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In den Wehen …

Ich wollte Ihnen heute kurz von diesen leidigen Wehen erzählen. Das war seinerzeit echt unangenehm. Durchaus schmerzhaft! Mir fiel es am Sonnabend wieder ein …

Ich hatte am vergangenen Wochenende einen Intensivkurs belegt. Thematisch völlig anders geartet, ganz ohne Wehen. Er startete am Freitagabend und endete erst am späten Sonntagnachmittag.
Jeder dieser Tage begann für mich mit einer Autofahrt zum Kursort.  Am Sonnabend erreichte uns hier im Norden nun plötzlich der Winter. Ich spreche vom sichtbaren, weißen Winter. Der Schneefall setzte relativ unerwartet ein und fiel erstaunlich intensiv aus. Nicht allein während der Fahrt, die weißen Kristalle stoben tagsüber noch geraume Zeit während des Kursus wild vor dem Fenster umher.
Als ich mich am Abend auf den Rückweg machte, hatte der Flockentanz ein Ende gefunden. Mir fielen die durch Räumfahrzeuge fabrizierten kleinen Schneewälle links und rechts am Straßenrand auf. So hatte es schon einmal ausgesehen. Nur, dass die Haufen zu jener Zeit ein bisschen höher gewesen waren …

Früher (ganz früher) habe ich außerhalb, nördlich von Hamburg, in Schleswig-Holstein gelebt, fuhr allerdings jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt. Auch in jenem Winter. (Lassen wir einfach das genaue Jahr weg, es klingt sonst wirklich so, als berichtete ich bereits aus der Gruft.)
In diesem Winter gab es eine Schneekatastrophe, von der die Menschen in Schleswig-Holstein heute noch sprechen. Abgeschnittene Ortschaften, eingestellter Verkehr, Versorgungsprobleme, Stromausfall, frierende Menschen, leidende Tiere, Hubschraubereinsatz, Katastrophenalarm …  All das war damals an der Tagesordnung.
An einem erstaunlich zivil wirkenden Morgen, der Schnee auf den Straßen war in der Nacht geräumt worden, die Hauptverkehrsstraßen präsentierten sich halbwegs frei, brachte mich mein Bus durch eine verschneite Landschaft zum Zug, der wiederum seine Tour ins Zentrum von Hamburg meisterte. Der Anschlussbuss erschien, und die letzte kleine Schlitterpartie zu Fuß zum Ziel verlief ebenfalls unfallfrei.
Doch dann setzte am Vormittag neuer Schneefall ein.
Unglaubliches Schneegestöber!
Man sah die Hand vor Augen nicht!  Ich machte mich eher auf den Heimweg, weil es hieß, der Zug- und Busverkehr würde später eingestellt werden. Der erste Teil auf Stadtgebiet klappte, da ich auf die U-Bahn umsteigen konnte, die anfangs unterirdisch fährt. Sobald sie jedoch auf die freie Strecke wechselte, gab es Verzögerungen. Es folgten Zugwechsel, danach massive Verspätungen und lange Wartezeiten auf Bahnhöfen. Ich wähnte mich glücklich, als dieser Part geschafft war und obendrein mein Bus an der letzten Haltestelle stand und wartete. Er war also noch im Einsatz! Dem Himmel sei Dank!
Die Fahrt startete im Schneckentempo Richtung Norden. Schneetreiben ohne Ende. Die gut ausgebauten Straßen und dichter bebauten Gebiete endeten. Irgendwann verläuft die Strecke dieser Buslinie (das ist auch heute noch so) entlang einer Landstraße, zu deren Rechten und Linken sich nur Felder befinden. Kurz bevor der Fahrer auf diese Straße abbiegen musste, stoppte er seinen Bus und hielt Rücksprache mit der Zentrale. Das Resultat: die sofortige Einstellung des Busverkehrs auf dieser Strecke. Neuschnee, Glätte und eine durch Schneeverwehungen verengte Fahrbahn, hatten die Verantwortlichen zu dem Schluss kommen lassen, dass das Risiko steckenzubleiben zu groß wäre. Sämtliche Fahrgäste mussten den Bus verlassen. Taxis gab es keine.
Was tun?
Stehenbleiben war keine ratsame Lösung. Mein restlicher Heimweg betrug noch ca. 3,5 km. Mit vier anderen Personen, die in die gleiche Richtung wollten, machte ich mich auf, die Strecke zu Fuß auf der verlassenen Straße zurückzulegen. Hier fuhr gar nichts mehr. Warme Kleidung trug ich durchaus, nur war Mademoiselle Legrand damals noch relativ uneinsichtig, was wirklich adäquates Schuhwerk anging. Sie trug sommers wie winters höhere Absätze. An diesem Tag befanden sich diese an weinroten Stiefeletten.
Versuchen Sie sich am besten vorzustellen, dass jemand, der höhere Absätze gewohnt ist, absolut nichts dabei findet, damit auch durch Schnee zu stapfen und dass dieser jemand es auch unbeschadet hinbekommt.
Unter normalen Umständen …

Der Marsch begann beinahe lustig. Es wurde herumgealbert. Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.
Was bleibt einem denn sonst auch übrig in einer solchen Situation!
Nach einem knappen Kilometer gelangten wir dorthin, wo nirgends mehr Bäume wuchsen, die so gnädig waren, den Wind zu bremsen. Der Schneefall hatte wieder zugenommen und heftige, eisige Windböen trieben dichte Flocken, jedoch ebenfalls stecknadelspitze, harte Eiskristalle quer über die freien Felder auf die Straße zu. Die Augen tränten, die Kälte biss im Gesicht, die Tropfen an der Nase froren sofort ein. Sicht war kaum vorhanden, doch die Straße verlief glücklicherweise schnurgerade. Sobald rundherum alles weiß ist, ist allerdings auch dieses Wissen nur eine theoretische, höchst unzuverlässige Hilfe. Man verliert die Orientierung. Es waren letztendlich eher die an den schneereichen Vortagen beim Räumen bereits beidseitig aufgeschütteten Wälle, die recht sicher anzeigten, wo es langging.
Die Gruppe driftete auseinander. Das Tempo jedes Einzelnen war zu unterschiedlich. Vielleicht waren wir real gar nicht weit voneinander entfernt, doch wir sahen uns nicht mehr.
Der Wind war nicht nur stark und kalt, er war auch laut. Selbst Schneefall und Schneedecke am Boden konnten das Brausen und Pfeifen nicht merklich dämpfen. Ich hörte daher das Motorengeräusch erst, als es fast vor mir war. Ein plötzliches tiefes Brummen, und im nächsten Augenblick zuckte ein gelbes Warnblinklicht inmitten der Flockenwand.
Ein großer Schneepflug tauchte wie aus dem Nichts vor mir auf!
Mir war klar, dass der Fahrer mich garantiert nicht sehen würde. Also sprang ich hektisch nach links in die Schneewehen, krabbelte in ihnen aufwärts und versuchte, mich dadurch gleichzeitig noch weiter von der Fahrbahn zu entfernen. Es glückte  – ich bekam lediglich unvermittelt eine ziemliche Ladung Schnee ab, die der Pflug zur Seite ausblies.
Das Ungetüm fuhr weiter, Stille kehrte ein. Langsam traute ich mich wieder aus dem Schnee heraus. Als ich auf die Straße sprang, bemerkte ich zu spät, dass der Absatz des einen Schuhs die vorangegangene Aktion nicht überstanden hatte und abgebrochen war. Ich knickte bei der Landung auf der Fahrbahn ziemlich unsanft um …

