Beiträge getaggt mit Hygieia-Brunnen

Die Alster im Garten, dazu einen Brunnen wie diesen …

Die heutigen Themen? Sagen wir, es geht diesmal einerseits um gerettete Fotografierrechte und andererseits um so etwas wie Wunschdenken bei Hitze. Das alles eingebettet in eine kleine, neue Hamburg-Erkundungstour.

Mittlerweile ist es nach kurzer Unterbrechung erneut ziemlich warm geworden. Daher habe ich diesmal Hamburgs Binnenalster und einen speziellen Brunnen dazu auserkoren, für Abkühlung zu sorgen, denn es heißt, das Gehirn lässt sich überlisten.
Wer jetzt über Sahara, Dürre und sengende Hitze liest oder Bilder von schwitzenden Saunagängern und fackelnden Kaminöfen anschaut, hat sozusagen selbst Schuld. Wer hingegen Wasser – in welcher Erscheinungsform auch immer – betrachtet, leidet gefühlt weniger unter Temperaturen von über 30 °C. Auch eine entsprechende Fotobeschau erfüllt angeblich schon diesen Zweck …
Glücklicherweise darf man ja weiterhin Fotos zeigen!

Sie haben sicherlich kürzlich in den Medien die Berichterstattung über die gefährdete Beibehaltung der „Panoramafreiheit“ verfolgt. Uns drohte plötzlich die Möglichkeit einer Anpassung an weitaus strengere Regeln anderer Länder der EU, was zur Folge gehabt hätte, dass diverse Aufnahmen nicht mehr hätten gezeigt werden können!
Schluss mit alles ist gestattet, solange sich das fotografisch festgehaltene Objekt nur im öffentlichen Raum befindet bzw. von öffentlichen Verkehrswegen aus fotografiert werden kann. (Personen ausgenommen).
Keinesfalls allein die Aufnahmen mit reinem Architekturmotiv, sondern auch im Außenraum entstandene persönliche Fotos mit zufälligen Gebäudebruchteilen im Hintergrund, der Zehe einer Skulptur, die von links ins Bild ragt … und, und, und. All das wäre auf einmal tabu gewesen. Plötzlich ein Ding der Unmöglichkeit – oder zumindest eines, das Anlass zu vermutlich ausufernden gerichtlichen Auseinandersetzungen gegeben hätte.
Und zwar nicht nur für diejenigen (so wiegelten einige Stimmen lässig ab), die Gewinn aus der Verwendung erzielen! Nein, auch als Privatperson mit nicht kommerziellen Absichten wären Sie unter Umständen in die Bredouille geraten – allein das Posten in Sozialen Netzwerken (Rechte werden dabei abgetreten, Einwilligungen gegeben) oder schon das Präsentieren via Blog (öffentlich mit erheblicher Verbreitung, Anzeigenschaltung zwar nicht durch Sie, jedoch durch Ihren Anbieter, Host, die Plattform oder was auch immer) hätte unklare Situationen geschaffen. Abmahnungen hätten Ihrerseits zumindest mühsam abgewehrt werden müssen.
Man stelle sich das einmal vor:
Sie hätten etwas auf Ihrem Foto gehabt, was Sie vielleicht sogar im Hintergrund gestört hätte, aber – wie Häuser es so an sich haben – sie lassen sich nicht wegschieben. Die Zehe der Skulptur haben Sie nicht einmal wahrgenommen! Sie wären meilenweit davon entfernt gewesen, irgendwie Reibach mit ihrem Schnappschuss machen zu wollen, geschweige denn tatsächlich zu machen, doch Sie hätten Kosten und Stress mit Ihren eigenen Fotografien gehabt, weil Sie hätten belegen müssen, dass Sie nichts daran verdienen!

Urheberrecht zu respektieren ist Ehrensache (und Gesetz), ist wichtig, unstrittig, muss eingehalten werden – aber nach einer derartigen Neuregelung hätte man sich nicht nur (die oft überflüssigen) Selfies verkneifen müssen. Das hätte die Welt verschmerzt. Schlimmer wäre gewesen, man hätte überhaupt nichts mehr fotografisch festhalten und bei öffentlichen Texten/Berichten zur Verdeutlichung anfügen können … Und vieles Vorhandene (und Informative) im Netz hätte gelöscht werde müssen.

