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Hamburg entdecken – Heute ein Blick in den Oberhafen und seine Umgebung

Moderne Glasbauten, Backstein, Brücken, alte Schlösschen und mehr  

Hätten Sie heute zufällig etwas übrig für schiefe Kaffeeklappen, eigenartige Drachenschwäne
und all die anderen Dinge, die ich gerade oben erwähnte? Elbwasser wäre auch dabei …
Überlegen Sie es sich, und bis Sie einen Entschluss gefasst haben, lesen Sie einfach weiter.

In der letzten Zeit hatte ich abends mehrmals in für mich relativ unbekannten Ecken der Hansestadt zu tun. Entweder war ich noch nie dort gewesen (Hamburg ist immerhin eine Großstadt) oder hatte mich ewig lang
nicht mehr in gerade diesen Bereichen aufgehalten.
War man bereits irgendwann einmal in dem Viertel, verleiht dieser Umstand eine trügerische Sicherheit im Hinblick auf den jetzigen Besuch. Das finde ich schon wieder, ist der erste Gedanke. Nur vergisst man dabei schnell, dass Veränderungen gerade in einer Stadt an der Tagesordnung sind. Im Laufe von fünf, zehn oder noch mehr Jahren, hat sich vieles erheblich gewandelt. Wo Sie sich einst fast schon auskannten, ist nun eine andere Straßenführung, es gibt auf einmal Tunnelbauten oder weitere Brücken, riesige Kreuzungsanlagen, es fanden diverse Abrisse statt, Neubauten gesellten sich dafür dazu, andere Fassaden blinzeln sie an. Es ist manchmal gar nicht so einfach, sich wieder zu orientieren.
Klar, wie jeder andere wahrscheinlich auch, suche ich mir gerade deshalb jeweils vorab die entsprechende Route heraus, doch, Hand aufs Herz, Karte gegenüber realer Ansicht – irgendwie wirkt das beim Näher- bzw. Ankommen oft komplett anders. Vor allem, wenn die markanten Punkte, die einem als Wegmarken dienen sollen, kaum zu sehen sind. Wegen Dunkelheit. Im Winterhalbjahr ist sie leider ein ständiger Begleiter.
Ich habe jedenfalls in letzter Zeit hin und wieder ganz schön verdutzt geschaut und herumsuchen müssen.
Umso schöner, hin und wieder einen Mitkommer und Mitsucher dabeizuhaben. Als ich neulich am Abend in Begleitung meiner Tochter unterwegs war, wurde dabei nur eines ziemlich deutlich: Man kann nicht gerade behaupten, dass ich – zumindest zu später Stunde – über so etwas wie Adleraugen verfügen würde.

Wir wollten zu einer Veranstaltung am Großmarkt. Früher strebten dorthin nur Produzenten und Händler von Lebensmitteln (frisches Gemüse und Früchte) und Blumen. Und bis heute herrscht dort speziell nachts und in den frühen Morgenstunden Hochbetrieb! Generell gibt es aber in den Großmarktmallen rund um die Uhr ein Riesenangebot für Kaufwillige. Es ist Norddeutschlands größtes Frischezentrum mit etwa 470 beteiligten Marktfirmen!
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Hamburg (Hammerbrook) - Der Großmarkt am Tag ... (Eingang zu den Großmarkthallen

Hamburg (Hammerbrook) – Der Großmarkt am Tag …

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Sind es sonst die Firmenvertreter und die Käufer des Einzel- und Großhandels, die sich in den Hallen begegnen, so treffen einmal im Jahr an einem Wochenende auf dem Großmarktgelände völlig andere Menschen und viel blitzender Chrom aufeinander. Dann sind Harley Days angesagt und auf dem Vorplatz stehen die Maschinen dicht an dicht.
Seit zwei Jahren streben nun regelmäßig Unmengen von abendlichen Besuchern mit einem wiederum völlig anderen Plan auf die Hallen mit den geschwungenen, wellenförmigen Dächern zu. Sie wollen ins Konzert!
Im Jahr 2015 hat das „Mehr! Theater am Großmarkt“ eröffnet,  das bis zu 3500 Besuchern Platz bietet und wohl das einzige Theater ist, das in einen bestehenden Lebensmittelgroßmarkt einfach integriert wurde.
Nicht direkt ins Gemüse, aber in eine der Hallen, in die mittlere.
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Hamburg - Großmarkthallen (Blick auf die wellenförmig geschwungenen Dächer)

Hamburg – Großmarkthallen

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Mit meiner Tochter spazierte ich vor dem Konzert vom Hauptbahnhof und den Deichtorhallen kommend die lange Banksstraße hinauf Richtung Mehr!Theater.  Kurz vor dem Ziel überquert man die „Erste Banks-Brücke“, und dort tauchte mitten aus der Dunkelheit auf der Außenseite des Geländers ein mittelgroßes Wesen auf. Ein unechtes, wie aufgrund der Starre schnell klar wurde. Aber was ..?  Ich versuchte, etwas zu erkennen.
„Was ist denn das? Ein Schwan?“, fragte ich meine Tochter.
Ein kurzer Blick hinüber genügte ihr. „Nein! Kein Schwan! Eher ein Drachen!“, entgegnete sie überzeugt.
Ein Drachen? Ich fixierte das Wesen genauer. Meine Augen sahen allmählich etwas mehr … Sie hatte sofort Details im Dunkeln erkannt, ich hingegen zunächst nur die reine Form, die Haltung. Das muss die berühmte Nachtblindheit sein, die unweigerlich zunimmt, sobald man in die Jahre kommt …
Wir mussten weiter. So nahm ich mir in dem Moment bereits fest vor, mir den sonderbaren Kollegen bei Gelegenheit noch einmal anzuschauen. Im Hellen!

