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Bom dia, MADEIRA – Part 3: Funchal, Madeiras Hauptstadt

Heute haben Sie die Möglichkeit, ein oder sogar zwei Augen auf Funchal, die Hauptstadt Madeiras, zu werfen. Am Ende des letzten Parts deutete ich bereits an, dass es nicht um touristische Attraktionen allein gehen wird. Lassen Sie uns Funchal von unterschiedlichen Seiten betrachten und so ein bisschen Rückblick und Einblick wagen.

Funchal. Eine Stadt, die sich im Laufe der Zeit an einer eher sanft geformten Bucht an Madeiras Südostküste nicht nur entlang des Ufers in Westrichtung ausgebreitet hat, sondern die ganz allmählich den zum Teil recht steilen Hang dahinter halbkreisförmig in Beschlag nahm und an ihm hinaufkletterte. Direkt unten in der Bucht und entlang der Hauptstraßenzüge sind zwischen niedrigen auch typische Stadtbauten höherer Natur (Hotels, öffentliche Gebäude) vertreten, den Hang hinauf überwiegen die kleineren Wohngebäude  Überall erblickt man sie, mit zunehmender Entfernung scheinbar kleiner werdend, dicht an dicht errichtet. Helles Mauerwerk, in der Mehrzahl terracottafarbene Ziegeldächer, die im Sonnenschein warm aufleuchten.

Selbst am Abend funkelt es! Mit dem Einbruch der Dunkelheit blitzen am Hang plötzlich Tausende kleiner Lichter auf. Straßenbeleuchtungen, Licht, das aus unzähligen Zimmern dringt, der Schein von Glühbirnen, die als lange Ketten um die Stämme von Palmen oder anderen Bäumen gewickelt wurden und nun ihren großen Auftritt haben. Nur wenn Wolken und Dunst von Norden her über den Gipfel geschoben werden und im oberen Berg-
bereich hartnäckig hängenbleiben, ist es, als hätte jemand das Licht ausgeknipst, sämtliche Farben geschluckt und dazu noch Häuser geklaut.

Ziemlich weit oben, in 600 bis 800 m Höhe über dem Meeresspiegel liegt der Villenvorort Monte. Die Straßen, die hinaufführen, sind schmal, enorm steil und mit zahlreichen engen Kurven. Zu Fuß ist es ungeübt eine Herausforderung. Mit dem Auto im Prinzip auch. Anfahren am Berg ist hier keinesfalls eine Ausnahme, sondern die Regel. Selbst wenn Autos und Busse dabei permanent zu röcheln scheinen – sogar ein voll besetzter Bus schafft es hinauf. Herunter geht es wesentlich schneller … Egal auf welche Art.

Mit Sicherheit haben Sie schon von den Korbschlitten („carros de cesto“) gehört, mit denen direkt von Monte aus ein ganzes Stück auf Kufen hinabgerutscht und -geschlittert werden kann. Heute eher aus Jux oder als kleines Abenteuer, ursprünglich jedoch, um sich zumindest einen Teil des beschwerlichen Abstiegs zu ersparen. 1850 wurde die Schlittenidee ausbaldowert. Damals ging die Strecke bis ganz hinunter, heute endet die Tour eher (nach 2 km) und stellt nur noch eine Touristenattraktion dar. Vor 167 Jahren – d. h. noch vor der Zeit der Korbschlitten – gab es für die Anwohner keinerlei Alternative zum Fußmarsch, denn Straßen waren bis in diese Höhen noch gar nicht angelegt worden. Später, zwischen 1893 und 1943, fuhr eine Zahnradbahn hinauf, heute gibt es die Seilbahn. Die zeige ich Ihnen in einem separaten Teil, wenn es hoch zum Tropischen Garten von Monte geht.

Denken Sie sich jedoch gern noch einmal für einen Moment zeitlich zurück. Noch etwas weiter zurück als bis 1850. Etwa 600 Jahre…

Der weite Atlantik, Wellen bis zum Horizont. Der typische Geruch nach See. Ein Segelschiff nähert sich aus nordöstlicher Richtung. Bereits im Vorjahr war es in nicht allzu großer Entfernung hier entlanggekommen, musste bei widrigen Verhältnissen auf der Nachbarinsel Porto Santo Schutz suchen und hatte dabei entfernt weiteres Land erspäht. Der Segler stammt aus Portugal, fährt im Auftrag von Heinrich dem Seefahrer und ist schon geraume Zeit unterwegs. Plötzlich meldet der Posten im Ausguck: Land in Sicht!

 

Madeira - Ostküste

Madeira – Ostküste

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Das hölzerne Boot steuert auf die vor ihm liegende Insel zu. Vulkangestein, vereinzelt reckt sich erstarrte Lavamasse in unterschiedlicher Form vor der Küste aus dem Wasser. Die Brandung tost und bricht sich an diesen Widerständen.
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Madeira - Der östlichste Zipfel: Ponta de São Lourenço (eine Halbinsel, Naturreservat) - "Lavatropfen" im Meer ...

Madeira – Der östlichste Zipfel: Ponta de São Lourenço (eine Halbinsel, Naturreservat) – „Lavatropfen“ im Meer …

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Überhaupt ist das Ufer rau, recht dunkel der Grund. In der Ferne ragen einige Berggipfel auffällig hoch in den Himmel empor. Selbst direkt an der Küste erwarten die Ankömmlinge Felsen und Hänge, doch der Boden scheint sehr fruchtbar zu sein. Die Vegetation ist üppig, Teile der Insel sind von subtropischem Regenwald bedeckt.
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Madeira im Nordosten - Faial - Blick auf Penha de Águia (dt. Adlerfelsen)

Madeira im Nordosten – Faial – Blick auf Penha de Águia (dt. Adlerfelsen)

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Man weiß aus Aufzeichnungen und Erwähnungen, dass die Insel offensichtlich schon weit früher gesichtet wurde, doch die richtige Zeitrechnung Madeiras beginnt im Jahr 1419, als der portugiesische Wiederentdecker João Gonçalves Zarco mit seiner Besatzung am Archipel eintraf, sie im Osten an einer günstigen Stelle anlandeten, sich umschauten und wahrscheinlich sagten: „Ach, komm, sieht gut aus. Wir bleiben hier!“
Vielleicht war es Zarco selbst, der angesichts des damals hohen Anteils an Regenwald ergänzte: „Männer, hier gibt es so viel Holz. Nennen wir die Insel Madeira!“ Denn nichts anderes bedeutet es, wenn man ihren Namen ins Deutsche übersetzt.
An diesem ersten Ankerplatz der Portugiesen entstand – und befindet sich noch heute – die älteste Stadt der kleinen Atlantikinsel: Machico. Sie liegt nicht wie Funchal westlich vom Flughafen (Santa Cruz), sondern etwas östlich davon.
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Madeira - Machico - Igreja Da Nossa Senhora Da Conceicao (15. Jh.)

Madeira – Machico – Igreja Da Nossa Senhora Da Conceicao (15. Jh.)

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Madeira - Machico - Coral ist das Madeira eigene Bier ... (Wandmalerei mit einer Bierflasche CORAL)

Madeira – Machico – „Coral“-Bier ist die Eigenmarke der Madeirer …

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Warum die Ankömmlinge damals nicht gleich weiterzogen und sofort das Land um die großzügigere Bucht von Funchal herum für sich einnahmen und besiedelten?
So schnell ging das nicht! Es war unmöglich, denn exakt dort wuchs wilder Fenchel in Hülle und Fülle, der vor jeglicher Nutzung der Fläche zunächst mühsam gerodet werden musste. (Das portugiesische Wort funchal hat die Bedeutung von „viel Fenchel“.)

Man kreiste den Bereich folglich zunächst etwas ein. Zog von Machico allmählich westwärts, an der „Fenchel-
bucht“ vorbei und gründete einige Kilometer darüber hinaus an der Küste das Fischerdorf Câmara de Lobos. Von hier aus wurde operiert, bis endlich alles so weit vorbereitet war, dass der Gründung der Stadt Funchal 1421 nichts mehr im Wege stand.
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Madeira - João Gonçalves Zarco ( von Augusto Cid)

Madeira – João Gonçalves Zarco ( von Augusto Cid)

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Funchal, entstanden auf dem alten Fenchelgrund, ist heute als Hauptstadt das Zentrum der Insel.
Gesicherte Einwohnerzahlen zu finden, ist eigenartigerweise unmöglich. Jede Quelle, ob Reiseleiter, Reise-
führer in Buchform, Reisekatalog oder Internet, nennt andere. Vermutlich beziehen sie sich auf Zählungen
aus unterschiedlichen Jahren, basieren auf Schätzungen oder machen Unterschiede zwischen dem reinen Stadtgebiet und dem Kreis Funchal.
So gebe ich Ihnen gleich unter Umständen keine korrekt definierten oder brandaktuellen Zahlen, sondern Durchschnittswerte, doch ich möchte Ihnen anhand dessen einfach ein Gefühl für die Wichtigkeit und die zentrale Rolle Funchals vermitteln. Hier konzentriert sich nämlich alles!

Natürlich existieren weitere Städte, doch lassen sich diese an einer Hand abzählen und können an Madeiras Hauptstadt nicht im Entferntesten heranreichen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben sich viele Orte herausgeputzt, haben investiert, um auch eine Scheibe vom Touristenkuchen abzukriegen. Doch weder hinsichtlich ihrer Häfen, noch bezüglich städtebaulicher Aspekte, Ausstattung oder pflanzlicher Gestaltung, weder wenn es um das Freizeit-, Sport- oder Kulturangebot noch um sonstige Kriterien geht, kann auch nur eine von ihnen mithalten. Keine einzige übernimmt eine vergleichbare Funktion, hat diese Konzentration des Tourismus, keine spielt als Arbeitgeber eine derart große Rolle, nirgendwo sonst auf der Insel ist das Schul-
und Ausbildungsangebot für die Bevölkerung auch nur annähernd vergleichbar mit dem in der Hauptstadt.

Einige Zahlen machen die markanten Unterschiede etwas deutlicher:

Auf Madeira leben insgesamt ca. 280 000 Menschen. Davon um die 165 000 direkt in Funchal! Städte wie Caniço im Südosten mit ca. 23 000 Bewohnern, das besagte Machico in dessen Nähe, welches nach einigen Aussagen sogar die zweitgrößte Stadt der Insel mit einer Einwohnerzahl ebenfalls in diesem Bereich sein soll oder auch Câmara de Lobos westlich von Funchal mit über 20 000 Einwohnern sowie das kleinere Ribeira Brava im Südwesten mit ca. 15 000 Ansässigen, sie fallen im Vergleich weit zurück.
Alles was sonst noch kommt, sind kleine Ortschaften und Gemeinden. Und überall merkt man angesichts der stark schwankenden Zahlenangaben, dass umliegende Gemeinden wohl häufig zur Bevölkerung der nächsten Stadt hinzugerechnet werden, im Hauptstadtfall sicherlich, da die Bebauung nahtlos ineinander übergeht und daher Vorortcharakter besitzt – mehr denn den einer völlig eigenständigen Gemeinde.

Wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass auf Madeira inzwischen mehr als 30 000 Gastbetten zur Verfügung stehen und auch hier der Fokus auf Funchal liegt, dass jährlich fast eine Million Touristen anreisen und dazu noch einmal eine halbe Million Kreuzfahrturlauber in Funchals Hafen eintrifft und einen Zwischenstopp auf der Insel einlegt, dann wird schnell klar, dass die meisten Angestellten des Tourismusgewerbes im Zentrum, in der Hauptstadt, gebraucht werden.

Nur als Bewohner Madeiras direkt in Funchal wohnen? Inzwischen kann es sich kaum noch ein Einheimischer leisten, dort eine Immobilie in Form von Haus oder Wohnung zu erstehen. Und das, wo der Madeirer doch eher zum Kaufen als zum Mieten tendiert! Hypotheken werden von den Banken allerdings nur vergeben, wenn beide Ehepartner arbeiten …
Der Mindestlohn auf Madeira liegt bei 525 €, der Durchschnittslohn bei etwa 800 €. Nur Studierte mit sehr verantwortungsvollen Posten erreichen Löhne im Bereich von 1 000 bis 1 200 €. Wohnungen kosten jedoch schnell Beträge von 300.000 € und mehr. Der Traum von der eigenen Immobilie erledigt sich so im Nu, und selbst das eher ungeliebte Wohnen zur Miete stellt preislich keine wirkliche Alternative dar.
Bei einem angenommenen Kaufpreis von 300 000 € für eine Wohnung in Funchal, wird für eine Wohnung gleicher Größe und Ausstattung in z. B. Machico allerdings lediglich ein Drittel, also 100 000 €, verlangt …

Folglich wohnt ein Großteil der in Funchal arbeitenden Bevölkerung Madeiras in den umliegenden Dörfern und Kleinstädten und fährt jeden Tag zum Arbeiten in die Hauptstadt.
Dadurch, dass in den letzten Jahrzehnten – auch dank EU-Fördermitteln – viel in die Infrastruktur investiert wurde, gibt es heute Schnellstraßen und eine immense Anzahl von Tunneln, die quer durch die Berge gebaut wurden. Es verkürzt Arbeitsweg und Fahrzeit ganz enorm.
Während Sie als Gast des Seeblicks oder der angestrebten Bergziele wegen die ellenlangen Serpentinen-
routen nehmen und der Ausflugsbus Sie gewöhnlich dort ebenfalls entlangkutschiert, düsen die Madeirer direkt. Auch hier staune ich immer wieder, dass in Gesprächen die Zahl der Tunnel locker zwischen 145 und 300 schwankt …

Welche Einnahmequellen die Madeirer haben und wovon sie leben, kommt demnächst noch einmal zur Sprache, doch viele, die hier sind, sehen ihre Chancen natürlich am größten in der Tourismusbranche.
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Madeira - Funchal - Hotelanlagen in der Stadt ... (Anlage mit Pool)

Madeira – Funchal – Hotelanlagen in der Stadt …

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So ist es nicht verwunderlich, dass eine gute Tourismusfachschule ihren Standort auf der Insel hat und die angehenden Fachkräfte dort gleich mehrere Sprachen lernen. Englisch, Französisch und Deutsch stehen auf dem Plan, und ich staune und bewundere, wie das erlernte Wissen in der Praxis später angewandt und die Kenntnisse vervollkommnet werden.
In den Hotels und Restaurants und sämtlichen Bereichen, die vom Tourismus betroffen sind, wird nahezu mühelos von einer Sprache zur anderen gewechselt.
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Madeira - Funchal - Hotelanlagen in der Stadt

Madeira – Funchal – Hotelanlagen in der Stadt

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Studieren können Sie in Funchal ebenfalls, nur nicht alle Fachrichtungen. Für Studiengänge wie Medizin, Architektur oder Ingenieurwesen müssen Studenten ans Festland.
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Madeira - Funchal - Hotelanlagen in der Stadt ... (kleine gelbe und rote Bungalowhäuser)

Madeira – Funchal – Hotelanlagen in der Stadt …

 

Die Altstadt

Funchals erste Bauten entstanden seinerzeit im Osten des heutigen Stadtareals, direkt am Wasser. Dieses Viertel zieht besonders viele Besucher an. Die Altstadt ist sehenswert, jedoch in der Saison sehr bevölkert und bei zusätzlichem Eintreffen von Kreuzfahrtschiffen auch überlaufen. Reisegruppen schieben sich durch die schmalen Gassen, doch nach ein paar Stunden ist der Zauber oft schon wieder vorbei. Ein Restaurant reiht sich an das nächste. Die Außensitzplätze sind beliebt, machen ein Durchkommen jedoch nicht leichter.
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Madeira - Funchal - Altstadt - Schlendern in den Gassen ...

Madeira – Funchal – Altstadt – Schlendern in den Gassen …

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Ein Kunstmuseum in einem alten Fort, kleine Läden, Bars etc. ergänzen das Angebot.
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Madeira - Funchal - Kunstmuseum im alten Forte de São Tiago (Foto © W. Bohlayer)

Madeira – Funchal – Kunstmuseum im alten Forte de São Tiago (Foto © W. Bohlayer)

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Madeira - Funchal - Altstadt - Santa Maria (Kapelle)

Madeira – Funchal – Altstadt – Santa Maria (Kapelle)

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Madeira - Funchal

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Altstadt - Blütenpracht Anfang März

Madeira – Funchal – Altstadt – Blütenpracht Anfang März

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Die Häuser, die noch vor gar nicht so langer Zeit eher farblos und leicht verfallen wirkten, wurden inzwischen vielfach sehr schön wiederhergerichtet und die Fassaden farbenfroh gestaltet. Vor allem haben die Gebäude durch ein Kunstprojekt äußerst interessante Türen! Zu Beginn dieses Jahrzehnts lautete das Motto: „artE de pOrtas abErtas“, die Kunst der offenen Türen. Diese wurden malerisch phantasievoll gestaltet, die Resultate können Sie heute noch bewundern.
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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Es sind in den darauffolgenden Jahren weitere Türmotive hinzugekommen, die womöglich gar nicht mehr zum ursprünglichen Kunstprojekt gehören. Andererseits wurde das Projekt wahrscheinlich einfach nie wirklich komplett abgeschlossen, sondern es steht jedem Hauseigentümer der Altstadt weiterhin frei, seine Tür auch jetzt noch in diesem Sinne positiv zu verändern. Sinn war und ist, dass das Viertel mit seinen Gassen wieder menschlicher und anziehender wirkt und dass manch einer den Eindruck gewinnen könnte, er befände sich gar nicht draußen, sondern in einem Raum.
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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Am Rande der Altstadt liegen die Markthallen (Mercado dos Lavradores), deren Besuch lohnenswert ist. Hier werden unzählige Früchte, Gemüsesorten und Blumen angeboten, im hinteren Teil, ein wenig tiefer gelegen, findet der Fischmarkt statt.
Es ist einfach ein schöner Anblick, man darf auch gern probieren. Die Preise sind dort eher auf der höheren Seite …
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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Richtung Westen wird Funchal moderner. Ein Mix aus Altbestand und neuen Bauten, die sich ihren Platz dazwischen erobert haben. Entweder, weil noch ein Lücke da war, oder, weil nach Abriss Raum für z. B. ein
Hotel entstand. Dennoch bleibt Platz für Grün …
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Madeira - Funchal - Kleine Schluchten auch in der Stadt ....

Madeira – Funchal – Kleine Schluchten auch in der Stadt ….

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… und kleine Gassen bestehen weiterhin.
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Madeira - Funchal (Gasse mit aufgehängten, aufgespannten Regenschirmen)

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Kunst in der Altstadt

Madeira – Funchal – Kunst in der Altstadt

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Schöne Parkanlagen lockern immer wieder das Bild auf, die Straßen der Stadt sind häufig baumgesäumt.
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Madeira - Funchal

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Mitten in der Stadt einen Leberwurstbaum (Kigelia africana) entdeckt!

Madeira – Funchal – Mitten in der Stadt einen Leberwurstbaum (Kigelia africana) entdeckt!

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Wenn die Avenida Arriaga im April mit ihren zu beiden Seiten blühenden Jacaranda-Bäumen die Straße mit  luftigen blasslila Wolken überzieht, muss das ein grandioser Anblick sein …
Hin und wieder streift der Blick ein Hotel, ansonsten Geschäfte, Wohnhäuser, die Kathedrale (momentan mit eingerüstetem Turm), Banken, Museen, Cafés und Restaurants, Ticketshops, Souvenirläden, Dienstleistungsgeschäfte, ein Einkaufszentrum.
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Madeira - Funchal - Banco de Portugal und Avenida Arriaga mit Madeiras Entdecker Zarco

Madeira – Funchal – Banco de Portugal und Avenida Arriaga mit Madeiras Entdecker Zarco

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Madeira - Funchal

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Das Militärmuseum unten am Hafen ...

