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Der Lustmolch – Eine untypische Adventsgeschichte

Er beobachtete sie.
Sie saß vier Tische entfernt von ihm. Sie wirkte entspannt und löffelte hingebungsvoll den Milchschaum von ihrem Cappuccino. Sie schob in Zeitlupe den Löffel in ihren Mund, schloss verzückt die Augen und bevor sie ihn wieder hinauszog, drehte sie ihn offenbar um, um mit der Zunge jeglichen Rest aus dem Löffel herauszuschlecken. Die Zungenspitze kreiste am Ende, wenn der Löffel schon längst erneut auf dem Weg zum Nachschlag holen war, ganz kurz einmal über Ober- und Unterlippe …
Allein beim Zusehen passierten mit ihm wundersame Dinge. Er war neidisch auf ihren Cappuccino, er konnte nicht wegsehen, es machte ihn an, und er fragte sich wieso. So ganz neu war es für ihn nun auch nicht …
Er winkte dem Ober zu. Es war der Richtige.
„Einen Espresso, bitte.“
„Sehr gerne, der Herr.“
Oh, freundlich heute, und offenbar erinnerte er sich auch nicht an die Szene von vor einer Woche. Vielleicht musste er nachhelfen …
Er schaute wieder zu dem anderen Tisch hinüber. Die Frau hatte ungefähr sein Alter, und sie war sein Typ. Sie war ladylike und mädchenhaft in einem. Sie wirkte geheimnisvoll, doch zugleich auch unschuldig. Sie hatte einfach etwas, das ihn sehr anzog, magisch anzog.
Der Ober näherte sich mit seinem Getränk.
Richard verwickelte ihn in ein Gespräch. Eventuell erkannte dieser seine Stimme wieder.
„Könnte ich vielleicht noch extra Zucker bekommen? Ich mag es gern süß.“
Er hatte auch letztes Mal danach gefragt.
Der Kellner schaute ihm jetzt ins Gesicht. Richard meinte, ein Wiedererkennen zu beobachten.
„Natürlich, ich bringe Ihnen gleich noch eine weitere Portion.“
„Das ist sehr freundlich. Haben Sie nicht neulich auch an diesem Tisch hier bedient?“
„Sicher. Ach, jetzt erinnere ich mich. Sie waren ja hier in Begleitung …“
Der Groschen war gefallen, und Richard bemerkte den urplötzlich auftretenden Unwillen, das leicht Abschätzige im Blick des Gegenübers. Dieser verzog sich nun, um das Gewünschte zu besorgen.
Richard war immer noch sauer, und gleichzeitig musste er grinsen. Am vergangenen Sonntag hatte er hier mit Mara gesessen. Er hatte sie gerade vom Flughafen abgeholt und weil ihr Magen lautstark geknurrt hatte, hatten sie hier angehalten, um eine Kleinigkeit zu essen. Sie hatte sich unbändig gefreut, ihn nach einem halben Jahr Aufenthalt im Ausland wiederzusehen und hatte ihn immer wieder herzlich berührt. Seine Hand zu sich hinübergezogen, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, ihn angestrahlt.
Er war 45 und hatte es sehr genossen, von einer hübschen, jungen Frau so angehimmelt zu werden. Mara war inzwischen 19. Und seine Tochter. Sie unterhielten sich über eine Klingel, die Mara aus Montreal mitgebracht hatte, weil sie den Klingelton einfach liebte.
„Kannst du mir helfen, sie zu montieren? Ich komme mit den vielen Kabeln nicht zurecht, und mir fehlen auch noch Schrauben und Dübel.“
Der Ober war in dem Moment an den Tisch gekommen, als er ihr antwortete:
„Klar, Kleines, ich besorg es dir.“
Mara hatte ihm eine Kusshand zugeworfen.
Der Kellner musste es wohl irgendwie in den falschen Hals bekommen haben. Er schaute indigniert, sein Verhalten wurde kühl und kühler, passend zum Anstieg der offenbar mit ihm wild durchgehenden Fantasie. In seinem Kopf schienen sich Sätze zu formen wie:
Dass die alten Knacker immer mit den jüngsten Mädels herummachen müssen!
Er hatte auch Mara anschuldigend und leicht verächtlich angesehen.
Was willst du mit dem? Ausnehmen?
Als Richard und Mara bemerkt hatten, was falsch lief, hatte er gerade den Weg in die Küche angetreten, und es war  ihnen zu müßig, sich zu verteidigen und alles klarzustellen. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal geglaubt.
Als sie ihre Garderobe holten, schaute der Angestellte demonstrativ weg. Im Hinausgehen hörten sie seine Bemerkung zu einem Kollegen an der Bar.
„Der ist wohl im zweiten Frühling! Widerlich!“
Sie waren verärgert gewesen. Mara hatte draußen vor der Tür jedoch schon wieder gelacht, und als sie bemerkte, dass ihr Ober sie von drinnen durchs Fenster hindurch immer noch im Blick hatte, hatte sie ihn besonders eng an sich herangezogen und ihm ins Ohr geflüstert:
„Papa, du musst jetzt tierisch verliebt tun. Dann kriegt er drinnen einen Anfall.“

Er hätte es dabei bewenden lassen können, aber es hatte ihn gewurmt.
Was bildete der sich eigentlich ein? Sich als Moralapostel aufzuspielen!
Das war das eine. Das andere, weitaus Schwerwiegendere war, dass er IHM zugetraut hätte, es in seinem Alter mit einem Teenager zu treiben! Das schrie nach Revanche.
Seine Frau reagierte auf die Geschichte anfangs wie Mara. Sie lachte sich schlapp, bis sie merkte, dass diese Sache ihn getroffen hatte.
Es hatte ihn in seiner Ehre getroffen!