Heute weiß ich gar nicht mehr so genau, wie ich den Rest der Strecke geschafft habe, aber in dem Moment beißt man sehr fest die Zähne zusammen, hält durch und humpelt heim. Es gibt keine Alternative …
Schnee habe ich danach irgendwie sehr lange nicht gemocht.
Und sonst?
Seit dieser Zeit trage ich im Winter etwas besser geeignete Schuhe. Madame ist schließlich lernfähig.

Sie allerdings, liebe Leser, Sie wissen nun, warum „in den Wehen sein“ schmerzhaft ausfallen kann …
Ganz ohne Schwangerschaft.
Schnee-Engel

©by Michèle Legrand, Januar 2015
Im Schnee - M. Legrand

 

 

 

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Pferdestory ohne Pferd …

Gaulloses Wiehern und huffreies Galoppieren. Gibt es tatsächlich! Beweise habe ich mittlerweile.
So kommt es heute zur Pferdestory ohne Pferd.
Sie werden stattdessen Ersatzhengst und Stutendouble kennenlernen.

Wissen Sie, was ich unpraktisch finde?
Dass der Mensch manchmal zu perplex ist, um schlagfertig zu reagieren. Allerdings – vielleicht ist man auch nur zu abgeklärt, zu vorsichtig, ein Schisser … was auch immer, um sich auf einen (sinnlosen) verbalen Schlagabtausch einzulassen. Einen, der dann womöglich nicht einmal verbal bleibt sondern ausartet und womöglich handgreiflich wird!

Pferdestory ohne Pferd ... Ausspanntee!Ich setzte mich vorgestern unterwegs an einen Tisch, um meinen Ausspanntee (im Sinne von „Getränk um sich zu erholen“, kein sonderbarer Wundertrank um „jemandem jemanden auszuspannen“) zu genießen und bemerkte leider zu spät, dass zwei Tische weiter ein lautes, anstrengendes Frauentrio hockte. Ich sage Frauen, weil der Begriff Damen irreführend wäre.
Als ich eintraf, waren alle mit dem Handy beschäftigt und zufällig leise, doch kaum hatte ich bestellt, ging ein wahnsinniges Palaver los. Mein Rasenmäher ist leiser. Und klingt zudem intelligenter.
Ein Wesen hatte ein besonders durchdringendes, dominantes Organ, dabei gleichzeitig eine dermaßen nöhlige, unzufriedene Stimme, dass es einer Vergewaltigung der Ohren gleichkam und sich meine Nackenhaare unverzüglich aufrichteten.
Die Bestellung konnte ich nicht mehr rückgängig machen, doch ein Blick Richtung besagtem Tisch und das Entdecken fast leerer Tassen und Gläser, ließ mich hoffen, dass der Lärmtrupp bald – und zwar vor mir! – ging.
Mein stiller Wunsch erfüllte sich; einige Minuten darauf rüstete man sich zum Aufbruch. Beim Aufstehen wurde erneut das Handy gezuckt. Ein Smartphone hat für viele Erwachsene häufig eine ganz ähnliche Wirkung wie die Gabe eines Schnullers bei manchem Baby. Es kehrte himmlische Ruhe ein.
Machen Sie dann nicht den Fehler, den ich gemacht habe!
Ich habe definitiv zu früh entspannt, innerlich abgeschaltet, geträumt.
Sie mussten an meinem Tisch vorbei, um zum Ausgang zu gelangen. Irgendetwas auf dem Display der Dezibel liebenden großen Brünetten muss der Auslöser für einen – wie ich vermute – Heiterkeitsanfall gewesen sein. Oder für Entrüstung. Es war nicht eindeutig zu identifizieren.  Als sie an mir vorbeikam, explodierte sie.
Es ruderten ihre Gliedmaßen. Ihre Hand erschien plötzlich neben meinem Gesicht. Ihr Knie rumste an die Tischkante.
Aber vor allem war da der Lärm!
Ein Krach sondergleichen! Der Lautstärkeregler stand bis zum Anschlag! Ich spreche von ihrem, nicht von dem des Handys.
Kennen Sie diese Filme, in denen nächtens irgendwo auf einer Ranch ein böser, rachsüchtiger Pyromane Feuer im Stall legt und die Pferde unruhig werden? Wenn sie scharren, sich gegen die Wände ihrer Boxen schmeißen, sich aufbäumen und laut und schrill „Geräusche“ von sich geben?
Vielleicht hatte sie auf ihrem Handy Feueralarm vorgefunden. Ich hatte jedenfalls aus heiterem Himmel ein wildes, unkontrolliert wieherndes und schnaubendes Pferd am Tisch und mich darüber dermaßen erschrocken, dass mir der Teelöffel aus der Hand fiel.
Das eben noch wiehernde Wesen stutzte kurz, schaute mich leicht genervt an und äußerte sich folgendermaßen:
„Mein Gott, nun seien Sie doch nicht so schreckhaft!“
Ja, gell? Sie sind auch geringfügig überrascht? Hatten Sie angenommen, es wäre ihr vielleicht unangenehm?
Nicht doch! Die Umwelt ist das Weichei!
Ja, ich war perplex. Und nein, ich würde auch jetzt noch nichts erwidern. Es ist mir einfach zu blöd. Doch echte Pferde sind mir schon wesentlich lieber als dieses Stutendouble.

