Beiträge getaggt mit Lärmbelästigung

Der Umkipp-Punkt

Es gibt einen Punkt, an dem beginnt es umzukippen. Milch wird sauer oder der eben noch standfeste Turm aus Holzstäbchen gerät massiv ins Schwanken. Dabei wollte jemand nur ein einziges weiteres Stäbchen auflegen.
Manchmal bringt eine erneute dumme Bemerkung bringt das Fass zum Überlaufen, und gelegentlich sind einfach Treiben und Radau um einen herum zu intensiv. Zu viel.
Dieses Treiben ähnelt einem aufbrisenden Wind, der anfangs durchaus angenehm scheint. So lange, bis er an Intensität zulegt. Irgendwann rüttelt und klappert es ununterbrochen, zerrt an den Nerven – und mit einem Mal knallt das auf Kipp stehende Fenster mit Wucht zu!
Schluss. Ende. Ruhe.
Sie stehen drinnen, um von dort aus das Tohuwabohu draußen zu betrachten und in Ihnen herrscht Schweigen. Urplötzlich ist der berüchtigte Umkipp-Punkt erreicht.
(Sie haben natürlich verstanden, dass ich nicht allein vom Wind rede. Doch bleiben wir bei dem Vergleich.)
Es hat dauergebrist. Gar nicht dramatisch. Eine Brise ist schließlich kein Orkan. Allerdings schafft es auch die Stetigkeit – allein oder gepaart mit einem Anstieg der Intensität.
(Lassen Sie uns nun doch zum klaren Wort übergehen).
Dauerhaft solchen Umständen ausgesetzt zu sein schafft mental und ermüdet eigenartigerweise auch körperlich.
Jeder Mensch hat andere Faktoren als Auslöser, welche bei ihm auf längere Sicht zur Folge haben, dass er sich – vielleicht vom Gefühl her noch gar nicht besonders gefordert oder überfordert – jedoch derart belagert, bedrängt, berieselt, beschallt vorkommt, dass er die Schotten dichtmacht und sich einfach nur noch zurückzieht, bis der Lärm wieder abgeklungen ist. Bis er den Wunsch verspürt, die Jalousien wieder hochzufahren und erneut am Leben draußen teilzunehmen.
Nicht endender, aufgezwungener Lärm von außen ist gar nicht so selten Auslöser für eine solche Reaktion. Das Komische ist, dass Außenlärm spielend leicht und nahezu unaufhaltbar in einen einzudringen scheint und gleichzeitig selbstgemachter Lärm – sprich Stimme – es nicht mehr hinausschafft! Je lauter und umtriebiger das Außen, je stiller das Innen.
Ausnahmen bestätigen die Regel, Krawall kann durchaus auch kurzzeitig Gegenkrawall erzeugen. Wenn noch genügend Kraft dafür da ist. Für Protest.
Wir halten fest: Menschen und Reaktionen sind sehr verschieden und damit variiert ebenfalls der persönliche Umkipp-Punkt. Wie bei der Temperatur des Badewassers. Nicht jedem wird es erst bei 45°C zu heiß. Manch einer macht vorher schlapp. Ab welcher Lautstärke ein Lebewesen ein Geräusch als Lärm empfindet, ab welchem Zeitpunkt der Lärm förmlich lähmt, hängt vom Gehör, aber auch vom ureigensten Empfinden ab.
Henriette …, nein. Ich könnte eine imaginäre Person nehmen und von ihr erzählen, doch ich will heute offen sein und sage deshalb, ich stelle fest, dass mich Lärm auf Dauer in die Knie zwingt. Es ist für sich genommen bereits anstrengend, wenn ständig etwas im Hintergrund läuft, wenn überlaut gesprochen wird, wenn Stimmen unangenehm, schrill, durchdringend sind, wenn ohne Punkt und Komma auf einen eingehämmert wird, wenn simple Unachtsamkeit zusätzliche Lärmquellen aktiviert. Doch das ist alles noch recht harmlos. Damit komme ich zurecht. Übung macht den Meister.
Nur in den letzten Wochen gesellten sich weitere Folterlärmereien hinzu. Ich würde sie gern noch als normale Stadtgeräusche bezeichnen, würden Sie nicht so massiv und andauernd auftreten. Aus einzelnen Geräuschen mit Erholungspause wurde und wird penetrante und kontinuierliche Lärmbelästigung.
„Dann darfst du eben nicht in der Stadt wohnen!“
Sicher. Das ist generell wohl richtig. Doch manches in einer Stadt unterzieht sich einer Entwicklung, die vor zehn oder 20 Jahren kaum einer weder angenommen noch vorausgesehen hätte. Lärm ist mittlerweile ein diskutiertes Thema . Lärmschutzverordnungen wurden strenger, der Lärmausstoß einzelner Geräte darf bestimmte Dezibel-Zahlen nicht mehr überschreiten, Zeiten des Einsatzes müssten beachtet und Ruhezeiten eingehalten werden etc.  Und doch!