Nun saß er ein weiteres Mal hier. Schön, sein Kontrahent hatte ihn wiedererkannt.
Wo blieb denn jetzt der Zucker? Mit den voreiligen Schlüssen schien er schneller zu sein …
Sein Blick wanderte wieder hinüber zu der Frau. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte leicht und rührte dann wieder in ihrer Tasse. Sie setzte sich etwas schräger auf ihren Stuhl und schlug die Beine übereinander. Ihr Rock verrutschte.
Er schluckte. Das war ein … netter Anblick! Oh ja.
Der Ober kehrte zurück.
„Ihr Zucker.“
Das Wiedererkennen schien die Verwendung kürzerer Sätze in Gang gebracht zu haben.
Das kann ich auch, dachte Richard.
„Danke.“
Bevor der Kellner  jedoch verschwinden konnte, winkte er ihn näher zu sich heran und fragte sehr vertraulich:
„Kennen Sie die Dame dort drüben am Tisch?“
Sein Kopf nickte leicht in die richtige Richtung. Der Ober sah hinüber, antwortete jedoch nicht, sondern sah ihn nur fragend an.
Richard bemühte sich um einen jovialen Tonfall:
„Nun, unter uns Männern: ist schon ein Klasseweib, oder? Kennen Sie ihren Namen? Ich würde sie gern näher kennenlernen.“
Der andere schnappte nach Luft.
Reicht dir deine junge Gespielin vom letzten Mal nicht mehr, du Lustmolch?
Richard meinte, diese Worte auf seiner Stirn geschrieben zu sehen. Er wartete auf eine Antwort, die nun auch mit zitronensaurer Miene und leicht zusammengebissenen Zähnen kam:
„Ich kann Ihnen keinen Namen nennen, und es tut mir leid, ich glaube nicht, dass die DAME Interesse an Ihnen hat!“
Bingo! Richard hatte es vorausgesehen.
„Wetten doch?“
Er grinste sein schmierigstes Lächeln.
Der Ober starrte ihn an.
„Warten Sie  einen Moment“, instruierte er den Mann, kritzelte ein paar Worte auf einen kleinen Zettel, faltete ihn zusammen und reichte ihn hinüber. „Geben Sie ihn bitte der Dame! Wären Sie so nett?“
Sein Gegenüber war hin- und hergerissen. Schließlich nahm er, innerlich wutschnaubend, die Notiz und stampfte Richtung Richards Herzkasper verursachender Lady.
„Das soll ich Ihnen von dem Herrn dort drüben geben …“, kam es gepresst.
Richard beobachte die Szene.
Die Dame schaute anfangs überrascht, zögerte leicht, entfaltete dann den Zettel, las und lächelte schließlich. Sie entnahm ihrer Handtasche einen Stift und schrieb eine Antwort. Dann faltete sie das Blatt sorgsam wieder zusammen und wandte sich dem noch neben ihr stehenden Kellner zu. Sie reichte es ihm sehr charmant und fragte überaus gewinnend:
„Wären Sie so nett …?“
Dabei zeigte hinüber zu Richard. Der Ober bekam eine ungesunde Gesichtsfarbe, doch tat er, wie sie ihm geheißen. An dessen Platz angekommen, drosch er die Nachricht auf die Tischplatte.
Richard strich den Zettel glatt und legte ihn so vor sich, dass der Kellner ihre Antwort mitlesen konnte, mitlesen musste!
Ich finde sie auch enorm sexy! Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Ihnen gehen? Ich bin verheiratet.
Richard unterdrückte ein Grinsen.
Der Kellner konnte es nicht fassen!
Sie war inzwischen aufgestanden, kam leicht wiegenden Schrittes herüber, beugte sich am Tisch zu ihm herab und hauchte:
„Wollen wir …?“
Richard griff nach ihren Fingern, schaute ihr tief in die Augen und deutete einen Handkuss an.
„Gerne“, erwiderte er mit sonorer Stimme.
Er stand auf, holte seine Jacke, half ihr in ihren Mantel. Er liebte ihr Parfum und sog tief die zarte Duftwolke ein, die sie umgab.
Währenddessen kam der Ober zur Besinnung.
„Sie haben noch nicht bezahlt!“ Das galt für beide.
„Ich zahle“, entschied Richard.
„Zusammen?“, vergewisserte sich der Kellner.
„Ja“, bestätigte Richard und die Dame honorierte es mit einem: „Oh, ein Gentleman!“
Richard hatte das Gefühl, der Angestellte konnte gerade noch ein angewidertes Gentleman? Der? unterdrücken.
Richard und seine Eroberung wendeten sich der Tür zu. Der Kellner begleitete sie ein Stück, machte aber keine Anstalten, sie ihnen zu öffnen. Die Dame drehte sich leicht zu Richard und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Lange. Dann sagte sie:
„Schatz, sag es ihm! Tu es – bitte!“