Nun sind Thema und Entwurf gottlob seit dem 9. Juli 2015 (vorerst) vom Tisch. Und somit darf ich heute nahezu hemmungslos Gebäudeansichten und anderes vor Ihnen ausbreiten.

Hamburg - Binnenalster - Jungfernstieg - Schön bei Hitze: Der Anblick von Wasser und Booten ...

Hamburg – Binnenalster – Jungfernstieg – Schön bei Hitze: Der Anblick von Wasser und Booten …

Sie haben es mittlerweile erkannt, ich war in der City. Dort tobt zurzeit wieder enorm das Leben! Die Schulferien starteten bereits in einigen Bundesländern; Hamburg selbst ist am Donnerstag hinzugestoßen. Sommerzeit, Sonne und blauer Himmel sind grundsätzlich ein beliebter Anlass für Touristen, gleich in großen Scharen die Hansestadt zu erkunden.

Hamburg - City - Anleger Jungfernstieg - Am Wasser lässt es sich gut aushalten ...

Hamburg – City – Anleger Jungfernstieg – Am Wasser lässt es sich gut aushalten …

Wenn es zu anstrengend wird bei der Fülle, lässt es sich in den Nebenstraßen der Altstadt (Bereich zwischen Mönckebergstraße und Ballindamm) besser aushalten. Es ist nicht nur ein empfehlenswerter Ausweichplatz mit wesentlich mehr Beinfreiheit, es gibt dort außerdem eine große Auswahl an Coffeeshops (mit Draußenplätzen), welche Sie direkt in der Mönckebergstraße wenig finden.
Wenn Sie den Hauptbahnhof Richtung Glockengießerwall verlassen, halten Sie sich gleich rechts Richtung Kunsthalle und streifen dann parallel zu den Haupteinkaufsstraßen (Mönckebergstraße und Spitaler Straße) oder entlang der Binnenalster am Ballindamm Richtung Rathaus, Jungfernstieg und Alsterbootanleger.

Hamburg - High Noon am Hauptbahnhof  ...

Hamburg – High Noon am Hauptbahnhof …

Hamburg - Altstadt - Durch ruhigere Nebenstraßen ...

Hamburg – Altstadt – Durch ruhigere Nebenstraßen …

Hamburg - Ampel verhüllt. Darauf der Hinweis: Ampel außer Betrieb!  Soso ...

Hamburg – Ampel verhüllt. Darauf der Hinweis: Ampel außer Betrieb! Soso …

Am Anleger Jungfernstieg entstehen Selbstportraits im Sekundentakt. Coole Location für ein Selfie-Shooting – wie es neudeutsch heißt. Neben einem ansprechend-intelligenten Grinsen ist ein schöner Hintergrund dafür das A und O! Es geht beim Verbreiten dieser Eigenaufnahmen zwar vorrangig um den Wunsch nach Anerkennung, doch die entsteht nicht allein übers Gesicht. Fast genauso wichtig ist, dass jeder Bildempfänger beim Betrachten sofort (neidvoll) erkennt, wo der Absender war. Je präsentabler das Ambiente, je bekannter und beliebter der Ort, umso mehr Aufmerksamkeit und umso höher der Neidfaktor.
Gelegentlich dient es natürlich zur Auffrischung des eigenen Gedächtnisses. Später beim Fotos durchschauen fällt es einem wieder ein: Mensch, guck mal! Hamburg! Da war ich damals … Bloß – ganz ehrlich – die Erinnerung setzt mit Sicherheit auch ein, wenn auf dem Foto nur die Alster (ohne Gesicht) zu sehen ist.

