Beiträge getaggt mit Handy

Stacheliges, Technisches und … Wencke!

Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas GravEs klingt zugegebenermaßen ein wenig paradox, doch ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen entspannt mitzuteilen, warum ich im Moment nicht zum Bloggen komme.
Nicht? Aber …?
Ja, ja – kurios. Denn was ist das hier grad, hm …?
Schizophren!
Nur – die Tatsache, dass im Blog etwas auftaucht, heißt nicht, dass es sich automatisch um einen richtig vollwertigen Blogpost handelt. Einen, der seinen Namen verdient und meinen üblichen Ansprüchen genügt. Ich versuche, es an einem Beispiel zu verdeutlichen:
Es gibt Bloggen, Variante 1. Das ist Bloggen mit Recherche, mit Fotoerstellung, -auswahl und -bearbeitung, mit Zeit für Ausführlichkeiten und Hintergrundinformationen. Wenn Sie sich dazuschalten im Blog, wissen Sie grundsätzlich, dass Sie Texte zu ganz unterschiedlichen Themen vorfinden, auf Entdeckung gehen oder manchmal seltsame, kuriose Erlebnisse teilen können und dass in den weitaus meisten Fällen viele Bilder dabei sind. In einem solchen Fall habe ich – nach eigener Vorstellung – gebloggt.
Heute hingegen gibt es einen Wochenendtreff. Sie und ich. Ein lockeres Schwätzchen gemütlich auf der Couch. Als kurze Szene gesehen, stellen Sie sich die Situation bzw. den Unterschied zu sonst doch so vor:
Wenn Sie bisher kamen, ging die Tür auf, der Kuchen (bunt, lecker und natürlich immer neue Sorten) stand parat, Sie verweilten, stillten Ihren Appetit und spazierten danach heim.
Diesmal hingegen war keine Zeit für die Kreation eines besonderen, selbstgebackenen Kuchens. Alte, trockene Reste, Wiedergekäutes, Angebranntes stand nicht zur Debatte. Minibrösel vorwerfen auch nicht.
Was tun? Wozu sich entscheiden? Gar nichts machen?
Dann wären Sie wie üblich gekommen, hätten jedoch vor verschlossener Tür gestanden.  Nach Ihrem Klingeln wäre nichts passiert. Sie hätten vermutlich die Nase gerümpft. Beleidigt. Ich wiederum hätte drinnen gesessen, wäre gefrustet und hätte mich nicht gerührt, bis Sie endlich wieder verschwunden wären. Für beide höchst unbefriedigend.

Aus diesem Grund entschied ich mich fürs Bloggen, Variante 2. Ich reiße quasi die Tür auf, sage jedoch gleich unverblümt, dass ich heute „nur“ Kekse habe – die aber ebenfalls speziell und lecker sind. Den Weg finde ich persönlich wesentlich schöner …
Falls Sie Kekse allerdings gar nicht mögen, drehen Sie um.
Jetzt!
Den anderen verrate ich, was mich vom richtigen Bloggen (Variante 1) abhielt.

Als erstes hinderte mich die Sonne daran. Das Wochenende und teilweise noch der Beginn der neuen Woche bescherten einen blauen Himmel und brachten trockenes, laues Wetter. Ideal, um an den Nachmittagen mit der Gartenarbeit voranzukommen, jedoch definitiv keine gute Zeit, um drinnen vor dem Laptop zu sitzen.
Giftwetter für Blogger!
An der Hauswand, an der zeitig im Jahr nach Sturmgebraus die Efeuranken heruntergerauscht waren, lag noch gehäuft Laub, was endlich weggeräumt werden sollte …
Ich hockte zwischen den Büschen, griff mit behandschuhten Fingern ins Laub und erschrak kurz darauf ziemlich heftig, als ich in etwas Stacheliges, Nachgebendes fasste! Was ich bisher nicht gewusst hatte: Ein Igel hielt dort – auch jetzt, Anfang April! – noch seinen Winterschlaf. Er bewegte sich leicht nach meiner Berührung. Räkelte sich. Immerhin! Ein Lebenszeichen!
Ich schüttete die eben erst eingesammelten Blätter wieder über ihm aus, bedeckte den schlafenden Wicht sowie sein Nest möglichst vorsichtig und verzog mich leise. Pssssst …
Irgendwie hatte ich angenommen, dass die Witterung schon länger so sei, dass Igel mittlerweile gähnend aufwachten und wieder loszögen, doch es heißt, erst wenn die Temperatur im Winterquartier 15° Celsius übersteigt, machen sie sich erneut auf Futtersuche. Seine schattige Ecke hatte ihm wohl bisher relativ kühle Werte beschert.
Unser Aufeinandertreffen geschah am Sonntag. Am Montag fand ich den Haufen unverändert vor, am Dienstag war alles auseinandergeschoben, platt, und der Igel ist seitdem verschwunden. Vielleicht habe ich ihn doch aus seinem Schlaf geholt …