Madeira – Funchal – Das Militärmuseum unten am Hafen …

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Entlang des Hafens führt die Avenida do Mar mit der neuen Uferpromenade. Das ganze Geröll, was bei dem schweren Unwetter im Jahr 2010 den Hang heruntergerutscht kam, wurde am Hafen aufgestaut und genutzt. Als Untergrund z. B. für einen weiteren Anleger und die neuen Terrassen …
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Madeira - Funchal - Am Hafen - Promenade

Madeira – Funchal – Am Hafen – Promenade

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Madeira - Funchal - Die neuen Terrassen (Stufen) am Hafen ...

Madeira – Funchal – Die neuen Terrassen (Stufen) am Hafen …

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Madeira - Funchal - Hafen - Im Hintergrund das Design Centre

Madeira – Funchal – Hafen – Im Hintergrund das „Design Centre“

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Madeira - Funchal - Yachthafen

Madeira – Funchal – Yachthafen

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Dieser Herr darf natürlich auch nicht fehlen. Fußballer Cristiano Ronaldo, geboren in Funchal auf Madeira.
Es gibt hier ein eigenes Cristiano Ronaldo Museum (CR7)! Haben Sie es mitbekommen? Seit ein paar Tagen (Ende März 2017) trägt sogar der Flughafen seinen Namen! Man ist stolz auf ihn und zeigt jedem Fremden die Statue, die seit drei Jahren am Hafenrand zu finden ist …
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Madeira - Funchal - 2,40 m groß -Cristiano Ronaldo (Bildhauer: Ricardo Velosa, 2014)

Madeira – Funchal – 2,40 m groß -Cristiano Ronaldo (Bildhauer: Ricardo Velosa, 2014)

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Fußball gibt es auf der Insel seit 1875. Sie wissen, dass Engländer eine sehr enge Bindung zur Insel haben. Einer der englischen Übersiedler, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf Madeira dauerhaft niederließ, schickte seinen Sohn zum Studium nach England. Der schnappte dort das Spiel samt seiner Regeln auf und – begeistert wie er war – exportierte er es bei seiner Rückkehr auf die Atlantikinsel.
Madeirer sind ziemlich fußballverrückt. Weiter oben am Hang in Funchal gibt es ein großes Stadium (Estadio da Madeira) und gleich drei Vereine spielen in der ersten portugiesischen Liga. Das Stadion hat übrigens auch zu weiten Teilen Ronaldo finanziert. 5 500 Zuschauer finden auf den Sitzplatztribünen an beiden Längsseiten des Spielfelds Platz.
Sie erinnern sich noch, dass Madeira kleiner als Rügen ist? Ein großes Stadion? Nötig? Aber klar! Der kickende oder fußballaffine „Funchalese“ braucht es einfach.

Der Hafen

Funchals Hafen wird seit beinahe einem Jahrhundert von Fahrgastschiffen angelaufen, die ihre Fahrgäste zur Blumeninsel transportieren. Nur in den Anfängen existierten keine richtigen Kais und auch die Mole fehlte! Die Schiffe mussten auf Reede vor Anker gehen. Das, was wir bereits als Kreuzfahrttourismus bezeichnen würden, kam in den 50er Jahren auf und nahm seitdem kontinuierlich zu. Heutzutage steuern jährlich mehr als hundert Kreuzfahrtschiffe Funchal an. Sie legen im durch die Mole geschützten Hafenbecken an, haben allerdings auch Anlegestellen außerhalb dieser Zone. Der Kai 8 liegt beispielsweise offen zum Meer – was jetzt eigentlich wieder eine Verlängerung der Mole notwendig machte, da Kai 8 im Herbst und Winter starken Winden ausgesetzt ist und das Meer (gelinde gesagt) zu der Zeit „sehr bewegt“ ist. Nicht ganz ungefährlich, nicht einfach für die Crew und überhaupt nicht angenehm für die mitfahrenden Schiffspassagiere.
Manch Kreuzfahrerkapitän weigert sich, Madeira anzulaufen, wenn er unter widrigen Wetterverhältnissen genau diesen Kai zugewiesen bekommt.
Sie merken, nicht nur der Flughafen (siehe Part 1)  hat so seine Besonderheiten und riskanten Situationen in bestimmten Wetterlagen, auch der Hafen ist eben der einer Insel, die mitten im rauen Atlantik liegt.
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Madeira - Kreuzfahrertreffen im Hafen von Funchal

Madeira – Kreuzfahrertreffen im Hafen von Funchal

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Madeira - Funchal - Hafenanlagen

Madeira – Funchal – Hafenanlagen (Die Mole könnte zum Schutz der Anleger schon wieder länger sein …)

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Im äußersten Westen Funchals, zum Kreis Funchal gehörend, liegt São Martinho. Hier befindet sich der Küstenabschnitt mit dem Lidos (Meeresschwimmbad), und es entstand zu beiden Seiten der langen Estrada Monumental ein großes, mehr oder weniger reines Hotelviertel.
Sollten Sie eine Bleibe in Funchal suchen, so können Sie zwar davon ausgehen, dass Sie in einem dieser modernen Gebäude renommierter Hotelketten sicherlich eine hervorragende Ausstattung finden, vermutlich einen guten Service und zumindest in der ersten Baureihe direkt am Wasser einen sagenhaften Atlantikblick genießen können – nur untergebracht in so extrem dicht gebauten, hohen Anlagen, die oft schneller wuchsen als mageres Restgrün in den verbliebenen Betonritzen drumherum, zudem zusammengeballt hausend in einem reinen Touristengebiet … Man muss es mögen.
Die einzelnen Hotels, die in der Stadt verstreut angesiedelt sind, wirken in der Hinsicht persönlicher, gemütlicher.

Sie merken, die Stadt ist vielseitig und vielfältig. Altes und Neues vermischt sich größtenteils gekonnt, Land-
schaftsformung, Vegetation und wohltuendes Klima tun ein Übriges. Bei allem Vorantreiben des Tourismus muss man sich vor Ort nur vor Augen halten, was Funchal besonders und liebenswert macht. In welchem Ausmaß sind immer neue Besucherattraktionen notwendig, und müssen sich Denkfehler und vor allem Bausünden, wie man sie teilweise von den Kanarischen Inseln kennt, hier wirklich erst wiederholen …?

Im Westen werden wir beim nächsten Mal starten, nicht um die riesigen Gebäudekomplexe zu betrachten, sondern um an der Küste Richtung des alten Fischerdorfes Câmara de Lobos zu spazieren. Dabei wird u. a. das Thema Baden eine Rolle spielen. Gibt es auf Madeira Strände oder gibt es sie nicht? Und wenn es schon
in ein Fischerdorf geht, stellt sich die Frage: Was fischen die eigentlich? Und was machen die Madeirer noch
so auf ihrer Insel? Wie pflanzt man bloß, wenn das Grundstück ein steil ansteigender Hang ist?

Demnächst mehr dazu in Bom dia, MADEIRA – Part 4.

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Ein kleiner Gruß bis dahin mit einem Schatten-Selfie …
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Madeira - Funchal - Schattenselfie mit dem Gemahl bei alten Fundamentresten ...

Madeira – Funchal – Schattenselfie mit dem Gemahl bei alten Fundamentresten …

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Bis bald!

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© by Michèle Legrand, April 2017
Michèle Legrand

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47 Kommentare

James Rhodes in Hamburg!

Über den Pianisten James Rhodes und seinen Konzertabend auf Kampnagel am 25. Oktober 2016

 

James Rhodes in Hamburg

James Rhodes ist auf Konzerttour in Deutschland, Österreich und der Schweiz! Die Anhänger des Pianisten mussten einige Jahre warten, bevor endlich auch deutsche Städte auf dem Tourplan des Briten standen.
Am 25. Oktober 2016 lud er in Hamburg auf Kampnagel (K2) zu einem musikalischen Abend ein.

Reine Konzertkritik?

Anstelle einer reinen Konzertkritik in Kurzform, lade ich Sie heute zu einer sehr persönlichen Betrachtung ein, die Ihnen den Menschen James Rhodes zunächst näher bringt. Seine Art der Präsentation, seine Ausdrucks-
form als Künstler, beides wird ganz entscheidend von seinen persönlichen Erfahrungen, seinem Werdegang, seinem ganzen bisherigen Leben beeinflusst.
Würde ich Ihnen lediglich knapp berichten, welche Klavierstücke auf dem Kampnagel-Programm standen, welche Stimmung vorherrschte oder ob und wie meisterlich er spielte  – Sie würden nicht annähernd nach-
vollziehen können, was an Rhodes selbst und an seinem Klavierspiel so packend, so ergreifend ist.
Was einen Konzertabend mit dem Briten so besonders macht!

Warum darüber hinaus mich das Hamburg-Ereignis zusätzlich mit großer Vorfreude erfüllte und weshalb ich
dem Abend mit Spannung entgegensah, werde ich Ihnen dabei gern mit verraten. Sie vermuten schon ganz richtig, es existiert eine Vorgeschichte, und die begann für mich bereits vor sieben Jahren.

Eines gleich vorweg! Falls Sie jemals die Gelegenheit haben, ihn spielen zu hören oder ihn bei einem Auftritt
zu erleben, nutzen Sie die Chance!

Eine Annäherung

Sollten Sie sich – ganz spontan – ein Klavierkonzert und den dazugehörigen Pianisten vorstellen, hätten Sie vermutlich das Bild eines in Anzug oder sogar Frack gekleideten Herrn vor sich. Akkurater Haarschnitt, Fliege, glänzende Lederschuhe. Einen eher wortlosen Typ Künstler, denn ein Pianist kommuniziert im Allgemeinen
nicht mit dem Publikum.
Bei den Damen sähe dieses Bild nicht anders aus. Lange Abendrobe, die Haare luftig-frisch gestylt, ein ein-
nehmendes, das zwischen den vorgetragenen Werken ans Publikum verschenkt wird. Einnehmend, aber still.

Sicher gibt es einzelne Künstler, die in heutiger Zeit andere Wege einschlagen. Extrovertierte mit einem kleinen Faible für Schauspiel, Show und Entertainment und der Neigung zu einer gewissen Selbstdarstellung. Die Motivation entspringt dem Wunsch nach zusätzlicher Aufmerksamkeit, ein Vortrag erfolgt nicht allein um der Musik oder der Darbietung willen, sondern zur Pflege des Kults um die eigene Person. Hart gesagt, oder?
Es wäre vermessen, grundsätzlich zu unterstellen, dass Künstler dieser Art während des Spielens bewusst Selbstinszenierung betreiben, denn wer ist schon in der Lage inmitten einer hochkonzentrierten Darbietung eines schwierigen Werkes penibel darauf achten, eine bestimmte Pose zu halten, fotogen zu wirken oder Effekthascherei zu betreiben.
Dennoch, vielleicht fallen auch Ihnen auf Anhieb Namen von Künstlern ein, bei denen der schmerzverzerrte Blick, die sekundenlang elegant in der Luft verharrende Hand oder das Zurückwerfen der Haarpracht zumindest auf den Zuhörer und Zuschauer exakt so wirken: künstlich und inszeniert.

Einerlei, ob es sich um den konservativen, zurückhaltenden oder den modernen, mehr aus sich heraus-
kommenden und sich selbst in Rampenlicht stellenden Typ  handelt – solange der Pianist ein musikalisches Genie, ein Virtuose am Flügel und ein Interpretationskünstler ist, einer, der den Werken Leben einhaucht, so lange wird es ein wunderbares Hörerlebnis sein!
(Wenn es Ihnen so wie mir ergeht, dass Ihnen das Zuhören und Zuschauen bei bestimmten Menschen schier unmöglich ist, dann schließen Sie wie ich einfach die Augen.)

Eine andere Erscheinung …

Sie fragen sich, wozu ich dies alles erwähne?
Weil es anders läuft, sobald Sie der Einladung James Rhodes’ folgen. Der Brite, Jahrgang 1975, mag weder
die ihm widerstrebende Selbstverkostümierung, noch die Unnahbarkeit und das absolute Stillschweigen des vortragenden Pianisten.
Je nach vorherrschender Temperatur bzw. Jahreszeit erscheint er zum Konzert in T- oder Sweatshirt (gern mit BACH-Aufschrift) sowie Turn- oder Freizeitschuhen. Sein Friseur sieht ihn schon von Zeit zu Zeit, den Wuschelkopf komplett zu bändigen, ist aber nicht sein Hauptziel. Ein Drei-meist-aber-mehr-Tage-Bart gehört zu Rhodes ebenso dazu wie das Rachmaninow-Tattoo am Unterarm und seine große, dunkel gerahmte Brille. Eine Nerdbrille könnte man es nennen, so ein kantiges Kassengestell früherer Zeiten, eine Form, die schwer angesagt ist. Was jedoch reiner Zufall ist, denn er legt weder Wert auf angesagte Accessoires noch auf sonstige typische Attribute eines Konzertpianisten.
Gewohnte Äußerlichkeiten? Die Einhaltung des üblichen Ablaufs? Ein Auftritt ausschließlich an einem altehrwürdigen, Klassikkonzerten vorbehaltenen Veranstaltungsort?
Nein, meint Rhodes. Wozu auch. Kleider machen auch heute vielleicht noch Leute, sie erhöhen aber nicht die Virtuosität.
Um zu verstehen, dass hier nicht jemand einfach nur plietsch eine neue Schiene fährt, um so die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und um zu begreifen, dass er der Musik trotz weniger förmlichen Auftritts und trotz Brechen bestehender (ungeschriebener) Regeln mit dem höchsten Respekt und sehr viel Liebe begegnet, müssen Sie ihn und seinen Werdegang kennenlernen. Ein Werdegang, der so anders ist als der weitaus meisten seiner Klassik-Kollegen. Sein Weg als Pianist war überhaupt nicht vorgezeichnet!

Die Geschichte des James Rhodes …

Rhodes stammt nicht wie viele andere aus einer Familie, in der schon seit Generationen musiziert wurde. Er hat nicht bereits im Kindesalter Klavierunterricht genossen, hat keine ersten Erfolge bei Jugendwettbewerben eingeheimst oder Bekanntheit durch sie erlangt.
Vor allem aber hat er eines nicht: Er hat keine ungetrübte Kindheit genossen. Und das ist die Untertreibung schlechthin! Was er durchgemacht hat, muss die Hölle gewesen sein und wird ihn ohne Zweifel bis an sein Lebensende nicht loslassen.
Der Brite wurde das Opfer von schlimmstem Kindesmissbrauch, einem Missbrauch der über Jahre anhielt, und wer seine Autobiographie liest, der erfährt sehr viel über das Danach. Die Operationen, die nötig sind. Das anfängliche Verdrängen, das wieder Hochkommen aller Pein, gerade als er selbst Vater eines kleinen Jungen wird. Erst im Alter von 30 Jahres redet er das erste Mal über den Kindesmissbrauch!
Sein Buch, 2015 unter dem Titel Instrumental in England erschienen und seit Februar 2016 in der deutschen Fassung unter dem Titel „Der Klang der Wut“ erhältlich, beschreibt auch diese Zeit, offenbart genau jene unbändige Wut, die in dem jungen James Rhodes steckt.
Er nutzt harte, deftige, drastische Worte, zu drastische ist häufig der Eindruck, doch für die Schilderung solch traumatischer Erlebnisse und für ein Aufrütteln gelten definitiv andere Regeln als für eine der üblichen Autographien. Schonungslos offen und dennoch lässt er einiges aus. Es reicht auch so, dem Außenstehenden das Ausmaß des Martyriums zu vermitteln. Es lässt förmlich erstarren.

Die Auswirkungen bei ihm sind Scham, Selbsthass, Selbstverstümmelung, Depressionen, Drogen, Selbstmord-
gedanken, Selbstmordversuche. Er wird mehrmals in die Psychiatrie gebracht. Nicht die Tatsache, dass er dort ist, dass er Medikamente oder Therapie erhält, rettet ihn, sondern etwas anderes führt ihn aus der tiefsten Krise heraus: die klassische Musik.
Zugang zu einem Klavier hatte er schon früher in der Schulzeit, das Spielen und der Klang waren ihm als wohltuend bekannt. Doch Unterricht? Er bringt sich das Spielen selbst bei. Sein Talent wird ersichtlich. Seine Eltern erlauben allerdings nach der Schule kein Musikstudium, woraufhin er die nächsten zehn Jahre keine Taste mehr anrührt. Daher wird ihm erst zu einem relativ späten Zeitpunkt bewusst, dass es die Musik ist, die seinen Schutzraum darstellt und dass das Hören bestimmter Werke etwas Positives in ihm in Gang setzt.
Licht in Dunkelheit hineinlässt. Ihm wird irgendwann klar, dass die klassische Musik, dass das Spielen dieser Werke für ihn die Rettung bedeutet.
Er, der kurz vorher noch zu den harten Worten, der drastischen, gelegentlich bis hin zur provokanten Ausdrucksweise greift, schreibt in „Klang der Wut“ über das Gefühl, dass ihn beim Anhören des Adagios von Bach-Marcello aus dem Oboenkonzert in D-Moll, BWV 974 überkommt (und über Bach generell) in einer gänzlich anderen Art und Weise:

Es versetzte mich an einen Ort solcher Herrlichkeit, solcher Ergebung, Hoffnung, Schönheit, unendlichen Weite, dass es so war, als berührte man das Angesicht Gottes.“
An anderer Stelle:
Wenn etwas so Starkes, so Schönes existieren kann, dann kann ja nicht alles schlecht sein. Da sagte ich mir: Okay, ich mach‘ noch ein bisschen weiter.“
Und weiter:
“Und jetzt war ich fest entschlossen. Ich wusste, dass dieser Ort nicht der richtige Ort für mich war. Hier konnte ich nicht gesund werden. Nicht mit so vielen Pillen, so viel Irrsinn, so viel Trash-TV und Langeweile. Ich musste auf die korrekte Weise raus, ein für alle Mal.“

James Rhodes hat in der folgenden Zeit Unterricht bei einem Lehrer in Verona, er übt Stunden um Stunden.
Tag für Tag. Monat um Monat.
Zwei, drei Jahre vergehen, und im November 2008 gibt er sein erstes öffentliches Konzert in der Steinway Hall
in London. Es folgen weitere Auftritte, im Mai 2009 findet im The Roundhouse in Camden sein Solokonzert statt.

Dies ist der Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal von James Rhodes höre. Hier in Deutschland ist er ein absolut Unbekannter, doch Stephen Fry, der britische Autor, Schauspieler und Moderator erwähnt einen außer-
gewöhnlichen Pianisten und leitet den Link zu einem kurzen Video weiter.
Ich habe seit Teenagerzeiten der Klaviermusik unterschiedlichster Interpreten gelauscht, verschiedene Fassungen ein und desselben Werks kennengelernt, bemerke die Unterschiede und empfinde naturgemäß die Darbietung einzelner Tastenkünstler als unterschiedlich „attraktiv“, doch als ich Rhodes das erste Mal zuhöre, packt es mich. Zu dieser Zeit weiß ich nichts über das bisherige Leben des Mannes aus England. Ich stelle nur fest, wenn er spielt, ist etwas anders. Seine Musik wird auf eine andere Art und intensiver weitergeleitet, Klänge, aber auch Gefühle scheinen unmittelbar in einen überzugehen. Wenn ich es beschreiben sollte, dann so: Er ist der Vermittler eines Werks, der virtuose Gestalter, doch raubt er sich das Werk dabei nicht. Er macht sich nicht zur Hauptperson, während er spielt. Bei ihm ist es bereichernd und faszinierend, ihm nicht nur zuzuhören, sondern auch, ihm dabei zuzusehen … Seine Versunkenheit, seine Ruhe, seine Authentizität, die natürliche Hingabe – das alles sucht seinesgleichen …

Rhodes’  Bekanntheit im eigenen Land wächst mit jedem Auftritt. Der Engländer nimmt an diversen Festivals teil und steht für BBC4 für eine Dokumentation zum 200. Geburtstag von Frédéric Chopin, die 2010 ausgestrahlt wird, vor der Kamera.  Es folgen weitere Auftritte nun auch im Ausland. 2011 gastiert er in Australien, 2012 geht es in die USA, u. a. nach Chicago, Hongkong lernt ihn 2013 kennen. Das englische Fernsehen sendet es in der Zwischenzeit die siebenteilige Serie James Rhodes: Piano Man.

