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Wenn Betontristesse anödet … ist es Zeit für Kunst an Säulen und Trägern!

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Kunst auf Beton (Im Hintergrund eine Szene aus der Antike)

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Kunst auf Beton (Im Hintergrund eine Szene aus der Antike)

Wie sah denn das Schulgebäude aus, in dem Sie Ihre Schulzeit verbracht haben? War es ein stilvoller und altehrwürdiger Bau? Aus gebrannten roten Ziegeln, mit weißen, hölzernen Sprossenfenstern? Ein ansprechendes Haus mit geschwungenem Giebel und kleinen Erkern?
Ach, nicht?
Eher schlicht, in einem blassen, leicht faden Farbton verklinkert oder verputzt, mit Tür- und Fensterrahmen aus Kunststoff und einen mehr nüchternen und kantigen Gesamteindruck hinterlassend?
Auch nicht?
Sagen Sie nicht, Sie hockten täglich in einem grauen, unpersönlich-lieblosen Betonklops!

Meine Grundschule lag idyllisch. Drei ältere, einstöckige, in U-Form und aus rotem Backstein erbaute Hausflügel, ein dadurch entstandener geschützter Innenhof und das Gelände selbst an einem Waldstück gelegen und von hohen Bäumen umsäumt. Nur die viel später errichtete Turnhalle passte im Stil überhaupt nicht dazu.
Das Gymnasium meiner Schulzeit hingegen wurde in den 70er Jahren neu errichtet. Die geburtenreichen Jahrgänge der 60er Jahre mit stark ansteigenden Schülerzahlen erforderten zusätzliche große Schulzentren, die häufig irgendwo am Ortsrand mitten aufs Feld gestellt wurden. Der Bebauungsplan wandelte dazu erstaunlich flott früheres Ackerland in Bauland um. Von allgemeinem Interesse hieß das Zauberwort, welches den Weg so rasant ebnete. In einer nächtlichen Kreisratssitzung wurden noch die leichte Streckenänderung der bestehenden Buslinie sowie die Errichtung einer zusätzlichen Haltestelle beschlossen. Fertig war die Chose.
Der Einfachheit halber und weil es seinerzeit gerade en vogue war, entschied man sich für einen Betonkasten, baute ihn nicht zu hoch, variierte das Ganze mit einem Bodenbelag aus Waschbetonplatten (außen) und dunklem Schiefergestein (innen) und versuchte, durch leicht getöntes Fensterglas ein bisschen Farbe ins Spiel zu bringen. Ansonsten vertrat man die Meinung:
Leute, ganz ruhig, das wächst sich schon ein! Außerdem hängen ja die Hälfte des Jahres irgendwelche saisonalen Schülerbasteleien zur Aufheiterung an den Fenstern.
Wunschdenken, Beruhigungstaktik – und eben eine andere Zeit!
Im Innern sah es im Vergleich dazu wirklich gut aus. Helle und freundliche Klassenzimmer, modern ausgestattete Fachräume für die verschiedenen Naturkundefächer etc.

So weit, so gut. Nur, Sie kennen das: Am Anfang kommt Beton noch in einem recht freundlichen hellen Grau daher, doch bereits nach relativ kurzer Zeit wirkt alles schmutzig, trist und schäbig, sofern dem Gebäude nicht bald ein Farbanstrich gegönnt wird. Und auch danach immer einmal wieder …

Ich fühlte mich ein wenig daran erinnert, als ich einen Teil der Weihnachtsfeiertage in der Nähe von Karlsruhe, in Rheinstetten-Mörsch, weilte. Auch dort befindet sich ein großes, größtenteils aus Beton erstelltes und mittlerweile 40 Jahre altes Schulzentrum. Heute hat man bei der Planung ganz andere Vorstellungen, doch in seiner Entstehungszeit galt es wohl als ziemlich modern, vielleicht sogar als vorbildlich.
Es vereint Realschule und Gymnasium. Obendrein entstanden nebenan die „Keltenhalle“ als Sporthalle und gleichzeitig als Veranstaltungsort sowie ein Spielplatz.
Man sieht heute beim Herumstreifen, dass versucht wurde, das Schulgelände an zahlreichen Stellen freundlich und abwechslungsreich zu gestalten und liegt bestimmt nicht falsch in der Annahme, dass Schüler viel bei der Planung und Gestaltung des Außengeländes einbezogen wurden, bzw. bei vielen Dingen direkt beteiligt waren und selbst Hand anlegen durften. Dadurch wandelte sich der Charakter merklich von völlig unpersönlich zu speziell, unverkennbar.
Die offenbar im Zuge von Projekten durchgeführten Verschönerungsaktionen sorgen dafür, dass bei genauerer Betrachtung der Besonderheiten die Betontristesse mehr und mehr in den Hintergrund rückt.

Auf einem längeren Stück des Gehwegs entstand durch aufgemalte weiße Sterne eine Art  Walk of Fame, man sieht im Eingangsbereich zur Straße hin am Boden großformatige, weiß aufgezeichnete Strukturformeln aus der Chemie und ein, zwei bunt gestaltete kleine Pyramiden stechen hervor, die sicher bei einem Umweltprojekt (Störche, Natur) entstanden sind. Auch ein gemeinsam angelegter Arzneimittelgarten („Hortulus“) nach dem Vorbild des Heilkräutergartens des Namensgebers des Gymnasiums, Walahfrid Strabo, ist zu finden. Walahfrid ist schon länger nicht mehr unter uns. Er lebte im 9. Jahrhundert und sein Beiname Strabo (lat.) bedeutet übrigens „der Schielende“.
An einer Fassade des Schulgebäudes wurden diverse Nistmöglichkeiten für unterschiedliche Vogelarten befestigt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Wohnungen für diverse fliegende Gäste ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Wohnungen für diverse fliegende Gäste …

Zwischen zwei Gebäudetrakten befindet sich ein teilweise glasüberdachter Raum. Eine Art Aufenthaltsfläche im Innenhof mit  Verbindungsgängen, die von A nach B Eilende durch ihre Glasüberdachung vor widrigen Wettereinflüssen schützen. Die vorhandenen, bogenförmigen Glasaufsätze sind mancherorts blind, die Dachkonstruktion wird von zahlreichen Trägern gehalten, bzw. Betonsäulen gestützt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Überdachung als geschützte Verbindung zwischen zwei Gebäudetrakten. Beton, Beton, nochmal Beton - allerdings ... Moment!

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Überdachung als geschützte Verbindung zwischen zwei Gebäudetrakten. Beton, Beton, nochmal Beton – allerdings … Moment!

Was wäre es trist und langweilig, hätte hier ausschließlich der Beton das Sagen!
Stattdessen sind alle Träger und Pfosten sowohl von vorne als auch von hinten mit Motiven der unterschiedlichsten Art kunstvoll verziert.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Ein Blick aus der anderen Richtung zeigt, die Trägersäulen sind beiseitig  gestaltet

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Ein Blick aus der anderen Richtung zeigt, die Trägersäulen sind beiseitig gestaltet

Es spiegeln sich verschiedene Epochen, Themen und Begebenheiten wider. Es geht um Geschichte, um Religion, um Forschung, Umwelt bzw. Umweltverschmutzung, Krieg und Kriegsgefahr, Bevölkerungsdichte, Unterdrückung und vieles mehr. Trotz der mehrheitlich ernsten Themen ist es den jungen Künstlern gelungen, gleichzeitig eine kritische, aber auch sehr farbenprächtige Darstellung ihrer Aussagen zu schaffen und ihr Anliegen sehr kreativ umzusetzen.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Es lohnt sich, die Säulen ein wenig näher zu betrachten ... Rakete SATURN

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Es lohnt sich, die Säulen ein wenig näher zu betrachten … Rakete SATURN

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Die Bevölkerungsentwicklung auf der Welt ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Die Bevölkerungsentwicklung auf der Welt …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Physiker, Wissenschaftler, Forscher ... auch Einstein ist dabei.

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Physiker, Wissenschaftler, Forscher … auch Einstein ist dabei.

Es waren Weihnachtsferien, so konnte ich niemanden fragen, welche Absichten und Ideen sich exakt hinter jedem einzelnen Kunstwerk verbergen, was sie alles aussagen sollen, doch auf diese Art konnte ich sie mir unbefangen anschauen und mir meine eigenen Gedanken machen. Eigentlich hatte ich mich nur für ein paar Minuten zum Beine vertreten und Luft schnappen absetzen wollen. Es wurde dann doch etwas länger, und lediglich der kritische Blick zur Uhr und ein terminlich feststehendes Familienvorhaben beendeten den Besuch. Man hätte noch länger schauen können …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Moderne Zeiten:  große Städte, Atom-/Kernkraft, Ölplattformen, Pipelines ... und Umweltverschmutzung!

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Moderne Zeiten: große Städte, Atom-/Kernkraft, Ölplattformen, Pipelines … und Umweltverschmutzung!

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Es geht in Wüstengegenden ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Es geht in Wüstengegenden …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Waffen, Sprengstoff, Raketen ... ein dritter Weltkrieg?

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Waffen, Sprengstoff, Raketen … ein dritter Weltkrieg?

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Symbole  und Begriffe aus dem Maya-Kalender ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Symbole und Begriffe aus dem Maya-Kalender …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Unterdrückung, Ausbeutung, Ausnutzung. Es geht um Sklaven, Eingeborene, Ureinwohner, die für den Profit ausgequetscht werden ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Unterdrückung, Ausbeutung, Ausnutzung. Es geht um Sklaven, Eingeborene, Ureinwohner, die für den Profit ausgequetscht werden …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Schlechte Aussichten für unsere Welt ...?

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Schlechte Aussichten für unsere Welt …?

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Auch religiöse Motive wurden ausgewählt ... Ego sum lux mundi - Die Verkündigung Jesus Christus' "Ich bin das Licht der Welt..."

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Auch religiöse Motive wurden ausgewählt … Ego sum lux mundi – Die Verkündigung Jesus Christus‘ „Ich bin das Licht der Welt …“

Auch an mancher Wand entstanden bunte Betontristesse-Beseitiger. Ein Graffiti gibt es …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch mit Keltenhalle - Graffiti

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch mit Keltenhalle – Graffiti

… und schauen Sie hier, der Abiturjahrgang 2009 hat sich mit 13 Jahren Rotstiftmilieu verewigt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - So wird die Wand auch bunt:  Abitur 2009 - Das Ende von 13 Jahren Rotstiftmilieu ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – So wird die Wand auch bunt: Abitur 2009 – Das Ende von 13 Jahren Rotstiftmilieu …

Bei Dämmerung sieht alles wieder ganz anders und gar nicht grau aus …

Rheinstetten bei Karlsruhe - Auch der Abendhimmel und Straßenleuchten "verschönern" den Anblick des sonst so grauen Betons ... ...

