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Vergängliche Kunst …

Mein heutiges Blogthema ist ein Spontanentschluss. Was den Anstoß dazu gab, werden Sie wahrscheinlich nicht auf Anhieb erraten, darum sag ich es Ihnen: Es war kunstvoll geformter Vogelschiss auf der Windschutzscheibe meines Autos.
Da ich draußen und vorzugsweise am Haus parke, steht das gute Stück meistens unter der großen, rotblättrigen Blutpflaume, die von allen Vögeln extrem gern beflogen und belagert wird. Und von der man offenbar freudvoll auf parkende Fahrzeuge herabpladdern lassen kann.
Diesmal verlief das ganze Zeugs direkt auf der Scheibe zur nicht unbekannten springenden Raubkatze.
Sie wissen schon, dieser Kühlerfigur des Jaguars. Die Umrisse stimmten, das Tier war lediglich etwas senkrechter gestellt als üblich. (Sonst hätte der Vogel ziemlich quer und eher aus dem Flug treffen müssen.)
Mein neu gestylter Scheibenjaguar hatte außerdem kleine, rundliche Kleckse vor seinem aufgerissenen
Maul. Leicht darüber positioniert. Es schien, als würde er munter Blasen herauspusten. Sehr schick.
Ich habe es trotzdem entfernt. Vergängliche Kunst, wenn Sie so wollen …
Seitdem geistert mir dieser Begriff im Kopf herum.

Man kann davon ausgehen, dass diese Windschutzscheibenhinterlassenschaften definitiv nicht als Meisterwerk geplant waren, so wie es sich oft auch in der freien Natur bei in unseren Augen kunstvollen Dingen um keine bewusst arrangierte oder gar vorausgeplante Kunst handelt. Nichtsdestotrotz schafft der Anblick einiger Sachen es locker, dass einem urplötzlich überwältigt der Atem stockt. Hat mich der guanohaltige Jaguar eher verblüfft als in Begeisterungsstürme ausbrechen lassen, so gestehe ich gerne, dass es Naturkunst gibt, die ich schlichtweg umwerfend finde.

Vergängliche Kunst Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) - Feinste Pflanzenaustriebe ...

Vergängliche Kunst Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) – Feinste Pflanzenaustriebe …

Denken Sie nur an imposante, glitzernde Eiszapfen, die vom Dachrand herabhängen, an zarte Eisblumenbilder, die heute durch die Isolierverglasung nur noch selten an Fensterscheiben entstehen. Haben Sie blinkende Tautropfen im Gras am Morgen vor Ihrem inneren Auge? Kunstvoll verknüpfte Spinnenweben im Gegenlicht? Feinste Pflanzenaustriebe, bizarr geformte Samenkapseln, sich entrollender Farn, filigrane Reste vertrockneter Blüten? Herzförmige Kartoffeln oder Erdbeeren, zwei sich eng umschlingende Karotten, die faszinierende Gestalt von Ginkgo-Wurzeln?

Vergängliche Kunst .... Mohnkapseln nach dem Winter, s/w-Aufnahme

Vergängliche Kunst …. Mohnkapseln nach dem Winter, s/w-Aufnahme

Und wie phantastisch sind Farbmeere! Ein riesiges Lavendelfeld, eine blühende Heidelandschaft … Oder Farbkombinationen! Ein gelbes Rapsfeld, dazu Feldmohn und Kornblumen am Feldrand. Ist nicht auch die Blattfärbung im Herbst gewaltig? Staunen auch Sie manchmal heimlich beim Betrachten von außergewöhnlichen Wolkenformationen, sehen auf einmal Figuren? Und dann wären da noch Spiegelungen im Wasser, gestochen scharf, so farbintensiv … Oben das Original, im Wasser die exakte Kopie gedreht. Aber was ist, wenn Sie sich umdrehen, den Rücken zukehren, die Beine auseinanderstellen, eine tiefe Rumpfbeuge machen und aus dieser Position zwischen Ihren Beinen hindurchschauen. Wo ist nun oben, wo unten? Was ist echt, was gespiegelt? (Nicht auf die sonstige Umgebung achten!)
Ach, und dann bin ich ja auch so jemand, der Gischt verzückt anstarrt, weil sich darin ein Regenbogen gebildet hat …

Alles vergänglich, und bei fast all diesen Dingen hat der Mensch seine Finger nicht im Spiel. Bestenfalls leisten Tiere Hilfe bei der Entstehung. Wissen Sie, was ich einmal entdeckt habe? Ein entweder von Raupen oder von Käfern zerfressenes Riesenblatt! Doch das war nicht einfach von den Krabbelkollegen bzw. dem Raupenvolk vom Rand her reizlos weggenagt, sondern war auf der ganzen Fläche regelmäßig ausgestanzt, so genial, dass man meinte, es wäre eine Stickmustervorlage für einen Untersetzer oder ein Tischset.

Vergängliche Kunst ... Kartoffelrose im Winter mit Resten der Hagebutte

Vergängliche Kunst … Kartoffelrose im Winter mit Resten der Hagebutte

Wenn Sie jetzt die Natur einen Moment beiseite lassen und einmal den Menschen selbst betrachten, so stellen Sie fest, dass sich auch an ihm zuweilen vergängliche Kunst findet. Vergänglich nicht nur, weil der Mensch logischerweise altert, sondern weil einige Veränderungen bewusst nur für einen bestimmten Anlass oder auf Zeit gedacht sind. Sich gelegentlich auch einfach selbstständig bilden!
Interpretationsgeeignete Sommersprossengemälde, die durch unregelmäßig verteilte kleine Tuffs hervorgerufen werden! Farbmuster der Haut durch unterschiedliche Bräunung, Muster, die beispielsweise entstehen, sobald abweichende Trägerbreiten und -formen beim Sonnen immer andere Hautpartien abdecken oder freigeben bzw. stellenweise durchlässiges, grobmaschiges Gewebe für helle Hautareale, aber ebenso für rote Haut dazwischen sorgt.
Haarkunst! Es gibt phantasievolle Hochsteckfrisuren, kurzlebige Kreationen, besonders wenn diese Blüten im Haar beinhalten. Bärte malen zeitweise Formen und Muster ins Gesicht, mancher zwirbelt und wachst gelegentlich auch seine extralang gezüchteten Barthaare.
Ganz eindeutig Kunst (und im Vergleich zur Tätowierung ebenfalls vergänglich):  Body Painting!
Was gibt es da nicht alles für sagenhafte Motive, die sogar in der Lage sind, unser Seh- und Erkennungsvermögen zu täuschen!

Sie haben gemerkt, so allmählich sind wir in einem Bereich angekommen, in dem es nicht mehr die Natur und dort vielleicht zusammentreffende Umstände sind, die etwas entstehen lassen, sondern nun betätigt sich der Mensch selbst künstlerisch und wird Schöpfer eines Werks. Auch da gibt es so viel, was nicht für die Ewigkeit gemacht ist!

Kennen Sie den Begriff Land Art?
Wenn vergängliche Kunst in und mit der Natur gestaltet wird, spricht man von Land Art. Aber verwenden Sie den Begriff nicht gegenüber einem Engländer, auch wenn es sich passend anhört. Der wird Sie fragend anschauen. Bei ihm nennt sich die Kunst anders, nämlich Earth Art.
Ob Land Art oder Earth Art, in beiden Fällen erschafft man etwas mit Materialien aus der Natur, etwas, von dem man weiß, dass es nur eine begrenzte Zeit überleben wird, bevor es durch Regen, Wind, Schnee, Frost, Sonne etc. irgendwann wieder zu Humus wird und letztendlich keine Spur des Kunstwerks übrigbleibt.
Kleine Arrangements und Bilder im Freien aus dicken Hölzern, dünnen Zweigen, Wurzelwerk, Gräsern, Beeren, Gewürzkörnern, Laub, Steinchen, Blüten etc. Wenn etwas miteinander verbunden wird, dann ebenfalls auf natürliche Weise. Kein industriell angefertigter Kleber, kein Zement, sondern biegsame Ruten, erstaunlich reißfeste Gräser und Stängel und spitze Stöckchen übernehmen die Aufgabe, Teile miteinander zu verknüpfen, zu verbinden oder Blätter zu befestigen. Oft geben auch von der Natur geformte Verwachsungen und Verdrehungen eines Astes oder einer Wurzel dem ganzen Werk den nötigen Halt.

Nicht direkt lupenreine Land Art, aber so etwas Ähnliches sind im Prinzip die folgenden Kreationen, die ich persönlich sehr faszinierend zu betrachten finde. Auch hier sind es stets Werke, bei denen von vornherein klar ist, dass begrenzt überlebende Kunst geschaffen wird – denn sagen Sie selbst: Schnee und Eis als Werkmaterial ist eindeutig vergänglich, oder?
Hier lebt die temporär existente Kunst in Form von Snow Art und Ice Art.
Haben Sie schon einmal von Simon Beck gehört, jenem Mann, der ungewöhnliche, richtig schwierige, geometrische Muster in ausgedehnte Schneelandschaften stapft? Nicht? Er geht auf die 60 zu, ist Brite, und da in seinem Heimatland nicht sicher ausreichend oft und viel frischer Schnee fällt, ist er extra für seine Schneekunst umgezogen. Nach Les Arcs, in ein französisches Skigebiet. Nun läuft er mit Schneeschuhen und Kompass riesige Flächen ab, und was dabei an Bildern herauskommt, ist unglaublich!  Aber vielleicht haben Sie selbst ja auch schon Trittmuster fabriziert. Oder wenigstens im Schnee gelegen und mit den Armen einen Schneeengel gewischt…
Bei mir auf der Terrasse stapft im Winter immer eine Unmenge von Vögeln trotz Flugmöglichkeit zu Fuß Richtung Futterhäuschen und hinterlässt dabei grandiose Abdrücke im Schnee. Wild durcheinander, als hätten sie Baseball gespielt und sich alle dabei umgerannt, doch von den einzelnen Fuß- oder Krallenspuren her betrachtet wirkt wiederum alles hauchzart … Das ist wohl Bird Art.
Mir fallen noch Schneeskulpturen ein! Was wird da nicht alles kreiert! Doch kaum sind draußen um die Null Grad Celsius, schon zerfließt der Elch, schmilzt der Schneemann. Saisonende für das Schneehotel in Finnland; es  schließt seine Pforten bis zum nächsten Jahr.
Ganz enorme Bewunderung hege ich für diese Säger und Meißler, die im Winter statt Holz und Stein glasklares Eis als Ausgangsmaterial zur Formung unglaublich fein gearbeiteter Eisfiguren und ganzer Eisszenen wählen! (Ice Carving, Schnitzen von Eisskulpturen.) Wenn Sie noch keine Originalkunstwerke besichtigen konnten, dann haben Sie aber doch bestimmt schon einmal den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier …“ gesehen. Darin schnitzt und raspelt Bill Murray gerade an einem Werk. Man bekommt automatisch Lust, es selbst auszuprobieren …

Vergessen darf man natürlich keineswegs, was sich alles mit oder im Sand anstellen lässt!
Zum Beispiel rechen Künstler mit ihren Laubharken Wahnsinnsmuster auf Sandplätzen und -wegen! In Japan
ist es der Splitt (Kies lässt sich nicht wirklich in Form harken), der kunstvoll in den Gärten gerecht wird, damit so entstandene wellenartige Muster an die Bewegung von Wasser erinnern.
Apropos Japan und japanischer Gärtner! Sie kennen die alte Krimireihe Columbo, oder?
Ich erinnere gerade eine Episode, in der ein Mord nur deshalb aufgeklärt werden konnte, weil eben ein ganz speziell geharktes Muster auf dem Weg zur Zeit der Tat entweder nicht mehr oder umgekehrt bereits dort gewesen war. Auf jeden Fall höchst verräterisch und für einen Columbo alias Peter Falk natürlich unübersehbar.

Sand Art. Auf Teneriffa kennt man gelegentlich kein Halten, was Sandgemälde angeht. Dort gibt es jedes Jahr den sogenannten Sandteppich, der ist mittlerweile richtig berühmt! Wenn Sie einmal Urlaub in La Orotava machen sollten, dann können Sie sich das riesige Kunstwerk (stets 900 qm Fläche!) gleich anschauen. Vorausgesetzt, Sie sind zur richtigen Zeit vor Ort.

Entlang vieler Küsten werden bei Ebbe im Watt oder sonst im leicht feuchten Sand am Wasserrand gern mit den Fingern, mit Schaufelstielen – oder eben auch dort wieder mit Hilfe von Harken – Gemälde erstellt. Wenn es der Strand hergibt, gesellen sich noch Muscheln und Tangreste zur Gestaltung hinzu. Schon wird es ein kleines Kunstwerk, ein Hingucker.
In Strandnähe erschaffen kreative, begabte und vor allem geduldige Menschen Sandburgen und -schlösser, die fast an Neuschwanstein oder das Wasserschloss Chenonceau erinnern. Andere sind Meister im Formen von menschenähnlichen Sandskulpturen, erschaffen Nachbildungen von Wahrzeichen oder sind die Gestalter ganzer Sandlandschaften. Heute sind es die Profis, die die Erlaubnis erhalten, dort zu bauen. Der Urlauber muss sich zurückhalten, zumindest was Fallgruben und gewaltige Abschottungswälle angeht. Weil es Überhand nahm, kamen irgendwann die Verbote …
Malereien am Wasser. Wie vergänglich, denn alles, was nicht im trockenen Strandbereich liegt, muss vollendet sein, bevor Gezeitenwechsel ist und hat oft eben nur so lange Bestand, bis die nächste Flut es fortspült …

Die Bauwerke und Skulpturen der Sandspezialisten sind durch kleine Tricks etwas stabiler, sind dadurch zumindest für die Dauer einer Ausstellung zu erhalten. Doch nicht allein die Sandbauten, selbst Skulpturen aus anderen Materialien – wie Treibgut – sind nicht für die Ewigkeit tauglich. Sie überleben die gegebenen Umstände nicht lang. Schluckt sie nicht die Flut, so setzen UV-Strahlung und Witterungseinflüsse Farben und Material enorm zu. Es modert, verblasst, bricht, rostet ..  Vergängliche Kunst.

Seit einigen Jahren wird Sandmalerei noch auf eine ganz andere Art und Weise ausgeführt, und in dem Fall ist nicht das Endergebnis, sondern das kontinuierliche Beobachten, der Entwicklungsprozess, unheimlich interessant! Hier findet nämlich mehr ein Streuen und Wischen denn ein Malen statt. Die Künstler verwenden dazu unterschiedlich gefärbten Sand und verändern ihr Werk ständig. Laufend wird neu Sand hinzugefügt, vermischt, vermengt, neu arrangiert. Mit Staunen nimmt man als  Zuschauer wahr, wie sich Bilder ändern, sich neue Motive wie von Zauberhand herausbilden, sich weiter entwickeln, um durch wieder anderes abgelöst zu werden. Eine ganze Geschichte entsteht auf diese Art.
Und am Ende wird alles verwischt … Vergängliche Kunst.

Was am Meer ein Opfer der Gezeiten wird, erlebt an Land oftmals sein letztes Stündlein, sobald Regen einsetzt. 3D-Kreidezeichnungen auf Asphalt, die einem vorgaukeln, man schaue in den Abgrund und stehe vor einem Wasserfall. So reizvoll, so plastisch, so vergänglich
Apropos Kreidegemälde. Haben Sie das Geschehen vor wenigen Tagen mitbekommen, als eine Siebenjährige draußen mit Kreide malte und die Eltern daraufhin Schwierigkeiten mit dem Ordnungsamt bekamen? Ich schwitze jetzt noch nachträglich, denn offenbar haben wir vor vielen Jahren richtig Glück gehabt, dass kein Kontrolleur vorbeikam. Was haben meine Kinder (und die der Nachbarn) nicht alles auf den Asphalt des Wendeplatzes unserer Sackgasse gemalt: Läden, Gefängnisse, Krankenhäuser, Hubschrauberlandeplätze, Bushaltestellen, Schulen, Arztpraxen, Polizeistationen und selbstverständlich Straßen en masse nebst aller Verkehrsschilder …!
Wir haben geübt für das Leben da draußen! Das Verhalten im richtigen Stadtverkehr! Wie man heil zur Schule und zurück kommt! Jedes Mal hat bereits der nächste Regen die ganze Kreidewelt wieder beseitigt.
Es ist jedem klar, dass sich kein Erwachsener mit wasserfester Farbe selbst seine Privatparkplätze vor der Haustür einzeichnen darf, aber wenn ein Kind mit rosa und hellblauer Kreide ein oder zwei bestimmt nicht mit exakten Linien gezogene Rechtecke samt großem „P“ vor dem eigenen Haus malt, dann begreife ich wirklich nicht, warum dies ein Fall für das Ordnungsamt ist. Hätte nicht die Großmutter inzwischen zum Schlauch gegriffen und das Werk eliminiert, herrschte wahrscheinlich heute noch Zoff.
Es war vergängliche Kunst, verehrtes Ordnungsamt! Kinderkunst!

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch etwas zeigen, was ich bei mir in der Nähe entdeckt habe.
Weil es ebenfalls vergängliche Kunst ist.

Hamburg - Mühlenteich -1

Hamburg – Mühlenteich

Am Mühlenteich in Wandsbek gibt es seit einem Jahr eine Green-Gym-Gruppe. Das sind Hobbygärtner, die ehrenamtlich im öffentlichen Raum (Mühlenteichpark) arbeiten und dabei zusätzlich mit einem Trainer sportlich aktiv sind und gymnastische Übungen machen. Die hatten die Idee, aus Ton kleine Kunstwerke an den Bäumen im Park zu hinterlassen.

Hamburg - Vergängliche Kunst am Mühlenteich - Baumstammdekor aus Ton und Blüten ...(Gesicht)

Hamburg – Vergängliche Kunst am Mühlenteich – Baumstammdekor aus Ton und Blüten …

 

Hamburg - Vergängliche Kunst am Mühlenteich - Baumstammdekor aus Ton ...

Hamburg – Vergängliche Kunst am Mühlenteich – Baumstammdekor aus Ton …

 

Hamburg - Vergängliche Kunst am Mühlenteich - Baumstammdekor aus Ton (Gesicht, weiß)

Hamburg – Vergängliche Kunst am Mühlenteich – Baumstammdekor aus Ton

 

Hamburg - Vergängliche (Ton-)Kunst am Mühlenteich

Hamburg – Vergängliche (Ton-)Kunst am Mühlenteich

Auch hier wird Nässe bzw.  die Witterung allgemein dafür sorgen, dass bald nichts mehr davon zu sehen sein wird.

Vergänglich ist nicht allein Kunst, sondern ganz eindeutig auch Zeit. Schon wieder so spät!
Ganz schnell nur noch eines:
Wissen Sie, was man von vergänglicher Kunst annimmt?
Man sagt, es scheine so, als würde ihr empfundener Wert durch die begrenzte, zudem oftmals extrem kurze Lebensdauer noch gesteigert werden.
Ich würde sagen, da ist etwas dran. An dieser These. Das ist Psychologie. Was einem nicht sicher ist, was man nicht haben und halten kann, das scheint einem immer besonders begehrenswert.

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© by Michèle Legrand, Mai 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Wenn Betontristesse anödet … ist es Zeit für Kunst an Säulen und Trägern!

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Kunst auf Beton (Im Hintergrund eine Szene aus der Antike)

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Kunst auf Beton (Im Hintergrund eine Szene aus der Antike)

Wie sah denn das Schulgebäude aus, in dem Sie Ihre Schulzeit verbracht haben? War es ein stilvoller und altehrwürdiger Bau? Aus gebrannten roten Ziegeln, mit weißen, hölzernen Sprossenfenstern? Ein ansprechendes Haus mit geschwungenem Giebel und kleinen Erkern?
Ach, nicht?
Eher schlicht, in einem blassen, leicht faden Farbton verklinkert oder verputzt, mit Tür- und Fensterrahmen aus Kunststoff und einen mehr nüchternen und kantigen Gesamteindruck hinterlassend?
Auch nicht?
Sagen Sie nicht, Sie hockten täglich in einem grauen, unpersönlich-lieblosen Betonklops!

Meine Grundschule lag idyllisch. Drei ältere, einstöckige, in U-Form und aus rotem Backstein erbaute Hausflügel, ein dadurch entstandener geschützter Innenhof und das Gelände selbst an einem Waldstück gelegen und von hohen Bäumen umsäumt. Nur die viel später errichtete Turnhalle passte im Stil überhaupt nicht dazu.
Das Gymnasium meiner Schulzeit hingegen wurde in den 70er Jahren neu errichtet. Die geburtenreichen Jahrgänge der 60er Jahre mit stark ansteigenden Schülerzahlen erforderten zusätzliche große Schulzentren, die häufig irgendwo am Ortsrand mitten aufs Feld gestellt wurden. Der Bebauungsplan wandelte dazu erstaunlich flott früheres Ackerland in Bauland um. Von allgemeinem Interesse hieß das Zauberwort, welches den Weg so rasant ebnete. In einer nächtlichen Kreisratssitzung wurden noch die leichte Streckenänderung der bestehenden Buslinie sowie die Errichtung einer zusätzlichen Haltestelle beschlossen. Fertig war die Chose.
Der Einfachheit halber und weil es seinerzeit gerade en vogue war, entschied man sich für einen Betonkasten, baute ihn nicht zu hoch, variierte das Ganze mit einem Bodenbelag aus Waschbetonplatten (außen) und dunklem Schiefergestein (innen) und versuchte, durch leicht getöntes Fensterglas ein bisschen Farbe ins Spiel zu bringen. Ansonsten vertrat man die Meinung:
Leute, ganz ruhig, das wächst sich schon ein! Außerdem hängen ja die Hälfte des Jahres irgendwelche saisonalen Schülerbasteleien zur Aufheiterung an den Fenstern.
Wunschdenken, Beruhigungstaktik – und eben eine andere Zeit!
Im Innern sah es im Vergleich dazu wirklich gut aus. Helle und freundliche Klassenzimmer, modern ausgestattete Fachräume für die verschiedenen Naturkundefächer etc.

So weit, so gut. Nur, Sie kennen das: Am Anfang kommt Beton noch in einem recht freundlichen hellen Grau daher, doch bereits nach relativ kurzer Zeit wirkt alles schmutzig, trist und schäbig, sofern dem Gebäude nicht bald ein Farbanstrich gegönnt wird. Und auch danach immer einmal wieder …

Ich fühlte mich ein wenig daran erinnert, als ich einen Teil der Weihnachtsfeiertage in der Nähe von Karlsruhe, in Rheinstetten-Mörsch, weilte. Auch dort befindet sich ein großes, größtenteils aus Beton erstelltes und mittlerweile 40 Jahre altes Schulzentrum. Heute hat man bei der Planung ganz andere Vorstellungen, doch in seiner Entstehungszeit galt es wohl als ziemlich modern, vielleicht sogar als vorbildlich.
Es vereint Realschule und Gymnasium. Obendrein entstanden nebenan die „Keltenhalle“ als Sporthalle und gleichzeitig als Veranstaltungsort sowie ein Spielplatz.
Man sieht heute beim Herumstreifen, dass versucht wurde, das Schulgelände an zahlreichen Stellen freundlich und abwechslungsreich zu gestalten und liegt bestimmt nicht falsch in der Annahme, dass Schüler viel bei der Planung und Gestaltung des Außengeländes einbezogen wurden, bzw. bei vielen Dingen direkt beteiligt waren und selbst Hand anlegen durften. Dadurch wandelte sich der Charakter merklich von völlig unpersönlich zu speziell, unverkennbar.
Die offenbar im Zuge von Projekten durchgeführten Verschönerungsaktionen sorgen dafür, dass bei genauerer Betrachtung der Besonderheiten die Betontristesse mehr und mehr in den Hintergrund rückt.

Auf einem längeren Stück des Gehwegs entstand durch aufgemalte weiße Sterne eine Art  Walk of Fame, man sieht im Eingangsbereich zur Straße hin am Boden großformatige, weiß aufgezeichnete Strukturformeln aus der Chemie und ein, zwei bunt gestaltete kleine Pyramiden stechen hervor, die sicher bei einem Umweltprojekt (Störche, Natur) entstanden sind. Auch ein gemeinsam angelegter Arzneimittelgarten („Hortulus“) nach dem Vorbild des Heilkräutergartens des Namensgebers des Gymnasiums, Walahfrid Strabo, ist zu finden. Walahfrid ist schon länger nicht mehr unter uns. Er lebte im 9. Jahrhundert und sein Beiname Strabo (lat.) bedeutet übrigens „der Schielende“.
An einer Fassade des Schulgebäudes wurden diverse Nistmöglichkeiten für unterschiedliche Vogelarten befestigt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Wohnungen für diverse fliegende Gäste ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Wohnungen für diverse fliegende Gäste …

Zwischen zwei Gebäudetrakten befindet sich ein teilweise glasüberdachter Raum. Eine Art Aufenthaltsfläche im Innenhof mit  Verbindungsgängen, die von A nach B Eilende durch ihre Glasüberdachung vor widrigen Wettereinflüssen schützen. Die vorhandenen, bogenförmigen Glasaufsätze sind mancherorts blind, die Dachkonstruktion wird von zahlreichen Trägern gehalten, bzw. Betonsäulen gestützt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Überdachung als geschützte Verbindung zwischen zwei Gebäudetrakten. Beton, Beton, nochmal Beton - allerdings ... Moment!

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Überdachung als geschützte Verbindung zwischen zwei Gebäudetrakten. Beton, Beton, nochmal Beton – allerdings … Moment!

Was wäre es trist und langweilig, hätte hier ausschließlich der Beton das Sagen!
Stattdessen sind alle Träger und Pfosten sowohl von vorne als auch von hinten mit Motiven der unterschiedlichsten Art kunstvoll verziert.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Ein Blick aus der anderen Richtung zeigt, die Trägersäulen sind beiseitig  gestaltet

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Ein Blick aus der anderen Richtung zeigt, die Trägersäulen sind beiseitig gestaltet

Es spiegeln sich verschiedene Epochen, Themen und Begebenheiten wider. Es geht um Geschichte, um Religion, um Forschung, Umwelt bzw. Umweltverschmutzung, Krieg und Kriegsgefahr, Bevölkerungsdichte, Unterdrückung und vieles mehr. Trotz der mehrheitlich ernsten Themen ist es den jungen Künstlern gelungen, gleichzeitig eine kritische, aber auch sehr farbenprächtige Darstellung ihrer Aussagen zu schaffen und ihr Anliegen sehr kreativ umzusetzen.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Es lohnt sich, die Säulen ein wenig näher zu betrachten ... Rakete SATURN

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Es lohnt sich, die Säulen ein wenig näher zu betrachten … Rakete SATURN

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Die Bevölkerungsentwicklung auf der Welt ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Die Bevölkerungsentwicklung auf der Welt …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Physiker, Wissenschaftler, Forscher ... auch Einstein ist dabei.

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Physiker, Wissenschaftler, Forscher … auch Einstein ist dabei.

Es waren Weihnachtsferien, so konnte ich niemanden fragen, welche Absichten und Ideen sich exakt hinter jedem einzelnen Kunstwerk verbergen, was sie alles aussagen sollen, doch auf diese Art konnte ich sie mir unbefangen anschauen und mir meine eigenen Gedanken machen. Eigentlich hatte ich mich nur für ein paar Minuten zum Beine vertreten und Luft schnappen absetzen wollen. Es wurde dann doch etwas länger, und lediglich der kritische Blick zur Uhr und ein terminlich feststehendes Familienvorhaben beendeten den Besuch. Man hätte noch länger schauen können …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Moderne Zeiten:  große Städte, Atom-/Kernkraft, Ölplattformen, Pipelines ... und Umweltverschmutzung!

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Moderne Zeiten: große Städte, Atom-/Kernkraft, Ölplattformen, Pipelines … und Umweltverschmutzung!

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Es geht in Wüstengegenden ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Es geht in Wüstengegenden …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Waffen, Sprengstoff, Raketen ... ein dritter Weltkrieg?

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Waffen, Sprengstoff, Raketen … ein dritter Weltkrieg?

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Symbole  und Begriffe aus dem Maya-Kalender ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Symbole und Begriffe aus dem Maya-Kalender …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Unterdrückung, Ausbeutung, Ausnutzung. Es geht um Sklaven, Eingeborene, Ureinwohner, die für den Profit ausgequetscht werden ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Unterdrückung, Ausbeutung, Ausnutzung. Es geht um Sklaven, Eingeborene, Ureinwohner, die für den Profit ausgequetscht werden …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Schlechte Aussichten für unsere Welt ...?

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Schlechte Aussichten für unsere Welt …?

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Auch religiöse Motive wurden ausgewählt ... Ego sum lux mundi - Die Verkündigung Jesus Christus' "Ich bin das Licht der Welt..."

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Auch religiöse Motive wurden ausgewählt … Ego sum lux mundi – Die Verkündigung Jesus Christus‘ „Ich bin das Licht der Welt …“

Auch an mancher Wand entstanden bunte Betontristesse-Beseitiger. Ein Graffiti gibt es …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch mit Keltenhalle - Graffiti

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch mit Keltenhalle – Graffiti

… und schauen Sie hier, der Abiturjahrgang 2009 hat sich mit 13 Jahren Rotstiftmilieu verewigt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - So wird die Wand auch bunt:  Abitur 2009 - Das Ende von 13 Jahren Rotstiftmilieu ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – So wird die Wand auch bunt: Abitur 2009 – Das Ende von 13 Jahren Rotstiftmilieu …

Bei Dämmerung sieht alles wieder ganz anders und gar nicht grau aus …

Rheinstetten bei Karlsruhe - Auch der Abendhimmel und Straßenleuchten "verschönern" den Anblick des sonst so grauen Betons ... ...

Rheinstetten bei Karlsruhe – Auch der Abendhimmel und Straßenleuchten „verschönern“ den Anblick des sonst so grauen Betons … …

Es hat sich vor etwa drei Jahren herausgestellt, dass das gesamte Gebäude, besonders aber die Außenwände, sehr marode sind. Sicher hat man in den Jahrzehnten hier und da immer wieder ausgebessert, teilsaniert und obendrein Solarzellen auf das Dach montiert! Das sparte Energie ein, half aber nicht gegen diverse Schäden anderer Art.
Die Debatte um die Zukunft des Schulzentrums wurde eine Zeit lang recht erhitzt geführt, denn es gab Befürworter eines kompletten Abrisses und ebenso Anhänger einer Totalsanierung. Letztendlich fiel die Entscheidung zugunsten der Sanierung, die in absehbarer Zeit beginnen wird.
Ich frage mich nun, ob die anstehende Arbeiten das Aus für diese Säulen und das Ende der Kunstwerke bedeutet. Kann man sie erhalten? Rost dringt an einigen Stellen aus den Eisenträgern durch den Beton …

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Achten Sie auf die Träger hinten ... schwer rostig das Ganze.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Achten Sie auf die Träger hinten … schwer rostig das Ganze.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Sobald der Blick sich nicht allein auf die Säulen richtet, entdeckt man den mitgenommenen Zustand des Gebäudes ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Sobald der Blick sich nicht allein auf die Säulen richtet, entdeckt man den mitgenommenen Zustand des Gebäudes …

Es wäre ziemlich schade, diese ideenreichen und gelungenen Hinterlassenschaften von Schülern, evtl. ganzen Schülergenerationen, zu verlieren. Immerhin bleiben sie in Bildform erhalten – und ich werde mir bei einem meiner nächsten Besuche anschauen, was aus ihnen geworden ist.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Pyramide - Diese eine Foto ist bereits im Winter 2011 entstanden und man erkennt auch dort bereits im Hintergrund den etwas desolaten Zustand des Gemäuers.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Pyramide – Diese eine Foto ist bereits im Winter 2011 entstanden und man erkennt auch dort bereits im Hintergrund den etwas desolaten Zustand des Gemäuers.

Wenn Sie trotz der Malereien im Moment das Gefühl haben sollten, Sie hätten dennoch zu viel Restgrau gesehen, dann kommen Sie kurz mit um die Ecke. Ich muss Ihnen noch einmal die mit Misteln bewachsenen Bäume von Rheinstetten zeigen!
Mich fasziniert der Anblick! Gerade in der Dämmerung …

Rheinstetten bei Karlsruhe - Misteln in den Bäumen ...

Rheinstetten bei Karlsruhe – Misteln in den Bäumen …

Ich hätte z. B. gern ein solches Motiv als Fassadenmalerei auf einer der tristen Betonwände, die natürlich auch in Hamburg und in meiner Nähe existieren. Vielleicht bringt ein Vorschlag oder eine entsprechende Eingabe an geeigneter Stelle etwas in diesem Fall? Versuchen könnte man es ja …
An privaten Gebäuden und dort z. B. auch an langweiligen Garagentoren, wird inzwischen schon häufiger der Phantasie freien Lauf gelassen. Originelle, ungewöhnliche und oft wunderschöne Kunstwerke können Sie mit etwas Glück entdecken! Landschaften, Flugzeuge, Meeresszenen, Tiere, Menschen …Optische Täuschungen!
An nicht-privaten Verteilerkästen fallen mir lokal begrenzt ebenfalls vermehrt Malereien auf, teilweise mit konkretem Ortsbezug. Warum nicht mehr dieser Art – gezielt im öffentlichen Raum – bevor lediglich reizlose Tags von Graffiti-Sprayern (ich meine nicht die wirklich künstlerisch Tätigen) die Wände erobern. Gelegentlich sollen solche Werke es sogar verhindern können, dass unansehnliche Sprayerwerke entstehen. Schon Bemaltes ist als Nutzfläche uninteressant.

Schluss für heute! Danke schön fürs Vorbeischauen!
In einigen Tagen geht es im Blog weiter mit den Bahnfahrterkenntnissen (2).
Und wem ich es bisher noch nicht direkt gesagt habe, dem wünsche ich an dieser Stelle ein frohes und gesundes Neues Jahr! Alles Gute für Sie!

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

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