Hamburg - City - Am Anleger Jungfernstieg

Hamburg – City – Am Anleger Jungfernstieg

Schon interessant, oder? Tausende Selbstbildnisse fürs Netz, und das alles hätten sich die Leute jetzt abschminken können. Alsterhaus im Hintergrund? Abmahnung. Den ehemaligen Alsterpavillon mit erwischt? Abmahnung. Die Hausfassaden am Jungfernstieg? Bloß nicht! Am Ballindamm das Gebäude von Hapag Llyod, am Neuen Jungfernstieg das Hotel Vierjahreszeiten? Lieber nicht. Könnte Urheberrechte eines Architekten betreffen. Außerdem stehen auch noch einige Skulpturen in der Gegend …
Die Alsterarkaden? Die sind vielleicht alt genug, dass es risikolos ginge! Moment! Wie ist es nach Umbauten, Veränderungen? Sind die Lampen davor später hinzugekommen? Gelten Sie als Kunstobjekt? Was ist mit dem Denkmal nahe der Schleuse? Und die Schleuse selbst? Die ist neuer als der Rest …

Hamburg - Binnenalster - Von Schwänen eskortiert und Gänsen beobachtet ...

Hamburg – Binnenalster – Von Schwänen eskortiert und Gänsen beobachtet …

Hamburg - Binnenalster - Anleger Jungfernstieg - Blick zum Ballindamm mit Hapag Llyod Gebäude

Hamburg – Binnenalster – Anleger Jungfernstieg – Blick zum Ballindamm mit Hapag Llyod Gebäude

Hamburg - Blick über die Binnenalster Richtung Neuer Jungfernstieg und Hotel Vierjahreszeiten ...

Hamburg – Blick über die Binnenalster Richtung Neuer Jungfernstieg und Hotel Vierjahreszeiten …

Irgendwie schon schön, dass es keine weiteren Einschränkungen beim Fotografieren gibt. So kann ich eines der Häuser sogar heranholen, um Ihnen zu zeigen, dass sein Dach in fester Hand der Möwen ist. An heißen Tagen sitzen sie dort oben und lassen den Wind durchs Gefieder streifen, an kühleren Tagen hocken sie dicht an dicht auf den Flachdächern der Alsterdampfer, die sich bereits bei leichter Sonne angenehm erwärmen. Fußbodenheizung für das fliegende Volk.

Hamburg - Jungfernstieg - Das Dach des Eckhauses an den Alsterarkaden ist Lieblingsplatz der Möwen ...

Hamburg – Jungfernstieg – Das Dach des Eckhauses an den Alsterarkaden ist Lieblingsplatz der Möwen …

In Ermangelung ausreichender Flugkünste bleibt Ihnen und mir so ein Dachfirst zum Herunterkühlen verwehrt. Daher empfehle ich Ihnen alternativ einen Brunnen. Zur direkten Erfrischung – und weil er eine weitere Besonderheit aufweist!
Lassen Sie uns den kurzen Weg an der Kleinen Alster entlang zum Rathaus hinübergehen. Dort im Innenhof befindet sich das gute Stück …

Hier erkennen Sie gleich einen weiteren Grund für den großen Andrang in der Stadt. Den liefert der anstehende Triathlon, der jetzt am Wochenende erneut ausgetragen wird. Wer momentan als Tourist das Rathaus mit seinem Vorplatz fotografieren will, bekommt es nur gemeinsam mit dem Tribünenaufbau, weißen Zelten und Müllboxen vor die Linse …

Hamburg - Rathausplatz - Der Triathlon wirft seine Schatten voraus ... (Tribünen- und Zeltaufbau)

Hamburg – Rathausplatz – Der Triathlon wirft seine Schatten voraus …

Wissen Sie, wo sich dieser schöne öffentliche Briefkasten befindet? Das ist nicht so ein quietschgelber, wie ihn die Deutsche Post üblicherweise aufstellt oder –hängt. Zwei dieser polierten und edel wirkenden Exemplare befinden sich direkt im Eingangsbereich des Rathauses

