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Herbst im Gehölz: Tanzendes Licht, tarntalentierte Pilze, tauchende Blätter …

Herbst - Vor dem Laubfall: Erleuchtet ...

Herbst – Vor dem Laubfall: Erleuchtet …

Ich war am Wochenende spazieren …
Nein, fangen wir anders an!
Wie schaut es bei Ihnen aus?
Hätten Sie Lust, heute ein Stück mitzukommen? Ins Gehölz?

Ich bemerke gerade bei einem Bloggast die Andeutung von Querfalten auf der Stirn, und vielleicht stellt sich dieser Jemand die Frage:
Warum sagt sie nicht einfach Wald, wie jeder Mensch …?
Und dann kommen die Zweifel!
… oder ist Gehölz doch etwas anderes?
Liebe Blogleser, so viel anders ist es nicht. Ich meine ein überschaubares Laubwäldchen und entscheide mich nur deshalb für den Begriff Gehölz, was das sein richtiger, offizieller Name ist:
Das Wandsbeker Gehölz.
Es geht um insgesamt vier Waldstückchen, die sich im östlichen Hamburg befinden, am Wandsbeker Markt beginnen und sich ca. zwei Kilometer nach Osten erstrecken. Seit langem existierend, dementsprechend herrlich und alt ist der Baumbestand. Mehrheitlich wachsen dort Buchen und Eichen, aber auch Ahorn, einige Kastanien, weitere Laubbaumarten als Einzelgewächse und – wirklich die Ausnahme bildend – noch hin und wieder ein Nadelbaum.
Durch den Bau von Straßen und durch die Eisenbahnstrecke nach Lübeck wurde alles im Laufe der Jahrzehnte etwas zerteilt und zerklüftet, so dass es heute eben Gehölz I bis IV gibt – mit Unterbrechungen.
Genug der Erklärungen!

Es ist momentan trocken, sogar leicht sonnig und die Luft ist gut!
Schließen Sie sich mir an?

Ich habe von Menschen gehört, die seit ewiger Zeit nicht mehr in einem Wald oder waldähnlichem Gebiet spazieren waren. Die gar nicht mehr wissen, wie es dort ist!
Wie es riecht, wie es sich anhört, wie sich der Boden unter den Füßen anfühlt, welches Licht dort herrscht.
Mag sein, dass Sie kein Stadtmensch sind und der Wald sie täglich umgibt. Genau, Sie waren bestimmt im Wald, doch ich zerre Sie – wie alle anderen – heute trotzdem durchs Unterholz, damit Ihnen nichts entgeht. (Manchmal drücke ich es drastisch aus, doch in Wirklichkeit meine ich zerren im Sinne von hauchzart am Jackenärmel nehmen und Sie zu der ein oder anderen Auffälligkeit dirigieren, die Sie selbstverständlich auch völlig allein gefunden hätten …)

Auf dem Weg zum Gehölz:

Herbst - Kunstwerke an Bäumen ... sich täglich verändernd

Herbst – Kunstwerke an Bäumen … sich täglich verändernd

Herbst - Langsam fangen die Wände an zu brennen ...

Herbst – Langsam fangen die Wände an zu brennen …

Herbst - auch schön: das Blatt einer Heckenrose

Herbst – auch schön: das Blatt einer Heckenrose

Herbst - Wenn der Ahorn sein Licht anknipst ...

Herbst – Wenn der Ahorn sein Licht anknipst …

Herbst - Der Osterschneeball (Viburnum burkwoodii) mag es farbenprächtig

Herbst – Der Osterschneeball (Viburnum burkwoodii) mag es farbenprächtig

Herbst - ein wenig Indian Summer ist auch in Hamburg

Herbst – ein wenig Indian Summer ist auch in Hamburg

Während es auf dem Weg durch das Wohngebiet sehr herbstlich aussieht, sich die Sträucher in den Gärten, einige Bäume am Straßenrand und Wilder Wein an Hauswänden bunt verfärbt haben, ist es im Gehölz auf den ersten Blick noch nicht so weit. Allein die kühle Temperatur weist auf den Herbst hin. Die kürzeren Tage mit weniger Licht sind den Buchen und Eichen offenbar noch nicht aufgefallen.
Woran könnte es liegen?
Hier ist es generell dunkler, die Bäume kommen auch im Sommer mit relativ wenig Licht aus. Für sie ist es ein Anzeichen von kürzeren Tagen, wenn auch ihre Krone weniger Licht erhält und darauf reagieren sie ganz gemächlich.
Zudem ist der Austrieb von Eichen und Buchen im Frühjahr generell später als bei anderen Laubbaumsorten, vielleicht halten sie dadurch auch länger durch.
Und sie verfärben sich nicht so auffällig hellgelb wie z. B. eine Linde oder manche Ahornsorte. Sie haben weniger und andere Farbpigmente. Verfärbung ist immer auch Sonnenschutz, und wenn bei uns das Wetter bewölkt oder der Baum durch Nachbarbäume geschützt ist, dann entfällt die Notwendigkeit der Blattfärbung.  Der Farbwechsel existiert, doch wesentlich  zurückhaltender. Die Farbe der Blätter geht langsam über in ein eher unscheinbares Braun, eine Farbe, die erst beim Absterben des Blattes auftritt und deren Ursache in der Oxidation von Gerbstoffen zu braunen Farbstoffen (Phlobaphene) zu finden ist.
Diese Bäume sind jetzt für uns nicht DER Hingucker. Aber sie sind Helfer, die durch ihren dunklen Kontrast erst die anderen Farbenkünstler richtig zur Geltung bringen.