Rheinstetten bei Karlsruhe – Auch der Abendhimmel und Straßenleuchten „verschönern“ den Anblick des sonst so grauen Betons … …

Es hat sich vor etwa drei Jahren herausgestellt, dass das gesamte Gebäude, besonders aber die Außenwände, sehr marode sind. Sicher hat man in den Jahrzehnten hier und da immer wieder ausgebessert, teilsaniert und obendrein Solarzellen auf das Dach montiert! Das sparte Energie ein, half aber nicht gegen diverse Schäden anderer Art.
Die Debatte um die Zukunft des Schulzentrums wurde eine Zeit lang recht erhitzt geführt, denn es gab Befürworter eines kompletten Abrisses und ebenso Anhänger einer Totalsanierung. Letztendlich fiel die Entscheidung zugunsten der Sanierung, die in absehbarer Zeit beginnen wird.
Ich frage mich nun, ob die anstehende Arbeiten das Aus für diese Säulen und das Ende der Kunstwerke bedeutet. Kann man sie erhalten? Rost dringt an einigen Stellen aus den Eisenträgern durch den Beton …

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Achten Sie auf die Träger hinten ... schwer rostig das Ganze.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Achten Sie auf die Träger hinten … schwer rostig das Ganze.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Sobald der Blick sich nicht allein auf die Säulen richtet, entdeckt man den mitgenommenen Zustand des Gebäudes ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Sobald der Blick sich nicht allein auf die Säulen richtet, entdeckt man den mitgenommenen Zustand des Gebäudes …

Es wäre ziemlich schade, diese ideenreichen und gelungenen Hinterlassenschaften von Schülern, evtl. ganzen Schülergenerationen, zu verlieren. Immerhin bleiben sie in Bildform erhalten – und ich werde mir bei einem meiner nächsten Besuche anschauen, was aus ihnen geworden ist.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Pyramide - Diese eine Foto ist bereits im Winter 2011 entstanden und man erkennt auch dort bereits im Hintergrund den etwas desolaten Zustand des Gemäuers.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Pyramide – Diese eine Foto ist bereits im Winter 2011 entstanden und man erkennt auch dort bereits im Hintergrund den etwas desolaten Zustand des Gemäuers.

Wenn Sie trotz der Malereien im Moment das Gefühl haben sollten, Sie hätten dennoch zu viel Restgrau gesehen, dann kommen Sie kurz mit um die Ecke. Ich muss Ihnen noch einmal die mit Misteln bewachsenen Bäume von Rheinstetten zeigen!
Mich fasziniert der Anblick! Gerade in der Dämmerung …

Rheinstetten bei Karlsruhe - Misteln in den Bäumen ...

Rheinstetten bei Karlsruhe – Misteln in den Bäumen …

Ich hätte z. B. gern ein solches Motiv als Fassadenmalerei auf einer der tristen Betonwände, die natürlich auch in Hamburg und in meiner Nähe existieren. Vielleicht bringt ein Vorschlag oder eine entsprechende Eingabe an geeigneter Stelle etwas in diesem Fall? Versuchen könnte man es ja …
An privaten Gebäuden und dort z. B. auch an langweiligen Garagentoren, wird inzwischen schon häufiger der Phantasie freien Lauf gelassen. Originelle, ungewöhnliche und oft wunderschöne Kunstwerke können Sie mit etwas Glück entdecken! Landschaften, Flugzeuge, Meeresszenen, Tiere, Menschen …Optische Täuschungen!
An nicht-privaten Verteilerkästen fallen mir lokal begrenzt ebenfalls vermehrt Malereien auf, teilweise mit konkretem Ortsbezug. Warum nicht mehr dieser Art – gezielt im öffentlichen Raum – bevor lediglich reizlose Tags von Graffiti-Sprayern (ich meine nicht die wirklich künstlerisch Tätigen) die Wände erobern. Gelegentlich sollen solche Werke es sogar verhindern können, dass unansehnliche Sprayerwerke entstehen. Schon Bemaltes ist als Nutzfläche uninteressant.

Schluss für heute! Danke schön fürs Vorbeischauen!
In einigen Tagen geht es im Blog weiter mit den Bahnfahrterkenntnissen (2).
Und wem ich es bisher noch nicht direkt gesagt habe, dem wünsche ich an dieser Stelle ein frohes und gesundes Neues Jahr! Alles Gute für Sie!

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

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Über die Ruhe nach dem Sturm, Pflichttalk, gebackene Kinder, Wipfelschlafen und anderes …

Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt) - Dezember 2013Das war’s. Der Sturm hat sich endgültig ausgetobt, jetzt herrscht erstaunliche Ruhe. Schluss mit Xavers hohem Pfeifen und seinem ausgeflippten Gerüttel an den Fenstern. Keine um sich schlagenden Äste mehr, die nach einem auslangen, Nichtsahnende beschmeißen oder nächtens penetrant ans Regenabflussrohr dreschen und somit wach halten. Wohler fühlen sich mit Sicherheit auch wieder die Mieter höher gelegener Etagenwohnungen, denn das gefühlte Wanken, dieses zwar leichte, aber ziemlich unangenehme Erdbebenfeeling entfällt.
Und dann die Sturmflut!
Die Deiche haben gehalten, das Wasser ist auf dem Rückmarsch! Für die größeren Nordseeinseln und auch die kleinen Halligen kam endlich Entwarnung. Hier in Hamburg gibt es keine überfluteten Straßen und vollgelaufenen Keller mehr. Schluss ebenfalls mit den herrenlosen und in der Dunkelheit gespenstisch vor sich hintreibenden Fahrzeugen in Elbufernähe.
Für Hamburger gab es in den vergangenen Tagen schon ungewohnte Anblicke unten am Hafen. Am Sonnabend, etwa um 10 Uhr vormittags, also Stunden nachdem die dritte und letzte der prophezeiten starken Fluten gegen sechs Uhr in der Früh ihren Höhepunkt erreicht hatte, stand das Elbwasser immer noch so hoch, dass die Landungsbrücken, die die Uferpromenade mit den weiter draußen gelegenen Anlegepontons verbinden und normalerweise starkes Gefälle Richtung Wasser aufweisen, plötzlich eine vollkommen waagerechte Verbindung darstellten! Das Hochwasser nutzte die vorhandene Mauerhöhe an der Promenade völlig aus!
Ein Blick hinüber zur Werft Blohm + Voss verdutzte, denn der weiße Namensschriftzug auf der dunklen Mauer, der sonst sogar bei Flut vollständig herausragt und in dem Fall selbst unter sich noch reichlich Luft hat, wurde zu diesem Zeitpunkt bei ablaufendem Wasser immer noch bis zur Mitte des Buchstaben B von den Fluten abgedeckt.
Wie mag es da erst während der extremen Sturmflut am Freitag gewesen sein? Wahrscheinlich lief es oben über den Rand der Flutschutzmauer …

Doch vorbei. Wir können nun entspannen. Und deshalb möchte ich mich heute mit Ihnen einfach nur ein wenig privat unterhalten. Neben der Ausnahmewettersituation, brachte die Woche für mich einen Schwung Pflichttalk, und wenn Sie regelmäßig im Blog lesen, werden Sie einen Unterschied bemerkt haben: Der letzte Blogpost war ein Bericht. Neutraler. Ohne Gedankensprünge. Er war als eine kleine Teilhabemöglichkeit für Sie an einer von mir eher beruflich besuchten Veranstaltung gedacht.
Doch jetzt giere ich nach anderen Sachen!
Wissen Sie, wenn Sie etwas nicht in Ihrer Freizeit und nicht aus völlig freien Stücken zu tun beschließen, dann könnte man die sich daraus ergebenden, beruflich bedingten Unterhaltungen – ohne es gleich negativ zu meinen! – als Pflichttalk bezeichnen. Pflichttalk ist etwas, was durchaus zeitlich begrenzt Spaß macht – zumal wenn Sie ein grundsätzlich auf alle Arten von Menschen neugieriges Wesen sind und das anstehende Oberthema Sie halbwegs anspricht. Es ist praktisch, wenn mitteilungsfreudige Menschen anwesend sind.
Nicht nur mitteilungsfreudig!
Sie sollten selbstverständlich auch inhaltlich etwas zu sagen haben! Ja, dann ist es inspirierend!
Befinde ich mich allerdings offiziell bei Veranstaltungen in einer großen Menschenmenge und das Thema ist jetzt – sagen wir es vorsichtig – nicht hundertprozentig meins (trifft max.  zu 20 % meinen Nerv), lassen mich zudem die äußeren Umstände eher verhalten reagieren und liegt der Lärmpegel dauerhaft höher, als meine Ohren es gustieren, dann befällt mich nach einer Weile der zwanghafte Wunsch, den Sicherungskasten zu suchen.
Da gibt’s doch einen Schalter, der … Klack!
Zack! Ruhe … Kleiner unschuldiger Blick in die Runde. Huch …
Oder ein plötzlicher Gedanke taucht auf, eine Frage, die ich mir – lautlos natürlich! – selbst stelle:
So, und wo geht es hier jetzt in den Garten …?
Der Wunsch als Vater des Gedankens. Sicher, man ruft sich sofort zur Ordnung, doch nicht einmal eine Minute später wispert irgendein boshafter, kleiner Zwerg:
Hey, was machst du hier eigentlich? Du gehörst ins (z. B.) Tropenschauhaus, du …! Gib’s zu, dich interessiert die Menschenfressertomate doch viel mehr als ein hippes Outfit und/oder Dauerzahnpastalächeln.
Tja, gut, dass einem nicht immer gleich anzusehen ist, was das Hirn für wirres Zeug denkt. Wie ungünstig, würde es alles laut herausposaunen … Der beruflich anwesende Gast macht natürlich profimäßig weiter, lechzt nur still nach den eigenen vier Wänden und das war es. Fast jedenfalls.
Sie sind im Grunde die Leidtragenden, denn Sie müssen im Nachhinein hier im Blog alles ausbaden! Dann hole ich das vermisste, normale Gespräch nach und lasse alles Eingesperrte, was vorher nicht heraus durfte, auf Sie los.
Bitte?
Was ein normales Gespräch ist? Unter sich sonst fremden Menschen?
Das ist ein ungestellter, oft sehr spontaner Austausch mit dem Gegenüber, eine Unterhaltung, der aktuelles, echtes Interesse zugrunde liegt und ein Gespräch, das ohne jegliche Berechnung zustande kommt. Ein Gespräch, dessen Anlass durchaus eine gerade miterlebte Situationskomik sein kann. Irgendetwas geht ja immer voraus … Dann wird daraus ein angeregtes Plaudern und beim Erzählen entstehen sie plötzlich – die Gedankensprünge. Man kommt von einem zum anderen, es geht lebhaft zu und worauf man als allerletztes achtet, ist:
Wie sehe ich jetzt dabei aus?
Ein Gespräch ist nicht authentisch, wenn penetrant auf Wirkung und anwesende Kameras geachtet bzw. ständig posiert wird! Sie können den Unterschied auch anhand des Beispiels mit der Menschenfressertomate ausmachen:
Manche Leute wollen die Tomate nur anschauen – oder sie fotografieren, so wie sie ist. Andere wollen sie erst stylen, sich daneben stellen und dann geknipst werden. Also mit aufs Bild, aber zweite Geige spielen. Und noch andere Menschen möchten äußerst dringend fotografiert werden – doch da ist die olle Tomate! Sie würden die Pflanze vorher schnell noch eigenhändig mit dem Hackebeil umlegen, wenn dadurch die Chance bestünde, dass sie auf dem Foto mehr Aufmerksamkeit als das Gemüse erzielten. Die Tomate ist schnuppe.
Und mit den letztgenannten Personen ist es für mich regelmäßig anstrengend, denn ich bevorzuge Tomatenfotos.

