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Verhüllt, verschreckt, verzückt … Karlsruhe!

Karlsruhe - Botanischer Garten

Karlsruhe – Botanischer Garten


Karlsruhe
. Das war für mich viele Jahre lang eine Stadt, die ich zwar regelmäßig ansteuerte, aber dennoch überhaupt nicht kannte. Mein Ziel war immer etwas außerhalb, und so sah ich eigentlich bei der Ankunft oder Abreise nie mehr als den Hauptbahnhof und dort auch nur den einen Ausgang – nämlich den weniger schönen, den, der nach hinten zum jetzt nicht gerade umwerfenden Großparkplatz führt. Für eventuelle Abholer ist allerdings dort das Halten praktischer als auf dem Bahnhofsvorplatz.

Der Weg führte stets sofort hinaus aus der Stadt, über mehrspurige und irgendwie verschachtelte Umgehungsstraßen, unter Betonbrücken hindurch, vorbei an nicht sehr einladenden Bauten.
War Karlsruhe etwa reizlos, gar hässlich?
Ich konnte es mir nicht vorstellen. Eine Stadt kann gar nicht komplett hässlich sein! Doch wo war das Reizvolle?  In diesem Januar wollte ich eine Reise endlich dazu nutzen, es herauszufinden.

Winter ist keine ideale Besuchssaison für Städte, die baulich nicht sofort einschmeicheln oder augenblicklich durch besonderen Stil positiv hervorstechen. Ebenfalls nicht für solche, die farblich äußerst zurückhaltend gestaltet sind. Wo viel Gleichförmigkeit angesagt ist und Grautöne respektive eingestaubtes Pastell vorherrschen, müssen Bäume und Pflanzen oder auch Wasser für Leben sorgen. Das gleicht einfaltslose Fassaden, klopsige, eintönige Bauten oder triste Anstriche aus. Im Winter wird leider nichts aufgehübscht oder kaschiert – aber andererseits auch nichts Positives verdeckt, was man übersehen könnte.
Mit einer groben Vorstellung, wie die Erkundung laufen sollte und mit einem Stadtplan ausgerüstet, ging es los. Doch dann …

Verhüllt!

Wissen Sie, was einer Stadt – zumindest lokal oder temporär – dann noch den letzten Rest von Charme nehmen kann?
Baustellen! Bauzäune, Gitter, verhängte Fassaden, abgeklebte Fenster, umbaute Statuen, Absperrungen, Umleitungen, Staus, Abgase, Baulärm etc.
Die Innenstadt von Karlsruhe muss da im Moment durch. Der sogenannte Moment dauert allerdings bereits seit Januar 2010 und wird sich voraussichtlich bis in das Jahr 2019 hinziehen. Überall wird gebuddelt, weil man Veränderungen bei der Verkehrsführung geplant hat und nun umsetzt. Dabei geht es sowohl um den Autoverkehr als auch die Straßenbahnlinien, von denen ein Teil später durch Tunnel geleitet werden wird.

Karlsruhe - Ende Januar 2014 - Baustellen! Überall.

Karlsruhe – Ende Januar 2014 – Baustellen! Überall.

Mir wurde recht schnell klar, dass lautes Gewühl und Absperrgitter nichts für mich sind. Änderung der Pläne. Weg von den Straßen und Plätzen. Sobald ich Zeit hatte – und das war im Wechsel immer ein Weilchen am Vormittag oder Nachmittag der Fall – steuerte ich folglich Ziele an, die ich außerhalb der Bauzonen vermutete. Grünbereiche, Parks, das Karlsruher Schloss!
Zu meiner großen Verwunderung machte aber auch davor die Baustelleneinrichtung nicht halt. Der größte Teil des Schlosses ist eingerüstet. Seit Herbst letzten Jahres werden das Dach und die Fassade saniert. Im nächsten Jahr (2015) steht das 300. Stadtjubiläum an, und bis dahin soll alles wieder picobello aussehen.

Verschreckt!

Stellen Sie sich also eine Hamburger Touristin vor, deren Absicht es ist, zum Schloss zu kommen, die es in Sichtweite bereits vor sich hat und sich weiterhin von Baustellen umgeben vorfindet. Die dadurch leicht abgelenkt ist. Die denkt, ein Fußweg dorthin, eine Allee mit kürzlich gestutzten Bäumen, wäre unzugänglich, weil dort haufenweise Bauzäune sind und welche daher lieber am Rand der Zufahrtsstraße weiterläuft. Die sich durchaus bewusst von links dem Schloss annähert, weil dort nämlich der Botanische Garten liegen soll, den sie auch noch anzupeilen gedenkt.

