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„Der trainiert für den Gondelführerschein …“ Unterwegs in Hamburg – Kür und Pflicht / Kesselfallen, Menschen auf Brettern und Édouard Manet

Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie es als ich will nicht behaupten sinnlos, aber als reichlich unbe-
friedigend empfinden, sich irgendwo hin zu begeben, nur mit der Aussicht, dort etwas zu erledigen, wozu
Sie keine Lust haben? Irgendein aufgehalstes Pflichtding, was sie aber auch nicht abbiegen oder ausfallen lassen können?
Einzig und allein für etwas gar nicht Erbauliches, Ungewolltes wird unter einigem Aufwand ein Ziel angepeilt, es fallen (Fahr-)Zeit plus Fahrtkosten an und letztendlich geht es lediglich darum, etwas hinter sich zu bringen?
Ein bisschen frustrierend ist das schon, oder? Nun, am Ende können Sie sich zwar lobend auf die Schulter klopfen und ein Sternchen dafür eintragen, wie brav und überhaupt nicht aufmüpfig Sie waren – aber es ist
und bleibt eine ziemlich lustlose Angelegenheit.
Ich sage mir immer, wenn man heimgekehrt ist und es einen selbst hinterher noch wurmt, dass man dazu los war und seine Zeit opfern musste und obendrein das Gefühl hochkommt, gleichzeitig käme jeglicher Ausgleich in Form von positiven Erlebnissen, jegliches Kontrastprogramm oder einfach die Entspannung zu kurz, dann wird es Zeit, sich Gedanken über eine praktischere, für die Stimmung förderliche Art der Abwicklung dieser Pflichtdinge zu machen.

Mir kam wieder unverhofft ein weiteres Pflichtding in die Quere. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen wieder. Eine ganze Weile spult man sein Muss-Programm, selbst wenn es einseitig ist oder komprimiert anfällt, ja klaglos herunter, hofft auf bessere Stunden, doch in meinem Fall hatte ich kürzlich genau in dem Moment gelinde gesagt die Faxen dicke. Schon wieder! Und dann am Sonnabend! Und dafür extra los? Nur dafür?
Allerspätestens wenn dieser Punkt erreicht ist, wende ich gern einen Trick an.
Es handelt sich nicht um eine ultrageheime oder einzigartige Methode, andere werden es sicher auch so halten. Kindische Verweigerung bringt rein gar nichts, genauso wenig, wie etwas ständig weiter vor sich herzuschieben. Nein, ich kombiniere ganz gezielt Ungewolltes mit Erwünschtem. Das demotiviert nicht so. Es nimmt der Pflicht die Wucht und all das, was die Stimmung gern in den Keller befördert, was letztendlich mehr und mehr zu Frust, Tiefs und Leistungsabfall führt.
Bei einer Mischung und einer anderen Gewichtung hingegen verliert das Muss-Programm an Einfluss, die frei gewählte Ergänzung bringt den positiven Input. Und das Merkwürdige ist, selbst bei Zeitknappheit funktioniert dieses Prinzip.
Logisch schiene, je mehr ich einbaue in mein Programm, desto länger brauche ich insgesamt und desto länger habe ich wohl auch damit zu tun, ehe meine leidige Pflicht erledigt ist. Doch es läuft anders.
Eine gesunde Balance zu schaffen ist das beste Mittel, Energie nicht zu vergeuden, sondern zusätzliche zu sammeln und diese nicht für Frust zu verschießen oder vom Ärger und Stress fressen zu lassen. Stattdessen wird sie in die richtigen Bahnen gelenkt. Man ist insgesamt sehr viel besser drauf, was bewirkt, dass besonders die ungeliebten Programmpunkte schneller und leichtherziger ausgeführt sind.
Am freiwilligen Programm lässt sich notfalls etwas kürzen, wenn es ganz eng wird. Das ist immer noch besser, als gar nichts anderes einzuplanen und auf Ausgleich komplett zu verzichten. Für Skeptiker dieser Theorie möchte ich es so formulieren:
Sie würden nur dann kaum etwas auf die Reihe bekommen, wenn Sie auf einmal von einem Extrem ins andere verfielen. Es geht jedoch nicht von der Hektik ins Koma, Sie sollen nicht vom Duracell-Hasen zur menschge-wordenen Schlaftablette mutieren. Wir reden nicht von Pflichten ausklammern oder ewig vor sich herschieben. Es geht einzig und allein darum, statt nur Pflicht auch Kür zu haben. Frust und Lust. Was zu Beginn, mittendrin oder am Ende eingebaut wird, das mag jeder für sich entscheiden.

