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„Ich zahl’!“ – „Nein, ich!“ – Das anstrengende Leben eines Kellners

Wissen Sie, mitten im Alltag spielen sich manchmal seltsame Szenen ab.
Vor Ihren Augen!
Sie können es nicht ignorieren, und Sie kommen gar nicht umhin, in irgendeiner Form darauf zu reagieren, Anteil zu nehmen. Plötzlich ist der Moment da: In Ihnen kriecht ein gewisses Mitgefühl hoch. Für Menschen.
Oh, nicht für alle!
Nein, nur für diejenigen, die anderer Leute Gedöns ausbaden oder – zumindest kurzzeitig – ertragen und dulden müssen. Und denen es leider ihrerseits nicht immer möglich ist, so zu reagieren und zu kontern, wie sie es gerne würden …
Ein Beispiel vom Freitag:
Michèle. Gedanken(sprünge) - 06. Mai 2013 - Blog - Geschichte

Die beiden Frauen – etwa Anfang dreißig – sitzen bislang einträchtig beisammen und während sie relativ laut miteinander plaudern, löffeln sie genussvoll ihr Eis. Der Kinderwagen ist direkt neben dem Tisch abgestellt und das Baby, das in ihm liegt, beginnt netterweise erst in dem Augenblick mit seinem Gebrüll, als der Fruchtbecher der einen, der brünetten jungen Frau (offenbar seine Mutter) komplett geleert ist.
Beide, auch die auffällig hellblonde Freundin, richten ihre Aufmerksamkeit auf den Säugling.
Das noch recht „neue“, winzige, aber dafür schon ziemlich Rabatz veranstaltende Baby, wird aus seinem Gefährt gehoben. Es hört fast augenblicklich auf zu weinen und schmatzt nun trocken vor sich hin.
Ganz eindeutig: Es hat Hunger! Und zwar jetzt!
„Willst du hier …?“, fragt die Freundin skeptisch.
Es geht ums Stillen.
„Ja, klar, er lässt sich doch jetzt nicht mehr hinhalten!“
„Er“ sieht das auch so.
Das Baby sucht bereits intensiv nach der Nahrungsquelle und nimmt vorerst mit dem nackten Oberarm seiner Mutter vorlieb – wohl, weil er ihn gerade zufällig vor der Nase hat. Es wirkt, als würde er gierig hineinbeißen, zumindest irgendwie andocken und gleich darauf dringen Sauggeräusche herüber. Das Gesicht verzieht sich, als der Kleine merkt, dass Arm eben nicht Brust ist und es mit der Milch nicht klappt. Augenblicklich wird die Sirene wieder angestellt.
Inzwischen ist jedoch alles vorbereitet. Er wird in die richtige Richtung gelenkt, es kann losgehen.

Der Freundin ist es weiterhin ein bisschen unwohl. Sie schaut sich um, ob jemand vom Stillen Notiz nimmt. Oder daran Anstoß nimmt!
Warum sollte das jemand tun? Zumindest hier, in diesem Fall. Man sieht doch nichts!
Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen …
Es dauert weitere zwei Minuten, bis sie sich merklich entspannt und die unterbrochene Unterhaltung wieder aufgenommen wird – solange, bis ihr nach nur drei Sätzen einfällt:
„Willst du nicht ein Glas Wasser dazu?“
„Ne, lass man …“, erwidert die Stillende.
„Warum denn nicht? Das kriegst du hier umsonst. Leitungswasser, meine ich.“
„Nein, nein, ich trink später etwas …“
Kurze Pause.
„Ich kann den Kellner wirklich fragen …!“
„Nein! Nicht nötig. Ich sagte doch: ich möchte nicht!“
Sie hat die Stimme etwas erhoben. Das Baby ist irritiert und hört auf zu saugen.
„Dann eben nicht!“
Die Blonde wirkt leicht beleidigt. „Ich dachte ja nur …“
Eine kurze, unangenehme Pause tritt ein. Man sortiert sich.
Ein neuer Anfang.
„Ich glaube, ich trinke aber noch einen Espresso“, verkündet die Freundin.
„Ja, mach doch“, sagt die Brünette beim Stillen, „das dauert hier eh noch ein Weilchen.“

