, Bekleidung, Essen, Bettwäsche, Tischtücher, Servietten, Stimmungsmusik. Alles oktoberfestorientiert und –tauglich.
Tchibo offeriert zünftige Lederhosen und Karohemden für den feierwilligen Herrn, ein charmantesTrachtenkleid für die oktoberfestfreudige Dame. Alles gut sichtbar in der Ladenmitte ausgestellt.
Die Modekette S. Oliver, die sonst sorgsam alles vermeidet, was sie trutschig und bieder wirken lassen könnte, verkauft ebenfalls zwei verschiedene Dirndl-Modelle! Sie hängen auf dem Ständer gleich neben den (korrekt) löcherigen Jeans. In weiteren Bekleidungsgeschäften dieser Art wird man ebenso fündig. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass ein Imagewandel stattfand.
Nicht bei den Geschäften!
Dort wird verkauft, wofür Kaufaussichten bestehen. Dort wird aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus viel eher die bereits existierende Nachfrage befriedigt (oft mit Verspätung), als dass ein Angebot auf Verdacht produziert wird, welches im Endeffekt Verlust einfährt, weil sich kein Aas dafür interessiert.
Nein, der Imagewandel betrifft das Oktoberfest selbst. Seine nordischen Besucher sehen es nach der leicht misstrauisch beäugten Eingewöhnungsphase (und auch anfänglicher Ablehnung) heute aus anderer Sicht.
Mittlerweile kleidet man sich nicht nur aus reinem Pflichtgefühl heraus anders, dem Feiergrund angemessen, sondern Besucher sehen im Oktoberfest mittlerweile ein „cooles“ Event, einen angesagten Treffpunkt, für den bzw. das es hipp und unerlässlich ist, möglichst stilecht im Trachtenlook zu erscheinen und vielleicht auch noch ein paar Brocken im bayerischen Dialekt von sich geben zu können.
Um Spaß zu haben, um anzugeben, um dem Ganzen noch mehr (vermeintliche) Authentizität zu verleihen, um ganz einzutauchen.
Je echter, je schöner. Je trächtiger, je genüssiger. (Wehe, Sie schlagen das jetzt im Duden nach!)

So ändern sich Einstellungen. Nur weil Bazillen zuschlagen. Alles hartnäckige, erfolgreiche Erreger, gegen die unser Immunsystem offenbar machtlos ist.
Es gibt für Norddeutsche nur einen Bazillus, der es bisher nicht geschafft hat, sich durchzusetzen. Er nennt sich Karnevalsbazillus und versucht sich mittlerweile als Trittbrettfahrer, der aufgrund ähnlicher Symptome trickreich eine Kooperation mit dem Halloweenerreger eingeht und so die notwendige Gehirnwäsche in die Wege leiten möchte. Verkleiden und Schminken heißt der gemeinsame Nenner, Zeitpunkt und Anlass variieren ein wenig.

Irgendwann erwischt er uns schließlich auch hier im Norden: dieser Helauzwang – oder Alaafdrang.
Wie heißt es so schön? Steter Tropfen …

©August 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

, , , , , , , , , , ,

19 Kommentare

Als Viktor Ostern schwarz sah …

„Ja, ja, du auch. Tschüs, mien Jung.“
Viktor steckte das mobile Telefonteil zurück in die Ladestation, seufzte und rieb sein heiß gewordenes Ohr. Bleibst du jetzt wohl still, du! Er starrte sein Telefon finster an. Langsam, aber sicher, ging es ihm doch etwas auf die Nerven. Weniger das Telefon selbst, als vielmehr sein hartnäckiger Neffe …

Wieder einmal – nun bereits das dritte Mal in zwei Tagen – hatte Henning bei ihm angerufen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Der Neffe hatte es natürlich unauffällig versucht, ihn jedes Mal zunächst über eine halbe Stunde im munteren Plauderton mit diversen Belanglosigkeiten berieselt. Er hatte förmlich gespürt, wie der Junge krampfhaft nach unverfänglichem Gesprächsstoff gesucht hatte. Erst als ihm die Erzählideen ausgegangen waren – was wenig verwunderlich war angesichts der Häufigkeit seiner Anrufe und der wenigen Ereignisse, die dazwischen neu hatten passieren können -, hatte er sich zögerlich verabschiedet. Nur im letzten Satz hatte es das Bürschchen dann doch nicht lassen können, erneut nachzufragen, ob bei seinem Onkel Viktor auch alles in Ordnung sei.
„Geht’s dir gut soweit?“
Der Knabe war wirklich herzensgut, doch sorgte er sich immer viel zu sehr um seinen alten Onkel. Alt mochte sein Neffe gar nicht hören. Früher hätte er Henning zugestimmt, dass 62 Jahre meilenweit entfernt von alt waren. Doch früher war auch alles anders gewesen. Da war leben noch erleben und weniger überleben gewesen. Er atmete tief durch.
Nein, nur weil er kürzlich diesen kleinen Durchhänger gehabt hatte, musste der Jung jetzt nicht ständig um ihn herumglucken. Mensch, Henning!
Es ging ihm doch schon wieder wesentlich besser! Zumindest hin und wieder.

Viktor und sein Neffe hatten ein besonders enges Verhältnis seit dessen Vater, Viktors Bruder, vor zehn Jahren verstorben war. Aus heiterem Himmel. Er hatte morgens friedlich an der Bushaltestelle auf seinen Bus gewartet, war einfach umgekippt und nicht wieder aufgestanden. Ende. Tod durch plötzlichen Herzstillstand hatte man bei der Obduktion festgestellt.
Henning, der damals kurz vor seinem Schulabschluss stand, hatte es den Boden unter den Füßen weggezogen. Nach Anne, seiner Mutter, war nun auch Konstantin, sein Vater, nicht mehr da.
Und Viktor selbst hatte ebenfalls große Mühe gehabt, diesen Schlag zu verkraften, denn auch seine Beziehung zum nur ein Jahr älteren Bruder, war von jeher eine überaus innige gewesen. Nathalie, seine Frau, half ihm damals sehr. Sie hatte mit ihm getrauert, ihn gleichzeitig jedoch wieder aufgerichtet. Sie beide besaßen keine eigenen Kinder, wohl aber ein Patenkind. Henning. Ihr Neffe hatte zunächst – und sogar noch während des Studiums – bei ihnen gewohnt. Er kam auch, als er einen Job angetreten hatte und seine eigene Wohnung in der Nähe fand, weiterhin vorbei. Diese Gewohnheit hatte sich sogar intensiviert, als sechs Jahre darauf auch Nathalie gehen musste. Und wieder hatten sie sich gegenseitig geholfen …

Vier lange Jahre waren seit Nathalies Tod inzwischen vergangen. Grundsätzlich kam er gut mit allem klar. Er funktionierte zumindest. Er vermisste sie nach wie vor, es gab keinen einzigen Tag, an dem es ihm nicht so erging, jedoch schien er im Laufe der Zeit innerlich ein bisschen „abzustumpfen“, so dass die leere Bettseite in der Nacht und der unbenutzte Platz am Küchentisch am Morgen ihn nicht mehr so schockten wie zu Beginn. Er redete häufig mit ihr. Jemand, der ihn durch das Fenster beobachtete, würde denken, er führte Selbstgespräche.
Nein, er sprach mit ihr. Punkt.

Vor einem halben Jahr meinte er, eine Besserung festzustellen. Sein Befinden, seine Stimmung schien sich positiv zu ändern. Er fühlte sich manchmal gelöster. Irgendetwas schien die schweren, blickdichten Vorhänge aufzuziehen, die immer vor ihm hingen und alles grau erscheinen ließen.  Er registrierte  wieder viele Dinge um sich herum, bemerkte die Natur, achtete mehr auf sich. Auch auf sein Äußeres. Im Spätherbst war in dem Haus, in dem er im ersten Stockwerk eine Wohnung besaß, jemand Neues eingezogen. Direkt ihm gegenüber auf seiner Etage.

Ihm machten allerdings einige Daten im Jahr zu schaffen. Jahrestage. Der Hochzeitstag, Nathalies Geburtstag, das Datum, an dem sie starb, Weihnachten … Neulich erst war ihr vierter Todestag gewesen, und er war mit dem Fahrrad zum Friedhof gefahren. Hatte Blumen dabeigehabt und wollte mit ihr reden. Sie besuchen.
Es gab Menschen, die verstanden nicht, wenn er von einem Besuch sprach. Doch, man besuchte seine Vertrauten auf dem Friedhof! Sie wohnten ja schließlich jetzt dort!

Er fand es schön an diesem Ort, soweit ein Friedhof eben schön sein konnte. Er genoss die Ruhe, und sie hatte einen wunderbaren Platz unter einer großen, alten Buche. Die spendete ihr auch im Sommer Schatten. Nathalie musste doch immer aufpassen mit der Sonne. Wegen der hellen Haut …
An dem Tag hatte er bemerkt, dass jemand die Gießkanne geklaut hatte, die immer hinter ihrem Grabstein deponiert war. Er hatte sich geärgert über Diebe, die selbst auf Friedhöfen keine Skrupel zeigten und Dinge mitgehen ließen. Manchmal sogar Pflanzen ausbuddelten oder Lichter und Engel stahlen. Er ging den Weg zurück bis zum Wasserbecken, um nachzusehen, ob dort Kannen standen, die man gegen Pfand entleihen konnte. Zu seiner Verwunderung entdeckte er seine eigene unter ihnen. Offenbar war nur jemand zu faul gewesen, sie nach dem „Ausborgen“ wieder zum Grab zurückzubringen.
Er hatte sie gefüllt und den langen Weg zurückgetragen, hatte nicht auf den Boden geachtet und war bei einer Unebenheit der Platten gestürzt. Die Kanne fiel mit, das Wasser schoss im hohen Bogen hinaus und traf natürlich ihn. Komplett! Er hatte geflucht, dann aber versucht, vorsichtig aufzustehen. Die Hose war kaputt, das Schienbein aufgeschlagen, blutig und es schmerzte. Er war mit dem Handgelenk umgeknickt, aber es schien nichts gebrochen zu sein. Wahrscheinlich verstaucht. Er hatte sich erhoben, war humpelnd bis zum Grab gelangt, hatte die blöde Kanne wieder hinter den Stein gepackt, wo sie hingehörte und Nathalie versprochen, er würde bald wiederkommen. Ihm sei nur sehr kalt in den nassen Sachen. Kein Wunder Mitte März. Die Rückfahrt auf dem Rad ging langsam vonstatten und kühlte ihn weiter aus.

Kurz und gut, die Folge war, er hatte sich gehörig einen aufgesackt. Eine dicke Erkältung plagte ihn. Die Wunde am Schienbein hatte sich zudem entzündet, eiterte und weil er, bockig, wie er nun manchmal war, nicht gleich zum Arzt wollte, mussten ihn erst Fieber und vor allem Henning überzeugen, dass jetzt Schluss mit lustig sei.
In dieser Zeit nach dem Missgeschick draußen, waren die Anrufe von Henning häufiger geworden.
Ihm selbst waren diese hässliche Wunde oder das steigende Fieber anfangs völlig egal gewesen. Angst hatte ihm aber gemacht, dass er dieses Gefühl von Verlassenheit, Einsamkeit, diese wachsende Teilnahmslosigkeit wieder an sich bemerkte, kaum dass er gedacht hatte, es würde alles besser.
Hennings Antennen mussten voll ausgefahren gewesen sein, dachte Viktor, denn sein Neffe hatte ihn am achten Tag nach dem Vorfall bei seinem Besuch nur einmal intensiv angeschaut,  jegliches Spektakel und jeglichen Protest seinerseits ignoriert, ihn ohne Diskussion zum Doktor geschleift und von dort aus ins Krankenhaus. Die Wunde war verarztet worden, er hatte Medikamente gegen die Entzündung bekommen. Komplikationen tauchten auf. Zwölf Tage hatte er letztendlich bleiben müssen. Die Tage der Umsorgtheit hatten ihm geholfen. Er war ruhiger geworden, schlief viel.