Edler öffentlicher Briefkasten im Rathaus Hamburg

Im Innenhof ist von den Triathlon-Vorbereitungen hingegen nichts zu ahnen. Hier steht der Hygieia-Brunnen, ein sehr schönes, schon 120 Jahre altes Kunstwerk.
Hygieia. Ein Name, der nicht ganz so leicht hängenbleibt. Der Name Merkur bzw. Merkur-Brunnen wäre eingängiger und fast wäre es auch so gekommen, denn ursprünglich sollte der Handelsgott gleichen Namens die zentrale Figur des Brunnens darstellen. Als Symbol für Hamburg als Hafenstadt mit seinem Seehandel. Börse und Handelskammer gleich nebenan – das hätte gepasst.
Nur gab es 1892 in Hamburg eine fürchterliche Choleraepidemie, und so schwenkte man beim Brunnenbau 1895 kurzerhand um. Man änderte die Hauptfigur in der Mitte und schuf eine Erinnerung an das dramatische Ereignis und an die 8000 Hamburger, die anlässlich der Tragödie ihr Leben ließen. Die Zentralfigur, die Sie sehen, ist nun Hygieia, die griechische Göttin der Gesundheit (und Namensgeberin der Hygiene). Erkennen Sie das Wesen zu ihren Füßen? Den Drachen, den sie tritt? Er steht symbolisch für die besiegte Cholera …

Hamburg - Der Hygieia-Brunnen im Innenhof des Rathauses ...

Hamburg – Der Hygieia-Brunnen im Innenhof des Rathauses …

Die anderen sechs Bronzefiguren, die sich rundherum verteilt am Beckenrand befinden, sagen etwas über die Verwendung und den Nutzen des Wasser aus. Sie erkennen auch, dass das Wasser über mehrere Etagen in Bewegung ist. Aus der Schale, die Hygieia hält, läuft es herab, aus der Brunnenschale wiederum ins Auffangbecken – und es gibt Speier! Das Brunnenwasser ist somit ständig in Bewegung.

Hamburg - Innenhof des Rathauses - Hygieia-Brunnen - Kühles Nass ...

Hamburg – Innenhof des Rathauses – Hygieia-Brunnen (Bildhauer Joseph von Kramer) – Kühles Nass …

Und jetzt kommt das Spezielle! Sehen Sie im Sockel die Öffnungen? Diese Stellen, die mit Ziergittern versehen sind und bogenförmige Abschlüsse haben?
Hier wird ständig die durch das Brunnenwasser heruntergekühlte Luft angesaugt und für die Klimatisierung der Räume im Rathaus genutzt!

Hamburg - Hygieia-Brunnen im Innenhof des Rathauses - Die Öffnungen im Sockel sind gut zu erkennen.

Hamburg – Hygieia-Brunnen im Innenhof des Rathauses – Die Öffnungen im Sockel sind gut zu erkennen.

Vielleicht fragen Sie sich genauso wie ich, inwieweit das möglich ist. Auf der einen Seite ist dort das große Rathaus mit einer respektablen Grundfläche, mehreren Geschossen und einer doch erheblichen Anzahl von Innenräumen, auf der anderen Seite dieser in seinen Abmessungen recht überschaubare Brunnen mit seinen sechs Bogenöffnungen.
Wie soll das funktionieren? Es kommt doch nicht genügend Frischluft für jeden Quadratmeter und Winkel des Hauses! Wie soll ein aufgeheiztes Riesengebäude hinreichend gekühlt werden?
Vielleicht ist ein Wärmetauscher im Einsatz? Möglicherweise reicht es, wenn ständig irgendein Part einer weiteren Anlage durch diesen Brunnen auf niedriger Temperatur gehalten wird – und die angeschlossene Anlage erst klimatisiert den „Rest“ des Hauses?
Wer mir hier als Techniker, Klima-/Brunnenfachmann oder sonstiger Wissender mehr erzählen kann – herzlich gerne! Ich wäre sehr dankbar und erfreut über jede Information!

Nun muss ich allerdings erst einmal meine eigenen Räume daheim herunterkühlen. Wenn man … Im Grunde … Wenn es es richtig bedenke … Ach, wissen Sie was?
Eigentlich hätte ich liebend gern die Alster im Garten und einen ebenso genialen Brunnen zur Kühlung meines Schlafgemachs!

