Beiträge getaggt mit Letzten Willen rechtzeitig regeln

Die Minute Zeit, die es braucht …

Heute kam die Meldung vom Tod Roger Ciceros. Haben Sie auch zweimal hingesehen und gedacht, Sie
hätten sich verlesen? Das kann doch gar nicht sein!  
Hat es Sie auch geschockt? War es das völlig Unerwartete? Was verursacht dieses Erschrecken und Innehalten?

Es ist nicht zwingend wichtig, ein Jazzfan zu sein, Swing zu mögen oder dem Big Band Sound verfallen zu sein. Man muss noch nicht einmal ein ausgesprochener Fan der Musik des Künstlers Cicero gewesen sein, ein Konzertgänger, einer, der all seine Alben im Schrank hat. Nein, man musste auch den Menschen Roger nicht zwangsläufig persönlich gekannt haben.
Es reicht, von ihm – dadurch, dass er in der Öffentlichkeit stand –  ein persönliches Bild zu haben. Ein talentierter Mann. Bodenständig. Sympathisch wirkend. Das vor dem inneren Auge auftauchende Bild zeigt ein Gesicht, das noch fast faltenfrei ist, das Lächeln wirkt beinahe jungenhaft. Etwas vorwitzig und meist leicht nach hinten gekippt der obligatorische Hut. Das Bild eines Mannes, der noch jung ist, gefühlsmäßig erst die Hälfte seines Lebens hinter sich hat.
Es genügt anscheinend völlig zu wissen, dass dieser Mann Familie hinterlässt, Vater eines siebenjährigen Sohnes ist, eine Mutter hat, die ihr eigenes Kind nun überlebt und zahlreiche Menschen zurückbleiben, die einen guten Freund verloren haben. Was muss es für ein Schock für sie gewesen sein! So plötzlich …!
Es reicht aus zu wissen, dass es diesem Menschen gerade erst gelungen war, erfolgreich aus einer Phase der Erschöpfung wieder herauszufinden, der sich daher durchaus seines Körpers und des Werts seiner Gesundheit bewusst war und offenbar den richtigen Weg gefunden hatte, auf dem es jetzt weitergehen sollte. Ein Mensch, der sich erholt hatte, der wieder voller Pläne steckte und vor dem Start seiner verschobenen Tournee stand. Gerade heute ist in meiner Tageszeitung ein Bild von Roger Cicero. Es ist die Anzeige für das anstehende Hamburg-Konzert. Geplant am 12. April …
Und dann wird so ein Mensch, dem es überhaupt nichts nützt, erst 45 Jahre alt zu sein, mitten aus dem Leben gerissen. Ohne Vorwarnung. Innerhalb von Sekunden ist alles aus. Er mag nicht sofort verstorben sein, doch ab dem Moment, als der Infarkt im Hirn entstand, ließ sich nichts mehr aufhalten.

Roger Cicero, eine im Grund fremde Person für mich, doch es hat mich getroffen. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie. Gilt all denen, denen er etwas bedeutete und die mit ihm verbunden waren. Ich wünsche ihnen viel Kraft.

Mich hat es außerdem, als ich die Nachricht heute realisierte, in der Zeit zurückgeschleudert. Hin zu dem Tag, als meine beste Freundin starb. Im Alter von 33 Jahren. Bei ihr war es nicht aus heiterem Himmel, doch hat ihr früher Tod damals – neben Trauer – Gedanken in mir ausgelöst, Gedanken, die jetzt beim Tod von Roger Cicero erneut hochkamen.
Als junger Mensch ist man lange Zeit überzeugt davon, dass Sterben nur etwas für alte Menschen ist. Dass man vorher einfach nicht dran ist! Genauso verhält es sich mit schwerwiegenden Krankheiten. Man kann sich zunächst überhaupt nicht vorstellen, dass es einen auch jung erwischen könnte. Schon gar nicht, wenn man nie viel Kontakt zur Arztpraxis hatte, nie mit einem Bruch im Krankenhaus war, es zuletzt bei der Geburt erlebte.
Nein, nein, unverwundbar. Unbesiegbar …
Wenn sie eines Tages das erste Mal geschieht, die unmittelbare Konfrontation mit sehr ernster Erkrankung und vor allem dem Tod einer jungen Person, eines Familienangehörigen, eines Freundes, eines Arbeitskollegen etc. eintrifft, ist auf einmal alles anders. Man hat das Gefühl, seine eigene körperliche Unversehrtheit ebenfalls verloren zu haben. Von gestern auf heute ist nichts mehr wie es war. Nichts ist eindeutig, nichts ist vorhersehbar und nichts mehr garantiert.