Tage mit längeren Terminen folgten, die Unterlagen für die Steuererklärung schauten schon anklagend und Donnerstag, Donnerstag wurde ich ins kalte Wasser geworfen! Bildlich gesprochen.
Ich besitze ein neues Smartphone und habe anfangs immer einen Mordsrespekt vor diesem technischen Zeugs! Ehe alles funktioniert, ehe alles drauf ist, was man braucht, alles verbunden und verknüpft ist, ehe man alles auf Anhieb findet! Andere, vor allem die Digital Natives, bleiben ganz cool, ich jedoch merke die Anspannung, dieses Unbehagen, etwas Fürchterliches, Irreparables zu verursachen. Mit einem einzigen falschen Drücker.

Für mein brandneues, noch unbenutztes Handy, traf die dafür benötigte und angeforderte neue SIM-Karte ein. Dank der Hilfe meines Sohnes, der nach der Arbeit herbeieilte, musste ich die Inbetriebnahme des neuen Geräts abends nicht alleine starten. Was gut war, denn es kam gleich alles wieder anders als gedacht.
Ich hatte es mir so schön und halbwegs unkompliziert vorgestellt. Meine neu zugesandte SIM-Karte sollte die alte, allen bekannte Handynummer erhalten. Der Mitarbeiter der Hotline hatte mir erklärt, sobald die Karte einträfe, sollte ich wieder anrufen, wir würden daraufhin die Nummer abgleichen, wenn sie korrekt wäre, leitete er alles weiter, sie würde aktiviert, die alte gesperrt. Fertig.
Der Brief mit der neuen Karte kam. Er enthielt eine andere, abweichende Anleitung. Sie besagte: Online einloggen, alles selbst machen! Einloggen? Ich hatte gar kein Konto! Also registriert, eingeloggt und gestaunt, denn die neue Karte besaß noch überhaupt keine Nummer. Nun, selbst die Hürde wurde gemeistert. Alles schien zu klappen, der Sohn saß ja auch daneben. Der Herzinfarktvermeider. Prozess SIM-Karte abgeschlossen, Information zum Schluss: Die Aktivierung kann bis zu 24 Stunden dauern.
Puh. Andererseits gar nicht so schlecht!
Ich musste nämlich fast schon los zum wöchentlichen Stepptanztraining. Wie die Zeit an dem Abend wieder flitzte!
Der Plan lautete folglich: Wir erledigen das Nötigste, ich nehme mein altes Handy mit, das weiterhin Netzkontakt hat und kümmere mich um das neue Handy, seine detaillierte Einrichtung, all seine Einstellungen, um erforderliche Apps, das Übertragen von Nummern etc. am folgenden Tag. In Ruhe, denn ich habe ja Zeit. Vermutlich 24 Stunden. Wenn ich schließlich fertig bin, kommt irgendwann die Freischaltung. Alles gut. Ausatmen.
Der nächste mittlere Schock folgte auf dem Fuße! Eine halbe Stunde nach Einsetzen der Karte teilt der Provider freudig mit:
Ihre neue Karte ist jetzt aktiviert. Ihre alte wurde gesperrt …
Schon steigt wieder die Pulsfrequenz. Umstecken kann ich die neue Karte nicht. Mein Vorgängerhandy hatte eine normal große, das jetzige Gerät eine Micro-SIM-Karte. So nehme ich ein mir völlig fremdes, relativ leeres Handy mit. Leer an Kontakten, noch mager an Möglichkeiten. Aber es könnte klingeln. Es könnten schon Nachrichten kommen. Es könnten … Moment!
Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie sich mein Handy anhört!
Was es für Töne (voreingestellt) produziert! Keine Zeit mehr für Basteleien … Ich muss los. Da war sie wieder. Diese Anspannung …