PLÖTZLICH!
Rie-sen-schreck und Herzaussetzer!
Ein Polizist springt mir mit Schwung vor die Füße! Ganz knapp und vor allem völlig unvermutet. Blockiert resolut den Weg.
„Halt! Wo wollen Sie denn hin?“
„Zum Schloss …?“
Ich sag’s Ihnen, die folgende Konversation verlief im Endeffekt zwar sehr freundlich und völlig dramafrei, aber auch ein bisschen peinlich. Für mich. Dummerweise ist mir nämlich gleich dreierlei passiert:
Ich habe das kleine Häuschen am Straßenrand, in dem der Polizist Wache schob, überhaupt nicht bemerkt, bin beschwingt in einen Hochsicherheitsbereich gelaufen und habe dabei obendrein gänzlich eine Schranke ignoriert.
„Haben Sie denn die Schranke nicht gesehen?“, lautet folglich auch die erstaunte Frage des Beamten.
Ich drehe mich um. Die Schranke ist zwar dort –  aber …
„Aber die ist doch offen?“, frage ich nun meinerseits verwundert.
„Die ist nur gerade eben geöffnet worden, damit ein Baufahrzeug hinein konnte!“
Also nicht für mich …
„Ja, und warum darf man denn hier nicht …?“
Ich möchte es jetzt wirklich wissen! Was um Himmels Willen ist denn an dieser Baustelle so besonders und heikel?
„Hier ist das Bundesverfassungsgericht“, erklärt mir der Polizist nüchtern, doch ich sehe ein unzureichend unterdrücktes Lächeln. „Hier sind die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend hoch.“
Ah ja, verstanden …
Komisch ist das schon. Ich hatte im Vorfeld sogar gelesen, dass dieses Gericht sich in der Nähe des Schlosses und des Gartens befände und aus einzelnen Pavillons bestehen würde. Hatte aber nicht daraus geschlossen, dass die Region für mich tabu sei.
Ich schaue noch einmal hinüber zur Baustelle, die dermaßen aktiv und chaotisch aussieht – nicht nur an der Straße, sondern auch auf dem Gelände – dass Sie einfach davon ausgehen müssen, dass dort zurzeit überhaupt keiner arbeitet. Dort findet eine Grundsanierung aus energetischen Gründen statt. Alles wird auf den neuesten Stand gebracht. Der Wärmeschutz, der Brandschutz! Es gibt überall neue Fenster, ein komplett neues Dach und an mehreren Stellen ist die Stahlkonstruktion aus den 60er Jahres freigelegt.
Da soll jemand arbeiten? Mittendrin?
Nachher erfahre ich, dass die meisten Richter und Angestellten während der Umbaumaßnahmen in die Waldstadt gezogen sind, auch, damit es auf der Baustelle schneller weitergehen kann.
Nun erklär mir nur noch einer, warum das alles dann Hochsicherheitsbereich sein muss …
Vielleicht sollte ich noch ein Foto …? Von der Baustelle …?
Was meinen Sie?
Lieber nicht, gell, man darf einen friedlich-netten Polizisten auch nicht überstrapazieren.

Verzückt!

Dem Schloss habe ich mich danach anweisungsgemäß über einen anderen Weg genähert.
Ein schöner Bau!
Das helle, gelbe Mauerwerk lässt es immer so aussehen, als sei freundliches Wetter. Als würde die Sonne zumindest gerade durchkommen. Selbst bei tristem Himmel. Immerhin ist der Mittelteil ohne Gerüst und Verhüllung, so lässt sich die Pracht erkennen.
Ich nähere mich einmal und mauschele am Ende die Baustelle weg. Sie werden sehen.

Karlsruhe - Eindeutig:  Das Schloss wird renoviert ...

Karlsruhe – Eindeutig: Das Schloss wird renoviert …

Karlsruhe - Schloss - Schon weniger zu sehen von den Gerüsten ..... Nur dieser Turm ... Moment noch, bitte!

Karlsruhe – Schloss – Schon weniger zu sehen von den Gerüsten ….. Nur dieser Turm … Moment noch, bitte!

