Beiträge getaggt mit Kurze Geschichten

Als Viktor Ostern schwarz sah …

„Ja, ja, du auch. Tschüs, mien Jung.“
Viktor steckte das mobile Telefonteil zurück in die Ladestation, seufzte und rieb sein heiß gewordenes Ohr. Bleibst du jetzt wohl still, du! Er starrte sein Telefon finster an. Langsam, aber sicher, ging es ihm doch etwas auf die Nerven. Weniger das Telefon selbst, als vielmehr sein hartnäckiger Neffe …

Wieder einmal – nun bereits das dritte Mal in zwei Tagen – hatte Henning bei ihm angerufen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Der Neffe hatte es natürlich unauffällig versucht, ihn jedes Mal zunächst über eine halbe Stunde im munteren Plauderton mit diversen Belanglosigkeiten berieselt. Er hatte förmlich gespürt, wie der Junge krampfhaft nach unverfänglichem Gesprächsstoff gesucht hatte. Erst als ihm die Erzählideen ausgegangen waren – was wenig verwunderlich war angesichts der Häufigkeit seiner Anrufe und der wenigen Ereignisse, die dazwischen neu hatten passieren können -, hatte er sich zögerlich verabschiedet. Nur im letzten Satz hatte es das Bürschchen dann doch nicht lassen können, erneut nachzufragen, ob bei seinem Onkel Viktor auch alles in Ordnung sei.
„Geht’s dir gut soweit?“
Der Knabe war wirklich herzensgut, doch sorgte er sich immer viel zu sehr um seinen alten Onkel. Alt mochte sein Neffe gar nicht hören. Früher hätte er Henning zugestimmt, dass 62 Jahre meilenweit entfernt von alt waren. Doch früher war auch alles anders gewesen. Da war leben noch erleben und weniger überleben gewesen. Er atmete tief durch.
Nein, nur weil er kürzlich diesen kleinen Durchhänger gehabt hatte, musste der Jung jetzt nicht ständig um ihn herumglucken. Mensch, Henning!
Es ging ihm doch schon wieder wesentlich besser! Zumindest hin und wieder.

Viktor und sein Neffe hatten ein besonders enges Verhältnis seit dessen Vater, Viktors Bruder, vor zehn Jahren verstorben war. Aus heiterem Himmel. Er hatte morgens friedlich an der Bushaltestelle auf seinen Bus gewartet, war einfach umgekippt und nicht wieder aufgestanden. Ende. Tod durch plötzlichen Herzstillstand hatte man bei der Obduktion festgestellt.
Henning, der damals kurz vor seinem Schulabschluss stand, hatte es den Boden unter den Füßen weggezogen. Nach Anne, seiner Mutter, war nun auch Konstantin, sein Vater, nicht mehr da.
Und Viktor selbst hatte ebenfalls große Mühe gehabt, diesen Schlag zu verkraften, denn auch seine Beziehung zum nur ein Jahr älteren Bruder, war von jeher eine überaus innige gewesen. Nathalie, seine Frau, half ihm damals sehr. Sie hatte mit ihm getrauert, ihn gleichzeitig jedoch wieder aufgerichtet. Sie beide besaßen keine eigenen Kinder, wohl aber ein Patenkind. Henning. Ihr Neffe hatte zunächst – und sogar noch während des Studiums – bei ihnen gewohnt. Er kam auch, als er einen Job angetreten hatte und seine eigene Wohnung in der Nähe fand, weiterhin vorbei. Diese Gewohnheit hatte sich sogar intensiviert, als sechs Jahre darauf auch Nathalie gehen musste. Und wieder hatten sie sich gegenseitig geholfen …

Vier lange Jahre waren seit Nathalies Tod inzwischen vergangen. Grundsätzlich kam er gut mit allem klar. Er funktionierte zumindest. Er vermisste sie nach wie vor, es gab keinen einzigen Tag, an dem es ihm nicht so erging, jedoch schien er im Laufe der Zeit innerlich ein bisschen „abzustumpfen“, so dass die leere Bettseite in der Nacht und der unbenutzte Platz am Küchentisch am Morgen ihn nicht mehr so schockten wie zu Beginn. Er redete häufig mit ihr. Jemand, der ihn durch das Fenster beobachtete, würde denken, er führte Selbstgespräche.
Nein, er sprach mit ihr. Punkt.

Vor einem halben Jahr meinte er, eine Besserung festzustellen. Sein Befinden, seine Stimmung schien sich positiv zu ändern. Er fühlte sich manchmal gelöster. Irgendetwas schien die schweren, blickdichten Vorhänge aufzuziehen, die immer vor ihm hingen und alles grau erscheinen ließen.  Er registrierte  wieder viele Dinge um sich herum, bemerkte die Natur, achtete mehr auf sich. Auch auf sein Äußeres. Im Spätherbst war in dem Haus, in dem er im ersten Stockwerk eine Wohnung besaß, jemand Neues eingezogen. Direkt ihm gegenüber auf seiner Etage.

Ihm machten allerdings einige Daten im Jahr zu schaffen. Jahrestage. Der Hochzeitstag, Nathalies Geburtstag, das Datum, an dem sie starb, Weihnachten … Neulich erst war ihr vierter Todestag gewesen, und er war mit dem Fahrrad zum Friedhof gefahren. Hatte Blumen dabeigehabt und wollte mit ihr reden. Sie besuchen.
Es gab Menschen, die verstanden nicht, wenn er von einem Besuch sprach. Doch, man besuchte seine Vertrauten auf dem Friedhof! Sie wohnten ja schließlich jetzt dort!

Er fand es schön an diesem Ort, soweit ein Friedhof eben schön sein konnte. Er genoss die Ruhe, und sie hatte einen wunderbaren Platz unter einer großen, alten Buche. Die spendete ihr auch im Sommer Schatten. Nathalie musste doch immer aufpassen mit der Sonne. Wegen der hellen Haut …
An dem Tag hatte er bemerkt, dass jemand die Gießkanne geklaut hatte, die immer hinter ihrem Grabstein deponiert war. Er hatte sich geärgert über Diebe, die selbst auf Friedhöfen keine Skrupel zeigten und Dinge mitgehen ließen. Manchmal sogar Pflanzen ausbuddelten oder Lichter und Engel stahlen. Er ging den Weg zurück bis zum Wasserbecken, um nachzusehen, ob dort Kannen standen, die man gegen Pfand entleihen konnte. Zu seiner Verwunderung entdeckte er seine eigene unter ihnen. Offenbar war nur jemand zu faul gewesen, sie nach dem „Ausborgen“ wieder zum Grab zurückzubringen.
Er hatte sie gefüllt und den langen Weg zurückgetragen, hatte nicht auf den Boden geachtet und war bei einer Unebenheit der Platten gestürzt. Die Kanne fiel mit, das Wasser schoss im hohen Bogen hinaus und traf natürlich ihn. Komplett! Er hatte geflucht, dann aber versucht, vorsichtig aufzustehen. Die Hose war kaputt, das Schienbein aufgeschlagen, blutig und es schmerzte. Er war mit dem Handgelenk umgeknickt, aber es schien nichts gebrochen zu sein. Wahrscheinlich verstaucht. Er hatte sich erhoben, war humpelnd bis zum Grab gelangt, hatte die blöde Kanne wieder hinter den Stein gepackt, wo sie hingehörte und Nathalie versprochen, er würde bald wiederkommen. Ihm sei nur sehr kalt in den nassen Sachen. Kein Wunder Mitte März. Die Rückfahrt auf dem Rad ging langsam vonstatten und kühlte ihn weiter aus.

