Beiträge getaggt mit Hamburg Denkmalschutz

90 Jahre später …

Heute geht es um Kacheln. Sie kamen mir vor zwei Stunden über einen kleinen gedanklichen Umweg in den Sinn. Erwähnenswerte Kacheln und Fliesen. Und sonderbare Umstände. Das ganze Drumherum ist jedenfalls bemerkenswert.
Erstaunlich finde ich auch, wie so ein gedanklicher Umweg einen gelegentlich ganz schön weit außen herum leitet, bevor er urplötzlich das Ziel anzeigt. Ehe jedenfalls das Blinkzeichen „Kacheln!“ im Kopf auftauchte, floh ich vorhin zunächst vor sintflutartigen Regengüssen. Sonst säße ich jetzt gar nicht seelenruhig am Laptop, sondern würde weiter den sich entwickelnden Gartendschungel bändigen.
Was hier zwischendurch immer wieder in allerkürzester Zeit an Wassermassen herunterrauscht, ist schier unglaublich! Alles wächst, doch ganz gleich ob eher hoch oder niedrig, ob Baum, Strauch oder Staude –
Zweige und vor allem frische Triebe werden von diesen Niederschlägen komplett zu Boden gedrückt. Sind platt angesichts des Gewichts, das auf ihnen lastet. Man glaubt kaum, dass sich zarte Pflänzchen und Blüten davon erholen. Blumenstängel überhaupt noch einmal aufrichten! Doch erstaunlicherweise ist oft genau das der Fall. Hartgesotten, diese Blumen.

Blumen! Das Stichwort! Der Gedankenauslöser in der Kachelsache! Warum?
Blumen Petzoldt! Sie werden das gleich verstehen …

Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Blumen Petzoldt (Ansicht von außen)

Hamburg – Wandelhalle Hauptbahnhof – Blumen Petzoldt

Nur einmal angenommen, Ihre (Ur-)Großeltern Lene und Paul wären im Jahr 1926 per Zug nach Hamburg gereist, um dort an der Hochzeit der Patentante Ihrer Oma teilzunehmen. Nach der Ankunft hätten Sie vermutlich beim Verlassen des Hauptbahnhofs schnell noch am Ausgang die gute Gelegenheit genutzt, einen aparten Gratulationsstrauß bei Blumen Petzoldt zu erstehen, denn ein direkt von daheim mitgebrachtes Blumengebinde hätte die lange Fahrt ohne Wasserversorgung mit Sicherheit nicht überstanden.
Wahrscheinlich entschieden sie sich für zart duftende Rosen mit Schleierkraut.
So wie sie sich daran später hätten erinnern können, so hätten Ihre Großeltern garantiert in einer Ecke ihres Gedächtnisses auch die Ladeneinrichtung abgespeichert, weil ihnen die Fliesen- und Kachelkombination auffiel, das gesamte Interieur sehr heimelig und besonders wirkte und daher spontan ihr Gefallen fand.
Besonders die Wand- und Deckendekoration. Diese ins Türkis gehenden, farblich changierenden, an vielen Stellen eher grünlich schimmernden, quadratischen Wandkacheln. Nicht versetzt gefliest, sondern gerade,
die Fugen exakt über- und nebeneinander angepasst. Immer wieder kleine Kachelkunstwerke mit expressio-
nistischen Ornamenten, mit einem etwas abgesetzten, farblich passenden Zierfries mit einer Art Zackenmuster als oberen Abschluss. Die türkisfarbenen Fliesen kommen auch für die Gestaltung der Einrichtung selbst zur Verwendung. Podeste für Vasen, Tresen etc. sind ebenfalls damit verkleidet.
Dazu finden sich auf einigen kleineren Wandstücken in Nischen sowie knapp unter der Decke und schließlich als gesamte Deckenverkleidung im Format etwas kleinere, ebenfalls quadratische, nicht völlig glatte, sondern leicht strukturierte Kacheln. Sie leuchten in verschiedenen braun-gold-ocker Tönen, vom dezenten und indirekten Licht mehrerer walzenförmiger Deckenlampen aus mattem, weißem Glas und mit feinen, gleich-
mäßigen, dunklen Streben in Längsrichtung verziert, zusätzlich effektvoll in Szene gesetzt. Solche Röhren finden sich nicht nur unter der Decke, sondern auch senkrecht ausgerichtet an den Wänden.
Keine strohhalmdünnen, kalt leuchtenden Neonröhren! Denken Sie eher an Bananen ohne Schale, dann stimmen die Proportionen und die Farbe besser. Auch bei diesen braun-goldenen Kacheln finden sich wieder farblich passende Zierelemente, die einzelne Stellen hervorheben, kleine Absätze betonen und ebenfalls einen Abschluss bilden. Die Decke ist nicht eine langweilige Fläche ohne Unterbrechungen, sie hat Versatz, hat kasettenähnliche Aussparungen und Vertiefungen.
Im Raum verteilt an den Wänden tauchen nahezu edel wirkend und geschickt platziert Spiegel auf, die den Raumeindruck bestimmen, ihn beeinflussen und obendrein grandios die üppige, bunte Blütenpracht in den Vasen optisch vervielfachen …

Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Blumen Petzoldt - Kacheln aus den 20er Jahren ...

Hamburg – Wandelhalle Hauptbahnhof – Blumen Petzoldt – Kacheln aus den 20er Jahren …

Sie merken, ich bin ein wenig am schwelgen, obwohl dies in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ein nicht unbedingt sensationell außergewöhnlicher Stil war. Dennoch stand für diese Ladengestaltung ganz augenfällig ein aufwändigeres Konzept an, als es im Durchschnitt üblich war.
Die Einrichtung ist eine Sache, doch passen Sie auf, jetzt kommt das etwas Sonderbare:

Nehmen wir nun an, nach der ersten gemeinsamen Tour im Sommer 1926, fährt Ihr Großvater anno 1942 wegen einer ominösen Vorladung alleine nach Hamburg, kommt an der bekannten Stelle im Hauptbahnhof vorbei und erzählt Oma Lene später bei der Heimkehr, er hätte entdeckt, dass der Blumenladen so nicht mehr existiert. Die Kacheln sind nicht mehr da. Lampen weg, alles weg. Ihre Großmutter ist darüber sehr betrübt.

Die Jahre vergehen, mittlerweile haben wir 1960. Nun reist wiederum Oma Lene per Zug zum 70. Geburtstag der Patentante Richtung Norden. Sie entdeckt völlig verblüfft, dass es das schöne Blumengeschäft sehr wohl gibt! Im Hauptbahnhof und ganz so, wie sie es in Erinnerung hat. Mit seinen schönen Kacheln und der gesamten Einrichtung!
Wieder daheim stutzt sie daraufhin Opa Paul ein wenig zurecht, meint, er könne wohl nicht richtig gucken …
Ihr Großvater weist einen Irrtum weit von sich und so hängt der Haussegen kurzzeitig etwas schief.
Auch als Lene in den 70er Jahren nach Hamburg, diesmal leider zu einer Beerdigung, anreist, findet sie das Geschäft wie gewohnt vor. Sehr vorsichtig hat der Paul nachgefragt, als sie zurückkehrte.
„Und …, Lene?“
„Wenn ich’s dir doch sage, Paul! Der Laden ist da!“, erwiderte Lene recht energisch.