Es wird dem Kellner gewunken. Er nähert sich, lächelt, möchte wissen:
„Hat es Ihnen geschmeckt? Darf es noch etwas sein?“
Sie geht jedoch auf seine erste Erkundigung nicht ein, sondern ordert nur den Espresso und mit besorgten Blick Richtung Mama und Baby folgt die Frage aller Fragen:
„Willst du nicht doch ein Wasser?“
Die junge Mutter schüttelt energisch den Kopf.
Ihre Freundin wendet sich wieder dem Kellner zu.
„Ein zusätzliches Glas Wasser, bitte. Leitungswasser.“
Der Kellner ist verwirrt, denn Kopf von links nach rechts bewegen, heißt bei ihm nein. Er hakt folglich nach:
„Möchten Sie selbst zum Espresso ein Glas Wasser?“
„Nein, das ist für meine Freundin.“
„Aber ich will doch gar nicht …!“, braust diese auf.
Der Kellner verzichtet auf die Fortsetzung der Unterhaltung und geht. Bringt kurz darauf mit dem Espresso vorsichtshalber doch ein Glas Wasser. Sein Blick ist betont nichtssagend. Er stellt das Glas genau in die Mitte zwischen die beiden.

Die Stimmung ist etwas abgekühlt. Das Gespräch will nicht mehr so recht in Gang kommen.
Während für das Baby Seitenwechsel ansteht und es an der anderen Brust angelegt wird, ist die Brünette dabei einen Moment abgelenkt. Die Blonde schiebt das Glas unauffällig näher zu ihr hin. Unbewusst greift die Freundin kurze Zeit später danach. Trinkt gedankenverloren einen kleinen Schluck.
„Siehst du!“, erklingt es triumphierend, „wusste ich’s doch, dass du eigentlich Durst hast! Ist auch besser – beim Stillen soll man trinken!“
„Stillst du oder still ich? Außerdem habe ich vorher genug getrunken!“
Nun geht es eine Weile ziemlich laut um die nötige Menge Flüssigkeit, die man zu sich nehmen sollte. Überhaupt und im speziellen Fall.

Der Kellner hat ihre Plätze im Auge. Die Leute an den Nachbartischen fühlen sich bereits leicht gestört.
Die Blonde ist der unumstößlichen Ansicht, dass die Freundin garantiert zu wenig getrunken hat. Die Diskussion geht weiter. Es folgt der Vorwurf an die junge Mama, dass sie unvernünftig wäre. Und undankbar. Sie, die Freundin, würde sich ja schließlich nur um sie sorgen.
„Das lass mal meine Sorge sein“, lautet die genervte Erwiderung. „Und ich will sowieso nicht dieses abgestandene Wasser, das hier vielleicht schon ewig offen in der Karaffe herumsteht. Nachher hat das Keime!“
„Das hat doch keine Keime!“
„Woher willst du das denn wissen? Ich WILL das Wasser nicht!“
„Sag das doch gleich!“, blafft die Blonde.
Die junge Mama ist einen Moment sprachlos.
Dunkle, drohende Wolken sind aufgezogen und hängen gerade tief über den Freundinnen. Es herrscht weiterhin gefährliche Stille, in die nur das Baby sorglos hineinschmatzt.