Womit wir wieder beim Ausgangspunkt des heutigen Blogbeitrags angekommen wären:
Hitze und Wunschdenken.

© by Michèle Legrand, Juli 2015
Michèle Legrand - freie Autorin -

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Hamburg: Eindrücke aus der City – Heute: drinnen!

Heute wende ich mich an meine verehrten Blogleser mit der Frage:
Hätten Sie eventuell Lust, ein Stück des Weges mitzukommen? Im Bereich City Hamburg?
Heute geht es um das Eindrücke sammeln in der Mönckebergstraße (Haupteinkaufsstraße) auf dem Weg zwischen Hauptbahnhof und Rathaus inkl. eines Minibesuchs im Rathaus selbst. Mit dabei? Dann los …

Eine Sache ist merkwürdig. Die eigene Stadt wird in puncto Erkunden immer vernachlässigt. Auf Reisen, im Urlaub, bei Stippvisiten aus welchem Grund auch immer  – überall versucht ein jeder, einen Blick auf die Sehenswürdigkeiten oder Charakteristika einer Stadt zu erhaschen. Nur in seiner eigenen kennt er sich nicht so gut aus, da klappt es irgendwie nicht.
Die Stadt ist ja noch länger da, das kann ich immer noch sehen.
Vielleicht ist dieser Gedanke der Hemmschuh, der Aktionsverzögerer. Meist erst dann, wenn Besuch von außerhalb sich ankündigt, wird überlegt, was den Gästen vielleicht gezeigt werden könnte – und auf diese Art und Weise kommt der Einheimische endlich auch einmal selbst in den Genuss des Sightseeings.
Irgendwann fand ich so einen Zustand nicht länger haltbar, und deshalb besuche ich, wenn ich in der Innenstadt von Hamburg zu tun habe und ein bisschen Restzeit übrigbleibt, gern ein paar spezielle Stellen (wahlweise):
a) die ich überhaupt noch nicht sah
b) die ich mag und einfach wieder einmal sehen möchte
c) die mir im Vorbeigehen an einem Tag auffielen, als keine Zeit für einen Stopp war
d) die mich gerade just in diesem Moment heftig anziehen.
Was soll ich denn machen, wenn ich gelegentlich harmlos auf dem Gehweg promeniere, sich die schwere Tür eines alten, großen Kontorhauses öffnet, jemand heraustritt und ich … hineinhusche? Diese Anziehung.
Passiert …
Oft sind es sowieso öffentliche Einrichtungen. In dem Fall jedoch, wenn nur Büros und noch nicht einmal Geschäfte im Gebäude sind, geht es üblicherweise ausschließlich über die Anmeldung per Klingel hinein. Bedauerlicherweise kenne dort aber keinen!
Ich schaue in diesem Fall immer sehr gelassen den Heraustretenden an, so dass er automatisch davon ausgeht, die (ich) muss hier hin. Ich lächle freundlich-harmlos  und stelle fest:
„Ach, das trifft sich ja gut …!“
Die Tür wird aufgehalten, und ich besänftige den Anflug von schlechtem Gewissen damit, dass es ja nicht gelogen war.
Das Risiko für solch eine Art von Hausfriedensbruch ist bei Sonnenschein geringer, denn dann gibt es draußen Verlockendes. Allerdings spielte vorgestern das Wetter leider gar nicht mit. Viele Orte sind grundsätzlich zwar auch bei Regen reizvoll, doch sobald Platzregen einsetzt, hört deren Charme auf einmal recht schnell auf.
Ich habe mich an diesem Tag auf die besagte Art in ein Haus in der Mönckebergstraße Höhe Gerhard-Hauptmann-Platz geschummelt.
Ich stelle nichts an, ich stehe nur auf die alten Treppenhäuser! Die riesig dimensionierten Treppenaufgänge, die oftmals noch alten und verschnörkelten Geländerstreben und deren Handläufe, die Zwischenpodeste, die es bei den Treppen gibt, weil die Geschosse so hoch sind, dass die Treppe (mitunter mehrmals) geteilt werden muss. Dazu kommen der Klang, der Hall, der Geruch, das Licht. Alles ist speziell.