Letzte Woche war es schließlich soweit. Der Wochenanfang hielt lang vermisste Sonnenscheintage und nicht mehr ganz so frostige Temperaturen parat. Somit geht es heute auch für Sie hinaus! Später zum Drachen, doch zunächst an die Elbe. Auf Hamburger Gebiet. Zur Abwechslung diesmal nicht elbabwärts Richtung Blankenese (und Nordsee), sondern ein Stückchen in die Gegenrichtung, elbaufwärts.
Wer von der Norderelbe abzweigt, kommt z. B. in die Speicherstadt, landet im Zollkanal, in den Fleeten oder in verschiedenen Hafenbecken. Eines davon trägt den Namen Oberhafen, und das – inkl. seiner Umgebung – schauen wir uns heute an.
An einem Ufer dieses Hafenbeckens schließt der Stadtteil Hammerbrook an, an der gegenüberliegenden Uferseite stoßen Sie auf den neuen Stadtteil HafenCity mit dem Lohsepark.
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Hamburg - Oberhafen - Der Fruchthof Hamburg am Stadtdeich

Hamburg – Oberhafen – Der Fruchthof Hamburg am Stadtdeich

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Eine recht interessante, kontrastreiche Ecke Hamburgs! Sie haben nämlich neben der schönen Wasserlage eine lebhafte Kombination von Altem und Neuem. Einerseits Bürogebäude mit futuristischen Design und hohem Glasanteil, andererseits die Ausläufer der alten Speicherstadt mit ihren roten Klinkern und dazu die zwischen 1911 und 1914 auf dem Areal des ehemaligen Berliner Bahnhofs in Hamburg als Markthallen errichteten Deichtorhallen.
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Hamburg - Deichtorhallen (zum Wasser und der Flutschutzanlage hin)

Hamburg – Deichtorhallen (zum Wasser und der Flutschutzanlage hin)

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Als Markthallen werden sie schon länger nicht mehr genutzt. Sie wurden restauriert, saniert, und heute sind
sie mit der Halle für aktuelle Kunst sowie dem Haus der Photographie (Südhalle) bekannter und beliebter Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Noch bis zum 1. Mai heißt es „Elbphilharmonie revisited“. Kein er-
neuter, ellenlanger Aufwasch der Entstehungsgeschichte, die gerade vor der Eröffnung der Philharmonie im Januar extrem oft und ausführlich durch die Medien ging, sondern Werke von Künstlern, die sich durch die Elbphilharmonie inspirieren ließen. Ich war noch nicht in dieser Ausstellung, es hört sich aber spannend an.
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Hamburg - Deichtorhallen - Haus der Photographie (Halle Süd)

Hamburg – Deichtorhallen – Haus der Photographie (Halle Süd)

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Hamburg - Auf dem Gelände der Deichtorhallen das Palazzo Gourmet Theater im Spiegelpalast

Hamburg – Auf dem Gelände der Deichtorhallen das Palazzo Gourmet Theater im Spiegelpalast

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Der Kunstverein ist gleich gegenüber am Klosterwall ansässig und zeigt ebenfalls zeitgenössische Kunst.
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Hamburg - Der Kunstverein in Hamburg - Klosterwall/Deichtorplatz

Hamburg – Der Kunstverein in Hamburg – Klosterwall/Deichtorplatz

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Das ZDF-Landesstudio hat sich in einem sehr modernen Gebäude niedergelassen, dem 2002 fertiggestellten Deichtor-Center. Zehn Geschosse und u. a. war hier Herr Teherani einer der Architekten (Jens Bothe, Kai Richter und Hadi Teherani (BRT Architekten))
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Hamburg - Das Deichtor-Center mit dem Landesstudio des ZDF

Hamburg – Das Deichtor-Center mit dem Landesstudio des ZDF

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Mittendrin tost der Verkehr. Ein Verkehrsknotenpunkt, eine wichtige Verbindung auch von Stadt Ost nach Stadt West. Gewusel und Gedränge herrscht am Klosterwall stets zusätzlich durch die Bauarbeiten im Wallringtunnel. Die Sanierung des Tunnels begann bereits 2014, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Immerhin ist die Oströhre bald (geplant April) fertig.
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Hamburg - Klosterwall - Baustelle am Wallringtunnel

Hamburg – Klosterwall – Baustelle am Wallringtunnel

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Nach dem Blick auf die Gegebenheiten auf Landseite, werfen wir doch jetzt ein Auge auf das Wasser. Der Oberhafen grenzt unmittelbar an den Ericusgraben. Ein Begriff, der Ihnen vielleicht irgendwoher bekannt vorkommt. Ericus? Genau! Ericusspitze! DER SPIEGEL! Dort, mit Adresse Ericusspitze 1, residiert in einem modernen Gebäude mit sehr markantem Aussehen seit 2011 die SPIEGEL-Gruppe.
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Hamburg - Die Ericusspitze mit dem Verlagsgebäude des SPIEGELs

Hamburg – Die Ericusspitze mit dem Verlagsgebäude des SPIEGELs

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Hamburg - Ericusgraben - Die Deichtorhallen noch einmal vom Wasser aus gesehen ....