Es gibt Menschen, die daraufhin in Panik und wilden Aktionismus verfallen. Hektisch das umsetzen, was ihnen ein Spruch aufträgt: Lebe jeden Tag so, als würde es keinen nächsten geben.
Es gibt Menschen, die sich als Reaktion darauf unheimlich unter Druck setzen, weil sie nun stets alles sofort erledigen wollen. Gemäß einer anderen Weisheit: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
Es gibt Menschen, die sofort ihre persönliche Bucket List anlegen, ihre Aufstellung von Dingen, die sie alle noch vor ihrem Tod erledigt, erlebt und abgehakt haben wollen. (Hier geht es im Gegensatz zum im Akkord abarbeiten von Alltäglichem und Notwendigkeiten mehr um die Erfüllung von Wunschträumen und Sehnsüchten.)
Es gibt Menschen, die sich auf einmal gar nichts mehr trauen. Sie fangen überhaupt nichts mehr an, weil „es sich ja doch nicht lohnt. Wozu? Vielleicht bin ich morgen schon tot.“
Und es gibt Menschen, die zum Hypochonder werden. Jedes Zucken und Reißen ist nun das Symptom einer unheilbaren Krankheit oder ein Zeichen des nahenden Todes.

Mich hat das alles nicht in dieser Form berührt. Ich könnte mich in keine dieser Gruppen einsortieren. Ich musste lernen, mit dem Fortsein eines wertvollen Menschen fertig zu werden. Ansonsten schien es mir nur wichtig, Prioritäten noch besser zu setzen. Außerdem verspürte ich plötzlich einen anderen dringenden Wunsch: Ich wollte eine bestimmte Sache geregelt haben. Für mich. Für andere. Dieses leidige Wegschieben, das sorglose Verfrachten in irgendeine ferne Zukunft oder auch das Einstufen als Petitesse, als Unwichtigkeit, hörte auf. Ich spreche vom Letzten Willen und den damit verbundenen Dingen.
Es geschah nicht aus Furcht, dass es mich morgen träfe, es geschah mit der Einsicht, dass es nicht in meiner Macht steht, den Zeitpunkt des Endes zu bestimmen oder zu erahnen.

Das wäre heute auch meine Anregung oder einfache Bitte an Sie, wenn Sie dies lesen:
Nehmen Sie sich eine Minute Zeit zu überlegen, ob – sollte Sie plötzlich und unerwartet etwas aus diesem Leben reißen – ob alles Wichtige geregelt ist. Ob ihre Familie von dem, was Sie bewegt, Ahnung hat.
Ob Sie weiß, was Sie gewollt hätten! Wie Sie Regelungen arrangiert hätten. Für deren Zukunft.
Ob Sie etwas Persönliches aufschreiben, für den Fall, dass Sie völlig unplanmäßig nicht selbst mit Worten und Gesten Abschied nehmen können. Ob Sie etwas hinterlassen, was Ihren Hinterbliebenen helfen würde in der Extremsituation und der ersten Zeit danach …

Es muss Ihnen einfach bewusst sein:
Sie haben manchmal keine Chance mehr, es auf den letzten Drücker zu tun!
Das Leben nimmt vielleicht Rücksicht, der Tod aber nicht.

Was ist das schon, die Minute Zeit, die es braucht ….

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© by Michèle Legrand, März 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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