Diese eher grünen Bäume vermögen uns ein wenig in die Irre zu leiten. Lassen Sie sich ausnahmsweise darauf ein, denn dieses Täuschungsmanöver im Gehölz bewirkt Interessantes:
Wenn Sie den Boden außer Acht lassen und nur recht flach atmen (also ihren Geruchssinn nahezu ausschalten), könnte noch Sommer sein. Die Vögel zwitschern unverdrossen, Sonnenlicht stiehlt sich am Mittag durch das Blätterdach, wird gefiltert und lässt den Baldachin über Ihnen leuchtendgrün schimmern. Ihnen ist lediglich ein wenig frisch …

Wandsbeker Gehölz -  Wie eine grüne Höhle - nur ganz vereinzelte gelbe Blätter verraten den Herbst ...

Wandsbeker Gehölz – Wie eine grüne Höhle – nur ganz vereinzelte gelbe Blätter verraten den Herbst …

Wenn Sie hingegen die Baumwipfel ignorieren und stattdessen den Boden betrachten, mit schlurfenden Schritten durch offenbar doch schon reichlich herabgefallenes Laub rascheln, hier und da auf einmal bunte Blätter wahrnehmen, Eichhörnchen mit dicken Backen über den Weg huschen sehen, weil sie wieder die Eicheln quer gebunkert haben und Sie jetzt tief einatmen – dann herrscht Herbst!

Wandsbeker Gehölz -  ... es scheint alles noch grün und doch ist Laub auf den Wegen

Wandsbeker Gehölz – … es scheint alles noch grün und doch ist Laub auf den Wegen

Wandsbeker Gehölz - Herbst

Wandsbeker Gehölz – Herbst

Wandsbeker Gehölz - Sie wirken majestätisch .... die Baumriesen

Wandsbeker Gehölz – Sie wirken majestätisch …. die Baumriesen

Etwas Klammes, was in den Wohnstraßen nicht so auffiel, liegt in der Luft und kräuselt die Haare, das Gras wirkt schlaff, an manchen Stellen grau, das Moos ist jetzt höher. An morschen Baumstümpfen und der Borke uralter, knorriger Bäume, sind stellenweise dicke, grüne, leicht schwammige Beläge. Mit Feuchtigkeit vollgesogen, nicht mehr abgetrocknet nach dem Regen, denn die wärmende Luft fehlte und der nächste Schauer kam zudem zu schnell.
Herbst!

Es riecht würzig, leicht modrig, nach Pilzen …
Mögen Sie den Geruch?
Dann kommen Sie mit ins Gebüsch, dort, wo das Laub nicht auf dem hartgetretenen Weg, sondern direkt auf lockerem Erdreich liegt und Bodenbewohner leichter über die Pflanzenreste, verwelkte Blätter und Früchte oder Beeren herfallen können. Dort wird mit Hilfe von Würmern, Schnecken, Spinnen, Ameisen und Käfern bester Kompost hergestellt. Während die Vorgenannten durch Verzehr und folgende Kotausscheidung dem Boden wieder wichtige Nährstoffe und Mineralien zurückgeben, helfen Pilze und Bakterien einigen Bäumen auf ihre Art. Manch Pilz lebt mit einem bestimmten Baum in Symbiose. Seine Pilzfäden erleichtern dem Baum die Wasseraufnahme und der wiederum gibt dem Pilz im Gegenzug Zucker.
… das nur nebenbei.
Wenn Sie hier mit der Hand oder auch mit einem Stock ein wenig das Laub lockern, dann steigt Ihnen der Herbst mit seinem ganz typischen Geruch direkt und unverfälscht in die Nase.

Schauen Sie einmal hier!