Karlsruhe - Schloss - Na, bitte! Wenn man dicht genug herangeht, verschwindet die Baustelle (zumindest auf Fotos)

Karlsruhe – Schloss – Na, bitte! Wenn man dicht genug herangeht, verschwindet die Baustelle (zumindest auf Fotos)

Direkt hinter dem Flügelbau liegt der Schlossgarten mit daran angrenzendem Wald. Der Garten selbst ist im Stil eines englischen Landschaftsparks gestaltet (neu 1967, anlässlich der Bundesgartenschau)

Karlsruhe - Zugang zum Schlossgarten (rechts), im Hintergrund beginnt fast schon der Botanische Garten

Karlsruhe – Zugang zum Schlossgarten (rechts), im Hintergrund beginnt fast schon der Botanische Garten

Karlsruhe - Keine schlechte Wohnadresse: Taubenschlag nicht weit vom Ostflügel des Schlosses.

Karlsruhe – Keine schlechte Wohnadresse: Taubenschlag nicht weit vom Ostflügel des Schlosses.

Karlsruhe - Schlossgarten - Farbkleckse bereits im Januar: Die Schneeheide (Erica carnea) blüht.

Karlsruhe – Schlossgarten – Farbkleckse bereits im Januar: Die Schneeheide (Erica carnea) blüht.

Dieser leicht bläuliche Kachelstreifen quer durch die Wiese existiert seit dem Jahr 2000 und stellt eine ursprüngliche Achse dar. Der Strahl aus insgesamt 1645 Kacheln führt bis zur Schlossparkmauer und weiter zur Majolika-Manufaktur.

Karlsruhe - Schlossgarten - Ein Kachelstreifen quer durch die Wiese ....

Karlsruhe – Schlossgarten – Ein Kachelstreifen quer durch die Wiese ….

Man könnte meinen, der Baum habe Pilzbewuchs …

Karlsruhe - Schlossgarten - Kein Pilzbewuchs, sondern vertrocknete Blätter an Efeuranken

Karlsruhe – Schlossgarten – Kein Pilzbewuchs, sondern vertrocknete Blätter an Efeuranken

Karlsruhe - Schlossgarten - Schmiedeeisernes Tor

Karlsruhe – Schlossgarten – Schmiedeeisernes Tor

Das Schönste in Schlossnähe ist für mich jedoch der Botanische Garten. Selbst im Winter! Ich verkneife mir wieder einmal Daten, die Sie selbst mit einem Klick bei Herrn Gugl ermitteln können und zeige bzw. verrate Ihnen einfach, was dort für mich speziell ist und positiv auffällt.
Die Anlage ist gelungen. Die Formen, die Proportionen, die Wegführung. Obwohl der Garten recht überschaubar ist – was seine tatsächliche Größe betrifft – wirkt er doch enorm großzügig und beinahe weitläufig. Selbst im Winter verleihen ihm einige z. T. immergrüne Bäume und Sträucher in Kombination mit den vorhandenen Gebäuden im Hintergrund ein Gerüst und geben ihm Form. Was ich zudem immer als wohltuend empfinde, ist, wenn es gelingt, Abwechslung hineinzubringen und es trotzdem nicht zerhackt und unstimmig wirken zu lassen.

Karlsruhe - Botanischer Garten - Rechts das Torhaus, links davon die Gewächshäuser

Karlsruhe – Botanischer Garten – Rechts das Torhaus, links davon die Gewächshäuser

Karlsruhe - Orangerie (wird nicht mehr als solche genutzt, gehört zur Kunsthalle), rechts davon liegt der Botanische Garten

Karlsruhe – Orangerie (wird nicht mehr als solche genutzt, gehört zur Kunsthalle), rechts davon liegt der Botanische Garten

Karlsruhe - Botanischer Garten - Die Gewächshäuser mit dem herausragenden Palmenhaus in der Mitte

Karlsruhe – Botanischer Garten – Die Gewächshäuser mit dem herausragenden Palmenhaus in der Mitte

Was Sie gleich auf dem nächsten Foto sehen, sind die lampionartigen Früchte der Blasenesche (Koelreuteria), die im Juli/August lange, gelbe Blütenrispen trägt und im Herbst eine tolle Laubfärbung hat. Sie sehen, sie kann auch im Winter mit etwas aufwarten …

Karlsruhe - Botanischer Garten - Früchte der Blasenesche (Koelreuteria)

Karlsruhe – Botanischer Garten – Früchte der Blasenesche (Koelreuteria)

Schauen Sie bitte einmal, das Folgende ist wieder so etwas, was mich selbst im Nachhinein ein wenig ins Grübeln bringt: Diese Gebäude gehören zum Bundesverfassungsgericht. Ihre Rückseite grenzt an den Botanischen Garten. Sehen Sie hier irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen? Nein? Tja, vorne springende Polizisten, aber hinten …