Genug davon. Ich war Besorgungen erledigen vorhin. Im meinem Einkaufszentrum wurde auf einer Veranstaltungsfläche alles weihnachtlich hergerichtet. Stände mit Kerzen, Schmalzgebäck, und ein kleiner Bereich ist mit einem hellen Senkrechtlattenzaun abgeteilt. Ein Häuschen steht auf diesem Grund, einige Bänke im „Vorgarten“.
Dort können kleine Kinder Weihnachtsleckereien produzieren. Kekse dekorieren. Teig rühren. Eine neue Gruppe hatte gerade begonnen.
Außen vor dem Holzzaun stand eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn an der Hand, den sie davon überzeugen wollte, dort mitzumachen.
„Du, das macht ganz viel Spaß! Und die helfen dir ja bei dem Teig.“
„Kann man da auch Sterne machen?“
„Bestimmt, und da gibt es bunte Streusel zum Draufstreuen.“
„Lassen die mich denn auch mitmachen?“
„Natürlich! Dafür ist das hier doch extra aufgebaut worden. Für euch Kinder!“
„Aber der da ist größer … Und ich kenn die doch gar nicht!“
„Die anderen kennen sich auch nicht alle. Aber du, die wirken doch sehr nett!“
Die Mutter ist geschickt, und man merkt ihr an, wie gern sie den Nachwuchs überzeugen möchte. Sie hat es auch fast geschafft. Dann allerdings kommen zwei junge Herren vorbei, bleiben ebenfalls stehen und lesen das Schild, das vor der Hütte aufgestellt ist: KINDERBACKSTUBE
„Du, schau mal“, sagt der eine zu seinem Freund. Er zeigt auf die Schrift und ergänzt gut hörbar: „Dort werden Kinder gebacken.“
Nun, das war’s.
Der Kleine hat es gehört und zieht seine Fast-Zusage zum Backen sofort wieder zurück. Da helfen auch keine Erklärungen. Nee, nee. Das Risiko ist ihm zu groß. Vielleicht kennt er die Sache mit Hänsel und Gretel …

Ich schaue gerade während einer kleinen Bildschirmaugenerholpause ein wenig aus dem Fenster ins Geäst einer Rotpflaume, in der  Gimpel herumhüpfen und an den dünnen Zweigen picken. Die Vögel waren während der Sturmtage verschwunden.

Gimpel (Dompfaff) nach dem Sturm - 08.12.2013

Gimpel (Dompfaff) nach dem Sturm – 08.12.2013

Ich frage mich manchmal, ob es Vögeln bei solchem extremen Gewackel in den Ästen auch schlecht werden kann oder denke darüber nach, ob es Exemplare gibt, die beispielsweise unter Höhenangst leiden. Doch eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen …
Wissen Sie warum?
Ich habe geträumt, als es so stürmte. Auslöser war offensichtlich – neben dem Sturmgeheul – ein Bericht aus Frankreich über das sogenannte Wipfelschlafen. Ich hatte darüber wenige Tage zuvor gelesen. Im Naturpark Lubéron in der Provence kann man in etwa zehn Meter Höhe auf Bäumen in Hängematten übernachten.
Vorher lernt man natürlich die Klettertechnik, um überhaupt auf den Baum heraufzukommen!
Man hat in der Matte zusätzlich einen Schlafsack und ist obendrein angeseilt. Es kann theoretisch nicht passieren, dass Sie im Schlaf herauskullern und abstürzen. In Träumen läuft es natürlich anders.
Da begann zunächst aus heiterem Himmel ein Mördersturm!
Ich wurde durchgeschüttelt, war selbstverständlich nicht angeschnallt, wurde abgehoben und sauste durch die Lüfte. Doch – das ist jetzt wiederum das Schöne am träumen – ich konnte fliegen!
Und hatte keine Angst!
Deshalb bin ich nun der Überzeugung, dass wir Menschen nur deshalb Höhenangst empfinden, weil wir Angst vor dem Absturz und dem tödlichen Aufprall haben. Wüssten wir – wie Vögel es von sich wissen – dass wir fliegen, also heil landen könnten, entstände das Angstgefühl mit Sicherheit nicht.
Warum auch! Höhe wäre nicht mehr gleichzusetzen mit Gefahr.
Der Gimpel vor meinem Fenster hat eben gerade noch einmal eine einzelne, recht hinterhältige Restböe abbekommen. Der Zweig, auf dem er saß, wurde hin und hergepeitscht und er nach links und rechts geschwenkt.
Hey, schau mal her!
Nein, er wirkt magenfest und scheint auch nicht beunruhigt …

Genug für heute, oder?  Ich bitte Verständnis fürs Lechzen nach Normalität.  Sie haben es hoffentlich unbeschadet überstanden.

Ich wünsche Ihnen weiterhin eine schöne Adventszeit!
Lassen Sie es sich bis zum nächsten Mal gutgehen …

©Dezember 2013 by Michèle Legrand

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Kurzlebiges …

Als ich gestern am Abend auf einmal Grönland vor mir liegen sah, habe ich kurzerhand eine Brücke von dort über Island nach Norwegen geschaffen. Doch, genügend Material war vorhanden. Zumindest, nachdem ich dafür einen grönländischen Berg etwas abgetragen hatte.
Es herrschte Bewegung im Wasser während der Bauphase, und so brach mittendrin leider ein Teil von Islands Süden ab. Dafür gibt es jetzt dort einige zusätzliche kleine Inseln.
Die Arbeit schritt zügig voran. Irgendwie war ich auch leicht im Zeitdruck, denn mein Baustoff schien weniger zu werden. Zum Glück kam ich noch bis zur Westküste Norwegens! Nur beim Anknüpfen der Brücke ans Festland entstand ungeschickterweise eine dicke Beule. Jetzt sieht die Küstenlinie merkwürdig aus.
Sah merkwürdig aus.
Inzwischen ist alles wieder verschwunden. Komplett!

Schon sehr kurzlebig – diese Sachen, die man in der Badewanne aus Schaum konstruiert …

©September 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Emil von Elite oder wo es hingeht …

Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas GravWas sagen Ihnen die folgenden Begriffe?
Flach, Windmühlen.
Um welche Gegend geht es? Von welchem Land ist die Rede?
Möchten Sie weitere Hilfe?
Wohnwagen, Fahrräder, Tulpen, Rudi Carrell, Frau Antje, Käse, Genever, Hermann van Veen, orange Trikots …
Also, wer jetzt nicht …!
Sehr richtig! Es geht um Holland, die Niederlande. Nun weiter.
Wo genau dort? Ich hätte wieder Hinweise …
Hafen, Grachten, Coffee Shops, Rijksmuseum, ein Chanson von Jaques Brel …
Bitte? Exakt. Amsterdam!

Einen Teil der kommenden Woche werde ich in Amsterdam sein und hoffe, Ihnen dort nebenbei ein paar Eindrücke einsammeln und mitbringen zu können. Ich bin selbst sehr gespannt, wie es heute aussieht! Einmal war ich bereits dort, doch der Aufenthalt ist urlange her und war zudem extrem kurz.
Mir ist die Reise allerdings in Erinnerung geblieben, denn meine Großeltern spendierten diese Bustour nach Holland als ich Teenager und 14 oder 15 Jahre alt war. Ich war mir nie ganz sicher, ob sie mir selbstlos eine Freude machen wollten oder …
Wissen Sie, sie selbst buchten nämlich ebenfalls, und so fungierte ich vier Tage als ihre Begleitung und saß inmitten einer aufgekratzten Busladung *hüstel* etwas älterer Herrschaften mit der Aufgabe, als jugendlich-bewegliche, nicht knackende und knirschende, zudem mit intakter Sehkraft ausgestattete, helfende Hand einzuspringen und obendrein an Bord die Funktion eines Altersdurchschnittsreduzierer zu übernehmen. Er betrug danach wahrscheinlich nur noch 74 Jahre.
Es ging an verschiedene Orte. Der Tulpenpark Keukenhof wurde angesteuert, Madurodam – jener Park, der Holland in Miniatur zeigt, es ging nach Scheveningen, nach Alkmaar, um dort den besonderen Käsemarkt (an jedem Freitag) zu erleben, weiterhin zu einer Porzellanmanufaktur und an einem der Reisetage standen eben auch Amsterdam und eine Grachtenfahrt auf dem Programm. Ich glaube fast, für mehr hat die Zeit gar nicht gereicht. Jedenfalls ist mir kaum sonst etwas haften geblieben, während die anderen Stationen noch recht klar erscheinen.

Elite-Busreisen, so hieß das Unternehmen, das die Hollandtour veranstaltete, sein Fahrer Emil. Emil und sonst nichts. So wollte der Herr mittleren Alters genannt werden. Ein Mann für alle Fälle. Er fuhr nicht nur den Bus, er erzählte auch unterunterbrochen, war somit Reiseleiter, Bei-Laune-Halter und Fahrer in Personalunion. Er staute Unmengen von Gepäck, kümmerte sich um Tickets vor Ort, sah zu, dass alle ihr Essen bekamen, brachte abends die Herrschaften zu ihren festen, immergleichen Privatquartieren und ließ sich – ungeachtet seiner eigenen Quirligkeit – selbst durch nichts aus der Ruhe bringen. Sollte sich von Ihnen noch jemand an den Berliner Kabarettisten Wolfgang Gruner erinnern – Emil von Elite hätte sein Bruder sein können.

Ich glaube, er sorgte – neben den holländischen Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten, die mich natürlich schon interessierten! – damals dafür, dass ich die Tage als einzige Jugendliche unter ausschließlich Senioren nicht als pure Katastrophe (das denkt man in dem Alter manchmal), sondern durch ihn tatsächlich recht unterhaltsam fand – und dafür sage ich ihm heute verspätet vielen Dank! Er müsste mittlerweile wohl um die Achtzig sein, und ich hoffe sehr, dass er noch unter uns ist.

Dieses Mal wird die Anreise mit der Bahn erfolgen. Ohne einen Emil. Aber auch ohne Großeltern. Sie sind schon lange gegangen. Also keine Seniorenreise. Oder …
Warten Sie!
Wenn man es ganz genau nimmt vielleicht doch! Die Seniorenreise, meine ich. Denn zumindest in Sportlerkreisen oder bei der Einteilung in diese werberelevanten Altersgruppen, würde ich selbst schon als Seniorin zählen!
Unglaublich! Bodenlose Frechheit!  (Unter uns: mich kratzt das überhaupt nicht …^^)
Im Übrigen werde ich diesmal selbst eine junge Begleitung haben, die den Altersschnitt gehörig senkt. Wir befinden uns dann flugs wieder im flotten Mittdreißigerbereich.