Hamburg – Ericusgraben – Die Deichtorhallen noch einmal vom Wasser aus gesehen …

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Woher weiß man überhaupt, wo der Oberhafen endet und der Ericusgraben beginnt? Das Elbwasser sieht doch nicht plötzlich anders aus … Es gibt eine Art optische Begrenzung zwischen Oberhafen und Ericusgraben. Die Oberhafenbrücke dient als guter Anhaltspunkt.  Dort wo sie das Wasser quert, denken Sie sich einfach eine Trennlinie. Die Brücke ist speziell. Sie ist eine kombinierte Bahn- und Straßenbrücke, bei der der Verkehr nicht nebeneinander, sondern übereinander verläuft!
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Hamburg - Oberhafenbrücke - Ein ICE auf der obersten Ebene

Hamburg – Oberhafenbrücke – Ein ICE auf der obersten Ebene

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Auf ihr fährt ganz oben auf insgesamt vier Gleisen der Fernzugverkehr Richtung Harburg (Süden) bzw. kommt hierüber in die Stadt hinein. Darunter, eine Ebene tiefer, ist es dem Autoverkehr möglich, das Wasser zu queren. Zu beiden Seiten der Fahrbahn verlaufen Wege für Fußgänger.
Es ist ein ulkiges Gefühl, dort als Passant zu laufen. Zwischen all den Stahlstreben, bei gefühlt recht geringer Brücken- bzw. Raumhöhe, dicht neben sich Autos … Besonders merkwürdig wird es, wenn über einem gerade ein Zug fährt. Oder gar Züge! Eigenartige Geräusche entstehen, und ein anhaltendes Vibrieren und leichtes Schwanken macht sich bemerkbar. Die Seitenverstrebungen engen seltsam ein, nehmen zudem viel Licht. Urplötzlich kommt es einem so vor, als sei man die Wurstscheibe in einem Sandwich. Von oben und unten etwas eingezwängt. Gleichzeitig meldet sich die Hoffnung, von der Lage drüber möge bitte nichts abbröseln und durchkleckern …

Von der Hammerbrook-Seite aus startend, stoßen Sie nach Überquerung der Brücke ganz am Ende auf etwas, was herrlich windschief daherkommt und eine recht lange, zeitweise unruhige Geschichte mit ungewissem Ausgang vorweisen kann: die Oberhafen-Kantine.
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Hamburg - Die Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke (Ansicht von vorne)

Hamburg – Die Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke

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Ursprünglich war in dem kleinen 1925 erbauten Gebäude eine Kaffeeklappe. So nannte man in der Bevöl-
kerung eine Einrichtung, die es ungefähr seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst in England gab und die eigentlich korrekt Volkskaffeehalle hieß. Das Hauptmerkmal einer Kaffeeklappe war, dass es dort einfache Speisen für Arbeiter und keinerlei alkoholische Getränke gab.
Arbeitgeber waren damals schwer hinter der Sache her und unterstützten die Klappen, um dem Alkoholkonsum von vornherein wirksam entgegenzutreten. Man bot das Essen äußerst preisgünstig an und schenkte zusätzlich reichlich Kaffee aus, der die Arbeitsleistung noch steigern sollte.

Bei der Oberhafen-Kantine, die für die Werft- und Hafenarbeiter errichtet wurde, spricht man von expressio-
nistischer Gebrauchsarchitektur
. Toller Begriff, oder? Es klingt beeindruckend. Sollten Sie vorhaben, gegrillte Würstchen an den Mann zu bringen und eigens zu diesem Zweck ein Häuschen mit ordentlicher Raumhöhe
und einigen Spitzbögen bauen, dann könnten Sie Ihren Imbiss mit stolz geschwellter Brust als gotische Gebrauchsarchitektur bezeichnen.
Doch zurück zur Oberhafen-Kantine. In dem speziellen Fall und angesichts der Umgebung, in der sie sich befindet, spricht man von norddeutschem Klinker- bzw. Backsteinexpressionismus. Der ist nun nicht auto-
matisch windschief und krumm. Warum also steht das Häuschen dermaßen schräg?
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Hamburg - Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke - Abgesackt ... (Gebäude neigt sich nach vorn)

Hamburg – Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke – Abgesackt …

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Sie können sich vorstellen, dass das kleine Gebäude an dieser Position direkt an der Kaikante des Oberhafens nicht immer trockene Füße behalten hat. Der Fluss ist mächtig – und tideabhängig! Das Mauerwerk wurde unterspült, sowohl bei den normalen Gezeiten, aber vor allem bei Sturmfluten. Das komplette Haus ist dadurch abgesackt.

Es ist erstaunlich, dass es überlebt hat und bis heute immer wieder neu betrieben wird! Nachdem der Bauherr es vor über 90 Jahren als eine Art Familienbetrieb etablierte, kümmerte sich dessen Tochter bis ins hohe Alter um die Verpflegung und blieb der Kantine treu. Erst vor 20 Jahren, nach ihrem Tod 1997, musste man sich überlegen, wie es weitergehen könnte.
Es hieß damals, das Gebäude sei einsturzgefährdet, jedoch viel zu schade zum Abriss. Nach einigem Hin und Her wurde es zunächst unter Denkmalschutz gestellt, dann kaufte es derselbe Herr, der auch die Rote Flora in der Sternschanze besaß, Klausmartin Kretschmer. 2005 pachtete es – frisch renoviert – Tim Mälzer, dessen Mama  wiederum ab 2006 mit Frikadellen, Kartoffelsalat und ähnlichen Speisen für das leibliche Wohl der Kantinenbesucher sorgte.
Leider richtete danach ein Orkan schwere Schäden an, also musste erneut saniert werden. Herr Mälzer fand den Zustand nicht so verlockend, seine Mutter mit Sicherheit auch nicht, also wechselten seit 2008 mehrfach die Gastronomen. Schon 2014 schlug abermals ein Orkan mit entsprechendem Hochwasser zu, und noch einmal musste gerettet werden, was noch zu retten war. Während der notwendigen Sanierungen und Schadens-
behebungen blieb als Ausweg immer nur die zeitweilige komplette Schließung der Klappe oder das befristete Auslagern des Betriebs.