Karlsruhe - Am Botanischen Garten - Bundesverfassungsgericht

Karlsruhe – Am Botanischen Garten – Bundesverfassungsgericht

Was an diesem Botanischen Garten so besonders ist, sind die alten Backsteinbauten, die Rundtürme und die Tatsache, dass die Gewächshäuser nicht völlig freistehend – also rundherum verglast – erbaut wurden, sondern sich an die Backsteinmauern anlehnen. Ein für mich völlig anderes Gefühl beim Betreten der Schauhäuser!
Die Luft ist anders, wenn sich nicht hohe Luftfeuchtigkeit an Fensterflächen niederschlägt, sondern sich relativ grobporiges Mauerwerk damit „vollsaugt“ und diesen speziellen Geruch wieder ausströmt. Sie kommen sich noch mehr wie im Urwald vor, wenn Sie nicht überall ein Ende in Form einer großen Scheibe mit Durchblick auf die normale, winterliche Landschaft draußen erspähen. Recht natürlich wirkt auch die gesamte Gestaltung im Inneren.
Es gibt Gewächshäuser, in denen entsteht für den Betrachter der Eindruck, es wurden Pflanzen einfach nebeneinandergesetzt. Sie empfinden es als bloße Aufreihung. Und es gibt solche, bei denen Sie vollkommen überzeugt sind, Sie befinden sich mitten im Dschungel und der Natur – bis Sie wieder vor die Tür treten und bibbern.

Karlsruhe - Botanischer Garten - Gewächshäuser - Im etwas offener gestalteten Teil

Karlsruhe – Botanischer Garten – Gewächshäuser – Im etwas offener gestalteten Teil

Karlsruhe - Botanischer Garten - Mitten im Winter .... Farbenrausch in den Gewächshäusern

Karlsruhe – Botanischer Garten – Mitten im Winter …. Farbenrausch in den Gewächshäusern

Es lohnt sich, dort vorbeizuschauen. Ich habe beschlossen, noch einmal wiederzukommen – später im Jahr, denn es muss im Sommer wunderschön sein, wenn die Stauden in den Beeten und die Seerosen im Teich blühen, das Schilf gewachsen ist und die jetzt kahlen Sträucher und Bäume wieder belaubt sind.

Karlsruhe - Botanischer Garten - Rechts vom Torhaus Richtung Schloss (Westflügel) , Wintergarten mit gusseiserner Pergola

Karlsruhe – Botanischer Garten – Rechts vom Torhaus Richtung Schloss (Westflügel) , Wintergarten mit gusseiserner Pergola

Nichtsdestotrotz blüht es auch jetzt im Winter, denn mit der wärmespeichernden und vor kalten Winden schützenden Mauer im Hintergrund, mögen bereits im Januar Winterjasmin (Jasminum nudiflorum), Winterblüte (chin., Chimonanthus praecox) und Zaubernuss (chin., Hamamelis mollis) ihre Blüten zeigen.

Karlsruhe - Botanischer Garten - Es blüht bereits im Schutz der Mauern. Vorne eine chin. Zaubernuss (Hamamelis mollis), dahinter die Winterblüte (Chimonanthus praecox)

Karlsruhe – Botanischer Garten – Es blüht bereits im Schutz der Mauern. Vorne eine chin. Zaubernuss (Hamamelis mollis), dahinter die Winterblüte (Chimonanthus praecox)

Karlsruhe - Botanischer Garten - Ende Januar - Sie blüht: Die chin. Winterblüte (Chimonanthus praecox) aus der Nähe

Karlsruhe – Botanischer Garten – Ende Januar – Sie blüht: Die chin. Winterblüte (Chimonanthus praecox) aus der Nähe

Wie finden Sie diesen Kumpel hier? Ein immergrünes Gewächs mit lang herabhängenden Zweigen dient als Gerüst und wurde so gebogen, gezogen und dirigiert, dass nun – zumindest schemenhaft – ein Elefant den Rasen bevölkert.

Karlsruhe - Elefant (oder Mammut?) im Botanischen Garten

Karlsruhe – Elefant (oder Mammut?) im Botanischen Garten

Ein schönes Fleckchen mitten in der Stadt, völlig abgeschirmt vom Straßen- und Baulärm. Können Sie sich mittlerweile auch schon ein bisschen für den Botanischen Garten erwärmen?

Für heute endet der Spaziergang, beim nächsten Mal steht ebenfalls in Karlsruhe ein Besuch im Stadtgarten am Hauptbahnhof an, dem der Zoo angegliedert ist.
Vielleicht kommen Sie ja wieder mit.

©Februar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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