Falls Sie in den nächsten Tagen nichts von mir hören, dann bin ich mit den holländischen Nachbarn beschäftigt und habe zu tun.
Doch ich komme wieder! Machen Sie sich da bitte nichts vor!
Met een beetje geluk ben ik vrijdag weer thuis.

Tot gauw! Bis bald!

©September 2013 by Michèle Legrand

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Verschollene Flugobjekte und Gebumse …

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comIm Grunde bin ich dabei, für Sie etwas völlig anderes im Blog vorzubereiten, doch manchmal geschehen kuriose kleine Dinge zwischendurch, die möchte ich Ihnen einfach nicht vorenthalten.
Falls Sie mit mir via Twitter oder Facebook in Kontakt stehen, widmen Sie sich doch bitte einen Moment etwas anderem, denn Sie haben dort den Früherfahrervorteil, das Erstleserprivileg. Dort plaudere ich gelegentlich Erlebnisse aus, die nie den Weg in den Blog finden.
Das sei schade, meinten Blogleser, die es zufällig bemerkten. Vielleicht haben sie recht … Sie (klein- und großgeschrieben) sollen nicht im Nachteil sein. Daher erscheinen ab jetzt an dieser Stelle hin und wieder auch solche Kleinigkeiten.

Heute Nachmittag klingelte es unvermittelt an der Tür.
Stürmisch, mit einer deutlich erkennbaren Dringlichkeit!
Ein mir bisher nur vom Sehen bekannter Herr, der in einer Parallelstraße wohnt, stand leicht erhitzt und errötet auf der Fußmatte. Zunächst wortlos.
Ich schickte also einen fragenden Blick in seine Richtung.
„Ja, hallo, guten Tag. Also ich bin der von hinten dran. Im Garten meine ich. Zweiter von rechts – oder links, wenn Sie es von sich aus sehen.“
„Ah ja … Was führt Sie denn zu mir?“
Nun brach es auch ihm heraus und seine Worte überschlugen sich beinahe:
„Ich … er … Wissen Sie, plötzlich …! Und dann …“
Ich hatte das Gefühl, er musste erst einmal überflüssige Spucke herunterschlucken. Mein etwas entfernter wohnender Nachbar versuchte krampfhaft sich zu sammeln und schließlich presste er einen kompletten Satz heraus. Eine Bitte.
„Kann ich mal in Ihrem Garten nach meinem Hubschrauber suchen?“
Schnappatmung beim ihm, Verblüffung bei mir. Vielleicht wurde ihm klar, dass ein Hubschrauber im privaten Staudenbeet nicht an der Tagesordnung ist und es weiterer Erklärungen bedurfte. So erbarmte er sich und ratterte – nun relativ flüssig – Ergänzungen herunter.
Er hätte einen Modellhubschrauber. Ganz neu sei der! Ein sagenhaftes Flugobjekt. Vor allem sei der verdammt teuer gewesen! Gemessen an seiner Aufregung ein Objekt im Gegenwert eines Goldbarrens. Mindestens!
Er hätte den Hubschrauber heute das erste Mal fliegen lassen.
Macht das doofe Ding doch was es will und haut ihm unerlaubt ab!
Oder – wenn ich es mit meinen eigenen Worten ausdrücken sollte: Er stand mit der Fernsteuerung noch erheblich auf Kriegsfuß.
Ach, die Chose war jedenfalls tragisch.
Ist es noch!
Denn leider, leider, hat sich das Flugobjekt bisher nicht wieder angefunden. Sollten Sie also bei sich einen recht luxuriösen, herrenlosen Hubschrauber entdecken, dann melden Sie sich doch netterweise bei dem Herrn, dem zweiten von rechts, nein links, dem hinten dran – ach, Sie wissen schon.

Ich hätte da auch noch die Sache mit der Rolltreppe, falls Sie die erfahren möchten …?

Manche Menschen sind mir vielleicht Kandidaten! Sie haben die Angewohnheit abrupt zu stoppen, sobald ihre Rolltreppenfahrt oben oder unten endet und sie gerade eben wieder festen Boden unter den Füßen haben. Eine ältere Dame gestern zeigte auch dieses Verhalten, blieb oben stehen, verharrte regungslos und blockierte damit den Durchlass. Komplett!
Der forsche Herr hinter ihr lief prompt auf.
Ein Kleinkind beobachtete den Vorfall und stellte ernsthaft fest:
„Mama, der Mann da hat gerade die Frau gebumst!“
Gut, dass das mal geklärt wurde.

Schönes Wochenende und bis demnächst!

©September 2013 by Michèle Legrand

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„Er hatte lila Haare …?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comDie beiden fallen auf die Korbgeflecht-Sitzbank, strecken genüsslich die Füße aus und wälzen augenblicklich die Eiskarte. Ein Zehnjähriger mit seiner rüstigen Großmutter. Die Suche nach dem perfekten Eis dauert nicht lang. Die Wahl fällt auf Spaghetti-Eis und einen der angebotenen Kinderbecher.
„Wer bestellt denn?“, fragt der Enkel.
„Mach du mal!“, antwortet sie.
Der Kellner kommt.
„Einmal Spaghetti-Eis und den Kinderbecher, bitte.“
„Kinderbecher?“ Der Ober schaut den jungen Mann prüfend an und meint zu erkennen, dass dessen Hunger größer ausfallen könnte.
„Ich kann dir auch die kleine Portion für Erwachsene empfehlen“ , fügt er informativ hinzu, die Großmutter gleich mit im Blick einschließend, „denn du bist ja schon etwas größer, und da ist etwas mehr drin. Natürlich nicht so viel wie in der großen Erwachsenenportion!“
Der Junge ist verwirrt.
„Der Kinderbecher ist doch nicht für mich! Der ist für meine Oma. Ich habe ja das Spaghetti-Eis!“
„Ach so! – Na ja, im Grunde … aber Sie können selbstverständlich untereinander tauschen!“
Der Ober hat sich einen kleinen Rüffel gerade noch verkniffen.

Die ältere Dame wartet, bis der Angestellte verschwunden ist, beugt sich dann zum Enkel und sagt:
„War doch gut, dass du bestellt hast, sonst hätte ich nachher gar keinen Kinderbecher bekommen.“
Er nickt und sieht dabei ein bisschen stolz aus.

Das Eis ist schon halb verzehrt, als sich die Unterhaltung plötzlich in diese Richtung bewegt:
„Du, Oma, ich muss unbedingt zum Friseur!“
„Ja? Es sieht doch noch sehr ordentlich aus. Was soll denn gemacht werden?“
„Ach, hier (er zeigt auf die Seitenpartien) soll es kürzer und oben hoch und so …“
„Aha. Na, es sind ja Ferien, da hast du doch gut Zeit für so etwas.“
„Ja, ich glaube,  ich geh morgen hin.“
„Alleine?“
„Oma! Echt! Ich kann das …!“
„Das weiß ich, ich meine ja nur, wenn du alleine gehst, dann müssen dir Mama oder Papa eine Einverständniserklärung mitgeben.“
„Wieso das denn?“
„Friseure dürfen Kindern unter 16 Jahren nicht einfach die Haare schneiden! Entweder es ist ein Erziehungsberechtigter dabei oder kommt anfangs mit herein und gibt sein Okay. Ansonsten muss eine jüngere Person eine unterschriebene Erklärung vorzeigen.“
„Woher weißt du das denn?“
„Das musste ich für deinen Papa doch auch machen.“
„Für Papa?“
„Ja, klar. Als er sich die Haare lila färben lassen wollte.“
„Lila? Papa? Er hatte mal lila Haare …?“
Er schaut völlig entgeistert. Unglaube pur. Seine Großmutter verrät Details:
„Als dein Vater 13 oder 14 Jahre alt war, wollte er lila Haare haben. Also habe ich gesagt: Gut, dann mach! Zettel ausgefüllt, Unterschrift drauf. Fertig.
Am nächsten Tag nach der Schule ging er nachmittags gleich zum Friseur. Ich war im Elternrat seiner Schule, und wir hatten an dem Abend eine Sitzung. Ich war kaum dort, da kamen aufgeregt zwei Mütter angerannt und überfielen mich förmlich: Hast du schon gesehen, dass sich Lars die Haare hat färben lassen! LILA?! Sie dachten, ich weiß von nichts und falle nun in Ohnmacht. Doch ich habe nur gesagt: Ja, klar weiß ich das! Ich habe es ihm ja erlaubt.
Der Blick des Enkels drückt eine gewisse Bewunderung aus. Ansonsten interessiert ihn:
„Und wie sah Papa damit aus?“
„Du, das sah klasse aus! Das war jetzt nicht so ein helles Lila wie das hier (sie zeigt auf ein fliederfarbenes Muster in der Nähe). Viel, viel dunkler! Richtung schwarz mit einem sehr starken Lilastich.“
Der Junge muss das erst einmal verdauen. Sein Vater, lila Haare – und Oma fand das damals in Ordnung. Blieb völlig gelassen …
Er kratzt nachdenklich seinen Becher aus.

"Er hatte lila Haare ...?" -Im Blog: Michèle. Gedanken(sprünge) - wordpress.com - Juli 2013

Großmutter und Enkel im lebhaften Gespräch …

„Und sonst so?“
„Was meinst du?“
„Was hat er sonst noch so für Haare gehabt?“
„Na ja, einmal hat er sich alle Haare abrasieren lassen.“
„Eine …Glatze?“ Der Junge kann es nicht fassen. Der Mund bleibt vor Verblüffung offen stehen.
„Ja, eine Glatze – habe ich ihm auch erlaubt. Das hat er mit zwei anderen zusammen gemacht, und hinterher haben sie sich ihre Köpfe mit NIVEA-Creme poliert, weil sie nichts anderes hatten.“
„Warum?“
„Weil es glänzen sollte!“, lautet die Erklärung der Großmutter.
„Glatze finde ich doof!“ Des Enkels Feststellung klingt tief überzeugt.
„Ja, fand dein Vater dann auch. Er hat auch nie wieder eine rasiert … Weißt du, das Gute ist ja, dass die Haare immer nachwachsen. Und ich sage immer: Man muss alles einmal gemacht haben!
Sie wirkt, als würde auch sie sich wirklich an diesen Vorsatz halten.
Er staunt nur und sieht sie offenbar in einem völlig neuen Licht.
„So, mein Jung, jetzt lass uns noch hoch zu karstadt sports. Ich habe da sehr coole Sachen gesehen. Vielleicht fällt was für dich ab …“
Die beiden bezahlen und ziehen unternehmungslustig von dannen.

Wissen Sie, was ich mich nun frage?
Mich würde interessieren,  welche Auswirkung diese Erzählung auf die zukünftigen Unterhaltungen im Elternhaus des Jungen haben wird. Welche Ideen dem Nachwuchs kommen, und was sich der Knabe zum wirkungsvollen Argumentieren zu merken gedenkt.
Und ich wüsste natürlich gern, ob die ältere Dame durch ihre lockere Sichtweise und ihre freimütigen Geständnisse möglicherweise – man weiß es nicht ^^ – familienintern ein ganz klein wenig in die Bredouille gerät … (Mutter, wie konntest du bloß!)