Aber sie lebt immer noch! Sie ist einfach nicht unterzukriegen.

Man kann sein Pausenbrot natürlich ebenso gut von daheim mitbringen und mittags hinaus in die Sonne gehen. Die Möwen warten hoffend …
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Hamburg - Oberhafen/Ericusgraben - Pause mit Blick aufs Wasser ...

Hamburg – Oberhafen/Ericusgraben – Pause mit Blick aufs Wasser …

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Interessant auch, was bei Niedrigwasser im Schlick so alles zum Vorschein kommt …
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Ericusgraben an der Oberhafenbrücke - Fundstücke bei Ebbe

Hamburg – Ericusgraben an der Oberhafenbrücke – Fundstücke bei Ebbe

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Wenn Sie von Westen, also von der Stadt her kommend, auf die Oberhafenbrücke sehen, entdecken Sie an ihr einige Wörter, die in großen, weißen Neonlettern geschrieben sind. Es sind Begriffe wie Kanäle, Eisenbahn-
brücke, Lagerhäuser, Schiff, Wolken, Himmel, Wind
 und Hafenkräne. Begriffe, die für Hamburg und gerade diesen Bereich der Stadt am Rande des ehemaligen Freihafens sehr typisch sind. Und wer hat …?
Das ist ein Kunstprojekt! Diese Beschriftung wurde bereits für die Vorgängerbrücke (Drehbrücke von 1902) im Zuge einer Ausstellung des Schweizers Rémy Zaugg (Deichtorhallen, 1992) angefertigt, und nach abgeschlos-
sener Neuerrichtung der Oberhafenbrücke (2007) später an dieser wieder montiert.
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Hamburg - Oberhafenbrücke - Kunstprojekt (1992) - Hafenbegriffe von Rémy Zaugg

Hamburg – Oberhafenbrücke – Kunstprojekt (1992) – Hafenbegriffe von Rémy Zaugg

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Auf der Hammerbrook-Uferseite, auf der Sie auf einem Foto weiter oben den Fruchthof gesehen haben, liegt
die Straße Stadtdeich. Auf dieser Seite der Brücke gibt es ein Schiebetor zur Flutsicherung. Man kann also die Brückenfahrbahn schließen.
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Hamburg - An der Oberhafenbrücke - Schiebetor als Flutschutz

Hamburg – An der Oberhafenbrücke – Schiebetor als Flutschutz

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Hamburg - Oberhafenbrücke - Ein weiterer Begriff aus dem Kunstprojekt von Rémy Zaugg ...(Das Wort KANÄLE ist an der Brücke montiert)

Hamburg – Oberhafenbrücke – Auf der Schiebetorseite – Ein weiterer Begriff aus dem Kunstprojekt von Rémy Zaugg …

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Bevor es abschließend zu einem wirklich schönen Bauwerk in traumhafter Lage an einem Fleet in der Speicherstadt geht, möchte ich mit Ihnen noch den Schlenker zum „Drachenschwan“ in der Banksstraße (Hammerbrook) einlegen.
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Hamburg - Banksstraße/Hammerbrook - Einer der beiden Brückendrachen ...

Hamburg – Banksstraße/Hammerbrook – Einer der beiden Brückendrachen …

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Ich habe die Brücke und ihn bei Sonnenschein wiedergefunden und dabei entdeckt, dass nicht nur ein Drache existiert, sondern auf der anderen Straßenseite, ebenfalls außen am Geländer, sein Zwilling Wache schiebt. Allerdings ist auf dessen Schild sogar die Bezeichnung „Erste Banks-Brücke“ zu lesen.
Mich interessiert sehr, welchen Bezug Drachen gerade zu dieser Brücke oder überhaupt zu einem Standort wie diesem in der Banksstraße haben. Ich vermute stark, es ist ein Zeichen dafür, dass dieser Teil der Stadt ursprünglich einmal zum Stadtteil St. Georg gehörte. Sie kennen doch die Sage um den heiligen Ritter Georg, den Drachentöter …
Aber vielleicht sollen sie auch nur den Mittelkanal und die Einwohner von Hammerbrook vor unliebsamen Gästen schützen, die sich via Oberhafen und durch die Hammerbrookschleuse einzuschmuggeln versuchen. Wer weiß …
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Hamburg-Hammerbrook - Banksstraße - Der Drache auf der anderen Seite verrät sogar, wie die Brücke heißt ... (Sein Schild zeigt _Erste Banks-Brücke_)

Hamburg-Hammerbrook – Banksstraße – Der Drache auf der anderen Seite verrät sogar, wie die Brücke heißt …

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Es gibt noch etwas Interessantes an dieser Stelle, was offenbar wesentlich älter ist als die eigentliche Straßenbrücke. Es ist eine separate Rohrbrücke aus dem Jahr 1894, die parallel zu ihr über den Mittelkanal führt.
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Hamburg-Hammerbrook - Banksstraße - Rohrbrücke von 1894 über den Mittelkanal