Hamburg, Mönckeberstraße, modernisiertes Kontorhaus, Treppenhaus

Mönckebergstraße, das Treppenhaus eines modernisierten Kontorhauses

Ich war auch diesmal angenehm überrascht. Das Haus wurde zwar grundlegend modernisiert, so dass jetzt schlichtere Formen vorherrschen, doch die Großzügigkeit ist geblieben. Der blankgeputzte Lauf des Geländers glänzte wie Silber, und das Ersteigen der Stufen  wurde interessant durch viele Bilder, die zwischen den Geschossen aufgehängt waren.
Alte Ansichten von Hamburg, der Alster, den Arkaden, einem Alsterdampfer, berühmten Backsteinbauten. Wirklich schön gemacht. Wenn ich oben angelangt bin, schaue ich immer über das Geländer hinunter in die Tiefe. In diesen Häusern, ist wirklich noch jedes einzelne Stockwerk bis unten zu sehen und jedes Mal staune ich, wie viele Stufen beim Erklimmen zusammengekommen sind! Man merkt es nicht während des Erkundens.

Hamburg, Kontorhaus in der Mönckebergstraße, im Treppenhaus hängende Bilder, Alster-Arkaden

Im Treppenhaus hängt eine alte Ansicht der Alster-Arkaden

Diesmal tritt oben ein Herr aus einem der Büros. Er sieht mich über dem Geländer hängen.
„Fallen Sie nicht runter!“ Er schaut aber nicht sehr besorgt aus.
„Bin doch schon groß …“ beruhige ich ihn trotzdem.
„Kann ich Ihnen helfen? Wollen Sie zu Notar X?“, lautet nun die Frage.
Damit, dass Leute auftauchen, muss ich natürlich immer rechnen.
„Vielen Dank, aber ich bin schon fertig. Ich bewundere nur noch das Treppenhaus.“
Er guckt erstaunt.
Selbstverständlich gibt es dort auch einen Fahrstuhl. Der Herr drückt den Knopf, denn er möchte abwärts. Der Lift kommt, die Türen gleiten auf. Er wartet. Auf mich.
„Möchten Sie nicht mit?“, kommt es – leicht überrascht -, weil ich keinerlei Anstalten mache, mich vom Geländer zu entfernen.
„Oh, nein! Vielen Dank, sehr freundlich, aber ich nehme lieber die Treppen.“
„Zu Fuß? Die ganzen Stockwerke?“
„Sie haben hier sehr schöne Bilder an den Wänden.“
„Ich achte da gar nicht mehr so drauf. Na, denn …“
So ist es tatsächlich. Die Gewohnheit lässt das Besondere irgendwann blasser und blasser erscheinen. Wer weiß, wie lange er schon nicht mehr das Treppenhaus benutzt hat.

Rathaus Hamburg, Eingang über den Rathausplatz, Türwappen

Der Eingang zum Rathaus (Rathausdiele) über den Vorplatz

Als ich guter Dinge wieder vor die Tür trat, war es mit dem Regen allerdings keinen Deut besser. Oder doch, aus seiner Sicht. Es regnete intensiver. Es waren die Spaziergangsumstände für mich, die sich nicht verbessert hatten. Das sprach für einen schnellen nächsten Stopp. Im Rathaus – soweit man dort ohne offizielle Führung hinein darf. Ich war lange nicht in der Diele, der großen Säulenhalle. Zurzeit steht dort natürlich ein riesiger, geschmückter Weihnachtsbaum mit überdimensionalen Kugeln und Engelsfiguren.