Als er endlich heim durfte, hatte sein Neffe ihn mit dem Auto abgeholt.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Henning und schaute besorgt zu seinem Onkel auf dem Beifahrersitz.
„Mir geht’s gut!“, grummelte Viktor. Im nächsten Moment tat ihm sein Verhalten leid, und er entschuldigte sich. „Es geht mir besser, Henning, die Entzündung bildet sich gut zurück. Danke, dass du mich zum Arzt gebracht hast. Und danke auch jetzt fürs Abholen.“
Sie fuhren auf eine Kreuzung zu. Viktor wunderte sich, dass Henning nicht die linke Abbiegespur wählte.
„Wo fahren wir denn hin? Wir müssen doch hier nach links!“
„Nein, wir setzen uns jetzt noch auf einen Kaffee zusammen und danach bringe ich dich heim“, entgegnete Henning in einem Ton, der keine Widerrede duldete.
Viktors Mund, der sich schon halb zum Sprechen geöffnet hatte, klappte überrascht zu.
Fünf Minuten später hielt der Wagen vor einem kleinen Café, in dem sie auch früher mit Nathalie oft gewesen waren. Viktor stöhnte. Hier hatten immer wichtige Gespräche, Ankündigungen, Aussprachen stattgefunden …

Henning lotste ihn an einen Platz am Fenster, fragte, ob er genügend Platz hätte, das Bein auszustrecken oder ob er es vielleicht hochlegen wollte. Viktor bremste Henning, erklärte, alles sei bestens und er solle zur Sache kommen, was dieser auch tat.
„Viktor, sag mir eins“, begann er,  „es schien mir, als wenn es dir Anfang des Jahres wesentlich besser ging, als all die Zeit zuvor. Ich überlegte wirklich, ob du vielleicht jemanden kennengelernt hast, neue Kontakte geknüpft hast, die dir guttun – aber dann kam der Vorfall auf dem Friedhof. Plötzlich war all deine Energie und Zuversicht weg, und es war als würdest du dich wieder in dein Schneckenhaus zurückziehen.“ Henning machte eine kleine Pause. „Du hast mir damals geholfen. Wir haben UNS immer geholfen! Jetzt reagiere nicht mit Schweigen, sondern bitte erzähl mir, was anders, was mit dir los ist.“

Viktor wartete, bis die Bedienung den Kaffee abgestellt hatte und wieder gegangen war.
„Ich vermisse Nathalie. Ständig. Das ist das eine. Doch dann passierte etwas, was ich nicht einzuordnen wusste.“ Es entstand eine längere Pause und Henning wartete.

„Im Oktober zog bei mir gegenüber jemand Neues ein. Eine Dame“, erklärte Viktor und registrierte wachsendes Interesse bei seinem Neffen. „Ich habe sie immer mal gesehen, wenn sie kam oder ging. Irgendetwas an ihr zieht mich an.“ Wieder herrschte einen Moment Stille.
„Vielleicht ist es, seitdem ich sie lächeln gesehen habe, als ich ihr unten die Tür aufhielt. Du glaubst nicht, wie schön ihr Lächeln ist. Oder ihr Duft! Es ist kein Parfum. Es ist einfach sie. Und wie sie geht, sich bewegt … Vielleicht ist es aber auch, seitdem ich ihre Stimme gehört habe. Sie hatte sich fürs Türaufhalten bedankt …“

Sein Onkel schien in Gedanken weit weg zu sein. Henning wurde die Pause zu lang.
„Ja, und dann? Habt ihr euch mal getroffen, miteinander mehr gesprochen? Wie heißt sie denn?“
„Gesprochen? Ha!“ Viktors Stimme klang resigniert. „Ich glaube, Sie beachtet mich gar nicht. Und wie sie heißt? Gut, ihr Nachname steht auf dem Klingelschild, aber ich weiß nicht, wie sie sonst heißt!“
Viktor wurde beinahe wütend.
„Irgendetwas mit H vorne“, stieß er hervor. „Es steht jedenfalls H. Johansson an Türklingel und Briefkasten.“
Er stockte, schaute seinen Neffen an und gestand: „Ich stehe manchmal eine halbe Stunde am Küchenfenster, nur weil ich hoffe, dass sie gerade kommt oder geht und ich sie dann sehe …“

Henning erkannte, dass sein Onkel sichtlich unter der Situation litt. Er schwenkte erst einmal zum zweiten Gesprächspunkt der geplanten Unterhaltung über.
„Mir fällt natürlich auf, dass du speziell seit deinem Sturz besonders niedergeschlagen bist. Klar, Unfall, Schrecken, Verletzung  – doch, rein körperlich gesehen, warst du hart im Nehmen. Von jeher! Dir machen doch Schmerzen dieser Art sonst nichts! Du bist derjenige, der beim Zahnarzt keine Betäubung will, Schmerztabletten überflüssig findet, möglichst alles so heilen lässt und der mit verstauchtem Handgelenk noch Schlagsahne schlägt. Mit dem Schneebesen!
Trotz allem geht es dir mies. Ich sehe das doch! Wenn nicht die Nachwirkungen des Unfalls, was ist die Ursache? Was macht dir wirklich so zu schaffen?“

„Henning, du bist echt penetrant …“, seufzte Viktor. „Das war Nathalie auch. Die hat auch nie lockergelassen. Auch wenn ich gar nicht wusste, wie mir war, wenn mein Kopf noch völlig durcheinander war – sie hat dafür gesorgt, dass sich alles wieder ordnet.“
Viktor schaute seinen Neffen an.
„Henning, meine Unsicherheit – und dann der Unfall obendrauf, das hat mich zurückgeworfen. Ich fing danach prompt wieder an, mich einzuigeln, traute mir gar nichts mehr zu, war zunehmend damit beschäftigt, mich selbst zu bemitleiden. Ich konnte nicht nach draußen, fühlte mich abgekapselt und allein. Wollte aber andererseits auch keinen um mich haben! Es tut mir leid, selbst deine Anrufe wurden mir zu viel!
Ich wollte keinem zur Last fallen! Ich wollte selbst mit mir vorankommen, konnte es aber nicht, und es ist so verdammt schwer, wenn jeder kleine Fortschritt gleichzeitig immer auch zwei Schritte zurück nach sich zu ziehen scheint.“
Viktor schluckte merklich und fuhr dann fort:
„Ich bin so hin- und hergerissen! Ich habe es so satt, allein zu leben und will trotzdem nicht, dass Nathalie meint, ich hätte sie vergessen. Ich möchte mehr raus, aber traue mich nicht. Ich weiß, da wohnt eine wunderbare Frau gegenüber, die offenbar auch alleine lebt, aber bringe es nicht übers Herz zu klingeln. Weißt du, es ist mir so wichtig mit ihr, dass ich panische Angst davor habe, mir einen Korb zu holen. Und den werde ich mir wohl holen, so wie die Lage aussieht. Was sollte sie an einem Jammerlappen wie mir mit aufgeschlagenem Schienbein und alberner Kontaktangst gut finden? Sag selbst, was hätte ich denn schon zu bieten!
Henning, so lange ich nicht versucht habe, bei ihr zu klingeln, kann ich mir wenigstens noch einbilden, sie würde mir aufmachen, mich freundlich anlächeln und zuhören.“

Der Ausbruch hatte Henning völlig überrascht. Mit seiner Vermutung, dass sein Onkel vor dem Unfall jemanden kennengelernt hatte, hatte er also ins Schwarze getroffen, aber dabei nicht die leiseste Ahnung gehabt, in welch komplizierter Situation sich Viktor befand. Sich nach eigener Auffassung zu befinden glaubte! Er musste ihm unbedingt etwas klarmachen.

„Viktor, Nathalie war nie ein Mensch, der gewollt hätte, dass du einsam bist. Und du hättest umgekehrt auch nicht gewollt, dass Nathalie ewig allein geblieben wäre. Sie kann nicht mehr bei dir sein, nicht leibhaftig, aber sie ist es in deiner Erinnerung. Das wird sie doch auch bleiben! Du weißt, wie schwer es ist, Erinnerungen loszuwerden. Bei schlechten, die kein Mensch braucht, ist es schon fast unmöglich! Die Guten wirst du überhaupt nicht los, wenn du es nicht selbst unter Aufbietung aller erdenklichen Kräfte versuchst! Und wer würde das jemals tun …
Mein Vater Konstantin ist jetzt über zehn Jahre nicht mehr bei uns, du hast damals seine Stelle eingenommen. Habe ich ihn deshalb vergessen, oder ist er deshalb nicht mehr mein Papa? Nein! Meinst du, darüber, dass sein Bruder mich wie einen Sohn behandelt, wäre er jemals böse gewesen und hätte es missbilligt? Nein! Und genauso ist das mit Nathalie. Sie wäre an deinem Wohlergehen interessiert und würde dich glücklich sehen wollen.“
Henning fuhr fort: „Das ist das eine. Das andere ist, dir fällt nach Jahren ein Mensch auf, zu dem es dich hinzieht. Ein Wesen, das ganz offensichtlich auch allein lebt. Viktor, du kannst aber nicht davon ausgehen, dass deine Nachbarin von allein weiß, dass du sie magst! Wenn du herummuffelst, dich in deiner Wohnung verkriechst – wie soll sie dich dann wahrnehmen und näher kennenlernen? Du gibst ihr doch gar keine Chance!
Du sagst, sie hat dich angelächelt, als du ihr die Tür aufgehalten hast. Sicher, das ist kein Liebesbeweis, doch wenn sie dich ätzend gefunden hätte, wäre sie ohne jegliche Reaktion weitergegangen. Lade sie doch einmal – so von Nachbar zu Nachbar und weil sie neu im Haus ist – auf einen Kaffee ein! Oder mehrere Nachbarn, und dann widmest du dich halt nur ihr!“

Viktor starrte seinen Neffen an. Seine Gesichtszüge entgleisten, und er lachte schallend los.
„Du Spinner, stell dir vor, ich würde die Geskens von unten rechts beim Kaffee komplett links liegen lassen und sagen, sie sollen sich gut amüsieren, während ich mich der Schmetterlinge im Bauch verursachenden H. Johansson widme.“

Henning stimmte in das Lachen mit ein. Er kannte die Nachbarn aus dem Erdgeschoss und ihre klammernde, besitzergreifende Art.
„Dann lad mich mit ein“, erwiderte Henning, „ich kümmere mich um die Herrschaften von unten, und du hast freie Bahn.“
Viktor sah Henning verschwörerisch an.
„Du, das überlege ich mir wirklich. Ich muss mich dazu erst noch durchringen, das ist schon eine große Überwindung für mich, aber ich überlege es mir.“ Etwas abwesend fügte er hinzu: „Ich glaube, das muss gut geplant werden.“

Ihre Kaffeetassen waren inzwischen ausgetrunken. Sie zahlten und Henning fuhr Viktor heim. Dieser war sehr still geworden, doch die Stimmung war eine andere, bessere, als zuvor auf der Hinfahrt zum Café. Sein Onkel schien nun eher damit beschäftigt, Pläne zu schmieden.

Eine Woche später hatte Henning eine Einladung im Briefkasten. Einen Briefumschlag mit einem wilden, struppigen Küken vorne neben seiner Anschrift. Handgezeichnet.
Ein gutes Zeichen! Sein Onkel malte nur, wenn es ihm gut ging.
Viktor lud ihn zum Osterkaffeetrinken bei sich zu Hause ein. Am Ostersonntag um 15.30 Uhr. Henning musste grinsen, als er eine Textstelle las: … und überlege dir schon mal, wie du die Geskens von unten ablenkst!
Er bestätigte seinem Onkel schnell sein Kommen in einer Nachricht.

Am Ostersonntagmorgen saß Henning im Räuberlook und mit noch ungekämmten Haaren am Frühstückstisch, als sein Handy klingelte. Die Nummer seines Onkels leuchtete im Display auf. Er fluchte innerlich. Hoffentlich hatte Viktor nicht im letzten Moment der Mut verlassen. Nicht, dass er alles wieder abblies!
Er meldete sich mit den Worten: „Also ich komme auf jeden Fall!“
Eine warme Frauenstimme erklang aus dem Hörer: „Spreche ich mit Henning Hegermann?“
Henning war bass erstaunt, doch antwortete automatisch: „Ja …, wer ist denn da bitte?“
Inzwischen wich die Verblüffung und Angst machte sich breit. Wieso war sein Onkel nicht am Handy, warum hatte eine fremde Person Zugang zu seinem Telefon?
„Hier spricht Helen Johansson. Ich bin eine Nachbarin ihres Onkels. Ich wollte Sie fragen, ob es Ihnen möglich ist, etwas eher zu ihrem Onkel zu kommen, wir haben da ein kleines Problem.“
Problem? Oh, Gott, er hatte es gewusst! Irgendetwas war passiert!
Nach und nach kam der gesamte Satzinhalt bei ihm an und wurde verarbeitet. Moment, wer war am anderen Ende? Helen Johannsson, eine Nachbarin. DIE Nachbarin!?

„Hallo“, erklang verunsichert die weibliche Stimme aus dem Hörer an sein Ohr, „sind Sie noch dran?“
Er nickte. Verdammt, die Stimme konnte einen einlullen. Aber Helen Johansson konnte ihn nicht sehen, er musste ihr schon antworten.
„Ja, ich bin noch dran. Bitte, was ist denn los? Ist etwas passiert? Wie geht es meinem Onkel?“

„Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich erkläre Ihnen alles. Ihr Onkel hat gestern erschreckend blass ausgesehen, als wir uns im Hausflur trafen, da habe ich ihn erst einmal zu mir hereingebeten, ihn in einen Sessel verfrachtet und habe uns Kaffee gekocht. Seine Farbe kehrte zwar bald zurück, doch wir haben noch lange zusammengesessen. Er hat von Ihnen erzählt, und wir sprachen davon, dass wir uns heute alle treffen würden. Ihr Onkel erzählte mir, er müsste noch ein paar Vorkehrungen treffen.
Heute früh nun, als ich vorhin von einem kleinen Spaziergang heimkam, hörte ich merkwürdige Geräusche aus seiner Wohnung. Es knallte heftig und ab und zu stöhnte jemand. Das Stöhnen speziell bereitete mir Sorge, also klingelte ich bei ihm. Ich war sehr erleichtert, als er öffnete, aber es war wieder so blass! Und kurzatmig! Das ist er sogar jetzt noch. Darum gab er mir das Telefon, um Sie anzurufen und quasi in seinem Namen zu sprechen.“

„Aber warum …? Blass … wieso …?“ Henning konnte keinen klaren Satz hinbekommen.
Helen schien ihn auch so zu wissen, was er meinte.