©Juli 2013 by Michèle Legrand

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„Stellen Sie sich jetzt doof?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comIch fahre auf den Aldi-Parkplatz, zu dem es zwei Zufahrten aus unterschiedlichen Straßen gibt. Wie üblich gilt auf solchen Plätzen die Straßenverkehrsordnung.
Rechts vor links.

Man sieht ihn nicht kommen. Er fegt mit seinem Polo von links – aus der anderen Zufahrt – heran, hat mich durch ein Eckgebäude ebenso wenig im Blick, heizt ungeachtet dessen weiter. Aldi, ich komme!
Kreuzt meinen Weg. Zieht haarscharf an meiner Motorhaube vorbei.
Raubt mir die Vorfahrt!
Er stockt erst, als alles zu spät gewesen wäre, hält gut 20 m weiter.
Ich habe noch bremsen können.
Hole tief Luft.
Mann, Mann!
Die Hupe bringt hinterher auch nichts mehr, also habe ich’s gelassen.
Was soll’s, ist eh alles vorbei.
Nichts passiert …
Verdammt! Erschrocken habe ich mich!
Und mein Magen rebelliert gerade durch die eigene abrupte Bremsung. Ich fahre in die nächste Parklücke.
Er hat sich wohl auch verjagt, denn er sammelt sich noch einen Moment. Verharrt unschlüssig mit seinem Auto im Mittelgang und blockiert allen den Weg. Nicht lange, dann setzt er sich wieder in Bewegung, dreht und rollt – nun im Schneckentempo – auf den Platz direkt neben mir.
Och, nö …! Was wird das denn jetzt?
Nun, ich könnte ihm ein paar Takte erzählen …
Ach,vergiss es – ist doch vergebene Liebesmüh. Der Schreck reicht ihm vielleicht auch schon.

Als ich meine Tasche aus dem Kofferraum hole, steigt er langsam aus. Vor sich hinbrütend. Und dann spricht er dumpf diesen intelligenten Satz:
„Wenn Sie jetzt in mich hineingekarrt wären, hätten Sie ja auch noch Recht gehabt!“
Bitte wie?
„Oh, hat man das Recht zum Hineinkarren?“, frage ich ihn.
„Ja, nicht so….! Ich meine …“
Ich habe ihn schon verstanden, doch ich finde, dass ich nach dem Schrecken ein bisschen Triezen und vorgetäuschte Blödheit guthabe.
„Ich hätte gedurft?“
„Nein, nein!“, haspelt er eilig, „ich wollte sagen …“
„Sie meinten, Sie hätten es heute verdient?“
„Nein!“ Er ist genervt. „Ich wollte doch nur damit sagen …“
Dann endlich geht ihm ein Licht auf. Vielleicht hat er das minimale, amüsierte Blinzeln bei mir bemerkt. Ihm schwant, dass bei Blonden Dummheit manchmal auch nur gespielt sein könnte.
Nur – es ist halt lediglich eine vage Vermutung!
Er jedoch möchte Gewissheit.
Deshalb folgt in Form einer Frage eine weitere intelligente Glanzleistung:
„Stellen Sie sich jetzt doof?“
Oh, Gott!
(Mal ehrlich, müssten Sie das jetzt noch fragen?)
Das Teufelchen in mir hat mittlerweile genug gespielt. Irgendwie ist die Luft heraus. Ich beschließe, es zu beenden.
Ich beantworte seine Frage also mit ja und ergänze:
„Weil ich nicht in Sie hineingekarrt bin, bin ich im …, habe ich … Sie wissen schon … Das mit dem Recht. Dann ist Veräppeln und Dooftun rechtens.“
Er lässt es sich durch den Kopf gehen, und da das länger dauert, gehe ich.
Entschwinde mit dem Gefühl, dass wir irgendwie doch in Frieden geschieden sind.
Er lächelte zumindest etwas – wenn auch verunsichert.

Zwischendurch sah ich ihn im Laden beim Einkaufen wieder. Manchmal kreuzten sich unsere Wege in einem der Gänge. Er schaute jedes Mal zu mir hinüber. Erst verlegen, später verschwörerisch grinsend.
So, als hätten wir jetzt zusammen ein ganz großes Geheimnis …

©Mai 2013 by Michèle Legrand

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„Ich zahl’!“ – „Nein, ich!“ – Das anstrengende Leben eines Kellners

Wissen Sie, mitten im Alltag spielen sich manchmal seltsame Szenen ab.
Vor Ihren Augen!
Sie können es nicht ignorieren, und Sie kommen gar nicht umhin, in irgendeiner Form darauf zu reagieren, Anteil zu nehmen. Plötzlich ist der Moment da: In Ihnen kriecht ein gewisses Mitgefühl hoch. Für Menschen.
Oh, nicht für alle!
Nein, nur für diejenigen, die anderer Leute Gedöns ausbaden oder – zumindest kurzzeitig – ertragen und dulden müssen. Und denen es leider ihrerseits nicht immer möglich ist, so zu reagieren und zu kontern, wie sie es gerne würden …
Ein Beispiel vom Freitag:
Michèle. Gedanken(sprünge) - 06. Mai 2013 - Blog - Geschichte

Die beiden Frauen – etwa Anfang dreißig – sitzen bislang einträchtig beisammen und während sie relativ laut miteinander plaudern, löffeln sie genussvoll ihr Eis. Der Kinderwagen ist direkt neben dem Tisch abgestellt und das Baby, das in ihm liegt, beginnt netterweise erst in dem Augenblick mit seinem Gebrüll, als der Fruchtbecher der einen, der brünetten jungen Frau (offenbar seine Mutter) komplett geleert ist.
Beide, auch die auffällig hellblonde Freundin, richten ihre Aufmerksamkeit auf den Säugling.
Das noch recht „neue“, winzige, aber dafür schon ziemlich Rabatz veranstaltende Baby, wird aus seinem Gefährt gehoben. Es hört fast augenblicklich auf zu weinen und schmatzt nun trocken vor sich hin.
Ganz eindeutig: Es hat Hunger! Und zwar jetzt!
„Willst du hier …?“, fragt die Freundin skeptisch.
Es geht ums Stillen.
„Ja, klar, er lässt sich doch jetzt nicht mehr hinhalten!“
„Er“ sieht das auch so.
Das Baby sucht bereits intensiv nach der Nahrungsquelle und nimmt vorerst mit dem nackten Oberarm seiner Mutter vorlieb – wohl, weil er ihn gerade zufällig vor der Nase hat. Es wirkt, als würde er gierig hineinbeißen, zumindest irgendwie andocken und gleich darauf dringen Sauggeräusche herüber. Das Gesicht verzieht sich, als der Kleine merkt, dass Arm eben nicht Brust ist und es mit der Milch nicht klappt. Augenblicklich wird die Sirene wieder angestellt.
Inzwischen ist jedoch alles vorbereitet. Er wird in die richtige Richtung gelenkt, es kann losgehen.

Der Freundin ist es weiterhin ein bisschen unwohl. Sie schaut sich um, ob jemand vom Stillen Notiz nimmt. Oder daran Anstoß nimmt!
Warum sollte das jemand tun? Zumindest hier, in diesem Fall. Man sieht doch nichts!
Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen …
Es dauert weitere zwei Minuten, bis sie sich merklich entspannt und die unterbrochene Unterhaltung wieder aufgenommen wird – solange, bis ihr nach nur drei Sätzen einfällt:
„Willst du nicht ein Glas Wasser dazu?“
„Ne, lass man …“, erwidert die Stillende.
„Warum denn nicht? Das kriegst du hier umsonst. Leitungswasser, meine ich.“
„Nein, nein, ich trink später etwas …“
Kurze Pause.
„Ich kann den Kellner wirklich fragen …!“
„Nein! Nicht nötig. Ich sagte doch: ich möchte nicht!“
Sie hat die Stimme etwas erhoben. Das Baby ist irritiert und hört auf zu saugen.
„Dann eben nicht!“
Die Blonde wirkt leicht beleidigt. „Ich dachte ja nur …“
Eine kurze, unangenehme Pause tritt ein. Man sortiert sich.
Ein neuer Anfang.
„Ich glaube, ich trinke aber noch einen Espresso“, verkündet die Freundin.
„Ja, mach doch“, sagt die Brünette beim Stillen, „das dauert hier eh noch ein Weilchen.“

Es wird dem Kellner gewunken. Er nähert sich, lächelt, möchte wissen:
„Hat es Ihnen geschmeckt? Darf es noch etwas sein?“
Sie geht jedoch auf seine erste Erkundigung nicht ein, sondern ordert nur den Espresso und mit besorgten Blick Richtung Mama und Baby folgt die Frage aller Fragen:
„Willst du nicht doch ein Wasser?“
Die junge Mutter schüttelt energisch den Kopf.
Ihre Freundin wendet sich wieder dem Kellner zu.
„Ein zusätzliches Glas Wasser, bitte. Leitungswasser.“
Der Kellner ist verwirrt, denn Kopf von links nach rechts bewegen, heißt bei ihm nein. Er hakt folglich nach:
„Möchten Sie selbst zum Espresso ein Glas Wasser?“
„Nein, das ist für meine Freundin.“
„Aber ich will doch gar nicht …!“, braust diese auf.
Der Kellner verzichtet auf die Fortsetzung der Unterhaltung und geht. Bringt kurz darauf mit dem Espresso vorsichtshalber doch ein Glas Wasser. Sein Blick ist betont nichtssagend. Er stellt das Glas genau in die Mitte zwischen die beiden.

Die Stimmung ist etwas abgekühlt. Das Gespräch will nicht mehr so recht in Gang kommen.
Während für das Baby Seitenwechsel ansteht und es an der anderen Brust angelegt wird, ist die Brünette dabei einen Moment abgelenkt. Die Blonde schiebt das Glas unauffällig näher zu ihr hin. Unbewusst greift die Freundin kurze Zeit später danach. Trinkt gedankenverloren einen kleinen Schluck.
„Siehst du!“, erklingt es triumphierend, „wusste ich’s doch, dass du eigentlich Durst hast! Ist auch besser – beim Stillen soll man trinken!“
„Stillst du oder still ich? Außerdem habe ich vorher genug getrunken!“
Nun geht es eine Weile ziemlich laut um die nötige Menge Flüssigkeit, die man zu sich nehmen sollte. Überhaupt und im speziellen Fall.