Wandsbeker Gehölz - Überall Pilze  ... gut getarnt

Wandsbeker Gehölz – Überall Pilze … gut getarnt

Ist das nicht wirklich perfekte Tarnung?
Anpassung an die Umgebung. Farben wie die des Laubs, der Erde oder heruntergefallener Aststücke.

Wandbeker Gehölz - Pilze im Unterholz  ... die mit den halb aufgeklappten Sonnenschirmen

Wandbeker Gehölz – Pilze im Unterholz … die mit den halb aufgeklappten Sonnenschirmen

Wandsbeker Gehölz - Der modernde Baumstumpf scheint diesem Pilz sehr zu behagen ...

Wandsbeker Gehölz – Der modernde Baumstumpf scheint diesem Pilz sehr zu behagen …

Es gibt einen alten Spruch, der besagt: Unter Birken, Tannen, Buchen kannst du immer Pilze suchen; unter Eschen, Erlen, Linden, wirst Du nicht viel finden.
Ich habe nie nachgeprüft, ob es wirklich stimmt, doch hier unter den Buchen finden sich zahlreiche, ganz unterschiedliche Exemplare. Ich habe die Pilze nicht für ein Foto ausgegraben oder freigeschaufelt! Sie wachsen mittendrin und fallen kaum auf. Manche mit flachem Hut, andere haben etwas, was wie halb zugeklappte Sonnenschirme aussieht, wieder andere ähneln runden Knollen oder Korallen am Riff. Nur die helleren unter ihnen, stechen schneller ins Auge.

Wandsbeker Gehölz - Pilze - Die helleren fallen schon mehr auf, auch durch ihre  Lamellen ...

Wandsbeker Gehölz – Pilze – Die helleren fallen schon mehr auf, auch durch ihre Lamellen …

Wandsbeker Gehölz -  ... auch augenfälliger aufgrund ihrer Form

Wandsbeker Gehölz – … auch augenfälliger aufgrund ihrer Form

Wandsbeker Gehölz - Pilze -  ... hier die korallenähnliche Variante

Wandsbeker Gehölz – Pilze – … hier die korallenähnliche Variante

Haben Sie es bemerkt?
Die Pilze wachsen nicht nur am Boden!
Wenn Sie hinauf schauen, können Sie ganz weit oben in der Astgabel ebenfalls helle Pilze entdecken.

Wandsbeker Gehölz - Pilze ganz oben in der Astgabel des Baumes ....

Wandsbeker Gehölz – Pilze ganz oben in der Astgabel des Baumes ….

Und ist Ihnen aufgefallen, wie der Boden federt, wie Sie an manchen Stellen einsacken und es an anderen Plätzen unter Ihren Füßen knirscht und knackt?
Hier liegen leere, von den Eichhörnchen und anderen Tieren geplünderte Bucheckern herum, teilweise auch noch die nicht ganz verrotteten Kapseln vom Vorjahr.
Es befinden sich Eicheln mit ihren Hütchen auf dem Weg, auch einige Kastanien sowie Teile ihrer stacheligen Panzer liegen verstreut.
An manchen Tagen …
Moment, kurz ein Blick auf die Uhr … Oh, schon recht spät!
Bitte?
Ihnen läuft auch die Zeit weg? Sie müssen heim?
Wenn wir den Weg über die Brücke am Bachlauf nehmen, ist der Rückweg nicht weit …

Es ist still hier, ab und zu schafft es ein winziger Sonnenstrahl durch die Kronen hindurch hinab bis aufs Wasser zu zielen und es an einem Punkt zum Glitzern zu bringen.

Wandsbeker Gehölz - Bachlauf

Wandsbeker Gehölz – Bachlauf

Übrigens, falls Sie nicht sicher sind, in welche Richtung das Wasser fließt – die aufgestauten Blätterhaufen, die an Steinen oder Ästen im Wasser hängenblieben, verraten es Ihnen. Manchmal auch ein einzelnes schwimmendes Blatt, das mit der Strömung treibt.

Wandsbeker Gehölz im Herbst  - Farbkleckse im Bach ...

Wandsbeker Gehölz im Herbst – Farbkleckse im Bach …

Einige werden löchrig, beginnen auf sonst eine Art sich zu zersetzen oder nehmen Wasser auf. Ihre Schwere lässt sie sinken. Sie tauchen ab im klaren Bach, breiten sich auf dem Grund des flachen Rinnsals aus und hinterlassen dort bunte Farbkleckse.
Bis auch diese sich auflösen und verschwinden … oder der Winter kommt, mit ihm der Frost, der eine Eisdecke schafft und einiges bis zum Frühjahr konserviert.

Winter!
Der ist schneller da, als Sie denken!