Richard seufzte. Natürlich musste wieder einer weich werden!
Er wandte sich um und murmelte etwas missmutig:
„Ich soll Sie von meiner Tochter grüßen. Das ist die junge Dame, die vor einer Woche mit mir hier gegessen hat. Ach ja, und meine Frau und ich“, Richard wies auf seine Begleitung, „wir wünschen Ihnen natürlich noch einen schönen 1. Advent!“
Das Auf Wiedersehen ließ er weg …

Vor der Tür hakte sich Helen bei ihm ein. Sie strich die Falten auf seiner Stirn glatt.
„Richard, schau mich an! Hör auf zu grummeln!  Das war kein Spiel verderben! Du wolltest ihm eine Lehre erteilen. Es wird ihm so viel mehr zu denken geben, glaub mir, mein Schatz! Außerdem ist jetzt dein guter Ruf wiederhergestellt.“
Sie knabberte sanft an seinem Ohrläppchen. Er stöhnte, zog sie dann allerdings forsch mit sich.
„Was …?“, fragte Helen irritiert.
„Ich habe gerade festgestellt, dass mein Ruf akut wieder in Gefahr ist, wenn wir nicht sofort nach Hause fahren …“

Ende

(NEU: Auch als Podcast! )
Den  Lustmolch gibt es jetzt auch in der Audioversion. Technisch bedingt besteht dieser Hörbeitrag  aus drei Teilen.
Sie werden auf die Seite von Audioboo geleitet. Es ist kein Download erforderlich, es verursacht Ihnen keinerlei Kosten!
Sie brauchen lediglich den Pfeil anzuklicken.
Viel Vergnügen!

http://audioboo.fm/boos/1114945-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-1
http://audioboo.fm/boos/1114947-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-2
http://audioboo.fm/boos/1114951-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-3

Michèle Legrand - Kurzgeschichte im Blog - Der Lustmolch - eine etwas andere Adventsgeschichte©November 2011 (Podcast 2012)  by Michèle Legrand

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2 Kommentare

Miss Supertype

Miss Supertype – Die Werbesingle aus dem Jahr 1983

Miss Supertype als Podcast (unter dem Artikel die Audiobeschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher sowie der Song als Audio-Datei)
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_980553 Teil 1

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976579 Teil 2

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976587 Teil 3

Ich habe das Bloggen ein wenig vernachlässigt, da ich momentan an etwas anderem schreibe, stelle jedoch soeben fest, dass ich jetzt einfach nicht daran vorbeikomme, denn heute schlug das Schicksal erbarmungslos zu!
Auf der Suche nach amtlichen Unterlagen, zog ich irrtümlich einen falschen Ordner aus dem Regal und fand unter ‚O’ uralte Papiere. Ein Blick auf das Rückenschild des Ordners verriet: Aha, daneben gegriffen! Dieser Ordner enthielt nicht den Behördenschriftverkehr und Rechnungen, sondern Berufsinfos, Firmeninfos und alte, aus nostalgischen Gründen aufbewahrte Dinge aus diesem großen Bereich. Zum Beispiel den Schriftwechsel mit Olympia International  (Olympia Werke, Wilhelmshaven). Diese Firma gibt es seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrtausends nicht mehr, nur der Markenname Olympia existiert noch (und eine Holding).

Ich erwähnte es bereits einmal im Blog, es gab eine Zeit, da es für mich sehr wichtig war, zusätzliches Einkommen zu erzielen. Ich habe es auf sehr viel verschiedenen Wegen getan. Schon während der Schule und der Ausbildung gab es die Arbeit in der Konditorei, die Büroeinsätze über ein Zeitarbeitsunternehmen, Nachhilfeunterricht u.v.m.
Neben meiner regulären Tätigkeit im Büro, arbeitete ich ab 1982 mehrere Male auch auf der Hannover Messe, die ein paar Jahre später (1986) in CeBit umbenannt wurde. Als Messehostess.
Nichts Anrüchiges in diesem Fall, es ging lediglich um die Präsentation von neuen Büromaschinen und generell neu entwickelten Produkten der Firma Olympia. Man war zuvor zufrieden mit mir gewesen, und so kam 1983 ein Brief, in dem man mich erneut um Mitwirkung bat.
Zu dieser Zeit hieß moderne Bürotechnik meist die nächste Generation von Schreibmaschinen, Tischrechnern, etc.,  während Computer noch ein wenig in den Startlöchern scharrten.
Es gab schon  das System Boss  und auf dieser Messe die Erweiterung Boss X8 (Plattenlaufwerk 10 MB Festplatte, 10 MB Wechselplatte) mit dem Betriebssystem Prologue. Als Programmiersprachen dienten Basic, Bal, Cobol, Fortran, Pascal. Dazu noch den Boss ‚People’, der mehr für die Allgemeinheit als fürs Office gedacht war. Alles war in den Anfängen …