Rathaus Hamburg, Diele (Säulenhalle)  mit geschmücktem Weihnachtsbaum

Die Diele (Säulenhalle) des Hamburger Rathauses mit geschmücktem Weihnachtsbaum

Schnell die seitlichen Treppen (rechts geht es zum Senatsflügel, links zur Bürgerschaft) erstiegen, um dort wieder Geländer und alte Lampen zu bewundern und um zu schauen, ob es die alte Fahrstuhltür immer noch gibt. Alles beim Alten. Die Tür ist nicht besonders hoch. Ein Herr, der hier offensichtlich arbeitet und den Lift gerade benutzen will, muss den Kopf einziehen beim Einsteigen.
Der Blick hinaus in den Innenhof zeigt, dass der Hygieia-Brunnen auch im Regen schön aussieht.

Rathaus Hamburg, der Hygieia-Brunnen im Innenhof

Hygieia-Brunnen im Innenhof des Hamburg Rathauses

Es wirkt so, als hätte der Niederschlag gerade etwas nachgelassen, deshalb entscheide ich mich, den Weg zurück Richtung Hauptbahnhof anzutreten.

Ich wusste es. Es gab noch ein Gebäude, das ich wieder einmal betreten wollte. Ebenfalls in der Haupteinkaufsstraße, der Mönckebergstraße, gelegen, befindet sich das Levante-Haus. Ein sehr schöner, großer alter Bau, der zwischen 1995 und 1997 von einem Kontorhaus mit Innenhöfen zu einer Passage mit Geschäften umgebaut wurde, und in dem nun auch das Hotel Park Hyatt beheimatet ist. Beim Levante-Haus wurde im Grunde nur noch die Fassade erhalten sowie das Dach rekonstruiert (beides unter Denkmalschutz). Ansonsten wurde entkernt, die Kellerdecke abgesenkt, um einen ebenerdigen Zugang zu schaffen, Geschosse wurden verändert und aufgestockt, an der Stelle der ehemaligen Innenhöfe ist jetzt die Einkaufspassage (verglast). Alte Originalelemente wurden jedoch an einigen Stellen wieder verwendet, so dass der ursprüngliche Stil wirklich noch zu fühlen, greifbar ist.

Levante-Haus, Eingang Mönckebergstraße, Zentaur-Skulptur von Barry Baldwin

Am Eingang zum Levante-Haus in der Mönckebergstraße wartet der Zentaur …

Bereits über dem Eingangsportal an der Straße empfängt einen eine Zentaurenfigur, ein Stück weiter folgt ein Durchgang, der von Elefantenköpfen ‚bewacht’ wird.

Elefanten-Skulptur über dem Durchgang ins Levante-Haus (Barry Baldwin)

Schon jetzt fällt auch hier der Blick auf einen Weihnachtsbaum. Er ist anders geschmückt als vor einem Jahr. Befindet man sich direkt an seinem Standort, fehlt an dieser Stelle die Decke zwischen Erdgeschoss und Obergeschoss und man kann hinaufschauen. Das Auge erblickt als Einfassung des Durchlasses einen Rundfries, der Tierfiguren darstellt. Affen, ein Elefant, ein Tintenfisch, Raubkatzen, verschiedene Vögel, vieles mehr. Es handelt sich um vom Aussterben bedrohte Tierarten, die der englische Künstler Barry Baldwin in zweijähriger Arbeit dort formte. Die Arbeit und das Arrangieren der einzelnen Figuren war so anstrengend für Hals und Nacken,  dass es ihm bis heute zu schaffen macht und er das Projekt daher in nicht besonders guter Erinnerung hat. Von ihm stammen auch die beiden zuvor erwähnten Figuren an den Eingängen.

Levante-Haus, Fries von Barry Baldwin, bedrohte Tierarten

Levante-Haus Hamburg, Fries von Barry Baldwin (Affen)

Levantehaus Hamburg, Fries von Barry Baldwin, bedrohte Tierarten (Tintenfisch)

Levante-Haus Hamburg, Fries von Barry Baldwin (Tintenfisch)