Er engagiert sich für Projekte, bei denen es um die Belange von Menschen mit psychischen Problemen geht. Ebenso unterstützt er eine Aktion, deren Ziel die Verbesserung des Musikunterrichts überall im Vereinigten Königreich ist. Bei dem Projekt Don’t Stop the Music kommen 2014 im Zuge einer großen Sammelaktion mehr als 7 000 Instrumente zusammen, die an 150 Grundschulen verteilt werden und von denen im Jahr 10 000 Schüler profitieren.

Mittlerweile hat er mehrere Alben veröffentlicht, schreibt hin und wieder für Zeitungen einen Gastbeitrag. Die Medien widmen sich natürlich nicht nur seinem künstlerischen Schaffen, sondern beschäftigen sich ebenfalls mit seinem Vorleben und haben Kenntnis vom Kindesmissbrauch. Rhodes geht inzwischen offen damit um. Es geht es auch deshalb offensiv an, weil er davor warnen möchte. Er will Menschen sensibilisieren, möchte verhindern, dass es weitere Opfer gibt, nur weil Unkenntnis herrscht und sich mangelhaft für den Schutz eingesetzt wird. Andererseits ermutigt er mit seinem Vorgehen andere Leidtragende, sich zu wehren, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und er sagt auch an Mitwissende gewandt: Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

Als Verlage an ihn herantreten und ihm die Autobiographie vorschlagen, willigt er ein.

Eine sicher insgesamt nicht einfache Entscheidung, doch was kann besser, sinnvoller und wirkungsvoller sein, als dass ein derart Betroffener selbst Fakten nennt, die Wahrheit aufschreibt und diese veröffentlicht, statt es den Medien indirekt freizustellen, sich mangels Information ihre Geschichten nach eigener Vorstellung und fern aller Realität zurechtzubasteln. Vielleicht befreit es auch und rückt einiges ins richtige Licht.

Sie sehen aus dieser Entwicklung jedoch, dass Rhodes’ Motivation zur Veröffentlichung eines solchen Buches nicht die ist, zunächst die Autobiographie auf den Markt zu bringen, um mit seiner dramatischen Vergangenheit seine Bekanntheit als Pianist zu steigern, sondern er schreibt zu einem Zeitpunkt, als seine bereits existierende Bekanntheit sich in seinen Augen für ein sinnvolles und ihm enorm wichtiges Ziel nutzen lässt.
Dass erst per Gerichtsbeschluss gestattet werden muss, dieses Buch überhaupt zu veröffentlichen, kann ihn nicht davon abhalten.

Als Publikum bei James Rhodes

Sie kennen James Rhodes nun bereits soweit, dass es Sie kaum mehr irritieren wird, dass ein Pianist es entgegen gängiger Praxis anders handhabt und sich zwischen seinen Werken direkt an seine Zuhörer wendet. Der Brite hält Kommunikation, gerade in heutigen Zeiten, für wichtig. Er hält es auch für wichtig, dass über das Stück, über den Komponisten und dessen Anliegen erzählt wird. Oder über dessen persönliche Verfassung, Umstände und Beweggründe, ein bestimmtes Werk in genau dieser Form zu Papier zu bringen.
Er setzt nicht voraus, dass jeder bereits alles im Vorfeld weiß oder vorab in Erfahrung bringt. Ein Austausch, bevor er sich an den Flügel setzt und startet, ist ihm viel lieber.
Nun werden Fachkritiker vermutlich gern anmerken, dass er ja gar nicht ernst, nicht lehrbuchhaft erklärt, nicht doziert. Muss er denn?
Was er betreibt, ist eine Situationsbeschreibung, er vermittelt eine Grundstimmung, ein Gefühl, und schon bevor er die Brille absetzt und sich zum Spielen niederlässt, haben Sie als Zuhörer Zugang. Eine Vorstellung. Bereits mit seinem ersten Ton holt er Sie genau dort ab.

Ihm liegt viel daran, dass nicht nur das herkömmliche Publikum „bedient“ wird, Menschen vom Fach, eine begrenzte Gruppe. Er möchte, dass Menschen herangeführt werden, die sich bisher an klassische Musik nicht herangetraut haben. Er will ihnen die Schönheit der Musik vermitteln. Die Energie dieser Musik und die Kraft, die von ihr ausgeht.

Aus diesem Grund geht er gern einmal an ungewöhnliche Orte. Nutzt öffentliche Plätze. Stellt seinen Flügel zwischen Hochhausbauten auf und beginnt dort sein Spiel. Es hat die Wirkung, die oft auch ein Flashmob auslöst: Überraschung, nach der ersten Verblüffung Ergriffenheit, dann Begeisterung. Es schürt letztendlich nicht selten Neugier, entfacht Lust und macht Mut, sich bis dahin völlig Unbekanntem endlich zu nähern.
Er zieht damit auch Jüngere an. Eine britische Zeitung nannte ihn vor Jahren einmal den „Beethoven der iPhone-Generation“ …

Das Konzert auf Kampnagel

Saal K2 auf Kampnagel. Die von dunklen Vorhängen eingerahmte Bühne mit dem Flügel ist ebenerdig, die Zuschauerplätze befinden sich auf einer ansteigenden Tribüne, die jedem gute Sicht verschafft. Freie Platzwahl heißt es auf den Tickets. Was nichts anderes bedeutet, als nur frühes Anstehen sichert einen guten Platz im vorderen Bereich. Was die lange Schlange vor dem Einlass vermuten lässt, bewahrheitet sich: es wird voll. James Rhodes scheint nicht mehr nur ein Geheimtipp zu sein …
Pünktlich wird er angekündigt, tritt aus einem Spalt der dunklen Seitenvorhänge hervor, schaut kurz freundlich Richtung Publikum, steuert jedoch mit seinem leicht wippend-federnden Gang direkt den Flügel an. Er legt die Brille ab – ein immer wieder kehrendes Ritual, bevor die Finger über die Tasten fliegen – und beginnt. Mit Bach. Seinem bevorzugten Komponisten. Mit ihm startet und endet später sein Hamburg-Programm.

Rhodes mag nicht nur Bach, den nur besonders. Seine Goldberg Variationen, die Chaconne in D-Moll … Er bewundert ebenso Beethoven, Chopin, Prokofjew, Moszkowski, Mozart, Gluck, Puccini u. a.  Es faszinieren ihn einige Pianisten besonders. Glenn Gould ist u. a. sein Vorbild, – was man seinem Spiel mitunter anmerkt. Den russischen Pianisten Grigory Sokolov, den verehrt er ebenfalls.

Für den Abend auf Kampnagel hat er sich die Fantasie in F-Moll Op. 49 von Chopin herausgesucht. Darauffolgend vom selben Komponisten die Polonaise-Fantasie, Op. 61, As-Dur.
Beides spielt er ohne Notenblatt und … bewegend. Mitreißend. Gerade Chopin hat es in sich, ein Komponist, der die verbundenen Töne sehr liebte und in dessen Werken oft eine Vielfalt von Gefühlen und Stimmungen zusammentrifft.
Zuvor holt Rhodes allerdings die Begrüßung nach und erzählt er in seiner natürlichen, unverkrampften Art über die gleich zu hörenden Werke. Fantasie. Sie soll auch das Thema des Abends sein. Fantasie sei wichtig, genauso wie Kreativität, die in unserer schnellen Zeit oft zu kurz zu kommen droht. In Gefahr ist. Er bringt eine Besonderheit der Kreativität in diesem kurzen Satz auf den Punkt: „Creativity is a form of meditation. Inside.“

Rhodes fährt fort mit der Klaviersonate 31, Opus 110, As-Dur von Beethoven. Ein Traum …
Konzertende? Offiziell schon und doch wieder nicht, denn danach reiht sich eine Zugabe an die nächste.
Er spielt aus Orpheus und Eurydike von Ch. W. Gluck. Die  nächste „encore“ entpuppt sich als das letzte Präludium von Rachmaninow in Des-Dur.
Immer noch ist nicht Schluss. Fast schüchtern kündigt er eine weitere Zugabe an, einen Titel, den er erst einmal zuvor öffentlich präsentiert hätte, brandneu sozusagen. Ein Stück aus einer Puccini-Oper, doch er verrät nicht, wie es heißt. Versichert allerdings, es würde einem nach spätestens 27 Sekunden bekannt vorkommen. Er sollte damit recht behalten. Es ist „O mio babbino caro“ aus der Oper Gianna Schicchi.

Jedes schöne Ereignis geht irgendwann einmal vorbei. Er lässt den Abend nach gut eineinhalb Stunden mit Bach ausklingen und hinterlässt ein stürmisch applaudierendes und wie es scheint allgemein begeistertes Publikum in Hamburg.
(Warum der Veranstalter dieses Konzert allerdings als eine „Musikalische Lesung“ ankündigte, bleibt rätselhaft.)

Für ihn ist an diesem Abend die Arbeit noch nicht getan. Seine Autobiographie liegt im Foyer in der englischen und deutschen Fassung aus und wird von ihm nach dem Konzert signiert.
Ich habe kein Buch mitgebracht, aber meine allererste CD von ihm aus dem Jahr 2009. Sie trägt nun seinen Unterschriftenkringel …

Nach dem ersten Gepacktsein vor sieben Jahren, nach der Beobachtung seiner weiteren Entwicklung und dem Verfolgen seines Schaffens über das Internet, durch Zeitungsartikel, durch Bücher etc., gab es an diesem Abend die Gelegenheit, den Pianisten James Rhodes live spielen zu hören und real zu erleben. Das Bild hat sich vervollständigt. Für mich. Für andere. Gut möglich, dass noch mehr Menschen eines Tages den Wunsch verspüren, von ihm zu hören. Von seinem Klavierspiel und von seiner ganz eigenen Art, die Kraft der Musik deutlich zu machen.

James Rhodes, der Mann, den die Musik auffing und rettete, er sagt, das Einzigartige an klassischer Musik sei, dass sie, selbst wenn es ein trauriges Stück ist, immer noch wunderschön sein.
 „Even the pain is beautiful in classical music.“
Vielleicht ist gerade das ihre Stärke, das Geheimnis ihrer Wirkungskraft.

Was für ein Abend! Wenn dieser unkonventionelle, unverstellte Brite, dieser so authentische Mann und grandiose Pianist wieder einmal in Deutschland sein sollte und Sie Verlangen nach Echtem haben, nach etwas, das Sie mitten ins Herz trifft, dann …
Rechtzeitig Karten sichern!

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Quellen:
James Rhodes: Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt
(Verlag Nagel & Kimche AG – ISBN-13: 978-3312006540)
Informationen aus Interviews in diversen engl. Zeitschriften aus den Jahren 2009-2016
Eine mittlerweile seit sieben Jahren bestehende Twitterverbindung

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

 

 

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35 Kommentare

Prärie. Und eine Wüste mit „Kakteenen“ … Unterwegs im Loki-Schmidt-Garten, Hamburg

Als ich vor Jahren das allererste Mal den Botanischen Garten in Klein Flottbek (so hieß er zunächst)
besuchte, war ich reichlich verblüfft – und zwar über meine Reaktion! Enttäuschung! Völlig unerwartet.
Nanu, so soll …? DAS ist …? Dieser erste Eindruck … Soll man etwas darauf geben?
Sofort hurra, für immer klar oder unverzagt abgehakt? Durchgefallen, wird zukünftig links liegengelassen?
Die Frage ist: Woran liegt es? Was stört, was enttäuscht? Damals warf ich prüfende Blicke in alle Richtungen. Eine Art genaue Bestandsaufnahme, die dann die Entscheidung fürs Wiederkommen bewirkte. Mit jedem weiteren Besuch gefiel mir die Gartenanlage besser und besser. Eigenartig? Reine Gewöhnung? Nein!
Ich werde Ihnen die Auslöser für den nicht sehr positiven ersten Eindruck verraten, genauso die für den späteren Sinneswandel.

Das Gartengelände im westlichen Hamburg gibt es seit 1979. Damals wurde der alte Botanische Garten in den Wallanlagen der Stadt (Planten un Blomen) aufgelöst, denn der Platz dort war relativ begrenzt. So zog Garten samt Botanischem Institut mehr an den Stadtrand auf eine 24 ha große Fläche. Loki Schmidt, als erfahrene Hobby-Botanikerin, engagierte Naturschützerin, Expertin besonders der bedrohten Pflanzenarten und obendrein Hamburgerin, hegte zu Lebzeiten engen Kontakt, unterstützte lange Jahre die Botanischen Gärten, zeigte stets großes Interesse und unermüdlichen Einsatz, und so erhielt der Botanische Garten Klein Flottbek – zwar nicht zu ihren Lebzeiten – aber nach ihrem Tod (2010) im späten Oktober 2012 in Gedenken an sie einen neuen Namen: Loki-Schmidt-Garten. Wenn Sie den Park betreten, lächelt sie Sie verhalten an. Die Bronzebüste von Manfred Sihle-Wessel steht bereits seit 2005  inmitten von Blumen. So sieht Frau Schmidt, wer an ihr entlangflaniert, Sie wiederum können ihr einen Moment Gesellschaft leisten.

Natürlich gibt es das alte Planten un Blomen als Parkanlage weiterhin! Ein traumhaftes Gelände mit seinen Wasseranlagen und all der Blumenpracht! Aus der Ära des Alten Botanischen Gartens sind obendrein noch die Tropengewächshäuser erhalten. Als Hamburger oder als Stammleser des Blogs ist Ihnen dies nicht unbekannt. Wenn Sie heute neu hinzustoßen, finden Sie ansonsten über die eigens dafür eingerichtete Kategorie rechts auf der Startseite des Blogs den Weg zu diversen Artikeln mit zahlreichen Fotos.
Dort wo seit dem Jahr 2000 die Bucerius Law School ihren Sitz hat, befand sich vor dem Umzug nach Klein Flottbek das alte Botanische Institut.

Hamburg - Das markante Gebäude der Bucerius Law School am Platz des ehemaligen Botanischen Instituts (Planten un Blomen)

Hamburg – Das markante Gebäude der Bucerius Law School am Platz des ehemaligen Botanischen Instituts (Planten un Blomen)

Neuer Botanischer Garten
Vermeiden Sie es auch, wenn irgend möglich, mit bestimmten Erwartungen an einen noch unbekannten Ort
zu gehen? Mit einem schon vorgefertigten Bild? Man ist allerdings nicht ganz davor gefeit, Vorstellungen zu entwickeln, denn wenn das Gehirn Verbindungen zwischen alt und neu knüpft und Parallelen sieht, dann gaukelt es einem ungefragt etwas vor. Mir schwebte im Falle von Klein Flottbek offenbar ein zweites Planten un Blomen vor, üppiges Wachstum und bei aller Pracht und Anlage gleichzeitig diese Natürlichkeit. Harmonie. Dann kam es etwas anders …

Es war noch vor der Jahrtausendwende, als ich mich das allererste Mal auf den Weg machte. Ich erinnere mich
nicht mehr an das genaue Jahr, jedoch daran, dass es Ende Mai war. Die Kälte in dem vorangegangenen Winter hatte lang getobt, nichtsdestotrotz hatte mein Garten daheim mit Maibeginn lebhaften Austrieb gezeigt. Einige der frühen Zwiebelpflanzen hatten noch geblüht, die Stauden schon kräftig losgelegt, an Sträuchern und Bäumen spross das Laub. Ein frischer Anblick mit vielen Farbtupfern. Vor allem zeigte sich so gut wie keine nackte Erde mehr, welche im Winter gern gähnende Leere im Garten vortäuscht und unweigerlich für eine gewisse Tristesse sorgt.

Wie anders zu der Zeit das Erwachen der Natur in Klein Flottbek! Ganz offensichtlich bot sich den vielen freistehenden Pflanzen auf den großen Flächen relativ wenig Schutz vor Wind und Wetter. Dadurch herrschte dort ein anderes Mikroklima, ein raueres. Die Vegetation war eindeutig zurück, der Austrieb sehr spärlich und mehr zu erahnen als vorhanden.
So trat etwas hervor, was mich massiv störte. Überall eingesteckt, dicht an dicht, ragten weiße Plastikschilder auf halbhohen Plastikspießen aus dem Boden! Sie trugen Namensbezeichnungen, Informationen, über die ich im Prinzip froh bin, aber an dem Tag überkam mich das Gefühl, inmitten eines kahlen Schilderwalds zu stehen. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass die weitläufigen, öde wirkenden Flächen sich ein paar Wochen später in grüne Oasen und ein großes Blütenmeer verwandeln sollten. Damals schaute ich suchend in alle Himmelsrichtungen und dachte, was wirkt es doch noch unharmonisch, unfertig …
Ein ähnlicher Anblick wie der, der einen im Fall von Neubaugrundstücken erwartet. Gerade ist das Haus fertig, der Schutt fort, der Boden planiert. Grob werden erste Wege angelegt, zusätzlicher Mutterboden trifft ein, der Hauseigentümer beginnt mit der Gestaltung der Beete und der Bepflanzung. Drei Halme Rasen sprießen, ein Rankgitter reckt sich traurig allein in die Höhe, noch staksige Stecklinge sollen einmal eine Hecke bilden …
Zur anstehenden Einweihungsparty werden Sie eingeladen und mit stolz geschwellter Brust verkündet der Gastgeber: „Ich habe jetzt einen Garten! Mit Apfelbaum!“
Sie wissen, wie das dann aussieht. Gar nicht anders aussehen kann! So ein Garten entsteht nicht von heute auf morgen. Der Apfelbaum ploppt nicht fertig aus der Erde. Hat nicht sofort die endgültige Höhe, eine schattenspendende Krone und Sie ernten auch nicht gleich einen Zentner Cox Orange. Genauso wenig sieht die frische, zarte Pflanzenreihe wirklich schon nach Hecke oder Sichtschutz aus. Prinzipiell wirkt alles neu Gesetzte zunächst ziemlich verloren.
Ein weiterer Fakt ist, dass – selbst wenn der Gesamtplan für den Garten durchaus von Anfang an fertig ist, d. h. die grundsätzliche Anlage und Aufteilung feststeht – man in der Realität nie alles auf einmal erschafft, sondern sich nach und nach immer einen weiteren Teil der Anlage vornimmt, sich dabei oft erst die weiteren Gestaltungsideen für Detailarbeiten ergeben oder die Mittel dafür da sind.

Ich konnte mir damals im Botanischen Garten gerade so eben einreden, dass dort im angelegten, werdenden „Wald“ die noch zierlichen Sumpfzypressen bald grün werden würden, der Farn demnächst austreiben, in trockenen Bachläufen Wasser fließen würde und sich im aufgetragenen Geröll des Alpinums kleine Staudentriebe zeigen würden. Es half nichts, in dem Moment wirkten die Beete nichtssagend und das Gelände zwar großzügig, aber trotz leichter Höhenunterschiede in Form von Aufschüttungen eher fad. Die größte Aufmerksamkeit erregte damals bei mir neben den weißen Steckschildern das Unkraut im Alpinum. Das Kraut
ist robust und hatte sich breitgemacht. Das Zeug gedeiht bei kalten Temperaturen vielfach schon eher als der gewollte Rest …

So wie Ihnen die Umstände bezüglich Apfelbaum und Warten klar sind, so ließ sich für mich eindeutig festmachen, welche Umstände hinsichtlich Botanischer Garten und Missfallen anlagen. Es war ein rein temporäres Problem. Grund genug, später und vor allem zu einer anderen Jahreszeit wieder herzukommen.