Man stelle sich bitte die Zeit vor: vorwiegend Schreibmaschinen; Männer gab es wenig an den verfügbaren Geräten, denn Männer ließen schreiben. Es war ihnen zu mühselig auf den existierenden Maschinen, und aus heutiger Sicht kann man es fast verstehen.
Sich verschreiben war ungünstig. Nach Kugelkopf– war man nun bei Typenradmaschinen, und moderne Geräte hatten natürlich schon ein Korrekturband, welches auch für kleine, sich einschleichende Tippfehler reichte.
Nur, wenn sich ein Satz komplett änderte oder eine neue Situation Änderungen mit sich brachte, gab es lediglich eine Möglichkeit: neu anfangen. Auf einem neuen Blatt, mit Durchschlag möglichst, denn Kopien waren noch teuer.
Pech, der Durchschlag wird dummerweise nicht mit korrigiert. Nur überschrieben. Ein unschönes, schwarzes Gekrakel, das den Leser anstarrt. Zu so etwas hatten Männer selbstverständlich noch weniger Lust.
Durchschläge verschönern mit Radierstift!
Die von ihnen produzierten schwarzen Flecke waren generell noch dunkler. Als Ursache hierfür zählt das von ihnen bevorzugte Schreiben nach Adlersuchsystem. Hierdurch entstand ein so heftiger und brutaler Anschlag, dass der dahinter liegende Durchschlag gleich mit durchschlagen wurde.
LOCH!
Nein, nein, da konnten die Frauen ran … Und damit komme ich wieder zur Messe.

Der Kontakt. Man will mich wieder … ;) Und weil ich weiblich bin, bekomme ich auch ein zusätzliches ‚e‘ beim Nachnamen (Nein, nicht Lagrande, aber immerhin ;)

Die erste Vorstellung bei und für Olympia Anfang der 80er Jahre fand in einem Hotel in Hamburg statt. Rekrutierung.
Da gab es ziemlich abschätzende Blicke!
Heute würde höchstwahrscheinlich gleich eine Frauenbeauftragte auf der Matte stehen. Größe, Gewicht, Figur, Haare, Zähne, Nägel – Fleischbeschau. Wer den ersten Teil überlebt hatte, durfte zum „Recall“, wie man heute sagen würde. Das Interview übernahm ein Herr mit enormem Bauchumfang, der heftig schwitzte.
Es wurde gebohrt und gelöchert:
„Vom 10-Finger-System kann ich ausgehen, ja?  Haben Sie technisches Verständnis? Können Sie Sprachen? Wie viele? Sind Sie kommunikativ, belastbar? Überstunden sind kein Thema, oder? Sind sie diskret?
Bitte?
War ich doch etwa an etwas anderes geraten?

Nein, es ging nur um Verschwiegenheit hinsichtlich firmeninterner Informationen. Irgendwann war auch das vorbei.
Bestanden! Warum frau das mitmacht?
Weil der Job selbst gar nicht schlecht ist und weil sie für damalige Zeiten den sehr hohen Lohn von DM 140,– pro Tag bezahlten. Bei zehn Tagen Messe (inkl. der bezahlten Schulungstage), war das eine ganz schöne Stange Geld. Es fiel nicht so schwer, die Vertragsbedingungen mit einem relativ milden Lächeln zu quittieren (siehe Brief –  z. B. Thema Frisur, Kleiderregel). Ich fühle mich heute übrigens nicht mehr an die Diskretion gebunden, und da das Werk nicht mehr existiert, kann es wohl auch keinen wirklich erschüttern.

Die Konditionen, Seite 1

1983 war ich also erneut dort. Diesjähriges Messehiglight: eine neue Schreibmaschine, mit dem reichlich selbstüberzeugtem Namen Supertype.
Der Clou waren LCD Display & Memory. Oberhalb der Tastatur  erschien eine gewisse Anzahl der Zeichen im Display und ggf. konnten diese noch geändert werden – vor dem Ausdruck auf das Papier!
Innovation und schier wahnsinnige ‚editing’ Möglichkeiten …^^
Mir hatte man mir diese Supertype aufs Auge gedrückt („Sie sind unsere Miss Supertype!“) und zusätzlich die Eurotype, eine weiteres Gerät, das – man höre und staune – Sonderzeichen besaß, mit denen sich sämtliche Sprachen im Euroraum darstellen ließen. Fehlte einem früher die Tilde, die Welle auf dem N im Spanischen oder der kleine Kreis auf dem A im Skandinavischen (bolle-Å) – kein Problem, jetzt kam die Eurotype und löste all Ihre Probleme.
Fortschritt. Messeneuheit. Luftsprung. Wahnsinn.

Messeausweis für das Fräulein…

Ein paar Tage vor der Abreise nach Hannover erhielt ich per Paket meine Kleidung. Einen Hosenanzug. So schlecht geschnitten, dass selbst die (bekanntermaßen leidenden) deutschen Olympiateilnehmer immer wesentlich bessere Modelle hatten. Die Farbe würde ich als killendes lachs-rost-matthellbraun bezeichnen. Nicht nur die lange Anzugjacke, sondern auch die Hose selbst war gefüttert, was eklig an den Beinen klebte. Eine formschöne (Sie hören mein Räuspern?), cremefarbene Bluse mit Stehkragen, hochgeknöpft, vollendete das geschmacksverirrte Outfit.

