Beiträge getaggt mit Hamburger Abendblatt

Edgar Bessen ist tot. Abschied von einem liebenswerten Menschen …

Morgen wird es in den Zeitungen stehen. Wieder ist ein Guter gegangen.
Sie werden ihn ehren, was er verdient hat. Sie werden an den Schauspieler erinnern, seine Rollen und Engagements, seine Preise erwähnen. Seine Karriere …
Ich möchte an den Menschen Edgar erinnern. Von ihm erzählen.
Im November vor einem Jahr, stieß ich hier im Blog einen Toast auf ihn aus. Mein sehr geschätzter, freundlicher, liebenswerter Stepptanzkollege Edgar feierte damals seinen 77. Geburtstag.
https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/10/herzlichen-gluckwunsch-edgar-%E2%80%93-einen-toast-auf-meinen-steppkollegen/
https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/11/kleiner-nachtrag-zu-edgar/

Heute gibt es leider nur den traurigen Anlass seines Todes, der mich dieses Mal zur Feder greifen lässt.
Edgar Bessen, ein Begleiter meiner Kindheit und meiner Jugend. Begleiter aus der Ferne, denn ich wuchs in der Zeit auf, als Edgar am Theater in Hamburg war, ein „Volksschauspieler“ – seinerzeit fest am Ohnsorg-Theater engagiert. Damals wurden die Aufführungen in größeren Abständen, dennoch regelmäßig, vom Norddeutschen Rundfunk im Fernsehen ausgestrahlt. Damit wurde ich groß. Es war ein Ereignis, wenn eine Aufzeichnung auf dem Programm stand!
Als Kind fand ich sie schön, diese harmlose, heile Welt auf der Bühne mit ihren teilweise herrlich verschrobenen Typen. Und ich mochte den Neffen von Henry Vahl: Edgar Bessen. Es hat leider nicht geklappt, ihn im Weihnachtsmärchen als Prinzen zu sehen, irgendwer machte mir damals einen Strich durch die Rechnung. Das hinderte mich jedoch nicht daran, seinen Weg weiter zu verfolgen, immer aus der Distanz.

Dann, plötzlich vor etwa vier Jahren, lernte ich ihn persönlich etwas näher kennen. Edgar, der früher ernsthaft Turniertanz betrieben hatte (mit seiner Frau), besaß ein Faible für Stepptanz.
Doch, auch noch in seinem Alter!
Es begeisterte mich! Jeden Donnerstag war er dabei, wenn unsere Riege sich traf. Selbst eine Hüftoperation, die, wenn ich mich richtig entsinne Ende 2009 notwendig war, konnte ihn nicht davon abhalten.
Nach der Reha spielte er seine Rolle im Musical „Ich war noch niemals in New York“ weiter, und er kam zurück zu uns zum Training.
Ein bisschen kürzer trat er, und Ende 2010 ging es ihm kurzzeitig nicht wirklich gut.. Wir freuten uns, als er bald darauf erholter wirkte, dennoch schien ihn im Laufe des Frühjahrs das Steppen mehr und mehr anzustrengen. Wir schoben es auf unser anziehendes Tempo sowie spezielles Training vor einem Auftritt. Da er Auftritte ohnehin nicht mitmachen wollte, ließ er diese Choreografien einfach aus.
Edgar setzte sich zwischendurch hinten in den Übungsraum auf dort bereitstehende Stühle, von denen aus er einen exzellenten Überblick hatte und übernahm – wie es sich für einen Schauspieler gehört – mehrere Rollen:
Er war Beobachter, Kritiker, Imitator, Mittänzer (im Sitzen auf seinem Stuhl klapperten oft die Füße im Rhythmus) und vor allem Kommentator. Es ist schwierig zu beschreiben für jemanden, der es nicht miterlebte.
Edgar schien im Grunde ein leiser Mensch zu sein. Ein stiller Charakter. Als reiner Privatmensch. Bis – ja, bis er anfing zu reden und dann wurde klar, warum er ein guter Schauspieler geworden war. Ihm gelang es zu überraschen, er gab seelenruhig die trockensten und am wenigsten erwarteten Kommentare von sich und zwar genau im richtigen Moment.
Pointe auf den Punkt!
Seine Gesten saßen und wirkten doch nicht gestellt. Seine Stimme passte sich mühelos der von ihm dargestellten Person an. Sein Zwinkern brachte mehr zum Lachen, als sogenannte bombensichere Witze manch sogenannter Komiker es vermögen. Sein Humor war ein feiner. Wenn er wen auf die Schippe nahm, dann vorrangig sich selbst.
Ich verglich ihn damals im Blog mit einem kleinen Vulkan, der plötzlich erumpiert. Kein Ätna, der Lavamassen spuckt, die alles unter sich begraben. Vielleicht war er doch mehr das fröhliche Tischfeuerwerk, vor dem keiner Angst haben brauchte, doch alle glänzende Augen bekamen, wenn wieder die Funken sprühten.
Irgendwann im Spätsommer meldete er sich nicht mehr für einen neuen Kurs an. Die Zeit des nur Zuschauens war angestiegen, die des Mitmachens entsprechend gesunken. Ganz trennen konnte er sich dennoch nicht. Er begleitete uns ins St. Pauli Theater, als dort Rasta Thomas und seine Bad Boys auftraten, hervorragende Stepptänzer aus den USA.
Edgar kam weiterhin in regelmäßigen Abständen zu Besuch – zum Gucken und Hallo sagen. Das letzte Mal sprach ich am 26. Januar 2012, eine Woche vor seinem Tod, mit ihm und nichts deutete darauf hin, dass es keine Wiederholung geben würde …