Wie es an dem bewussten Sonnabend kürzlich ablief?
Arbeitsauftragsmäßig hätte ich am Hauptbahnhof Halt einlegen müssen, bin stattdessen jedoch mit diebischem Vergnügen ein paar Stationen darüber hinausgefahren und so ausgestiegen, dass ich (leider, leider …) zurücklaufen musste und mich mein Gang dabei durch einen Teil der traumhaften Parkanlage Planten un Blomen führte. Bevor ich regulär vom Hauptbahnhof aus wieder heimfuhr –  natürlich erst, nachdem auch die leidige Sache erledigt war – , blieb mir tatsächlich noch etwas Zeit für einige andere kleine Erkundungen (die bereits seit vier Monaten viel zu kurz kommen).
Wunsch und angepeiltes Resultat:
Das Muss-Ding sollte sich quasi nebenher erledigen, und ich wollte  dafür sorgen, dass mir bei späteren Rückfragen nach der nennen wir es Qualität des Wochenendes, nicht dieser Pflichtrohrkrepierer als erstes einfiel und noch einmal sauer aufstieß.

So, Sie schnappe ich mir jetzt (falls Sie mögen)  und zeige Ihnen die Dinge, die nicht mit der Pflicht zu tun hatten.

Planten un Blomen Ende Mai/Anfang Juni …

Hamburg - Planten un Blomen - Ende Mai 2016

Hamburg – Planten un Blomen – Ende Mai 2016

Im Winter wurde diesmal im gesamten Park sehr viel und stark zurückgeschnitten, so dass es im zeitigen Frühjahr bei kühlem Wetter ein bisschen länger dauerte, bis alles neu austrieb. Doch bereits jetzt merkt man kaum noch etwas von der Auslichtungsaktion. Es ist wieder richtig schön dort!

Hamburg - Planten un Blomen - Ende Mai 2016

Hamburg – Planten un Blomen – Ende Mai 2016

Die vielen Stauden lösen gerade die Zwiebelblüher ab, und bei dem feuchtwarmen Wetter explodiert ihr Wachstum.

Hamburg - Planten un Blomen - Hohe Farne mit ausgeprägtem Stiel

Hamburg – Planten un Blomen – Hohe Farne mit ausgeprägtem Stiel

Bäume und Sträucher sind mittlerweile alle grün  bzw. blühen sogar. Der Taschentuchbaum zeigt seine weißen Zipfeltücher und Ende des vergangenen Monats produzierten besonders die Rhododendren, Azaleen und Ginster ein sehr intensives Farbenmeer.

Hamburg - Planten un Blomen - Zeit der Rhododendronblüte - Lauschige Plätzchen nahe der Mittelmeerterrassen

Hamburg – Planten un Blomen – Zeit der Rhododendronblüte – Lauschige Plätzchen nahe der Mittelmeerterrassen

 

Hamburg - Planten un Blomen - Ende Mai 2016 - Rhododendren und Ginster, im Hintergrund der helle Austrieb der Sumpfzypressen

Hamburg – Planten un Blomen – Ende Mai 2016 – Rhododendren und Ginster, im Hintergrund der helle Austrieb der Sumpfzypressen

Der Höhepunkt der Blüte ist jedoch schon überschritten, und die starken Regengüsse der letzten Woche haben danach ziemlich gewütet.

Hamburg - Planten un Blomen - Ende Mai 2016 - Rhododendren und Azaleen, Ginster gesellt sich dazu

Hamburg – Planten un Blomen – Ende Mai 2016 – Rhododendren und Azaleen, Ginster gesellt sich dazu

Der Uferbereich unterhalb der Mittelmeerterrassen wächst wieder ein. Bei schönem Wetter flanieren hier Hunderte entlang des alten Wallgrabens und unverschämtes Glück hat, wer bei solchem Andrang noch einen weißen Liegestuhl am Hang oder direkt beim Gewächshaus ergattert und von oben genüsslich auf das Wasser und die Blütenpracht herunterschauen kann. Es ist dort immer ein wenig wärmer als anderswo, denn das Schiefergestein der Mauern speichert viel Wärme und gibt sie langsam wieder ab. Auch ein Grund, warum sich dort so viele Pflanzen aus der Mittelmeerregion wohlfühlen.