Ich bin so spät dran, dass ich beschließe, die U-Bahn anstelle des Autos zu nehmen. Es klingt unlogisch, denn sie ist von der Fahrzeit her nicht schneller, doch wenn ich sie nehme, habe ich am Ziel kein Parkplatzproblem, weshalb ich üblicherweise recht früh aufbreche. Das Auto ist nach dem Kurs die bessere Wahl, da die Bahn am späten Abend lediglich in größeren Abständen verkehrt.

Im Zug pfeift jemand in meiner Nähe. Anerkennend. Ich „überhöre“ es. Es pfeift wieder. Erst mit reichlich Verzögerung wird mir bewusst, dass es mein Handy ist, das sich mit diesem Geräusch bemerkbar macht, und dass sein Gepfeife jedes Mal erklingt, sobald irgendwelche Benachrichtigungen eintreffen. Das Pfeifen ist laut. Und oft. Und nervtötend. Finden die anderen Bahnfahrer auch.
Mir gelingt es, den Pfeifer ruhigzustellen. Der Puls geht langsam wieder runter.
Technik! Pffft …

Ein Herr etwa meines Alters steigt ein. Er hat einen ca. 50 x 50 cm großen, relativ flachen, stabilen Karton mit Deckel dabei, nimmt mir gegenüber auf einer Zweierbank Platz und stellt den Karton auf den Nebensitz. Seinen halb gefüllten Rucksack setzt er auf dem Schoß ab. Als der Zug an der nächsten Haltestelle abbremst, wackelt es im Karton. Der Herr hebt minimal den Deckel an, blinzelt hinein, schnalzt mit der Zunge, lässt ihn wieder herunter und beginnt, in seinem Rucksack zu kramen. Er zupft Kopfsalat aus einer Tüte, lüftet erneut den Deckel, diesmal etwas weiter – und füttert eine Schildkröte! Recht groß ist sie und sehr hübsch. Offenbar auch hungrig, denn sie streckt den Hals und kaut bedächtig den angebotenen Salat. Es sieht unheimlich graziös aus.
Ich kann nicht an mich halten und sage, wie schön ich das Tier, seine glänzenden, klugen Augen, sein vertrauensvolles Verhalten und seine hingebungsvolle Art zu fressen finde. Mein Gegenüber strahlt. Ich erfahre, dass es eine Sie ist und er sie gerade von seiner Mutter, einer älteren Dame abgeholt hat, da diese zur Kur fährt. Er wird die Schildkröte während ihrer Abwesenheit bei sich zu Hause hegen und pflegen. Die Familie hat das Tier schon seit seiner eigenen Kindheit, das gepanzerte Wesen und er kennen sich demnach gut. Sie dürfte mit ihrem Pflegevater einverstanden sein.
„Wie heißt sie denn?“, frage ich ihn.
„Wencke“, sagt er und muss bei meinem erstaunten Blick lachen. „Ja, wirklich! Meine Mutter ist ein Fan von Wencke Myhre, die war seinerzeit gerade sehr angesagt, als die Schildkröte zu uns stieß. Wir hatten noch eine. Eine männliche …“
Ich wage kaum zu fragen, tu es dann aber doch:
„Und wie hieß er? Bata, Karel oder … Chris?“
Er wiehert los.
„Nein, er hieß einfach Hannes. Aber Hannes und Wencke waren wohl kein so tolles, verliebtes Paar. Wir haben sie im Sommer immer im Garten laufen lassen. Im dritten Jahr ist er ausgebüxt. Ward nie wieder gesehen. Wencke hat sich dann mit unserem Kanarienvogel angefreundet. Silvio. Leider lebt der nicht mehr. Den hat sie mehr vermisst als Hannes.“
Es ist schade, dass ich schon fast am Ziel angekommen bin. Ein letztes Mal schaue ich Wencke beim Salat kauen zu und verabschiede mich von ihr und dem Herrn.