Die nächste Fahrt unternimmt daraufhin Ihr Großvater Paul. Ihn führt es im Jahr 1989 erneut in die Hansestadt, da sein Männergesangsverein Gründungsjubiläum hat und dies gebührend mit einem Hamburg-Besuch feiert. Selbstverständlich muss er sich am Hauptbahnhof vergewissern, dass das stimmt, was Lene felsenfest behauptet hat. So, und wo ist nun …? Von wegen, der Laden ist da!
Die Wandelhallenbrücke, an der sich das Geschäft von Blumen Petzoldt befand, ist abgerissen! Kein Laden, keine Kacheln! Brühwarm berichtet er zu Hause den Stand der Dinge und mit einem Hauch von Triumph in der Stimme beharrt er erneut auf einer Nichtexistenz von Kacheln und Co.  Lene tendiert sogar dazu, ihm zu glauben. Wenn da schließlich alles abgerissen wurde …

Ihre Großeltern, mittlerweile hochbetagt  – wundern Sie sich nicht, beide sind sehr alt geworden, sie gehören entfernt zum Clan der  Heesters’ aus den Niederlanden und habe gute Gene – fahren 1992 gemeinsam zur Taufe der Urgroßnichte nach Hamburg. Und nun raten Sie einmal, was sie vorfinden …
Genau, Blumen Petzoldt! Samt der für sie gewohnten Einrichtung und der typischen Verkachelung! Verdutzt geblinzelt, zweimal hingeschaut, doch der Laden ist immer noch da …

Eigenartig, oder? Wie passt das zusammen?
Es ist grundsätzlich vorstellbar, dass ein Geschäft irgendwo in einer kleinen Nebenstraße in einem Altstadtviertel oder vielleicht noch eher auf dem Land in einem Dorf durchgehend seit 1926 besteht und nie etwas an dessen Einrichtung verändert wurde. Aber hier? War der Laden samt ganz spezifischer Kacheln nun immer da oder nicht?
Wer von beiden hat  nach seiner jeweiligen Einzelreise Tüdelkram von sich gegeben. Wer hat nicht richtig hingesehen oder leidet unter Halluzinationen. Oder haben am Ende doch beide recht?

Des Rätsels Lösung sieht so aus:
Blumen Petzoldt eröffnete 1925/1926. Eindeutiges Erkennungsmerkmal und Besonderheit waren damals die farblich lasierten Tonwaren und die spezielle Nutzung und Verarbeitung der Kacheln an Wänden sowie Decke. Und natürlich die darauf abgestimmte Einrichtung mit ihren stilvollen Lampen etc.

Während der Zweite Weltkrieg tobte, musste in Hamburg immer mit der Bombardierung gerade des strategisch wichtigen Hauptbahnhofs gerechnet werden. Es wäre immer schlimm gewesen, doch es hätte auch leidgetan um die Kachelschönheiten … Also nahm man sie in dieser Zeit ab und lagerte sie während der Kriegsjahre außerhalb der Stadt. Wobei ich mir als Laie vorstelle, dass man nicht jede Kachel herunter-
klopfte, sondern dass ganze Wandteile, also inklusive Mauerwerk, herausgenommen wurden. Paul konnte
somit 1942 nichts vorfinden.
Später kam alles wieder an seinen Platz, der Laden erstrahlte im alten Glanz. Lene erwischte folglich in
den 60er und 70er Jahren stets Phasen, in denen alles bildschön hergerichtet war.

Mit der stetigen Zunahme des Zugverkehrs standen bauliche Veränderungen des Hauptbahnhofs an. Unter anderem wurde 1985 die Wandelhallenbrücke abgerissen. Und erneut traf man Vorsorge, dass die Ladeneinrichtung nicht etwa beim Bauschutt landete. Insgesamt 4500 einzelne Einrichtungsteile wurden abermals vorsichtig abgenommen und diesmal im Museum für Kunst und Gewerbe aufbewahrt. Das
war sicher und praktisch zugleich; das Museum befindet sich nämlich in Sichtweite des Hauptbahnhofs.
Der Weg war also denkbar kurz. Paul, der genau in diesen Umbauzeiten eintraf, konnte natürlich wieder
einmal keinen Laden entdecken.

Die Bauarbeiten im Bahnhof und am Südsteg nahmen geraume Zeit in Anspruch. Die neue Wandelhalle mit der Ladenzeile, wie sie in der heutigen Form existiert, feierte erst im Jahre 1991 Eröffnung. Ein weiteres – und vorläufig letztes – Mal fanden Kacheln und Einrichtung ihren Weg zurück an den alten Ort. Das Blumengeschäft feierte erneut seine Auferstehung.