Wie ist das bei Ihnen? Wohnen Sie in der Stadt? Hat sich etwas verändert? Negativ oder positiv?
Ich hadere mit den Zuständen hier ein bisschen. Seit einiger Zeit befindet sich eine große Dauerbaustelle (bis 2018!) ganz in der Nähe. Straßenbauarbeiten im Zuge der geplanten Aufhebung weiterer beschrankter Bahnübergänge auf der Zugstrecke Richtung Lübeck. Die Untertunnelung von insgesamt drei Gleisen, damit die Autos trotz gestiegenen Schienenverkehrs zügig vorankommen und nicht ständig stundenlang vor verschlossenen Schranken stehen. Durch diese Baustelle entsteht einerseits Baulärm, zusätzlich zieht es Sperrungen nach sich, was zur Folge hat, dass der Verkehr – auch wenn anders geplant – im Endeffekt verstärkt durch die Straßen des Wohnviertels geht. Tag und Nacht.
Personen- und Güterverkehr haben im Laufe der Jahre enorm zugenommen. Mit den schweren Güterzügen auch das Rumpeln. Das Vibrieren des Bodens bei der Vorbeifahrt der Züge, das einen im Bett noch beben lässt, Risse in Wänden verursacht und Gläser im Schrank zum Klirren bringt. An den Bahngleisen selbst wird häufig,  begleitet von lärmintensiven Maschinen – aus praktischen Gründen gern auch mal nachts – gearbeitet. Lautes Tröten zur Warnung der Arbeiter begleitet die Aktion genauso wie das vorgeschriebene Hupen der Zugführer vor Bahnübergängen, wenn dessen Schranke nicht geschlossen wurde. Die Unterhaltung der Arbeiter wird brüllend geführt, um laufende Apparate zu übertönen.
Wenn in der Stadt seit Wochen an jedem Wochenende Aktionen wie Motorradgottesdienst, Harley-Davidson-Treffen, Schlager-Move oder Sportveranstaltungen (Derby, Marathon, Triathlon, Halbmarathon) bzw. Public Viewing anlässlich der WM stattfinden, hat das (so schön das einzelne Event für sich betrachtet sein mag) gehörige Auswirkungen was die Geräuschkulisse angeht und ist noch kilometerweit entfernt vom eigentlichen Ort des Geschehens zu hören.
Die Start- und Landebahnen des Flughafens werden regelmäßig überholt. Als Konsequenz ist dann jeweils eine der Rollbahnen  gesperrt.  So starten die Flugzeuge mehrere Wochen über meine Region oder überfliegen sie bei ihrem Landeanflug.
Vor zwei Tagen waren Gärtner bei einem Nachbarn, um dessen Buchenhecke zu schneiden. Sie hatten zwei Motorheckenscheren dabei. So laut, das können Sie sich kaum vorstellen! Da nützt es wenig, wenn lediglich die Gärtner Ohrenschützer tragen.
Eine Straße weiter wird an drei verschiedenen Häusern seit Wochen drinnen und draußen renoviert – also auch auf dem Grundstück gearbeitet. Hammerschläge, Fliesen schneiden, Fräsen, Langzeitbohren. Jetzt wurde bei einem der Grundstücke der Vorgarten komplett (zu)gepflastert. Eine Ramme war über Stunden am wummern, dann folgten nicht enden wollende dumpfe Schläge des Gummihammers.
Und genau das war der Umkipp-Punkt bei mir. Schotten dicht. Kopf betäubt. Stimme weg.