Es hat tatsächlich gut vier Jahre gedauert, ehe ich den nächsten Versuch startete. Im Fall eines noch recht jungen Gartens verändern die zusätzlichen Wachstumsjahre das Gesamtbild merklich. Bäume legen in dieser Zeit nicht nur an Größe, sondern auch an Stammumfang zu, zunächst einzeln stehende Sträucher wachsen zu Gehölzgruppen zusammen, Lücken am Boden schließen sich langsam.
Für ein noch einmal komplett anderes Empfinden sorgt im Botanischen Garten das Einsetzen des Sommers.
Die Kahlheit der kalten Ruhesaison gerät in Vergessenheit. Wenn die Tage länger werden und die Sonne den Boden erwärmt, bricht es aus großen, dunklen Erdschollen unaufhaltsam hervor und plattes Land wird auf einmal zu einem 3D-Erlebnis. Alles drängt ungestüm ans Licht, will hoch hinaus …

Auf einmal lebt der Loki-Schmidt-Garten. Blütenmeer mit Farbenpracht, Blattvariationen, Düfte, Insekten, Wassergemurmel, das Spiel von Licht und Schatten … Futter für alle Sinne!
Und nun nimmt man sie wahr: Die belaubten Bäume, die vereinzelt zu sehr stattlichen Exemplaren heran-
wuchsen! Irgendwann ist es soweit, verstrichene Jahre haben dafür gesorgt, dass sich – besonders in der grünen Jahreszeit –  ein harmonisches Bild, zusammen mit all dem anderen neu Angepflanzten, ergibt. Die Gehölze verbinden, doch genauso gelingt es ihnen zu gliedern, und damit schaffen sie einzelne Bereiche innerhalb des Gartens. Sie lenken damit Ihren Blick! Früher schauten Sie stets ungebremst in die Ferne und hatten damit das meiste auf Anhieb überschaut. Etwas langweilig. Heute entdecken Sie hingegen Meter um Meter, tasten sich voran, das ist entschieden interessanter.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (Szene am flachen Wasser)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (Wasser, Moorbereich)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Am See

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Am See

Mittlerweile kann ich der Anlage sogar im Winter viel Positives abgewinnen, denn das, was einem Garten in dieser Zeit Struktur und ein Gerüst verleiht, ist 37 Jahre nach dem Start in Klein Flottbek nun in einem ganz anderen Ausmaß vorhanden als beispielsweise in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Existenz. Selbst in der kahlen Saison locken zahlreiche Stellen, denn im Laufe der Jahre sind neue Themen aufgegriffen und umgesetzt worden.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Idyll in der Nachmittagssonne ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Idyll in der Nachmittagssonne …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Wenn Sie also in Hamburg einen Spaziergang im Grünen unternehmen möchten, dann sollte der Loki-Schmidt-Garten in Ihre engere Wahl kommen.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Wie ein Gemälde von Monet ...(Teichszene in typischen Farben)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Wie ein Gemälde von Monet …

Übrigens: Es gibt dort zwar keinen Spielplatz, trotz allem ist es gerade für jüngere Kinder ein sehr interessantes Terrain! Ich bitte das nicht so zu verstehen, dass Sie als Eltern auf Biegen und Brechen botanische Früherziehung betreiben sollen, ich erwähne es, weil der  Aufenthalt ein großes Vergnügen und Abenteuer ist, für Bewegung sorgt und Kinder dabei ganz nebenbei etwas lernen können. (Es gibt sogar eigene Veranstaltungen für Kinder!)

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (violette Bepflanzung)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Wieso interessant?
Sie hätten eine völlig falsche Vorstellung vom Botanischen Garten, wenn Sie sich einfach einen Rundweg vorstellten, der irgendwann abgelaufen ist. Einen Weg, an dessen Seiten es keinen Abzweig gibt, wo sich links uns rechts nicht viel hinsichtlich der Art der Bepflanzung ändert. Das wäre ermüdend. Kinder würden mit Recht am Ende drei Kreuze machen, froh, es endlich hinter sich zu haben.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Vielfältige Landschaftsformen ...(Heidebereich)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Vielfältige Landschaftsformen ….

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten- Der kleine Kerl auf dem Topfrand wollte mit aufs Bild ... (junges Rotkehlchen)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten- Der kleine Kerl auf dem Topfrand wollte mit aufs Bild …

Tatsache ist jedoch, dass es unterschiedliche Themenbereiche gibt und dazu existiert ein großzügig angelegtes Areal, welches in seiner Gestaltung verschiedene Regionen der nördlichen Erdhälfte wiedergibt. Somit entsteht während eines Spaziergangs hier ein Moorgefühl, dort eine Vorstellung vom Dünenleben.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Auf leichten Erhöhungen bietet das Alpinum einen Eindruck von der Pflanzenwelt im Hochgebirge bevor ein Stückchen weiter die vorderasiatische Steppe wartet. Und von dort geht es nach China und Japan.
Der Japanische Garten entstand gleich zu Beginn der Anlage des Botanischen Gartens und wurde von Yoshikuni Araki kreiert. Das ist der Gartenarchitekt, der danach auch die Japangärten in Planten um Blomen gestaltete.

Der andere sehr interessante Weg führt Richtung Alaska, von dort südwärts durch die Rocky Mountains und die Prärie bis hinunter nach Florida. Thematisch und pflanzlich gesehen.

Wunderschön die Blütenpracht der Prärie im Sommer …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Der fruchtbaren nordamerikanischen Langgrasprärie (mit Stauden!) nachempfunden ....

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Der fruchtbaren nordamerikanischen Langgrasprärie (mit Stauden!) nachempfunden …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Auch der Gelbe Sonnenhut (Rudbeckia fulgida) gehört in die Prärie ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Auch der Gelbe Sonnenhut (Rudbeckia fulgida) gehört in die Prärie …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Sommerliche Blütenpracht (Juli-Sept.) in der Prärie ....

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Sommerliche Blütenpracht (Juli-Sept.) in der Prärie ….

Ebenso so reizvoll und dabei einen vollkommen anderen Anblick bieten die Sumpfzypressen am Wasser (Florida, Everglades). Von ihren Zweigen hängt im Sommer häufig das Louisiana-Moos herab.
Araukarien fallen ins Auge, diese bizarr geformten, recht dunklen Koniferen, die typisch für Südamerika
(Chile)
sind und ihr Aussehen im Winter nicht ändern, womit wieder etwas gefunden wäre, wofür sich ein Entdeckungsgang auch in dieser Saison lohnt  …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Farne und ein Wasserlauf unter den Sumpfzypressen ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Farne und ein Wasserlauf unter den Sumpfzypressen …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Im Reich der Sumpfzypressen ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Im Reich der Sumpfzypressen …

Die kleinen verschlungenen Wege und Pfade durch das Unterholz, entlang an Bachläufen oder hinauf auf kleine Erhebungen, sie sind es, die besonders Kinder faszinieren und den Besuch spannend machen. Wer Libellen entdeckt, dicke Hummeln auf Präriestauden, Schmetterlinge, Fische im See und Teichhühner am Uferrand oder auch ein Eichhörnchen über sich an einem Zapfen knuspeln hört, der denkt nicht an „Wann
sind wir endlich fertig …?“, sondern ist ständig am Erforschen und Erkunden.

Loki-Schmidt-Garten - Eichhörnchen am knuspeln ... (auf dem Zweig einer Sumpfzypresse)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Eichhörnchen am knuspeln …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Parkidylle im Botanischen Garten - Wer genau hinschaut, entdeckt das Eichhörnchen wieder ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Parkidylle im Botanischen Garten – Wer genau hinschaut, entdeckt das Eichhörnchen wieder …

Weitere Highlights für Kinder sind der geheimnisvolle Bambusgarten (gleich am Eingang links) und vor allem auch der Nutzpflanzenteil! Nutzpflanzen, das mag sich trocken anhören, ist es jedoch absolut nicht. Der Bereich stellt sich für den Besucher als „Anbaufelder in klein“ mit diversen Gemüse- und Kräuterarten dar. Wer keinen eigenen Garten hat, wessen Kinder bisher vielleicht nur TK-Packungen oder die Gemüseabteilungen im Supermarkt kennen, der kann dort vieles endlich einmal als komplette Pflanze erleben. Mit Grün, mit Blüte, mit Frucht. In luftige Höhe strebend (Dill) oder im Boden steckend (Zwiebeln).

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich (hohe blühende Kräuterpflanzen)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzgarten mit Zwiebeln und Konsorten ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzgarten mit Zwiebeln und Konsorten …

Dicke Kürbisse in allen Farben und Formen liegen am Boden, räkeln sich, im Blätter- und Rankenwirrwarr halb versteckt.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich - Kürbis (gelb)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich – Kürbis

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich mit Kürbissen und Zucchinis

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich mit Kürbissen und Zucchinis

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Kürbis im Nutzgarten (orangerot)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Kürbis im Nutzgarten

Es gedeihen unterschiedlichste Salatpflanzen und zahlreiche Kohlsorten, es gibt diverse Möhrenarten, Würzpflanzen u. v. m.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Kohlsorten,, Salate, Gemüse und Kräuter im Nutzgartenbereich ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Kohlsorten,, Salate, Gemüse und Kräuter im Nutzgartenbereich …

 

Die Liebhaber von Mittelmeerpflanzen kommen ebenso auf ihre Kosten, wie Rhododendronanhänger. Stauden-
freunde und Heilpflanzenfans werden fündig, auch diejenigen, die sich speziell für Bibelpflanzen interessieren. Wer Lust hat, kann im Tast- und Duftgarten fühlen und schnuppern. Nicht immer funktioniert jede Duftquelle – oder aber, meine Nase hat zwischendurch schlapp gemacht.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten- (gelb) an den Gewächshäusern

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Selbst ein farbenfroher und sehr fröhlich wirkender Bauerngarten inklusive eines kleinen Bauernhauses ist vorhanden. In ihm ein Shop, der hauptsächlich am Wochenende geöffnet wird. Mit Kindern sollte man unbedingt um das Häuschen herum gehen. Dort steht noch allerlei uraltes Gerät, das sicher Gefallen findet!

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Bauerngarten mit kleiner Kate

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Bauerngarten mit kleiner Kate

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Bauerngarten mit typischen Stauden wie Phlox, Cosmea, Schafgarbe (Achillea) etc.

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Bauerngarten mit typischen Stauden wie Phlox, Cosmea, Schafgarbe (Achillea) etc.

In der Wüste …

Ich hatte auf meinem Spaziergang einen Vater mit seinem kleinen Sohn vor mir. Die Mutter samt kleiner Schwester im Tragesack hatten sie zeitweise abgehängt. Der junge Mann hatte ein bestimmtes Ziel: die Wüste. Der Wüstengarten der Loki-Schmidt-Anlage wurde 2005 eingeweiht, hat zwei große, inzwischen schon recht berühmte, leuchtendblaue Glaspyramiden, die der verstorbene Scheich und ehemalige Präsident der Ver-
einigten Arabischen Emirate spendete und erstreckt sich über eine Fläche von immerhin 3.000 m². In den Pyramiden findet sich Lesenswertes zum Thema.
Ein Teil des Wüstenbereichs beschäftigt sich mit der typischen Oasenlandwirtschaft, zeigt, wie der Mensch anbaut und begrünt, stellt jedoch ebenfalls Faktoren dar, die zur Wüstenbildung beitragen. Im restlichen
Bereich sind Pflanzen anzutreffen, die es im extrem Trockenen aushalten. Sukkulenten beispielsweise.
„Papa, wo geht das zur Wüste? Ist es noch weit?“
„Die ist dort drüben.“ Der Vater zeigte voraus und schwenkte die Hand leicht nach rechts. „Siehst du die Pyramiden?“, fragte er.
„Was ist das?“
Der Vater erklärte den Begriff, der Sohn entdeckte die beiden Glasspitzen.
„Neben den Pyramiden auf der rechten Seite. Da ist es.“
„Papa, müssen wir denn auf dem großen Weg gehen?“
„Nein, wir können auch hier den Pfad quer durch die Pflanzen hinauf nehmen und schauen dann vom kleinen Hügel auf die Wüste herunter.“
„Oh ja, so machen wir das!“ Der Nachwuchs war sofort einverstanden. „Papa, und in der Wüste, da sind dann die Kakteenen, nä?“
Ich gebe zu, ich horchte auf. Sind Sie auch so begeistert? Da kennt ein kleines Kind altersbedingt noch nicht die Bedeutung des Worts Pyramide, aber es weiß schon, dass das Wort Kaktus einen besonderen Plural hat. Weiß, das sind keine Kaktüsse oder Kaktüsser. Kann sich nur nicht mehr ganz entsinnen, wo das aufgeschnappte Wort genau endete. Ich finde, ein im Ansatz richtiger, nur noch einmal verlängerter Plural, ist gefühlt doch um Klassen besser als ein komplett falscher.

Die beiden pirschten sich durch die teilweise hohen Stauden eines großen Beets. Sie nahmen flott die leichte Steigung und warteten oben auf einer Bank auf die Restfamilie.
Als Mutter und Babyschwester die beiden erreicht hatten, fragte die Frau ihren Mann:
„Warum musstet ihr denn ausgerechnet hier entlang gehen?“
„Wieso?“, kam es erstaunt zurück.
„Na, ist seid mitten durch die Giftpflanzen …!“
„Echt? Hab ich gar nicht mitbekommen“, wand sich der Gemahl etwas unwohl heraus.
Bei Giftpflanzen wurde Sohnemann prompt hellhörig und ließ Kakteenen vorerst Kakteenen sein. Gift klang plötzlich interessanter.
So kam es, dass sich die Familie stattdessen das Beet erneut vornahm und diesmal ganz gezielt auf giftige Pflanzen aufmerksam machte und vor attraktiv aussehenden Früchten und Beeren warnte.

Es gibt so einige Pflanzen, die enorm verlockend aussehen!

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Giftpflanzen - Ital. Aronstab (Arum italicum)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Giftpflanzen – Ital. Aronstab (Arum italicum)

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Herbstanemonen (zählen ebenfalls zu den Giftpflanzen, ihr Pflanzensaft ist schwach giftig)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Herbstanemonen (zählen ebenfalls zu den Giftpflanzen, ihr Pflanzensaft ist schwach giftig)

Kakteenen. Ich habe sie gerade immer noch im Kopf … Pluralformen sind schon ulkig, oder? Wie war das gleich beim Kürbis? Nach dem Kaktusprinzip hieße der Plural Kürben bzw. Kürbenen. Und die Giftpflanze von eben? Mehrere davon? Aronstabse – oder lieber Aronstäber? Was halten Sie von Eisenhütern, die im Garten sprießen? Man könnte im Edelrestaurant einmal unschuldig nach Artischöckern fragen und als Nachtisch für alle Ananässer und Papayen bestellen …

Besondere Pflanzen …

Apropos Artischocke! Ich habe mir beim Herumspazieren im Loki-Schmidt-Garten noch etwas für Sie herausgepickt, was mir diesmal – in der zweiten Augusthälfte –  besonders gefiel.
Kennen Sie diese Pflanze?
Das ist eine Wilde Artischocke, auch Karde genannt (Cynara cardunculus), die ursprüngliche Form der Gemüseartischocke. Hat sie nicht traumhafte Blüten? Mir gefallen sie in jedem Stadium.

Ob noch als Knospe …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Sich entwickelnde Blüte einer Wilden Artischocke (Cynara cardunculus)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Sich entwickelnde Blüte einer Wilden Artischocke (Cynara cardunculus)

… voll erblüht ….

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus) in Blüte

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

 

… oder während des Welkens und Vertrocknens.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Auch beim Verblühen schön: Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Auch beim Verblühen schön: Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

Die Früchte sind auch bei dieser Wildart essbar. Es heißt, unsere Geschmacksnerven werden von der Artischocke in einer Weise beeinflusst, dass danach getrunkenes Mineralwasser plötzlich süß schmeckt.
Schon ausprobiert? Tun Sie es ruhig, sie hat nur 17 Kalorien pro 100 g. Ihr Saft soll sich positiv auf die Cholesterinwerte auswirken und liefert einen kleinen Nachschub an Mineralien und Ballaststoffen sowie Eisen, Protein, Vitamin C und B6.

Wenn Sie Enzian und sein leuchtendes Blau mögen, werfen Sie einen Blick auf diese Variante. Es ist ein Schwalbenwurz-Enzian oder auch Schwalbenschwanz-Enzian (Gentiana asclepiadea), der auf engen Raum eine sehr ansehnliche Blütenanzahl produziert.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Enorm blau und voller Blüten: Der Schwalbenwurz-Enzian (Gentiana asclepiadea)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Enorm blau und voller Blüten: Der Schwalbenwurz-Enzian (Gentiana asclepiadea)

 

Während bei einigen Blüten dieses besondere Blau bekannt ist, hatte ich es noch nie bei Beeren oder Früchten einer Pflanze gesehen. Hier entdeckte ich die perlenartigen blauen Schönheiten an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica).

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blaue Perlen an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Blaue Perlen an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica)

Die zierlichen Blüten, die früher im Jahr in Rispen angeordnet erscheinen, sind eher blau-violett.
Was mich interessieren würde, ist, wie die Staude aus „Down Under“ im Botanischen Garten die hiesigen Winter übersteht, denn offiziell kann sie Frost nur bis zu -7 °C vertragen. Sie schien neu gepflanzt. Ob Winterschutz an Ort und Stelle reicht – oder wird sie wieder hereingenommen bis zum Frühjahr?

Noch ein blauer Vertreter, der im Sommer lange blüht:

Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Eine weitere blaue Zierde im Garten: Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Eine weitere blaue Zierde im Garten: Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu

 

Diese Lilie zeigt ihre verführerische Pracht zurzeit gleich im Eingangsbereich des Botanischen Gartens:

Lilium-Orienpet-Hybride „Scheherazade

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blüht gleich am Eingang in voller Pracht: Lilium-Orienpet-Hybride "Scheherazade" (rot-weiß-gelbe Lilienart)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Lilium-Orienpet-Hybride „Scheherazade“

 

Man könnte noch so viel zeigen, doch für heute soll es genug sein. Vielleicht führt Ihr Weg Sie einmal dorthin. Es ist eine sehr schöne und entspannende Art, sich Luft, Bewegung und etwas für die Sinne zu gönnen.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blumenrabatte mit Dahlia-Hybride "Bednall-Beauty*

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Blumenrabatte mit Dahlia-Hybride „Bednall-Beauty*

 

Sie können Ihr Ziel per Auto ansteuern, es gibt einen Parkplatz. Ein Bus hält vor dem Eingang. Doch wenn Sie mit der S-Bahn hinfahren, werden Sie schon am Bahnhof Klein Flottbek auf den Garten eingestimmt …

Hamburg - Der Zugang zur S-Bahn-Station Klein Flottbek mit Pflanzenmotiven an den Wänden ...

Hamburg – Der Zugang zur S-Bahn-Station Klein Flottbek mit Pflanzenmotiven an den Wänden …

 

Der Loki-Schmidt-Garten hat sich ansprechend entwickelt. Die natürliche Veränderung durch Wachstum, die Erlangung einer gewissen Reife, das ist ein Punkt, doch dank der vielen Menschen, die im Botanischen Garten wirken, die forschen, die Ideen umsetzen, die ständig Hand anlegen (und hier gibt es zu den Hauptamtlichen eine große Anzahl an ehrenamtlichen Helfern), dank ihnen ist es möglich, einer solchen Anlage wirklich Gestalt zu geben, ihr Leben einzuhauchen und sie vor allem auch am Leben zu erhalten!
Ich bin immer wieder erstaunt, wie finanziell alles bewerkstelligt wird, ohne dass bisher Eintritt verlangt wird …
So ist er der Botanische Garten allen zugänglich, und das ist eine feine Sache.

Damit möchte ich mich für heute verabschieden. Ich hoffe, Sie haben sich ein Bild vom Garten in Klein Flottbek machen können und würde mich freuen, Sie bald wieder hier zu treffen.

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© by Michèle Legrand, Sept. 2016
Michèle Legrand - freie Autorin

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41 Kommentare

Dampf, Segel, Wellen … Der Hamburger Hafen feierte seinen 826. Geburtstag!

Hamburg - Mai 2015 - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Cap San Diego

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Cap San Diego


Hafengeburtstag
. Waren Sie dort? Haben Sie überhaupt etwas davon mitbekommen? Als Hamburger oder ganz speziell, wenn Sie in anderen Teilen der Republik oder im Ausland leben?
Manche Schiffs- und Hafenfans sagen, sie bekamen leider nicht genug mit, andere Zeitgenossen behaupten, sie wären mit dem Thema Hafengeburtstag förmlich erschlagen worden. Fernsehen, Internet – tausende Fotos seien ins Netz hochgeladen! Jeder präsentiert seine Ausbeute. Die heutige Zeit halt.
Brauchen Sie überhaupt noch mehr „Hafiges“, oder soll ich den Laptop lieber gleich wieder ausschalten?