Sollten Sie also noch etwas von der milden Herbststimmung erleben wollen, sollten Sie Lust auf Wald- oder Gehölzatmosphäre bekommen haben, sollten Sie das bunte Farbenspiel an Bäumen, Sträuchern, Stauden und Rankgewächsen rundherum selbst sehen möchten, die Bilder verinnerlichen, Gerüche genießen, Geräusche abspeichern …
dann nichts wie hinaus!

Der Ahorn (Acer palmatum aconitifolium) zeigt Farbe

Der Ahorn (Acer palmatum aconitifolium) zeigt Farbe

Wilder Wein

Wilder Wein

Herbst - ... und hier die auffälligen Vertreter, die Fliegenpilze. Der braune Pilz links im Bild geht völlig unter, genauso wie die kleinen vorne rechts.

Herbst – … und hier die auffälligen Vertreter, die Fliegenpilze. Der braune Pilz links im Bild geht völlig unter, genauso wie die kleinen vorne rechts.

Der Herbst ist bunt ... doch nicht mehr lange!

Der Herbst ist bunt … doch nicht mehr lange!

Herbst ... im Nu ist alles wieder vorbei

Herbst … im Nu ist alles wieder vorbei

©Oktober 2012 by Michèle Legrand

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Ich träume von Klatschmohnwiesen …

Türkischer Mohn (Papaver orientale)

Türkischer Mohn (Papaver orientale)

Er hatte immer Ende Mai Geburtstag, und ich kann mich tatsächlich nicht entsinnen, dass meine Kollegen und ich an diesem Tag jemals gefroren hätten!
Mein früherer Chef pflegte uns an seinem Ehrentag nachmittags etwas auszugeben, und jedes Mal war er wirklich lange am überlegen, ob er Kuchen oder Eis wählen sollte.
Er selbst war eindeutig und auch ganz offen ein Kuchenbevorzuger, der bei warmen, ofenfrischen Butterkuchen in Verzückung geriet und genüsslich Sahnetorte verzehrte. Nur angesichts der meist herrschenden Hitze, eishungriger Mitarbeiter und einer exzellenten Eisdiele in der Nähe, lief es doch mehrheitlich auf Gefrorenes hinaus.
Es ist leider zu früh verstorben, aber was würde er nur von dieser Veränderung halten, davon, dass man heutzutage an seinem Geburtstag eine völlig andere Wahl treffen muss.
Hühnersuppe oder Grog?
Winterjacke oder Daunenweste?
Schirm oder Regencape?
Ach, Leute, wer war das wieder? Wer hat den Teller nicht leergegessen? Wer war so miesepampig, dass die Sonne aus Protest nicht durchdringt? Wer hat sich wieder mit Petrus angelegt oder Wetten abgeschlossen, dass es kalt bleibt?
Die Eisheiligen sind schon vorbei. Der Winterschlaf der Tiere auch. Die Sommerreifen sind drauf. Die Gartenstühle stehen parat. Die Sommerkleidung liegt vorne an. Ich habe Sonnenschutzcreme im Schrank.
Die wird noch vergammeln!

Ich mag keine sich ewig hinziehenden Kälteperioden. Keine wiederkehrenden Sturzbäche von oben. Ich bin gegen Frühlingsgänsehaut. Ich kann im Mai keine Schals mehr sehen. Ich möchte Stiefeletten erst wieder im Herbst tragen. Selbst Kerzen können nicht ewig fehlendes, echtes Licht ausgleichen!
Stattdessen habe ich Lust auf das Aufblitzen der Sonne zwischen den Zweigen einer blühenden Hecke und Verlangen nach lauer Luft. Verspüre Sehnsucht nach dünnen, leichten Stoffen, die einen umhüllen. Ich möchte mit nackten Füßen über Gras laufen und die Sonne auf meiner Haut fühlen!
Regen ist gelegentlich schön, doch nicht ununterbrochen und dazu in Verbindung mit Kälte!

Manchmal schafft es ein Sonnenstrahl zwischen zwei Schauern, sich einen Weg durch die Wolkendecke zu bahnen. Von ihm lasse ich mich treffen. Am Terrassenfenster. Ich stehe drinnen wohlgemerkt! Dort ist es entschieden wärmer …
Diese Wärme dringt durch den Stoff, sie windet sich um dich herum, sie kitzelt freundlich. Das Schließen der Augen bewirkt das Wecken der (Wunsch-)Träume. Dann riecht es auf einmal nach Maiglöckchen und Waldmeister. Oder von weit her nach Damaszener Rose. Manchmal erscheinen strahlend weiße und tief purpur-blaue, manchmal bunte Blüten.
Und manchmal  träume ich … von Klatschmohnwiesen.

Mai. Los! Komm jetzt! Bitte! Der Mohn hat schon Verspätung!!

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

©Mai 2012 by Michèle Legrand

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