Hamburg-Hammerbrook – Banksstraße – Rohrbrücke von 1894 über den Mittelkanal

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Auf dem nächsten Kanalfoto können Sie im Hintergrund die Hammerbrookschleuse gut erkennen. Sie ist schon mächtig alt, wurde zwischen 1844 und 1847 erbaut! Das muss man sich einmal vorstellen. Die Schleuse wurde in dem Jahr fertiggestellt, als Thomas Alva Edison, Paul von Hindenburg oder auch Revolverheld Jesse James gerade erst geboren wurden!
Die Hammerbrookschleuse steht unter Denkmalschutz. Dennoch hat man natürlich inzwischen nachgebessert (2008/2009) und saniert, damit sie technisch gut funktionsfähig bleibt sowie von der Höhe her ausreichend Schutz bietet. Sie regelt nämlich als Stauwehr die Tide zwischen der Norderelbe und dem vom Oberhafen hier abzweigenden Mittelkanal.
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Hamburg - Hammerbrookschleuse (Mittelkanal)

Hamburg – Hammerbrookschleuse (Mittelkanal)

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Aber jetzt! Nun geht es noch einmal zum Ericusgraben, über die Oberbaumbrücke am SPIEGEL-Gebäude entlang und kurz danach rechts in eine kleine Seitengasse, die zur Poggenmühlenbrücke über dem Wandrahmsfleet führt. Die Brückenmitte sollten Sie sich als Platz merken! Von da aus haben Sie nämlich
eine hervorragende Sicht auf das kleine Wasserschloss, das abends zusätzlich wunderbar illuminiert wird.
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Hamburg - Speicherstadt - Wasserschloss

Hamburg – Speicherstadt – Wasserschloss

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Sieht schön aus in seiner Umgebung, nicht wahr? Es ist eines der beliebtesten Fotomotive hier in Hamburg. Insbesondere als Nachtaufnahme, wenn es angestrahlt ist!
Es wurde vor etwa 110 Jahren erbaut, als auch die Speicherstadt entstand. Und hier haben wir ihn wieder:
den Backstein-Expressionismus. Zusätzlich zum Backstein wurde zur Gliederung noch Granit verwendet. Den Schlosscharakter erhält das kleine viergeschossige Schmuckstück durch seinen Turm, die runden Erker und durch die hohen Bogenfenster. Auch sein Kupferdach macht sich gut.

In früheren Zeiten wurde das Schlösschen von Windenwächtern genutzt. Als Unterkunft, aber auch als Werkstatt. Windenwächter (oder –wärter) waren die Hafenarbeiter, die für die Wartung und die Reparatur von Speicherwinden zuständig waren. Von diesen hydraulischen Vorrichtungen gab es in der Speicherstadt unzählige, denn wie anders als durch Hochhieven sollte man Waren aus den Booten vom Fleet hinauf zu den Lagerböden der Speicherhäuser bekommen. Obwohl sonst in der Speicherstadt damals keiner wohnen durfte – für die Wächter und anderes technisches Personal wurde eine Ausnahme gemacht. Es war vorteilhafter, sie direkt vor Ort zu wissen.

Heute wacht im Wasserschloss keiner mehr über Winden, aber über Tee oder über Sie. Das „Wasserschloss Speicherstadt“ besteht aus einer Gastronomie mit gleich angeschlossenem Fachgeschäft, in dem sich alles um
Tee dreht. Sie können also zunächst einkehren, später im Teekontor Sorten schnuppern und neue Ge-
schmacksrichtungen für daheim erstehen.

Haben Sie Kinder? Es könnte sein, dass Ihrem Nachwuchs das Wasserschloss schon ein Begriff ist. Es ist sehr bekannt, seit es in der beliebten Fernsehserie „Die Pfefferkörner“ vorkam.
Mir fällt gerade ein, was Sie in dem Schlösschen am Wasser auch tun könnten! Stilvoll heiraten! Sie müssten sich in dem Fall zwecks Terminabsprache mit dem Standesamt Hamburg-Mitte in Verbindung setzen.

Natürlich dürfen Sie sich auch das noch gut überlegen und müssen hier und jetzt keine übereilten Entschlüsse fassen. Während Sie in sich gehen, verabschiede ich mich für dieses Mal.
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Bis demnächst – vielleicht bei einer neuen Entdeckungstour.

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©by Michèle Legrand, Februar 2017
Michèle Legrand

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46 Kommentare

Vom Fällen, Folgen und Fabulieren …

Ein bisschen ulkig ist das schon. Erst ist es im Norden ewig trüb und nass. Man spürt, das innerliche Dibbern geht allmählich los. Es fehlen Licht und Wärme, es drängt einen unheimlich, wieder einmal länger spazieren zu gehen. Was wäre es doch traumhaft, den Stadtlärm etwas auszublenden, Frischluft zu tanken und umwerfend, obendrein ein paar Aufnahmen an einem freundlichen Ort zu machen. Trocken. Im Grünen. Im Bunten! Nach Zeiten grauen Himmels.
Mittlerweile kamen Sonne und sommerliche Temperaturen Anfang der Woche tatsächlich zurück, es klappte auch mit dem Plan des Losziehens. Doch nun kommt der Haken: Ich habe jetzt zwar reichlich Bildmaterial und den Kopf voller Ideen – was definitiv nach einem Blogpost für Sie riecht! – allerdings fehlt mir nun die Zeit, die neue Ausbeute zu sichten, Fotos zu bearbeiten und zig lose Gedanken einzufangen und zu sortieren.
Was tun? Inhaltliche Zugeständnisse machen oder eher Blogenthaltsamkeit üben? Flexibilität zeigen?
Es läuft auf letzteres hinaus. Halbheiten wären nicht das Wahre, andererseits ist mir trotz allem nach Bloggen! So treffen wir uns heute hier völlig zwanglos, ich lasse das mitgebrachte „Grünmaterial“ noch ein bisschen vor sich hin garen, und wir werfen uns stattdessen auf das, was die nasse Woche davor ergeben hat. Sind trotzdem unterwegs – und am Ende wissen Sie sogar, weshalb die Überschrift so heißt, wie sie heißt.