Das zweite Erlebnis hatte ich heute am Morgen, als ich mich im oberen Stockwerk im Bad vor dem Spiegel zurechtmachte, das Fenster eingeklappt hatte und sich mit einem Mal schnelle Schritte und schweres Prusten näherten.
Hier ist eine Sackgasse mit Wendeplatz. Die Sackgasse ist wirklich eine! Nicht nur für Autos. Auch Radfahrer und Fußgänger kommen nicht weiter. Am Ende des Wendeplatzes ist Schluss. Außerdem befindet sich in direkter Nähe ein Bahnübergang, dessen Schranken gern und lange geschlossen sind. Ist dies der Fall, schneien viele der nicht ortskundigen Wartenden hier trotz des Sackgassenschilds herein. In der Hoffnung, einen Alternativweg gefunden zu haben, der irgendwann auf eine der Parallelstraßen führt.
Eine vergebliche Hoffnung.
Das morgendliche Schnauben produzierten zwei Jogger. Die Schritte, die ich anfangs etwas entfernter gehört hatte, erklangen mittlerweile direkt unterhalb des Fensters. Füße traten auf der Stelle … Sie suchten vermutlich mit ihren Blicken den nicht vorhandenen zweiten Ausweg. Einer der beiden Läufer stellte ernüchtert fest:
„Du, isch gloob, wir beede ham uns hier rischdisch fergalobbierd.“
Voilà, der Ersatzhengst, das Fastpferd Nummer zwei!
Ein Jogger sächsischen Ursprungs, dem klar wurde, dass die Rennstrecke hier leider nicht fortführt.
„Komm, loofn könn’n wir ooch hier uffm Platz!“
Galopprennbahnen führen schließlich auch immer nur im Kreis bzw. Oval.
„Ja, nicht stoppen“, meinte sein Trainingspartner.
„Nu, mein Gudster, sisch imma beweschn is wirglisch am wischdigsdn!“, bekräftigte die erste Stimme.
Und während ich mich weiter zurechtmachte, drehten die beiden unermüdlich eine Runde nach der anderen. Zwischendurch kam ein Zug … und dann noch einer … und ein weiterer. Und wenn sie nicht gestorben sind …
Hoppala! Bewegung an der Schranke!
Man konnte den Galopp doch noch vor dem Abendmahl fortsetzen.

Wir fassen zusammen:

Läuft ein Hengst die falsche Route,
bewegt sich wie im Hamsterrad,
ist dem Gaul nicht wohl zumute,
doch bessres hat er nicht parat.

Hat eine Stute Geltungsdrang
und nervt durch Lärm erheblich
dann tut sie es wie unter Zwang,
was sagen ist vergeblich.

Und letztendlich:

Dreht eine Story sich ums Pferd
nur wird’s dir vorenthalten,
so hat Ersatz auch seinen Wert
drum lass doch Milde walten.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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„Wissen Sie, ich bin ja ständig auf Achse …“ – Bahnfahrterkenntnisse (1)

Und? Hatten Sie schöne Weihnachtsfeiertage? Ich hoffe, es geht Ihnen gut und Sie haben Lust, sich in diesem Jahr noch einmal mit mir zusammenzusetzen. Unsere letzte Chance in 2013!

Ich komme hier zu nichts Vernünftigem, sprich es hapert grad zeitlich an der Ausarbeitung von inhaltlich anspruchsvollem und hochwertigem Stoff.
Nur hält mich das vom Bloggen ab?
Nein, denn ich denke, wir können uns zum Jahreswechsel ebenso gut entspannt unterhalten, und ich verrate Ihnen dabei ein wenig über meine neugewonnenen Bahnfahrterkenntnisse. Denken Sie nicht, es wird ein Deutsche-Bahn-Lamentiereintrag! Das wäre ein verdammt alter Hut, und nach der Paketstory (s. letzter Blogbeitrag) habe ich auch kein Verlangen nach weiteren Dramen und engstirnigen Servicebetrachtungen.
Ach, übrigens – ich habe gestern, am 30.12.2013, das drei Wochen vorher vom Absender aufgegebene und verschollene Paket nach zahlreichen weiteren Geduldsproben und einigen recht verblüffenden und sich vor allem komplett widersprechenden (Fehl-)Informationen erhalten!
Hurra!
Zu spät als Weihnachtsgeschenk, doch selbstverständlich auch jetzt noch willkommen. Ich pinsele nun einen dicken, fetten Schlusspunkt hinter dieses leidige Thema.

Widmen wir uns stattdessen der Bahn bzw. den Bahnfahrten. Wie in jedem Jahr, war ich am zweiten Weihnachtsfeiertag unterwegs gen Süden, um mit dem im Raum Karlsruhe ansässigen Teil der Familie zu feiern.
Nicht nur Weihnachten! Obendrein stand ein 90. Geburtstag an!
(PS: Vergessen Sie heute nicht das Dinner for One und den 90. Geburtstag von Miss Sophie!)

Mit dem ICE ab Hamburg Hauptbahnhof über die alten Elbbrücken gen Süden ...

Ein Blick aus dem Fenster: Mit dem ICE ab Hamburg Hauptbahnhof über die alten Elbbrücken gen Süden …

Mögen Sie Zug fahren? Ich schon. Wenn Sie die letzten Jahre hier Blog gelesen haben, erinnern Sie sich vielleicht an „Marvin und die Big Five“ oder andere Geschichten. Im Zug erlebt man häufig hochinteressante Dinge, erfährt Neuigkeiten,  lernt unnütze und nützliche Sachen sowie neue Menschen kennen. Nicht so eng kennen, dass Sie Adressen austauschen und sich irgendwann wiedersehen – nein, aber Sie verbringen einige Stunden mit bestimmten Menschen dicht neben sich.
Gut, manchmal ist es so, als säßen Sie neben einem Stein. Einem verdrießlichen Stein. Starten Sie immer einen kleinen Versuch, ihn relativ unauffällig und zurückhaltend aufzumuntern und zu erweichen. Bleibt es erfolglos, war’s das. In dem Fall passt halt absolut nichts zusammen. Nehmen Sie Ihr Buch. Damit sind Sie dann definitiv besser bedient.
Wenn Sie es hingegen schaffen, den Stein von verdrießlich auf neutral bis halb lächelnd umzupolen, haben Sie schon viel erreicht (auch für Ihr weiteres Wohlergehen). Ein nunmehr freundlicher, wenn auch weiterhin absolute Ruhe liebender, etwas eigenbrödlerischer Stein, muffelt aber wenigstens nicht mehr herum.