„Sie werden es gleich verstehen. Henning, er wollte Sie überraschen! Er sagte, Sie wären kein großer Ostereierfreund, weil Ihnen ständig die mühsam ausgeblasenen und sorgsam angemalten Kunstwerke kaputtgegangen wären, die Sie aufhängen wollten. Er erzählte, Sie fanden es früher daher immer so wunderschön, wenn er zusammen mit Ihnen und Ihrer verstorbenen Tante stattdessen an Ostern ersatzweise unzählige bunte Luftballons aufgehängt hätte. Er meinte, Sie hätten es seit Nathalies Tod nicht mehr getan. Er wollte Ihnen eine Freude bereiten und betonte, dass Sie etwas bei ihm guthätten.
Als ich klingelte, war er gerade dabei, den zwanzigsten Luftballon aufzupusten. Zu pusten! Nicht zu pumpen. Wohlgemerkt den zwanzigsten, der noch da und noch ganz war! Das Knallen hatten die erzeugt, die – kaum fertig – platzten. Bei denen hatte er sich natürlich auch schon die Lunge aus dem Leib geblasen.
Ihm sei schwindlig, verriet er, er würde schwarz sehen … Ich habe ihm erklärt, wenn er so weitermache, würde er kollabieren, Ostern im Krankenhaus verbringen und habe ihm gedroht, dass ich mich mit so einem Typen auch nicht weiter treffen würde, was ich sonst vorgehabt hätte. Das hat gesessen. Nur, jetzt möchte er, dass Sie die restlichen fünfzehn selbst aufpusten …“
Sie zögerte einen kleinen Moment, bevor Sie mit der Bitte herausrückte.
„Wäre das möglich? Könnten Sie bitte schon um 15 Uhr kommen?“

Viktor staunte. Nicht nur über die Geschichte mit den Luftballons, auch darüber, was sich seit gestern in Bezug auf Viktor Hegermann und Helen Johansson offenbar getan hatte. Es sah eindeutig nicht so aus, als hätte sie vor, seinem Onkel einen Korb zu geben.
Ihm fiel wieder siedend heiß ein, dass man am Telefon nicht schweigen sollte, wenn jemand am anderen Ende auf Antwort wartete. Er räusperte sich:
„Frau Johansson, Sie sind eine Wucht. Ich komme selbstverständlich eher! Sagen Sie meinem Onkel, er sei auch eine Wucht, aber soll die Finger von den Ballons lassen!“
„Ihr Onkel winkt mir gerade zu. Er kann wieder sprechen. Ich gebe ihn einmal an Sie weiter. Ich freue mich darauf, Sie nachher kennenzulernen, Henning! Und ich bin Helen, ja?“
Sie gab Viktor den Hörer. Zuerst war da nur Stille im Wechsel mit einem leichten Keuchen. Auf einmal erklangen zwei Worte:
„Henning …, danke.“ Klick.
Viktor hatte aufgelegt. Einfach so.

Da Henning nur noch das Freizeichen in der Leitung hörte, stellte er sein Handy aus. Er holte Luft, fuhr sich mit den Händen durch die verwuschelten Haare, und einen kleinen, wirklich nur einen klitzekleinen Moment sann er darüber nach, ob die Sache mit den Luftballons vielleicht bewusst geplant war. Ob sein Onkel die Erschöpfung nach dem Aufpusten bewusst herausgefordert hatte … Nein, sicher nicht …
Obwohl – wenn Viktor bewusst war, wie hinreißend hilfebedürftig, rührend und unwiderstehlich er so blass wirkte, dann war ihm auch klar, welchen Vorteil es für ihn hatte, wenn er an Ostern schwarz sah …

Henning schmunzelte noch, als er schon längst auf dem Weg hinüber zum Osterkaffee war.
.
.
.

©by Michèle Legrand, April 2014 (Neufassung 2021)
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

, , , , , , , , , , ,

9 Kommentare

Stacheliges, Technisches und … Wencke!

Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas GravEs klingt zugegebenermaßen ein wenig paradox, doch ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen entspannt mitzuteilen, warum ich im Moment nicht zum Bloggen komme.
Nicht? Aber …?
Ja, ja – kurios. Denn was ist das hier grad, hm …?
Schizophren!
Nur – die Tatsache, dass im Blog etwas auftaucht, heißt nicht, dass es sich automatisch um einen richtig vollwertigen Blogpost handelt. Einen, der seinen Namen verdient und meinen üblichen Ansprüchen genügt. Ich versuche, es an einem Beispiel zu verdeutlichen:
Es gibt Bloggen, Variante 1. Das ist Bloggen mit Recherche, mit Fotoerstellung, -auswahl und -bearbeitung, mit Zeit für Ausführlichkeiten und Hintergrundinformationen. Wenn Sie sich dazuschalten im Blog, wissen Sie grundsätzlich, dass Sie Texte zu ganz unterschiedlichen Themen vorfinden, auf Entdeckung gehen oder manchmal seltsame, kuriose Erlebnisse teilen können und dass in den weitaus meisten Fällen viele Bilder dabei sind. In einem solchen Fall habe ich – nach eigener Vorstellung – gebloggt.
Heute hingegen gibt es einen Wochenendtreff. Sie und ich. Ein lockeres Schwätzchen gemütlich auf der Couch. Als kurze Szene gesehen, stellen Sie sich die Situation bzw. den Unterschied zu sonst doch so vor:
Wenn Sie bisher kamen, ging die Tür auf, der Kuchen (bunt, lecker und natürlich immer neue Sorten) stand parat, Sie verweilten, stillten Ihren Appetit und spazierten danach heim.
Diesmal hingegen war keine Zeit für die Kreation eines besonderen, selbstgebackenen Kuchens. Alte, trockene Reste, Wiedergekäutes, Angebranntes stand nicht zur Debatte. Minibrösel vorwerfen auch nicht.
Was tun? Wozu sich entscheiden? Gar nichts machen?
Dann wären Sie wie üblich gekommen, hätten jedoch vor verschlossener Tür gestanden.  Nach Ihrem Klingeln wäre nichts passiert. Sie hätten vermutlich die Nase gerümpft. Beleidigt. Ich wiederum hätte drinnen gesessen, wäre gefrustet und hätte mich nicht gerührt, bis Sie endlich wieder verschwunden wären. Für beide höchst unbefriedigend.

Aus diesem Grund entschied ich mich fürs Bloggen, Variante 2. Ich reiße quasi die Tür auf, sage jedoch gleich unverblümt, dass ich heute „nur“ Kekse habe – die aber ebenfalls speziell und lecker sind. Den Weg finde ich persönlich wesentlich schöner …
Falls Sie Kekse allerdings gar nicht mögen, drehen Sie um.
Jetzt!
Den anderen verrate ich, was mich vom richtigen Bloggen (Variante 1) abhielt.

Als erstes hinderte mich die Sonne daran. Das Wochenende und teilweise noch der Beginn der neuen Woche bescherten einen blauen Himmel und brachten trockenes, laues Wetter. Ideal, um an den Nachmittagen mit der Gartenarbeit voranzukommen, jedoch definitiv keine gute Zeit, um drinnen vor dem Laptop zu sitzen.
Giftwetter für Blogger!
An der Hauswand, an der zeitig im Jahr nach Sturmgebraus die Efeuranken heruntergerauscht waren, lag noch gehäuft Laub, was endlich weggeräumt werden sollte …
Ich hockte zwischen den Büschen, griff mit behandschuhten Fingern ins Laub und erschrak kurz darauf ziemlich heftig, als ich in etwas Stacheliges, Nachgebendes fasste! Was ich bisher nicht gewusst hatte: Ein Igel hielt dort – auch jetzt, Anfang April! – noch seinen Winterschlaf. Er bewegte sich leicht nach meiner Berührung. Räkelte sich. Immerhin! Ein Lebenszeichen!
Ich schüttete die eben erst eingesammelten Blätter wieder über ihm aus, bedeckte den schlafenden Wicht sowie sein Nest möglichst vorsichtig und verzog mich leise. Pssssst …
Irgendwie hatte ich angenommen, dass die Witterung schon länger so sei, dass Igel mittlerweile gähnend aufwachten und wieder loszögen, doch es heißt, erst wenn die Temperatur im Winterquartier 15° Celsius übersteigt, machen sie sich erneut auf Futtersuche. Seine schattige Ecke hatte ihm wohl bisher relativ kühle Werte beschert.
Unser Aufeinandertreffen geschah am Sonntag. Am Montag fand ich den Haufen unverändert vor, am Dienstag war alles auseinandergeschoben, platt, und der Igel ist seitdem verschwunden. Vielleicht habe ich ihn doch aus seinem Schlaf geholt …

Tage mit längeren Terminen folgten, die Unterlagen für die Steuererklärung schauten schon anklagend und Donnerstag, Donnerstag wurde ich ins kalte Wasser geworfen! Bildlich gesprochen.
Ich besitze ein neues Smartphone und habe anfangs immer einen Mordsrespekt vor diesem technischen Zeugs! Ehe alles funktioniert, ehe alles drauf ist, was man braucht, alles verbunden und verknüpft ist, ehe man alles auf Anhieb findet! Andere, vor allem die Digital Natives, bleiben ganz cool, ich jedoch merke die Anspannung, dieses Unbehagen, etwas Fürchterliches, Irreparables zu verursachen. Mit einem einzigen falschen Drücker.

Für mein brandneues, noch unbenutztes Handy, traf die dafür benötigte und angeforderte neue SIM-Karte ein. Dank der Hilfe meines Sohnes, der nach der Arbeit herbeieilte, musste ich die Inbetriebnahme des neuen Geräts abends nicht alleine starten. Was gut war, denn es kam gleich alles wieder anders als gedacht.
Ich hatte es mir so schön und halbwegs unkompliziert vorgestellt. Meine neu zugesandte SIM-Karte sollte die alte, allen bekannte Handynummer erhalten. Der Mitarbeiter der Hotline hatte mir erklärt, sobald die Karte einträfe, sollte ich wieder anrufen, wir würden daraufhin die Nummer abgleichen, wenn sie korrekt wäre, leitete er alles weiter, sie würde aktiviert, die alte gesperrt. Fertig.
Der Brief mit der neuen Karte kam. Er enthielt eine andere, abweichende Anleitung. Sie besagte: Online einloggen, alles selbst machen! Einloggen? Ich hatte gar kein Konto! Also registriert, eingeloggt und gestaunt, denn die neue Karte besaß noch überhaupt keine Nummer. Nun, selbst die Hürde wurde gemeistert. Alles schien zu klappen, der Sohn saß ja auch daneben. Der Herzinfarktvermeider. Prozess SIM-Karte abgeschlossen, Information zum Schluss: Die Aktivierung kann bis zu 24 Stunden dauern.
Puh. Andererseits gar nicht so schlecht!
Ich musste nämlich fast schon los zum wöchentlichen Stepptanztraining. Wie die Zeit an dem Abend wieder flitzte!
Der Plan lautete folglich: Wir erledigen das Nötigste, ich nehme mein altes Handy mit, das weiterhin Netzkontakt hat und kümmere mich um das neue Handy, seine detaillierte Einrichtung, all seine Einstellungen, um erforderliche Apps, das Übertragen von Nummern etc. am folgenden Tag. In Ruhe, denn ich habe ja Zeit. Vermutlich 24 Stunden. Wenn ich schließlich fertig bin, kommt irgendwann die Freischaltung. Alles gut. Ausatmen.
Der nächste mittlere Schock folgte auf dem Fuße! Eine halbe Stunde nach Einsetzen der Karte teilt der Provider freudig mit:
Ihre neue Karte ist jetzt aktiviert. Ihre alte wurde gesperrt …
Schon steigt wieder die Pulsfrequenz. Umstecken kann ich die neue Karte nicht. Mein Vorgängerhandy hatte eine normal große, das jetzige Gerät eine Micro-SIM-Karte. So nehme ich ein mir völlig fremdes, relativ leeres Handy mit. Leer an Kontakten, noch mager an Möglichkeiten. Aber es könnte klingeln. Es könnten schon Nachrichten kommen. Es könnten … Moment!
Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie sich mein Handy anhört!
Was es für Töne (voreingestellt) produziert! Keine Zeit mehr für Basteleien … Ich muss los. Da war sie wieder. Diese Anspannung …

Ich bin so spät dran, dass ich beschließe, die U-Bahn anstelle des Autos zu nehmen. Es klingt unlogisch, denn sie ist von der Fahrzeit her nicht schneller, doch wenn ich sie nehme, habe ich am Ziel kein Parkplatzproblem, weshalb ich üblicherweise recht früh aufbreche. Das Auto ist nach dem Kurs die bessere Wahl, da die Bahn am späten Abend lediglich in größeren Abständen verkehrt.