Sie werden vielleicht lachen, aber die Begebenheit mit der Schildkröte ließ mich mein Handy und die ganze innere Aufregung völlig vergessen. Der Anblick eines solchen Tieres entspannt fantastisch und löst jegliche Anspannung.
Sie werden nun andererseits vielleicht auch nachvollziehen können, warum in der vergangenen Woche einfach keine Zeit fürs Bloggen (Variante 1) blieb. Es gab zu viel Stacheliges, Technisches und … Wencke.

Sie müssen los? Ja, denn … Ging’s mit den Keksen?
Nächstes Mal gibt es wieder Kuchen!

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

©April 2014 by Michèle Legrand
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Interaktive Grabsteine? Der QR-Code auf dem Friedhof …

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg)

Neuer Friedhof Niendorf

November naht und mit ihm wieder die Zeit, in der Menschen vermehrt zum Friedhof streben. Um zu gedenken, auch um Grabpflege zu betreiben. Der Winter naht.
Jemand mit diesem Ansinnen und diesem Ziel weiß genau, wo sich die angestrebte Grabstelle befindet, wer dort begraben liegt. Wen er besucht!
In neblig-grauen Gängen werden hier und dort in der Stille klamme Finger mit einer kleinen Harke das Erdreich lockern, Tannenzweige als Frostschutz ausbreiten, vielleicht ein Gesteck oder eine Kerze hinterlassen, um danach bei schon wieder einsetzender Dunkelheit nach Hause zu eilen.

Personen, auf die der Grabgänger trifft, verhalten sich ähnlich. Die wenigen, die herkommen, um diesen Ort der Ruhe lediglich für einen Spaziergang zu nutzen, die keinen „Bewohner“ kennen, sind in der Minderzahl. Sie verhalten sich unauffällig, zurückhaltend und bleiben meist auf den Hauptwegen.

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg), Engel

Engel auf dem Neuen Friedhof Niendorf (Hamburg)

So war es bisher.
Es könnte sich ändern.
Bald …

Vielleicht noch nicht hier – bei uns in Deutschland – doch eine bestimmte Szene könnte sich sehr wohl demnächst in England, genauer gesagt in Poole, Dorset abspielen.
Beim Aufsuchen des dortigen Friedhofs erwartet Sie unter Umständen folgendes Schauspiel:
Sie entdecken Menschen, die nicht für sich an einem Grab verharren und stumm Zwiesprache halten, sondern die von Stein zu Stein huschen. Sich manchmal etwas zurufen:
Hast du den schon?Mist, kein Empfang …!
Menschen, die sich lang strecken oder aber auch niederkauern, die sich verrenken, um mit der Kamera ihres Smartphones eine bestimmte Stelle am Grabstein zu erreichen.
Sie müssen dort einfach möglichst nah heran!
(Oh, auf die Blumen getreten …!)
Sie wollen etwas fotografieren.
Nein, keine besondere Skulptur, keine stilisierte Rose, keine besonders geschwungenen Namenszüge und auch nicht die glänzend polierte Granitplatte!

QR-Code_Blogadresse_michelelegrand.wordpress.com

So sieht z. B. meine Blogadresse (michelelegrand.wordpress.com) als QR-Code aus …

Diese Menschen möchten partout den im Stein eingelassenen QR-Code ablichten!
Diese kleine quadratische Matrix aus schwarzen und weißen Punkten, aus denen auf Anhieb keiner schlau wird, die aber kodierte Daten binär darstellen.
Das Ding, von dem Unwissende beim Anblick des gemusterten Quadrats denken, es sei ein neuartiges Online-Schachspiel.
(Endlich, das Foto ist im Kasten …)
Sobald der unvermeidliche Schnappschuss gelungen ist, dekodiert eine auf dem Handy installierte App diese merkwürdigen Zeichen, wandelt sie um in Daten und somit lesbare Informationen oder ruft gleich Web-Adressen auf, zeigt Texte an, Telefonnummern, etc.