Bereits kurz hinter Hamburg geht es los: Nebel! Er hat aber auch seinen ganz eigenen Charme ...

Bereits kurz hinter Hamburg geht es los: Keine komplett verschleierten Scheiben sondern Nebel! Er hat allerdings seinen ganz eigenen Charme … Vor Uelzen stehen zwei weiße, große Silos von „Nordzucker“ direkt am Gleis. Sie tauchen wie von Geisterhand gemalt ganz plötzlich riesig unmittelbar vor einem aus dem Nebel auf!

Doch sehr häufig ergeben sich nette Stunden, in denen Sie sich zwischendurch nett und angeregt unterhalten oder kleine Szenen mitbekommen und sich – mir passiert das gar nicht so selten – köstlich amüsieren. Wenn Sie wesensähnliche Personen um sich herum haben, die für Freundlichkeit empfänglich sind bzw. sie selbst verbreiten und Humor zu schätzen wissen, dann bedauern Sie fast, wenn Sie an „Ihrem“ Zielbahnhof angekommen sind und aussteigen müssen. Auf der Rückfahrt hatte ich im ICE sehr großes Glück, davon erzähle ich allerdings etwas später im (über-)nächsten Blogpost. Heute geht es um die Hinfahrt.
Neben mir im Gang an einem Tisch – und sich gegenübersitzend – befanden sich ältere Herrschaften. Zwei Ehepaare, deren Alter ich auf Mitte bis Ende siebzig schätze. Die beiden Damen kamen bald ins Gespräch. Sie starteten mit dem Thema Jacke aufhängen, schwenkten um zum jeweiligen Fahrtziel, kurz danach ging es um die Herkunft. Von dort war es nicht mehr weit bis zum Anlass der Reise, und da beide ihre erwachsenen Kinder mit deren Familien besuchen wollten, verlief der Fortgang des Gesprächs so:
„Sie fahren auch zu Ihren Kindern?“
„Ja, oder besser gesagt zu unserem Sohn, einem unserer Kinder.“
„Dann haben Sie mehrere? Ich auch!“
„Sie auch? Wie viele haben Sie denn? Sind es Jungs? Oder auch Mädchen?“
„Nun, wir haben ja beides. Töchter und Söhne.“
Sie beginnt die Namen der Kinder zu nennen. Ich komme auf die Zahl fünf. Die andere Dame hat ebenfalls dieses Ergebnis errechnet und spricht eifrig:
„Sie haben fünf Kinder? Wir haben sechs!“
Es klingt ein ganz kleines bisschen triumphierend. Ha, wir haben ein Kind mehr!
Eine stolze Zahl ist es bei beiden auf jeden Fall. Alsdann nennt die „mit einem mehr“ alle Namen ihrer Sprösslinge und ergänzt:
„Im Moment komme ich grad aus Kiel von meiner Tochter Regine, und wir müssen jetzt weiter zu unserem Sohn Jörg nach Wetzlar.“
Die Dame gegenüber war bei Michael und hat die Absicht, auf dem Heimweg noch einen Zwischenhalt bei Uwe einzulegen. Es stellt sich heraus, dass bei beiden der Nachwuchs völlig wild verteilt im gesamten Bundesgebiet lebt. Die Mutter von Regine und Jörg stammt zudem ursprünglich aus dem Süden. Sie hat es nur irgendwann durch Heirat nach Bremen verschlagen. Folglich ist zusätzlich Ihre eigene Familie großteils im süddeutschen Raum ansässig.
Da haben sich welche gesucht und gefunden! Gleiches Schicksal verbindet. Man fühlt sich verstanden, und irgendwann stöhnt Uwes Mama vertraulich:
„Wissen Sie, im Grunde ist es Stress! Ich bin ja ständig auf Achse!  Seit zwanzig Jahren geht das schon so!“
„Bei mir auch! Immer unterwegs.  Also, wir haben ja inzwischen wenigstens eine Bahncard!“
Die hat das andere Ehepaar selbstverständlich auch, was aber die Anstrengung der Reiserei nicht minimiert.
„Sollen ich Ihnen was sagen? Ich glaube, das war jetzt das letzte Weihnachtsfest, an dem ich das mache. Mir wird das zu viel!“
„Ja, stimmt, es ist anstrengend. Und das zieht ja auch immer so auf den Bahnhöfen!“
„Genau, und außerdem muss man immer so schleppen! Erst die schweren Tüten mit den Geschenken hin und dann die eigenen Geschenke wieder mit zurück.“
„Also wir kriegen das Gepäck ja gar nicht mehr hoch auf die Ablage.“
„Nein, wir auch  nicht. Ist das nicht auch blöd gemacht? Und viel zu wenig Platz!“
Allein bei dem Gedanken an die Gepäckverstausituation und -aktion werden beide kurzatmig.
„Und ständig ändern sich die Fahrpläne! Ich kann jetzt auch gar nicht mehr in Offenburg umsteigen! Also generell, meine ich. Nicht wegen Jörg. Überhaupt.“
Ein Seufzen aus beider Munde. Synchronseufzen, gefolgt von einer kurzen Pause des Nachdenkens.
„Und wissen Sie, was ich auch hasse?“
„Nein, was denn?“
„Wenn man sich endlich an eine Route gewöhnt hat und alles kennt – dann ziehen die Kinder um!“

Ich konnte es so gut verstehen, sie hatten mein vollstes Mitgefühl, dennoch entbehrte es nicht einer gewissen Komik.
Die Gespräche gingen in diesem Stil weiter, und ich glaube, es hat beide Seiten enorm erleichtert. Die Männer hielten sich aus der Unterhaltung heraus, brummelten nur bei Aufforderung pflichtgemäß. Sie wurden untereinander erst etwas warm, als es um technisches Gedöns ging. Der Fotoapparat des einen wurde schließlich kurz vor Ende der Reise ihr Aufhänger.
Intensiv im Gespräch, versäumte es das eine Ehepaar beinahe, die Ankunft in Frankfurt wahrzunehmen und auszusteigen. Das Ankleiden musste auf einmal sehr hurtig vonstatten gehen.

Frankfurt Hauptbahnhof in Sicht ...