Fünf Minuten vergehen. Der Kleine ist nun satt, der Espresso mittlerweile ausgetrunken.
Das Glas Wasser rührt keiner mehr an. Aus Prinzip.
Es herrscht Aufbruchstimmung.
„Wir möchten zahlen!“, klingt die Stimme der Brünetten durch den Raum.
Der Kellner nickt – fast erleichtert – aus der Entfernung und trägt zunächst noch Bestellungen aus – schon vorbereitete Eisbecher, deren Inhalt sonst schmelzen würde. Seine Erleichterung kam leider eindeutig zu früh.
Es entsteht gerade eine gewisse Hektik am Tisch. Beide nesteln nach ihren Portemonnaies. Sie, mit dem Baby noch auf dem Arm, hat es einhändig eindeutig schwerer. Beide holen Geld hervor. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich, denn hier bezahlt häufig jeder für sich.
Der Ober ist eingetroffen und stellt die wichtige Frage:
„Zusammen oder getrennt?“
„Zusammen!“ Einstimmig ertönt dieses Wort aus den Kehlen der beiden Damen.
„14,30 Euro bekomme ich dann bitte von Ihnen!“
Zwei Hände werden ihm forsch entgegengereckt. Die Brünette und die Blonde fuchteln beide mit je einem 20-Euro-Schein vor seiner Nase herum.
„Ich zahl’!“
„Nein, ich!“
Die junge Mutter ist erbost. „Ich bin dran!“
Die blonde Freundin kontert resolut: „Kommt überhaupt nicht in Frage! Diesmal zahle ich!“

Wir erleben eine hitzige Debatte, das Revue passieren lassen diverser vorangegangener Cafébesuche, die mühsame Aufzählung wer wann bezahlt hat. Es ist ein leider vergeblicher Versuch, den aktuellen Zahlwunsch zu rechtfertigen – geschweige denn zu klären! Keine will nachgeben oder einsehen, dass – gehen wir vom Gerechtigkeitsprinzip aus – vielleicht tatsächlich die andere heute dran sein könnte.
Zwischendurch entsteht leichtes Geschubse, immer dann, wenn eine ihre Hand mit dem Geldschein wieder zwei Zentimeter näher beim Kellner platziert hat. Der Vorteil muss selbstverständlich sofort ausgeglichen werden.
Dem Kellner ist unbehaglich. Er weicht leicht zurück.
Das anfängliche Gezischel ums Bezahlen  ist mittlerweile wieder übergegangen in lautstarkes Meckern. Das Baby reagiert auf die gereizte Situation. War es eben noch satt, entspannt und angenehm ermüdet – so ist es jetzt alarmiert und stimmt  Geheul an, das schnell an Intensität zunimmt.
Die junge Mutter hält inne. Ihre Lippen sind zu einem schmalen Strich zusammengekniffen. Der Laune und Aufgebrachtheit entsprechend, wird das Baby relativ energisch über die Schulter „geworfen“.
„Da siehst du, was das alles bringt!“, giftet sie die andere an.
Die Freundin ist sauer.
„Ach, jetzt ist das meine Schuld!“
Der Kellner konnte immer noch nicht abkassieren.

In diesem Moment steuert eine Dame den Tisch an – vermutlich die Mutter einer der beiden jungen Frauen. Sie spricht sie namentlich an, schäkert mit dem weiterhin quakenden Baby. Sie beschließen,  dass sie jetzt alle zusammen heimfahren könnten.
Und der Kellner wartet immer noch …

Die Dame erkundigt sich  harmlos:
„Ihr seid hier grad fertig?“
„Wir haben noch nicht bezahlt“, kommt es etwas gepresst.
„Dann macht mal hin! Der Kleine scheint keine große Lust mehr zu haben.“
Von der Lust des Kellners ist nicht die Rede, auch nicht davon, dass er möglicherweise noch anderes zu tun hat.
Die Mädels kuschen. Warnende Blicke werden untereinander ausgetauscht.
Keine sagt einen Mucks.
Mit irgendeinem der beiden Geldscheine wird bezahlt. Die Blonde steckt sämtliches Restgeld ein, selbst den nicht genutzten Zwanziger der Freundin. Hat quasi bezahlt, aber das Geld erstattet bekommen …
Zündstoff für daheim! Mit Sicherheit geht der Streit dort weiter – oder startet spätestens beim nächsten Eiscafébesuch erneut.
Mir tut jetzt schon der jeweilige Kellner leid …