Im November 2008 anlässlich seines 75. Geburtstages, hatte uns ein Fotograf vom Hamburger Abendblatt besucht und die Redakteurin Nataly Bombeck berichtete über ihn. Ein Foto des Stepptänzers Edgar Bessen im Kreise seiner Mädels erschien in der Tageszeitung. In dem erwähnten Interview wurde er gefragt, warum er diesen Sport betreibe. Edgar erklärte ernsthaft:
„Ich muss mich doch fit halten! Ich will schließlich noch 80 werden und merke, dass man beim Tanzen neben dem Körper auch sein Gehirn enorm trainiert. Schließlich muss ich mir dabei so einige Schrittfolgen merken …“

Es hat nicht sollen sein. 78 Jahre alt ist er geworden und hinterlässt Frau, Tochter, Enkeltöchter … denen er sehr fehlen wird.
Auch wir werden ihn alle sehr vermissen. Jede(r) auf seine Art. Hart, ihn gehen lassen zu müssen, aber schön und beruhigend, dass es solche Menschen gibt auf dieser Welt.
Gegeben hat.
Ich habe mich noch nicht an die Vergangenheitsform gewöhnt …
Danke, Edgar Bessen!
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Nachtrag am 16. Februar 2012:
Wie heute verlautete, finden die Trauerfeier sowie die Beerdigung  am Montag, den 20. Februar statt. ->  12.30 Uhr Fritz-Schumacher-Halle, Bestattungsforum Ohlsdorf)
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20. Februar 2012: Ein weiterer Nachtrag:
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Fritz-Schumacher-Halle, Bestattungsforum, Friedhof Ohlsdorf

Die Trauerfeier für Edgar Bessen fand in der Fritz-Schumacher-Halle statt

Heute war die Trauerfeier und anschließende Beerdigung von Edgar Bessen. Der Anlass für eine solche „Feier“ verbietet es eigentlich, das Wort schön als Beschreibung zu wählen. Doch es gibt schöne Trauerfeiern, solche, die es schaffen es, persönlich und würdevoll zu sein. Sie vereinen Freude darüber, dass es den Menschen, der nun gegangen ist, gegeben hat mit der Trauer, dass er jetzt nicht mehr dabei sein wird. Sie bieten allen die Chance, sich zu erinnern, sich mit anderen ein wenig vereint zu wissen in dieser Situation, die den Verlust so deutlich zeigt, und sie geben die Gelegenheit, Edgar Bessen die letzte Ehre zu erweisen. Sich von ihm zu verabschieden. Zu verabschieden, wohlgemerkt, nicht ihn zu vergessen …