Hamburg - Planten un Blomen - Am alten Wallgraben (Irisblüte)

Hamburg – Planten un Blomen – Am alten Wallgraben (Irisblüte)

Der Park und speziell auch die Wiese am großen See (mit Wasserspielen und Lichtorgel) sind bei warmem Wetter dicht bevölkert. Wenn Sie in den Park möchten und freie Zeitwahl haben, dann wählen Sie vorzugsweise einen Wochentag. Schön ist er zwar immer, aber wochentags ist es wesentlich entspannter.

Hamburg - Planten un Blomen - Am alten Wallgraben

Hamburg – Planten un Blomen – Am alten Wallgraben

Wer sich keine großen Sorgen um einen guten Platz machen muss oder sonst notfalls übereinander liegt, sind die im und am Wallgraben lebenden Wasserschildkröten …

Hamburg - Planten un Blomen - Am alten Wallgraben - Schildkröten an ihrem Lieblingsplatz in der Sonne

Hamburg – Planten un Blomen – Am alten Wallgraben – Schildkröten an ihrem Lieblingsplatz in der Sonne

Für Kinder stets die Attraktion schlechthin. Sie hören dann auch häufig Bemerkungen wie:
„Guck mal, das sind Doppeldecker!“, „Ich habe Stapeltiere gesehen!“ oder „Und wo haben die ihre Flossen?“

Hamburg - Planten un Blomen - Sonnenanbeter (Schildkröten im Wallgraben)

Hamburg – Planten un Blomen – Sonnenanbeter

Schon des Öfteren gab es aus gegebenem Anlass Neues aus Planten un Blomen (bei Interesse am Archiv werfen Sie bitte einen Blick auf die Kategorien auf der Startseite rechts). Einige unter Ihnen kennen daher das große Gewächshaus mit seinen unterschiedlichen Abteilungen. Das Schöne ist, dort gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Irgendetwas blüht zum ersten Mal, eine Pflanze ist neu hinzugekommen, etwas fruchtet nach Jahren endlich …

Heute habe ich Ihnen aus dem Tropenteil zwei sehr unterschiedliche, baumhohe Pflanzen herausgepickt, die gerade in Blüte sind.
Schauen Sie einmal, dies hier ist ein Saraca asoca, auch Heiliger Ashok-Baum genannt, da er in Indien in der Nähe von Hindu-Heiligtümern anzutreffen ist. Ashoka ist ein Begriff aus dem Altindischen (Sanskrit), hat die Bedeutung „ohne Sorge“. Es gibt ihn auch in weiteren Ländern der Region, doch ist seine Art inzwischen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten  als vulnerable (gefährdet) aufgeführt.

Hamburg - Planten un Blomen - Saraca asoca, der heilige Ashok-Baum

Hamburg – Planten un Blomen – Saraca asoca, der heilige Ashok-Baum

Hier steht er nun im Gewächshaus. Ein immergrüner Baum, der im Freien etwa zehn Meter hoch wird, hier im Laufe der Zeit immerhin bis zum Glasdach gewachsen ist und dort in dieser Höhe im Moment eine dekorative, leuchtend orangefarbene Blütenpracht präsentiert. Der Ashok-Baum trägt große Dolden bzw. schirmrispige Blütenstände mit unzähligen Einzelblüten, die unheimlich lange Staubfäden haben. Die farbintensiven Kelchblätter verändern ihre Farbe. Die Blüte startet in Gelb, wird orange und zum Ende der Blütezeit schließlich fast scharlachrot. Und wie das duftet! Am stärksten in der Nacht, auf diese Art lockt der Baum seine Bestäuber an. Natürlich gewöhnlich draußen, aber die Blüte ändert ja nicht auf einmal ihr Verhalten, nur weil sie das Leben einer Gewächshauspflanze führt. Das Duften deshalb abstellen? Nein, auf die Idee kommt sie nicht.
Wer morgens bereits das Tropenhaus besucht und durch die Glastür tritt, registriert, der Duft der Nacht schwebt noch im ganzen Raum!
In der Natur entwickeln sich nach der Blüte 15 bis 25 cm lange Hülsenfrüchte. Bei Reife platzen sie auf und geben vier bis acht Samen ab. Wie gesagt im Freien, mit entsprechenden Bestäubern im Umfeld des Baumes.
Wissen Sie daher, was eigenartig ist und auch für die Fachleute vor Ort momentan noch ein kleines Rätsel darstellt?
In Stammnähe sind einige Sämlinge zu sehen, was heißt, dass die Pflanze Samen angesetzt hatte. Nur wer hier drinnen im Gewächshaus den Pollentransport vornimmt, das weiß keiner …