Frankfurt Hauptbahnhof in Sicht … mit Spiegelungen

„Oh, das wäre jetzt aber was geworden!“, sagt die Weiterfahrende aufgeregt.
„Ach was“, winkt die Bremerin ab,  „dann wären wir eben in Mannheim raus. Dort wohnt mein Bruder.“
„Sie haben noch Geschwister?“ Die Augen der anderen Dame beginnen zu leuchten.
„Ja, vier“, gibt die Bremerin Auskunft.
„Ich auch!“, ertönt es begeistert.
Die letzten zwei Minuten widmete man den Geschwistern. Eine Präsentation der Brüder und Schwestern im Schnelldurchlauf …

Danach wurde es merklich ruhiger, und gut eine Stunde später war auch für mich die Reise zu Ende. Ankunft in Karlsruhe, Hauptbahnhof.

Karlsruhe Hauptbahnhof - Teilansicht der Skulptur "Zugabteil" (Gudrun Schreiner, 1984)

Karlsruhe Hauptbahnhof – Teilansicht der Skulptur „Zugabteil“ (Gudrun Schreiner, 1984)

Liebe Bloggäste, schauen Sie doch in den nächsten Tagen wieder herein! Auf der Rückreise geht es u. a. um Glitzerziegen, im Schoß landende Wesen auf kurvenreichen Umgehungsstrecken sowie meinen Schweizer Sitznachbarn thailändischer Abstammung. Und zwischendurch zeige ich Ihnen nahe Karlsruhe – in Rheinstetten – ein Schulzentrum, in dem man recht öde Betonstützsäulen enorm interessant verschönert hat.
Vielleicht habe ich noch mehr …

Kommen Sie nun erst einmal gut ins Neue Jahr und bleiben Sie gesund und munter!
Wir lesen uns wieder, wenn Sie mögen.

©Dezember 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Orchestrale Blätterfallsucht

Die Zeit fliegt. Einerseits gefällt sie mir, diese Tatsache. Auf diese Art und Weise gehört der triste November bald der Vergangenheit an. Andererseits möchte ich sie stoppen, da mir arbeitsmäßig und erledigungstechnisch gerade Stunden fehlen.
Mein Gefühl verkündet mir obendrein, der Blog käme zu kurz. Gut eine Woche ist es schon wieder her, dass hier der Kronleuchter herunterrauschte. Hier im Blog, nicht bei mir zu Hause.
Ich habe festgestellt, Bloggen entspannt. Komme ich nicht dazu, fehlt es mir, und ich hege die starke Vermutung, dass mir nicht etwa die Veröffentlichung der Beiträge das größte Behagen bereitet, sondern vielmehr die Entspannung, die sich beim Ersinnen und Schreiben einstellt.

Seit dem letzten Blogpost habe ich viel am Laptop gesessen. Auch schreibend, jedoch arbeitend schreibend. Recherchierend.
Dabei fällt hin und wieder der Blick aus dem Fenster in den Garten. Bewusst die Augen entspannen. Es heißt immer, man soll das Zwinkern vor dem Bildschirm nicht vergessen.
Was nicht bedeutet, dass Sie mit ihrem PC herumschäkern sollen!
Sie sollen lediglich daran denken zu blinzeln, denn der Lidschlag verteilt den Tränenfilm und befeuchtet die Hornhautoberfläche. Eigentlich geschieht dies ca. zehn bis fünfzehn Mal pro Minute, vor dem Monitor hingegen verringert es sich häufig auf nur noch ein oder zwei Mal. Was daraufhin entsteht, sind trockene, schmerzende Augen. Um so etwas zu vermeiden, ist das Hinausschauen und Ausruhen der Augen für mich inzwischen zu einem Automatismus geworden.

November-Kletterhortensie (Hydrangea petiolaris) - wenige Tage vor dem Frost ...

November-Kletterhortensie (Hydrangea petiolaris) – wenige Tage vor dem Frost …

November-Iris (Samenstand der Iris sibirica)

November-Iris (Samenstand der Iris sibirica)

Sie haben es bei sich bestimmt auch wahrgenommen: Im Garten holt es langsam aber sicher die letzten Blätter von den Bäumen und Sträuchern und – sagen wir es ganz deutlich – es ist gerade Gammelphase!
In der letzten Woche gingen die Temperaturen nach unten, leichter Nachtfrost gehörte auf einmal zum Programm. Was den einen Tag noch anziehend, freundlich, farbenfroh und lebendig wirkte, war anderentags kaum mehr wiederzuerkennen.  Die Kälte hatte unerbittlich zugeschlagen. Zur Blätterfallsucht kamen das Verfrieren, Umknicken und Absterben der überirdischen Triebe, das Matschwerden und das Krumpeln von kurz zuvor noch knackigen Beeren und Früchten.

Die Bauernhortensie ein paar Tage vor dem Frost - Interessante Blattfärbung

Die Bauernhortensie ein paar Tage vor dem Frost / Interessante Blattfärbung –  ein wenig, wie in rote Tinte getunkt.

November-Bauernhortensie (Hydrangea macrophylla) nach dem ersten Frost ...

November-Bauernhortensie (Hydrangea macrophylla) nach dem ersten Frost …

Es ist jedes Jahr wieder verblüffend, die enorme Auswirkung von einer nur zwei oder drei Grad geringeren Temperatur zu beobachten. Wenn es denn gerade an dieser Schwelle zur Frostbildung ist …

November-Farn - vor dem Frost ...

November-Farn – vor dem Frost …

November-Farn ... kurz danach.

November-Farn … kurz danach.

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) - vor dem Frost

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) – vor dem Frost

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) ... durch die Kälte "verkrumpelte" Beeren

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) … durch die Kälte „verkrumpelte“ Beeren

November-Brombeere ... (Rubus)

November-Brombeere (Rubus) …

In einer der Augenschonpausen habe ich mitgezählt. Sieben, acht … Acht Sekunden hat es gedauert! Achten Sie einmal drauf: das ist lang! Als Blattfallzeit, meine ich.

November-Hahnenfuß (Ranunculus repens)  nach Frostnacht ...

November-Hahnenfuß (Ranunculus repens) nach Frostnacht … und Haselnussblätter!