Während der Regen noch Dauergast im Norden war, musste ich an einem dieser Tage zur Mundsburg. Stellen Sie sich als Auswärtiger keinen Ausflug zu einem trutzigen, alten Gemäuer mit Ritterrüstung im Foyer vor, das alles gab es dort nie. Wir sind auch nicht auf dem Land, sondern direkt in Hamburg, dort wo die Stadtteile Uhlenhorst und Barmbek-Süd aufeinandertreffen.
Gehen Sie am besten gedanklich knappe 300 Jahre zurück. Zu der Zeit lebte ein Herr Mund (Johann Hinrich) in dieser Gegend, erwarb das Gelände der ehemaligen Immenhöfe und errichtete auf einem Teil des Grunds für sich ein ziemlich beeindruckendes Gebäude. Schon hatte es den Namen Mundsburg weg. Klingt auch netter als Protzbau. Diese Mundsburg gibt es zwar seit 1813 nicht mehr, doch Anfang der Siebziger Jahre unseres letzten Jahrhunderts, entstanden genau in dem Bereich drei Hochhäuser. Das Haus vorne an der Kreuzung steht sogar direkt am Platz der früheren Mundsburg und hat aus diesem Grund den alten Namen erhalten.

Hamburg - Die Hochhäuser aus den Jahren 1973-1975 an der Mundsburg (Mundsburg Tower vorne)

Hamburg – Die Hochhäuser aus den Jahren 1973-1975 an der Mundsburg (Mundsburg Tower vorne)

Wie Sie sehen, handelt es sich um sich ähnelnde Hochhaustürme, und der Begriff Burg hierfür erinnert mich gerade kolossal an manch touristische Ballungszentren, in denen Riesenhotels in diesem Stil erbaut wurden,
die man ihrerseits gern als Bettenburgen bezeichnet.
Die Häuser hier prägen das Stadtbild ganz enorm – verstärkt natürlich noch durch ihr gehäuftes Auftreten. Jeder sieht sie bereits aus großer Entfernung. Sie befinden sich gar nicht unmittelbar an der Außenalster, bis dahin sind es Luftlinie noch einmal ungefähr 1,5 km. Doch selbst dann, wenn jemand nicht dort, sondern irgendwo am gegenüberliegenden Alsterufer spaziert und über die ganze Wasserfläche hinüberschauen muss, fallen sie ihm sofort ins Auge. Man spricht nicht umsonst sogar heute noch von einer der höchsten Wohnanlagen nicht nur Hamburgs, sondern Deutschlands.

Hamburg - Außenalster - Die Mundsburg Tower von überall her im Blick ...

Hamburg – Außenalster – Die Mundsburg Hochhäuser von überall her im Blick …

 

Hamburg - Außenalster, Anleger Rabenstraße - gegenüber die Hochhäuser an der Mundsburg

Hamburg – Außenalster, Anleger Rabenstraße – gegenüber die Hochhäuser an der Mundsburg

Im linken Turm (am Winterhuder Weg) aus dem Jahr 1975, befinden sich z. B. 26 Etagen, die Gesamthöhe beträgt 97 m. Das Gebäude mit dem Namen Mundsburg an der Ecke (Kreuzung Winterhuder Weg/Hamburger Straße) wurde bereits 1973 fertiggestellt. Es hat sogar 29 Etagen und ist 101 m hoch. Die Tatsache hat mich etwas irritiert, denn lediglich vier Meter Höhenunterschied ergeben trotzdem gleich ganze drei Etagen mehr.
Es muss also bauliche Unterschiede bei Deckenhöhe sowie Anlage der Geschosse geben.

Heute liegt entlang der Hamburger Straße die sogenannte Hamburger Meile, ein Einkaufszentrum mit einer sich über sage und schreibe 700 m erstreckenden Einkaufszeile – oder Shopping Mall, wie es neudeutsch so schön heißt. Als Kunde trifft man dort auf ca. 150 Läden und ein großes Angebot an Cafés und Restaurants. Ein Kino mit zahlreichen Sälen ist vorhanden, Firmen haben sich in der Gebäudeanlage (im Office Tower) niedergelassen, Wohnungen befinden sich im sogenannten Apartment Tower sowie kleinere Mietwohnungen im Haus im Winterhuder Weg. Auch die Hamburger Verwaltung ist mit der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration wie auch mit der für Schule und Bildung präsent. Selbst das für mich zuständige Finanzamt Barmbek-Uhlenhorst hat dort seinen Sitz, weshalb mich mein Weg (so wie heute) ab und zu dorthin führt.