Des Weiteren gibt es im Haus Wandmalereien („Evolution der Menschheit“) und ganz oben im  7. OG ein künstlich beleuchtetes Bleiglasfenster – gestaltet von der deutschen Malerin Ada Isensee.  Alles wunderschöne Kunstwerke – und quasi vor der eigenen Haustür!
Als ich eine Aufnahme der von Baldwin geschaffenen Tiere machen wollte, stand ich hinter der Weihnachtstanne und arbeitete mich auf der Suche nach dem günstigsten Fotografierwinkel um sie herum vor. Von der anderen Seite hatte ein japanisches Pärchen genau die gleiche Idee. Irgendwann trafen wir aufeinander, hatten uns gegenseitig im Bild, stutzten, setzten ab und entschuldigten uns fürs gegenseitige Stören. Ganz automatisch übernahm ich die Verbeugungen, die die japanische Dame mir gegenüber machte. Als sie bemerkte, dass ich offenbar eine ganz harmlose Deutsche bin, lächelte sie etwas entspannter. Er fotografierte sie, sie fotografierte ihn und irgendwann fragte ich, ob sie nicht zusammen auf ein Foto möchten. Strahlende Gesichter, der Fotoapparat wurde mir anvertraut, eine Aufnahme – na, noch eine, falls die erste nichts wurde. Wieder folgten Verbeugungen und gute Wünsche. Unsere Fotosession war danach allgemein beendet und meine freie Zeit in der Stadt ebenfalls.
Ich machte mich auf den Heimweg und fand die kleinen Stopps inkl. Treppenhauserkundung wieder einmal sehr erbaulich.

Hamburg hat also interessante Treppenhäuser in seinen imposanten alten Kontorbauten, in denen oft sogar noch viele alte Elemente erhalten sind, es hat ein sehr schönes Rathaus, dessen richtig prachtvolle Säle man erst bei der Führung zu sehen bekommt und mehrere gut gelungene Um- und Ausbauten von Häusern (-> neue Passagen) jeglicher Art mitten in der City! Ein anderes Mal mehr davon.
Für heute ist der Gang beendet, vielleicht ist beim nächsten City-Besuch wieder jemand mit dabei – via Blog! ;)

Zum Abschluss noch einige  Zusatzfotos, Hinweise und Links für diejenigen, die mehr Information zu den genannten Bauten oder Künstlern möchten. Wikipedia hat einen umfangreicheren Eintrag sowohl über das Rathaus als auch über das Levante-Haus.
Mehr Information  über den Bildhauer Barry Baldwin findet sich hier:
http://www.baldwinsculptor.com/html/levantehaus.html
Ein Bild des Bleiglasfensters von Ada Isensee gibt es hier zu sehen:
http://tinyurl.com/6wmtfr5
Der Hygieia-Brunnen des Rathauses wird hier näher beschrieben:
http://www.hamburgwiki.de/wiki/Hygieia-Brunnen
Schöne Einblicke in die Rathausdiele werden hier gezeigt:
http://www.cekora-web.de/rathausdiele.htm

Rathaus Hamburg, Innenhof im Regen, Blick auf die Renaissance-Fassade sowie Hygieia-Brunnen

Der Innenhof des Hamburger Rathauses im Regen. Blick auf die Renaissance-Fassade und auch hier der Hygieia-Brunnen mit im Bild.

Rathaus Hamburg, Diele, Aufgang zum Senatsflügel

In der Diele des Hamburger Rathauses. Der Aufgang zum Senatsflügel.

Rathaus Hamburg, Diele, Fahrstuhltür am Aufgang zur Bürgerschaft

Fahrstuhltür in der Diele des Hamburger Rathauses (am Aufgang zur Bürgerschaft)

Rathaus Hamburg, Treppenaufgang aus der Diele zur Bürgerschaft, Lampen

Rathaus Hamburg, der Aufgang aus der Diele zur Bürgerschaft mit schönen alten Leuchtern

Rathaus Hamburg, Diele, einer von zwei Wandbrunnen links und rechts des Eingangs

Rathaus Hamburg. einer von zwei Wandbrunnen in der Diele (links und rechts des Eingangs). Sie wurden 1897 in der Kunstgießerei Lauchhammer angefertigt. Zwischen 8 und 19 Uhr spenden sie Trinkwasser (nach Senatsrechnung kosten die Speier pro Jahr 3.388 Euro)

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