Der Kellner hat ihre Plätze im Auge. Die Leute an den Nachbartischen fühlen sich bereits leicht gestört.
Die Blonde ist der unumstößlichen Ansicht, dass die Freundin garantiert zu wenig getrunken hat. Die Diskussion geht weiter. Es folgt der Vorwurf an die junge Mama, dass sie unvernünftig wäre. Und undankbar. Sie, die Freundin, würde sich ja schließlich nur um sie sorgen.
„Das lass mal meine Sorge sein“, lautet die genervte Erwiderung. „Und ich will sowieso nicht dieses abgestandene Wasser, das hier vielleicht schon ewig offen in der Karaffe herumsteht. Nachher hat das Keime!“
„Das hat doch keine Keime!“
„Woher willst du das denn wissen? Ich WILL das Wasser nicht!“
„Sag das doch gleich!“, blafft die Blonde.
Die junge Mama ist einen Moment sprachlos.
Dunkle, drohende Wolken sind aufgezogen und hängen gerade tief über den Freundinnen. Es herrscht weiterhin gefährliche Stille, in die nur das Baby sorglos hineinschmatzt.

Fünf Minuten vergehen. Der Kleine ist nun satt, der Espresso mittlerweile ausgetrunken.
Das Glas Wasser rührt keiner mehr an. Aus Prinzip.
Es herrscht Aufbruchstimmung.
„Wir möchten zahlen!“, klingt die Stimme der Brünetten durch den Raum.
Der Kellner nickt – fast erleichtert – aus der Entfernung und trägt zunächst noch Bestellungen aus – schon vorbereitete Eisbecher, deren Inhalt sonst schmelzen würde. Seine Erleichterung kam leider eindeutig zu früh.
Es entsteht gerade eine gewisse Hektik am Tisch. Beide nesteln nach ihren Portemonnaies. Sie, mit dem Baby noch auf dem Arm, hat es einhändig eindeutig schwerer. Beide holen Geld hervor. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich, denn hier bezahlt häufig jeder für sich.
Der Ober ist eingetroffen und stellt die wichtige Frage:
„Zusammen oder getrennt?“
„Zusammen!“ Einstimmig ertönt dieses Wort aus den Kehlen der beiden Damen.
„14,30 Euro bekomme ich dann bitte von Ihnen!“
Zwei Hände werden ihm forsch entgegengereckt. Die Brünette und die Blonde fuchteln beide mit je einem 20-Euro-Schein vor seiner Nase herum.
„Ich zahl’!“
„Nein, ich!“
Die junge Mutter ist erbost. „Ich bin dran!“
Die blonde Freundin kontert resolut: „Kommt überhaupt nicht in Frage! Diesmal zahle ich!“

Wir erleben eine hitzige Debatte, das Revue passieren lassen diverser vorangegangener Cafébesuche, die mühsame Aufzählung wer wann bezahlt hat. Es ist ein leider vergeblicher Versuch, den aktuellen Zahlwunsch zu rechtfertigen – geschweige denn zu klären! Keine will nachgeben oder einsehen, dass – gehen wir vom Gerechtigkeitsprinzip aus – vielleicht tatsächlich die andere heute dran sein könnte.
Zwischendurch entsteht leichtes Geschubse, immer dann, wenn eine ihre Hand mit dem Geldschein wieder zwei Zentimeter näher beim Kellner platziert hat. Der Vorteil muss selbstverständlich sofort ausgeglichen werden.
Dem Kellner ist unbehaglich. Er weicht leicht zurück.
Das anfängliche Gezischel ums Bezahlen  ist mittlerweile wieder übergegangen in lautstarkes Meckern. Das Baby reagiert auf die gereizte Situation. War es eben noch satt, entspannt und angenehm ermüdet – so ist es jetzt alarmiert und stimmt  Geheul an, das schnell an Intensität zunimmt.
Die junge Mutter hält inne. Ihre Lippen sind zu einem schmalen Strich zusammengekniffen. Der Laune und Aufgebrachtheit entsprechend, wird das Baby relativ energisch über die Schulter „geworfen“.
„Da siehst du, was das alles bringt!“, giftet sie die andere an.
Die Freundin ist sauer.
„Ach, jetzt ist das meine Schuld!“
Der Kellner konnte immer noch nicht abkassieren.

In diesem Moment steuert eine Dame den Tisch an – vermutlich die Mutter einer der beiden jungen Frauen. Sie spricht sie namentlich an, schäkert mit dem weiterhin quakenden Baby. Sie beschließen,  dass sie jetzt alle zusammen heimfahren könnten.
Und der Kellner wartet immer noch …

Die Dame erkundigt sich  harmlos:
„Ihr seid hier grad fertig?“
„Wir haben noch nicht bezahlt“, kommt es etwas gepresst.
„Dann macht mal hin! Der Kleine scheint keine große Lust mehr zu haben.“
Von der Lust des Kellners ist nicht die Rede, auch nicht davon, dass er möglicherweise noch anderes zu tun hat.
Die Mädels kuschen. Warnende Blicke werden untereinander ausgetauscht.
Keine sagt einen Mucks.
Mit irgendeinem der beiden Geldscheine wird bezahlt. Die Blonde steckt sämtliches Restgeld ein, selbst den nicht genutzten Zwanziger der Freundin. Hat quasi bezahlt, aber das Geld erstattet bekommen …
Zündstoff für daheim! Mit Sicherheit geht der Streit dort weiter – oder startet spätestens beim nächsten Eiscafébesuch erneut.
Mir tut jetzt schon der jeweilige Kellner leid …

Kellner haben ein ziemlich anstrengendes Leben!
Das stelle ich immer wieder fest, denn ich habe schon reichlich merkwürdige Szenen in Lokalitäten unterschiedlichster Art miterlebt. (Ja, sicher, auch Kunden leiden gelegentlich – das ist ein anderes Thema).
An dem Ort des Geschehens vom Freitag gönne ich mir häufiger einen Kaffee und unterhalte mich ab und zu mit den Angestellten. Mich hat die Passivität des Kellners etwas verwundert. Ich spreche daher die Bedienung bei meinem nächsten Besuch auf die Situation vom Vortag an:
„Ich habe gestern Ihre Ruhe bewundert. Erst die Wasseraktion,  dann die anhaltenden, lautstarken Diskussionen,  letztendlich das Bezahldrama. Was machen Sie in so einem Fall?“
„Ich weiß es nicht“, sagt mir der junge Mann und schaut unglücklich. Ihm gingen tausend schlaue Sachen durch den Kopf, aber letztendlich halte er sich zurück.
Er verwendet mir gegenüber nicht diesen unsäglichen Begriff vom Kunden, der immer König sei. Er sagt es anders. Er traue sich nicht, weil „der Kunde schließlich mit Vorsicht zu behandeln ist – genau wie mein Job …“ Man wüsste ja nie, was daraus werde.
„Daraus?“
„Na ja, aus der Situation. Die, die hier so etwas veranstalten, sind leider häufig auch diejenigen, die sich schnell fürchterlich mit dem Angestellten anlegen, sobald er sich einmischt. Selbst, wenn er höflich ist und nur schlichten will! Recht machen kann man es dann sowieso nicht. Das ist extrem anstrengend! Sie werden ausfallend und nach so einer Auseinandersetzung beschweren sie sich dann obendrein noch beim Chef.“
Eine Kollegin wäre daraufhin schon einmal den Job losgewesen.
Aha, der Kunde randaliert und der Angestellte muss die Sachen packen …

Natürlich ist dem Kellner klar, dass er (theoretisch) bei einer Bezahlstreiterei anbieten könnte:
„Soll ich gleich noch einmal wiederkommen?“
Er könnte sogar einfach fordern:
„Entscheiden Sie sich jetzt bitte!“
Oder erklären:
„Da Sie sich nicht einigen können, werde ich bei Ihnen getrennt abrechnen.“
Doch er sagt nichts von alledem.
Er wartet einfach nur ab.
Schweigt.
Denkt an den Job.

Er hat er mein Mitgefühl!
Ich kann sein Verhalten nicht uneingeschränkt gutheißen, aber ich kann es nachvollziehen. Schwierig wäre es geworden, hätten sich noch weitere  Gäste eingemischt und aufgeregt. Hätten gefordert, der Kellner möge doch endlich für Ruhe sorgen.
Passivität schützt nicht immer vor Eskalation, Aktivität kann etwas schon in andere Bahnen lenken.
Doch bin ich er? Bin ich in seiner Situation?
Nein.

Ach, ich habe beschlossen, er sollte im Grunde genommen in einem solchen Fall beide Geldscheine einsacken und aus erzieherischen Gründen zweimal kassieren!
Denn es ist neben dem Service und  allem anderen nicht auch noch sein Job, Schiedsrichter zu spielen oder Lösungen für kindische Erwachsene zu finden.

Und er sollte grundsätzlich einen Chef mit Menschenkenntnis haben.

©Mai 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand (WordPress)

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Unnütz – tut aber nichts. Oder: Sonntag – und sie redet wirr.

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) - März 2013Wissen Sie, er kam einfach. Am letzten Wochenende. Eingeladen hätte ich ihn natürlich nie! Und gefragt hat er selbstverständlich auch nicht. Wohlweislich, denn – glauben Sie mir – ich hätte ihn sofort abgewiesen.
Hochkantig rausgeschmissen hätte ich ihn!
Doch jetzt habe ich diesen ungeliebten, überaus lästigen, mir die Luft raubenden Kerl, seit einer Woche am Hals!
Einen Infekt.
Wieso? Woran dachten Sie denn?
Nein, einen Infekt. Ja, nur den!
Die Kerle sonst in meiner Umgebung sind schon okay …
Infekt ist kein wirklich interessantes Blogthema. Es ist vielmehr ein miserables, langweiliges, herunterziehendes Thema!
Weg damit!
Ich fing nur damit an, damit Sie wissen, ich bin zurzeit nicht so klar im Kopf und infektbedingt nicht besonders lange konzentrationsfähig. Es kann somit etwas durcheinander gehen. Momentan komme ich nur mit sehr leichter Kost klar.
Und mir ist zu kalt, um mit Ihnen draußen auf Entdeckungstour zu gehen – was ich ursprünglich vorhatte. Wir verschieben es ein klein wenig.

(Wenn hier manchmal Pausen entstehen, dann deshalb, weil ich schließlich irgendwann auch einmal Nase putzen muss …!)

Nein, es ist definitiv nicht so, dass ich wegen dieser Infekt-Sache irgendwie Aufbauhilfe bräuchte.
Das ist halt so!
Sie kennen den Lauf der Dinge beim Anstecken. Eine Krankheit kursiert. Sie passen auf.  Essen vitaminreich, waschen sich häufig die Hände, vermeiden den direkten Kontakt wo es geht. Erst kommen Sie derart Wochen drum herum. Alle schniefen, sind krankgeschrieben, hüten das Bett  –  doch Ihnen geht es gut.
Sie können es selbst kaum glauben!
Und dann, wenn Sie schließlich nach fast vier Monaten annehmen, Sie seien eben ein Immunitätswunder und nun käme auch nichts mehr, dann, ja dann werden die Kreise plötzlich enger um Sie gezogen.
Die Familie!
Wenn die erst mit der Bazillenverteilung anfängt, dann haben Sie ganz schlechte Karten. Sie können nicht so tun, als gehörten Sie nicht dazu. Sie können nicht übergangsweise ausziehen, und Sie dürfen das infizierte Volk auch nicht aussperren.
Die würden es Ihnen dauerhaft verübeln!
Nein, Sie geben sich dem Schicksal hin, pflegen erst die Kranken und danach haut es Sie um. So läuft das.
Noch einmal, das ist kein Versuch, Mitleid zu erheischen!
Stopp! Schluss! Nein, nicht …! Aufhören! Sofort!