Vom Dach der Hochhäuser aus hat man einen sagenhaften Panoramablick. Am schönsten ist die Aussicht Richtung Wasser und Innenstadt. Das Leben auf dem Wasser, die grünen Uferzonen, ansehnliche Gebäude zu beiden Seiten und dann das sich Abzeichnen der Silhouette von Rathaus- und Kirchtürmen. Ich war vor ewigen Jahren ganz oben auf einem der Türme. Damals kannte ich jemanden, der dort arbeitete. Wahrscheinlich kann man heutzutage als Besucher des Zentrums nicht einfach nach Lust und Laune hinauffahren. Inzwischen wurden auf den Hochhäusern auch Antennen für den Mobil- und den Richtfunk installiert, was noch einmal gegen den öffentlichen Zugang spricht.
Es gibt jedoch seit einigen Jahren einen Beach Club, nur nicht oben auf der Dachterrasse eines Turms, sondern auf dem Parkdeck der Hamburger Meile in etwa 40 m Höhe. Auch von dort lässt es sich schon relativ weit schauen.

Bei Regen ist das alles natürlich eine ziemlich trübe und verhangene Angelegenheit. Ich möchte Ihnen daher außer Hochhäusern und viel Beton vor grauem Himmel noch den gut 100 Jahre alten U-Bahnhof Mundsburg (1906-1912 erbaut) zeigen, der schon vom Gebäudestil her und zusätzlich durch seine roten Fassade interessanter und farbenfroher wirkt.

Hamburg - U-Bahnhof Mundsburg

Hamburg – U-Bahnhof Mundsburg

Die Linie der U3 führt hier entlang. Früher, bis in die 70er Jahre hinein, hielten am Bahnhof Mundsburg auch mehrere Straßenbahnlinien. Heute immerhin noch Busse, und außerdem entstand auf dem Vorplatz mittlerweile eine Ausleihstation für die Nutzer des Stadtrads.

Hamburg - Der Turm der St. Gertrud Kirche

Hamburg – Der Turm der St. Gertrud Kirche

Was rechts gerade noch neben dem Bahnhof hervorlugt, ist der Turm der St. Gertrud Kirche. Die Kirche
(erb. 1882-85) ist sogar noch etwas älter als der Bahnhof und hat ihren Platz idyllisch gelegen in der Straße Immenhof direkt am Kuhmühlenteich.

Hamburg - St. Gertrud Kirche am Kuhmühlenteich (Uhlenhorst)

Hamburg – St. Gertrud Kirche am Kuhmühlenteich (Uhlenhorst)

Sie wirkt hoch, nicht wahr? Dennoch ist sie mit 88 m Turmhöhe niedriger als die Hochhausbauten an der Mundsburg.

Auf dem Weg dorthin kommt man übrigens an einem Drachen vorbei. Der ist genauso echt wie die Mundsburg.

Unechte Drachen in der Nähe von unechten Burgen ....

Unechte Drachen in der Nähe von unechten Burgen …

 

Doch zurück zur St. Gertrud Kirche. Sehen Sie die acht im Kreis um einen Baum aufgestellten Steinsäulen? Auf der einen Seite sind Namen zu entdecken, auf der Rückseite jeweils ein Ausspruch, der Luther zuzuschreiben ist. Die dort eingemeißelten Namen stehen stellvertretend für acht Gemeinden, die sich überlegt hatten, Martin Luther zu Ehren anlässlich seines 400. Geburtstags im Jahr 1883 einen Baum zu pflanzen. Die Luthereiche.
So weit, so gut. Nur betrachten Sie doch bitte einmal den Stamm der Eiche. Ein mittlerweile über 130 Jahre alter Baum? Hält diese Aussage ihrem kritischen Blick stand? Müsste der nicht …

Hamburg - Die Luthereiche an der St. Gertrud Kirche

Hamburg – Die Luthereiche an der St. Gertrud Kirche

Erwischt! Diese Eiche hier ist wesentlich jünger. Sie wissen, dass die Nachkriegswinter extrem kalt ausfielen.
In den frostigen Monaten des Winters 1945/46 musste die erste Luthereiche als Brennholz herhalten. Die Menschen froren einfach zu sehr … Später hat man den jetzigen Baum als Ersatz gepflanzt.

Als ich von dort aufbrach, wurde ich von einer Graugans, die sich mit Artgenossen am Kuhmühlenteich herumtrieb, verfolgt. Sie watschelte hartnäckig hinter mir her, was mir allmählich Sorgen bereitete, denn die Hauptstraße rückte immer näher. Ich stoppte, machte ihr mit dem nötigen Ernst klar, dass ich zur U-Bahn
gehen würde, woraufhin sie kurz nachzudenken schien und danach tatsächlich umdrehte.

Dort wo die Straße Immenhof wieder auf die Straße Lerchenfeld trifft, ist der Sitz der Hochschule für Bildende Künste (HFBK), Hamburg.

Hamburg - Die Hochschule für Bildende Künste (HFBK) am Lerchenfeld

Hamburg – Die Hochschule für Bildende Künste (HFBK) am Lerchenfeld

So, nachdem Sie mittlerweile wissen, wofür „Fällen“ (Eiche) und „Folgen“ (Gans) steht, fehlt nur noch der Begriff „Fabulieren“