Kurz und gut, die Folge war, er hatte sich gehörig einen aufgesackt. Eine dicke Erkältung plagte ihn. Die Wunde am Schienbein hatte sich zudem entzündet, eiterte und weil er, bockig, wie er nun manchmal war, nicht gleich zum Arzt wollte, mussten ihn erst Fieber und vor allem Henning überzeugen, dass jetzt Schluss mit lustig sei.
In dieser Zeit nach dem Missgeschick draußen, waren die Anrufe von Henning häufiger geworden.
Ihm selbst waren diese hässliche Wunde oder das steigende Fieber anfangs völlig egal gewesen. Angst hatte ihm aber gemacht, dass er dieses Gefühl von Verlassenheit, Einsamkeit, diese wachsende Teilnahmslosigkeit wieder an sich bemerkte, kaum dass er gedacht hatte, es würde alles besser.
Hennings Antennen mussten voll ausgefahren gewesen sein, dachte Viktor, denn sein Neffe hatte ihn am achten Tag nach dem Vorfall bei seinem Besuch nur einmal intensiv angeschaut,  jegliches Spektakel und jeglichen Protest seinerseits ignoriert, ihn ohne Diskussion zum Doktor geschleift und von dort aus ins Krankenhaus. Die Wunde war verarztet worden, er hatte Medikamente gegen die Entzündung bekommen. Komplikationen tauchten auf. Zwölf Tage hatte er letztendlich bleiben müssen. Die Tage der Umsorgtheit hatten ihm geholfen. Er war ruhiger geworden, schlief viel.

Als er endlich heim durfte, hatte sein Neffe ihn mit dem Auto abgeholt.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Henning und schaute besorgt zu seinem Onkel auf dem Beifahrersitz.
„Mir geht’s gut!“, grummelte Viktor. Im nächsten Moment tat ihm sein Verhalten leid, und er entschuldigte sich. „Es geht mir besser, Henning, die Entzündung bildet sich gut zurück. Danke, dass du mich zum Arzt gebracht hast. Und danke auch jetzt fürs Abholen.“
Sie fuhren auf eine Kreuzung zu. Viktor wunderte sich, dass Henning nicht die linke Abbiegespur wählte.
„Wo fahren wir denn hin? Wir müssen doch hier nach links!“
„Nein, wir setzen uns jetzt noch auf einen Kaffee zusammen und danach bringe ich dich heim“, entgegnete Henning in einem Ton, der keine Widerrede duldete.
Viktors Mund, der sich schon halb zum Sprechen geöffnet hatte, klappte überrascht zu.
Fünf Minuten später hielt der Wagen vor einem kleinen Café, in dem sie auch früher mit Nathalie oft gewesen waren. Viktor stöhnte. Hier hatten immer wichtige Gespräche, Ankündigungen, Aussprachen stattgefunden …

Henning lotste ihn an einen Platz am Fenster, fragte, ob er genügend Platz hätte, das Bein auszustrecken oder ob er es vielleicht hochlegen wollte. Viktor bremste Henning, erklärte, alles sei bestens und er solle zur Sache kommen, was dieser auch tat.
„Viktor, sag mir eins“, begann er,  „es schien mir, als wenn es dir Anfang des Jahres wesentlich besser ging, als all die Zeit zuvor. Ich überlegte wirklich, ob du vielleicht jemanden kennengelernt hast, neue Kontakte geknüpft hast, die dir guttun – aber dann kam der Vorfall auf dem Friedhof. Plötzlich war all deine Energie und Zuversicht weg, und es war als würdest du dich wieder in dein Schneckenhaus zurückziehen.“ Henning machte eine kleine Pause. „Du hast mir damals geholfen. Wir haben UNS immer geholfen! Jetzt reagiere nicht mit Schweigen, sondern bitte erzähl mir, was anders, was mit dir los ist.“

Viktor wartete, bis die Bedienung den Kaffee abgestellt hatte und wieder gegangen war.
„Ich vermisse Nathalie. Ständig. Das ist das eine. Doch dann passierte etwas, was ich nicht einzuordnen wusste.“ Es entstand eine längere Pause und Henning wartete.

„Im Oktober zog bei mir gegenüber jemand Neues ein. Eine Dame“, erklärte Viktor und registrierte wachsendes Interesse bei seinem Neffen. „Ich habe sie immer mal gesehen, wenn sie kam oder ging. Irgendetwas an ihr zieht mich an.“ Wieder herrschte einen Moment Stille.
„Vielleicht ist es, seitdem ich sie lächeln gesehen habe, als ich ihr unten die Tür aufhielt. Du glaubst nicht, wie schön ihr Lächeln ist. Oder ihr Duft! Es ist kein Parfum. Es ist einfach sie. Und wie sie geht, sich bewegt … Vielleicht ist es aber auch, seitdem ich ihre Stimme gehört habe. Sie hatte sich fürs Türaufhalten bedankt …“

Sein Onkel schien in Gedanken weit weg zu sein. Henning wurde die Pause zu lang.
„Ja, und dann? Habt ihr euch mal getroffen, miteinander mehr gesprochen? Wie heißt sie denn?“
„Gesprochen? Ha!“ Viktors Stimme klang resigniert. „Ich glaube, Sie beachtet mich gar nicht. Und wie sie heißt? Gut, ihr Nachname steht auf dem Klingelschild, aber ich weiß nicht, wie sie sonst heißt!“
Viktor wurde beinahe wütend.
„Irgendetwas mit H vorne“, stieß er hervor. „Es steht jedenfalls H. Johansson an Türklingel und Briefkasten.“
Er stockte, schaute seinen Neffen an und gestand: „Ich stehe manchmal eine halbe Stunde am Küchenfenster, nur weil ich hoffe, dass sie gerade kommt oder geht und ich sie dann sehe …“

Henning erkannte, dass sein Onkel sichtlich unter der Situation litt. Er schwenkte erst einmal zum zweiten Gesprächspunkt der geplanten Unterhaltung über.
„Mir fällt natürlich auf, dass du speziell seit deinem Sturz besonders niedergeschlagen bist. Klar, Unfall, Schrecken, Verletzung  – doch, rein körperlich gesehen, warst du hart im Nehmen. Von jeher! Dir machen doch Schmerzen dieser Art sonst nichts! Du bist derjenige, der beim Zahnarzt keine Betäubung will, Schmerztabletten überflüssig findet, möglichst alles so heilen lässt und der mit verstauchtem Handgelenk noch Schlagsahne schlägt. Mit dem Schneebesen!
Trotz allem geht es dir mies. Ich sehe das doch! Wenn nicht die Nachwirkungen des Unfalls, was ist die Ursache? Was macht dir wirklich so zu schaffen?“

„Henning, du bist echt penetrant …“, seufzte Viktor. „Das war Nathalie auch. Die hat auch nie lockergelassen. Auch wenn ich gar nicht wusste, wie mir war, wenn mein Kopf noch völlig durcheinander war – sie hat dafür gesorgt, dass sich alles wieder ordnet.“
Viktor schaute seinen Neffen an.
„Henning, meine Unsicherheit – und dann der Unfall obendrauf, das hat mich zurückgeworfen. Ich fing danach prompt wieder an, mich einzuigeln, traute mir gar nichts mehr zu, war zunehmend damit beschäftigt, mich selbst zu bemitleiden. Ich konnte nicht nach draußen, fühlte mich abgekapselt und allein. Wollte aber andererseits auch keinen um mich haben! Es tut mir leid, selbst deine Anrufe wurden mir zu viel!
Ich wollte keinem zur Last fallen! Ich wollte selbst mit mir vorankommen, konnte es aber nicht, und es ist so verdammt schwer, wenn jeder kleine Fortschritt gleichzeitig immer auch zwei Schritte zurück nach sich zu ziehen scheint.“
Viktor schluckte merklich und fuhr dann fort:
„Ich bin so hin- und hergerissen! Ich habe es so satt, allein zu leben und will trotzdem nicht, dass Nathalie meint, ich hätte sie vergessen. Ich möchte mehr raus, aber traue mich nicht. Ich weiß, da wohnt eine wunderbare Frau gegenüber, die offenbar auch alleine lebt, aber bringe es nicht übers Herz zu klingeln. Weißt du, es ist mir so wichtig mit ihr, dass ich panische Angst davor habe, mir einen Korb zu holen. Und den werde ich mir wohl holen, so wie die Lage aussieht. Was sollte sie an einem Jammerlappen wie mir mit aufgeschlagenem Schienbein und alberner Kontaktangst gut finden? Sag selbst, was hätte ich denn schon zu bieten!
Henning, so lange ich nicht versucht habe, bei ihr zu klingeln, kann ich mir wenigstens noch einbilden, sie würde mir aufmachen, mich freundlich anlächeln und zuhören.“