Die Frisur muss sitzen…

Nun, die nächsten zehn Tage war dies mein Opfer, das ich für 140 DM Tageslohn bringen musste. Das Namensschild daran machte es auch nicht schicker. Fräulein Legrand war dort zu lesen.
Ja, damals musste das noch erwähnt werden!
Nein, nicht Frau, Fräulein bitte!
Ich glaube, heute bevorzugen wir Vor- und Nachnamen mit Angabe der Funktion im Unternehmen. Wobei die Mehrzahl der Leute ulkigerweise plötzlich Manager oder Vice-President ist …

Die Messe war gut besucht. Die Arbeit machte Spaß, und die Zeit verging schnell. Ich kam allerdings nie vom Messestand weg, sah also auch nie etwas anderes als den eigenen Olympia-Bereich. Ich liebte das Internationale, die vielen Sprachen, die interessierten Besucher. All die Gespräche, die zustande kamen. Gut, dass die Olympia-Chefs nicht immer mitbekamen, dass es manchmal um etwas ganz anderes ging, als ausschließlich die grandiose, exzeptionelle  Supertype.
Ich ließ mir vom Grand Canyon Nationalpark erzählen, vom Lachsangeln in Norwegen (darauf kamen ein Besucher und ich  durch die „todschicke“ Farbe meines Anzugs, die auch dem Gast aufgefallen war.
„Tragen Sie diese Farbe privat auch?“
Es kam Prominenz an den Stand. Es hieß, es würde gefilmt werden. Dies bewog eine Kollegin, an diesem Tag ihre Privatkleidung anzuziehen. Man möchte ja vorteilhaft aussehen. Als  Folge wurde ihr wurde sofort und fristlos gekündigt. Abreise am Abend. Harte Sitten, aber es stand ja im Vertrag (Kleiderordnung).

Wie gesagt, die Zeit verflog. Abends fuhr ich leicht geschlaucht vom außerhalb gelegenen Messegelände per Straßenbahn zurück in die Stadt zur Pension mit der burschikosen Zimmerwirtin. Mehr als ein Privatzimmer hatte Olympia für das Messepersonal nicht eingeplant. Das Zimmer war jedoch sauber und ordentlich, nur das Bad leider für mehrere und im Flur.
Ansonsten gab es damals ausschließlich männliche Gäste.
Mein Vorteil!
Zum einen bewachte mich die Wirtin sehr resolut-mütterlich und fand es schön, ab und zu mit dem jungen Mädel klönen zu können. Sie brachte mir manchmal sogar spät noch heißen Tee oder Kakao. Zum anderen sind viele Männer bei der Badmitbenutzung nie verkehrt. Nach Festlegung eines Zeitplans für den Morgen, stellte sich heraus, dass diese ohne Schminkerei und Frisurenstyling fix waren, ihnen fünf Minuten reichten und ich das Bad somit lange für mich nutzen konnte.
Vor ihnen!
Also auch noch im sauberen, trockenen  Zustand und ohne Zahnpastareste im Waschbecken.  Am Abend kehrte  ich vor ihnen zurück. Es passte also optimal.
Einladungen gab es während der Zeit viele – von Besuchern und von Kollegen. Ich nahm jedoch nur die ganz am Ende der Messe an. Ich wusste , dass ich nach der Messe sofort wieder für meine eigene Firma im Büro weitermachen musste, mir zwei Wochenenden fehlten und ich daher mit meiner Kraft haushalten musste. Wir gingen zum  Abschluss mit wenigen, jedoch sehr netten Kollegen, zum Essen in ein Restaurant namens Il Borsalino. Wer weiß, ob es dieses Lokal heute noch gibt…

Am Ende des letzten langen Tages, nahm ich sehr erfreut mein Gehalt in Empfang, bekam noch 100 DM extra „Zufriedenheitsprämie“, und weil man so ‚pleased’ war, durfte ich (NEIN!!) auch den Anzug behalten!
Erbarmen!
Die Hose flog zu Hause in den Müll, bzw. kam zur Kleidersammlung. Die Jacke hatte ich noch eine Weile, bis ich mir eingestand:
Michèle, Liebes, sei ehrlich! Die ziehst du nie in deinem Leben wieder an!
Ich entledigte mich auch ihrer.
Mir sagte ein Etui mit Kugelschreiber und Druckbleibstift („Für Sie, für gute Zusammenarbeit als kleine Anerkennung – Ihre Olympia Werke“) weitaus mehr zu, und dann erhielt ich etwas, was mir heute wieder ein Grinsen entlockte: Eine Werbe-Single. Eine 45er Schallplatte.  „Miss Supertype“ – so der Titel.
Hitverdächtig!  ;-)
Ein absolut frauenfeindliches Plattencover, ebenso der Aufdruck auf der Platte selbst. Ich kann darüber nur lachen, aber heute würde man sie verklagen, jawoll! Ich möchte Sie  daran teilhaben lassen. Ich habe es fotografiert und habe sogar im Keller den alten Plattenspieler entstaubt und reaktiviert, weil ich mich selbst nicht mehr an das Lied entsinnen konnte.
Oh, Sie werden es merken! Es ist ein so enorm anspruchsvoller Text! Die Stimme macht einfach sprachlos und die Werbeaussage …
Moment, gibt es eine?
Gut, dass man mir diese Schallplatte nicht vorher zeigte. Ich hätte mir doch im Vertrag zusichern lassen, dass dies nicht meine Arbeitskleidung ist und ich nicht den Supertype-Song lernen muss.
Viel Vergnügen!

 

Miss Supertype Cover und Platte (Blog: Michèle. Gedanken(sprünge) - August 2011

Miss Supertype, auch die Platte ziert ein „Bunny“

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976551 Die Beschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976567  Die Single als „Hörgenuss“

©August 2011 by Michèle Legrand

Nachtrag 2014:
Seit März 2014 hat SugarSync sein Dienste leider nicht mehr gratis im Angebot. Daher wurde mein dortiges Konto gelöscht und die Audiodateien sind momentan für Sie nicht abspielbar. Ich suche nach einer anderen Lösung.