Gestern wurde an ihn erinnert. Mehrere Menschen berichteten über ihn, versuchten ein Bild von ihm zu zeichnen. Erzählten aus seinem Leben, beschrieben seine Laufbahn und Karriere als Schauspieler, ließen sogar teilhaben an privaten Erlebnissen der Familie. Es waren Weggefährten, die ihn vor mehr oder weniger langer Zeit begegnet waren – und sein Leben weiter verfolgten oder auch weite Strecken mit ihm zusammen zurücklegten.  (Traueransprachen: Gerd Spiekermann, NDR und Christian Seeler, Intendant des Ohnsorg Theaters). Kollegen, die mit ihm zusammen gearbeitet hatten, sprachen für und von ihm. Andere kamen einfach als Trauergäste. Stimmungsvoll auch die ausgewählte Musik. Love Newkirk, eine Sängerin, mit der Edgar Bessen für Soul Sisters auf der Bühne des Altonaer Theaters stand, sang wunderschön Amazing Grace (später am Grab trug sie ein weiteres Lied vor), Jurek Jerzy Lamorski  spielte auf dem Akkordeon eine Version von La Paloma, wie ich sie noch nie gehört habe! Und wie ich auch ein Akkordeon noch nie gehört habe! Einfach unglaublich … Ein Rilke-Gedicht (Die Blätter fallen, fallen weit…) wurde vorgetragen und Holger Löwenberg sang im letzten Teil Tears in Heaven von Eric Clapton (Ebenfalls wundervoll die Art, wie er es tat!).
Ich glaube, Edgar Bessen hätte es sehr gefallen. Alles. Besonders bestimmt auch das, was sein Schwiegersohn ihm versprach …
Manchmal sah ich Edgar direkt vor mir. Wenn ihm an irgendeiner Stelle zu viel Gedöns um die eigene Person gewesen wäre, hätte er sich vielleicht hingestellt oder aus der Ecke gebrummelt: Kinners, nu is Sluss …!
War es dann ja auch.

Er hat jetzt einen Platz neben Onkel Henry (Vahl). Es fiel die Bemerkung, dass Edgar nicht daran glaubte, in den Himmel zu kommen. Und auch fand: In der Hölle ist es interessanter! Doch dort wollte ihn die Familie denn doch nicht wissen. Sein Schwiegersohn sah ihn gern auf einer Art Zwischendeck sitzend. Jeder müsste an ihm vorbei, und er würde es genussvoll kommentieren.
Das brachte mich sehr zum Schmunzeln. Ich kann es mir außerordentlich gut vorstellen!
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Auf Wiedersehen, Edgar – irgendwann!

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©Februar 2012 by Michèle Legrand

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E-Mail von Dr. Eckart von Hirschhausen …

Gestern Abend reagierte ich höchst verblüfft, als ich mein Postfach aufrief. Mein elektronisches. Ein bisschen trocken habe ich schon geschluckt, als ich merkte, dass eine Mail von Dr. Eckart von Hirschhausen eingetroffen war.
Wie es dazu kam?
Ja, merkwürdig – gerade weil ich so gar nicht der Promischatten, der Starsucher, der VIP-Lechzer bin – mit einer Ausnahme vielleicht: Es gibt eine 25jährige Bekanntschaft und moderate Verfolgung des Schaffens von Stephen Fry (was ich hier im Blog bereits erwähnte). Ich bin jedoch niemand, der ansonsten Post aus Promikreisen erwarten dürfte.

Zurück zu Herrn von Hirschhausen. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:
Es war einmal ein recht interessanter Doktor der Medizin, der sich vermutlich irgendwann überlegte, seine Praxis auf  deutsche (deutschsprachige) Bühnen zu verlegen.
Vielleicht, um mehr Leute zu sehen.
Eventuell, um mehr Menschen auf einmal behandeln zu können.
Ebenfalls gut möglich, dass er andere Arbeitszeiten vorzog.
Ziemlich sicher auch, um sich den ständigen Ärger mit der Gesundheitsreform und permanent quakenden Krankenkassen zu ersparen.
Er wird noch mehr Gründe gehabt haben. Er zog fortan durch die Lande und machte „Hausbesuche“ im größeren Stil. Diese Form der Jobverknüpfung und -ausübung scheint ihm auch sichtlich Spaß zu machen.

Es begab sich, dass besagter Doktor von Hirschhausen im Jahre 2009 vom Hamburger Abendblatt beauf-
tragt wurde, im Jahr 2010 eine wöchentliche Kolumne zu schreiben. Die Zeitung hat es tatsächlich geschafft (ich glaube die Berliner Morgenpost ebenfalls), dass er zusagte und regelmäßig am Sonnabend auf der ersten Seite seine Sprechstunde abhielt.
Er verknüpfte gekonnt neueste Erkenntnisse und Forschungsergebnisse aus Medizin, Naturwissenschaft und Psychologie mit Beobachtungen aus dem Alltag, illustrierte alles fürs Kopfkino mittels sehr anschaulichen, oftmals urkomischen, Beispielen und pflegte dabei insgesamt den eher saloppen Ton.
Alles in allem richtig lesenswert, empfehlenswert und vor allem erhaltenswert!