Der Ausbruch hatte Henning völlig überrascht. Mit seiner Vermutung, dass sein Onkel vor dem Unfall jemanden kennengelernt hatte, hatte er also ins Schwarze getroffen, aber dabei nicht die leiseste Ahnung gehabt, in welch komplizierter Situation sich Viktor befand. Sich nach eigener Auffassung zu befinden glaubte! Er musste ihm unbedingt etwas klarmachen.

„Viktor, Nathalie war nie ein Mensch, der gewollt hätte, dass du einsam bist. Und du hättest umgekehrt auch nicht gewollt, dass Nathalie ewig allein geblieben wäre. Sie kann nicht mehr bei dir sein, nicht leibhaftig, aber sie ist es in deiner Erinnerung. Das wird sie doch auch bleiben! Du weißt, wie schwer es ist, Erinnerungen loszuwerden. Bei schlechten, die kein Mensch braucht, ist es schon fast unmöglich! Die Guten wirst du überhaupt nicht los, wenn du es nicht selbst unter Aufbietung aller erdenklichen Kräfte versuchst! Und wer würde das jemals tun …
Mein Vater Konstantin ist jetzt über zehn Jahre nicht mehr bei uns, du hast damals seine Stelle eingenommen. Habe ich ihn deshalb vergessen, oder ist er deshalb nicht mehr mein Papa? Nein! Meinst du, darüber, dass sein Bruder mich wie einen Sohn behandelt, wäre er jemals böse gewesen und hätte es missbilligt? Nein! Und genauso ist das mit Nathalie. Sie wäre an deinem Wohlergehen interessiert und würde dich glücklich sehen wollen.“
Henning fuhr fort: „Das ist das eine. Das andere ist, dir fällt nach Jahren ein Mensch auf, zu dem es dich hinzieht. Ein Wesen, das ganz offensichtlich auch allein lebt. Viktor, du kannst aber nicht davon ausgehen, dass deine Nachbarin von allein weiß, dass du sie magst! Wenn du herummuffelst, dich in deiner Wohnung verkriechst – wie soll sie dich dann wahrnehmen und näher kennenlernen? Du gibst ihr doch gar keine Chance!
Du sagst, sie hat dich angelächelt, als du ihr die Tür aufgehalten hast. Sicher, das ist kein Liebesbeweis, doch wenn sie dich ätzend gefunden hätte, wäre sie ohne jegliche Reaktion weitergegangen. Lade sie doch einmal – so von Nachbar zu Nachbar und weil sie neu im Haus ist – auf einen Kaffee ein! Oder mehrere Nachbarn, und dann widmest du dich halt nur ihr!“

Viktor starrte seinen Neffen an. Seine Gesichtszüge entgleisten, und er lachte schallend los.
„Du Spinner, stell dir vor, ich würde die Geskens von unten rechts beim Kaffee komplett links liegen lassen und sagen, sie sollen sich gut amüsieren, während ich mich der Schmetterlinge im Bauch verursachenden H. Johansson widme.“

Henning stimmte in das Lachen mit ein. Er kannte die Nachbarn aus dem Erdgeschoss und ihre klammernde, besitzergreifende Art.
„Dann lad mich mit ein“, erwiderte Henning, „ich kümmere mich um die Herrschaften von unten, und du hast freie Bahn.“
Viktor sah Henning verschwörerisch an.
„Du, das überlege ich mir wirklich. Ich muss mich dazu erst noch durchringen, das ist schon eine große Überwindung für mich, aber ich überlege es mir.“ Etwas abwesend fügte er hinzu: „Ich glaube, das muss gut geplant werden.“

Ihre Kaffeetassen waren inzwischen ausgetrunken. Sie zahlten und Henning fuhr Viktor heim. Dieser war sehr still geworden, doch die Stimmung war eine andere, bessere, als zuvor auf der Hinfahrt zum Café. Sein Onkel schien nun eher damit beschäftigt, Pläne zu schmieden.

Eine Woche später hatte Henning eine Einladung im Briefkasten. Einen Briefumschlag mit einem wilden, struppigen Küken vorne neben seiner Anschrift. Handgezeichnet.
Ein gutes Zeichen! Sein Onkel malte nur, wenn es ihm gut ging.
Viktor lud ihn zum Osterkaffeetrinken bei sich zu Hause ein. Am Ostersonntag um 15.30 Uhr. Henning musste grinsen, als er eine Textstelle las: … und überlege dir schon mal, wie du die Geskens von unten ablenkst!
Er bestätigte seinem Onkel schnell sein Kommen in einer Nachricht.

Am Ostersonntagmorgen saß Henning im Räuberlook und mit noch ungekämmten Haaren am Frühstückstisch, als sein Handy klingelte. Die Nummer seines Onkels leuchtete im Display auf. Er fluchte innerlich. Hoffentlich hatte Viktor nicht im letzten Moment der Mut verlassen. Nicht, dass er alles wieder abblies!
Er meldete sich mit den Worten: „Also ich komme auf jeden Fall!“
Eine warme Frauenstimme erklang aus dem Hörer: „Spreche ich mit Henning Hegermann?“
Henning war bass erstaunt, doch antwortete automatisch: „Ja …, wer ist denn da bitte?“
Inzwischen wich die Verblüffung und Angst machte sich breit. Wieso war sein Onkel nicht am Handy, warum hatte eine fremde Person Zugang zu seinem Telefon?
„Hier spricht Helen Johansson. Ich bin eine Nachbarin ihres Onkels. Ich wollte Sie fragen, ob es Ihnen möglich ist, etwas eher zu ihrem Onkel zu kommen, wir haben da ein kleines Problem.“
Problem? Oh, Gott, er hatte es gewusst! Irgendetwas war passiert!
Nach und nach kam der gesamte Satzinhalt bei ihm an und wurde verarbeitet. Moment, wer war am anderen Ende? Helen Johannsson, eine Nachbarin. DIE Nachbarin!?

„Hallo“, erklang verunsichert die weibliche Stimme aus dem Hörer an sein Ohr, „sind Sie noch dran?“
Er nickte. Verdammt, die Stimme konnte einen einlullen. Aber Helen Johansson konnte ihn nicht sehen, er musste ihr schon antworten.
„Ja, ich bin noch dran. Bitte, was ist denn los? Ist etwas passiert? Wie geht es meinem Onkel?“

„Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich erkläre Ihnen alles. Ihr Onkel hat gestern erschreckend blass ausgesehen, als wir uns im Hausflur trafen, da habe ich ihn erst einmal zu mir hereingebeten, ihn in einen Sessel verfrachtet und habe uns Kaffee gekocht. Seine Farbe kehrte zwar bald zurück, doch wir haben noch lange zusammengesessen. Er hat von Ihnen erzählt, und wir sprachen davon, dass wir uns heute alle treffen würden. Ihr Onkel erzählte mir, er müsste noch ein paar Vorkehrungen treffen.
Heute früh nun, als ich vorhin von einem kleinen Spaziergang heimkam, hörte ich merkwürdige Geräusche aus seiner Wohnung. Es knallte heftig und ab und zu stöhnte jemand. Das Stöhnen speziell bereitete mir Sorge, also klingelte ich bei ihm. Ich war sehr erleichtert, als er öffnete, aber es war wieder so blass! Und kurzatmig! Das ist er sogar jetzt noch. Darum gab er mir das Telefon, um Sie anzurufen und quasi in seinem Namen zu sprechen.“

„Aber warum …? Blass … wieso …?“ Henning konnte keinen klaren Satz hinbekommen.
Helen schien ihn auch so zu wissen, was er meinte.