Sie ahnen, es handelt sich um eine rein rhetorische Frage, denn ich schreibe so oder so. Wissen Sie weshalb? Weil mein Schwerpunkt nicht auf dem in Rekordzeit Hochladen, dem absoluten Profifoto oder Abbildungen aller drei Tage aus sämtlichen Blickwinkeln liegt. Was im Netz gelegentlich etwas zu kurz kommt – der Text, Details – beides hat hier seinen Platz. Ich ziehe wie immer los und erzähle Ihnen, was mir interessant und sehenswert erschien. Zeige es Ihnen gern zusätzlich auf einigen Fotos.
Wenn Sie sich anschließen, nehme ich Sie – maritim ausgedrückt – ins Schlepptau, wir dümpeln ein wenig die Elbe entlang und werfen ab und zu den Anker. Sollte ich irgendwo den Eindruck haben, dass Sie eventuell gar nicht wissen können, warum mich etwas scheinbar Normales an einer Stelle reizt, weil Ihnen wichtige Kleinigkeiten aufgrund fehlender Ortskenntnis unbekannt sind, schreibe ich den Hintergrund dazu.

Hafengeburtstag – Anno dazumal: 1977
Auch wenn die Gründung des Hafens Jahrhunderte zurückliegt, finden ja nicht schon seit 826 Jahren an jedem 2. Maiwochenende in der heute bekannten Form Feste, Ein- und Auslaufparaden, kulturelle Events etc. statt. Als die dreitägige Hafenparty mit all ihren Feierlichkeiten im Jahre 1977 ihre Premiere hatte, war dieser neue Hafengeburtstag anfangs ein eher lokales, bestenfalls norddeutsches Ereignis.
Das Internet spielte noch keine Rolle, der NDR war nicht überall zu empfangen, den Sender Hamburg 1 gab es noch gar nicht. Der Publikumsandrang war begrenzt. Es fehlte einerseits der Bekanntheitsgrad und andererseits wissen Sie, dass auch die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten noch weitere 12 Jahre geschlossen blieb …
Wer also berichtete überregional über den Hafengeburtstag?
Zeitungen – wenn überhaupt!
Oder die anderen 3. Programme übernahmen die Dokumentation nachträglich vom NDR. Irgendwann in der Adventszeit sah man sich dann in Süddeutschland Bilder aus dem Mai vom Hamburger Hafengeburtstag an.

826. Hafengeburtstag – Feiern heute: 2015
Heute kommt die Berichterstattung ohne Zeitversatz überall an. Auf mehreren Kanälen, manchmal recht ungefiltert, denn jetzt wird stundenlang so ziemlich alles gesendet. Dabei wird auch viel wiederholt – und viel palavert. Vielleicht ist es das, was manche als erschlagen werden empfinden.
War viel los?
Auf alle Fälle. Man redet von einer Million Besuchern und dass trotz wenig erbaulicher Wetterprognose und zu Zeiten, in denen die Lokführer streikten, was in Hamburg natürlich den Regionalverkehr inkl. der S-Bahn schwer traf. Es hat aber trotzdem funktioniert. U-Bahn (U3) und Busse haben es gerichtet. Engere Taktung, diese dichten Fahrtabstände ausgeweitet bis 1.30 h in der Nacht. Die Hochbahn entsandte 640 Zugfahrer auf 5000 Fahrten. Hinzu kam zusätzliche 150 Kollegen (auch aus anderen Städten) für die Information und zur Unterstützung an den Haltestellen Baumwall und Landungsbrücken. So war es manchmal zwar brechend voll, doch die Beförderung klappte letztendlich auch ohne die Streikenden.

Ganz generell (auch für zukünftige Besuche des Geburtstags):
Drei Tage Feier – an welchem Tag soll man hin?
Wetter und Programmpunkte mögen bei der Entscheidung eine Rolle spielen, ich behaupte dennoch, hauptsächlich ist dies typabhängig. Sie kennen sich am besten und wissen, wie viel Gewimmel und Action Sie benötigen oder aber – wichtiger noch – maximal vertragen. Gutes Programm gibt es jedenfalls an jedem der drei Tage. An die Wettervorhersage sollten Sie sich nicht binden. Das Wetter macht eh was es will.

Am Freitag, dem Eröffnungstag, erwartet Sie stets am Nachmittag als Hauptattraktion die Einlaufparade der teilnehmenden Schiffe, am Sonnabend ist es das Schlepperballett und am Sonntag die Auslaufparade. Dazwischen können Sie an Bord vieler Schiffe zur Besichtigung aufkreuzen, es finden im Grasbrookhafen in der HafenCity Wettkämpfe der ältesten Drachenboot-Regatta unseres Landes statt oder vielleicht interessiert es Sie, Hafentouren und Ausflugsfahrten mit Barkassen  zu unternehmen. Eventuell sogar mit anlässlich des Geburtstags fahrenden Traditionsschiffen? Bei diesen Sonderfahrten der alten Schiffe müssen Sie allerdings immer vorher Plätze buchen, das geht nicht auf den letzten Drücker.
Möglicherweise zieht es Sie in den Museumshafen nach Oevelgönne oder Richtung Veddel und zum Hansahafen, wo sich auch das Hafenmuseum (nicht zu verwechseln mit den Internationalen Maritimen Museum!) befindet.

Sollten Sie Gewimmel lieben, je mehr je besser, dann tauchen Sie am Wochenende, möglichst am Sonnabend am späten Nachmittag auf und halten durch bis mindestens 23 Uhr. So decken Sie gleich zwei Hauptattraktionen ab. Sie starten um 17 Uhr mit dem Schlepperballett, sehen den Hafen sowohl bei Helligkeit als auch im Dunkeln mit festlicher Beleuchtung und erleben als krönenden Abschluss das große Feuerwerk, das um 22.30 Uhr beginnt. Auf der NDR-Bühne auf dem Vorplatz beim Alten Elbtunnel und an weiteren Stellen gibt es zudem Musik.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Unten am Alten Elbtunnel hat der NDR seine große Bühne aufgebaut ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Unten am Alten Elbtunnel hat der NDR seine große Bühne aufgebaut …

Alternativ tauchen Sie am frühen Sonntagnachmittag zur Auslaufparade auf. Da haben Sie ebenfalls dieses Sardine-in-der-Büchse-Gefühl, aber Sie sehen noch einmal alle Schiffe und zwar mit der Sonne im Rücken, was fürs Schauen und auch fürs Fotografieren vorteilhaft ist.

Der Nachteil bei all den Terminen: Sie müssen sehr viel früher da sein, um noch einen Platz zu ergattern, von dem aus Sie irgendetwas sehen können. Die Promenade sowie die Pontons an den Landungsbrücken quellen über!

Wenn Sie nun zögern und merken, dass Sie doch etwas persönlichen Freiraum lieben, noch durchkommen möchten, nicht unbedingt jedes Schiff gesehen haben müssen, abendliche Konzerte auf den aufgebauten Bühnen eher eine Nebenrolle spielen, dann ist der Freitag für Sie der ideale Tag.
Sie starten am frühen Nachmittag und halten bis zur um 17 Uhr beginnenden Einlaufparade von bis zu 300 Schiffen locker durch. Zwischen fünf und sechs Kilometer Flanierstrecke kommen zusammen, wenn Sie von der HafenCity vorbei an den Landungsbrücken Richtung Fischmarkt (Altona) und weiter bis Övelgönne zum Museumshafen laufen. Eine Tour hat wohlgemerkt diese Länge! Das Zurücklaufen bitte nicht vergessen beim Errechnen der Kilometer.
Das Gute ist, Sie können am Hafen nie verhungern. Im Gegenteil, mir begegneten Leute mehrfach, die ständig etwas zum Vertilgen in der Hand hielten. Hier ist eher das Risiko des Überfutterns gegeben.
Am Freitag ist noch Luft zum Atmen, der Alkoholpegel der Besucher schlägt erst später kritisch nach oben aus, und die Standbesitzer sind noch nicht erschöpft und dementsprechend gut gelaunt.
Ich selbst entschied mich für diese Freitagsvariante mit Lauffreiheit und habe von meiner Runde Fotos mitgebracht.

Hafengeburtstag Hamburg 2015 – kleine Rundtour
An der Kehrwiederspitze bei der Elbphilharmonie waren in diesem Jahr die Niederlande (Groningen) als Partner eingeladen und präsentierten sich mit diversen Ständen. Poffertjes gab es. Kleine, relativ dicke Pfannkuchen. Haben Sie schon einmal Austernpilzkugeln probiert? Die wachsen offenbar auf Kaffeesatz. Die Pilze, nicht die fertigen Kugeln …

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Groningen (Niederlande) bietet Spezialitäten auf der Kehrwiederspitze an ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Groningen (Niederlande) bietet Spezialitäten auf der Kehrwiederspitze an …

Schön war es für mich zu entdecken, dass sich die Aktivitäten insgesamt ein wenig entzerrt haben. Räumlich gesehen. Seit auch die HafenCity mit dem Traditionsschiffhafen (ehemals Sandtorhafen) und dem Grasbrookhafen (erwähnte Drachenboot-Rennen) mit von der Partie ist, lässt es sich herrlich dort starten und im Laufe der Zeit elbabwärts bummeln.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Traditionsschiffhafen am Sandtorkai (Hafencity)

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Traditionsschiffhafen am Sandtorkai (Hafencity)

Bis zu 27 Schiffe liegen im Traditionsschiffhafen üblicherweise vor Anker. Bei einem Anlass wie dem Hafengeburtstag hält es viele natürlich nicht an ihrem Platz; sie machen Sonderfahrten. Das bringt schließlich auch ein bisschen Geld herein.
Hier legen gerade der dampfbetriebene Eisbrecher ELBE (Bj. 1911) und das Ausflugsschiff Seute Deern (Bj. 1961) ab. Die Seute Deern hat in ihrer besten Zeit von Cuxhaven aus einige Jahre lang Helgoland angelaufen und war danach als Ostsee-Butterdampfer auf der Strecke von Eckernförde nach Sønderborg unterwegs.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Die Seute Deern legt ab (Traditionsschiffhafen am Sandtorkai)

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Die „Seute Deern“ legt ab (Traditionsschiffhafen am Sandtorkai)

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Traditionsschiffhafen - Die Fahrt geht los - Eisbrecher ELBE lässt Dampf ab ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Traditionsschiffhafen – Die Fahrt geht los – Eisbrecher „ELBE“ lässt Dampf ab …

Sehen Sie die aufgeklappte Brücke dort vorne? Die Tatsache hat mich doch erstaunt. Es handelt sich um die Mahatma-Gandhi-Brücke, die bereits seit 1995 existiert.
Was also ist daran dann ungewöhnlich?

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Eisbrecher ELBE läuft aus dem Traditionsschiffhafen aus ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Eisbrecher „ELBE“ läuft aus dem Traditionsschiffhafen aus …

Als sich die HafenCity in den letzten Jahren mit Macht entwickelte, wurde die bestehende Brücke an der Elbphilharmonie plötzlich als zu schmal erachtet und ihr Umbau beschlossen. 2013 oder 2014 ging es mit der Verbreiterung auf zwei großzügig bemessene Fahrstreifen und der Schaffung eines danebenliegenden Fußwegs los. Man kam gar nicht mehr hinüber von Kai zu Kai, musste Umwege in Kauf nehmen. Diese Arbeiten sollten laut Plan noch gar nicht beendet sein. Es hieß frühestens zum Ende des Jahres. Und nun sieh einer an! Der Umbau ist noch nicht abgeschlossen, aber Sie lässt sich immerhin schon wieder öffnen, so dass die Schiffe besser in und aus dem Hafen gelangen.

Am Baumwall und Richtung Landungsbrücken wurde im Zuge der Verbesserung des Flutschutzes eine neue Uferpromenade mit breiten Treppen und Terrassen angelegt. Sie ist nun endlich fertig (letztes Jahr war dort noch eine einzige Riesenbaustelle!). Die Hafenbesucher genossen es sichtlich, einen Moment auf den Stufen zu rasten und den Blick über Boote oder auch hin zur Elbphilharmonie schweifen zu lassen.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Am Baumwall auf den neu angelegten Treppen sitzen ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Am Baumwall auf den neu angelegten Treppen sitzen …

Die Rickmer Rickmers (Museumsschiff) trägt am Geburtstag Wimpel und am Nachmittag erschallt von Bord der Gesang eines Shanty-Chors. Leider war zur offiziellen Eröffnung des Hafengeburtstags am Nachmittag nur geladenen Gästen der Zutritt gestattet. Dafür konnte sie dann am Wochenende wieder besucht werden.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Rickmer Rickmers an ihrem ständigen Liegeplatz  ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Rickmer Rickmers an ihrem ständigen Liegeplatz …

Natürlich hatte jeder Hafengeburtstagsbesucher vor, sich einen guten Platz für die Einlaufparade zu ergattern. Leider gibt es im Vergleich zum Andrang nur wenig Sitzmöglichkeiten, und die Restaurants und Lokale sind schnell am Ende ihrer Kapazitäten. Darauf warten, dass jemand geht, ist zwecklos. Wer einen Platz hat, verharrt dort bis zum bitteren Ende und gibt ihn nicht wieder her.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Kein freier Sitzplatz mehr und die Einlaufparade ist erst in zwei Stunden ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Kein freier Sitzplatz mehr – und die Einlaufparade ist erst in zwei Stunden …

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Die Hafenbarkassen haben Hochbetrieb, die Pontons füllen sich ....

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Die Hafenbarkassen haben Hochbetrieb, die Pontons füllen sich ….

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Im Hintergrund die niederländische Barkentine ATLANTIS (1905/1985)

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Im Hintergrund die niederländische Barkentine ATLANTIS (1905/1985)

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Die SHTANDART, der russ. Nachbau einer Fregatte (Replik 1703)  an den Landungsbrücken ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Die „SHTANDART“, der russ. Nachbau einer Fregatte (Replik 1703) an den Landungsbrücken …

Richtung Hafenstraße, dort befindet sich das Fischerdorf, ändert sich ein bisschen das Warenangebot der Stände. Essen und Trinken gibt es weiterhin, doch hier findet auch der Piercing-Interessierte, der Rastazopf-Fan oder der Totenschädel-Shirt-Freak entsprechende Auslagen.
Wer auf den Blick von oben aufs Geschehen aus war, stieg in eine der Gondeln des (kleinen) Riesenrads, wer schnelle Blickrichtungswechsel vorzog und eine gewisse Magenfestigkeit besaß, der ließ sich von den Krakenarmen eines weiteren Fahrgeschäfts wild durch die Lüfte wirbeln.

Hamburg - Mai 2015 - 826. Hafengeburtstag - Im Fischerdorf ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Im „Fischerdorf“ …

Um die Einlaufparade gut verfolgen zu können, ist auch am Freitag rechtzeitiges Kommen empfehlenswert. Ich habe mir einen Platz an den Landungsbrücken direkt auf den Pontons gesucht.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Es füllt sich auf den Pontons ....

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Es füllt sich auf den Pontons ….

Die Idee hatten auch andere, und so dauerte es nicht lange, bis Ordnungskräfte dafür sorgen mussten, dass einerseits die vorderen Wartenden Abstand zur Kaikante hielten und andererseits die hinteren nicht drängelten und alle nach vorne schubsten. Da ist diese gelbe Linie … Weiter darf man nicht, sonst gibt’s Ärger!

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Und nicht übertreten beim gelben Streifen .... (Es wird kontrolliert!)

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Und nicht übertreten beim gelben Streifen …. (Es wird kontrolliert!)

Überhaupt ist irgendwann Schluss mit Betreten. Wenn die Pontons voll sind, sind sie voll.
Was zuerst wie ein optimaler Standort wirkte, entpuppte sich etwas später als Platz mit ab und zu versperrter Sicht. Immer dann, wenn eine Barkasse heranrauschte, um Fahrgäste auszuladen. Zum Glück waren es Linienschiffe mit Fahrt nach Fahrplan, und so verließen die Sichtversperrer stets nach kurzer Zeit wieder den Anlegeplatz.

Sollten Sie einmal eine Stelle suchen, die wirklich weniger überlaufen ist, dann marschieren Sie unter der Elbe durch den Alten Elbtunnel auf die andere Uferseite und lassen sich dort nieder. Die Profifotografen machen das sowieso gern. In dem Fall entgeht man nicht nur der Fülle, sondern hat als Hintergrund zusätzlich noch die schöne Hamburg-Kulisse mit Michel und allem anderen.

Einlaufparade!
17 Uhr. Es geht los! Das Feuerlöschboot ist bereits in der Ferne zu sehen. Fontänen sprühend!

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Die Einlaufparade startet. Das Feuerlöschboot fährt vorweg ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Die Einlaufparade startet. Das Feuerlöschboot fährt vorweg …

Man müsste die Nordsee für einen Tag auf die gegenüberliegende Seite packen können. Dann kämen die Schiffe bei der Einlaufparade am Nachmittag von Osten herein – und die Sonne würde nicht für Gegenlicht bei Aufnahmen sorgen. Alternativ ließe sich natürlich auch – etwas weniger aufwendig – die Parade auf die Morgenstunden  vorverlegen.
Das menschliche Auge nimmt das Gegenlicht gar nicht übermäßig wahr, schließlich schauen Sie auf das Wasser und nicht direkt in den Himmel, das Auge der Kamera jedoch ist pingelig. Die Belichtung auf einigen Fotos lässt vermuten, es sei bereits Abend. Die Belichtungszeit, Sie wissen schon … Lassen Sie sich davon bitte nicht irritieren.

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade -  Segelschulschiff Gorch Fock (Bark, 1958)

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Segelschulschiff „Gorch Fock“ (Bark, 1958)

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Fregatte AUGSBURG der deutschen Marine

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Fregatte „AUGSBURG“ der deutschen Marine

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - BRIGITTE BARDOT, der 35 m lange Trimaran der Umweltorganisation SEA SHEPHERD und 2-Mast-Schoner  Flying Dutchman

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – „BRIGITTE BARDOT“, der 35 m lange Trimaran der Umweltorganisation SEA SHEPHERD und 2-Mast-Schoner „Flying Dutchman“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Blick elbaufwärts

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Blick elbaufwärts

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - In der Mitte die niederl. 3-Mast-Barkentine PEDRO DONCKER

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – In der Mitte die niederl. 3-Mast-Barkentine PEDRO DONCKER

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Hinten_ RINGEN, SPEDITOREN und BRIGADEN, Küstenschutzschiffe der dän. Marine

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Hinten: MHV „RINGEN“, „SPEDITOREN“ und „BRIGADEN“, Küstenschutzschiffe der dän. Marine

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade

826. Hafengeburtstag Hamburg - Einlaufparade - Mir (russ., 109 m lang)

826. Hafengeburtstag Hamburg – Einlaufparade – „Mir“ (russ., 109 m lang)

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Dampfeisbrecher STETTIN

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Dampfeisbrecher STETTIN

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - 3-Mast-Bark Alexander von Humboldt II nähert sich ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – 3-Mast-Bark „Alexander von Humboldt II“ nähert sich …

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Kieler Museumsdampfschiff (Tonnenleger, 1906) ) BUSSARD

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Kieler Museumsdampfschiff (Tonnenleger, 1906) ) „BUSSARD“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Bunte Mischung ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Bunte Mischung …

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Die Cap San Diego läuft ein ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Die „Cap San Diego“ läuft ein …

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Hinter den Schleppern das polnische Landungsschiff TORÚN

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Hinter den Schleppern das polnische Landungsschiff „TORÚN“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - In der Mitte Schlepper HOLLAND

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – In der Mitte Schlepper „HOLLAND“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Rechts das russ. Segelschulschiff MIR

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Rechts das russ. Segelschulschiff „MIR“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Links die PEDRO DONCKER

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Links die „PEDRO DONCKER“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Reger Betrieb auf der Elbe

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Reger Betrieb auf der Elbe

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Vorne Dampfschlepper Claus D. aus dem Museumshaven Oevelgönne

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Vorne Dampfschlepper Claus D. aus dem Museumshaven Oevelgönne

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Vorne Dampfschlepper Woltmann, dahinter die Alexander von Humboldt II

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Vorne Dampfschlepper „Woltmann“, dahinter die „Alexander von Humboldt II“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade___

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Zwei Schiffe der deutschen Küstenwache_vorne Meerkatze (Fischereischutzboot), hinten Helgoland (Zollboot)

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Zwei Schiffe der deutschen Küstenwache: vorne „Meerkatze“ (Fischereischutzboot), hinten „Helgoland“ (Zollboot)

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Die Cap San Diego hat gewendet und wird an der Überseebrücke festmachen ....