Hamburg - Planten un Blomen - Die Doldenblüten der Saraca asoca (Heiliger Ashok-Baum)

Hamburg – Planten un Blomen – Die Doldenblüten der Saraca asoca (Heiliger Ashok-Baum)

Dies hier nun, ist die eigenwillige Blüte eines Baumes, der sich Aristolochia arborea nennt.

Hamburg - Planten un Blomen - Blüten der Aristolochia arborea

Hamburg – Planten un Blomen – Blüten der Aristolochia arborea


Die Blüten der Aristolochia arborea
sind Kesselfallen und was die Gestaltung angeht sehr speziell. Optisch besonders auffällig! Wenn Sie einmal genau hinschauen, erkennen Sie, dass sich in der Mitte der sogenannten Perianthröhre etwas befindet, was auf den ersten Blick wie ein kleiner Hutpilz aussieht.   
Man geht davon aus, dass diese Blüte von der Pilzmücke bestäubt wird. Ein Insekt, das sich – wie sein Name sagt – auf Pilze konzentriert und selbst seine Eier dort ablegt. Die Pilzmücke fällt tatsächlich auf diese Attrappe herein, zumal die Blüten oft sehr weit unten in Bodennähe am Stamm auftauchen, an einem Platz, an dem Pilzwuchs durchaus realistisch erscheint.

Hamburg - Planten un Blomen - Im Innern einem Hutpilz täuschend ... Aristolochia arborea

Hamburg – Planten un Blomen – Im Innern einem Hutpilz täuschend … Aristolochia arborea

Die Pilzmücke forscht nun, ob sich das Gebilde für ihre Eiablage eignet und untersucht dafür angelegentlich die Hutpilzkopie. Sie bemerkt dabei nicht, dass eine kleine Öffnung für sie zur Gefahr werden könnte, fällt prompt hindurch und sitzt in der Kesselfalle.
Weil aber oben durchscheinende Zellen fast wie ein Fenster wirken, meint sie, dort einen Ausgang zu entdecken, Versucht sie daraufhin, dadurch zu entkommen, berührt sie die klebrigen Narben und überträgt dabei Pollen, den sie selbst mitgebracht hat. Raus kommt die Pilzmücke auf diese Art nicht, aber sie überlebt es trotzdem, denn schon am nächsten Tag öffnen sich die Antheren (Staubbeutel), und nun werden wiederum die Pilzmücken mit Pollen eingestäubt.
Die Blüte der Aristolochia arborea welkt, was die Zwangsinhaftierung der Pilzmücke beendet und ihr erlaubt, der Falle zu entkommen.

Über die kühlere Subtropen-Abteilung geht es Richtung Farnhaus  …

Hamburg - Planten un Blomen - Tropenschauhaus (Farnbereich)

Hamburg – Planten un Blomen – Tropenschauhaus (Farnbereich)

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… zum Sukkulentenhaus. Dort leuchten schon von weitem die großen Blüten einer Kaktuspflanze, die den Namen Cactaceae Echinocereus salm-dyckianus trägt.

Hamburg - Planten un Blomen - Sukkulentenhaus - Cactaceae Echinocereus salm-dyckianus

Hamburg – Planten un Blomen – Sukkulentenhaus – Cactaceae Echinocereus salm-dyckianus

Ich müsste ganz allmählich irgendwie wieder Richtung Hauptbahnhof kommen. Sie wissen, die Pflicht …


Erkenntnisse an der Binnenalster

Von Planten un Blomen, Ausgang Stephansplatz, geht es daher weiter Richtung Esplanade. Diese Straße führt zur Lombardsbrücke, und die überquert gemeinsam mit der parallel zu ihr verlaufenden Kennedybrücke die Alster. Die beiden Brücken trennen Binnen- und Außenalster optisch voneinander ab.  Wenden wir uns heute der Binnenalster zu.