„Sie werden es gleich verstehen. Henning, er wollte Sie überraschen! Er sagte, Sie wären kein großer Ostereierfreund, weil Ihnen ständig die mühsam ausgeblasenen und sorgsam angemalten Kunstwerke kaputtgegangen wären, die Sie aufhängen wollten. Er erzählte, Sie fanden es früher daher immer so wunderschön, wenn er zusammen mit Ihnen und Ihrer verstorbenen Tante stattdessen an Ostern ersatzweise unzählige bunte Luftballons aufgehängt hätte. Er meinte, Sie hätten es seit Nathalies Tod nicht mehr getan. Er wollte Ihnen eine Freude bereiten und betonte, dass Sie etwas bei ihm guthätten.
Als ich klingelte, war er gerade dabei, den zwanzigsten Luftballon aufzupusten. Zu pusten! Nicht zu pumpen. Wohlgemerkt den zwanzigsten, der noch da und noch ganz war! Das Knallen hatten die erzeugt, die – kaum fertig – platzten. Bei denen hatte er sich natürlich auch schon die Lunge aus dem Leib geblasen.
Ihm sei schwindlig, verriet er, er würde schwarz sehen … Ich habe ihm erklärt, wenn er so weitermache, würde er kollabieren, Ostern im Krankenhaus verbringen und habe ihm gedroht, dass ich mich mit so einem Typen auch nicht weiter treffen würde, was ich sonst vorgehabt hätte. Das hat gesessen. Nur, jetzt möchte er, dass Sie die restlichen fünfzehn selbst aufpusten …“
Sie zögerte einen kleinen Moment, bevor Sie mit der Bitte herausrückte.
„Wäre das möglich? Könnten Sie bitte schon um 15 Uhr kommen?“

Viktor staunte. Nicht nur über die Geschichte mit den Luftballons, auch darüber, was sich seit gestern in Bezug auf Viktor Hegermann und Helen Johansson offenbar getan hatte. Es sah eindeutig nicht so aus, als hätte sie vor, seinem Onkel einen Korb zu geben.
Ihm fiel wieder siedend heiß ein, dass man am Telefon nicht schweigen sollte, wenn jemand am anderen Ende auf Antwort wartete. Er räusperte sich:
„Frau Johansson, Sie sind eine Wucht. Ich komme selbstverständlich eher! Sagen Sie meinem Onkel, er sei auch eine Wucht, aber soll die Finger von den Ballons lassen!“
„Ihr Onkel winkt mir gerade zu. Er kann wieder sprechen. Ich gebe ihn einmal an Sie weiter. Ich freue mich darauf, Sie nachher kennenzulernen, Henning! Und ich bin Helen, ja?“
Sie gab Viktor den Hörer. Zuerst war da nur Stille im Wechsel mit einem leichten Keuchen. Auf einmal erklangen zwei Worte:
„Henning …, danke.“ Klick.
Viktor hatte aufgelegt. Einfach so.

Da Henning nur noch das Freizeichen in der Leitung hörte, stellte er sein Handy aus. Er holte Luft, fuhr sich mit den Händen durch die verwuschelten Haare, und einen kleinen, wirklich nur einen klitzekleinen Moment sann er darüber nach, ob die Sache mit den Luftballons vielleicht bewusst geplant war. Ob sein Onkel die Erschöpfung nach dem Aufpusten bewusst herausgefordert hatte … Nein, sicher nicht …
Obwohl – wenn Viktor bewusst war, wie hinreißend hilfebedürftig, rührend und unwiderstehlich er so blass wirkte, dann war ihm auch klar, welchen Vorteil es für ihn hatte, wenn er an Ostern schwarz sah …

Henning schmunzelte noch, als er schon längst auf dem Weg hinüber zum Osterkaffee war.
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©by Michèle Legrand, April 2014 (Neufassung 2021)
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Gwen … Flip-Flops und Meisenknödel