Im Zug pfeift jemand in meiner Nähe. Anerkennend. Ich „überhöre“ es. Es pfeift wieder. Erst mit reichlich Verzögerung wird mir bewusst, dass es mein Handy ist, das sich mit diesem Geräusch bemerkbar macht, und dass sein Gepfeife jedes Mal erklingt, sobald irgendwelche Benachrichtigungen eintreffen. Das Pfeifen ist laut. Und oft. Und nervtötend. Finden die anderen Bahnfahrer auch.
Mir gelingt es, den Pfeifer ruhigzustellen. Der Puls geht langsam wieder runter.
Technik! Pffft …

Ein Herr etwa meines Alters steigt ein. Er hat einen ca. 50 x 50 cm großen, relativ flachen, stabilen Karton mit Deckel dabei, nimmt mir gegenüber auf einer Zweierbank Platz und stellt den Karton auf den Nebensitz. Seinen halb gefüllten Rucksack setzt er auf dem Schoß ab. Als der Zug an der nächsten Haltestelle abbremst, wackelt es im Karton. Der Herr hebt minimal den Deckel an, blinzelt hinein, schnalzt mit der Zunge, lässt ihn wieder herunter und beginnt, in seinem Rucksack zu kramen. Er zupft Kopfsalat aus einer Tüte, lüftet erneut den Deckel, diesmal etwas weiter – und füttert eine Schildkröte! Recht groß ist sie und sehr hübsch. Offenbar auch hungrig, denn sie streckt den Hals und kaut bedächtig den angebotenen Salat. Es sieht unheimlich graziös aus.
Ich kann nicht an mich halten und sage, wie schön ich das Tier, seine glänzenden, klugen Augen, sein vertrauensvolles Verhalten und seine hingebungsvolle Art zu fressen finde. Mein Gegenüber strahlt. Ich erfahre, dass es eine Sie ist und er sie gerade von seiner Mutter, einer älteren Dame abgeholt hat, da diese zur Kur fährt. Er wird die Schildkröte während ihrer Abwesenheit bei sich zu Hause hegen und pflegen. Die Familie hat das Tier schon seit seiner eigenen Kindheit, das gepanzerte Wesen und er kennen sich demnach gut. Sie dürfte mit ihrem Pflegevater einverstanden sein.
„Wie heißt sie denn?“, frage ich ihn.
„Wencke“, sagt er und muss bei meinem erstaunten Blick lachen. „Ja, wirklich! Meine Mutter ist ein Fan von Wencke Myhre, die war seinerzeit gerade sehr angesagt, als die Schildkröte zu uns stieß. Wir hatten noch eine. Eine männliche …“
Ich wage kaum zu fragen, tu es dann aber doch:
„Und wie hieß er? Bata, Karel oder … Chris?“
Er wiehert los.
„Nein, er hieß einfach Hannes. Aber Hannes und Wencke waren wohl kein so tolles, verliebtes Paar. Wir haben sie im Sommer immer im Garten laufen lassen. Im dritten Jahr ist er ausgebüxt. Ward nie wieder gesehen. Wencke hat sich dann mit unserem Kanarienvogel angefreundet. Silvio. Leider lebt der nicht mehr. Den hat sie mehr vermisst als Hannes.“
Es ist schade, dass ich schon fast am Ziel angekommen bin. Ein letztes Mal schaue ich Wencke beim Salat kauen zu und verabschiede mich von ihr und dem Herrn.

Sie werden vielleicht lachen, aber die Begebenheit mit der Schildkröte ließ mich mein Handy und die ganze innere Aufregung völlig vergessen. Der Anblick eines solchen Tieres entspannt fantastisch und löst jegliche Anspannung.
Sie werden nun andererseits vielleicht auch nachvollziehen können, warum in der vergangenen Woche einfach keine Zeit fürs Bloggen (Variante 1) blieb. Es gab zu viel Stacheliges, Technisches und … Wencke.

Sie müssen los? Ja, denn … Ging’s mit den Keksen?
Nächstes Mal gibt es wieder Kuchen!

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

©April 2014 by Michèle Legrand
.

, , , , , , , , , ,

26 Kommentare

Vorsicht! Bissiger Hund

Das erste Mal fiel es mir auf, als ich gerade hergezogen war. Es blieb gar nicht aus, denn der Weg heim führte immer an diesem Gartenzaun vorbei. Ein Hinweisschild war auf dem oberen Querholz der kleinen Eingangspforte befestigt: Vorsicht! Bissiger Hund.
Soso.
Kein Hund in Sicht …
Ein paar Tage später lief ich zu einer anderen Tageszeit an besagtem Grundstück vorbei, und diesmal kam ein recht großes, stürmisches Ungetüm bellend vom Haus an den Gartenzaun geschossen. Seine Stimmlage war kein kellertiefer Bass, jedoch ein äußerst dunkler, kehliger Bariton. Beeindruckend.
Ich war ein bisschen eingeschüchtert von seinem Auftritt. Er demonstrierte eindeutig, dass hier sein Revier war und er der Wachposten. Der ernstzunehmende, jeden abwehrende Oberaufpasser. Kein Schwanzwedeln als Ausgleich für das drohende Warngebell, der meinte es wirklich ernst.
Bei manchen Passanten richtete er sich sogar am Zaun auf und ließ die dicken Pranken überhängen. Sein Gebell und auch Knurren erklang dann fast in Ohrhöhe der Vorbeigehenden. Imposant.
Und wirkungsvoll!
Als ich ihm das vierte oder fünfte Mal begegnete, hatte er diese Bleib-weg-hier-hast-du-nichts-zu-suchen-Haltung komplett abgelegt. Er schoss weiterhin an den Zaun, blieb aber ruhig. Ein Wiedererkennungs-Wuff, das war alles. Danach schien er sich eher über die Gesellschaft und das Auftauchen eines inzwischen bekannten Gesichts zu freuen. Der lange, buschige Schwanz wedelte begeistert von rechts nach links.
Dieser große Wachhund wurde real nicht kleiner, doch schien auf einmal wesentlich weniger bedrohlich. Weitere ein oder zwei Sehgelegenheiten später, hielt ich ihn für freundlich. Er hätte mich auch auf sein Terrain gelassen.
Bissiger Hund?
Pah! Scheinbissig.
Das Schild war nur für … ja, wozu eigentlich?

Kurz danach lernte ich „seine Leute“ kennen. Ein älteres Ehepaar wohnte in dem Haus. Den beiden gehörte der Prachtkerl. Das Grundstück liegt nahe einer Bahnschranke, die häufig länger geschlossen ist, und so ergab sich beim Warten manchmal ein Gespräch, wenn die beiden gerade draußen mit Gartenarbeit beschäftigt waren.
„Bissig? Er?“, fragte sein Besitzer mich erstaunt, als ich mich vergewissern wollte. „Verraten Sie es nicht weiter, aber er findet beißen eher doof. Der will ja schon sein Fressen vorgeschnitten! Er mag aber keine Fremden, die vertreibt er meistens oder hält sie zumindest auf Abstand. Das Problem ist, dass er keinen mehr als fremd betrachtet, den er mehr als zwei oder drei Male vorbeispazieren sah und denjenigen folglich völlig unbekümmert auf das Grundstück lassen würde.“
(Aha, genau meine Erfahrung.)
„Dann ist das Schild also mehr zur Abschreckung für Nichtwissende?“
„Ja, so etwas in der Art. Zu unserer Absicherung auch. Niemand, der hier ungefragt auf das Grundstück stolpert, kann hinterher behaupten, wir hätten ihn nicht gewarnt.“
„Und was macht er, wenn tatsächlich mal jemand Fremdes zu Ihnen bis an die Haustür will?“
„Er regt sich auf. Bellt. Wenn derjenige trotzdem weiterläuft, rennt er ihn um.“ Es folgte eine ganz kleine Pause, nach der er ergänzte: „Aber den Briefträger, den lässt er wirklich nicht durch die Pforte!“
„Nein? Den müsste er doch wiedererkennen. Mag er ihn denn nicht?“
„Nun, sagen wir es so: Wir mochten ihn nicht. Das reicht ihm im Grunde. Doch wir haben dem Hund mühsam antrainiert, dass er ordentlich anschlägt und mit seinem Machogehabe die Pöstler deutlich daran erinnert, dass unser Briefkasten hier an der Grundstücksgrenze am gemauerten Zaunpfeiler ist und nicht am Haus direkt an der Haustür.
Wir hatten lange einen Austräger, der hat hinterher ständig die Pforte offen stehen lassen, und dann ging der Hund fröhlich auf Wanderschaft. Und noch mehr haben wir uns darüber geärgert, dass der Postbote immer über die Beete lief, weil es für ihn eine Abkürzung war. Glaubt man so etwas? Unser Hund benutzte den Weg, aber der Briefträger latschte quer durch die Tulpen. Nee, nee –  dazu hatten wir keine Lust mehr. Der kommt jetzt also nicht mehr weiter als bis zur Gartentür.“ Der ältere Herr grinste etwas verschlagen. „Der Gute glaubt auch fest daran, dass unser Burschi beißt.“

Ein paar Jahre vergingen, der Hund war inzwischen sehr alt geworden und kam in den Hundehimmel. Die beiden wollten keinen neuen tierischen Hausgenossen, aber das Schild blieb.

Vorsicht!  Bissiger Hund - Blog: Michèle Gedanken(sprünge) - März 2014

Vorsicht! Bissiger Hund

„Das nehme ich nicht weg, braucht ja keiner zu wissen, dass hier kein Hund mehr ist. Und außerdem, da ist ja immer noch die Sache mit dem Briefträger …“ So äußerste sich der Mann.

Nach weiteren drei Jahren verstarb der Herr sehr plötzlich. Seine Frau blieb alleine in dem Haus wohnen. Es kam auch kein neuer Hund.
Das Schild jedoch blieb.
„Nein, nein, das lasse ich auf jeden Fall dort, jetzt, wo ich hier ganz alleine im Haus bin! Das schreckt Einbrecher ab“, erklärte mir die Witwe bei einer Unterhaltung am Zaun.
Mehrere Jahre verbrachte sie noch dort. Im letzten Herbst zog sie aus. Haus, Garten, Reparaturen, das Alter, Treppen steigen … es wurde ihr alles zu viel. Sie ging, das Schild blieb. Es ist heute noch da!
Hat es nun gar keinen Sinn mehr?

Eine Weile stand das Gebäude leer, dann schien jemand sämtliche Räume komplett auszuräumen. Ein Container, der in der Abfahrt zur Tiefgarage abgestellt war, füllte sich zusehends. Seit Jahresbeginn parkten ab und zu Handwerkerautos auf dem Randstreifen direkt vor dem Haus. Offenbar ist alles in neuen Händen.

Vor ein paar Tagen kam ich an dem Grundstück vorbei. Wieder einmal war die Bahnschranke verschlossen. Wartezeit …
Zwei Passanten lehnten sich etwas gegen den Zaunpfeiler und begutachteten über den Zaun gebeugt die bereits abgeschlossene Arbeit eines Handwerkers. In dem Moment trat der neue Eigentümer aus der Haustür und bemerkte die neugierigen Zaunsteher.
Die Fremden!
Und so kam ein recht großes, stürmisches Wesen laut schimpfend vom Haus an den Gartenzaun geschossen. Seine Stimmlage war kein kellertiefer Bass, jedoch ein äußerst dunkler, kehliger Bariton. Beeindruckend.
Das aufgeregte menschliche Wesen beschwerte sich über das ungenehmigte Abstützen auf seinem Pfeiler und sonstige Übergriffe auf persönliches Eigentum. Das war schließlich sein Revier. Es richtete sich am Zaun zu voller Größe auf und ließ die dicken Pranken überhängen. Sein Gebell erklang jetzt in Ohrhöhe der Vorbeigehenden.
Imposant. Und wirkungsvoll!
Man zog verschüchtert davon …

So kam es, dass das alte Schild endlich wieder einen Sinn bekam. Zutreffend warnt es Vorbeikommende vor zu viel Übermut und unbedachten Schritten.
Vorsicht! Bissiger Hund.
Nun, ich werde öfter dort entlanggehen müssen.
Wer weiß, vielleicht ist dieser Hund in Wirklichkeit auch nur so ein Scheinbeißer …

©März 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

, , , , , , , , , , ,

15 Kommentare

Heute schon geduscht?