 

Hamburg - Binnenalster - Chillen ...

Hamburg – Binnenalster – Chillen …

 

Dort fahren nicht nur die Boote der Alstertouristik oder der schon betagte Alsterdampfer St. Georg, der wirklich Dampf ablässt, hier sind auch Ruderer unterwegs oder Tretbootfahrer.

Hamburg - Binnenalster - Alsterdampfer St. Georg unterquert die Lombardsbrücke Richtung Außenalster

Hamburg – Binnenalster – Alsterdampfer St. Georg unterquert die Lombardsbrücke Richtung Außenalster

 

Und wie Sie unschwer erkennen, ebenfalls einige auf Brettern stehende Menschen mit langen Stechpaddeln …

Hamburg - Binnenalster - Die Stehpaddler sind unterwegs ....

Hamburg – Binnenalster – Die Stehpaddler sind unterwegs …

 

Ein älterer Herr schaute sich das Szenario an. Als seine Frau einen der Paddler geraume Zeit mit den Augen verfolgt hatte, fragte sie ihren Gemahl, was das dort denn bloß sei, das hätte sie ja noch nie gesehen!
„Der trainiert für den Gondelführerschein“, antwortete er bierernst.
„Du spinnst“, lautete ihre Reaktion, woraufhin er nur seelenruhig erwiderte:
„Dann sag du mir doch, was das sonst sein soll!“

Auch wenn sich das Stand Up Paddling oder Stehpaddeln als Freizeitsport enorm verbreitet, es ist bisher nicht überall und jedem bekannt. Wo die Möglichkeiten nicht gegeben sind, weil Wasserflächen fehlen, kommt eben keiner damit in Berührung. Das wiederum schafft Platz für kühne Phantasievorstellungen …
Warum sollte jeder beim Anblick sofort eine Verbindung zu den polynesischen Fischern und ihren Kanus, die sie im Stehen paddelnd vorwärts bewegten, sehen. Und folglich darin den Ursprung dieser Disziplin erkennen. Warum eine schnelle Art der Fortbewegung auch über weite Strecken oder reines Sportvergnügen daraus ableiten, wenn man gerade komplett andere Assoziationen hat.
Diese Idee des Herrn bezüglich des Gondelführtrainings ist nicht völlig abwegig!
Man hat hier in Hamburg, das gern als das Venedig des Nordens (aufgrund seiner vielen Brücken und Fleete) bezeichnet wird, tatsächlich schon überlegt, sich bei den Venezianern die Sache mit den Gondeln abzugucken. Hauptsächlich für die Touristen. Wo allerdings Gondeln eingeführt werden, wären natürlich auch Gondolieri dringend gebraucht. In Venedig sieht man das als sehr anspruchsvollen Job. Das darf erstens nicht jeder Hans und Franz, und zweitens muss der zukünftige Gondoliere eine recht schwere Prüfung ablegen. Wieso sollte das Prozedere in Hamburg anders sein …
Wenn es nach der Vorstellung unseres geschätzten Kommentators ginge, erfolgte das Training also auf dem Surfbrett, die Erlangung des Führerscheins und eine Gondola wären danach vermutlich nur noch eine Frage der Zeit.
Auf der Alster für sein segelloses Surfbrett ein langes Stechpaddel dabeizuhaben, ist auf jeden Fall nicht verkehrt. Denn Sie werden hier recht lange auf tosende Brandung und hohen Wellengang warten müssen, um auf diese Weise, wild über die exorbitanten Wellenkämme reitend, vorwärtszukommen …

Hamburger Kunsthalle – Sonderausstellung Édouard Manet

Ist die Lombardsbrücke überquert, sehen Sie bereits auf der linken Seite die Hamburger Kunsthalle. Beide auf dem Foto auftauchenden Gebäude gehören dazu! Insgesamt sind es mit einer Erweiterung zur anderen Seite sogar drei Bauten. Links der weiße Kubus mit fünf Stockwerken ist die Galerie der Gegenwart, dazwischen befindet sich das Plateau (auf dem z. B. schon die Riesenspinne „Maman“ von Louise Bourgeois ausgestellt wurde), das was Sie rechts als Backsteingebäude erkennen, ist der Gründungsbau von 1869.