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Die „Cap San Diego“ hat gewendet und wird an der Überseebrücke festmachen …

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Die ganze Zeit aktiv ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Die ganze Zeit aktiv …

 

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Einlaufparade - Es wird nicht nur in die eine Richtung gewinkt und fotografiert ...

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Einlaufparade – Es wird nicht nur in die eine Richtung gewinkt und fotografiert …

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Anlegemanöver an der Überseebrücke - Die Cap San Diego

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Anlegemanöver an der Überseebrücke – Die „Cap San Diego“

Hamburg - Mai 2015  - 826. Hafengeburtstag - Topsegelschoner  Swaensborgh (Bj. 1907)

Hamburg – Mai 2015 – 826. Hafengeburtstag – Topsegelschoner „Swaensborgh“ (Bj. 1907)

Etwas mehr als eine Stunde später sind sie (fast) alle an einem vorbeigezogen. Und trotz allen Gewusels gab es keine Karambolagen! Eine Kunst für sich.

Résumé
Viel gesehen – insgesamt! Vielseitig die Teilnehmer an der Parade, nette wildfremde Stehnachbarn auf dem Ponton.  Links aus Pakistan. Rechts aus Wuppertal. Hinter mir klang es schwäbisch. Und es blieb trocken. Kein Regen! Was will man mehr!
Nach dem Abschluss der Parade machte sich jedoch wie in den Vorjahren die viele Lauferei und das zuletzt sehr lange Stehen auf einer Stelle bemerkbar. Mich zog es danach daher heim zum Entspannen. Für andere fing das Vergnügen jetzt erst an – oder stand für Sonnabend und Sonntag noch auf dem Plan.

Man hört momentan, dass die Attraktivität des Hafengeburtstags nachgelassen hätte, dass es diesmal nicht an vorangegangene Veranstaltungen hätte heranreichen können. Ich kann es für mich nicht bestätigen. Mir gefiel das Programmangebot, mir reichte die Zahl der teilnehmenden Schiffe völlig aus und mir behagte besonders die Weitläufigkeit in diesem Jahr. Die Stimmung war gut, das Wetter entpuppte sich als besser, als prognostiziert. Was später im Fernsehen aus dem Hafen gesendet wurde, wirkte ebenfalls – solange es nicht zum fünften Mal ausgestrahlt wurde – positiv.
Man munkelt von Plänen, zukünftig mehr Prominente anziehen zu wollen. Als Publikumsmagneten. Mit speziellem Grund – z. B. für ein Konzert oder wenn diese „gebuchten“ Personen tatsächlichen Bezug zur Seefahrt und Hafenthemen haben – könnte ich es mir noch vorstellen. Wenn diese Tendenz allerdings überhand nähme und womöglich nur noch mehr Gestalten von der Sorte erschienen, die überall mitmischen, sich meist nur produzieren  und (am Thema vorbei) palavern, dann wäre es für mich definitiv ein Grund wegzubleiben. Mit Hafengeburtstag verbinde ich doch etwas anderes.

Das war’s!
Ich hoffe, Sie haben einen kleinen Überblick erhalten und Ihnen hat auch der optische Eindruck vom 826. Hafengeburtstag ein wenig gefallen!
Wir werden jetzt anlegen, damit Sie von Bord gehen können …

© by Michèle Legrand (Text & Fotos), Mai 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Salut (6) – La Bretagne / Die Île de Bréhat – eine besondere Insel!

Erneut ruft das Meer!
Waren es bei Salut (4) bereits das imposante Cap Fréhel, das unwahrscheinlich farbintensive Meer entlang der Smaragdküste und nicht zuletzt die sich skurril türmenden Felsen in ihrem recht außergewöhnlichen Rosa an der Granitküste, so ist das Ziel heute im sechsten und vorerst letzten Teil der Bretagne-Serie eine Inselgruppe, die sich ebenfalls an der bretonischen Nordküste befindet. Noch im Bereich des Ärmelkanals, etwas nördlich und nicht weit entfernt von Paimpol, einem sehr hübschen Hafenstädtchen.

Bretagne - Paimpol  - Am Hafen

Bretagne – Paimpol – Am Hafen

Bretagne - Paimpol  - Während im Hafen von Paimpol immer Wasser aufgestaut ist ...

Bretagne – Paimpol – Während im Hafen von Paimpol immer Wasser aufgestaut ist …

Bretagne - Paimpol  - ... herrscht nebenan Ebbe und die Boote liegen im Schlick.

Bretagne – Paimpol – … herrscht nebenan Ebbe und die Boote liegen im Schlick.

Bretagne - Paimpol  - Kunstgegenstände ...

Bretagne – Paimpol – Kunstgegenstände …

Es wäre übrigens fantastisch, wenn Sie heute wieder etwas Muße mitbrächten, denn während des Ausflugs soll ein wenig Zeit für Nebengedanken oder einen Vergleich bleiben. Das, was ich Ihnen zeigen möchte, ist zu schade für ein Speeddating mit starrem Blick nur nach vorn.

Zu der erwähnten Inselgruppe gehören 86 kleine Inseln und obendrein eine überaus attraktive Hauptinsel mit höchst unterschiedlichem Nord- und Südteil. Die Franzosen selbst sprechen bei dieser Ansammlung von Inseln vom Archipel de Bréhat, nennen die Hauptinsel entsprechend Île de Bréhat. Der Begriff Archipel steht nicht allein für die diversen Inseln, sondern schließt Gewässer zwischen ihnen mit ein. Die zweiteilige Hauptinsel hat den Beinamen Blumeninsel sowie die weitere Bezeichnung Insel der rosa Felsen. Auf die Südinsel trifft der erste Beiname zu, denn hier ist die Vegetation nahezu üppig, vielfältig und besonders. Der zweite Zusatz beschreibt den schrofferen, den felsigeren nördlichen Teil der Île de Bréhat.
Rosa Felsen? Hatten wir nicht …?
Ganz recht, bereits hier, um die 40 km weiter östlich (Luftlinie) der Region, die ich Ihnen in Salut (4) zeigte, findet sich das farblich extrem selten vorkommende und daher um so markantere Granitgestein. Stellen Sie sich die Farbe bitte nicht als Barbie-Rosa vor, es geht mehr ins Altrosa, changiert ins Rötliche und Bräunliche, je nach Lichteinfall und Feuchtigkeit.
Anfang November war ich vor Ort.
Einen Moment! Ein Archipel und mehr noch eine Blumeninsel im November …?
Wer macht denn so etwas! Kann das überhaupt reizvoll sein?
Wenn Sie gerade wieder unser wenig apartes Wetter zum Aprilstart ertragen, sich bei Sturm kaum halten können und mehrfach von peitschendem Regen durchnässt werden, können Sie sich eine freiwillige Bootsfahrt oder auch nur wachsfreudige, grüne, blühende Pflanzen (draußen, nicht drinnen!) vermutlich schwer vorstellen. April – wie auch November – haben nicht unbedingt den besten Ruf hinsichtlich großzügiger Sonnenscheindauer oder Regenabstinenz.
Ich versichere Ihnen, es war dort selbst zu dieser späten Jahreszeit wunderbar, und es lässt fast darauf schließen, dass es an einem solchen Ort im Frühjahr und Frühsommer, wenn die Vegetation loslegt, – nein, explodiert! – wirklich traumhaft sein muss!

Bretagne - Île de Bréhat - November - Die Rankpflanzen am Haus sind noch in voller Blüte ...

Bretagne – Île de Bréhat – November – Die Rankpflanzen am Haus sind noch in voller Blüte …

Die Bretonen an der Küste – und speziell die Einheimischen auf der Île de Bréhat – versichern zudem nachdrücklich, dass die Sonne hier bei Ihnen wesentlich häufiger und länger scheint als beispielsweise in der französischen Hauptstadt, in Paris. Oder auf dem Festland ganz generell. Oft käme es vor, dass dunkle Wolken über die Insel zögen, sich allerdings erst am Festland abregneten.
Kennen wir das nicht auch von diversen Stellen an unserer Nord- bzw. Ostseeküste? Von den Nordfriesischen oder Ostfriesischen Inseln genauso wie von Rügen, Usedom etc.?
Den Umstand, dass auf dem Festland und speziell im Landesinneren das Wetter festhängt und der Regen nicht enden will, jedoch direkt an der Küste oder auf den ihr vorgelagerten Inseln alles schon wieder vorbei ist? Schauer kommen schneller, unvermuteter, verschwinden jedoch mancherorts häufig genauso rasant wie sie auftraten.

Prüfen wir doch fix: Was hat Einfluss auf Klima, Wetterlage?
Geographische Breite, Höhenlage und Relief, die Position zum Meer oder auch die Art der Bodenbedeckung. Das sind klimatische Faktoren. Und wenn man genau hinschaut, fallen einem noch viele andere Dinge auf, die vor Ort, lokal begrenzt, ganz eigene, besondere Wetterverhältnisse schaffen.
Werden kalte Winde abgelenkt, fließt eine warme Strömung in der Nähe, in welchem Maße kommen die Auswirkungen der Gezeiten zum Tragen? Halten eventuell natürliche Hindernisse wie Hügel und Berge oder eine hohe, großflächige Bepflanzung das Wetter fest und hindern es am weiterziehen? Oder liegen sie etwa vorteilhaft, so dass sie stattdessen ankommendes (Schlecht-)Wetter aufhalten? Heizt sich irgendwo die Luft besonders auf? Wie intensiv sind auf- und ablandige Winde?
Schon hätte wieder etwas Einfluss auf Verdunstung, auf Wolkenbildung, Regenhäufigkeit und seine Dauer
u. v. m.
Im Falle von Bréhat scheint ganz offensichtlich alles günstmöglichst auszufallen.

Die Einwohner der Île de Bréhat heben außerdem hervor, dass auf ihrer Insel ein besonderes Licht herrsche. Besseres Wetter, spezielle Lichtverhältnisse … Ist dem so?
Wie verhält es sich mit dem Licht an der See? Am Meer ist es doch immer intensiver, heißt es. Die großen Wasserflächen reflektieren schließlich Unmengen an Sonnenlicht. Eine klimatisch verwöhnte Ecke mit weniger Wolken und entsprechend mehr Sonnenstunden ist umso heller. Klar! Ist deshalb aber die Art des Lichts überall automatisch gleich?
Es ist ein wenig wie daheim in der guten Stube – wobei wir natürlich weitere Lichtquellen nutzen, nicht nur eine einzige. Sie empfinden mit Sicherheit große Unterschiede zwischen dem Licht einer Neonröhre oder LED-Leuchte und dem einer Glühbirne oder Kerze. Wie etwas farblich wirkt hängt auch davon ab, ob es direkt und indirekt beleuchtet wird. Ob dezent oder intensiv. Ob ein Lampenschirm das Licht der Quelle in seiner Farbe verändert.
Nicht weniger wichtig ist die Umgebung. Die schwarze Couch schluckt viel Licht, der helle Teppich gaukelt zusätzlich Helligkeit vor …

Draußen verhält es sich nicht anders. Auf die Île de Bréhat fällt mit Sicherheit nicht der Schein einer anderen Sonne, doch das klare Wasser, das die Insel und den ganzen Archipel umgibt, die Farbe der Felsen, die bei Sonneneinwirkung leicht rötlich schimmern, der relativ helle Sand, der zusätzlich Licht reflektiert – all das bewirkt ein durchaus spezielles, einzigartiges Licht.
Einige der örtlichen Gegebenheiten sorgen hier für Lichtintensität, andere kreieren eine Art Lichtfarbe. Bäume und Sträucher hingegen filtern mit ihrem Blattwerk Licht, dämpfen, sorgen für Punkte, an denen das Auge entspannen kann. Die Farbenpracht von Blüten wiederum scheint durch das vorherrschende Licht noch intensiver und regt die Sinne an.
Es ist schon verdammt anziehend! Selbst im November!

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat - Für Seevögel ideal ...

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat – Für Seevögel ideal …

Bretagne - Île de Bréhat - Verblühte Schmucklilien (Agapanthus africanus) - Was muss das im Sommer für ein blaues Blütenmeer sein ...

Bretagne – Île de Bréhat – Verblühte Schmucklilien (Agapanthus africanus) – Was muss das im Sommer für ein blaues Blütenmeer sein …

Ahnen Sie, wen das Licht noch angezogen haben könnte? Von jeher?
Exakt. Maler!
Auf dem Friedhof der Insel finden sich mehrere Ruhestätten von Künstlern, die hier nicht nur einen Urlaub, sondern Jahre ihres Lebens verbrachten, die einfach nicht wieder von ihr und der Atmosphäre, die das Licht schaffte oder den sich daraus ergebenden Malbedingungen, loskamen!

Während des Spaziergangs durch Le Bourg, den kleinen Hauptort der Südinsel, erzählte eine Ortsansässige, die sich nahe der Kirche Église Notre-Dame de Bréhat aufhielt, dass auch Matisse insgesamt 35 Jahre auf Bréhat gelebt hätte, hier verstarb und sich seine Grabstätte gleich nebenan, auf dem angeschlossenen Friedhof, befände.
Ohne zu zögern führte sie im nächsten Augenblick zu einem Haus ein Stückchen weiter, wies auf die Fenster der Wohnräume im ersten Stock und erklärte freundlich, dass sich dort, in großen, durchgehenden Zimmern mit Fenstern in unterschiedliche Himmelsrichtungen, sein Atelier befunden hätte.
Inzwischen bin ich mir dessen nicht mehr ganz so sicher. Als ich danach den Friedhof aufsuchte, stellte sich heraus, dass es sich um die Grabstätte von Auguste Matisse und nicht die von Henri Matisse handelt. Offenbar waren sie noch nicht einmal miteinander verwandt. Obwohl sie Zeitgenossen waren und Henri einen jüngeren Bruder namens Émile Auguste hatte, war es nicht jener Auguste, der hier begraben liegt.
Nun – dann eben ein anderer Matisse. Ein Maler und Zeichner maritimer Landschaften. Viele Wellenbilder sind dabei, aber er hat auch Plakate für die Olympischen Spiele von 1924 in Chamonix/Mont-Blanc entworfen und – so wie es sich anhört – sogar Buntglasfenster! Wahrscheinlich für Kirchen. Das ist doch was!
Die Inselbewohnerin hatte schließlich auch nie behauptet, es wäre Henri gewesen.
Allerdings … Weitere Nachforschungen ergaben, dass Auguste Matisse offenbar auf der felsigeren Nordinsel nahe Corderie lebte, nicht auf der Südinsel, und somit hatte er sein Atelier höchstwahrscheinlich auch nicht in dem gezeigten Haus.
Vielleicht ging es um einen der anderen Inselmaler … Eine Verwechslung. Irgendwer wird dort schon aktiv gewesen sein.

Bretagne - Île de Bréhat  - Friedhof an der Kirche Église Notre-Dame de Bréhat

Bretagne – Île de Bréhat – Friedhof an der Kirche Église Notre-Dame de Bréhat

Wir sind schon wieder mittendrin in den Details, dabei wollte ich Ihnen von der Anfahrt und von der Insel überhaupt erzählen!

Wenn Sie sich, aus der Hafenstadt Paimpol kommend, nördlich halten, stoßen Sie nach wenigen Kilometern auf eine Landspitze mit dem Namen Pointe de l’Arcouest. Hier legen die Fährboote zur Île de Bréhat ab. Wenn Sie sich auf direktem Weg hinüberbegeben, beträgt die Übersetzzeit ungefähr 15 Minuten. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, eine etwa einstündige Fahrt durch die Inselgruppe zu buchen und am Ende auf der Insel auszusteigen.

Bretagne - Pointe de l'Arcouest - Das Boot wartet auf die Rundfahrt- und Inselgäste ...

Bretagne – Pointe de l’Arcouest – Das Boot wartet auf die Rundfahrt- und Inselgäste …

Sie umrunden bei dieser Fahrt im Uhrzeigersinn die beiden Teile der Hauptinsel, gleiten zwischen vielen kleinen Inseln hindurch und bekommen auf diese Art einen ganz famosen Eindruck über die Größe des Archipels, die einzelnen Eilande und die Unterschiedlichkeit der Felsformationen. Sie haben zudem jederzeit einen exzellenten Blick auf zunächst die Süd-, später die Nordinsel

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat

Bretagne - Île de Bréhat - Hafen Port-Clos voraus ...

Bretagne – Île de Bréhat – Hafen Port-Clos voraus …

Bretagne - Rundfahrt durch den Archipel de Bréhat ....

Bretagne – Rundfahrt durch den Archipel de Bréhat ….

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat

Bretagne - Île de Bréhat - Hier sind die Wassersportler im November noch hemdsärmelig unterwegs ...

Bretagne – Île de Bréhat – Hier sind die Wassersportler im November noch hemdsärmelig unterwegs …

Bretagne - Île de Bréhat - Ruhiges Wasser zwischen einigen Eilanden ...

Bretagne – Île de Bréhat – Ruhiges Wasser zwischen einigen Eilanden …

Ganz nebenbei können Sie eine Vielzahl von Seevögeln erspähen. Kormorane, Basstölpel, diverse Möwen und neben sehr vielen weiteren Vogelarten auch die farbenfrohen, stets sehr lustig wirkenden Papageientaucher! Man erkennt, auf welchen Felsen oder kleinen Inseln die Seevögel sich bevorzugt aufhalten oder gar in Kolonien nisten. Die Steine an diesen Stellen erscheinen weißlich, sind überzogen mit den Hinterlassenschaften der fliegenden Mannschaft.

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat - Ein Vogelparadies ...

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat – Ein Vogelparadies …

Für Fotos sind diese Felsen und besonders ihre Bewohner resp. zeitweiligen Besetzer allerdings zu weit vom Boot entfernt oder aber das Gefährt hüpft zu sehr auf den Wellen, um scharfe Aufnahmen gelingen zu lassen. Ich hätte liebend gern einen der Papageientaucher erwischt – mir gelang es jedoch lediglich an Land und auch nur in Form eines nicht flüchtenden Wandbildes (Es befindet sich nicht einmal auf der Insel, sondern in Trégastel, nahe des Aquarium Marin) bzw. als Titelbild auf der Menükarte der Insel-Crêperie.

Bretagne - Wandbild mit den beliebten Papageientauchern  - hier: nahe des Aquarium Marin de Trégastel

Bretagne – Wandbild mit den beliebten Papageientauchern – hier: nahe des Aquarium Marin de Trégastel

Wir kamen übrigens – nicht das erste Mal – zu einem Zeitpunkt an, an dem in Frankreich das Mittagessen beendet ist und die Gastronomie bis zum Abend überall geschlossen bleibt. Sie erinnern sich vielleicht an meinen Hinweis aus einem der ersten Teile der Bretagne-Reihe. Wir hatten kaum Hoffnung, irgendetwas zu ergattern, doch bei dieser bewussten Papageientaucher-Crêperie saßen gerade die Töchter der Inhaberin am Tisch und aßen, als wir durch das Fenster schauten. Offenbar haben wir sehr verhungert ausgesehen, sie hat uns jedenfalls kurzerhand hereingelassen und ein paar zusätzliche Galettes und Crêpes gezaubert. Ziemlich zuvorkommend, oder?

Bretagne - Île de Bréhat - Crêperie L'oiseau des Îles

Bretagne – Île de Bréhat – Crêperie L’oiseau des Îles

Haben Sie zufällig auf den Text der Karte geachtet?
„Here we try to speak English.“ Das finde ich entzückend! ^^

Wenn die Rundfahrt endet, legt das Boot am Südzipfel der Südinsel in Port-Clos an.