Er holt das Auto schon aus der Garage und fährt es auf die Straße. Wartet mit laufendem Motor auf die Gattin. Sie naht.
Ihm missfällt derweil die verschmutzte Windschutzscheibe, und so drückt er kurzentschlossen, kräftig und vor allem ausdauernd den Knopf der Scheibenwischanlage.
Fontänen! Wassermassen!
Selbst ich spüre die Gischt einige Meter weiter auf dem Gehweg!
Die Angetraute erwischt’s direkt an der Beifahrertür entsprechend heftiger.
„Kannst du nicht warten, bis ich drin bin?“, meckert sie, ordnet die Haare und spuckt Seifenwasser aus.
Knallrot ist er geworden …

Aus der Reihe: das Kurze, was sonst nur als Statusmeldung bei Facebook erscheint.
https://www.facebook.com/ladyfromhamburg

©Februar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

, , , , , , , , ,

17 Kommentare

Anders als erwartet …

Zarah Leander auf einer Autogrammkarte, die sie in den 70er Jahren am Hamburger Flughafen unterschrieb

Zarah Leander auf „meiner“ Autogrammkarte / Foto: Inge Hallburg

Das waren merkwürdige Momente … Kennen Sie so etwas auch?
Verblüffend!
Oh, Sie waren ja nicht dabei! Wo fange ich an …

Die Dame auf dem Foto hat ganz am Rande eine Rolle gespielt, Sie werden später mehr erfahren. Nur in diesem Zusammenhang fiel mir ein, dass ich eine Autogrammkarte besitze, die sie Mitte der Siebziger Jahre am Hamburger Flughafen überreichte. Voilà!
War Ihre Erwartung jetzt eine andere?
Nahmen Sie an, das Folgende würde ausschließlich von ihr handeln? Nun, Sie liegen knapp daneben. Tatsächlich geht es aktuell um eben diese Erwartungen …
Sie wissen, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche Typen von Erwartungen gibt? Sogar weitere, aber bleiben wir bei zwei Varianten. Es geht heute nicht vorrangig um die großen oder gar die bewussten! Nein, viel eher um den unspektakulären Erwartungskleinkram und vor allem unbewusstes Zeugs.
Und um Überraschungen!
Es scheiden sich oftmals die Geister daran, ob Menschen überhaupt Erwartungen haben sollten. Die einen sagen ja – weil es anspornen würde. Das tun sie hauptsächlich in dem Fall, in dem sie positiver Art sind und auf einen selbst gerichtet werden. Erwartungen – auch im Sinne von Ansprüchen – an die eigene Person können tatsächlich antreiben und voranbringen. Die Gefahr ist dort lediglich, dass sie zu hoch gesetzt werden. Vor allem dauerhaft übertrieben hohe Erwartungen blockieren eher. Auch negative Erwartungen zeigen häufig diese Auswirkung.

Die Menschen tun mehrheitlich allerdings sowieso etwas anderes: Statt von sich selbst, erwarten sie mit Vorliebe viel von anderen. Und in dem Fall sind Enttäuschungen vorprogrammiert, denn sie werden selten in diesem Maße erfüllt werden können. Eine ziemlich unnötige, vermeidbare Frustration. Andere sind nun einmal nicht die eigenen Glückszustandhersteller oder Erfolgsgaranten, die einem möglichst viel eigenen Aufwand abnehmen.
Auf der anderen Seite, als Alternative nun gar keine Erwartungen an andere zu haben, ist das nicht auch schlecht? Ganz bös und schlimm? Heißt das nicht fast  – auf die eigene Person bezogen – man hätte keinen Ehrgeiz? Und erst im Hinblick auf andere …. Uiuiui!
Nein! Warum?
Keine hohen Erwartungen an eine andere Person zu haben, bedeutet nicht automatisch, jemandem nichts zuzutrauen! Es bedeutet nur, nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass der andere sie kennt oder es als genauso wichtig und als seine Pflicht erachtet, sie zu erfüllen.

Alle Erwartungen dieser Art haben etwas gemein: Sie werden irgendwo bewusst gesteuert, sie sind durchdacht, an ihnen wird noch akribisch herumgefeilt oder sie werden ausgebaut, erweitert. Ein ganz erheblicher Anteil kommt übrigens deshalb zustande, weil man Dinge oder Taten als Gegengabe für etwas erwartet. Ich habe dir doch …, also musst du jetzt auch mir …!

Und?
Nun, diese Variante zur Einstimmung vorweg. Es ist zum einen sinnvoll, sich das Prinzip manchmal zu verdeutlichen. Es schützt davor, sich in etwas Merkwürdiges zu verrennen. Doch im Moment dient es vor allem dazu, den Unterschied zu einem anderen Typ von Erwartungen zu zeigen: Dem oben genannten, dem Typ der lediglich irgendwo im Unterbewusstsein verankerten Exemplare. Nicht konstruiert, nicht geplant. Sie sind einfach da, ohne dass Sie darüber nachdenken.
Wieso?
Aus dem, was Sie ständig erleben und was Ihnen widerfährt, sammelt, hortet und bastelt Ihr Gehirn etwas zusammen. Danach grabscht es eigenständig, nimmt auf, was passiert, speichert alle Angaben zu Ursache, Ablauf, Auswirkung und selbstverständlich auch Ihre Reaktion darauf!
Kommt Ihnen später etwas Ähnliches unter, zapfen Sie ganz intuitiv Ihr Gedächtnis an. Sie rufen flugs und automatisch die Ihrer Meinung nach passenden Erfahrungswerte ab. Sie haben in Millisekunden ein Bild vor Augen, einen Ton im Ohr  etc., und aus den Ihnen zur Verfügung stehenden Speicherdaten entsteht Ihre Erwartung hinsichtlich des Kommenden, dessen, was nun  – Ihrer Meinung nach – passieren müsste. Und? Passiert’s?
Pustekuchen!
Es kommt manchmal ganz anders! Beispiel?

Ich stehe am Sonnabend in meinem Wohnviertel an einer Straßeneinmündung (Claudiusstr./Schloßstraße) und warte an der Ampel  auf Grün für die Fußgänger. Plötzlich nähert sich auf der Hauptstraße lautlos, aber mit wild zuckendem Blaulicht, ein Streifenwagen. Die anderen Autos bremsen ab. Er kommt auf der Gegenspur heran, fährt plötzlich diagonal über die Kreuzung direkt auf mich zu, schleicht dann über die Bordsteinkante, entert so den Gehweg und stoppt knapp neben mir. Motor aus. Stille. Blicke aus dem Fahrzeug.
Ehe ich mich versehe, kommt ein zweites Einsatzfahrzeug auf dieselbe Art heran und hält ebenfalls eine Armlänge vor mir entfernt, nur eben auf der anderen Seite. Mitten auf dem Gehweg! Links Polizei, rechts Polizei. Sie schneiden mir den Weg ab. Die Wagentüren gehen auf …
Wie wäre Ihnen zumute? Was tut sich da?
Alles läuft irgendwie anders als erwartet. Alles ist so verdammt leise. Wieso jaulen keine Sirenen, wieso jagen die Gesetzeshüter nicht die Straße entlang, wieso preschen sie nicht mit quietschenden Reifen vor, wieso brüllt keiner Anweisungen? Wieso stehen außer mir alle anderen Passanten mit ihren Einkaufstüten völlig unbehelligt auf der anderen Straßenseite – ohne Polizei um sich herum?
Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts verbrochen, doch seien Sie versichert, in einem solchen Moment huschen ganz viele wüste Phantasien durch Ihren Kopf! Dann fällt Ihnen ein, dass manchmal harmlose Bürger verwechselt werden, irgendwer jemanden fälschlich einer Tat bezichtigt usw.
Mir war mulmig! Wirklich!
Das Wahrnehmen der Waffen macht es auch nicht besser.

Dann blendet sich Ihr toller Verstand ein und raunt Ihnen zu, dass kein Polizist einfach so mit der Waffe herumfuchteln wird, solange Sie still auf dem Bürgersteig stehen. Das alles sind nur Sekundenbruchteile, in denen Ihnen trotzdem tausend Dinge und eben auch Ängste durch den Kopf gehen. Was nun? Ihr Gehirn morst ans Gedächtnis, welches verzweifelt versucht, Ihnen Erfahrungswerte zuzuspeisen.
Nur, da gibt es keine! Der Fall kam nämlich noch nicht vor!
Folglich können Sie auf die Schnelle ersatzweise nur auf das zurückgreifen, was Sie in Büchern und der Zeitung gelesen oder im Fernsehen bei Krimis gesehen haben. Dort kommt die Polizei ausschließlich, um Verbrecher zu jagen. Die Konsequenz? Herzbubbern.
Oh Gott, ich bin ein Verbrecher!
Inzwischen sind die vier Beamten ausgestiegen. Und schon bekommt das Hirn Neues zu verarbeiten. Es sind drei Polizistinnen und nur ein männlicher Kollege. Das Schöne daran, Sie driften gleich von der Sorge, man könnte Sie für einen Verbrecher halten, ab und beschäftigen sich stattdessen mit der Frage, ob es inzwischen mehr weibliche als männliche Polizisten gibt, warum die dritte Frau im Gegensatz zu Ihren Kolleginnen keinen Zopf geflochten hat und warum kein einziger von Ihnen eine Mütze zur Uniform trägt.
Überhaupt keiner!
Meine Erwartung diesbezüglich muss uralt sein, vor Urzeiten abgespeichert, völlig antiquiert. Sie sagt nämlich noch, ein Polizist hat gefälligst eine Mütze auf dem Kopf zu haben. Bei Kälte sowieso. Im Sommer kann man ja darüber reden.

Durch die Ablenkung ist das beklemmende Gefühl also mittlerweile verflogen. Die Beamten wirken inzwischen harmlos, es ist außerdem helllichter Tag. Das schließt kein Massaker aus und auch nicht meine Verhaftung, aber nein, sie haben es nicht auf mich abgesehen, sondern auf das Eckgebäude hinter mir. Sie nähern sich langsam dem Eingang, erklimmen – sich aufmerksam umschauend – die wenigen Stufen bis zur Glastür, versuchen trotz Spiegelungen durch die Scheibe hindurch den dahinterliegenden Vorraum zu inspizieren und verschwinden schließlich im Haus.
Irgendein Alarm wird ausgelöst worden sein. Die leise Anfahrt deshalb, um Täter/Einbrecher – falls Sie sich noch im Haus aufhalten – nicht vorzeitig zu verjagen.

Ich bin erleichtert. Die Ampel zeigt bereits zum zweiten Mal Grün für mich. Beim ersten Mal habe ich mich gar nicht getraut, mich vom Fleck zu bewegen! Nun sehe ich zu, dass ich wegkomme, wer weiß, was sich hier noch entwickelt.
Drüben auf der anderen Straßenseite steht eine zierliche, junge Frau. Typ Engel, feines, blondes Haar in leichten Kringeln fallend. Rein vom Aussehen und ihrer Statur her, vermuteten Sie bei ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit eine glockenhelle, mädchenhafte Stimme. Als ich mich ihr nähere, ruft sie mir entgegen:
„Was ist denn dort los? Ist eingebrochen worden?“
Glauben Sie mir, gegen sie war Zarah Leanders Stimme (da haben wir sie nun) ein Sopran! Ich habe selten eine Frau – schon gar nicht ein so zartes Wesen! – mit einer derart tiefen Stimmlage gehört. Wäre ein Mann neben ihr gewesen, hätte ich gedacht, da sei ein Bauchrednerteam. Er spricht, sie macht die Mundbewegungen …

Sie sehen, Erwartungen dieser zweiten Gattung taugen auch nicht viel. Nicht alle sog. Erfahrungswerte sind auf sämtliche neuen Situationen übertragbar. Sie leiten gern fehl. Sie verleiten zu Annahmen. zu Schubladendenken. Bleiben Sie lieber offen, durchkämmen Sie von Zeit zu Zeit auch Ihre interne Speicherplatte! Überprüfen Sie sie kritisch, misten Sie Ihr Gedächtnis gelegentlich aus, wenn sich Komisches eingeschlichen hat oder aber ergänzen Sie diesen wichtigen Punkt:
Es ist nicht immer so, wie es scheint!