Hamburg - Kunsthalle (links und rechts)

Hamburg – Kunsthalle (links und rechts)

 

Die Hamburger Kunsthalle kann ich Ihnen empfehlen! Generell und besonders jetzt!
Sie haben sicher aus der Presse vernommen, dass nach langer und millionenteurer Umgestaltungs-
und Renovierphase zum Mai Wiedereröffnung war und Gebäude, Außengelände und vor allem die Ausstellungsräume und damit die Präsentation der Werke jetzt viel schöner als vorher sind.
Der Eingangsbereich wurde nach fast 100 Jahren von der Seite, die Richtung Hauptbahnhof zeigt, wieder zurück in das alte Backsteingebäude und dort Richtung Plateau verlegt. Schauen Sie sich das Ergebnis an,
es ist recht gelungen!
Viel einladender und imposanter allein schon bei der Ankunft durch die interessante Fassade mit ihren Säulen, Verzierungen und Figuren. Freundliche, warme Farben nun auch innen, dazu großzügige Marmortreppen, Stuck (goldverziert), ein Terrazzoboden mit geometrischem Muster, gute Aufteilung, ansprechende Beleuchtung.
Sie merken, ich habe es mir nicht verkneifen können, auch dort einen Halt einzulegen. Ein weiterer Kürpunkt und direkter Anlass war für mich allerdings nicht allein die Wiedereröffnung, sondern die gerade gestartete und noch bis zum 4. September 2016 laufende Sonderausstellung mit einer Vielzahl von Werken des Malers Édouard Manet.
Da der gesamte erste Monat nach Umbau für alle Besucher der Kunsthalle eintrittsfrei war, habe ich mir gedacht, selbst wenn ich nur kurz für diese Ausstellung bleiben kann, so ist es nicht tragisch. Anders, als hätte ich 12 bzw. 14 €  (wochentags bzw. am Wochenende und feiertags) Eintritt zu bezahlen und müsste dann bereits nach einer knappen Stunde wieder gehen.

Hamburg - Hamburger Kunsthalle - Die Seite, an dem sich jetzt wieder der Eingang befindet ...

Hamburg – Hamburger Kunsthalle – Die Seite, an dem sich jetzt wieder der Eingang befindet …

Die Manet-Ausstellung ist vielseitig! Zeigt wirklich Exponate aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens, ebenfalls Gemälde einer Schülerin. Es lohnt sich!
Sie finden die Werke im Untergeschoss des Gründungsbaus, und ich denke, dass es jetzt im Juni und mit regulärem Eintritt nicht mehr diesen Andrang gibt, den ich Ende Mai erlebte. Aus diesem Grund gab es spezielle Zeitfenster-Tickets, die man sich aushändigen lassen musste. Ohne sie kam man nicht hinein, und theoretisch wurde daraufhin immer im Abstand von 15 min. eine Besuchergruppe durchgeschleust. Theoretisch deshalb, weil in der Praxis keiner herausgezerrt wurde, der mit dieser Zeit nicht auskam. Wer länger brauchte, durfte in Ruhe zu Ende schauen, während das Gros der Besucher wechselte. So entstand kein Gewühl und die Bilder ließen sich wirklich aus der Nähe betrachten.
Warum seine?
Ich kann gar nicht sagen, dass Manet mit der Wahl mancher Motive, egal ob es sich um lyrische, weltliche oder gar sakrale Szenen handelt, dass er damit und mit seinem Stil und seiner Umsetzung unbedingt zu meinen absoluten Lieblingsmalern gehören würde, aber ich finde Einzelwerke, ihn und seine Entwicklung interessant.