Bretagne - Île de Bréhat - Hafen Port-Clos mit Anleger 1

Bretagne – Île de Bréhat – Hafen Port-Clos mit Anleger 1

Sie erinnern sich an die Gezeiten? Den doch bemerkenswerten Tidenhub?
Ich habe mich gefragt, ob das Festmachen im Hafen wohl nur bei Flut möglich sei, ob Überfahrten überhaupt zu anderen Zeiten – bei ablaufendem Wasser oder richtiger Ebbe – stattfinden könnten. Man hat dafür jedoch eine sehr praktische Lösung: Es gibt an drei verschiedenen Stellen einen Kaianleger!
Bei Flut ist es möglich, direkt in der kleinen Bucht mit Sandstrand zu landen, dort, wo sich ein kleines Hotel (Bellevue) mit Restaurant befindet, maximal eine Handvoll kleiner Läden platziert ist und von wo aus die Wege zum Ortskern oder zu anderen Zielen auf der Insel starten.
Anleger zwei liegt einige Meter südlich. Dort läuft das Wasser nicht mehr ganz so extrem ab. So kann dieser Pier bei mittlerer Tide noch bedient werden.
Der in Nähe der Buchteinfahrt am weitesten ins Meer hineinragende Anleger drei hat selbst bei Ebbe so ausreichend Wasser, dass die Ausflugsboote festmachen können.

Südinsel und Nordinsel zusammen erstrecken sich über eine Länge von 3,5 km, die Breite beträgt ungefähr 1,5 km. Beide Inselteile sind durch eine Brücke, die Pont Vauban verbunden.
Der schroffere Norden erinnert mich mit seiner Felsküste und seine durch eine zeitweilig hügelige Landschaft führenden Wege ein wenig an Irland. Am nördlichsten Zipfel befindet sich der Leuchtturm Phare du Paon (Pfauenleuchtturm). Wer es verlassener und landschaftlich eher etwas herber mag, der ist hier im Norden gut aufgehoben.

Bretagne - Île de Bréhat - Nordteil der Hauptinsel mit dem Leuchtturm Phare du Paon ...

Bretagne – Île de Bréhat – Nordteil der Hauptinsel mit dem Leuchtturm Phare du Paon …

 

Bretagne - Île de Bréhat - Nordteil

Bretagne – Île de Bréhat – Nordteil

Bretagne - Île de Bréhat - Umrundung der Nordspitze (mit Leuchtturm bei Gegenlicht) ...

Bretagne – Île de Bréhat – Umrundung der Nordspitze (mit Leuchtturm bei Gegenlicht) …

Auf der Südinsel ist das durch den warmen Golfstrom geprägte Mikroklima förmlich fühlbar. Erstaunlich, dass es auf einem relativ kleinen Raum bereits derartige Unterschiede gibt! (Aber auch das kennt man aus dem eigenen Garten, der ebenfalls seine warmen und kalten Ecken hat).

Dieser Teil der Insel wirkt an einigen Stellen durchaus südländisch. Bréhat war einst eine Piratenhochburg und von jeher das Ziel vieler Seefahrer. Sie brachten aus der Ferne exotische Pflanzen mit, die hier gediehen. Sie unterstützen den mediterranen Eindruck.

Bretagne - Île de Bréhat - Auch südländische Pflanzen gedeihen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Auch südländische Pflanzen gedeihen …

Bretagne - Île de Bréhat - Palmlilie (Yucca)

Bretagne – Île de Bréhat – Palmlilie (Yucca)

Die Winter sind mild, so haben selbst frostempfindliche Arten eine Chance, die kalte europäische Jahreszeit zu überstehen. Licht und Sonne sind ebenfalls im ausreichenden Maße für die Immigranten vorhanden. So treffen Sie bei Ihrem Besuch der Insel auf Palmen, Agaven, Aloen und Mimosen. Es gedeihen Feigen, Palmlilien, Kamelien oder auch Oleander, den wir in Deutschland eigentlich nur als Kübelpflanze halten können und im Winter hereinnehmen müssen.
Daneben gibt es die etwas weniger empfindlichen Gewächse wie Eukalyptus, Lorbeer, man begegnet Maulbeerbäumen sowie Unmengen von Hortensien. Große Büsche mit riesigen Blütendolden!

Bretagne - Île de Bréhat - Passionblüte im November - Hier wuchert sie üppig in einer Hecke ...

Bretagne – Île de Bréhat – Passionblume (Passiflora) blüht im November – Hier wuchert sie üppig in einer Hecke …

Die Pflanze, die die Bretonen als die Erkennungspflanze der Insel bezeichnen, ist die ursprünglich aus Südafrika stammende Schmucklilie (Agapanthus africanus). Entlang der gewundenen Wege breitet sich diese Blütenstaude aus. Auf hohen Stängeln trägt sie sehr große, weithin leuchtende Blütenkugeln mit einem Durchmesser von ca. 20 cm (meist blau, gelegentlich auch weiß). Auch wer im November erst die Insel erkundet, erkennt noch, dass Goldlack (Erysimum chein/Cheiranthus), Echium (Natternköpfe), Passionsblumen (Passiflora), Lavendel (Lavendula) und rosa bis pinkfarbener Geranium (Pelargonium „Madeira“) häufig anzutreffende Pflanzen sind.
Als Garten- und Naturliebhaber muss man das einfach alles irgendwann einmal während der Hauptblütezeit sehen!

Nur wissen Sie, was der Nachteil ist, gerade dann anzureisen?
Zu dieser Zeit herrscht enormer Andrang!
Die Zahl der ständig – selbst im Winter – auf der Insel Lebenden, beläuft sich auf ungefähr 400, was einer Bevölkerungsdichte von etwa 130 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht.
Daher sieht es jetzt im November auf dem Marktplatz auch eher so aus:

Bretagne - Île de Bréhat - Der Marktplatz von Le Bourg ist um diese Jahreszeit doch etwas verlassen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Der Marktplatz von Le Bourg ist um diese Jahreszeit doch etwas verlassen …

Im Sommer, wenn die Besucher aus dem In- und Ausland herbeiströmen oder einige Franzosen zu ihrem Zweitwohnsitz aufbrechen, steigt der Anteil der auf der Insel weilenden Menschen plötzlich auf bis zu 7000 Personen! Das entspricht mit einem Mal einer Dichte von 2265 Menschen pro km²!
Hamburg hat – nur als Vergleich – eine Dichte von ca. 2300 Einwohnern pro km². Mit anderen Worten herrscht auf der Île de Bréhat im Sommer ein Gewimmel wie in einer Großstadt!
Gut, nicht ganz. Glücklicherweise ist Autoverkehr auf der Insel nicht zugelassen. Wer dort unterwegs ist, ist es zu Fuß oder auf einem (Miet-)Fahrrad. Nur ein paar Trecker verrichten Arbeiten auf der Insel oder ziehen Wägelchen mit Touristen bzw. deren Gepäck.
Wer außerdem gelegentlich motorisiert unterwegs sein darf? Les pompiers! Die Feuerwehr!

Bretagne - Île de Bréhat - Die Inselfeuerwehr. Sie darf Autos benutzen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Die Inselfeuerwehr. Sie darf Autos benutzen …

Die – wie auch der Postbote – sollten sich tunlichst gut auskennen auf der Insel, damit sie im Fall der Fälle wissen, wohin sie zum Löschen zu fahren haben bzw. wo exakt die Post abzugeben ist. Es gibt auf der Île de Bréhat eigenartigerweise nämlich keine Straßennamen. Wohl auch keine Hausnummern oder etwas in der Art. Ich habe jedenfalls nichts entdeckt.

Irgendwie erscheint es mir trotz der ausbleibenden Verkehrsprobleme trotz allem ratsam, sich außerhalb der Hauptferienzeiten auf den Weg zu machen. Die Schmucklilien blühen immerhin von Juni bis September, das schafft Möglichkeiten …

Bretagne - Île de Bréhat - Novemberblüher ... und abgeblühte Schmucklilien.

Bretagne – Île de Bréhat – Novemberblüher … und abgeblühte Schmucklilien.

Bretagne - Île de Bréhat - Imposante Eingangstür ...

Bretagne – Île de Bréhat – Imposante Eingangstür …

Bretagne - Île de Bréhat - Ganz in Blau  ... und ein Heiliger über der Tür.

Bretagne – Île de Bréhat – Ganz in Blau … und ein Heiliger über der Tür.

Ungefähr 800 m beträgt die Entfernung vom Hafen zum Ortskern mit seinem Marktplatz und einigen Geschäften, kleinen Cafés und der Kirche, die zu dieser Jahreszeit nur noch eingeschränkt geöffnet haben.
Ein Kilometer Distanz besteht zwischen Port-Clos und der auf einer Anhöhe erbauten Kapelle St. Michel, die sich 33 m über dem Meeresspiegel befindet und von der aus man daher einen spektakulären Ausblick auf das glitzernde Meer mit seinen vielen kleinen Inseln und Felsen hat. Von hier ist – wenn man richtig steht – auch die Gezeitenmühle der Insel – Moulin de Birlot – zu sehen.

Bretagne - Île de Bréhat - Blick auf die Anhöhe mit der Kapelle Saint-Michel ...

Bretagne – Île de Bréhat – Blick auf die Anhöhe mit der Kapelle Saint-Michel …

Bretagne - Île de Bréhat -  ... und hier der Ausblick von der Kapelle Saint-Michel auf den Archipel Richtung Westen

Bretagne – Île de Bréhat – … und hier der Ausblick von der Kapelle Saint-Michel auf den Archipel Richtung Westen

In der Kapelle findet man eine Wandkarte, die einen Plan der Insel zeigt. Ich habe für Sie die Hauptpunkte eingetragen:

Bretagne - Île de Bréhat - Wandmosaik in der Kapelle St. Michel  mit Karte der Süd- und Nordinsel

Bretagne – Île de Bréhat – Wandmosaik in der Kapelle St. Michel mit Karte der Süd- und Nordinsel-1

Im November wird es früh dunkel. Und kalt, wenn die Sonne verschwindet! Landflächen heizen sich in der Sonne zwar schnell auf, kühlen jedoch genauso schnell wieder ab. Der Vorteil ist: Bei sinkender Temperatur fällt der Abschied nicht ganz so schwer.

Bretagne - Île de Bréhat - Port-Clos - Das Wasser am Hauptanleger 1 ist verschwunden. Anleger 2 ist  quer ins Wasser ragend zu erkennen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Port-Clos – Das Wasser am Hauptanleger 1 ist verschwunden. Anleger 2 ist quer ins Wasser ragend zu erkennen …

Die letzte Fähre zum Festland legt bei Sonnenuntergang ab. Inzwischen herrscht Ebbe, und so ist ein kleiner, knapp zehnminütiger zusätzlicher Spaziergang zum Anleger drei einzuplanen.
Die See hat sich merklich zurückgezogen. Auf dem Schlick, dort wo bei der Ankunft noch das Wasser die Bucht füllte, liegt überall Tang und verströmt seinen ganz typischen Geruch.

Bretagne - Île de Bréhat - Ebbe - Tang im Schlick im Hafen Port-Clos ...

Bretagne – Île de Bréhat – Ebbe – Tang im Schlick im Hafen Port-Clos …

Entlang einer Felswand führt der geteerte Weg hinaus zum Steg. Das Boot ist noch nicht im Sichtfeld, dazu müssen Sie ziemlich am Ende der Strecke erst die den Blick verstellenden, vorspringenden Felsen umrundet haben.

Bretagne - Île de Bréhat - Auf dem Weg zum Anleger 3. Es hat nicht geregnet. Der Weg war bis vor kurzem noch von Wasser überflutet ...

Bretagne – Île de Bréhat – Auf dem Weg zum Anleger 3. Es hat nicht geregnet. Der Weg war bis vor kurzem noch von Wasser überflutet …

Bretagne - Île de Bréhat - Sonnenuntergang, das letzte Schiff für heute. Und alles strömt ...

Bretagne – Île de Bréhat – Sonnenuntergang, das letzte Schiff für heute. Und alles strömt …

Es wartet bereits, präsentiert sich in der untergehenden Sonne. Die Dunkelheit bricht sagenhaft schnell herein! Während der lediglich viertelstündigen Überfahrt versinkt die Sonne endgültig im Meer zwischen den Inseln des Archipels.

Bretagne - Nordküste - Archipel de Bréhat bei Sonnenuntergang

Bretagne – Nordküste – Archipel de Bréhat bei Sonnenuntergang

Drüben, an der Pointe de l’Arcouest (auf der Festlandseite), wird diesmal ebenfalls ein weiter ins Meer hinausragender Anlegesteg angesteuert. Aufgrund der eintretenden Finsternis ist die Uferbeleuchtung nun bereits eingeschaltet
Das Ende eines schönen Erkundungstages naht. Auf dem kurzen Weg zum Auto wandert der Blick noch einmal hinüber zur Insel. Sie ist jetzt nur noch ein schwarzer Schatten, aus dem ganz vereinzelt ein kleines Licht aufblitzt.
Mit dem Verlassen der letzten Besucher ist auf der Île de Bréhat fürs Erste wieder die Novemberstille eingekehrt.

Bretagne - Blick von Pointe de l'Arcouest hinüber zur Île de Bréhat - Die Dunkelheit kommt schnell ...

Bretagne – Blick von Pointe de l’Arcouest hinüber zur Île de Bréhat – Die Dunkelheit kommt schnell …

Liebe Blogleser, das war die Bretagne! Danke fürs Mitkommen und Miterkunden! Salut!

PS: Das Osterfest naht. Ich lasse Ihnen diesen Bericht als mein Osterei für Sie da. Die Île de Bréhat fungiert sozusagen als Osterinsel.^^

Frohe Feiertage wünsche ich Ihnen allen und bis demnächst!

© by Michèle Legrand, April 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

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Klau keinem Worte! Und zieh dir etwas anderes an!

Ich mache mir langsam Gedanken, ob die Zeit gekommen ist, meinen Kleidungsstil zu wechseln und die Sprechweise zu ändern. Was halten Sie von der Idee, auch gleich etwas langsamer und leicht gebeugt zu gehen?
Vermutlich bin ich momentan etwas sensibilisiert für die Sache mit den ewig jungen Alten im Lande, die sich irgendwie nicht adäquat benehmen. Sich zumindest nach althergebrachtem Verständnis nicht altersgemäß verhalten und damit – so hat es den Anschein – Probleme verursachen. Langsam steigt in mir die Sorge auf, dass ich zu diesen lästigen Querulanten gehöre, die jungen Menschen übel mitspielen. Ach was, so wie sich das mehrheitlich liest, gefährde ich deren Seelenleben und ruiniere demnach höchstwahrscheinlich die Zukunft einer ganzen nachwachsenden Generation!

Wollen Sie eigentlich tatsächlich weiterhin mitlesen? Hier im Blog?
Entschuldigen Sie die Frage, doch dieses ganze Gedöns um das Thema, was darf ein reiferer Mensch im fortgeschrittenen Alter ohne bittere Konsequenzen oder Schuldkomplexe, verunsichert mich in der Tat. Nicht nur das! Es macht mich ganz wuschig!
Kann ich z. B. überhaupt noch unbehelligt und ohne schiefe Blicke zu ernten bloggen oder sollte es komplett den Jüngeren vorbehalten bleiben? Sie wissen, der Knackpunkt ist der, dass sich das Jungvolk schließlich noch irgendwomit gegenüber der Eltern- oder Großelterngeneration abgrenzen können oder lassen muss.
Mein momentanes Aufhorchen und die heutige Aufmüpfigkeit mögen darin begründet sein, dass ich seit kurzem – rein nominal, versteht sich – wieder ein Jahr älter bin. Nach Ansicht des Werbevolks und gemäß der Einstellung vieler Firmen bewege ich mich mittlerweile komplett außerhalb jeder interessanten oder wirtschaftlich relevanten Altersklasse. Bin jenseits von Gut und Böse. Da kann man nichts machen. C’est la vie. Ich hatte damit bisher kein Problem.
Falls Sie allerdings jünger sind …? Es lässt mir gerade keine Ruhe!
Es könnte doch durchaus der Fall sein, dass Sie auch Artikel zur tragischen Lage der Jungen gelesen haben und sich inzwischen irgendeine Bloggeraltersakzeptanzgrenze (Schluss bei 45, 55, 75, 90 Jahren etc.) gesetzt haben, die Sie nicht überschreiten möchten.
Ich möchte Sie lediglich darauf hinweisen, dass ich unter Umständen darüberliege!
Wenn Sie also die Meinung vertreten, Reifere sollten sich irgendwann aufs Altenteil zurückziehen und vor allem die Finger von Dingen lassen, die die nachfolgende Generation ebenfalls gern tut bzw. hat oder bei denen diese womöglich sogar einst Vorreiter war und Vorrechte besäße, dann sollten Sie besser an dieser Stelle schnell und unauffällig den Rückzug antreten.

Sie bleiben? (Moment, ich muss mich kurz schnäuzen. Die Rührung, Sie verstehen.)
Lassen Sie uns fortfahren …

„Ältere erschweren jungen Menschen deren Abgrenzungsmöglichkeiten und nehmen ihnen ihre Identifikationsmerkmale.“
„Silbergeneration kleidet sich unbekümmert wie Teens und Twens.“
„Fast-Senioren nutzen vermehrt ursprünglich verpönte oder unbekannte Begriffe aus dem Sprachschatz Jugendlicher.“
„Internet wird zum Treffpunkt für alle. Senioren entdecken die sozialen Netzwerke.“
„Jugendliche haben es immer schwerer, sich von vorangehenden Generationen zu unterscheiden.“

Lesen Sie in den letzten Wochen auch so häufig über die dreisten Alten, die sich einfach nicht in Hauskittel und mausgraue Jerseyhose mit Dehnbund pressen wollen?
Über die Mittfünfziger bis Mittsechziger, die bei H&M den jungen Leuten die letzte Krumpellook-Zipfelbluse oder hautenge Leggings wegschnappen? Die Fastrentner, die sich die Haare ungeniert asymmetrisch schneiden lassen und ihre neue, weithin leuchtende Haarfarbe auch noch lautstark geil finden? Die Faltengeneration, die täglich, Sporttasche schwenkend und mit Schweißband ausgerüstet, zum Workout ins Fitnessstudio verschwindet? Hypermoderne Brillengestelle, hautenge Jeans, Haarverlängerungen und Bauchnabelpiercings ihr Eigen nennt?
Mit anderen Worten, haben Sie auch von den Leuten vernommen, die keine Lust auf vermeintlich altersgerechte Ausstaffierung, reine Seniorenhobbys oder auf vielleicht früher einmal diesem Alter entsprechendes Verhalten verspüren?

Die Jungen hätten es heutzutage nicht leicht, so der Tenor in vielen Artikeln. Wie sollen sie sich bloß von ihrer Eltern- und Großelterngeneration abheben? Womit können sie noch demonstrieren, dass sie die nächste Truppe und völlig anders sind, wo doch Alt und Jung die gleiche Kleidung bevorzugen, sich generell ein ähnliches Styling zulegen, keine übermäßig großen Abweichungen bei Hobbys und sonstigen Interessen bestehen und sogar eine gewisse Sprachanpassung zur Regel zu werden scheint?
Gibt es denn rein gar nichts, was sich zur Unterscheidung oder auch Abgrenzung eignen könnte? Selbst mit Tattoos kommen die Jungen nicht zum Zug. Mit etwas Pech hat sich Opa bereits vor ihnen ein Motiv in den dank eifrigen Hanteltrainings weiterhin muskulösen Oberarm stechen lassen.