Daheim angekommen, hatte es sich eingeregnet. Der Umstand brachte mich nach langer Zeit wieder einmal dazu, mich Twitter etwas ausgiebiger zu widmen. Seit 2009 bin ich mit von der Partie, doch im Vergleich zu den drei Anfangsjahren, werde ich heute vergleichsweise selten schreibaktiv und blende mich selbst zum Lesen nur kurz ein.
Ich kann dem Nachrichtendienst immer noch viel Positives abgewinnen, es gibt gelegentlich sogar wunderbare Gesten und sehr lobenswerte Aktionen! Zudem finde ich die Menschen, die ich damals mochte, immer noch genauso nett, freue mich über diverse weltweite Kontakte, schätze weiterhin schnelle Informationen, Neuigkeiten, erheiternde Tweets …
Doch für mich hat sich im Vergleich zur Anfangszeit eindeutig zu viel in eine Richtung verändert, die mir gar nicht behagt. Zu unkritisches Betrachten und ungeprüftes Verbreiten, zu viel Pöbelei, überzogene Selbstdarstellung und häufig sehr plumpe, äußerst aufdringliche Selbstvermarktung. Zu viel, was sich ewig wiederholt, zu viel Nachahmerei. Reichlich Häme, Respektlosigkeit, krankhaftes Heruntermachen. Dazu die mehrheitlich herablassenden Begleittweets zu diversen Fernsehsendungen, automatisches Mitgeschrei,  absolut Nichtssagendes, die immergleichen Sinnsprüche und Weisheiten, die als Eigenwerke herüberkommen sollen.
Wohlgemerkt, Twitter ist nicht nur so! Doch Ungemütlichkeit und Lärm haben massiv zugenommen.

In den ersten Jahren nach Twittereinführung und noch bis etwa 2011/2012 machten das beschriebene Verhalten und entsprechende Inhalte einen verschwindend geringen Anteil am Gesamtgeschehen aus. Das Hauptaugenmerk lag eindeutig auf anderen Dingen. Information, Spontaneität, Originalität, Authentizität, Austausch. Zurückblickend habe ich den Eindruck, die Likes für einen Tweet und seine Weiterverbreitung (Retweet) spielten zunächst absolut nicht die Rolle, die sie heute spielen. Starallüren, die Liebäugelei mit der Internetberühmtheit, das wilde und vor allem völlig wahllose Ansammeln von Folgern etc. waren nicht dermaßen verbreitet, Lorbeeren ernten keine Sucht, Wetteifern verlief lange nicht so verbissen. Aber auch dieses hin und zurück Gefälligkeitstweeten und das Fav-ich-dich-favst-du-mich-Verhalten (Inhalte unwichtig) kamen erst viel später auf.
Ich möchte fast behaupten, das persönliche Twitterverhalten, die Tweetinhalte etc. waren nahezu frei von Erwartungen und Hintergedanken. Vorbedingungen? Eine Strategie? Nicht vonnöten. Vorrang hatte der Spaß an der Sache. Und der ist – zumindest mir – in beträchlichem Maß abhanden gekommen.
Wenn ich heute Tweets aussende, dann sind es kleine Anmerkungen zu Alltagssituationen, zu persönlichen Erlebnissen – gern mit einem Hang zum Komischen. Es sind Fotos mit einem Kommentar. Oder es ist zwischendurch etwas über den bei mir aktuell veröffentlichten Blogpost dabei. Der Tweet mit Link kommt aber nur ein einziges Mal in die Timeline und wird nicht über Wochen alle paar Stunden erneut auf die Menschheit losgelassen.

Damals habe ich das interessierte und ernsthafte Kommunizieren miteinander genossen und ansonsten – außerhalb von Gesprächen – ganz bewusst und völlig ungeniert Unsinn getwittert. Wortspielereien. Das fließt mir in dieser Form heute nicht mehr so frei aus der Feder, was ein Zeichen dafür ist, dass mir das Brett, an das ich etwas heften soll, offensichtlich nicht mehr so zusagt. Die Distanz hat sich vergrößert. Es ist überhaupt sehr abhängig von der Tagesverfassung, ob ich Twitter aufrufe oder nicht. Ich bevorzuge für den Fall generell Listen, die ich dann gezielt durchgehen kann. Nach Personen, Sprachen oder Themen unterteilt. Ungefiltert ertrage ich das nicht mehr. Da wird man förmlich erschlagen …
Listen mit fixen Teilnehmern hingegen helfen mir, dass ich Kontakte nicht aus den Augen verliere, garantieren, dass ich Inhalte finde, die mich interessieren. Oder Twitterer und Tweets, über die ich herzlich lachen kann.

Vor kurzem kursierten zu meiner Überraschung Retweets einer Reihe von mir teilweise völlig entfallenen eigenen Uralttweets. Alle sechs oder sieben Jahre alt. Follower hatten sie irgendwo wieder hervorgekramt. Beispiel gefällig? Das verschafft Ihnen eine Vorstellung davon, was Ihnen heutzutage (sollten Sie bei Twitter aktiv sein) von meiner Seite erspart bleibt. ^^

Die alten Fabulierzeiten  /  @ ladyfromhamburg auf Twitter

  • Steht ein Stier am Strom und starrt auf den Stör. Sagt der Stör:
    „Stier nicht so, du störst!“

  • Bekommt ein Pudel eine neue Frisur verpasst, die danach Trend wird,
    wird der Pudel dann zum Setter?

  • „Er lag in den Wehen und stöhnte.“
    „Er …?“
    „Ja, sicher! Der Kerl fiel angetrunken in den Schnee. Bein gebrochen …“

  • Sprach die Scholle barsch zur Forelle: „Du sollst nicht immer so in den
    Karpfenteich hechten!“

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Und damit wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende! Schluss für heute. Das nächste Mal geht es via Blog auf blühendes Terrain. Vielleicht sind Sie wieder mit von der Partie.

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PS:
Sollten Sie weitere (sogar sonnige) Bilder sehen oder mehr zum Kuhmühlenteich nebst Kirche u. a. lesen wollen, so wäre dieser Beitrag von 2013 noch interessant für Sie:

Unterwegs entdeckt – Alle machen’s: Marienkäfer, Bulldoggen, Polizisten, Angler …

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© by Michèle Legrand, August 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)
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