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Eine merkwürdige Begegnung

Der Link zum Gratis-Podcast -> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_654563

Sie war klein und zierlich, ging mir gerade bis zur Brust. Mokkafarbene Augen, ein straff zurückgenommener Pferdeschwanz mit einem perlenbesetzten Band gehalten.
Inmitten eines Pulks von Menschen war ich an ihr vorbeigelaufen, als sie auf der Bank am Gehwegrand gesessen hatte. Vorbeigegangen, den mit mir und mir entgegenkommenden Menschen ausweichend. Irgendwann hatte ich etwas vernommen:
„Warten Sie bitte einen Augenblick!“
Ich hatte kurz gestutzt, dann für zwei Sekunden angenommen, wohl nicht gemeint zu sein und hatte mich doch plötzlich mitten im Gewühl umgedreht mit der absoluten inneren Gewissheit, dass die Stimme mich gemeint hatte. Woher dieses Wissen kam, weiß ich nicht.
Ihre Schritte näherten sich, sie stoppte unmittelbar vor mir. Gerade noch so, dass ich es, was die Nähe anging, erträglich fand. Da war sie. Klein, still und mich fixierend. Auf meinen um Aufklärung bittenden Blick hin kam eine Frage:
„Möchten Sie etwas über Ihre Zukunft wissen?“
Ach nein, nicht so was!
Die erste Reaktion ist ablehnend, abwehrend, und das äußert sich auch darin, dass ich automatisch zwei Schritte zurücktrete. Im Kopf wird fieberhaft nach einer freundlichen, aber bestimmten Absage, Ablehnung, Entschuldigung – was auch immer – gesucht.
Sie scheint das einkalkuliert zu haben. Sie hört sich in aller Ruhe meine Worte an, nickt sogar bestätigend, und doch dient es wohl nur meiner Beschwichtigung. Als ich ende, beginnt sie zu reden.
Kein Bohren in Form von Fragen nach dem Warum? oder Warum nicht?
Keine Überzeugungsarbeit, indem sie mir einzureden versucht, ich müsste es unbedingt, zu meinem eigenen Wohl, über mich ergehen lassen, müsste es einfach erfahren.
Stattdessen sagt sie mir Dinge über mich. Über Vergangenes. Über die momentane Situation. So speziell, dass ich es nicht abtun kann mit einem: Na, super, das trifft auf jeden zu. Toll reingelegt! Und was mich völlig überrascht: es stimmt absolut!
Sie merkt, dass ich perplex bin. Viele Dinge schwirren mir zeitgleich durch den Kopf.
Da ist Misstrauen, Unglaube, Zweifel, der Wunsch wegzukommen.
Da ist das Wissen, dass es Menschen gibt, die mehr sehen können. Ich habe es selbst schon erlebt (in der Form, dass ich etwas vorher wusste).
Da ist eine eigenartige Starre und das Gefühl, förmlich am Boden festzukleben.
„Es stimmt was ich Ihnen gesagt habe, nicht wahr?“
Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern fährt fort:
„Denken Sie nicht, dass ich jeden anspreche. Ich sehe nicht überall etwas. Doch wenn es so ist, dann suche ich den Kontakt.“
Ich kann es weder bestätigen, noch als Lüge abtun. Ich habe sie weder davor noch danach, noch lange genug auf der Bank gesehen, als dass ich ihr Verhalten hätte  beobachten können.
Sie redet weiter zu mir, und ich merke, dass sie jetzt ihr Wissen hinsichtlich der Zukunft preisgeben will. Ich stoppe sie.
Die ganze Zeit geht mir noch etwas Anderes im Kopf herum: Sie redet nie von Geld für ihre ‚Leistung’. Ist es nicht so, dass diese Menschen auf der Straße es eben genau deshalb machen? Um Geld damit zu verdienen? Ihren Lebensunterhalt? Die einen, weil sie tatsächlich besondere Fähigkeiten haben, die anderen, weil sie gewitzt genug sind, dass es zumindest so wirkt, als hätten sie ein seherisches Talent.
Ich frage sie geradeheraus, doch sie schüttelt den Kopf.
Diese ernsten Augen …
„Wenn mir jemand dafür etwas geben will, werde ich es nehmen, aber ich verlange nichts.“
Ich bin erstaunt, gleichzeitig ein wenig beschämt. Ihr folgender Satz beginnt mit:
„In den nächsten beiden Jahren …“
Nein! Ich halte meinen Zeigefinger vor die Lippen. Sie hält inne.
„Ich möchte es nicht wissen“,  sage ich bestimmt.
„Aber warum denn nicht? Es würde Ihnen helfen!!“
Warum? Warum will ich es nicht wissen?
Und wieder ist da eine verwirrende Mischung aus Unglaube, Zweifel und … Angst! Ja, Angst und ein wenig Trotz.
Mein Leben ist mein Leben!
Ich möchte es allein entdecken und damit zurechtkommen.
Wir trennen uns, ich wende mich um, bin drei, vier Schritte entfernt, als ich deutlich etwas höre. Sie hat noch etwas gesagt. Über die Zukunft …
Ich drehe mich um, aber sie sitzt schon wieder auf der Bank und verhält sich, als wäre nichts gewesen.