Herbst und die Nachmittagssonne am Mühlenteich - Oktober 2013
Heute Morgen schrieb sie, bei ihr daheim wären 55 Grad. Draußen! Nicht im Backofen. Da hatte sie wohl wider besseres Wissen angenommen, es gäbe auf der Welt nur die Messung in Fahrenheit und das F hinter dem Gradzeichen sei überflüssig.
Allerdings – schreiben wir eigentlich wirklich immer ganz penibel ein C dahinter?
Nun, wie dem auch sei, Gwen nimmt gern an, ich würde schon wissen, würde bestimmt amerikanisch reagieren.
Habe ich frühmorgens aber nicht!
Früh am Tag arbeitet lediglich ein Minimal-Warmlauf-Programm. Ich muss erst langsam auf Touren kommen! Da vergesse ich einfach die Entfernung, die zwischen uns liegt und auch etwaige Unterschiede bei den Maßeinheiten. Immer diese Feinheiten …
Bei mir hatte die Temperaturangabe eine kleine Atemstockung verursacht, gefolgt von einem ungläubigen Blick – anfangs aus dem Fenster und kurz danach auf das eigene Thermometer. Erst dann kamen die Erkenntnis (die amerikanische Reaktion in Form eines großen F, neonorange und blinkend) und das geräuschvolle Ausatmen.
Bei Gwen herrschen also um die 13 Grad Celsius – fast wie hier. Vielleicht drei oder vier zusätzliche Grade im Laufe des Tages – ebenfalls vergleichbar. Eben herbstlich.
Gwen hat immer innere Hitze. Diese Gradzahl wird bewirken, dass sie weiterhin ihre Flip-Flops für adäquat hält. Sie schwenkt eventuell langsam vom Spaghetti-Top auf ein T-Shirt um. Wollsachen sind bei ihr nur bei Minusgraden angesagt, Mützen sowieso verpönt. Sie könnte wahrscheinlich gut in der Arktis klarkommen. Gwen mit leichtem Anorak am Polarkreis. Gwen ohne Handschuhe. Gwendolyn schwitzend, wenn die Quecksilbersäule wieder aus der Minuszone herausschaut.
Warum ich es erwähne?
Gwen empfindet Kälte nicht am Körper, doch sie hat trotzdem das Gefühl für unterschiedliche Jahreszeiten. Welche Jahreszeit wann beginnt – dieses Gefühl, ihres (!), weicht wiederum von meinem ab. Wenn Sie meint, es sei Winter, friere ich – im Gegensatz zu ihr – zwar schon gelegentlich, nur ist bei mir im September trotz allem noch Herbst. Sie jedoch hat in diesem Monat bereits – ungeachtet ihrer aufsteigenden Hitze und der Flip-Flops – das Gefühl, der Winter käme nun über Nacht. Zack! Der Winter mit seinen Folgen.
Daher auch ihre Nachricht. Als Erinnerung.
Nur noch 55 Grad!
Oh, Gott! Es wird Zeit!
Ich habe vergessen zu erwähnen, dass auch unsere Vorstellung von dem, was angesichts der aktuellen Wetterlage in Kürze zu tun sei, sehr unterschiedlich ausfällt. Und hatte ich schon erzählt, dass Gwen mir bereits das erste Mal vor gut einer Woche schrieb? Sie meinte am vergangenen Montag, sie bräuchte jetzt dringend Meisenknödel für ihre Terrassenvogelschar sowieso sämtliche sonstigen herumfliegenden Gartenbesucher. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch entspannt und wollte selbst welche kaufen.
Knödel. Nicht Vögel.
Eine weitere Nachricht kam vor vier Tagen. Gwen war am schwitzen. Diesmal vor Aufregung. Der Oktober hatte begonnen, und bei ihr gab es immer noch keine Fettfutterklöße zum Aufhängen!
Ich weiß nicht, was die sich hier dabei denken, doch offenbar sind denen die Vögel total egal …!
So hatte sie sich entrüstet geäußert. Ich hatte versucht, sie zu beschwichtigen.
Es sei noch sehr mild, und die Knödel träfen sicher bald ein …
Sie hörte gar nicht hin.
Die Vögel fänden garantiert weiterhin reichlich in der Natur …
Sie zweifelte das an.
Dann verriet ich ihr, dass Vögel bei mir so früh noch nie Fettfutter bekommen hätten. Überhaupt keine Zufütterung! Ich würde höchstens einmal kleine Obstfitzel auf der Terrasse vergessen oder verlieren, wenn ich draußen genussvoll einen Apfel kaute und aus dem Gebüsch nebenan neidvolle und vor allem penetrante  (Vogel-)Blicke wahrnehmen würde.
Gwen reagierte entgeistert. Ungläubig. Keine Knödel!
Sie sagte nicht direkt, ich sei geizig und grausam, aber es fehlte nicht viel. Gedacht hat sie es bestimmt, während sie einen Augenblick schwieg.
Im nächsten Moment erklang erneut ihr trauriges Stimmchen, dass sie gar nichts zu verfüttern hätte. Sie versuchte mir die Thematik und auch das Drama zu verdeutlichen. Ich müsste das doch verstehen. Der harte Winter in ihrer Region. Ihre „Kleinen“ würden verhungern!
Gwen lebt übrigens in Georgia. Einem der Südstaaten der USA. Deep South.
Nur in den Appalachen im Norden gibt es überhaupt Minusgrade oder Niederschläge, die als Schnee fallen!
Allerdings stammt sie ursprünglich aus einer kälteren Ecke der Staaten. Vielleicht verwechselt sie nun etwas.
Ich versuchte sie also zu verstehen.
Und sagen Sie selbst: Wer kann schon mit Sicherheit wissen oder es gar festlegen, wann für jemand anderen der richtige Zeitpunkt für dessen Tun oder Lassen gekommen ist?
Und kennen Sie etwa die Vögel in Georgia? Genauer, persönlich? Vielleicht kommen die tatsächlich ab Oktober ohne Unterstützung nicht mehr alleine klar!
Was ließ sich machen?
Sie meinte, die Knödel alternativ selbst herzustellen ginge auch nicht, weil das richtige Mischfutter dazu ebenfalls noch nicht erhältlich sei. Es klang verärgert, aber auch mitleiderregend kläglich.
Um den Elend ein Ende zu bereiten, erklärte ich mich bereit, hier in Deutschland nach Meisenknödeln zu schauen und ihr ggf. welche zu schicken. Als Notvorrat, falls in den nächsten Tagen im Süden Georgias Schneeverwehungen und Vereisungen einsetzten und sie – natürlich kurzärmelig wie immer – hinaus zum Füttern müsste.
Gwen schien erleichtert.

Mittlerweile war ich in den hiesigen Geschäften auf der Suche und wurde fündig. Zwischen den letzten Sommer-Sale-Angeboten und den ersten Tischen mit Lebkuchenherzen, Frostschutzmitteln und Streusalz, befand sich ein Ständer mit Vogelfutter aller Art – inklusive der begehrten Knödel im grünen Netz.
Ich schnappte mir einige Packungen und reihte mich in die Kassenschlange ein. Es dauerte ein bisschen. Hinter mir hörte ich irgendwann eine Stimme:
„Du, schau mal, es gibt schon Meisenknödel! Wir sollten auch welche mitnehmen. Jetzt ist bald Winter. Die Vögel brauchen doch was …!“
Ich schaute mich um. Ein Pärchen. Sie schickte ihn gerade los Richtung Futterständer. Sie trug ein Spaghetti-Top und hatte nackte Füße – in Sandalen zwar, aber ich möchte wetten, Flip-Flops hat sie auch.
„Kennen Sie Gwen?“, fragte ich.

Ich habe das Päckchen mittlerweile abgeschickt. Gwen hakte auch schon nach und schob etwas panisch hinterher, dass es in Wyoming geschneit hätte. Hätte Leah geschrieben.
Stimmt, ich habe es auch gelesen.
Doch Wyoming liegt – rein Richtung Norden gesehen – mehr als 800 Meilen (bzw. über 1300 km) oberhalb ihres Staates (es liegt natürlicher auch westlicher). Und Leah wohnt in den Bergen. Das ist jetzt etwa so, als würden Sie in Norddeutschland in Panik geraten und den Schneeschieber vor die Tür stellen, weil hoch in den Alpen ein weißer Zuckerteppich gesichtet wurde.

Ach, ich bin sicher, die Meisenknödel werden noch rechtzeitig ankommen.

Gwen ihrerseits findet übrigens, dass ich viel zu früh im Jahr Kerzen anzünde.
Ende September! Also wirklich! Das sei doch fast noch Sommer …

Ich mag Gwen.

©Oktober 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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„Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe …!“

"Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe ...!"  Blogbeitrag michelelegrand.wordpress.com

Manchmal läuft alles zwanglos. Sie kommen, schauen kurz nach links, rechts, und einer beschließt ganz einfach. Dort!
Oder schaut leicht fragend, und die Entscheidung erfolgt durch eine kaum wahrnehmbare Kopfbewegung. Kinn auf halb acht bedeutet:
Wir nehmen die Plätze links vorne, die am Fenster.
Hingehen. Hinsetzen. Fertig.

Gestern war es anders. Umständlicher. Ich spreche von Christoph und Ramona, die zu den Menschen gehören, die es gelegentlich kompliziert mögen.
Sie sind ein Pärchen, erkennbar am Verhalten und letztendlich auch am identischen Ringmodell am Finger.
Wie lange sie bereits zusammen sind?
Das ist nicht mit allerletzter Sicherheit zu sagen. So wie sie miteinander umgehen, schon länger, so wie sie die Vorlieben des anderen allerdings ganz offensichtlich nicht kennen, jedoch eher kürzer. Wiederum – betrachtet man genauer ihrer beider Figur, den Bauch … Die Ähnlichkeit ist frappierend, was für ein Zusammenleben und gemeinsame, womöglich identische Essgewohnheiten bzw. Mahlzeitenzufuhr spricht.