Da sehe ich einen talentierten Mann, der sich als Künstler trotzdem zunächst wie andere auch an die eigene und später ganz typische Art von Darstellung herantastete, sich und Techniken ausprobierte, manches wieder verwarf. Ich entdecke einen, der anfangs Vorbilder suchte und den ganz offensichtlich die spanische Malerei anzog. Beim etwas genauerem Betrachten entdeckt man bei einigen Gemälden, dass ein Tizian, ein Veláquez Einfluss ausübten oder auch ein de Goya y Lucientes und ein Tintoretto für ihn und sein neu geschaffenes Werk Pate standen.
Sie finden keine 1:1 Kopien! Er hat eigene Motive, jedoch ähnliche Szenen und Anordnungen. Hin und wieder gibt es durch seine Maltechnik und besonders durch eine fast identische Platzierung oder die Körperhaltung seiner Hauptfigur ein kleines Déjà-vu-Erlebnis. Man sucht im Gedächtnis, an was es einen erinnert … bis eben Tizian oder ein anderer ausgeworfen wird.
Im Fall jener Gemälde, auf oder besser gesagt aus denen seine Figuren einen ungewöhnlich direkt anblicken, kommt mir z. B. spontan sein Malerkollege und Vorbild Goya  mit seinem Werk  „Die nackte Maja“ in den Sinn. Auch sie schaut sehr offen (für damalige Zeiten), bei Manets Versionen erscheinen die Blicke fast noch etwas selbstbewusster, beinahe ein wenig herausfordernd.
Er hat sich definitiv bei anderen Malern Inspiration geholt, wie es wiederum später Eva Gonzalès als seine Schülerin auch bei ihm tat. Der Meister hatte so viel Einfluss auf ihre Darstellungsart, dass das Hamburger Abendblatt dadurch kürzlich sogar versehentlich den Urheber eines in dieser Zeitung verwendeten Gemäldeabdrucks, der für Manet selbst und die Ausstellung werben sollte, verwechselte. Das Werk war nicht von ihm, sondern von Eva Gonzalès.

Ich sehe im Falle von Manet außerdem einen fast schon Einzelgänger, der mal eben kurz die Regeln der Moral in den Wind schoss und zeitweilig mit Bildnissen von nackten („Olympia“, „Frühstück im Grünen“)  oder auch nur für damalige Verhältnisse unzüchtig bekleideten Frauen („Nana“) für Skandale sorgte. Die „Olympia“ ist es übrigens, die sofort an die Venus von Urbino von Tizian erinnert!
Vor seinen Werken stehend fällt mir ebenfalls auf, dass dieser Mann nicht rein akademisch malte, er sich nicht immer um absolute Korrektheit scherte. Nicht immer passen die Proportionen optimal, nicht überall ist alles akribisch ausgemalt, klar dargestellt und bis in die letzte Ecke deutlich. Verwischt, vertupft … Es sind Kleinigkeiten, die das eigene Empfinden zwiegespalten registriert. Der Ordnungssinn moniert das „Schludern“, der kreative Part findet es klasse und betrachtet es eher als besonderen Anziehungspunkt.

Sehr stark finde ich bei Manet auch, welche Wirkung er auf seinen Gemälden mit der Farbe Schwarz erzielt, einer Farbe, die ja eigentlich als Nichtfarbe zählt. Er verwendet sie in vielen Abstufungen. Schwarz ist nicht gleich schwarz – Sie wissen selbst wie das ist, sobald sie verschiedene schwarze Kleidungsstücke zusammen anziehen wollen. Die Hose wirkt auf einmal grau-schwarz, das Oberteil kommt in tiefmitternachts- oder kohlengrubenschwarz daher. Und dazwischen liegen mindestens zehn bis 15 Abstufungen …
Das nutzt er und zwar durchaus großflächig. Trotzdem wirken die Bilder nicht grundsätzlich düster. Gerade mit dem Einsatz von Schwarz schafft er Kontraste und für mich insofern ein etwas anderes visuelles Erlebnis, da alle anderen Farben dadurch eine besondere Leuchtkraft zu bekommen scheinen („Frühstück im Atelier“).  Schon toll!

So langsam muss ich allerdings …

So viel entdeckt … Bewegung, Frischluft, neue Anregungen. Die Kürelemente … Mensch, war das schön!
Wie bitte? Die Pflichtsache?
Eine kurze Angelegenheit, die kurzfristig dazugekommen war, hatte ich nebenher auf dem Weg schon erledigt, davon haben Sie gar nichts mitbekommen. Die eigentliche Muss-Sache verlief am Ende erstaunlicherweise viel besser und schneller als gedacht! Ich vermute stark, es lag daran, dass die Pflicht nach allem anderen keine Chance mehr hatte, ihren elend hohen Nervfaktor auszuspielen.

Konfuzius meinte ja weise, der Weg sei das Ziel. Und ich ergänze pseudoweise:
Erscheint das Ziel als eher aufgedrücktes Muss-Ziel und wenig attraktiv, dann spicke wenigstens den Weg dorthin mit erfreulichen Zwischenstopps.

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© by Michèle Legrand, Juni 2016
Michèle Legrand - Freie Autorin

 

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