Letzten Sonnabend erwähnte er, dass dies erst einmal die letzte Kolumne sein würde. Er verordnete sich selbst eine Schreib-Diät. Fast am Textende äußerte er noch diesen Wunsch:
Schreiben Sie mir doch bitte einmal, wie Ihnen diese Kolumne gefallen hat!
Als Bühnenkünstler wüsste er schon gleich am Abend beim Ausprobieren seiner Texte, ob nur er sie für lustig hielte. Bei einem Artikel in der Zeitung fehle ihm als Autor oft die Rückmeldung, das Feedback. So fragte er: Was gefiel Ihnen? Was ist Ihnen im Gedächtnis geblieben? Und ja, es sei auch erlaubt und erbeten zu kritisieren, wenn etwas nicht gefiel. Danach folgte eine E-Mail-Adresse.

Da saß ich nun. Leicht stirnrunzelnd. Nicht etwa, weil ich es missbilligen würde, nein ich überlegte.
Ich gebe ungern meinen Senf irgendwo dazu, wenn ich nicht vollständig informiert bin. Seine Kolumnen allerdings habe ich alle und jede komplett gelesen!
Ich schreibe auch nicht ungefragt, rücke den Herrschaften nicht unerwünscht auf die Pelle. Nur – hier bettelte  jemand förmlich um eine Mail …
Gesagt, getan. Ich setzte mich an den Laptop.

„Lieber Herr Dr. von Hirschhausen …“
Ich habe ihm nicht ausschließlich Honig um den Bart geschmiert! Neben allgemeinem Lob und anerkennenden Worten für spezielle Folgen, erwähnte ich auch die eine Ausgabe der Kolumne, die ich als wirklich ‚schwafelig’ empfand. Dennoch hat Herr von Hirschhausen einen Superschnitt geschafft: von 52 Prüfungen, denen er sich quasi bei mir unterzog, hatte ich nur einmal ein wenig den Rotstift angesetzt und geschrieben:
Sie weichen dort sehr vom Thema ab. Ihre Gedankengänge wirken ein wenig konstruiert, an den Haaren herbeigezogen. Es wurde allzu passend“ gemacht.
Nach Fertigstellung der Kritik folgten am Ende gute Wünsche für das Fest und weg war die Mail, abgesandt in die Weiten des www.

Gestern nun die Reaktion. Ich gehe nicht davon aus, dass ich die einzige bin, die diese Mail bekommen hat. Mir scheint es ein sehr nett vorbereiteter Text für alle Feedback-Geber zu sein. Sie wirkt dabei jedoch sehr persönlich, und was ich zudem an dieser ganzen Angelegenheit sehr stilvoll finde, ist:

a) Dr. Eckart von Hirschhausen fragt überhaupt nach Feedback!
(Obwohl er genauso wie viele andere einfach davon ausgehen könnte, dass er der Größte sei und seine absolut genialen Texte ein Selbstgänger wären.)
b) Er antwortet tatsächlich und auch noch prompt, bedankt sich und gibt weitere Informationen!
c) Er schickt als Extra-Dankeschön im Anhang eine Exklusiv-Weihnachtskolumne

Ich möchte fast verlegen murmeln: „Ach,  Herr Doktor, das wäre doch nicht nötig gewesen …!“ Doch ich gebe zu, es hat mich gefreut! Die Geschenkkolumne und die Tatsache, dass er es selbst als nötig empfand.

Herr Dr. von Hirschhausen, falls Sie diesen Bericht zufällig lesen: Sie haben dadurch bei mir einen großen Stein im Brett! Tja, nur schade, dass Ihre die Kolumne jetzt eingestellt wird.

Ähm, Herr Doktor, ich hätte da einen Weihnachtswunsch …

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©Dezember 2010 by Michèle Legrand

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Es geht los! Ist dies der Anfang des Winter-Wonderlands…?