Apropos Mitleid …
Mitleid sollten Sie definitiv nie haben! Es bringt rein gar nichts!
Was macht es für einen Sinn, wenn noch einer leidet?
Hilft es irgendjemandem?
Nein!
Na, also …
Mitgefühl ist in Ordnung. Empathie ist hilfreich. Doch auch darum geht es nicht.

(Einen Augenblick bitte, ich möchte nur eben die Teebeutel herausnehmen, sonst schmeckt dieses Gesundungs-Teegebräu einfach eklig).

Wo waren wir?
Genau, es ist alles gut, geht halt momentan nur durcheinander.
Geht es Ihnen auch so?
Sobald sie angeschlagen sind, ist ein durchgehender, längerer, komplizierter, anspruchsvoller, SINNVOLLER Gedankengang fast unmöglich.
Sie schweifen ständig ab. Alles ist so mühselig, so kraftraubend. Das Denken wird verdammt anstrengend. Sie haben vielleicht gerade einmal die Konzentration einer … Miesmuschel.
Einerseits fallen Ihnen zwar tausend Sachen ein, erscheinen blitzartig, breiten sich aus. Andererseits ist superschnell der Moment erreicht, in dem dabei kein Muster, keine Struktur mehr zu erkennen ist, alles plötzlich nur noch herumwabbert, zerfließt, um sich relativ schnell ins Nirwana zu verflüchtigen.
Und Sie greifen noch hinterher …!
Nichts.
Irgendwie ist Ihr Hirn wie ein Sieb. Kein engmaschiges Teesieb! Mehr ein Durchschlag.
Oder kennen Sie diese Gewürzdöschen mit dem drehbaren Innendeckel, der unterschiedlich große Lochöffnungen möglich macht?
Wenn Sie gesund sind, dann schaffen Sie es locker, den Deckel so einzustellen, dass die Löcher nur einen feinen Schlitz bilden. Das Gewürz verbleibt so lange in der Dose, wie Sie es möchten und Sie streuen nach Bedarf. Was Sie nicht mehr brauchen oder was Sie abgeben wollen, darf hinaus. Alles andere bleibt sicher verstaut.
Mit so einem Kerl (Infekt), haben Sie beim Deckelverschieben irgendwie Fausthandschuhe an. Sie schaffen es nur so, dass ständig die größten Öffnungen erscheinen. Sie haben nur noch minimalen Einfluss auf den Inhalt. Das meiste rauscht wie eine Lawine heraus, der kleine verbliebene Rest ist grobes Zeug. Das, was nicht gleich durchrieselt. Das Salz für die Suppe entfleucht, die einzelnen unspektakulären, getrockneten Zwiebelstücke bleiben. Es ist zum Heulen.

Es kann mich tatsächlich leicht fuchsig machen, wenn ich arbeiten will! Wenn ich zu tun habe und vor allem auch weiterkommen möchte!
Endlich kommt ein Gedanke, eine Idee, eine Inspiration! Eine Lösung! Mühsam. Aber sie kommt.
Gott sei Dank!
Zwei Minuten später …
Ende!
Und wissen Sie, was haften bleibt – wenn überhaupt? Oder womit man sich letztendlich beschäftigt?
Mit unnützem Zeug!
Und das vergleichsweise intensiv.

(Wollen Sie den Tee auch einmal probieren? Vorsorglich? Jetzt, wo Sie hier sitzen, sind Sie ja auch den Bazillen ausgeliefert …)
Was meinen Sie bitte? Welches unnütze Zeug?

Nun, ich habe vorhin eine Biene nach draußen verfrachtet und stellte dabei wieder einmal fest, dass ich Insekten eher spanische Namen gebe. Ich finde, zu einer Biene, die auch noch derart früh im Jahr draußen unterwegs ist, passt der Name Esperanza, zu einer Spinne harmoniert Esmeralda oder zu einem Ohrenkneifer Jorge.
Man sollte annehmen, das würde zu dem Thema reichen.
Aber nein! Ich komme nicht davon los!
Wie nennen Sie denn den Brummer, der bei Ihnen in der Küche gegen die Scheibe donnert? Ich verbinde es augenblicklich mit einem Drama um Esteban oder Hector.
Die Sache ist nur die: Bei Vögeln klappt es mit spanischen Namen überhaupt nicht!
Gefühlt.  Also, nach meinem Empfinden!
Eine Amsel kann bei mir nicht Carmen heißen. Vögel sind irgendwie … britisch. Die Drossel ist Joanne, der Falke Henry.
Elchkuh, SmillaReptilien und Amphibien erscheinen mir hingegen französisch. Luc, der Frosch, Emanuelle, die Schlange. Und Fische? Fischen wiederum gebe ich holländische Namen. Willem, der Karpfen oder Maloutje, die Forelle.
Skandinavische Namen halte ich ideal für Säugetiere, besonders die größeren unter ihnen.  Håkan, der Wal, Elefant Tore oder Smilla, die Elchdame.
Und wo wir uns so ausgiebig daran festbeißen: Im Grunde ist es auch so, dass eine Vogelgeschichte logischerweise in Norwich oder Stratford-upon-Avon, ein Reptilienbeobachtung in Saint-Malo oder Biarritz und eine Fischstory eben in Utrecht oder Amersfoort spielen sollte.
Nun Schluss damit.

(Ich sagte Ihnen ja bereits … unnützes Zeug. Der Fieberwahn!)
Sie halten wirklich gut durch. Und das bei meinem Röcheln.

Apropos Röcheln …
Darf ich Ihnen etwas gestehen? Wissen Sie, manchmal muss ich in Parfümerie-Abteilungen röcheln.
Auch ohne Infekt!
Da werden Düfte bis zum Umfallen versprüht. Was zu viel ist, ist zu viel!
Gegen das Ausbringen von Insektiziden gibt es mittlerweile Gesetze und Vorschriften, nur wer schützt einen eigentlich vor diesem anderen Bepüstern? Inzwischen sprüht zwar niemand mehr ungefragt Kunden an – abgesehen von jenen merkwürdigen Luftmanipuliergeräten, die manche Geschäfte mittlerweile installiert haben und die sehr umstritten sind (Luftverbesserungssysteme in Kombination mit sog. Duftmarketing!) – aber es hängt schwer in der Luft, oder Sie kennen vermutlich auch den Fall, dass vor Ihrer Nase  unausweichlich ein getränkter Papierstreifen geschwenkt wird, solange, bis Sie halb ins Koma versinken.
Es gibt Kunden, die das durchaus schön finden.
Duft in Maßen ist auch schön!
Doch Empfinden ist so unterschiedlich. Was ist das Maß der Dinge? Wann ist genug?
Viele Parfumfreunde müssen offenbar wesentlich mehr auftragen, ehe sie es wahrnehmen bzw. als ausreichend empfinden.
Oder nehmen Sie die Menschen, die sich ganz ohne Parfüm nackt vorkommen. Ich habe einmal gehört, wie eine Dame zu ihrer Freundin/Schwester sagte:
„Komm, wir gehen zu Karstadt und sprühen Tester …!“
Ich bin mir nie sicher, ob es um das Testen geht, damit man eine Auswahl treffen kann oder eher um das Auflegen des Parfums, da man just an dem Tag keines benutzt hat oder lediglich darum, dass es dort etwas gratis gibt.
Manche Duftarten kann auch nicht jeder riechen. Können schon, nur eben mit dem Mögen hapert es. Manche verabscheut man zutiefst.

Apropos verabscheuen …
In meiner etwas weiteren Nachbarschaft wohnt eine Dame, die mir wirklich sehr unsympathisch ist. Auch noch nach mehr als zwanzig Jahren. Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich das sage. Es ist Ihr Verhalten. Ihre Art ein Gespräch zu führen. Ihre merkwürdigen Ansprüche. Das dominante Gehabe etc.
Sie verwendet – und zwar reichlich – ein Parfum, das mich lebhaft an den nicht sehr schönen Geruch von Mottenkugeln erinnert. Früher war es das Naphthalin, was so stank, heute ist es eher der Bestandteil Paradichlorbenzol, der offenbar sogar immer noch in einigen Parfums landet.
Und jetzt passen Sie auf:
Wenn nun jemand, dessen Wesen Ihnen eher fremd ist und dem Sie nicht besonders viel Sympathie entgegenbringen, auch noch ein derartiges Parfum trägt, dann passt das irgendwie und ist erstaunlicherweise sehr typisch! Es unterstreicht quasi noch einmal ihre Verschiedenheit. Und Sie stellen damit gleich doppelt fest: Sie können diesen Menschen einfach nicht riechen!
So oder so.

(Ich merke am Text, offenbar ist das Fieber gestiegen …)

Ist Ihnen auch so kalt? Nicht? Dann liegt das an dem Kerl …
Vielleicht sollte ich besser eine neue Kanne Tee aufsetzen. Lassen Sie uns doch für heute den leicht wirren Sonntags-Talk beenden.
Sie haben doch bestimmt auch Wichtigeres zu tun!
Jetzt sagen Sie nicht, das käme Ihnen zu abrupt!
Möchten Sie sich dann vielleicht noch einen anderen Blogpost ansehen?
Zum sanfteren Rausschmiss?
Einen, wo mir tatsächlich richtig kalt war und ich kurzzeitig dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen …?  So geschehen in Lenzerheide in Graubünden (CH) – nachstehender Link führt Sie dorthin.
-> https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/26/ins-richtige-verhaltnis-geruckt-ist-es-warm-beinahe/

Bis zum nächsten Mal!
Apropos abrupt …
Ich hoffe sehr, dass dieser Infekt recht abrupt endet. Mir reicht es langsam.

(Und damit zog sie wirr neue Teebeutel hervor und danach von dannen …)

©März 2013 by Michèle Legrand

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„Du, denk dran, Gertrud ist allein im Auto …“ und andere Lappalien

Michèle Legrand  @Wordpress.com

Wir sollten uns wieder einmal unterhalten. Einfach so.
Wer?
Wieso wer?   
Oh, Entschuldigung, wenn das nicht klar war.
Na, wir hier! Sie und ich!
Mit der Zeit sammeln sich doch immer kleine Dinge an, die geklärt werden sollten.
Wichtiges?  Was ist schon wichtig …
Wichtig ist subjektiv! Und letztendlich haben dadurch sogar Lappalien irgendwo ihre Berechtigung! Sonst gäbe es sie nicht. Was des einen Lappalie, ist des anderen Herzstillstand.
Eine Laufmasche zum Beispiel. Der Schweißfleck unterm Arm. Die geplatzte Bratwurst. Etwas Missverstandenes!
Lappalien sind in der Lage sich zu verändern. Sie können wachsen und schrumpfen. Nehmen an Bedeutung zu oder ab. Lappalien sind durchaus auch ätzend. Oder aber hochamüsant …

Es ist schon wieder mehr als eine Woche her, seit wir uns das letzte Mal gelesen haben. Die Ursache dafür war in nicht unerheblichem Maße das mittlerweile zur Riesenlappalie gewordene Wetter, über das zu schreiben ich partout keine Lust verspürte. Im Gegenteil, es legte mich zusätzlich langsam aber sicher lahm. Es fraß die für Blogposts reservierten Gehirnkapazitäten gnadenlos auf und beeinträchtigte die Kreativität erheblich.