Was ist los? Warum sind wohl die Älteren so, wie sie sind? Warum verweigern sie heutzutage das Tragen der Einheitsschnitt-Plünnen von früher? Warum sehen sie partout nicht ein, warum sie sich auf einmal aus allem ausklinken sollen? Warum lehnen sie es ab, dass ihr Leben fortan aus Kaffeefahrten, Musikantenstadl schauen, Boulevardpresse lesen, Kreuzworträtsel lösen und Häkeln bestehen soll? Nichts gegen die letztgenannten Dinge, nur das Leben kann sich nicht allen Ernstes allein darauf beschränken. Es kann einem doch nicht aufgezwungen werden, nur weil just eine ominöse, willkürlich festgelegte Altersgrenze überschritten wurde!
Glaubt denn allen Ernstes jemand, das bei ihrem Erreichen sich selbstredend augenblicklich das Gehirn verändert, das Wesen mutiert, die Mumienentwicklung startet? Wenn nicht das, dann die Person zumindest jeglichen Schwung verliert, Farben fortan Kreischanfälle verursachen, Fitness zum Fremdwort und Attraktivität über Nacht ausgeknipst wird?
Klack! Schalter umgelegt. Steht jetzt in der Kippposition ALT. Grau, braun, dezent ist angesagt. (Halt dich gefälligst daran! Oder willst du die Jungen auf dem Gewissen haben?)

Sie merken, ich mokiere mich ein wenig. Übertreibe bewusst. Nein, ich bin wirklich nicht ganz überzeugt von der These der Vereitelung der Generationenabgrenzung durch falsche Seniorenkleiderwahl.
Für andere kann ich nicht sprechen, aber für mich. Beleuchten wir doch meine Situation, in der sich andere vielleicht wiederfinden:
Ich werde rein zufällig und ungefragt jedes Jahr ein Jahr älter. Klar, es kommen Falten dazu, die eine oder andere Körperzone hat auch schon straffere Zeiten gesehen. Mal merke ich das zusätzliche Jahr, mal scheint sich nicht groß etwas getan zu haben.
Was sich in all den Jahren keinesfalls grundlegend geändert hat, sind persönlicher Geschmack mit Vorlieben und Abneigungen, Lebenseinstellung, Ausdrucksweise, Interessen etc. Selbst solche Dinge wie Gewicht, Haarfarbe – ja, selbst Frisur! – weisen keine großen Abweichungen zu früher auf.
Kleidung, die ich als Teenager trug, passt mir theoretisch heute noch. Farben, die mir früher standen, stehen mir weiterhin. Formen und Schnitte, die ich damals nicht mochte, kann ich auch heute noch nicht ausstehen. Eben weil sie an mir unverändert unvorteilhaft oder lahm wirken.
Modische Neuerscheinungen nehme ich daher zwar zur Kenntnis, entscheide jedoch ganz allein, ob sie etwas für mich sind oder nicht. Ich mache mich jedenfalls nicht zum Affen, nur weil etwas gerade im Trend liegt und angesagt ist, mich jedoch wie eine Wurstpelle umwickelt oder alternativ wie ein kragenloser Raumfahrtanzug schmückt.
Ich unterliege absolut nicht dem Modediktat, was logischerweise ebenfalls bedeutet, dass mich auch keiner dazu bringt, mich in gefühlt völlig ungeeignete Klamotten zu zwängen, nur weil ein Mensch oder eine Gruppe behauptet, dass sie für die Frau ab 40, 50 oder 60+ Jahren modisch korrekt, kleid- und ratsam und im Hinblick auf nachfolgende Generationen komplikationsfrei und daher empfehlenswert wären!

Mal ganz unter uns: Ist das nicht gelinde gesagt alles überhaupt ein ziemlicher Beschiss? Verzeihen Sie die drastische Ausdrucksweise, doch mich würde wirklich interessieren, wie Sie die Entwicklung beurteilen!
Über Jahre, nein, jahrzehntelang versuchte die Wirtschaft, allen voran die Modeindustrie – an Umsatz- und Gewinnsteigerung interessiert – die Älteren zu überzeugen, dass sie modebewusster sein sollten und ebenfalls flotte Jeans, Farbenfrohes, Figurbetontes, Ausgeschnittenes, kürzere Rocklängen etc. tragen könnten. Man produzierte Konfektionsware zusätzlich in größeren Größen, so dass selbst Menschen jenseits der Teenagerjahre und ohne dünne Spargelbeine hineinpassten. Man schaffte es, frauliche Merkmale wie Handtaschenliebe und Schuhfaible auszunutzen und allen einzureden, dass Zufriedenheit mit steigender Stückzahl und großer persönlicher Auswahl steigen würde. Man umcircte die durchaus solvente Generation und schaffte einen Bedarf, der bis dahin gar nicht existierte!
Die Kosmetikindustrie schmiss sich bereits an die Frauen heran, wenn sich deren Alter noch im Twen-Bereich bewegte. Malte Horrorszenarien aus, was passieren würde, wenn sie nicht schon ab 25 starteten, böse Falten im Zaum zu halten und die Straffheit ihrer Haut mittels dauerhaften Einsatzes von Cremes, Gels und Lotionen zu sichern. Immer wurde eingeimpft: Oder willst du etwa alt aussehen? So gefällt es dir doch auch besser!
Sie wissen, wohin das führte. Die Gesellschaft verjüngte sich optisch schon – nur Äußerlichkeiten gewannen auch immer mehr an Wichtigkeit. Gutes Aussehen, Jugendlichkeit und Frische wurden mit Erfolg, Glück und Zufriedenheit gleichgesetzt.
Nach Mode und Kosmetik gesellten sich die Fitnessbranche sowie der Wellnessbereich unterstützend hinzu. Neues offizielles, ehrenwertes Ziel (neben der schnöden Konsumankurbelung und der Schaffung gewisser Abhängigkeiten): Fitness herstellen und erhalten, Gesundheit fördern.
Stopp! Wir haben die Diäten vergessen!
Der Mensch mittleren Alters sollte Gewicht verlieren, Fett verbrennen, die Figur formen. Wenn eine Diät nicht ausreichte notfalls mithilfe von Schönheitsoperationen. Dort, wo all das ausartete, entstanden Jugend- und Schlankheitswahn. Irgendwo hier befand sich auch die erste Keimzelle für die Magersucht. Denn als Nebeneffekt schnappten immer mehr jüngere Mädchen diese fragwürdigen Avancen auf und gerieten ebenfalls in den Sog.
Jede Branche schlug in die gleiche Kerbe. Zielgruppe umgarnen und weichklopfen. Alle wollten sie ja nur das Beste. Mit uns geht es dir gut, mit uns wirst du schön. Willig war das anvisierte Individuum – denn jede Form von gefühltem Attraktivitätszuwachs steigerte das Selbstbewusstsein. Wer will das nicht? Die Fische zappelten freiwillig an der Angel, als sie nach den ausgelegten Ködern schnappten.

Der Rest passierte im Grunde von ganz alleine. Sobald ein genügend großer Prozentsatz einer Generation bereit war, sich auf Veränderung einzulassen und diese lebte, wurde das Neue zum normalen Bild im Alltag. Nach und nach infizierte sich auch der Rest. Die, die sich zuerst nicht trauten, die, die stets länger für alles brauchen, selbst die, die es zu Beginn ablehnten und schlichtweg unmöglich fanden.
In der Folge kam es zur Abkehr von der Tradition, zur Auflösung bisheriger Normen. Oma heute sah nicht mehr aus wie Oma gestern. Das ondulierte Haar im altersgerechten Grau mit leichtem Lilastich wurde seltener und seltener, nahezu ausgerottet auf einmal die formlose Kittelschürze und der Blockabsatz. Stattdessen Modebewusstsein, das Verfolgen neuester Trends, das Heraustreten aus der Unscheinbarkeit. Nach all den Mühen, die man sich mit der eigenen Person und ihrer Erscheinung gegeben hatte, nach all den Verlockungen, die der Handel vor einem ausgebreitet hielt, strebte man nach anderem. Unterstrich seinen Typ, betonte seine Reize, fühlte sich noch nicht zum alten Eisen gehörend.

Gleichzeitig passierte noch etwas anderes: Die Gesellschaft befand sich im Wandel! Und zwar nicht nur äußerlich! Die Zahl der Geburten ging zurück, die Berufstätigkeit der Frau stieg rasant, Emanzipation, Gleichberechtigung … Sie kennen das. Funktionen, Rollen- und Aufgabenverteilung – alles erfuhr eine Veränderung. Gesellschaftliche Umbrüche traten ein, neue Strukturen entwickelten sich, ein andersgearteter Lebensstil entstand.

Und heute werden nun Stimmen laut, die so klingen, als hätten sie es am liebsten, wenn wieder etwas zurückgeschraubt würde, damit jede Generation durch das, was sie anzieht, bitte wieder eindeutig zugeordnet werden kann?
Stimmen der Mahner, die fürchten, eine Kleidung ähnlichen Stils bei den Eltern brächte die Jugend in Identifikationsnot? Solche Äußerlichkeiten?

Entschuldigung, aber ich glaube, die Jungen wurschteln sich gerade durch ganz andere Probleme! Fehlende Unterstützung, Bildungsmisere, Schulstress, Konkurrenzkampf, Notendruck, Schwierigkeiten bei der Ausbildungsplatzsuche, fehlende Studienplätze, Behördentrouble, finanzielle Not bereits im Elternhaus, Scheidung der Eltern, Auswirkungen der Wirtschaftssituation und sonstiger Weltkrisen, Arbeitsplatzsorgen, Zeitverträge, Stellenabbau, Wohnungsknappheit, hohe Mieten, Umweltprobleme … und dann noch obendrein dieses fürchterliche Unwohlsein wegen der Kleiderfrage! Meine Güte!

Identifikation ist wichtig, doch bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass junge Leute andere Wege entdecken und ihnen weitere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sich und ihre Generation zu repräsentieren. Sie sind mit Sicherheit nicht darauf angewiesen, zur Kenntlichmachung ein Exklusivrecht auf bestimmte Konfektionsteile zu erhalten! Wenn sie es sogar mit links schaffen, sich selbst innerhalb ihrer eigenen Generation über die wohl doch nicht so gleiche Kleidung und das Tragen anderer Marken bestens voneinander abzugrenzen, dürften sich gegenüber einem dreißig oder vierzig Jahre älteren Menschen nicht unbedingt mehr Probleme auftun.

Lassen wir die Kleidung einen Moment außer Acht. Wodurch unterscheiden sich Jung und Alt und die Umstände denn sonst noch?
Ein junger Mensch bewegt sich anders, ist im Allgemeinen neugieriger, häufig spontaner, flexibler, körperlich belastbarer. Handhabt als Digital Native (unbewusst) vieles anders, als die Generationen vor ihm.
Während seiner Entwicklung dominieren andere Themen die Schlagzeilen als bei seinen Eltern oder Großeltern und wirken auf sein Tagesgeschehen. Schule und Arbeitswelt haben sich verändert. Das, was ihn bewegt und prägt, wird nicht selten etwas anderes sein, als das, was seine Eltern in Wallung brachte, in Entzücken versetzte oder in irgendeiner Form nachhaltig beeinflusste und mit Gleichaltrigen verband.
Das, wofür oder wogegen er kämpft, existierte in der Generation davor eventuell noch gar nicht. Im Guten wie im Schlechten. Seine Prioritäten wird er folglich anders setzen. Vielleicht stellt er nach Informationen über fragwürdige Tierhaltung und bedenklichen Medikamenteneinsatz die Ernährung auf vegetarisch oder sogar vegan um, richtet sich aus welchen Gründen auch immer völlig anders ein. Die Zeiten bringen für ihn andere berufliche Tätigkeiten, bedeuten andere Arbeitszeiten und dadurch möglicherweise einen anderen Wach- und Schlafrhythmus.
Wenn solche Zeichen der Zeit und deren Einflüsse viele Menschen einer Altersgruppe betreffen, werden die sichtbaren Auswirkungen zum Erkennungszeichen einer gesamten Generation. Es drückt sich sowohl im Verhalten als auch in der gesamten körperlichen Haltung dieser Menschen aus.
Mir scheint immer mehr, dass all diese Dinge hinreichend zur Abgrenzung und Identifikation einer Generation ausreichen dürften.

Wie sehen Sie es: Wirkt so ein junger Mensch in einer Jeans und einem Shirt, in Kleidung, die auch sein Vater oder seine Mutter zu tragen pflegen, nicht dennoch völlig anders? Bleibt eine andere, die nächste Generation? Und nicht nur dann, wenn er andere Accessoires dazu verwendet und verwegener kombiniert?
Mensch und Kleidung zusammen ergeben doch erst das komplette Bild.

War es mit den Jungen und den Alten nicht eigentlich schon immer so, dass der Nachwuchs eine ganze Weile gut fand, was die Eltern machten, sagten oder trugen und sich den Stil entweder im Kindesalter klaglos verordnen ließ oder sogar bewusst nachahmte? Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich der eigene Geschmack mit Macht herauskristallisierte und einfach altersbedingt Protest auf dem Tagesplan stand? Es von heute auf morgen enorm auf Kontrast und Anderssein ankam?
Da war alles erlaubt! Und seien Sie sicher: Gefunden hat bisher noch jeder sein Kontrastprogramm!
Bei der herrschenden Vielfalt der Formen, Schnitte, Längen, Farben und Materialien in der Mode, ist das auch heute kein wirkliches Problem! Für mich ist es sowieso der große Vorteil der jetzigen Zeit, dass es nicht mehr nur jeweils eine einzige Stilrichtung gibt. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, weiß ich ziemlich genau, dass zu der Zeit Hochwasserhosen Stress verursachten und ein Drama waren, genauso wie Röhrenjeans, wenn mittlerweile ein weiter Schlag modern geworden war. Heute ist das egal. Zu kurz ist eben 7/8-Länge und fertig. Ob von vornherein oder irgendwann geworden spielt keine Rolle. Die Wahl der Hosenbeinform richtet sich mittlerweile auch eher nach dem Beinformat des Trägers. Das alles erzeugt so viele Variationsmöglichkeiten, dass sowieso keiner völlig gleich herumläuft. Auch nicht innerhalb eine Generation!

Nein, nein, ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass mehr als alle äußerlichen Erkennungsmerkmale einer neuen Generation, es die Veränderungen im Denken und Handeln sind, die zu Unterschieden und Abgrenzung voneinander führen. Bereits innerhalb einer einzigen Generation (in dieser Zeitspanne) entsteht heute eine Art neues Modell, eine neue Zeit, die neue Fähigkeiten erfordert, neue Erkenntnisse bringt, andere Reaktionen hervorruft, Anpassung an neue Gegebenheiten vorsieht.
Denken Sie nur an die ständige Erreichbarkeit! Oder die überall geforderte Mobilität! Was wurden dadurch nicht schon Familienleben durcheinandergeschüttelt und ganz nebenher entstand dabei ein neuer Typ Mensch! Wir werden ein Nomadenvolk, das Wurzeln schlägt und ebenso kappt, in der Weltgeschichte herumgurkt und von dort wieder neue Inspirationen, Trends, Sitten und Gebräuche mitbringt. Und andere Kleidung …
Globalisierung, Wandel, die so unterschiedlichen Umstände und Voraussetzungen bringen ganz neue Angebote, Aufgaben, Herausforderungen und Ziele mit sich. Neue Wünsche. Sie lassen Ideen entstehen, die komplett abweichen können von allem, was die Generation vorher im Sinn hatte!
Wieder etwas, was für überaus deutliche Abgrenzung zur Eltern- oder Großelterngeneration sorgt.

Trotzdem glauben einige fest an Schwierigkeiten und psychische Schäden durch Verzicht auf strikte Outfittrennung …
Warten Sie! Es kann natürlich sein, dass … Vielleicht meinen die die schwarzen Schafe!
Ich muss der guten Ordnung halber anmerken, dass es sie selbstverständlich gibt. Die Kandidaten unter den Älteren, die es eindeutig übertreiben mit dem nicht älter werden wollen und dem unerträglichem, jugendlichem Gehabe. Geht es darum, dass die sich einfach zur jungen Generation herübermauscheln und eine Abgrenzung vereiteln?
Ist das nicht eher die Ausnahme?
Im Grunde ist es doch so, dass alle als Eltern immer noch die gleichen Personen bleiben und die Art Kleidung weitertragen, die sie bereits vorher wählten (lediglich pflegeleichte Materialen werden jetzt bevorzugt). Sie beginnen nicht erst nachträglich und aufgrund von Jugendneid und abrupt auftretender Panik vor dem Alter damit, den blutjungen Nachbarn aus dem Nachbarhaus oder das eigene Kind in Kleidungsfragen zu kopieren.

Wissen Sie, wenn nicht gerade ein Elternteil wie ein Klon seines Nachwuchses auftritt, gegen den Willen der Kinder im Partnerlook auftaucht oder in einen offenen, kindischen oder – noch schlimmer – verbissenen Konkurrenzkampf zu Tochter bzw. Sohn tritt – was soll denn groß Schlimmes aus der Tatsache, dass beide sich ähnlich kleiden und eine beiden verständliche Sprache sprechen, resultieren?
Was kann es schaden, aktuelle Begriffe nicht nur zu kennen, sondern – wenn sie sich als praktisch und treffend erweisen – auch zu verwenden?
Wenn die Jungen ihre Ruhe haben oder sich generell distanzieren und unterscheiden wollen, werden sie es schon sagen bzw. einen Weg für sich finden. Abkürzungen und Sonderzeichen beim digitalen Schriftverkehr, Anwesenheit in mehreren bzw. Abwanderung in andere Netzwerke, wenn die ursprünglichen von den Älteren bevölkert werden, Schaffung neuer Trends, Bevorzugung anderer Idole aus Musik- oder Filmszene, Entdeckung neuer Sportarten, Spezialisierung, Engagement für Dinge, die allein ihnen am Herzen liegen, Rückzug in den Freundeskreis der Gleichaltrigen … und, und, und.

Was heißt das nun im Endeffekt für mich? Wozu ringe ich mich durch?

Ich gelobe feierlich, dass ich keinen Stil Jüngerer kopiere und schwöre, dass ich schon immer so war und nicht auf jung mache.
Ich versichere, dass ich mir nicht haargenau die gleichen Modelle und ganz speziell nie ebenfalls das besondere Lieblingsteil meiner Tochter/meines Sohnes anschaffen und tragen werde!
Ich gebe mein Ehrenwort, dass ich – sobald ein gewisser Faltenwurf (der Haut, nicht des Stoffes!) zu erkennen ist – auf das leicht bauchfreie Top im Hochsommer freiwillig verzichte und Orangenhaut nur im Dunkeln freilege.
Ich bitte um Nachsicht, wenn relativ hohe Absätze mein Leben weiterhin begleiten. Ich verzichte hingegen freiwillig auf Märchen- und Disneyfigurenaufdrucke.
Ich klaue auch keine „jungen“ Worte. Ich leihe sie mir höchstens von Fall zu Fall, spucke dafür aber auch ganz viele andere „alte“ zur uneingeschränkten allgemeinen Verwendung aus.

Ich vertraue ansonsten darauf, dass die Jugend ihrer Phantasie freien Lauf lässt. Diese Generation ist kreativ! Sie wird etwas finden, was stilmäßig haargenau passt. Zu jedem einzelnen wohlgemerkt! Was seine einzigartige Persönlichkeit unterstreicht, sie unverwechselbar macht!
Darauf kommt es hauptsächlich an, nicht darauf, eine Schublade zu finden, in die man die nächste Generation zwecks Unterscheidung hineinpacken kann. Damit ist überhaupt keinem gedient. Den Jungen schon gar nicht! In dem Fall machte man sie lediglich zu einer zusammengepferchten, völlig gesichtslosen Menge von Menschen zufällig eines Alters. Im anderen Fall jedoch wird jede dieser Personen sich unterscheiden, sowohl unter denen der eigenen Generation, als auch inmitten einer Horde sturer, älterer Herrschaften, die von Jeans, Spaghetti-Top, Cowboystiefeln, Stretchkleid oder Korsage auch zukünftig vermutlich nicht ablassen werden.

PS:
Mich hat übrigens noch nicht ein einziger junger Mensch selbst darauf angesprochen und jammernd erklärt, dass er sich unbehaglich fühle, weil ich mich so kleide wie ich mich kleide. Und er nicht wüsste, wer er sei … oder was er jetzt bloß tun solle …
Noch nie!

©Februar 2015 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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17 Kommentare

Deine Christine!

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