Wie dem auch sei, sie kamen mit der Rolltreppe ins erste Obergeschoss gefahren, bogen nach rechts und steuerten auf mich zu – bzw. das Eiscafé. Die Richtung war dieselbe.
Bis dahin war alles klar. Fast alles. Es gab lediglich ein leichtes Kuddelmuddel oben am Rolltreppenauslauf, denn die unübersichtliche Anzahl von zwei Tüten musste neu sortiert werden. Es ging darum, ob er sie weiter trägt, ob sie eine nimmt, welche er behält, welche schwerer ist, welche welchen Inhalt hat und ob sie überhaupt noch alles dabei haben.
Sie sollten nachzählen, kann ja nicht so lange dauern …
Drei Minuten später. Die Einigung wurde erzielt. Er trägt wieder beide, und es ist wundersamerweise noch alles da. Sie geht voraus, steuert Fensterplätze an, setzt sich … und schaut ihn an. Blickt zu ihm hoch, denn er bleibt stehen und sagt nichts.
„Was ist denn?“
„Willst du wirklich hier sitzen?“, fragt er.
„Wieso?“
„Das ist ungemütlich hier.“
„Also, ich sitze bequem“, meint Ramona und räkelt sich auf der Lederimitatbank mit Lederimitatkissen.
„Du hast gut reden!“ Verständnisloses Schnauben und seine Hand weist auf die komfortable Bank. „Und ich soll hier auf dem niedrigen Hocker sitzen?“
Wieder das altbekannte Thema – oder eher Problem in dem Eiscafé. Unterschiedliche Sitzmöbel am selben Tisch. Was spielten sich hier nicht schon für Dramen und Kämpfe ab …
„Dann setz dich auf den Platz daneben! Dann hast du auch eine Bank“, kontert sie.
„Und wir essen an zwei verschiedenen Tischen? Das ist doch blöd!“
Sie schaut etwas pikiert. „Wo willst du denn dann sitzen?“
„Da drüben“, meint Christoph und weist tütenschwenkend auf das entgegengesetzte Ende des Cafés.
Sie verdreht gut sichtbar die Augen, seufzt, steht umständlich auf und sagt:
„Geh vor!“
„Warum?“ Christoph ist irritiert.
„Ich weiß nicht, welchen Platz du meinst“, und ergänzt: „Hoffentlich nicht den genau an der Rolltreppe.“
Seine Kinnlade fällt herunter. Es muss sein auserwähltes Ziel gewesen sein. Dennoch schaltet er schnell und wendet damit neues Unheil vorerst ab:
„Wir können auch den Vierertisch da am Gang nehmen.“
Ein Kompromissvorschlag. Es entsteht eine Pause.
„Ach, … so mittendrin …?“ Ramona wirkt unzufrieden, bis sie entdeckt:
„Du, guck mal, da wird gerade ein Tisch frei …!“
An diesem Tag sind in dem Café schätzungsweise 15 % der Tische belegt … Jaha! Welch ein Glück, dass jetzt etwas frei wird!
„Na gut, dann gehen wir eben da hin!!“ Christoph hat langsam keine Lust mehr. „Da steht aber noch das gebrauchte Geschirr!“
„Na und?“
Sie setzen sich tatsächlich an besagten Tisch und werfen einen Blick in die Karte.
„Es gibt Latte Macchiato auch mit Karamell“, erzählt er seiner Holden.
„Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe!“
Eine verbale Ohrfeige.
Und dann wird es ernst. Es entbrennt eine hitzige Diskussion darüber, wer eigentlich die blöde Idee hatte, überhaupt ins Eiscafé zu gehen, gefolgt von Klagen, wer denn immer alles so fürchterlich schwierig mache. Darüber herrschen erwartungsgemäß unterschiedliche Ansichten. Es hagelt Beschuldigungen, man ist Meister im Hervorholen uralter Kamellen, und letztendlich beschließen sie recht aufgebracht, dass sie gehen.
In diesem Moment erscheint ein weiteres Pärchen im Café, schaut sich um und entdeckt die beiden Streithähne.
„Hallo, Ramona, Christoph! Ihr hier! Na, so ein Zufall! – Seid ihr fertig, oder habt ihr noch gar nicht bestellt?“
Kurzes Schweigen.
Ein blitzender Blick von ihr. Eine Warnung an ihn. Untersteh’ dich …!
Dann die oscarreife Darstellung überschwänglichlicher Freude über das Wiedersehen.
„Nein, wie toll! Wir sind auch eben erst gekommen! Haben uns gerade hingesetzt“, flötet Ramona.
… was irgendwie sogar stimmt.
Die beiden anderen, Jonas und Bille, hocken sich kurzerhand dazu, und im Nu sind alle am ordern.
Bille nimmt Latte Macchiato mit Karamell.
„Oh, das probiere ich auch!“, ruft Ramona begeistert, „Latte Macchiato mit Karamell!“
Christoph scheint einen Einwand loswerden zu wollen und erntet einen Knuff, dessen Härte Ramona etwas zu mildern versucht, indem sie Jonas und Bille strahlend erzählt, dass sie mit Karamell schon IMMER MAL probieren wollte …
Wahrscheinlich ist ihr Fuß direkt neben seinem, um beim ersten Mucks seinerseits mit dem Absatz eingreifen zu können.
Christoph schweigt und bestellt Eiskaffee.
„DU willst Eiskaffee?“ Ramona ist perplex. Eiskaffee scheint undenkbar. Mein Gott, Eiskaffee! Unfassbar!
„Ich wollte das schon IMMER MAL probieren …“, lautet seine Erwiderung und so dermaßen trotzig, wie er dreinschaut, dürfte der Gedanke folgender sein: … kann dir doch schnuppe sein!

Schad drum. Mir fiel dazu nur ein, dass es den beiden bislang wohl auch völlig schnuppe war, was dem anderen behagt und was nicht. Desinteresse? Kommunikationsschwierigkeiten? Oder vielleicht ein Hörproblem?

Apropos Hörproblem und sich verhören: Wissen Sie, was mir dort noch geboten wurde?
Nettes!
Ein Vater saß mit seinen beiden Kindern ebenfalls dort, nur zwei Tische weiter. Ein Junge und ein Mädchen, die gleichaltrig wirkten. Etwa fünf, vielleicht Zwillinge. Sie hatten das Hickhack auch mitbekommen.
Der Junge kommentierte es mit einem leisen: „Die ist aber zickig.“
Seine Schwester verstand „pieksig“.
Daraufhin tuschelten sie beide und sangen dann zusammen „Mein kleiner, grüner Kaktus.“ Textsicher! Die Kleine wippte mit den Füßen, die im Sitzen gar nicht auf den Boden reichten, ihr Bruder zog Grimassen mit einem Gesicht, das ich als unbegrenzt knautschfähig bezeichnen würde.
Ich schrieb es schon auf Facebook: Einfach unbezahlbar! ^^

©August 2012 by Michèle Legrand

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Es war nicht das Brusthaar!

Es war nicht das Brusthaar (Titelfoto Kurzgeschichte im Blog: Michèle. Gedanken(sprünge)

Heute auch wieder einmal mit einer Hörversion!
Bitte hier entlang:
-> Es war nicht das Brusthaar! http://audioboo.fm/boos/832285