Wassertropfen am Kletterrosentrieb

Wassertropfen am Kletterrosentrieb

Kennen Sie ihn auch?
Diesen Vorhang, der irgendwann schließlich auch in Ihnen zugezogen wird? Nicht mehr nur ein trostloser Dauergrauschleier draußen, sondern auch ein trübes, einschläferndes Grau drinnen?
Du hast den Farbfilm vergessen, mein Micha …
Vorbei. Am Mittwoch riss der Himmel endlich auf und nun geht es los!

Wolkenlos ...

Nach langen Wochen endlich einmal wieder wolkenlos …

Wir waren bei den Lappalien, und aus aktuellem Anlass picke ich mir heute – auch weil es sehr entspannend ist – eine weitere dieser relativ unwichtigen Angelegenheiten heraus.
Ich bin nämlich gerade wieder einmal, obwohl ich – rein theoretisch – vorgewarnt war, auf etwas hereingefallen und brauchte einen Moment, um die Situation richtig zu erfassen. Vielleicht sind Sie nicht so begriffsstutzig und schalten schneller.
Stellen Sie sich bitte vor, Sie befinden sich in einem der Geschäfte eines Einkaufzentrums, warten auf einen freien Verkäufer und das modische Pärchen in den Dreißigern vor Ihnen kommt nicht zu Pott.
Die Entscheidungsfindung ist das Problem. Er will was anderes als sie. Sie findet einen Haartrockner in der blauen Variante besser, er steht auf die schwarze Version. Im Gange ist eine etwas fruchtlose Diskussion.
Während ich versuche, geduldig zu bleiben und auf eine baldige Einigung hoffe, fällt folgender Satz aus seinem Mund:

„Du, denk dran, Gertrud ist allein im Auto, wir können hier jetzt nicht ewig …“

Ein Film spult ab. Das Einkaufszentrum. Sein Parkhaus. In diesem Fall eine Tiefgarage. Schwenk hinunter. Betonpfeiler, es ist kühl, dunkel, Benzingeruch dringt in die Nase, die Reste von Abgasen schwängern ebenfalls die Luft. Und dann links! Ein nicht mehr neuer dort abgestellter VW Passat mit einem aufrechten Schatten, der regungslos auf dem Beifahrersitz verharrt.
Gertrud!
Ich denke an eine ältere Dame, die man im Auto hat sitzen lassen. Der Einfachheit halber.
Komm, wir erledigen das schnell ohne Gertrud!
Ist nicht schön, ich weiß.
Vielleicht geht es schlecht mit dem Laufen. Möglicherweise kann sie die stickige Luft in den Geschäften nicht ab. Es kann auch sein, dass sie extrem anstrengend beim Shopping ist!
Drängelt vor. Droht mit dem Stock …
Man weiß es nicht.
Merkwürdig wäre es trotzdem.

Oder geht es um ein Kind?
Gertrud, wir wollen jetzt einkaufen. Steig aus!  – Nein, ich will nicht! – Komm jetzt! – Nein! (Gebrüll) –  So nicht, Fräulein, dann bleibst du halt hier!
Macht auch keiner. Das Kind im Auto deponieren.

Doch nicht etwa ein BABY?
Verwaist auf dem Rücksitz des Autos im Kindersitz angegurtet! Zurückgelassen, weil es gerade erst kurz vor dem Befahren der Tiefgarage eingeschlafen ist?
Lass Gertrud schlafen, wenn sie jetzt gleich wieder aufwacht, ist sie unausstehlich!
Nein, sehr unwahrscheinlich.
Und überhaupt! Gertrud!
Das klingt zu altmodisch für ein Baby. Andererseits … Namen wie Paul, Marie, Ferdinand, Pauline o. ä. würde auch niemand als modern bezeichnen und trotzdem sind sie en vogue und werden heutzutage gern an den Nachwuchs vergeben.

Die Angelegenheit klärt sich in diesem Moment.
„Ich hoffe, sie bellt nicht wieder die ganze Zeit“, stöhnt sie, einen der Haartrockner näher begutachtend. Sie stockt. „Oder beißt wie neulich ins Polster!“
Allein der bloße Gedanke daran, lässt die beiden zusammenzucken.
Ach, ein Hund!
Der Film reißt abrupt ab. Durchatmen. Die Aufregung war völlig überflüssig.
Menschenskind! Muss ein Hund unbedingt Gertrud heißen und einen völlig verwirren?

Sie merken, die heutige Lappalie und ihre Auswirkung ließe sich wie folgt zusammenfassen:
Wie Sie sehr schnell dumm dastehen, wenn Sie glauben, ein menschlicher Name gehöre zu einem menschlichen Wesen!
Oder Sie könnten mit etwas Wohlwollen auch noch etwas anderes darin sehen:
Wie Sie sich gelegentlich einfach über das Kuddelmuddel oder das Kopfkino amüsieren sollten, das entsteht, wenn Gegenstände  menschliche Namen tragen!
Als ich vorhin erwähnte, dass ich im Grunde vorgewarnt war, entsprach dies den Tatsachen. Erinnern Sie sich vielleicht noch an die Geschichte mit Herrn Piefke? Wenn Sie damals noch nicht dabei waren, schauen Sie doch einmal hier:
https://michelelegrand.wordpress.com/2011/07/26/heute-herrn-piefke-kennengelernt/

Mir passiert es von  Zeit zu Zeit, dass ich sehr erheitert reagiere, wenn menschliche (Vor-)namen nicht nur  im Zusammenhang mit Tieren, sondern auch mit Gebrauchsgegenständen, technischen Geräten, Möbeln oder sonstigen Artikeln meinen Weg kreuzen.Wie oft habe ich schon gegrinst, wenn ich im Baumarkt sah, dass Anke auf Dieter lag.
Fliesen, liebe Leser!
Anke ist kühl, aus Keramik. Dieter von der glatten Sorte. Gerne habe ich auch das Bild vor Augen, wenn es heißt, man könne Bert an die Wand tackern oder sich von Lilo Schatten spenden lassen (Sonnenschirm).
Es ist schön, wenn die Modellbezeichnungen nicht mehr wie früher nur aus Zahlen- und Buchstabenkombinationen bestehen. Das kann sich eh keiner merken! Wie praktisch, wenn Möbelserien  und -produkte beispielsweise von IKEA, dem Vorreiter der Branche, nette, für uns oft auch lustig klingende, skandinavische Bezeichnungen erhalten. Auf diese Art war ich nämlich in Benno verknallt und schleppte ihn eigenhändig auf mein Zimmer. Ich habe ihn immer noch. Ohne Billy. Und auf Marius habe ich schon gesessen.
Selbstverständlich ließe sich das auch unter Verwendung der Bezeichnung CD-Regal 17 und Hocker 5a erzählen. Macht aber entschieden weniger Spaß.

Ich habe eine Hose, die heißt wie ich. Dieses spezielle Modell. Das habe ich erst nach dem Kauf bemerkt. Ich betrachte Michèle jetzt manchmal kritisch und ziehe ihr die Beine lang.
Blumen habe ich schon in Doris gestellt und mir an Desirée die Hände abgetrocknet.
Mit Henning habe ich jemandem komplett den Kopf verdreht. Henning ist ein Schraubenzieher.

Manche Menschen behalten die offiziell vom Hersteller verwandten Namen auch später bei. Das ist bei mir nicht der Fall. Bei mir werden Sie sehr schnell wieder zu Tisch, Gurkenreibe, WC-Reiniger oder Smartphone. Ich bin in der Hinsicht ein Langweiler. Wenn ich von meinem Auto nicht als Auto spreche, dann ist das höchste der Gefühle, dass ich alternativ seine Marke nenne.
Andere besitzen einen Wagen, eine Waschmaschine oder ein Handy und fühlen sich sehr viel wohler, wenn sie diesen Teilen von sich aus einen menschlichen Namen spendieren.
Warum?
Ich vermute, dass besonders die Gegenstände davon betroffen sind, auf die wir besonders angewiesen sind, die uns dienen, an denen wir sehr hängen, die aber oft auch sehr störanfällig sind und uns durchaus gern im unpassendsten  Moment im Stich lassen. Wenn sie dies tun, glauben viele Zeitgenossen, dass eine vertrauensvolle, persönliche Beziehung sich positiv auswirkt und dass reden helfen würde.
Unser Zureden!
Ich befürchte, dabei erleichtern wir nur uns die Situation. Wir können (ab-)reagieren, es vermittelt uns den beruhigenden Eindruck, dass wir wenigstens etwas versucht hätten.
Wir flehen sie an, wir motzen, wir versuchen sachlich zu überzeugen – und manch einer glaubt felsenfest, diese weitere Personifizierung steigere die Wirkung.
Ach, Leo, nun lass mich nicht hängen … Spring endlich an!
Die Unterhaltung mit dem alten Ford Fiesta nach einer klirrenden Frostnacht.
Hilde, was ist denn? Mach nicht so komische Geräusche!
Sie hören förmlich den sorgenvollen Unterton bei diesem Gespräch mit der Waschmaschine.
Da kriegst du doch die Krätze! Paul, du Blödmann, warum löscht du jetzt den ganzen Text!
Der Wutanfall nach einem sehr eigenmächtigen Verhalten des Rechners.

Manch Hilfeschrei wurde tatsächlich schon erhört. Meiner Erfahrung nach aber unabhängig vom Namen, der gewählt wurde. Sie hätten auch den Ford Fiesta Hilde, die Waschmaschine Paul oder den Rechner Leo nennen können. Die hören doch nicht zu.
In Wirklichkeit war es das gnädige Schicksal, das noch keine größeren Schäden vorsah bzw. bei tatsächlichen Problemen schaffte das Laden der Autobatterie, das Entfernen des Geldstücks aus der Trommel und das Deaktivieren des Touchpads eher Abhilfe als ein gesäuseltes Helmut, gib doch jetzt nicht auf!

Oh …!
Einen Moment bitte!
Nein, das kann doch jetzt nicht schon wieder … Doch!

Es war nur ein kurzes Intermezzo. Wolken ziehen auf ...

Es war nur ein kurzes Intermezzo. Wolken ziehen auf …

 Ich sehe gerade, neue Wolken drängeln sich vor die Sonne. Tut mir leid, ich muss Schluss machen und vorher dringend noch einen Strahl erhaschen.
Susi ist sonst weg.

Bis zum nächsten Mal, und sehen Sie zu, dass Sie diese Lappalie von Freitag noch gut hinter sich lassen!

©Februar 2013 by Michèle Legrand

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