Sie merken, die Großeltern Lene und Paul befanden sich bei ihren Alleinreisen jeweils in ganz unterschiedlichen Zustandsphasen in Hamburg. Beide konnten also ihren Augen durchaus trauen und erzählten stets absolut die Wahrheit.

Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Blumen Petzoldt und eine der über 100 Hummel-Figuren von 2003

Hamburg – Wandelhalle Hauptbahnhof – Blumen Petzoldt und eine der über 100 Hummel-Figuren von 2003

Nun können Sie sich bestimmt vorstellen, dass diese Prozedur des Entfernens und neu Anbringens nicht gerade eine Kur für die Kacheln ist, dass es im Hauptbahnhof durch die Züge Erschütterungen gibt und dass
an ihnen ganz generell der Zahn der Zeit nagt, wie an allem und jedem. So ist es nicht verwunderlich, dass gebranntes Material porös wird, Risse bildet, bricht und irgendwann ein Austausch von Teilen nicht mehr zu vermeiden ist.
Nur das ist nicht so ohne!
Eben weil es eine der ganz wenigen noch erhaltenen Ladeneinrichtungen aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ist, steht das Interieur unter Denkmalschutz und das heißt, man kann nicht in den Baumarkt gehen und kurzerhand irgendwelche Ersatzfliesen anschleppen. Es werden originalgetreue, passende Kacheln benötigt, ein Ersatz, der dem alten Material entspricht und ebenfalls die besonderen Farben und Ornamente aufweist.
Es muss ein Profi für das Fehlende heran, der durch sein Fachwissen und Können in der Lage ist, derartige Keramiken nachzubilden und nachzubrennen. Vor etwa zwei Jahren war von 70 Fliesen die Rede, die auf Austausch warteten und von Kosten, die sich ganz schnell im Bereich hoher, fünfstelliger Beträge bewegten.

Gibt es so einen Fliesenkünstler? Falls Sie Stammleser hier sind, erinnern Sie sich möglicherweise noch an Hans Kuretzky. Das war jener Möllner Baukeramiker, der damals für die Restaurierung der Fassade des Kontorhauses Pinçon im Neuen Wall in Hamburg meisterhaft neue Fliesen im alten Stil herstellte. Ihn beauftragte man auch hier mit den Arbeiten. Bei ihm kann man absolut sicher sein, dass er es nicht nur kann, sondern obendrein so gut hinbekommt, dass später keinem der Unterschied zwischen alten und ergänzten, nachgebrannten Kacheln auffällt.

So würden Großmama Lene und Großpapa Paul (wären Sie nicht inzwischen doch aus Altersgründen verschieden) auch heute, 90 Jahre später, bei einer Anreise zur Verlobung der Urenkelin und anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Wandelhalle, wie 1926 wieder inmitten der altvertrauten Einrichtung ihre Blumen aussuchen. Zart duftende Rosen mit Schleierkraut …

Schauen Sie doch einmal herein, wenn Sie am Hamburger Hauptbahnhof vorbeikommen! Die Fotos zeigen lediglich den Eindruck von außen. Erst wenn Sie eintreten, sehen Sie natürlich alles richtig!
Denken Sie daran, eine Garantie dafür, dass die alte Einrichtung noch weitere 90 Jahre in dieser Form gehegt und gepflegt wird, gibt es trotz Denkmalschutz nicht. Lieber rechtzeitig schauen …
(Dabei könnten Sie natürlich auch gleich ein paar Blumen erstehen – das wird hin und wieder durch die ganze Kachelattraktion am Ende komplett vergessen.)
Es ist übrigens nicht die kleine Petzoldt-Dependance am Bahnhofsausgang zum Glockengießerwall und zur Spitaler Straße, sondern es handelt sich um das Geschäft auf der entgegengesetzen Seite Richtung Kirchenallee.

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© by Michèle Legrand, Juni 2016
Michèle Legrand - Freie Autorin

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