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

, , , , , , , , , , ,

13 Kommentare

Wie hieß das gleich noch mal? – Anzeichen digitaler Demenz …

Michèle Legrand (WordPress)„Wie heißt das noch, was Sie da machen?“ Der Tischnachbar fragt, als ich gerade aufschaue, um nach meiner Kaffeetasse zu greifen. „Meine Frau macht diese Dinger auch“, ergänzt er.
„Das Zahlenrätsel meinen Sie? Das ist ein Sudoku“, antworte ich ihm.
„Richtig, genau so heißt das! Sagen Sie, macht das eigentlich Spaß?“ Er klingt nicht davon überzeugt.
„Ja, schon – außerdem hilft es ein bisschen.“
„Wieso? Wie denn? Ich meine wofür oder nein, wogegen?“
„Gegen etwas, was mich wurmt. Es ist eine Art Trainingsübung, die ich absolviere, seit ich bei mir die ersten Anzeichen von digitaler Demenz bemerkt habe.“
„Ach, hören Sie auf, die gibt es doch gar nicht! Oder doch?“

Der Herr, der ein Stückchen weiter sitzt, einen Espresso trinkt und bisher mit seinem Smartphone beschäftigt war, ist sich nicht sicher, und ich kann ihm die Existenz auch nicht mit letzter Gewissheit bestätigen, denn man weiß bis heute nicht so genau, wie verheerend oder harmlos die Auswirkungen der digitalen Datenflut, die Folgen der intensiven Internetnutzung oder auch die des digitalen Lernens durch bereits kleine Kinder sind.
Man ist sich uneinig in den Kreisen der Fachleute, weiß nicht mit Sicherheit zu sagen, was Surferei, ewiges Herumgoogeln und  Datenmassenandrang im Hirn bewirken. Diese bunte, wirre und bald unüberschaubare Vielfalt,
Darüber gibt es selbstverständlich viele Forschungsarbeiten, einige Studien, Umfragen, Berichte und Bücher, die sogar Bestseller wurden! Doch manche der Untersuchungen, die dazu durchgeführt wurden, waren zu speziell, zu herausgepickt oder aber so verallgemeinert, dass die Resultate ebenso gut dadurch entstanden sein konnten, dass andere Umstände mit hineinspielten und das Ergebnis beeinflussten.
Besondere Reaktionen sowie Verhaltensänderungen und -auffälligkeiten sind zudem oftmals nur über einen verhältnismäßig  kurzen Zeitraum dokumentiert. Es fehlt der penibel durchgeführte Langzeitvergleich unter konstanten Bedingungen.
So lässt sich bisher eine durchs www. (und alles was damit verbunden ist) verursachte Demenz weder völlig bestätigen noch definitiv ausschließen.  Zu widersprüchlich und nicht beweiskräftig sind die Aussagen und Erkenntnisse bisher.

Und? Somit alles bestens? Kein Grund zur Sorge?

Wenn Sie mich fragen, ist es letztendlich sowieso nicht ausschlaggebend, was die Wissenschaft dazu vorweisen kann und ob ein offizielles „Vorsicht, Demenz!“ kursiert.  Jeder Mensch reagiert – unabhängig davon, ob digitale Demenz offiziell bestätigt oder inoffiziell existent ist. Wie stark, merkt er am besten selbst.
Nur, selbst die ziemlich sichere Annahme, dass Demenz definitiv entsteht, vermag es wohl kaum zu schaffen, dass sich in der Gesellschaft wirklich etwas ändert. Gäbe es aus Gesundheitsbewusstsein wieder weniger Computer, weniger Handys, weniger Elektronik, eingeschränkten Zugriff auf das Netz? Mit Sicherheit nicht.
Es gibt jedoch auch kein Attest für Sie, eine offizielle Bestätigung, dass sie gefährdet sind oder daran bereits leiden. Ein Befund, der Ihnen vielleicht Vorteile, Erleichterungen oder Hilfe und Behandlung sichern würde.
Nein, nein, ich habe eher das Gefühl, selbst darauf schauen und entdecken zu müssen, wie das Computerzeitalter sich auf mein Hirn und das der Menschen in meinem Umfeld auswirkt!
Die heutige Art der Wissensaufnahme und des Arbeitens verändert das Gehirn! Das sagt kein weiterer Forscher, das ist meine Erkenntnis, das behaupte ich einfach.

Mein Szenario – das brauche ich, um den Ablauf für mich zu verstehen! – sieht in etwa so aus:
Das Hirn nimmt Unmengen von außen auf. Verschiedenes, wahllos gemischt, schnell! Teilweise rund um die Uhr – im Beruf und in der Freizeit –  ist es den Neuigkeiten und Masseninformationen aus aller Welt via Netz genauso wie Reaktionen, Gesprächen etc., optischen, akustischen oder andersgearteten Reizen und vielem mehr ausgesetzt.
Offensichtlich bemerkt es irgendwann, dass leichte Überfüllung herrscht, viel Unnützes und sogar ausgesprochener Mist dabei ist und sortiert aus. Relativ rigoros und etwas unkontrolliert hinsichtlich des Inhalts. Egal, Hauptsache, da wird wieder Platz geschaffen.
Weg damit!
Das Hirn ist wie ein Schwamm, der aufsaugt. Das macht er willig so lange, bis er vollgesogen ist. Und dann? Das Problem heute ist, dass er zwischendurch keine Zeit hat zu trocknen. Früher schien es so, als würde Information eher wie ein Rinnsal unter der Tür durchlaufen. Stetig, in der Menge jedoch überschaubar.
Schnell den Schwamm vor die Ritze und das Wasser aufgetupft! Geht doch gut. Oh, es läuft nach! Noch einmal auf die gleiche Stelle. Fein, alles aufgesogen …
Der Schwamm, sprich Ihr Hirn, konnte nun den Inhalt speichern, auswerten, verarbeiten, anwenden und repetieren. Während dieses Prozesses konnte er nebenher trocknen und war wieder einsatzbereit, um neue Rinnsale zu stoppen und aufzunehmen.
Heute scheint bei Ihnen hingegen dauernd jemand die Tür sperrangelweit aufzureißen und die Wassermassen quellen nur so herein. Werfen Sie um. Eine mittlere Springflut. Sie tupfen wie ein Weltmeister und doch kommt der Schwamm nicht hinterher. Das unproduktive, wilde von links nach rechts wischen bringt nichts – der Schwamm nimmt nichts mehr auf.
Was nun?
Sie schauen sich heimlich um, und in einem unbeachteten Moment quetschen Sie das Ding irgendwo aus. Die meisten tun es fatalerweise über einem Sieb …  Alles weg.

Das Hirn merkt sich heutzutage lediglich einen verschwindend kleinen Teil richtig und dauerhaft, das meiste ist nur noch zum Kurzbesuch da oben. Warum auch merken, man kann ja nachschauen. Zum hundertsten Mal! Das darf man nicht so eng sehen …, und es geht ja schnell. Hundert Mal schnell ist im Endeffekt allerdings wesentlich länger als einmal richtig.
Die Konzentration ist unter aller Kanone und wäre Zuhören können ein Fach mit Noten, wären wir ständig versetzungsgefährdet. Die Menschheit zeigt Suchtanzeichen und ist daher natürlich der Ansicht, dass wir das alles bräuchten, wir darauf angewiesen sind und es ein ungeheurer Segen sei. Es erleichtert ja vieles so kolossal.
Lieber gestresst damit leben, als auf Entzug sein.
Es stimmt, dass vieles heute superschnell zu erledigen geht. Keiner muss mehr mit Stift und Block vor dem Kassettenrecorder sitzen und während eines Lieds ständig die Stopptaste drücken, damit er in mühevoller Kleinarbeit den Liedtext niederschreiben kann.
Keiner will diesen Zustand wieder zurück!
Sicher ist es prima, wenn der ganze Text mit einem Klick im Netz aufgerufen werden kann.. Doch ganz ehrlich, von den Texten, die so präsentiert und gesehen werden, von hier nach dort kopiert werden, bleibt nicht viel haften, wohingegen die uralten, auf die andere Art erfassten Texte, heute noch im Kopf abgespeichert sind.
Das ist der Unterschied zwischen bloßem Hinsehen und Auf- bzw. Wahrnehmen.

Oder Telefonnummern! Wer weiß noch Telefonnummern und kann sie auswendig?
Wozu?
Die Frage ist berechtigt, wo wir doch nur noch den Knopf mit dem Namen des Anzurufenden anklicken brauchen, den Rest macht das schlaue Smartphone. Auch hier wünscht sich niemand unbedingt alte Zeiten zurück. Nur mit diesem überreichlichen Angebot an elektronischen Hilfsmitteln und Wundergeräten, gibt es kaum noch Möglichkeiten, sein Gehirn auf etwas zu trainieren, was dem Gedächtnis und der Konzentration hilft.
Man hat  ja nicht einmal die Chance!
Die Nummern werden Ihnen, sobald Sie einen Namen dazu gespeichert haben, doch nicht einmal mehr gezeigt!  Die Krux ist, Ihr Gehirn ist mit Informationen, die auf es einstürmen, einerseits komplett überfordert, aber andererseits auch völlig unterfordert, was das Training fürs Merken und die Konzentration angeht. Merkfähigkeit und -dauer sowie Konzentrationsfähigkeit und -spanne sind heute geradezu als gnomenhaft zu bezeichnen!
Lachhaft gering!
Man weiß, dass bei mangelnder Übung und zu geringer Nutzung Verknüpfungen im Hirn nicht mehr funktionieren. Sie stellen ihren Dienst ein und kommen einfach nicht mehr zustande. Wenn das Gehirn bei seiner Tätigkeit mit der eines Muskels vergleichbar ist, dann verkümmert es wie dieser es tut, sobald er ohne Training und Beanspruchung bleibt. Und sobald Nervenzellen erst absterben und auch neue keine Überlebenschance haben, weil sie von vornherein gar nicht genutzt werden, lässt das Gedächtnis nach.
Das geht ziemlich flott!
Für die bei immer mehr Menschen nachlassende Fähigkeit, zuhören und sich länger auf etwas konzentrieren zu können, ist zusätzlich offenbar das sehr verbreitete Verhalten, mehrere Geräte gleichzeitig zu nutzen und mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, ein Auslöser. Auch beim Multitasking ist man sich – wie bei der digitalen Demenz – nicht eins hinsichtlich der Auswirkungen oder ihres Umfangs.

Und ich? Wie ist das nun bei mir?
Ich nutze das Internet. Ich nutze Google und andere Suchmaschinen. Ich habe eine Smartphone.
Irgendwann bemerkte ich an mir beginnende Anzeichen von leichter Doofheit. Sachen, die ich gerade nachgelesen hatte, waren kurz danach weg.
Nichts behalten!
Die Orientierung verschlechterte sich. Statt Karten war das Navi zum Einsatz gekommen. Die Umgebung brauchte ich nicht mehr im Hirn abzuspeichern, nur auf den vorgegebenen Weg zu achten.
Einerseits herrlich einfach, ein Segen, oder? 
Nur hinterher hatte ich keine Ahnung, wo genau ich eigentlich gewesen war.
So etwas fuchst mich ungemein! Das ist ein unhaltbarer Zustand!
An anderen nervte und nervt mich weiterhin, wenn alles zig Mal wiederholt werden muss, weil keiner vernünftig zuhört.
Und am allermeisten wurmen mich die zunehmende Abhängigkeit von elektronischem Gerät und die Tatsache, dass seelenlose und skrupellose Geräte mir meinen Kram aus der Hand nehmen! Nicht als Helfer, der einspringt in der Not, sondern als vermeintlich schlaues Ding, dass mich langsam aber sicher immer hilfloser macht und mich dümmer zurücklässt.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, ob es sie gibt“, antworte ich meinem Tischnachbarn, „aber ich sehe an mir, dass es Folgen hat, wenn ich nur via Netz Neues erfasse. Mein Gehirn baut ab.“
„Und da hilft dieses … Zeug?“ Er zeigt auf mein Zahlenrätsel.
„Ja, unter anderem.“
„Also, meine Frau meint ja, ich würde auch viel vergessen und nicht richtig zuhören.“
„Nutzen Sie viel die modernen Geräte und das Internet? Ihr Smartphone?“
„Ja, klar! Geht doch fix damit.“
Ich zeige auf mein Rätsel.
„Erinnern Sie sich noch, wie das „Zeug“ hieß?“
„Ne, hab’ ich schon wieder vergessen …“ Er stutzt leicht.
„Sehen Sie“, fahre ich fort, „so etwas meine ich. Und da ich nicht digital dement werden möchte, nutze ich seit längerer Zeit meine elektronischen Geräte noch bewusster und sehr gezielt. Trotz allem kommen Stunden zusammen, denn sie sind immerhin Arbeitsgerät. Allein dadurch kann ich somit den persönlichen Verfall wohl nicht verhindern.
So habe ich umgeschaltet auf mehr Gehirntraining. Als Ausgleich. Keine offiziellen, wahnsinnig ausgeklügelten Übungsprogramme, aber überall dort, wo es geht, bin ich am Hirn trainieren. Präge mir Dinge ein, versuche Zahlenketten systematisch zu erfassen, halte mich dazu an, mich eine bestimmte Zeit auf etwas Vorgegebenes zu konzentrieren. Ausschließlich darauf! Höre intensiv zu und gebe mir quasi vorher die Aufgabe, dass ich hinterher in der Lage sein müsste, eine Inhaltsangabe oder besser noch – rein theoretisch – eine Nacherzählung davon anzufertigen. Auch noch nach drei Tagen.
Ich konstruiere Eselsbrücken, arbeite mit Gedankensprüngen, Geschichten … wie in guten alten Zeiten. Die Doofheit hat nachgelassen.“
„Vielleicht ist das aber nicht das Internet, was Schuld ist, sondern wir werden ja alle auch älter …“, meint er nachdenklich.
„Sie können damit recht haben“, bestätige ich ihm, „die Möglichkeit will ich gar nicht abstreiten. Doch selbst wenn es lediglich eine altersbedingt nachlassende Gehirntätigkeit sein sollte, kann ich mir mit meinem Programm ja nicht schaden.“