Kellner haben ein ziemlich anstrengendes Leben!
Das stelle ich immer wieder fest, denn ich habe schon reichlich merkwürdige Szenen in Lokalitäten unterschiedlichster Art miterlebt. (Ja, sicher, auch Kunden leiden gelegentlich – das ist ein anderes Thema).
An dem Ort des Geschehens vom Freitag gönne ich mir häufiger einen Kaffee und unterhalte mich ab und zu mit den Angestellten. Mich hat die Passivität des Kellners etwas verwundert. Ich spreche daher die Bedienung bei meinem nächsten Besuch auf die Situation vom Vortag an:
„Ich habe gestern Ihre Ruhe bewundert. Erst die Wasseraktion,  dann die anhaltenden, lautstarken Diskussionen,  letztendlich das Bezahldrama. Was machen Sie in so einem Fall?“
„Ich weiß es nicht“, sagt mir der junge Mann und schaut unglücklich. Ihm gingen tausend schlaue Sachen durch den Kopf, aber letztendlich halte er sich zurück.
Er verwendet mir gegenüber nicht diesen unsäglichen Begriff vom Kunden, der immer König sei. Er sagt es anders. Er traue sich nicht, weil „der Kunde schließlich mit Vorsicht zu behandeln ist – genau wie mein Job …“ Man wüsste ja nie, was daraus werde.
„Daraus?“
„Na ja, aus der Situation. Die, die hier so etwas veranstalten, sind leider häufig auch diejenigen, die sich schnell fürchterlich mit dem Angestellten anlegen, sobald er sich einmischt. Selbst, wenn er höflich ist und nur schlichten will! Recht machen kann man es dann sowieso nicht. Das ist extrem anstrengend! Sie werden ausfallend und nach so einer Auseinandersetzung beschweren sie sich dann obendrein noch beim Chef.“
Eine Kollegin wäre daraufhin schon einmal den Job losgewesen.
Aha, der Kunde randaliert und der Angestellte muss die Sachen packen …

Natürlich ist dem Kellner klar, dass er (theoretisch) bei einer Bezahlstreiterei anbieten könnte:
„Soll ich gleich noch einmal wiederkommen?“
Er könnte sogar einfach fordern:
„Entscheiden Sie sich jetzt bitte!“
Oder erklären:
„Da Sie sich nicht einigen können, werde ich bei Ihnen getrennt abrechnen.“
Doch er sagt nichts von alledem.
Er wartet einfach nur ab.
Schweigt.
Denkt an den Job.

Er hat er mein Mitgefühl!
Ich kann sein Verhalten nicht uneingeschränkt gutheißen, aber ich kann es nachvollziehen. Schwierig wäre es geworden, hätten sich noch weitere  Gäste eingemischt und aufgeregt. Hätten gefordert, der Kellner möge doch endlich für Ruhe sorgen.
Passivität schützt nicht immer vor Eskalation, Aktivität kann etwas schon in andere Bahnen lenken.
Doch bin ich er? Bin ich in seiner Situation?
Nein.

Ach, ich habe beschlossen, er sollte im Grunde genommen in einem solchen Fall beide Geldscheine einsacken und aus erzieherischen Gründen zweimal kassieren!
Denn es ist neben dem Service und  allem anderen nicht auch noch sein Job, Schiedsrichter zu spielen oder Lösungen für kindische Erwachsene zu finden.

Und er sollte grundsätzlich einen Chef mit Menschenkenntnis haben.