Ein paar Minuten später finde ich mich vor einem Schaufenster stehend wieder. Ich war dorthin gelaufen, ohne es zu bemerken, stand dort seit Minuten, ohne es wahrzunehmen und war erst nach weiteren Momenten des Sammelns und in gewisser Weise auch Abschüttelns wieder in der Lage, die Zeit weiterlaufen zu lassen.

Es passieren manchmal merkwürdige Dinge. Und in meinem Leben gibt es keine Zufälle.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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Die Sache im Watt

Mowe_die_sache_im_watt
Die_Sache_im_Watt.MP3
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„Guten Tag, mein Name ist Hasenbank, ich rufe Sie an, weil …“
Mit diesen Worten  leitete heute ein Kunde das Telefongespräch ein, bevor er mir sein Anliegen schilderte.
Hasenbank …
Den Namen habe ich seit so vielen Jahren nicht mehr gehört.
Ob er wohl auch Detlef heißt?
Mir lag die Frage auf den Lippen. Sie ließ sich gerade noch unterdrücken. Während ich zuhörte, formten sich die nächsten Fragen:
Ob…?
Im Büro blieb mir keine Zeit für weitere Überlegungen, doch als ich in meinem Auto saß und mich auf der Heimfahrt befand, setzte das Gedankenkarussell wieder ein.

Er hatte immer mit seiner Hand über seinen weichen Vollbart gestrichen, um ihn in Form zu striegeln.
Er hatte vorzugsweise graue Jacketts getragen, dafür aber Hosen in abenteuerlichen Farben damit kombiniert.
Er nestelte häufig am silberfarbenen Gestell seiner eher unauffälligen Brille.
Er fuhr einen Uralt-Volvo, rauchte stark (also er selbst, nicht der Volvo), war Junggeselle, der trotz seines Alters von 42 Jahren noch bei Mama wohnte, und er hörte nur, wenn er etwas hören wollte.
Herr Hasenbank, Detlef Hasenbank, seinerseits Biologielehrer am Gymnasium, das ich besuchte, und in der siebten Klasse mein bzw. unser Klassenlehrer.
Er war nicht ganz einfach, doch er schien uns irgendwie zu mögen, was man nicht von allen Lehrern behaupten konnte. Nach Anfangs-, Gewöhnungs- und Verständnisproblemen lief es erstaunlich gut, und wir stellten irgendwann überrascht fest, dass wir ihn auch mochten.
Seine Einführung war polterig gewesen, seine Miene nicht so leicht zu durchschauen. Alles nur Maskerade, Show …
Er war doch anders.
Ihm war es dann vergönnt, mit uns auf Klassenreise zu fahren. Er stöhnte vorweg ziemlich herum, was aber gespielt war, wie wir inzwischen wussten. Er stieß absurde Drohungen aus, was passieren würde, wenn wir uns nicht ordentlich benähmen und musste dann sehen, dass er nicht selber darüber grinste. Sein Prinzip war höchstwahrscheinlich: wir starten mit schlimmsten Befürchtungen, erwarten nichts und lassen uns dann angenehm überraschen. Völlig in Ordnung und alles um Weltklassen besser, als den Herumsäuseler zu spielen, den tollen Kumpel, der sich dann später als unberechenbarer Drachen entpuppte.

Sommer. Es konnte losgehen. Zehn Tage Aufenthalt in einer Jugendherberge in Nieblum auf Föhr. Ich habe gar nicht mehr so viel davon in Erinnerung, nur dass wir immer hungrig vom Essen kamen und anschließend in der freien Zeit, der Mittagspause, eine Bäckerei aufsuchten, um den Magen noch etwas aufzufüllen.
Es lief ganz gut, für unseren Geschmack wurde zwar zuviel gewandert, aber ich schiebe das auf das typische Ungern-Wandern-Wollen-Alter.
Zwei 13jährige kloppten sich um ein Mädchen, der eine musste genäht werden, beide wurden abgeholt von ihren Eltern. Schluss mit Klassenreise.
Der Rest plante am vorletzten Tag eine Wattwanderung von Föhr nach Amrum, auf die Nachbarinsel. Während der Ebbe ist dies möglich. Es sind so um die acht Kilometer Strecke.
Gestartet wird ab Dunsum auf Föhr, und je nach persönlicher Kondition, dauert es laut Ankündigung ca.  2 ½ Stunden, bis man – an einem Schiffswrack vorbei, durch einen Priel watend – Amrum erreicht.
Ich konnte nie prüfen, ob die Dauer stimmt und sah auch nicht das Schiffswrack, denn es kam alles ein bisschen anders als gedacht …