Für mich wird es Zeit. Ich mache Anstalten aufzubrechen. Er wirkt ein bisschen in Gedanken versunken. Während ich meine Jacke schließe, holt er sein Handy wieder hervor und meint abschließend:
„Ne, schaden kann’s nicht. Moment! Wie hieß das jetzt gleich noch mal, dieses Rätsel?  So… Su… Sudu …?“
„Auf Wiedersehen“, winke ich ihm zu und ergänze beim Griff nach der Tasche:
„Sie sind jünger als ich, ich würde in Ihrem Fall von digitaler Demenz ausgehen …“

©Januar 2014 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , ,

11 Kommentare

Spontane Schoßgäste, Jagd auf Aliens, gekappte Daumen und Glitzerziegen: Bahnfahrterkenntnisse (2)

Neulich habe ich mich richtiggehend erschrocken!
Karlsruhe Hauptbahnhof. Ich wartete auf den Zug, der mich heimbringen sollte. Der Bahnsteig füllte sich und eine knackende, rauschende Lautsprecherstimme verkündete, dass ICE 74 in Kürze einlaufen würde.
In Kürze!
Das ist relativ. Oft dient diese Ansage gefühlt nur der Besänftigung der Wartenden. Doch ich wollte zuversichtlich sein.
Nun, immerhin sagt sie ihn schon an, dachte ich.
Ich hatte den Gedanken noch nicht einmal zu Ende gedacht, da fuhr der Zug auch schon ein!
Vor der Fahrplanzeit!
Haben Sie das schon einmal erlebt?
Vorher?
Und der Schock war noch nicht vorbei!
Der Zug hatte auch alle Waggons dabei! Sogar meinen, in dem ich reserviert hatte!

In der letzten Zeit hatte ich anderes erlebt. Nicht immer die Schuld der Bahn, möchte ich betonen, denn häufig waren die Verspätungen und Ausfälle eine Folge von Unfällen an der Strecke, entstanden durch mutwillige Beschädigungen an Gleisen und Weichen sowie durch Vandalismus im Zug in einer Form, dass Waggons nicht mehr benutzbar waren und Ersatzzüge fuhren (die, bei denen dann die ursprünglich genannten Waggons nicht immer alle dabei sind).
Bei mir kam jedoch das Original. Superpünktlich! Ein gutes Zeichen?
Es fing zumindest vielversprechend an. Dementsprechend war ich nun überaus neugierig auf meine Sitznachbarn. Sie wissen aus Teil (1), man kann auch neben verdrießlichen Steinen landen, die man erst neutralisieren muss, um angenehm zu reisen. (Neutralisieren sagte ich, nicht eliminieren.)
An diesem Tag stellte ich fest, dass ich wieder einmal unerhörtes Glück mit den Reisegefährten hatte. Es begann so:

Frankfurt - vom Zug aus gesehen

Frankfurt – vom Zug aus gesehen

Der Großraumwagen ist schon dicht belegt, der Nachweihnachtsreiseverkehr ungebrochen. Gedrängel im Zug, Staus im Gang, und es dauert ein Weilchen, bis ich am Zielort ankomme. Meinen Platz am Vierertisch kann ich anfangs nicht einnehmen, denn mein Sitznachbar hat sich ein bisschen ausgebreitet, solange keiner neben ihm saß. Bücher liegen kreuz und quer auf dem Tisch, ein MP3-Player auf seinen Beinen, die Winterjacke auf dem freien Platz. Die Zwischenarmlehne ist hochgeklappt, er hängt bequem leicht quer und ist gerade beschäftigt. Hört auch nichts, weil die Ohrhörer drin sind. Sein Gegenüber macht ihn darauf aufmerksam, dass ich da bin, noch ehe ich dazu komme, mich selbst direkt an ihn zu werden.
Mein zukünftiger Nachbar wird etwas hektisch, springt hoch, schiebt alles wild zusammen, bleibt im Kabel hängen, das vom Ohr zum MP3-Player führt und sucht nebenher seinen rechten Schuh.
Wir einigen uns darauf, dass er den Tisch vorerst belegt lassen kann und nur sich sortiert.
(Das war der Anfang einer Freundschaft, die bis Hannover andauerte und nur endete, weil er mich dort verließ.)

Ich habe in ihm einen sehr intelligenten und freundlichen Schweizer als Sitznachbarn, der aus der Nähe von Luzern kommt, thailändischer Herkunft ist und mit Schweizer Dialekt spricht. Das ist ein wenig so, wie wenn Yared Dibaba auftaucht und plattdeutsch lossnackt.
Bald hockt er recht dicht neben mir, und ich werde regelrecht gelöchert, woher ich komme, wohin ich will, ob ich seine Stadt kenne etc. Ich stehe Rede und Antwort, was ich bei mir noch fremden männlichen Wesen sonst nicht sofort mache, doch sein Vater ist dabei. Der Herr gegenüber. Der wird den Sohn schon im Auge behalten …
Mein Nachbar Simon verrät mir nach der ersten Kennenlernphase vertraulich, dass er „schon“ zehn Jahre alt sei. Die Bücher auf dem Tisch sind u. a. einige Drei-Fragezeichen-Bände. Über Justus, Peter und Bob kann man sehr gut Unterhaltungen führen. Und über Luzern. Denn ich kenne das Verkehrshaus dort, was ihn freut, weil er es mag. Und über Thailand. Und Hannover. Dahin ist er unterwegs und will die Oma besuchen.
Sie sind schon eine Weile auf Reisen. Sein Vater hatte es sich so schön gedacht: Ganz viele Bücher und Musik im Ohr sollten den Filius leicht ein paar Stunden beschäftigen, doch er verrät, dass der Kerl schon kurz hinter Basel Hummeln im Hintern hatte und sich nicht auf Bücher konzentrieren konnte. Es gab zu viel im Zug, was ablenkte. Leider immer nur kurzzeitig. Danach kamen jedes Mal die obligatorischen Fragen: Wann sind wir da? bzw.  Was kann ich jetzt machen? Es ist ganz offensichtlich, dass er über die lockeren Unterhaltungen zwischen seinem Sohn und mir sehr erfreut ist, kommt er doch nun selbst zum Lesen und Verschnaufen.
Nach zehn Minuten plagen ihn jedoch offenbar genau deshalb Skrupel, denn er sagt dem Sohn:
„Nun lass die Dame mal wieder ein bisschen in Ruhe.“
„Okay … Was kann ich machen?“

Der Vater erinnert sich an Käsekästchen. Kennen Sie dieses Striche zeichnen – auf möglichst kariertem Papier – und dabei Kästchen bilden?  Immer wenn ein Kästchen alle vier Seiten hat, darf der, der es mit dem letzten Strich geschlossen hat, es als seins betrachten und sein Zeichen (Kreis oder Kreuz) hineinmalen. Wer am Ende die meisten hat … Sie kennen das.
Ich habe es ewig nicht gemacht.
Der Vater findet den mitgenommenen Stift nicht.
„Ich weiß genau, ich habe einen in deinen Rucksack getan“, verkündet er und wälzt den Inhalt des Gepäckstücks um.
„Du musst das immer ordentlich einsortieren, Papa, dann findet man das auch“, vermeldet Simon weise.
„Wir wär’s, wenn du es das nächste Mal selbst machst?“ Touché. Der Vater lässt die leichte Kritik nicht so auf sich sitzen.
„Ja, mal schauen …“, meint Simon.
Immer vage halten, gell? Fast wäre der Schuss nach hinten losgegangen. Ich helfe mit einem meiner Stifte aus, woraufhin der Knabe das Spiel nicht mit dem Herrn Papa sondern mit mir spielen möchte.
„Ja, Simon, aber …!“ Die Skrupel kommen wieder durch.
„Ist ja ihr Stift, Papa!“
Überzeugt?

Bahnfahrt Karlsruhe - Hamburg / Käsekästchen malen mit Simon ...

Bahnfahrt Karlsruhe – Hamburg / Käsekästchen malen mit Simon …

Es hält uns solange beschäftigt, bis es immer schwieriger wird, keine weiteren Kästchen zu bilden bzw. es schwerfällt, nicht Vorlagen für den Gegner zu produzieren. Ihm unterlaufen Fehler, und er befürchtet, ich könnte am Ende besser abschneiden. Gewinnen …
„Du, wir machen später weiter …“, informiert er mich ganz nebenbei.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Später war dann nie. Ein schlaues Bürschchen, wie gesagt …
„Ja, klar“, antworte ich.

So verging die Zeit. Der Abstand bis zur erneuten Frage nach der  Restdauer der Reise hatte sich verlängert. Ganz einfach wäre die Beantwortung auch nicht gewesen, denn der Zug fuhr seit einiger Zeit etwas langsamer …

In Frankfurt treffen wir bereits mit Verspätung ein. Im Zug wird informiert, dass es einen Notarzteinsatz bzw. einen Unfall an der Strecke gab und wir daher nun ab Frankfurt eine Umgehungsstrecke fahren würden. Ankunft in Kassel mit vermutlich 40 Minuten Verspätung. Mein junger Freund zeigt Anzeichen von Verzweiflung, daher hoffe ich auf Verstärkung bei der Unterhaltung in Form von in Frankfurt neu zusteigenden, freundlichen Lebewesen.
Wir betrachten gemeinsam, wer sich durch die Gänge schiebt. Eine Frau trägt ein Bärenjunges vor dem Bauch mit sich herum.
Wie? Bärenjunges?
Der zweite Blick klärt auf, es ist ein Baby im Bärenoutfit. Es steckt in einem Overall mit angenähten Fäustlingen/Füßlingen, inkl. Kapuze mit sehr markanten Bärenohren. Alles aus braunem Teddyplüsch. Und die Mutter hat ihr Baby darüber hinaus nicht „hochkant“ vor sich sondern quer, Arme und Beine schlaff herabhängend lassend. Täuschend ähnlich, dieser Bär.
Simon findet das sehr lustig. Aber er selbst möchte nicht so einen Anzug tragen. Die Ablehnung als Antwort auf meine Frage kommt schnell und klingt absolut sicher.

Frankfurt/Main - Hauptbahnhof

Frankfurt/Main – Hauptbahnhof

Mittlerweile findet ein Platzgetausche  statt. Am Vierertisch nebenan wird umarrangiert. Das vorhin fast eingeschlafene junge Mädchen, das bisher am Gang saß, wechselt auf einen freien Einzelplatz einige Reihen weiter, während zwei junge Herren dadurch nun zusammen sitzen können und fortan sich gegenübersitzend die beiden Gangplätze neben uns belegen. Anfangs schätze ich die zwei auf 16-18, doch später stellt sich heraus, dass der Ältere der beiden schon 21 ist, der andere und nur unwesentlich jünger.

Der Zug befindet sich nun auf einer kurvenreichen, nicht für die Geschwindigkeit eines ICEs ausgelegten Strecke. Da man seitens der DB jedoch offenbar gern Zeit einholen möchte, wird ziemlich gebrettert. Bei Weichenpassierung mit Gleiswechsel werden Zuggäste und auch Personal stark durchgerüttelt. Ich drücke den armen Simon einmal fast ein bisschen platt. Als Konsequenz hält er mich danach mannhaft eine Weile fest und stützt mich ritterlich. Vielleicht ist es auch ein Selbsterhaltungstrieb.
Für ihn ist die Strecke wesentlich interessanter als die ursprünglich geplante. Man lernt auf dieser Tour nämlich das Hessische kennen. Es geht über Land. Friedberg, Wetterau, Marburg, Borken … und nebenher huscht der Zug durch haufenweise kleine Bahnhöfe, deren Namen an Leutheusser-Schnarrenberger erinnern. Nicht an die Dame direkt, doch diese Namenskonstruktionen klingen genauso und sind vermutlich auch auf die gleiche Art entstanden: durch Heirat. In dem Fall von Gemeinden.