©Mai 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand (WordPress)

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Der Lustmolch – Eine untypische Adventsgeschichte

Er beobachtete sie.
Sie saß vier Tische entfernt von ihm. Sie wirkte entspannt und löffelte hingebungsvoll den Milchschaum von ihrem Cappuccino. Sie schob in Zeitlupe den Löffel in ihren Mund, schloss verzückt die Augen und bevor sie ihn wieder hinauszog, drehte sie ihn offenbar um, um mit der Zunge jeglichen Rest aus dem Löffel herauszuschlecken. Die Zungenspitze kreiste am Ende, wenn der Löffel schon längst erneut auf dem Weg zum Nachschlag holen war, ganz kurz einmal über Ober- und Unterlippe …
Allein beim Zusehen passierten mit ihm wundersame Dinge. Er war neidisch auf ihren Cappuccino, er konnte nicht wegsehen, es machte ihn an, und er fragte sich wieso. So ganz neu war es für ihn nun auch nicht …
Er winkte dem Ober zu. Es war der Richtige.
„Einen Espresso, bitte.“
„Sehr gerne, der Herr.“
Oh, freundlich heute, und offenbar erinnerte er sich auch nicht an die Szene von vor einer Woche. Vielleicht musste er nachhelfen …
Er schaute wieder zu dem anderen Tisch hinüber. Die Frau hatte ungefähr sein Alter, und sie war sein Typ. Sie war ladylike und mädchenhaft in einem. Sie wirkte geheimnisvoll, doch zugleich auch unschuldig. Sie hatte einfach etwas, das ihn sehr anzog, magisch anzog.
Der Ober näherte sich mit seinem Getränk.
Richard verwickelte ihn in ein Gespräch. Eventuell erkannte dieser seine Stimme wieder.
„Könnte ich vielleicht noch extra Zucker bekommen? Ich mag es gern süß.“
Er hatte auch letztes Mal danach gefragt.
Der Kellner schaute ihm jetzt ins Gesicht. Richard meinte, ein Wiedererkennen zu beobachten.
„Natürlich, ich bringe Ihnen gleich noch eine weitere Portion.“
„Das ist sehr freundlich. Haben Sie nicht neulich auch an diesem Tisch hier bedient?“
„Sicher. Ach, jetzt erinnere ich mich. Sie waren ja hier in Begleitung …“
Der Groschen war gefallen, und Richard bemerkte den urplötzlich auftretenden Unwillen, das leicht Abschätzige im Blick des Gegenübers. Dieser verzog sich nun, um das Gewünschte zu besorgen.
Richard war immer noch sauer, und gleichzeitig musste er grinsen. Am vergangenen Sonntag hatte er hier mit Mara gesessen. Er hatte sie gerade vom Flughafen abgeholt und weil ihr Magen lautstark geknurrt hatte, hatten sie hier angehalten, um eine Kleinigkeit zu essen. Sie hatte sich unbändig gefreut, ihn nach einem halben Jahr Aufenthalt im Ausland wiederzusehen und hatte ihn immer wieder herzlich berührt. Seine Hand zu sich hinübergezogen, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, ihn angestrahlt.
Er war 45 und hatte es sehr genossen, von einer hübschen, jungen Frau so angehimmelt zu werden. Mara war inzwischen 19. Und seine Tochter. Sie unterhielten sich über eine Klingel, die Mara aus Montreal mitgebracht hatte, weil sie den Klingelton einfach liebte.
„Kannst du mir helfen, sie zu montieren? Ich komme mit den vielen Kabeln nicht zurecht, und mir fehlen auch noch Schrauben und Dübel.“
Der Ober war in dem Moment an den Tisch gekommen, als er ihr antwortete:
„Klar, Kleines, ich besorg es dir.“
Mara hatte ihm eine Kusshand zugeworfen.
Der Kellner musste es wohl irgendwie in den falschen Hals bekommen haben. Er schaute indigniert, sein Verhalten wurde kühl und kühler, passend zum Anstieg der offenbar mit ihm wild durchgehenden Fantasie. In seinem Kopf schienen sich Sätze zu formen wie:
Dass die alten Knacker immer mit den jüngsten Mädels herummachen müssen!
Er hatte auch Mara anschuldigend und leicht verächtlich angesehen.
Was willst du mit dem? Ausnehmen?
Als Richard und Mara bemerkt hatten, was falsch lief, hatte er gerade den Weg in die Küche angetreten, und es war  ihnen zu müßig, sich zu verteidigen und alles klarzustellen. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal geglaubt.
Als sie ihre Garderobe holten, schaute der Angestellte demonstrativ weg. Im Hinausgehen hörten sie seine Bemerkung zu einem Kollegen an der Bar.
„Der ist wohl im zweiten Frühling! Widerlich!“
Sie waren verärgert gewesen. Mara hatte draußen vor der Tür jedoch schon wieder gelacht, und als sie bemerkte, dass ihr Ober sie von drinnen durchs Fenster hindurch immer noch im Blick hatte, hatte sie ihn besonders eng an sich herangezogen und ihm ins Ohr geflüstert:
„Papa, du musst jetzt tierisch verliebt tun. Dann kriegt er drinnen einen Anfall.“