Ein Blatt des Haselnussstrauchs hatte sich weit oben gelöst und fiel gemächlich zu Boden. Der große gelbbraune Lappen schwebte zwischendurch wie eine kleine Schaukel, tänzelte, als könne er sich nicht dazu durchringen, auf dem kalten Boden zu landen.
Und während das Blatt noch in der Luft verharrt hatte, war ein Windstoß gekommen, hatte es erwischt und an ihm herumgezerrt. Den langen, dünnen Reisigzweigen der Birke war es ebenso ergangen. Sie wurden gepackt, durchgewirbelt und die Blätter sind in Massen gestoben. Ich finde das Wort gestoben übrigens schön! Google fragt allerdings immer ganz dröge, ob ich gestorben meine …

Was ich Ihnen in dem Zusammenhang jedoch eigentlich erzählen wollte, ist etwas anderes. Manchmal höre ich Blätter fallen. Es sind beileibe keine besonderen Blätter, die mit Ratazong auf die Erde rumsen! Sie sind nicht hart, und es geht nicht um den Aufprall!
Ich höre sie in der Luft …
Sie machen Musik, denn ich sehe Instrumente in ihnen. Schwere große Blätter werden zu Instrumenten mit mächtigen, wuchtigen und oftmals tiefen Tönen. Das Haselnussblatt hört sich dann an wie eine Pauke. Andere derartige Blätter klingen nach Kontrabass und Tuba. Die kleineren Blätter hingegen sind – größenabhängig – Violinen, Hörner, Trompeten, Flöten, Klarinetten bis hin zu Piccolo-Flöten und Glockenspielen! Wenn viele Blätter eines Baumes zusammen herunterrieseln, klingt es, als würde irgendwo sanft eine Harfe angeschlagen oder als ob  in Windeseile Pianistenfinger über die schwarzen und weißen Tasten eines Flügels glitten. Ein Miniblättchen, wie das der Berberitze, löst einen Triangelschlag aus.

November-Blauregen (Wisteria, Glyzinie) ... bei Sonnenschein

November-Blauregen (Wisteria, Glyzinie) bei Sonnenschein. Die Blättern rieseln ganz leicht …

Wenn Sie sich im Herbst beim Anblick des fallenden Laubs einer solchen Vorstellung hingeben, dann vernehmen Sie plötzlich tolle Konzerte! Bei Windböen ist es so, als gäbe es keinen Dirigenten. Alles spielt wild durcheinander. Die Lautstärken sind unterschiedlich. Sagen wir diplomatisch, es seien moderne Stücke – oder Sie hören die allererste Probe eines Werks.
Doch sobald bei Kälte das Blätterrieseln einsetzt, diese schlichte, gleichmäßige Blätterfallsucht,  ist der Mann mit dem Taktstock zur Stelle, und sein Orchester beginnt mit dem Konzert.
Oh, ein neues Haselnussblatt!
BONNNGGG!
Das war der Paukenschlag.
Orchestrale Blätterfallsucht
Auch wenn es sich fast nach einer Krankheit anhört, ich liebe sie.

©November 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Das Phantom der Oper kehrt zurück – Rückblick: Als damals leichte Panik ausbrach …

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comEs kehrt zurück. Das Phantom der Oper. Haben Sie auch automatisch den Klang der Musik im Ohr?
Mittlerweile sind 12 Jahre vergangen, seit es in Hamburg das letzte Mal aufgeführt wurde. Von 1990 bis 2001 spielte ein leicht wechselndes Ensemble vor insgesamt mehr als acht Millionen Besuchern. Nun hat es erneut den Weg in die Hansestadt und sogar an den gleichen Ort, nämlich die Neue Flora in der Stresemannstraße, gefunden. Ab Ende November 2013 lässt sich wieder den Kompositionen von Andrew Lloyd Webber lauschen und das Publikum darf erneut mit und um Christine bangen, die vom verunstalteten Phantom mit der weißen Halbgesichtsmaske in die unterirdischen Gewölbe der Pariser Oper entführt wird.

Bangen ist das Stichwort. Ich wollte Ihnen heute von einer Begebenheit erzählen, die etwas zurückliegt, sich nämlich während der ersten Phase der Musicalzeit in Hamburg ereignete.
Damals hatte eine Hamburger Firma Besuch aus Argentinien. Hohen militärischen Besuch. Generäle, die ebenfalls einige Ehegattinnen mitbrachten und daher bat man mich dazu. Ich sollte die Damen ein wenig unter die Fittiche nehmen, bei Sprachschwierigkeiten helfen, bei abendlichen Anlässen den Männerüberschuss ausgleichen – was auch immer.
An einem der Aufenthaltstage plante man als Abendprogramm einen Besuch beim Phantom der Oper. Dafür, dass ich abends mitkam, hatte ich freien Eintritt, Transport und freie Verköstigung. Musikveranstaltungen sind immer etwas, was auch von Menschen, die kein Deutsch sprechen, einigermaßen mitverfolgt werden kann. Allerdings hatte das Musical vor 27 Jahren überhaupt erst seine Premiere (Oktober 1986 in London), d. h. zu der Zeit, als es nach Hamburg kam, war die Geschichte – trotz des schon lange davor existierenden Romans – immer noch relativ frisch und die Handlung nicht jedem bis ins kleinste Detail bekannt.

Bei militärischen Gästen und manchmal auch damit verbundenen umstrittenen Geschäften, ist die Sicherheit stets ein groß geschriebenes Thema. Vorher (vor dem Eintreffen, vor Veranstaltungen etc.) sickert kaum etwas durch, damit es keine Demonstrationen gibt, während des Aufenthalts wird der Besuch abgeschirmt.
Wie handhabte man es damals an dem Abend des Besuchs in der Neuen Flora?
Die Teilnehmer, die alle im gleichen Hotel untergebracht waren, wurden in einem gecharterten Bus abgeholt. Die Vertreter der Hamburger Firma stiegen dort zu, so wie auch ich selbst. Nichts sollte die Anfahrt der Gäste zum Theater behindern, also wurden Vorkehrungen getroffen, um ein flüssiges Vorwärtskommen zu ermöglichen. Ein Feldjäger mit Blaulicht fuhr vorweg, räumte die Spur, ein Streifenwagen begleitete, ein Sicherheitsposten folgte dem Bus, bis dieser direkt vor der großen Treppe der Neuen Flora hielt. Halten durfte! Die Gäste strömten eiligst hinein, und von da an kümmerte man sich in Bezug auf Sicherheit vorerst um nichts mehr. Dort galt Entwarnung. Was sollte schon passieren? Es kannte ja keiner die Leute, und sie trugen keine ordenbehängten Uniformen, wie es noch am Tag der Fall gewesen war. Manche der ausländischen Gäste fanden den Wegfall der Bodyguards etwas besorgniserregend, denn nach dem Aufwand zuvor, kamen sie sich nun unterbehütet vor. Es brauchte einiges an Zuspruch und die eigene Erkenntnis, dass sie absolut keiner beachtete, bis Ruhe einkehrte.