Am Abend bin ich einfach abgehauen und mit dem Fahrrad bei spätem Sonnenschein in den Botanischen Sondergarten Wandsbek (Sie erinnern vielleicht den Taschentuchbaum oder auch die blühenden Fächerpalmen aus früheren Blogposts) gefahren.
Das tat ziemlich gut …
Der Garten liegt fernab der Straße, Bäume umgrenzen das Terrain. Keine Baustelle, keine Züge, keine motorbetriebenen Geräte. Die Menschen, die ich dort antraf, unterhielten sich normallaut. In Zimmerlautstärke. Unaufgeregt. Nur miteinander. Nicht als Megaphon für andere am anderen Ende der Gartenanlage. Kein Public Hearing. Sie schienen auch die Ruhe zu genießen.
Vielleicht waren sie ebenso auf der Flucht vor Lärm …

Haben Sie zufällig gerade irgendwie Bedarf an Ruhe, Abendsonne und dem Anblick schöner Blumen? Mal kurz auf skurrile Samenstände schauen? Oder Seerosen vor dem Einschlafen erwischen?
Kommen Sie doch mit!

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Zebra-Chinaschilf, Phlox, Storchschnabel und Rosen in der Abendsonne

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Zebra-Chinaschilf, Phlox, Storchschnabel und Rosen in der Abendsonne

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - Was von Weitem ein wenig an Lupinen erinnert, sind die Blütenstände des Ungarischen Akanthus (Acanthus hungarius)

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – Was von Weitem ein wenig an Lupinen erinnert, sind die Blütenstände des Ungarischen Akanthus (Acanthus hungarius)

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Vorne Kerzen-Knöterich (Bistorta amplexicaulis), hinten Rittersporne, Phlox u. a.

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Vorne Kerzen-Knöterich (Bistorta amplexicaulis), hinten Rittersporne, Phlox u. a.

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - ... und überall Platz, sich niederzulassen.

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – … und überall Platz, sich niederzulassen.

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - Zierlauch (Allium), auch im verblühten Zustand mit Samenkapseln interessant anzuschauen

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – Zierlauch (Allium), auch im verblühten Zustand mit Samenkapseln interessant anzuschauen

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - ... ebenso die bis 200 cm hohen verblühten Steppenkerzen (Eremurus robustus und stenophyllus )

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – … ebenso die bis 200 cm hohen verblühten Steppenkerzen (Eremurus robustus und stenophyllus )

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 ... die Samenkapseln der Steppenkerze aus der Nähe betrachtet.

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 … die Samenkapseln der Steppenkerze aus der Nähe betrachtet.

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Mädesüß (Filipendula purpurea elegans)  und Stockrosen (Alcea rosea) im Abendlicht

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Mädesüß (Filipendula purpurea elegans) und Stockrosen (Alcea rosea) im Abendlicht

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - Phlox, Frauenmantel, Storchschnabel, Schilf dazwischen ...

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – Phlox, Frauenmantel, Storchschnabel, Schilf dazwischen …

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - Kerzen-Goldkolben oder auch Kerzen-Greiskraut (Ligularia przewalskii)

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – Kerzen-Goldkolben oder auch Kerzen-Greiskraut (Ligularia przewalskii)

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - Storchschnabel, Phlox, Rittersporn und Rosen ...

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – Storchschnabel, Phlox, Rittersporn und Rosen …

Botanischer Sondergarten Wandsbek - Juli 2014 - Die Seerosen schließen am Abend ihre Blüten ...

Botanischer Sondergarten Wandsbek – Juli 2014 – Die Seerosen schließen am Abend ihre Blüten … Auch hier ist jetzt Feierabend.

Entspannt? Bei mir reicht heute sogar schon der Anblick der Fotos nebst Erinnerung, um den beruhigenden Effekt zu fühlen.

Ich bin recht gespannt, wie es am späten Sonntag, nächtens,  böllertechnisch aussieht und ob hupend per Autokorso durch die Gegend gezogen wird. Den Grund würde ich natürlich ausnahmsweise noch einmal akzeptieren. ^^
Aber danach ist Schluss, Leute! Ruhe im Karton!

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Viel Spaß beim Fußball – falls Sie schauen! Sobald es insgesamt wieder ruhiger geworden ist, werde ich mich weiter hinauswagen und Ihnen auch wieder Neues von unterwegs mitbringen. Ich habe so das Gefühl, die Jalousie wird bald wieder hochgezogen.

©Juli 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

 

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