Er hätte es dabei bewenden lassen können, aber es hatte ihn gewurmt.
Was bildete der sich eigentlich ein? Sich als Moralapostel aufzuspielen!
Das war das eine. Das andere, weitaus Schwerwiegendere war, dass er IHM zugetraut hätte, es in seinem Alter mit einem Teenager zu treiben! Das schrie nach Revanche.
Seine Frau reagierte auf die Geschichte anfangs wie Mara. Sie lachte sich schlapp, bis sie merkte, dass diese Sache ihn getroffen hatte.
Es hatte ihn in seiner Ehre getroffen!

Nun saß er ein weiteres Mal hier. Schön, sein Kontrahent hatte ihn wiedererkannt.
Wo blieb denn jetzt der Zucker? Mit den voreiligen Schlüssen schien er schneller zu sein …
Sein Blick wanderte wieder hinüber zu der Frau. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte leicht und rührte dann wieder in ihrer Tasse. Sie setzte sich etwas schräger auf ihren Stuhl und schlug die Beine übereinander. Ihr Rock verrutschte.
Er schluckte. Das war ein … netter Anblick! Oh ja.
Der Ober kehrte zurück.
„Ihr Zucker.“
Das Wiedererkennen schien die Verwendung kürzerer Sätze in Gang gebracht zu haben.
Das kann ich auch, dachte Richard.
„Danke.“
Bevor der Kellner  jedoch verschwinden konnte, winkte er ihn näher zu sich heran und fragte sehr vertraulich:
„Kennen Sie die Dame dort drüben am Tisch?“
Sein Kopf nickte leicht in die richtige Richtung. Der Ober sah hinüber, antwortete jedoch nicht, sondern sah ihn nur fragend an.
Richard bemühte sich um einen jovialen Tonfall:
„Nun, unter uns Männern: ist schon ein Klasseweib, oder? Kennen Sie ihren Namen? Ich würde sie gern näher kennenlernen.“
Der andere schnappte nach Luft.
Reicht dir deine junge Gespielin vom letzten Mal nicht mehr, du Lustmolch?
Richard meinte, diese Worte auf seiner Stirn geschrieben zu sehen. Er wartete auf eine Antwort, die nun auch mit zitronensaurer Miene und leicht zusammengebissenen Zähnen kam:
„Ich kann Ihnen keinen Namen nennen, und es tut mir leid, ich glaube nicht, dass die DAME Interesse an Ihnen hat!“
Bingo! Richard hatte es vorausgesehen.
„Wetten doch?“
Er grinste sein schmierigstes Lächeln.
Der Ober starrte ihn an.
„Warten Sie  einen Moment“, instruierte er den Mann, kritzelte ein paar Worte auf einen kleinen Zettel, faltete ihn zusammen und reichte ihn hinüber. „Geben Sie ihn bitte der Dame! Wären Sie so nett?“
Sein Gegenüber war hin- und hergerissen. Schließlich nahm er, innerlich wutschnaubend, die Notiz und stampfte Richtung Richards Herzkasper verursachender Lady.
„Das soll ich Ihnen von dem Herrn dort drüben geben …“, kam es gepresst.
Richard beobachte die Szene.
Die Dame schaute anfangs überrascht, zögerte leicht, entfaltete dann den Zettel, las und lächelte schließlich. Sie entnahm ihrer Handtasche einen Stift und schrieb eine Antwort. Dann faltete sie das Blatt sorgsam wieder zusammen und wandte sich dem noch neben ihr stehenden Kellner zu. Sie reichte es ihm sehr charmant und fragte überaus gewinnend:
„Wären Sie so nett …?“
Dabei zeigte hinüber zu Richard. Der Ober bekam eine ungesunde Gesichtsfarbe, doch tat er, wie sie ihm geheißen. An dessen Platz angekommen, drosch er die Nachricht auf die Tischplatte.
Richard strich den Zettel glatt und legte ihn so vor sich, dass der Kellner ihre Antwort mitlesen konnte, mitlesen musste!
Ich finde sie auch enorm sexy! Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Ihnen gehen? Ich bin verheiratet.
Richard unterdrückte ein Grinsen.
Der Kellner konnte es nicht fassen!
Sie war inzwischen aufgestanden, kam leicht wiegenden Schrittes herüber, beugte sich am Tisch zu ihm herab und hauchte:
„Wollen wir …?“
Richard griff nach ihren Fingern, schaute ihr tief in die Augen und deutete einen Handkuss an.
„Gerne“, erwiderte er mit sonorer Stimme.
Er stand auf, holte seine Jacke, half ihr in ihren Mantel. Er liebte ihr Parfum und sog tief die zarte Duftwolke ein, die sie umgab.
Währenddessen kam der Ober zur Besinnung.
„Sie haben noch nicht bezahlt!“ Das galt für beide.
„Ich zahle“, entschied Richard.
„Zusammen?“, vergewisserte sich der Kellner.
„Ja“, bestätigte Richard und die Dame honorierte es mit einem: „Oh, ein Gentleman!“
Richard hatte das Gefühl, der Angestellte konnte gerade noch ein angewidertes Gentleman? Der? unterdrücken.
Richard und seine Eroberung wendeten sich der Tür zu. Der Kellner begleitete sie ein Stück, machte aber keine Anstalten, sie ihnen zu öffnen. Die Dame drehte sich leicht zu Richard und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Lange. Dann sagte sie:
„Schatz, sag es ihm! Tu es – bitte!“