Die Vorführung begann. Der Handlung in deutscher Sprache zu folgen, war für Argentinier doch schwieriger als gedacht und bald startete eine Art Dauerwisperei. Was sollte man tun? Ich gab kurze, stichwortartige Erklärungen in Spanisch an die Nebenfrau rechts, die sagte es weiter, und so setzte es sich fort. Stille Post. Kein Wunder, dass der letzte in der Sitzreihe manchmal verdutzt schaute. Ich weiß nicht, was dort ankam.

In dem Stück hat das verunstaltete Phantom der Oper, eigentlich ein richtig Schlimmer, an Christine Gefallen gefunden. Es bzw. er ist eindeutig hinter ihr her und möchte selbstverständlich auch ihre Karriere als Opernsängerin fördern. Mit seiner Hilfe soll sie quasi an der Primadonna Carlotta vorbeiwutschen und deren Position einnehmen. Verständlich, dass Carlotta ein Aufstieg der aufstrebenden Nachwuchskünstlerin ein Dorn im Auge ist. Sie sträubt sich vehement, doch während einer Vorstellung von Bizets Oper „Die Perlenfischer“ mit ihr als erster Sängerin, rauscht der große Kronleuchter, der über dem Publikum im Theatersaal angebracht ist, plötzlich hinab. Praktisch für das Phantom, denn in dem Tohuwabohu danach, kann er Christine unbemerkt in die Katakomben der Oper entführen.

Damals wusste jeder in Hamburg aus Zeitungsberichten und Erzählungen, dass die Techniker des Theaters beim Aufbau eine Meisterleistung hinbekommen hatten. Jener große Kandelaber im Saal, der über den Sitzreihen der Theaterbesucher hing, war tatsächlich so präpariert, dass er in dem bewussten Moment an einem Stahlseil ziemlich rasant nach unten Richtung Bühne glitt. Untermalt von dramatischen Geräuschen!

Wir alle hatten fatalerweise vergessen, diese Tatsache vor den ausländischen Gästen vorab zu erwähnen. Die Folgen können Sie sich sicher ausmalen. Angesichts der damaligen Stimmung und des Anschlagsrisikos, das bestand, sowie der generellen Protestwelle gerade gegenüber militärischen Aufträgen aus Argentinien und weiteren Ländern, brach Panik bei den Südamerikanern aus. Schreie, aufspringende Menschen neben mir, die nur noch flüchten wollten. Nur mit Mühe drangen Worte zu ihnen durch. Erst die Tatsache, dass sonst keiner im Publikum – abgesehen von anfänglichen, ganz natürlichen Schreckensausrufen – Anzeichen von ernster Sorge zeigte und nur verwundert schaute, ließ allmählich die Panik abklingen.
Selbst das Ensemble auf der Bühne war durch den Aufruhr etwas irritiert und einen kleinen Moment abgelenkt. Die Musik hatte weitergespielt, doch der Gesang setzte verspätet ein.

Aufregend, das kann ich Ihnen sagen! Ich habe danach von der Handlung nicht mehr so viel mitbekommen, denn die Dame neben mir saß stocksteif im Polstersessel und fragte alle zwei Minuten, ob noch so etwas käme oder ob es ab jetzt inofensivo (ungefährlich) sei. Doch, doch, versicherte ich ihr, alles sei gut. Es drohe wirklich keine weitere peligro (Gefahr) mehr.
Die Anspannung wich, später beim Essen wurde sogar darüber gelacht und der Abend endete in Harmonie und Eintracht.
Ich frage mich manchmal, ob sich vielleicht gelegentlich noch einer der argentinischen Gäste an sein Kronleuchter-Abenteuer in Hamburg erinnert. ¿Te acuerdas del candelabro?

Auch diesmal wird er mit Sicherheit wieder zum Einsatz kommen – als fester Bestandteil der Handlung. Sie könnten sich das Musical anschauen und testen, ob Sie sich auch fürchterlich erschrecken. Kurzzeitig zumindest. Die Vorpremiere war heute (am 20.11.2013), die Premiere folgt am 28.11.2013. Danach gibt es regelmäßige Vorstellungen.

©November 2013 by Michèle Legrand

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Nee, du, hab‘ gleich noch ein Shooting …

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comIch habe mir für heute ein Phänomen herausgepickt, über das ich just erneut gestolpert bin.
Auf dem Heimweg überquerte ich an einem Bahnübergang zu Fuß die Gleise. Ein Stück von mir entfernt standen mitten auf der Strecke zwischen den Schienen drei Mädchen im Teenageralter. Eine der jungen Damen war mit einer schon recht professionell wirkenden Kamera ausgerüstet, die zweite hielt einen Rucksack, ein Paar Turnschuhe, eine Art Federboa und eine Bürste, die dritte im Bunde wurde abgelichtet. Posierte mit High Heels im Gleisbett, wachspuppengleich geschminkt. Dramatische Wimpern. Derart dicht mit Mascara beschwert oder durch künstliche zusätzlich ergänzt, dass ein komplettes Aufklappen der Augenlider aufgrund des überschrittenen zulässigen Wimperngesamtgewichts nicht mehr möglich war.
Es zog die Deckel schier herunter!
Folglich wirkte es, als ließe sie kontinuierlich einen überzogen trägen Schlafzimmerblick in die Ferne schweifen, einen sehnsüchtigen Blick in Richtung bisher nicht erscheinender Regionalbahnen – während der Kameraverschluss neben ihr fortwährend klickte.
Sie trug viel zu dünne Sachen angesichts der herrschenden Temperaturen.
„Wie viele Aufnahmen willst du denn noch machen? Ich friere langsam!“
Für einen Moment wich der laszive Blick, die Wimpern wurden mühevoll angehoben, die Lider krampfhaft geöffnet gehalten. Sie langte entschlossen nach der Federboa und schmiss sie sich um den Hals. Ein paar Flusen stoben auf.
„Nur noch ein paar … Dreh dich mal! … Nein, so!“
Energischer Griff an den Ellenbogen gefolgt von weiteren Anweisungen wie: Arm nach hinten, Bein einknicken, Schulter zurück, Kinn vor, die Boa langziehen etc.
Das Läuten, das ein Schließen der Bahnschranken ankündigt, ertönte.
„Scheiße, schon wieder ein Zug!“
Mitten im Shooting. Allseits genervtes Räumen der Gleise …
Ein Fototermin der besonderen Art.