Eine junge Frau torkelt durch den Zug. Stocknüchtern, alles Gewanke ist nur eine Auswirkung der Kurvenstrecke. Wieder eine Weiche. Und – schwups – hat es sie auf den nächsten Schoß geschmissen. Er gehört einem Herrn, der sich zunächst verschrickt, Anstalten macht aufzubegehren, danach sieht, was auf ihm gelandet ist, es sich anders überlegt und stattdessen freundlich zum Verweilen einlädt.
„Ach, bleiben Sie doch …!“
Es klingt gar nicht nach billiger Anmache, einfach nur humorvoll. Sie verzichtet, lehnt dankend ab und rappelt sich auf. Sie steht noch gar nicht wieder ganz senkrecht, da schießt der Zug rasant in eine engere Kurve. Sie fällt zur anderen Seite – auf Schoß Numero 2.
„Von mir aus können Sie auch hier bleiben“, grinst der Schoßbesitzer und äfft hinüber zu dem vorherigen Auffänger: „Ich gebe Sie Ihnen nicht zurück!“
In einem Ton, bei dem Sie sich das Ätschibätsch dazudenken dürfen. Ihr wird es langsam peinlich.
„Ich wollte mir einen Kaffee aus dem Bistrowagen holen, aber ich glaube, den werde ich zurück nicht mit an den Platz nehmen, sondern lieber dort trinken. Heißer Kaffee im Schoß wird von Ihnen sicher nicht so freundlich begrüßt.“
„Nun, das stimmt!“

Es beruhigt sich wieder und Simon fragt, wann wir denn nun ankommen. Es ist höchste Zeit für neue Attraktionen.

Die beiden jungen Herren, die neben uns sitzen, sind Brüder. Sie vertreiben sich die Zeit mit lesen und einem Spiel auf dem Handy. Der jüngere liest anspruchsvolle Lektüre, der ältere hat irgendein Fachheft zugunsten des Spiels weggelegt. Simon steht auf, stoppt bei dem Spieler und stellt sich vor.
„Ich bin Simon. Ich bin aus der Schweiz. Komme aber aus Thailand. Und wie heißt du?“
„Ich?“ Sein Gegenüber wirkt noch leicht überrumpelt. „Julius.“
„Wie Cäsar?“
„Hey, den kennst du?“ Julius ist überrascht, denn Simon wirkt jünger als zehn.
„Ja, kenne ich. Einer von den Römern. Ist aber schon lange tot.“
Julius’ Bruder grient über den Rand seines Buches.
„Was spielst du denn da?“ Simon hat die Förmlichkeiten erledigt. Ihm brennen nun Fragen unter den Nägeln.
Julius erklärt ihm das Spiel bereitwillig, Simon steht weiter im Gang, schaut ein Weilchen über die Schulter zu, bis der junge Mann innehält und ihm das Handy reicht.
„Hast du gesehen, wie es geht? Willst du selber mal? Nimm’s doch mit auf deinen Platz. Hier wollen ja dauernd welche durch. Kannst es mir später wiedergeben – wenn der Akku leer ist.“
Das ist sehr generös. Doch Julius hat natürlich ein weiteres Handy, das für die wirkliche Kommunikation gedacht ist. Das andere ist lediglich sein Zweithandy, fungiert als reines Spielegerät.
Der Schweizer ist begeistert. Sein Vater auch. Es bedeutet für ihn, die nächste Viertelstunde ist zumindest gerettet.
Von meinem Nebenplatz kommen jetzt komische Geräusche. Das Spiel hat er auf lautlos gestellt, doch er selbst kann nicht völlig still bleiben. Er schwenkt das Handy, mit beiden Händen quer haltend, wild durch die Gegend, macht merkwürdige Verrenkungen, zischt genervt, hält die Luft an und wird stocksteif, jubelt zwischendurch und verkündet nach einer Weile:
„Ich habe ein Alien gefangen!“ Und mit Blick hinüber zu Julius: „Und was jetzt?“
„Ein Alien?“ Julius wirkt irritiert.
„Ja!“
„Zeig mal!“

Simon stellt sich mit dem Handy neben Julius und zeigt auf das Display.
„Das ist kein Alien, das ist eine Schildkröte.“
„Aha. Sieht aber aus wie ein Alien. Ist ja auch egal. Was kommt jetzt?“

Ihm wird geholfen, doch offenbar war das Schildkröte einfangen der Höhepunkt in diesem Level. Simon beschließt daher, eine Pause einzulegen.
„Papa, wann sind wir da?“

Wir erreichen Kassel. Am Vierertisch nebenan ändert sich die Fensterbesetzung. Eine Mutter mit einer achtjährigen Tochter gesellt sich dazu. Die Kleine ist anfangs enorm schüchtern angesichts der großen Jungs. Auch sie hat u. a. elektronisches Spielzeug dabei, eine Art Konsole speziell für jüngere Kinder. Bunt mit großen Knöpfen. Die großen Jungs und auch Simon sind fasziniert von der Einfachheit des Spiels und den gar reizenden, lieblichen Figuren, die darin vorkommen. Auch sie wollen nun Prinzessinnen retten.
„Die müsst ihr nicht retten, die sollt ihr ankleiden!“, erklärt die Jüngste der Runde. Sichtlich stolz, dass sie mehr weiß.
Julius fällt etwas ein. Er stößt seinen Bruder leicht mit dem Fuß am Schienbein an.
„Gib mal bitte die Sachen von Oma raus.“
Die beiden haben ihrer Großmutter nach Weihnachten einen Besuch abgestattet und haben dort etwas abgesahnt. Sie haben eine besondere Oma, denn ihre holt regelmäßig beim Einkaufen Sticker für ihre Enkel. Immer noch! Julius erzählt, dass sie damit vor vielen Jahren angefangen hat und nun nicht mehr damit aufhört.
Und was sagen die jungen Männer dazu?
„Wir finden das cool, wir sind noch nicht zu alt für Sticker!“, beteuert Julius und zeigt  auf seinen Bruder. „Er hier, er war sogar noch auf einer Tauschbörse vorhin!“
Auf dem Tisch landet eine große Tüte. Darin befinden sich Unmengen von teilweise noch ungeöffneten Stickersammeltüten. Es muss sich um mehrere Serien handeln, denn die Verpackung ist höchst unterschiedlich.
Die Kleine bekommt Stielaugen. Sticker! Und eine Serie scheint sie zu erkennen. Die Tiersticker. Aber es erscheinen auch Motive aus Deutschland, Bilder zu Sportthemen, Sticker zu Filmen und vieles mehr.

In der nächsten Stunde sitzen Alt und Jung einträchtig beieinander und sortieren Sticker, kleben sie sogar in Sammelalben ein.
Ja! Die großen Jungs haben auch bunte Alben!
Und überzählige Exemplare landen bei dem Mädchen, das sein Glück gar nicht fassen kann. Julius hält ihr einen Sticker hin.
„Kennst du das, was da drauf ist?“
„Nein …“
Sie schaut verlegen.
„Das ist die Frauenkirche in Dresden.“
„Aha …“

„Sieht doch schön aus, oder …?“
„Ja, schon … und was ist das?“
Die Frauenkirche konnte sie nicht ganz so fesseln, sie hat daher ein weiteres Motiv aus dem Stapel gepickt. Julius schaut es sich an, dreht es, runzelt die Stirn und hält es dem Bruder hin.
„Was ist denn das für ein Tier?“
Der Angesprochene schaut es sich an und lacht:
„Das Tier gibt es doch gar nicht!“
Julius hat den Sticker umgedreht und entziffert ein Wort.
„Da steht, das ist ein Wolpertinger. Siehst du, das Tier gibt es doch!“
„Mann, das ist ein Fantasietier, ein Wolpertinger ist ein Fabelwesen! Das gibt es nicht! Habe ich dir doch gesagt.“
Julius grübelt und tippt auf das Bild.
„Sag mal, stammt der von Werner? Der hat doch mal so was gemacht, oder nicht?“
„Der hat zwar so etwas entworfen, aber aus anderen und auch noch mehr Tieren zusammengesetzt. Der Wolpertinger auf dem Sticker ist der aus Bayern, dieses alte, bayerische Fabelwesen.“
„Mensch, du bist echt ein wandelndes Lexikon
“, staunt Julius anerkennend.
Er nimmt den nächsten Sticker.
„Und wer ist bitteschön Aurora?“ Es klingt ein wenig herausfordernd.
Sein Er-erspart-mir-das-Nachschlagewerk-Bruder zieht nur leicht die Augenbraue nach oben.
„So nennt Disney sein Dornröschen …!“
Spricht’s, fischt nach einem anderen Album und klebt Aurora auf die entsprechend dafür vorgesehene Seite.
„Blättere noch einmal eine Seite zurück!“, bittet Julius.
Die Vorseite ist für Arielle und ihre Freunde reserviert. Einige Sticker fehlen noch.
„Was wolltest du denn gucken?“
„Schade, die Riesenmuschel fehlt immer noch“, bedauert Julius.
Alle filzen die restlichen Tüten und suchen im Stickerberg auf dem Tisch nach der Muschel. Vergebens. Dafür tauchen andere Schätze auf.
„Oh, die Glitzerziege!“ Die Brüder jubeln und sind außer sich vor Begeisterung.
Sie erklären dem Mädchen, dass sie diese Ziege leider unbedingt behalten müssten, die sei derbe cool. Als Alternative schnappt sich der Allwissende ein anderes funkelndes Motiv.
„Hier, du kannst aber Beethoven in Glitzer haben.“
Ah, wir haben jetzt offenbar die Musiker/Komponisten-Serie erwischt. Oder ist das eine einzige, thematisch breit gefächerte Glitzerserie? Ziegen und Beethoven …
Simon sortiert und macht Häufchen. Die Konzentration bei der Kleinen lässt langsam nach. Um ihren Hals baumelt ein Gurtband, an dessen Ende sich ein silberner Karabinerhaken befindet. Sie spielt mit den Fingern daran herum und steckt irgendwann den Haken in den Mund. Auf einmal fließen Tränen. Die Lütte hat sich mit dem Karabinerhaken die Lippe verklemmt! Während ihre verschreckte Mama sie befreit, entpuppt sich Julius als Retter der Situation und sorgt für Ablenkung.
Er kennt einen Trick mit seinen Händen, bzw. mit den Fingern. Er schafft es, es so aussehen zu lassen, als würde er mit der einen Hand die Daumenkuppe des einen Daumens abtrennen und beiseite schieben. Dazu knickt er den Daumen der einen Hand nach hinten, so dass nur noch das Stück bis zum Gelenk zu sehen ist, und setzt die Kuppe vom Daumen der anderen Hand daneben. Dazwischen verdeckt sein Zeigefinger den Ansatz. Er „fährt“ die Finger auseinander, was auf eine Art kolossale Heiterkeit hervorruft, aber im selben Moment ein beachtliches Schaudern sowie Gänsehaut hinterlässt. Das Mädchen hat jedenfalls ihre Lippenblessur völlig vergessen.
Das stürmische Gelächter veranlasst weitere Mitreisende hinüber- und dabei zuzusehen. Im Endeffekt lernen in den nächsten Minuten zehn Leute diesen neuen Trick und verbreiten ihn vermutlich in nächster Zeit weiter. Es wird Kreise ziehen, und es wäre interessant zu wissen, welche Reichweite Julius’ Demonstration erzielt.
Wenn Ihnen in nächster Zeit jemand damit kommt, dann reiste er vielleicht kürzlich im ICE Richtung Hamburg …

Moment, ich muss kurz einmal auf die Uhr schauen…. Oh, schon so spät!
Nun, Sie kennen das inzwischen, ich muss weg. Und wenn unser Treff hier länger ausfiel, dann kennen Sie das mittlerweile auch. Ich bin halt kein Freund davon, ein für mich durchgehendes Erlebnis in tausend Einzelposts aufzusplitten. Gönnen Sie sich gegebenenfalls doch einfach ein Päuschen beim Lesen. Es läuft Ihnen ja nicht weg.

Und wieder daheim ... Hamburg Hauptbahnhof am 28.12.2013, noch mit der Weihnachtsdekoration

Und wieder daheim … Hamburg Hauptbahnhof am 28.12.2013, noch mit der Weihnachtsdekoration

Die Reise endete mit am Ende 47 Minuten Verspätung. Für Simon und seinen Vater in Hannover, wobei Simon jetzt auf einmal gern weitergefahren wäre.
„Sind wir schon da?“, fragte er erstaunt, und es klang ein wenig enttäuscht.
Der Rest der Gesellschaft fuhr bis Hamburg. Dort war dann das kleine Mädchen untröstlich, die neuen, großen Ersatzbrüder zu verlieren. Immerhin versüßten all die geschenkten Sticker den Abschied.
„Mama, darf ich die bei mir an die Wand kleben …!“
„An die Wand?? Oh, Liebes, die gehen da gar nicht wieder ab!“
„Die sollen ja auch nicht abgehen!“
„Ja, aber irgendwann willst du sie vielleicht nicht mehr haben, wenn sie dir nicht mehr gefallen …“
„Ich finde die immer schön!“
„Ja, ich meine doch, wenn du dann älter bist!“
„Dann mag ich die immer noch ganz doll. Die großen Jungens fanden die ja auch immer noch schön!“
Dagegen soll erstmal einer etwas sagen …

Schluss.
Endgültig.
Bis zum nächsten Mal!

PS Denken Sie auch manchmal, dass Freundlichkeit ansteckt?

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

, , , , , , , , , , ,

22 Kommentare

%d Bloggern gefällt das: