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Lärm im Städtchen: Verdens Radaubrüder von der Krähenkolonie

Mich führte kürzlich mein Weg nach Verden an der Aller, einem Städtchen mit knapp 27.000 Einwohnern, südöstlich von Bremen gelegen, dort wo die Aller schon fast in die Weser mündet (ganz grob zur Orientierung). Ein beschauliches Plätzchen, gepflegt, dessen Stadtkern recht ruhig ist, wozu sicher auch die breit angelegte Fußgängerzone einen Teil beiträgt. Links und rechts des Flanierbereichs hübsche, eher kleine, zumeist aufwändig restaurierte ältere Bauten in unterschiedlichen Farben, aus unterschiedlichen Materialien und mit Giebeln in von einander abweichenden Formen und Größen.

Verden an der Aller - März 2014 - Fußgängerzone (Große Straße)

Verden an der Aller – März 2014 – Fußgängerzone (Große Straße)

Die Nebengassen schmal, auch dort stehen sie, die betagten Häuser – manchmal vor- oder zur Seite geneigt.

Verden an der Aller - März 2014 - Seitengasse - Manch altes Fachwerkhaus lehnt sicht schon ein wenig nach vorne ...

Verden an der Aller – März 2014 – Seitengasse – Manch altes Fachwerkhaus lehnt sicht schon ein wenig nach vorne …

Bevor Sie, mit dem Auto kommend, den Altstadtbereich erreichen, ist zurzeit ein bisschen Baustelle zu meistern. Ein neuer Kreisel ist noch nicht ganz vollendet und auch der Verkehr über die Aller wird provisorisch und mittels Baustellenampel einspurig im Wechsel über eine Brücke geleitet.
Vertrauen Sie Ihrem Navigationsassistenten?
Meine vermeintlich allwissende und häufig viel zu viel plappernde Ansagelady ist immer ziemlich irritiert angesichts plötzlich neu entstandener Kreisel, die man ihr hinterhältig verheimlicht hat. Ihre Unwissenheit gibt sie aber nicht zu! Statt dass sie lieber gar nichts sagt, behauptet sie steif und fest: „Hier rechts abbiegen!“. Weiß ich, dass ich grundsätzlich demnächst nach rechts muss, komme ich – nun ebenfalls leicht verunsichert – Ihrer Aufforderung natürlich pflichtschuldigst nach. Die nächste Ausfahrt des Kreisels ist meine.
Und sie?
Sie hüstelt kurz danach, fordert schroff: „Bitte wenden!“ Oder alternativ ertönt: „Neuberechnung.“ Was mir sagt, dass wir nicht so recht harmonieren.
Und wissen Sie was?
Das stört mich auch bei Menschen. Wenn sie absolut keine Ahnung haben, jedoch wissend tun und dadurch den größten Mist verzapfen. Aber man gibt sich ja nicht gern die Blöße …

Verden an der Aller - St. Johanniskirche (um 1150 erbaut)

Verden an der Aller – St. Johanniskirche (um 1150 erbaut)

Doch zurück zu Verden, der Reiterstadt. Wer sich immer noch fragt, ob Verden nun wegen der Rösser so heißt und ob es jemanden gab, der bei der Stadtbenennung eine neue Rechtschreibung einführte – nein, es hat mit dem Wort Pferd nichts zu tun. Es leitet sich eher von Furt oder Fähre ab.
Es gibt einiges, was bei einem Erkundungsspaziergang daran erinnert, dass Pferde hier eine große Rolle spielen. Beispielsweise sind in einem bestimmten Straßenbereich im Boden ganz geballt Hufeisen eingelassen („500 Hufeisen“ mit eingravierten Namen berühmter Pferdesportler). Man sieht hier und dort Pferdemotive (an Fahrradständern), Pferdesilhouetten und -skulpturen. Verden hat sein eigenes Pferdemuseum, und natürlich finden während des Jahres immer wieder Pferdeauktionen, Turniere, Rennen oder ein Festival zu diesem Thema statt.

Verden an der Aller - März 2014 - Das Thema Pferd ist präsent. Auch schön: Vor Rossmann die Rösser ...

Verden an der Aller – März 2014 – Das Thema Pferd ist präsent. Auch schön: Vor Rossmann die Rösser …

Solange diese oder auch Feste wie die Verdener Domweih, die Domfestspiele, die Jazz- und Bluestage o. ä. nicht gerade stattfinden, ist Verden allerdings ruhig.

Verden an der Aller - März 2014 - Ein Stückchen vom Dom St. Maria und Cäcilia (1490 fertiggestellt, aber bereits 1290 begonnen. Ein Päuschen von 150 Jahren erklärt die Dauer.)

Verden an der Aller – März 2014 – Ein Stückchen vom Dom St. Maria und Cäcilia (1490 fertiggestellt, aber bereits 1290 begonnen. Ein Päuschen von 150 Jahren erklärt die Dauer.)

Verden an der Aller - März 2014 - Einblick in den Dom St. Maria und Cäcilia

Verden an der Aller – März 2014 – Einblick in den Dom St. Maria und Cäcilia

Verden an der Aller - März 2014 -  Dom St. Maria und Cäcilia - Das Fenster im Altarraum

Verden an der Aller – März 2014 – Dom St. Maria und Cäcilia – Das Fenster im Altarraum

Verden an der Aller - März 2014 -  Dom St. Maria und Cäcilia - Es heißt der Seeräuber Claus Störtebeker habe zur Abbüßung seiner sieben Todsünden sieben Fenster für den Dom gestiftet ... (Den Kopf musste er trotzdem lassen).

Verden an der Aller – März 2014 – Dom St. Maria und Cäcilia – Es heißt der Seeräuber Claus Störtebeker habe zur Abbüßung seiner sieben Todsünden sieben Fenster für den Dom gestiftet … (Den Kopf musste er trotzdem lassen).

Auf dem Domvorplatz herrscht Stille …

Verden an der Aller - März 2014 - Gegenlicht beim Halt auf dem Domvorplatz - Verden per Pferdefuhrwerk erkunden ...

Verden an der Aller – März 2014 – Gegenlicht beim Halt auf dem Domvorplatz – Verden per Pferdefuhrwerk erkunden …

… wie auch am Rathaus

Verden an der Aller - März 2014 - Das Rathaus - Links dahinter ist die St. Johanniskirche noch zu erkennen

Verden an der Aller – März 2014 – Das Rathaus – Links dahinter ist die St. Johanniskirche noch zu erkennen

… und in den Seitengassen ebenso.

Verden an der Aller - März 2014 - Wenn Sie direkt von vorn auf den Giebel schauen, neigt er sich enorm nach rechts und die Fenster in der Efeuummantelung sind kaum erkennbar.

Verden an der Aller – März 2014 – Wenn Sie direkt von vorn auf den Giebel schauen, neigt er sich enorm nach rechts und die Fenster in der Efeuummantelung sind kaum erkennbar.

Nur wenn Sie weiter zum Flussufer spazieren und sich Richtung Mündung bewegen, dann geht der Radau los!
Sobald Sie den Uferparkplatz nahe der Straße Blumenwisch erreicht haben, sehen Sie auch, wer für die Lärmerei verantwortlich ist. In einer hochgewachsenen Platane hat sich eine Krähenkolonie gebildet. Eine große Anzahl von Nestern mit mehreren brutwilligen Pärchen findet sich unter dieser Adresse, und ständig sind Bewohner des Baumes am motzen und palavern. Das Krächzen ist durchdringend und es scheint, jede Saatkrähe hat den Ehrgeiz, die andere zu übertönen.
Unter dem Baum entlang zu gehen wäre wesentlich sicherer bzw. trockener, wenn Sie einen aufgespannten Regenschirm mit sich führten. Die Gehwegplatten sind dicht an dicht bekleckert mit den Hinterlassenschaften der schwarzen Baumbesetzer. Offenbar tropft es mehr oder weniger ständig von oben.

Verden an der Aller - März 2014 - Platane mit Krähenkolonie an der Straße Blumenwisch

Verden an der Aller – März 2014 – Platane mit Krähenkolonie an der Straße Blumenwisch

Wir haben März. Mitte Februar ziehen die Krähen üblicherweise ein. Bauen die Nester, gründen die Kolonie und kehren dabei mit Vorliebe an die Orte des Vorjahres zurück. Mit jedem neuen Jahr werden es gern mehr Nester. Die WG spricht sich in Krähenkreisen herum und lockt Nachzügler an. Es wird gebrütet, und nach dem Schlüpfen schreien zusätzlich zu den gefühlt ständig erregten Eltern zahlreiche hungrige Jungvögel lauthals nach Futter.
Rechnen Sie doch bitte einmal mit: Zurzeit sind etwa acht Nester zu erkennen. Mit jeweils einem Paar belegt, ergibt das bereits 16 Krächzer. Ab etwa Mitte Mai bis Anfang Juni verlassen die Jungvögel das Nest, was aber nicht heißt, dass zu diesem Zeitpunkt immer Schluss mit der Aufzucht oder Ruhe ist. Oft gibt es noch bis in den Juli hinein Bruten. Rechnen wir pro Gelege nur drei Jungvögel dazu, sind wir bei insgesamt bei 40 lärmenden Gesellen!
In einem einzigen Baum!
Sobald die Jungvögel soweit gereift sind, dass sie die ersten Flugversuche unternehmen, wird es hin und wieder heikel. Die Kleinen hüpfen zwischendurch durchaus auch auf dem Boden oder pausieren bodennah, währenddessen die Vogeleltern argwöhnisch die Umgebung beäugen. Sie sind erbost über nahende menschliche Wesen, welche sie als Gefahr für ihre Nachkommenschaft ansehen. So gab es vielerorts schon etwas unliebsame Zusammenstöße, Spaziergänger fühlten sich ernsthaft bedroht oder wurden sogar aus heiterem Himmel von Krähen angegriffen. Völlig verblüfft, denn sie selbst hatten gar nicht bemerkt, dass irgendwo ein Jungvogel in ihrer Nähe im Gebüsch hockte.

Verden an der Aller - ... nicht viel Abstand zwischen den Nestern der Saatkrähen.

Verden an der Aller – … nicht viel Abstand zwischen den Nestern der Saatkrähen.

Gut nachvollziehbar, dass eine solche Krähenkolonie im Wohngebiet mit Attacken wie im Hitchcock-Film den Anwohnern nicht behagt und ihnen sowie jeglichen Passanten obendrein geräuschmäßig ziemlich auf den Geist geht. Vogelgesang ist etwas anderes.
Die Tiere sind allerdings geschützt. An ihre Gelege darf man auch nicht, umsiedeln kommt so ohne Weiteres ebenfalls nicht in Frage. So wird häufig versucht, von vornherein zu verhindern, dass sich das Vogelvieh im Februar wieder im selben Baum niederlässt. Man sägt die Äste aus, auf oder in denen sich Nester befanden, was die schwarzen Heinis allerdings nicht wirklich stört – nisten sie halt auf dem Nachbarast! Auf diese Weise entstehen mancherorts durch wiederholte, recht radikale Verzweiflungsaussägearbeiten ziemlich verstümmelte Bäume.
Potthässlich!
Das Schlimmste oder Ärgerlichste ist, die Krone ist völlig verunstaltet, doch aus luftiger Höhe krächzt weiter höhnisch die schwarze Meute.
Manche geplagten Anrainer kommen auf die Idee zu schießen. Mit Platzpatronen. Es geht nur um den Lärm und die Abschreckung. Das wiederum nervt nicht nur – wie angepeilt – die Krähen, sondern insbesondere auch die Nachbarn. Der Nachbar bockt und das Verhältnis leidet langfristig, die Krähe hingegen gewöhnt sich bald an das neue Geräusch, plustert sich kurz, krächzt entrüstet gegenan und – zack! – baut schon wieder ein Nest in ihrem Lieblingsbaum! Genauso wie Krähe zwei und drei. Immer nach dem Kolonienmotto: Zusammen sind wir stark!

Verden an der Aller - Die Radaubrüder der Krähenkolonie

Verden an der Aller – Die Radaubrüder der Krähenkolonie

Radaubrüder. Brüder und Schwestern natürlich. Ein Naturschützer sagte einmal, die Krähen hätten gar keine andere Möglichkeit, als sich in den dörflich-städtischen Bereich zurückzuziehen. Man hätte so viele Bäume in der Feldmark entfernt, dort seien kaum noch Nistgelegenheiten.
Also neue Bäume pflanzen … Auf Bauers Feld?
Das liefert – wenn überhaupt – allenfalls langfristig gesehen wieder einen Ersatz für die Verdener Krähen.
Nur was macht man auf die Schnelle?
Falls Sie eine humane, möglicherweise auch originelle Idee haben, wie die Kolonie überzeugt werden kann, sich zu verkrümeln, melden Sie sich gern in Verden. Man ist Ihnen sicher dankbar für jeden erfolgversprechenden Tipp.

Ansonsten lohnt es sich, dem Städtchen einen Besuch abzustatten und wenn Sie beim Nachmittagsrundgang Appetit (Gelüste!) verspüren, dann kehren Sie unbedingt im Café Erasmie ein, das sich etwa in der Mitte der Fußgängerzone (Große Straße 102) befindet. Dort gibt es sehr ungewöhnliche Torten und Kuchen. Wirklich außergewöhnliche Rezepturen und Kompositionen. Und die schmecken sagenhaft! Man hat schon Preise dafür abgestaubt – verdientermaßen!

Verden an der Aller -  Hübsche Fachwerkbauten auch in der Ritterstraße ...

Verden an der Aller – Hübsche Fachwerkbauten auch in der Ritterstraße …

Verden an der Aller - März 2014 - Angezogener Felsen am Domvorplatz. Kein Urban Knitting, aber Urban Crochet (gehäkelt statt gestrickt)

Verden an der Aller – März 2014 – Angezogener Felsen am Domvorplatz. Kein Urban Knitting, aber Urban Crochet (gehäkelt statt gestrickt)

Ich möchte Sie auch gern ermuntern, von Ihrem eventuell erfolgten oder auch erst zukünftigen Besuch in Verden zu erzählen. Hier in den Kommentaren!
Tortenempfehlungen, Krähenvergrämungsvorschläge, Ausflugstipps u. v. m. nehme ich sehr gern entgegen.

©März 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

 

 

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