Die ersten feinen Fieselschneeminiflöckleinchen fallen herab. Doch, man kann sie erkennen – als Schnee.
Oder Moment!
Es sieht gerade wieder ein wenig mehr nach klumpigem Regen aus. Trotzdem folgt der Schlachtruf:
Ihr Kinderlein, kommet!
Entrostet die Kufen eurer Schlitten oder schrubbt den Plastiksitz der Rutschwanne. Nur seid schnell, es scheint noch keine Liegenbleibgarantie zu geben!
Eher als es der Wetterbericht prophezeite, ziehen die Boten des Winters ein. Und ja, ich spreche definitiv lieber von Wetterbericht als von Wettervorhersage. Eine Vorhersage der Wetterkundler  im Sinne von „vorher etwas sagen“ ist es zwar immer, aber – über einen Tag hinaus – relativ selten im Sinne von „vorher etwas Zutreffendes verkünden/voraussagen“…
Natur ist eben Natur. Die macht es so, wie sie es will, auch angesichts der schwerverdaulichen Brocken, die die Menschheit ihr so vorwirft.
Es schnieselt also.
Die passende Bezeichnung dafür, was das feine Weiß gerade veranstaltet – hier und wahrscheinlich noch vielerorts.
Wieder ist die Zeit gekommen, Schneeschieber und Streusplitt in greifbarer Nähe zu deponieren.
Wessen  Auto-Scheibenwischanlage jetzt noch Mittel ohne Frostschutzim enthält, ist demnächst mit eingefrorenem Klumpen unterwegs – und trockener, dreckiger Scheibe!
Und bedenken Sie: Winterreifen bieten große Vorteile. Besonders am Auto!
Vielleicht sollte auch der Vorrat an Handschuhen, Schals, Mützen und Winterstiefeln kontrolliert werden. Die Erfahrung aus dem letzten Jahr zeigt: es könnte länger dauern mit Väterchen Frost. Anschaffungen amortisieren sich daher wahrscheinlich schon im ersten Jahr.
Dass es auch diesmal so ist, dass es länger dauern könnte,  sagen die hektischen Bevorratungen und Hamstereien der Vögel und sonstigen Getiers, die schon im September und Anfang Oktober mehr plünderten, als sie es die Jahre zuvor taten. Haselnüsse habe ich in dieser Saison nicht mehr zu Gesicht bekommen. Die Früchte am Pfaffenhütchen waren in Nullkommanichts weg, der Feuerdorn verlor seine roten Beeren, die Efeu- und Holunderbeeren waren heiß begehrt. Die Aralie wurde tagelang zur Anlaufstelle ganzer Meisenschwärme, der Kirschlorbeer – sonst eher in dieser Hinsicht vernachlässigt – ebenso erleichtert wie das Vorgenannte.
Harren wir nun also der Dinge, die da kommen.

Heute Morgen stand in unserer lokalen Zeitung, dass Hamburg die Bewerbung für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2028 erwägt. Es ist nicht die erste Bewerbung dieser Art. Seinerzeit erhielt die Stadt allerdings eine Absage. Das Komitee hatte sich anderweitig entschieden.
Der Vorschlag geht nun dahin, sich doch gleich angesichts der geänderten Klimaverhältnisse lieber um den Zuschlag für die Winterspiele 2026 zu kümmern. Es scheint, dass sich Hamburg zu einem nicht zu unterschätzenden Wintersportort entwickeln könnte!

Während ich noch diesen Gedanken leicht schmunzelnd ausbaue und ausschmücke, fällt mir ein Artikel von Nico Binde in die Hände, der in einer Kolumne fürs Hamburger Abendblatt ähnliche Ideen im Kopf hat:
Darin schreibt er  u. a:
… Denn gerade für Hamburg, das sich erst vor gefühlten zwei Monaten mit ausgiebigen Schneefällen für die Vierschanzentournee empfohlen hat, kommt dieser erneute Wintereinbruch zu früh. Manch einer mag sich angesichts der frisch verheilten Glatteis-Fraktur oder der allzu präsenten Asphaltverwerfungen sogar fragen, ob die Flocken-Botschaft jetzt ein ernst zu nehmendes Déjà-vu, ein wiederkehrender Albtraum oder einfach nur ein Fehler in der Matrix ist. Zumal die Botanikerweisheit „Unter Schnee muss man nicht mähen“ lediglich der überschaubaren Gruppe von Gartenbaufreunden echte Vorteile verspricht.
Wie dem auch sei: Der gemeine Hanseat fremdelt noch mit den veränderten klimatischen Rahmenbedingungen in seiner Heimat – also mit sechsmonatiger Schneesicherheit. Das wird besonders am zartesten Trieb der aufstrebenden hamburgischen Industriezweige deutlich, dem Wintersporttourismus: Längst nicht alle Loipen sind rechtzeitig zum Saisonstart präpariert, Sessellifte noch nicht final verschraubt und Slalomstangen noch nicht in die Harburger Berge gedübelt …“
Soweit Nico Binde.

Während ich noch überlege, welche Ecken in Hamburg umgewandelt werden könnten, geht mein Blick in den (kleinen) Garten, um auch hier den idealen Platz für den Bau einer Schanze zu erkunden.
Doch halt, was sehe ich …?
Es hat aufgehört zu schneien, regnet nur noch …  Aus der Traum vom Schnee, vom Winter-Wonderland. Adé Winterolympiade!
Mein Schnee-Ersatz für den Moment sieht so aus:  ich genehmige mir einen dicken Klecks Schlagsahne auf den Kaffee! Helle Spitze auf dunklem Berg.
Und dann wird neu geträumt: vom Fujijama.
Oder vom Kilimandscharo….

©November 2010 by Michèle Legrand

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