Richard seufzte. Natürlich musste wieder einer weich werden!
Er wandte sich um und murmelte etwas missmutig:
„Ich soll Sie von meiner Tochter grüßen. Das ist die junge Dame, die vor einer Woche mit mir hier gegessen hat. Ach ja, und meine Frau und ich“, Richard wies auf seine Begleitung, „wir wünschen Ihnen natürlich noch einen schönen 1. Advent!“
Das Auf Wiedersehen ließ er weg …

Vor der Tür hakte sich Helen bei ihm ein. Sie strich die Falten auf seiner Stirn glatt.
„Richard, schau mich an! Hör auf zu grummeln!  Das war kein Spiel verderben! Du wolltest ihm eine Lehre erteilen. Es wird ihm so viel mehr zu denken geben, glaub mir, mein Schatz! Außerdem ist jetzt dein guter Ruf wiederhergestellt.“
Sie knabberte sanft an seinem Ohrläppchen. Er stöhnte, zog sie dann allerdings forsch mit sich.
„Was …?“, fragte Helen irritiert.
„Ich habe gerade festgestellt, dass mein Ruf akut wieder in Gefahr ist, wenn wir nicht sofort nach Hause fahren …“

Ende

(NEU: Auch als Podcast! )
Den  Lustmolch gibt es jetzt auch in der Audioversion. Technisch bedingt besteht dieser Hörbeitrag  aus drei Teilen.
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Viel Vergnügen!

http://audioboo.fm/boos/1114945-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-1
http://audioboo.fm/boos/1114947-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-2
http://audioboo.fm/boos/1114951-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-3

Michèle Legrand - Kurzgeschichte im Blog - Der Lustmolch - eine etwas andere Adventsgeschichte©November 2011 (Podcast 2012)  by Michèle Legrand

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