Herr Hasenbank hatte als Biologie-Lehrer vorweg Kontakt aufgenommen zu einem Bekannten, der wiederum einen Wattführer auf Föhr wusste, der solche Touren leitete. Es wird immer darauf hingewiesen, diese Wanderungen nur mit Wattführer zu unternehmen.
Im letzten Moment war der Wattführer verhindert, und der ortsansässige Bekannte überredete wohl unseren Lehrer, die Tour trotzdem zu machen. Er hatte Kartenmaterial, hatte die Strecke schon oft belaufen und beschrieb sie als einfach und ungefährlich. Wie es so ist, auch er selbst hatte keine Zeit, und im Endeffekt liefen wir mit Herrn Hasenbank allein ins Watt.
Mir war später nie klar, ob er sich keine Gedanken gemacht hatte, ob er so blauäugig gewesen war, was ihn geritten haben mag …Vielleicht wollte er einfach nur nicht, dass diese Wattwanderung für uns ausfiel.
Wir marschierten los. Kühler Tag. Grauer Himmel. Er vorneweg mit Karte in der Hand. Selbst einen Kompass hatte er dabei!
Ich sehe ihn noch vor mir, wie er da stand mit seinen hochgekrempelten grünen Hosen und über seinen Bart strich. Der Seewind verwuschelte seine Haare, so dass sie über die Brillengläser fielen wie Gardinen und ihm die Sicht versperrten. Alle fünf Sekunden wischte er sie mit seiner Hand wieder zurück, starrte auf die Karte und murmelte etwas von:
„Genau, hier entlang …“
Wir waren eine Stunde unterwegs, als der Boden immer matschiger wurde. Wir sackten etwas ein. Aus dem etwas einsacken wurde ein immer mehr versinken. Den ersten, und ich gestehe auch mir, wurde unbehaglich.
„Herr Hasenbank, ich stecke fest!“, kam der klägliche Ruf von einer Mitschülerin zu meiner Rechten. Ihr wurde geholfen, aber uns alle beschlich ein mulmiges Gefühl. Bis zum Knie waren alle seit geraumer Zeit am Kämpfen, als Stefan aufschrie: „Ich sack‘ weg! Ich sack‘ weg!“
Nachdem er sich selbst aus dem saugenden Schlick freigemacht hatte, kämpfte sich unser Lehrer zu ihm durch, griff ihn unter den Schultern und zog wie ein Verrückter. Andere kamen zu Hilfe, verschwanden jedoch auch schon wieder gefährlich im Morast. Gemeinschaftlich schafften wir es, ihn frei zu bekommen.
Unser Lehrer wirkte  nicht panisch, aber er war weiß wie eine Wand. Er schaute sich um. Es sah so aus, als wäre das Watt weiter links von uns heller und trockener. Er drängte uns dorthin.
Danach folgte die Lagebesprechung. Er sagte klipp und klar, dass wir offensichtlich von dem üblichen Weg abgekommen wären. Wir sollten alle zusammen hier bleiben, wo es momentan sicherer wirkte. Er hatte in größerem Abstand von uns sich bewegende bunte Punkte im Watt entdeckt, die wohl eine weitere Wattwandergruppe bedeuteten. Er  sagte, wir würden uns an denen orientieren, und alle sollten  ordentlich Lärm machen und winken. Denn diese Gruppe hätte mit Sicherheit einen richtigen Wattführer, der Hilfe veranlassen würde.
Wir brüllten, was das Zeug hielt.
Keiner von uns wollte erleben, wollte hier noch stehen, wenn das Wasser zurückkäme …

Zuerst schien sich gar nichts so tun. Keine Reaktion.
Dann löste sich auf einmal ein gelber Punkt aus der anderen Gruppe und machte weit ausschwenkende Bewegungen mit den Armen. Von uns Schülern wusste keiner, was es zu bedeuten hatte, aber es war jemand aufmerksam geworden. Dann blinkte ein Licht. Egal, ob es von einer Taschenlampe war oder von einem Spiegel, der Sonne einfing – der gelbe Punkt versuchte, auf diese Art irgendeine Botschaft zu übermitteln.
Wir hatten ein Riesenglück, dass unser Lehrer diese Zeichen verstand. Es hieß soviel wie: Hilfe ist unterwegs, warten, zusammenbleiben …

Es hatte wohl keine halbe Stunde gedauert, als zwei Personen mit  merkwürdigen Fahrzeugen über den Wattboden fegten. Sie peilten zuerst die andere Gruppe an, und bewegten sich danach langsam auf uns zu. Wir wurden nach und nach eingesammelt und zur anderen Gruppe gebracht. Einige von uns, die vorher schon bis zu den Oberschenkeln im Schlamm festgesessen hatten, waren auf einmal am Zittern, die Kräfte verließen sie, und nach der Rettung strömten nicht nur bei einem die ersten Tränen der Erleichterung.
Wir bekamen alle eine kräftige Standpauke, und am heftigsten fiel natürlich das Zurechtweisen unseres Biologie-Lehrers aus.
Wie hatte er nur so etwas riskieren können…?

Da die Rückfahrt sowieso für den kommenden Tag geplant war, wurden die Eltern erst nach der Ankunft zu Hause von den Vorkommnissen informiert. Er schlug sehr hohe Wellen. Man forderte ein Disziplinarverfahren, zu dem es auch kam. Es war wohl notwendig, wenn man bedenkt, was hätte passieren können – nur damals sahen wir es anders…
Wir gaben irgendwie nicht ihm die Schuld. Er hatte für unsere Rettung alles getan, war hinterher eingeknickt und eine Zeitlang nur ein Schatten seiner selbst.
Uns hätte das gereicht.
Er blieb zwar an der Schule, bekam aber eine andere Klasse, durfte keine Klassenreisen und Ausflüge mehr leiten, wurde bei vielem übergangen.
Er war nie wieder der Alte.
Irgendwann hieß es, er wäre krank und würde länger fehlen …

In der Zwischenzeit endete meine Schulzeit, und erst sehr viele Jahre später erfuhr ich von einem ehemaligen Klassenkameraden, dass er zwei Jahre nach unserer Schulentlassung an Lungenkrebs starb.

Detlef Hasenbank, Sie waren trotz allem ein guter Lehrer.

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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