Sie schaute skeptisch, als er sich nach gründlichem Umsehen genau für den Tisch ihr gegenüber entschied. Natürlich setzte er sich auch so, dass er sich beim Herüberschauen nicht anstrengen oder gar verrenken musste. Sie gab ihm fünf Minuten – dann würde es ihm hoffentlich zu langweilig werden.
Es war ihr unangenehm, wie anmaßend und ungeniert er sie ständig anstarrte.
Eben erst, kurz vor seinem Erscheinen, war ihr Kaffee gekommen. Sie konnte ihn jetzt nicht in Rekordzeit heiß herunterstürzen und sah zudem auch gar nicht ein, sich von ihm vertreiben zu lassen!
Sie überlegte sich umzusetzen. Oder sollte sie ihn in seine Schranken weisen …?
Wenn sie ihn wenigstens hätte ernst nehmen können. Wenn er nur etwas, ETWAS Anziehendes, Angenehmes gehabt hätte.
Generell vermied sie, ausgehend von Äußerlichkeiten Rückschlüsse auf Charakter oder Verhalten zu ziehen. Nur hier wurde das Verhalten gleich mitgeliefert. Innerlich stöhnte sie. Wer sich so anzog und dermaßen selbstüberzeugt Anmache betrieb, der löste bei ihr fast ein wenig Mitleid aus. Aber nur fast.
Er hatte ein Hemd in schrillen Farben gewählt, die ersten vier oder fünf Knöpfe waren geöffnet. Eine Goldkette mit Gliedern, die stark genug wirkten, um daran den Anker der Queen Mary 2 zu befestigen, zierte den Hals. Sein Brusthaar quoll fröhlich heraus.
Sie bräuchte sich nur etwas weiter vorzubeugen, dann könnte sie bis zu seinem Bauchnabel sehen …
Eine weiße Jeans, insgesamt ein bis zwei Nummern zu klein. Sie war so eng, dass er vorsichtshalber sein Smartphone aus der Tasche genommen und auf den Tisch gelegt hatte. Die Sonnenbrille war lässig ins gegelte Haar hinaufgeschoben.
Und die Schuhe! Sie waren gewagt. Auberginenfarben, vorne spitz zulaufend und ein bisschen hochgebogen. Früher nannte man das im Extremfall Schnabelschuhe.
Sie musste einfach auf die Füße blicken. Die engen Hosenbeine ließen die Schuhe noch länger wirken. Er selbst war doch gar nicht so groß …
So große Füße hat der nie und nimmer! Wie viel Luft wohl vorne zwischen großem Zeh und Schuhspitze noch ist?
Er hatte ihr kurz aufflammendes Interesse offenbar missgedeutet, denn er zwinkerte ihr gerade vertraulich zu und beugte sich etwas vor, über den Tisch, so, als wollte er gleich eine Konversation starten.
Sie hatte nichts gegen Brusthaar! Das war es nicht. Wenn der Mann stimmte, war es ihr völlig egal, ob den Brustkorb eine glatte Babyhaut überzog oder sie dort Zöpfe flechten konnte. Sie hatte nur keine Lust auf ihn.
Er begann, dumme Sprüche zu klopfen. Schöne Frau – so alleine, man könnte doch …
Sie winkte die Bedienung heran und zahlte. Die Angestellte schien das Rasierwasser des Mannes als etwas aufdringlich zu empfinden und klappte das Fenster nahe seinem Tisch ein.

Sie nahm ihre Tasche. Er beobachtete sie und versuchte, die „Konversation“ aufrecht zu erhalten. Sie versteifte, schien plötzlich entschlossen und ging direkt an seinen Tisch. Er wirkte siegesgewiss.
Sie schaute ihn an, ging vor ihm in die Hocke und raunte:
„Darf ich mal fühlen …?“
Er wirkte etwas überrumpelt und lief ein wenig an.
Sie drückte mit ihrem Daumen auf seine Schuhspitze. Zwischen Zeh und Schuhende waren mindestens drei Zentimeter Luft.
Sie richtete sich ruhig wieder auf, strich ihre Kleidung glatt und bemerkte:
„Die Schuhe eine Nummer kleiner, die Jeans eine größer. Und wenn Ihnen jetzt bei offenem Fenster kühl wird, haben Sie auch noch die Möglichkeit, ein oder mehrere Knöpfe ihres Hemdes zu schließen.“

Und damit ging sie.
Sie war manchmal böse.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

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Der Lustmolch – Eine untypische Adventsgeschichte

Er beobachtete sie.
Sie saß vier Tische entfernt von ihm. Sie wirkte entspannt und löffelte hingebungsvoll den Milchschaum von ihrem Cappuccino. Sie schob in Zeitlupe den Löffel in ihren Mund, schloss verzückt die Augen und bevor sie ihn wieder hinauszog, drehte sie ihn offenbar um, um mit der Zunge jeglichen Rest aus dem Löffel herauszuschlecken. Die Zungenspitze kreiste am Ende, wenn der Löffel schon längst erneut auf dem Weg zum Nachschlag holen war, ganz kurz einmal über Ober- und Unterlippe …
Allein beim Zusehen passierten mit ihm wundersame Dinge. Er war neidisch auf ihren Cappuccino, er konnte nicht wegsehen, es machte ihn an, und er fragte sich wieso. So ganz neu war es für ihn nun auch nicht …
Er winkte dem Ober zu. Es war der Richtige.
„Einen Espresso, bitte.“
„Sehr gerne, der Herr.“
Oh, freundlich heute, und offenbar erinnerte er sich auch nicht an die Szene von vor einer Woche. Vielleicht musste er nachhelfen …
Er schaute wieder zu dem anderen Tisch hinüber. Die Frau hatte ungefähr sein Alter, und sie war sein Typ. Sie war ladylike und mädchenhaft in einem. Sie wirkte geheimnisvoll, doch zugleich auch unschuldig. Sie hatte einfach etwas, das ihn sehr anzog, magisch anzog.
Der Ober näherte sich mit seinem Getränk.
Richard verwickelte ihn in ein Gespräch. Eventuell erkannte dieser seine Stimme wieder.
„Könnte ich vielleicht noch extra Zucker bekommen? Ich mag es gern süß.“
Er hatte auch letztes Mal danach gefragt.
Der Kellner schaute ihm jetzt ins Gesicht. Richard meinte, ein Wiedererkennen zu beobachten.
„Natürlich, ich bringe Ihnen gleich noch eine weitere Portion.“
„Das ist sehr freundlich. Haben Sie nicht neulich auch an diesem Tisch hier bedient?“
„Sicher. Ach, jetzt erinnere ich mich. Sie waren ja hier in Begleitung …“
Der Groschen war gefallen, und Richard bemerkte den urplötzlich auftretenden Unwillen, das leicht Abschätzige im Blick des Gegenübers. Dieser verzog sich nun, um das Gewünschte zu besorgen.
Richard war immer noch sauer, und gleichzeitig musste er grinsen. Am vergangenen Sonntag hatte er hier mit Mara gesessen. Er hatte sie gerade vom Flughafen abgeholt und weil ihr Magen lautstark geknurrt hatte, hatten sie hier angehalten, um eine Kleinigkeit zu essen. Sie hatte sich unbändig gefreut, ihn nach einem halben Jahr Aufenthalt im Ausland wiederzusehen und hatte ihn immer wieder herzlich berührt. Seine Hand zu sich hinübergezogen, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, ihn angestrahlt.
Er war 45 und hatte es sehr genossen, von einer hübschen, jungen Frau so angehimmelt zu werden. Mara war inzwischen 19. Und seine Tochter. Sie unterhielten sich über eine Klingel, die Mara aus Montreal mitgebracht hatte, weil sie den Klingelton einfach liebte.
„Kannst du mir helfen, sie zu montieren? Ich komme mit den vielen Kabeln nicht zurecht, und mir fehlen auch noch Schrauben und Dübel.“
Der Ober war in dem Moment an den Tisch gekommen, als er ihr antwortete:
„Klar, Kleines, ich besorg es dir.“
Mara hatte ihm eine Kusshand zugeworfen.
Der Kellner musste es wohl irgendwie in den falschen Hals bekommen haben. Er schaute indigniert, sein Verhalten wurde kühl und kühler, passend zum Anstieg der offenbar mit ihm wild durchgehenden Fantasie. In seinem Kopf schienen sich Sätze zu formen wie:
Dass die alten Knacker immer mit den jüngsten Mädels herummachen müssen!
Er hatte auch Mara anschuldigend und leicht verächtlich angesehen.
Was willst du mit dem? Ausnehmen?
Als Richard und Mara bemerkt hatten, was falsch lief, hatte er gerade den Weg in die Küche angetreten, und es war  ihnen zu müßig, sich zu verteidigen und alles klarzustellen. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal geglaubt.
Als sie ihre Garderobe holten, schaute der Angestellte demonstrativ weg. Im Hinausgehen hörten sie seine Bemerkung zu einem Kollegen an der Bar.
„Der ist wohl im zweiten Frühling! Widerlich!“
Sie waren verärgert gewesen. Mara hatte draußen vor der Tür jedoch schon wieder gelacht, und als sie bemerkte, dass ihr Ober sie von drinnen durchs Fenster hindurch immer noch im Blick hatte, hatte sie ihn besonders eng an sich herangezogen und ihm ins Ohr geflüstert:
„Papa, du musst jetzt tierisch verliebt tun. Dann kriegt er drinnen einen Anfall.“

Er hätte es dabei bewenden lassen können, aber es hatte ihn gewurmt.
Was bildete der sich eigentlich ein? Sich als Moralapostel aufzuspielen!
Das war das eine. Das andere, weitaus Schwerwiegendere war, dass er IHM zugetraut hätte, es in seinem Alter mit einem Teenager zu treiben! Das schrie nach Revanche.
Seine Frau reagierte auf die Geschichte anfangs wie Mara. Sie lachte sich schlapp, bis sie merkte, dass diese Sache ihn getroffen hatte.
Es hatte ihn in seiner Ehre getroffen!