Wozu?
Ja, nun!
Liebe, sehr verehrte Blogleser!
Man hat doch auf dem Friedhof bestimmt Fragen!
Welche? Ich bitte Sie!
Solche – beispielsweise – brennen einem mit Sicherheit förmlich unter den Nägeln:

Wer war das, der dort liegt? Was hat er gemacht?
Wie sah er aus? Wer war seine Familie?
Wo hat er gearbeitet?
Vermögend? Erben da, oder könnte man …?
Wie viele uneheliche Kinder gab es?
Mochte er Rollmops?
Spielte er Bratsche?
Lief die Bewährung noch?
usw.
Der schnelle und umkomplizierte Zugang zu einer Art Online-Biographie würde dieses dringende Bedürfnis nach Information natürlich stillen helfen …
Sehe ich in Ihren Augen eine gewisse Skepsis?
Bitte? Sie haben eine Frage?
Warum per Mobile-Tagging und QR-Code (QR= quick response)?
Ich gebe zu, auch für mich kam diese Neuigkeit, die der britische The Guardian am 05. Sept. 2012 verbreitete, doch leicht überraschend. Und auch ich stelle mir natürlich diese und andere Fragen:

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg)

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg)

Wie kommt jemand darauf?
Ist dieser QR-Code das Mittel der Wahl?
Wie dringend brauchen wir es? Besteht tatsächlich ein Bedürfnis?
Wäre es Segen oder Fluch? Was sind die Tücken?
Wie macht es sich dort, auf einem Grabstein?
Wird es sich durchsetzen?
Gibt es so etwas vielleicht schon andernorts?

Beginnen wir am Ende der Frageliste.
Doch, es gibt Ähnliches durchaus, dorther hat auch der im The Guardian-Artikel zitierte englische Bestattungsunternehmer seine Eingebung.
Er entdeckte während eines Besuchs in Moskau das Teilstück der Kremlmauer, welches direkt am Roten Platz steht und sich Nekropole an der Kremlmauer nennt. Eine Begräbnisstätte, der Sowjetunion als Ehrenfriedhof dienend. Offenbar gibt es dort bereits besagte QR-Codes für Informationssuchende, die mehr zu den dort geehrten Personen erfahren möchten.
Nur, ist dies (zumindest meinem Empfinden nach) eine etwas andere Situation.

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg), Engel

Ein weiterer Engel auf diesem Friedhof (Niendorf) …

Es geht nicht um den traditionellen Friedhof auf dem die Bürger des Ortes, einer Stadt oder Region ihren letzten Ruheplatz finden. Ruheplatz wohlgemerkt, mit einer gewissen Privatsphäre …
An Stellen, an denen berühmter und bekannter Persönlichkeiten gedacht wird, ist sicherlich häufiger der Wunsch nach mehr Information vorhanden, doch auch dort kann sie sich sicher vorweg oder notfalls im Anschluss an den Besuch der Gedenkstätte beschafft werden. Vielerorts werden  an diesen Orten des Gedenkens heutzutage Erklärungen mittels Audioführer angeboten. Wenn es sich denn um Berühmtheiten von allgemeinem Interesse handelt …
Auch das ist eine Möglichkeit, die zumindest nicht direkt das Grab „verschandelt“.
Es muss demnach nicht unbedingt auf der Grabplatte getagged – oder nennen wir es doch gleich „darauf getackert“ – werden.
Die Frage nach dem Bedürfnis oder auch dem wirklichen Brauchen ist schwer zu beantworten. Das eigene Bedürfnis ist nicht das Bedürfnis eines anderen, was der eine von sich weist, meint sein Gegenüber zu benötigen. Es ist wohl ein sehr subjektives Empfinden.

Aber es geht doch so schön schnell und einfach damit!
Ja, und?
Wozu?
Um Neugier zu befriedigen? Um sein Handy jetzt endlich auch auf dem Friedhof zu benutzen? Um das Einsatzgebiet und den Siegeszug des QR-Codes zu erweitern bzw. voranzutreiben?
Es wird betont, jeder hätte die Möglichkeit, nun mehr über den Verstorbenen zu erfahren.
Oder jemand könnte Details für einen Familienstammbaum in Erfahrung bringen.
Ist das überzeugend?
Vorher ging so etwas natürlich überhaupt nicht …
Ich bin bereit zuzugegeben, dass es schon Grabstellen gab, an denen ich vorbeikam, an denen ich stehenblieb, die Inschrift auf dem Stein las:
„Hier ruht Jette Hansen, geliebte Ehefrau von … geb. …. gest. …“. Dazu ein wunderschönes Bild in den Stein graviert.
Und die Jahreszahlen zeigten, dass sie jung starb.
Natürlich frage ich mich, was war Jette für eine Frau? Wie war ihr Mann? Hatten sie Kinder? Warum starb sie so jung? Und vieles mehr.
Es ist spontanes Interesse, Neugier, Mitgefühl. Nur – sie ist nicht meine Familie. Ich habe sie nie gekannt. Niemanden dieser Menschen.
Warum sollte ich hier ihre Ruhe stören, in dem ich auf ihrem Grab herumtrampele und versuche, Aufnahmen irgendwelcher Codes zu machen, die Dinge über sie preisgeben, die sie mir selbst vielleicht nie hätte erzählen wollen – einer Unbekannten …

Im Bericht des The Guardians erklärt der britische Unternehmer genauer, wie  – nun, äußerst geschmackvoll – alles gefertigt und montiert wird. Die QR-Codes werden auf Granit- oder Metallvierecke aufgebracht und dann entweder auf den Grabstein geklebt oder aber eingelassen.
Das ist der Plan. Die Theorie.
Ich habe leider immer zusätzliche Gedanken, die sich in meinem Kopf herumtreiben …
Jetzt stellen Sie sich doch bitte einmal vor, jemand treibt damit Schindluder und wechselt kurzerhand ein paar der Plaketten aus.
Mischt den Friedhof ein bisschen auf!
Aus Hubert Meier wird Ronald Bergmann, aus Henry Emil und aus Karola Achim, was plötzlich irgendwem auffällt …
Heute kann sich jeder kostenlos im Netz einen QR-Code erstellen (den Code oben habe ich mir so generiert).
Was, wenn Begeisterte auf die glorreiche Idee kommen, überall ungefragt die Grabsteine damit zu pflastern? Biographien zu kreieren und zu verbreiten? Weiß dann noch jemand, was stimmt und was nicht?
Falls die Codes hingegen stimmen sollten:
Wie ist es mit dem Datenschutz? Dürfen alle jeden fremden QR-Code fotografieren und decodieren? Erinnern wie uns: Wenn sonst jemand irgendwo Zugang zu Daten erhält, die nicht seine eigenen sind,  ist das Geschrei immer ziemlich groß …
Eine andere Frage:
Wollte der Verstorbene, dass jeder alles abrufen kann? Oder veranlassen Verwandte es quasi posthum gegen seinen Willen? Weil sie es klasse finden oder aus Rache (…das erzählen wir jetzt der Nachwelt!)?
Falls der Verblichene es tatsächlich selbst vor seinem Tod in Auftrag gab und so verfügte:
Hat er es ernst gemeint? Wollte er Wildfremden, die sich zu seinen Lebzeiten nicht für ihn interessierten, nach seinem Tod die Gelegenheit geben, das schleunigst nachzuholen?
Ist das wahrscheinlich?
Was veranlasst überhaupt jemanden, über seinen Tod hinaus vom Grab aus online präsent sein zu wollen?
Schwer zu beantworten.

Wir könnten es natürlich auch mit einem Spaßvogel zu tun haben, der in seinen QR-Code eine Schnitzeljagd nach seinem Testament integriert.
Jemanden, der einen Link zu seinem Blog hinterlässt mit dem Hinweis:
Leute, so schnell kommt hier nichts Neues! Aus Gründen …
(Dieser Nachsatz wird übrigens in Sozialen Netzwerken überaus gerne genutzt: Bin sauer! Aus Gründen …!Habe gerade mit einer Person telefoniert. Sage nicht mit wem. Aus Gründen …!)

Sie sehen, diese kleine Neuigkeit über interaktive Grabsteine in einer englischen Zeitung wirft Fragen über Fragen auf. Auch die, ob eine solche Idee in Zeiten der Globalisierung eine reelle Chance hat sich durchzusetzen, zu uns auf den Kontinent herüberzuschwappen.
Beobachten wir vorerst die Entwicklung in Dorset. Bisher gibt es wohl nur wenige Interessenten bzw. lediglich den ein oder anderen Grabstein, der mit QR-Code versehen wurde.

Ob es am derzeitigen Preis von £300 für den „QR-Code all inclusive“  liegt?

Ich fragte einen englischen  Twitter- und Facebookfreund, der selbst Pfarrer ist, nach seiner Reaktion auf die Grabstein-Innovation.
„What do you think about it?“
Und seine Antwort lautete:
„We have strict rules about the gravestones we are allowed to install in church grounds – will not allow this sort of thing.“

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg) - Auch bei den Kindern ein QR-Code ...?

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg) – Auch bei den Kindern ein QR-Code …?

Und Sie?
Was halten Sie denn davon?  Könnten Sie sich damit anfreunden, entfacht es gar Ihre Begeisterung?

Wenn Sie selbst im The Guardian nachlesen möchten, hier kommt der Link:
http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2012/sep/05/interactive-gravestones-dead-live-online

Und wenn Sie sich auch einen QR-Code erstellen möchten, hier ist der Link zum QR-Code Generator , über den ich meinen obigen eigenen QR-Code mit der Blogadresse erstellt habe:
http://goqr.me/de/

©Oktober 2012 by Michèle Legrand

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30 Bohnen

„Also wenn ich ein neues Handy brauche, dann nehme ich eines mit Kamera, mit einer guten Kamera!“
So sprach sie schon vor einiger Zeit.
Ich lasse es frei, um wen es sich handelt, sage nur um eine mir liebe Dame im Rentenalter, die bisher noch ihr allererstes Handy hat (seit vielen Jahren) und sich mehr und mehr über diese Krücke ärgert. Es stirbt ihr konsequent unterwegs weg, richtig sehen kann sie auch nichts. Der Akku wurde vor zwei Jahren schon ausgetauscht, das Display ist nicht gerade sehr kontrastreich, doch daran lässt sich nichts verbessern, die Einstellung ist bereits ‚optimal’. Auch die Tasten sind mittlerweile etwas abgenaddelt. Sie sagt jedoch:
„Das ist kein Ding, denn ich weiß ja so, wo was ist!“
Kürzlich brachte sie der Akku allerdings fürchterlich in Rage. Ihr werter Gatte hatte vergeblich versucht, sie zu erreichen und behauptete etwas mufflig:
„Du hast wohl mal wieder dein Handy ausgemacht.“
„Habe ich nicht! Der Akku ist ja schon am Röcheln, kaum dass ich zur Haustür hinaus trete! Da kannst du ja überhaupt nicht mehr mit losgehen!“
Nur – weitere Ersatzakkus für dieses Modell gibt es mittlerweile nicht mehr. Der nette Sven im Shop schüttelte lediglich betrübt sein Haupt und stellte fest:
„Für diese (Uralt-)Modelle gibt es das leider nicht mehr.“ Seine Lippen waren bei dieser Aussage bewundernswerterweise nur minimal gekräuselt.
Es reifte der Entschluss: ein neues Handy wäre doch zweckmäßig und muss langsam her.
So startete die Zeit der Fragen, des Erkundens, des Löcherns. Wie ist das denn: Welches Handy hat überhaupt eine vernünftige Kamera? Und wann ist eine Kamera vernünftig? Wie viele Pixel sind erforderlich? Gibt es das bei einem einfachen Mobiltelefon oder muss man ein Smartphone nehmen? Wohlgemerkt – kleiner Haken bei der Geschichte –  sie will alles andere, was ein Smartphone kann, überhaupt nicht! Bitte auch kein Internet!
Sie hat auch keinen Computer, woraus sich die Frage ergibt: Wie komme ich dann an die Bilder? Wie kriege ich sie vom Handy, wie übermittle ich Daten, wie erhalte ich Abzüge?
Wir diskutieren alles hinlänglich, begeben uns zusammen auch in den ein oder anderen Laden. Es bedarf natürlich einer intensiven Sichtung der Modelle, wie sie so in der Hand liegen … Macht ja jeder.
Die, die ‚irgendwie schön’ sind, habe eine miese Kamera. Die, die gut fotografieren können, sind Smartphones und auch entsprechend teuer. Unnütz teuer, weil sie es ja nicht wirklich braucht.
„Warum möchtest du denn überhaupt so unbedingt eine gute Kamera dabei haben? Dein Fotoapparat (digital) macht doch super Bilder?“
„Mir ist das zu viel Gedöns in der Handtasche. Wenn ich unterwegs bin, möchte ich knipsen können, wenn mir etwas ins Auge fällt, ohne die große Kiste mitnehmen zu müssen.“
Ihre Kiste ist nicht gerade groß, aber ansonsten hört es sich ganz logisch an.
Der Besuch der Shops verläuft vorerst ergebnislos, doch das Thema gärt weiter vor sich hin. Vor drei Tagen ein weiterer Anruf. Codewort: Handy.
„Sag mal, wie ist das eigentlich mit dem Restguthaben auf dem Handy?“ Es ist eines mit Prepaid-Karte. „Ist das dann weg?“
„Nein, weg nicht.“
Ich versuche herauszufinden, ob sie – wenn – vorhat, beim gleichen Anbieter zu bleiben. Sie weiß es noch nicht genau.
„Kann ich das nicht umbuchen?“
„Du selbst? Das geht garantiert nicht.“ Ich rate ihr, bei der Service-Hotline anzurufen oder im Shop zu fragen.
„Ach nö.“
Ich frage, ob sie die alte SIM-Karte später weiterverwenden wird.
„Mal sehen …“
„Entweder du bleibst beim bisherigen Anbieter/Netz  und bekommst es höchstwahrscheinlich übertragen, oder du wechselst, hast unter Umständen eine neue SIM-Karte und kannst dann das Guthaben mit dem alten Gerät einfach noch abtelefonieren, bis es aufgebraucht ist. Es ist ja in dem Fall weiterhin voll funktionstüchtig.“
„ … Ach ja. Stimmt.“
Sie legt recht abrupt auf. Unsere Wege trennen sich vorerst.

Heute nun, bekomme ich am Nachmittag eine SMS von einer mir unbekannten Nummer. Der Inhalt:
„Habe jetzt eine 2. Nummer 01xx/56xxxxxx.“
Schön, denke ich. Von wem ist denn jetzt diese Nachricht? Ich vergleiche ein paar Nummern, weil sie mir ähnlich vorkommen, doch entscheide mich fürs Sichergehen und frage einfach nach. Meine Rück-SMS lautet:
„Wer ist denn da? ;) #Zweite_Handynummer“
Die Antwort kommt nach fünf Minuten „XY“.
Also sie.
Nun weiß ich leider nicht so genau, welche Nummer ich zukünftig vorzugsweise nehmen soll und simse halt noch die Frage, ob sie eventuell zu Hause ist (zwecks weiterer Klärung).
„Ja, ruf mal an.“
Als sie abnimmt, erfahre ich mehr über ihr neues, jetzt doch recht plötzlich erstandenes Handy.
Nun, es war die Gelegenheit.
Gut, sie hat ein paar Abstriche gemacht …
Aber es war ein super Angebot! Sie hatte nämlich Bohnen gesammelt. Einige.
Und Tchibo bot für 30 Treuebohnen ein komplettes, neues Handy mit SIM-Karte und inklusive 5 €  Guthaben an!
Gekauft. Gebohnt. Mitgenommen.
Sie hat es ganz alleine zusammengebaut, und es ist inzwischen sogar freigeschaltet. Sie fummelt sich momentan konzentriert durchs Menü. Eben hatte ich einen Anruf, von dem sie behauptet, sie sei es nicht gewesen. Es zeigte aber die Nummer. Keiner meldete sich, als ich abnahm. Ich rief zurück, und sie informierte mich:
„Nein, ich war das nicht. Ich übe nur.“
„Aha.“
Was soll ich groß dazu sagen. Stattdessen frage ich neugierig:
„Hat denn dein Handy eigentlich eine Kamera. Eine gute?“
„Nö. Ich nehme eben doch den Fotoapparat mit.“

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