Nun saß er ein weiteres Mal hier. Schön, sein Kontrahent hatte ihn wiedererkannt.
Wo blieb denn jetzt der Zucker? Mit den voreiligen Schlüssen schien er schneller zu sein …
Sein Blick wanderte wieder hinüber zu der Frau. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte leicht und rührte dann wieder in ihrer Tasse. Sie setzte sich etwas schräger auf ihren Stuhl und schlug die Beine übereinander. Ihr Rock verrutschte.
Er schluckte. Das war ein … netter Anblick! Oh ja.
Der Ober kehrte zurück.
„Ihr Zucker.“
Das Wiedererkennen schien die Verwendung kürzerer Sätze in Gang gebracht zu haben.
Das kann ich auch, dachte Richard.
„Danke.“
Bevor der Kellner  jedoch verschwinden konnte, winkte er ihn näher zu sich heran und fragte sehr vertraulich:
„Kennen Sie die Dame dort drüben am Tisch?“
Sein Kopf nickte leicht in die richtige Richtung. Der Ober sah hinüber, antwortete jedoch nicht, sondern sah ihn nur fragend an.
Richard bemühte sich um einen jovialen Tonfall:
„Nun, unter uns Männern: ist schon ein Klasseweib, oder? Kennen Sie ihren Namen? Ich würde sie gern näher kennenlernen.“
Der andere schnappte nach Luft.
Reicht dir deine junge Gespielin vom letzten Mal nicht mehr, du Lustmolch?
Richard meinte, diese Worte auf seiner Stirn geschrieben zu sehen. Er wartete auf eine Antwort, die nun auch mit zitronensaurer Miene und leicht zusammengebissenen Zähnen kam:
„Ich kann Ihnen keinen Namen nennen, und es tut mir leid, ich glaube nicht, dass die DAME Interesse an Ihnen hat!“
Bingo! Richard hatte es vorausgesehen.
„Wetten doch?“
Er grinste sein schmierigstes Lächeln.
Der Ober starrte ihn an.
„Warten Sie  einen Moment“, instruierte er den Mann, kritzelte ein paar Worte auf einen kleinen Zettel, faltete ihn zusammen und reichte ihn hinüber. „Geben Sie ihn bitte der Dame! Wären Sie so nett?“
Sein Gegenüber war hin- und hergerissen. Schließlich nahm er, innerlich wutschnaubend, die Notiz und stampfte Richtung Richards Herzkasper verursachender Lady.
„Das soll ich Ihnen von dem Herrn dort drüben geben …“, kam es gepresst.
Richard beobachte die Szene.
Die Dame schaute anfangs überrascht, zögerte leicht, entfaltete dann den Zettel, las und lächelte schließlich. Sie entnahm ihrer Handtasche einen Stift und schrieb eine Antwort. Dann faltete sie das Blatt sorgsam wieder zusammen und wandte sich dem noch neben ihr stehenden Kellner zu. Sie reichte es ihm sehr charmant und fragte überaus gewinnend:
„Wären Sie so nett …?“
Dabei zeigte hinüber zu Richard. Der Ober bekam eine ungesunde Gesichtsfarbe, doch tat er, wie sie ihm geheißen. An dessen Platz angekommen, drosch er die Nachricht auf die Tischplatte.
Richard strich den Zettel glatt und legte ihn so vor sich, dass der Kellner ihre Antwort mitlesen konnte, mitlesen musste!
Ich finde sie auch enorm sexy! Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Ihnen gehen? Ich bin verheiratet.
Richard unterdrückte ein Grinsen.
Der Kellner konnte es nicht fassen!
Sie war inzwischen aufgestanden, kam leicht wiegenden Schrittes herüber, beugte sich am Tisch zu ihm herab und hauchte:
„Wollen wir …?“
Richard griff nach ihren Fingern, schaute ihr tief in die Augen und deutete einen Handkuss an.
„Gerne“, erwiderte er mit sonorer Stimme.
Er stand auf, holte seine Jacke, half ihr in ihren Mantel. Er liebte ihr Parfum und sog tief die zarte Duftwolke ein, die sie umgab.
Währenddessen kam der Ober zur Besinnung.
„Sie haben noch nicht bezahlt!“ Das galt für beide.
„Ich zahle“, entschied Richard.
„Zusammen?“, vergewisserte sich der Kellner.
„Ja“, bestätigte Richard und die Dame honorierte es mit einem: „Oh, ein Gentleman!“
Richard hatte das Gefühl, der Angestellte konnte gerade noch ein angewidertes Gentleman? Der? unterdrücken.
Richard und seine Eroberung wendeten sich der Tür zu. Der Kellner begleitete sie ein Stück, machte aber keine Anstalten, sie ihnen zu öffnen. Die Dame drehte sich leicht zu Richard und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Lange. Dann sagte sie:
„Schatz, sag es ihm! Tu es – bitte!“

Richard seufzte. Natürlich musste wieder einer weich werden!
Er wandte sich um und murmelte etwas missmutig:
„Ich soll Sie von meiner Tochter grüßen. Das ist die junge Dame, die vor einer Woche mit mir hier gegessen hat. Ach ja, und meine Frau und ich“, Richard wies auf seine Begleitung, „wir wünschen Ihnen natürlich noch einen schönen 1. Advent!“
Das Auf Wiedersehen ließ er weg …

Vor der Tür hakte sich Helen bei ihm ein. Sie strich die Falten auf seiner Stirn glatt.
„Richard, schau mich an! Hör auf zu grummeln!  Das war kein Spiel verderben! Du wolltest ihm eine Lehre erteilen. Es wird ihm so viel mehr zu denken geben, glaub mir, mein Schatz! Außerdem ist jetzt dein guter Ruf wiederhergestellt.“
Sie knabberte sanft an seinem Ohrläppchen. Er stöhnte, zog sie dann allerdings forsch mit sich.
„Was …?“, fragte Helen irritiert.
„Ich habe gerade festgestellt, dass mein Ruf akut wieder in Gefahr ist, wenn wir nicht sofort nach Hause fahren …“

Ende

(NEU: Auch als Podcast! )
Den  Lustmolch gibt es jetzt auch in der Audioversion. Technisch bedingt besteht dieser Hörbeitrag  aus drei Teilen.
Sie werden auf die Seite von Audioboo geleitet. Es ist kein Download erforderlich, es verursacht Ihnen keinerlei Kosten!
Sie brauchen lediglich den Pfeil anzuklicken.
Viel Vergnügen!

http://audioboo.fm/boos/1114945-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-1
http://audioboo.fm/boos/1114947-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-2
http://audioboo.fm/boos/1114951-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-3

Michèle Legrand - Kurzgeschichte im Blog - Der Lustmolch - eine etwas andere Adventsgeschichte©November 2011 (Podcast 2012)  by Michèle Legrand

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