Schwenk. Vor wenigen Tagen gingen zwei junge Männer vor mir in Richtung einer Rolltreppe. Recht nett anzusehen die beiden, aber nicht außergewöhnlich. Der eine erzählte seinem Kumpel, was er noch vorhatte am Nachmittag und fragte nach:
Kommscht auch?“
„Nee, du, hab‘ gleich noch ein Shooting!“
„Schuting? Kannsch mich midnäme?“
Offenbar jemand aus dem badischen Raum.
„Muss ich erst den Fotografen fragen.“
Ein Anruf per Handy klärte die Lage. Der andere durfte mit. Ein Außentermin an der Alster. Kam auf einen mehr oder weniger auch nicht an. Die Gegend ist geräumig dort …

Kennen Sie das? Ist es Ihnen auch schon aufgefallen?
Scheinbar alle Welt redet plötzlich von Shootings! Hat solche Shootings!
Und Models wachsen wie Kraut aus dem Boden!

Shooting. Ein Anglizismus! Shocking!
Er ist nicht neu, allerdings hat seine Verwendung enorm zugenommen! Sein Verbreitungsraum ist gewachsen und die Häufigkeit seines Einsatzes signifikant gestiegen. Trotz aller Vorbehalte, die gegen fremdsprachliche, sich bei uns klammheimlich einschleichende Begriffe, existieren. Trotz aller Aufschreie, der Furcht vor dem Aussterben der deutschen Sprache und dem eiskalten Hauch – quasi ihrem schon fühlbaren, herannahenden, mindestens partiellen Tod! – der bereits in den Nacken bläst.
Vorbei die Zeit, in der das Volk davon sprach, es hätte einen schnöden Termin beim Fotografen des Vertrauens.
Vorbei die Zeit, in der die Menschheit ohne großen Ehrgeiz oder Eitelkeit entspannt auf einem Stuhl Platz nahm und lediglich vorhatte, freundlich in die Kamera zu blicken (… und es ihr mit mehr oder minder großem Erfolg auch gelang).
Vorbei die Zeit, in der Menschen unterschiedlichen Alters Fotos vom Fotografen lediglich für Ausweise, Visa, Bewerbungsunterlagen und zum Erfreuen der Großeltern benötigte und sie sonst niemand genauer anschaute. Denn jene Fotos waren persönlich eher nebensächlich. Von wirklicher Bedeutung waren die Schnappschüsse von Familien- und Lebensereignissen, Bilder von gemeinsam verbrachten Veranstaltungen mit Freunden, Erinnerungsstücke.
Vorbei auch die Zeit, als Fotografen noch wirkliche Fotografen – sprich allesamt Profis – waren!
Vorbei …
Now it’s shooting time!

Ahnen Sie, wie ein Wandel generell abläuft? Überlegen Sie mal …
Ein Wandel und auch die Umbenennung einer Sache erfolgen schleichend. Ehe ein neuer Begriff wahrgenommen wird, ehe diese Vokabel im Gedächtnis als Alternative zum bisher Üblichen gespeichert, ehe sie erstmals selbst genutzt wird, braucht es Zeit. Ehe sie schließlich nicht nur zufällig bzw. einmalig etwas ersetzt, sondern letztendlich als Dauerbrenner für alles und jedes gebraucht wird – bis dahin muss der Mensch erst einmal oft genug mit ihr in Kontakt gekommen sein. Sie muss aus ihrer anfänglichen Nischenexistenz hervorkommen. Sich an- und einschleichen. Ihr Schattendasein beenden und ins Scheinwerferlicht treten. Der Begriff muss begriffen werden. Von allen Seiten betastet.
Wie fühlt er sich an, wie griffig ist er? Ist er passend und zeitgemäß, d. h. ist die Zeit reif für ihn? Was sagt er aus?  Ist er eine Universallösung, die vieles abdeckt? Langes Reden erspart? Das erhöht seine Chancen, sich durchzusetzen.
Wird eine Person oft genug mit einem Neuling dieser Art konfrontiert, kommt es nur in relativ seltenen Fällen zu einer Aversion (Das geht mir dermaßen auf den Zeiger, hör mir bloß auf damit!). Generell erwärmt sich der Mensch im Laufe der Zeit für das neue Wort. Der Einnistungserfolg. Danach kommt der Weichklopftrick. Immer wieder vorsetzen. So gesellen sich in Nullkommanichts ein Gewohnheitseffekt und die Nachplappertendenz hinzu. Das Hirn ist eingenebelt. Der Begriff wabbert herum, dockt an.
Rumms!
Shooting! Shoo-ting.  Shoo … shoo… shoo … ting! Shooootinnnngg!
Er verharrt abrufbereit in Warteposition, bekommt gefühlt Klang, wird per Zungenbewegung unbewusst vorgeformt bis … ja, bis das Wort irgendwann das erste Mal benutzt und laut ausgesprochen wird.
Eher aus Versehen! Huch!
Doch – es ist nichts passiert. Keiner hat sich beschwert. Eigentlich klingt es sogar recht international, imposant – geht dafür jedoch erstaunlich leicht und flüssig über die Lippen. Und obendrein hat die Umgebung recht interessiert reagiert! Aufgehorcht!
Zack! Passiert!

Es hat sich unwiderruflich durchgesetzt, die Hemmschwelle wurde überwunden! Die Barriere niedergerissen! Fremdeln war einmal.

Der nächste Schritt: Mittlerweile glaubt der Mensch, nur dieses neue Wort trifft tatsächlich den Kern. Und nicht nur den. Es sagt mehr, ach was, es sagt alles! Und gleichzeitig irgendwie … nichts! Erstaunlich.
Es lässt gewissen Spielraum für eigene Vorstellungen. Allein dieser Begriff hat das gewisse zusätzliche Etwas, das jenes ursprünglich verwendete Wort Foto(grafen)termin – unser Beispiel – eben nicht hat. Angeblich. Das Neue sagt – nüchtern betrachtet – nichts anderes, doch hört es sich more important an. Diesem Ausdruck haftet offenbar irgendwie etwas Glitzerndes an und das vorrangig durch seinen öffentlichen Gebrauch in Medien verschiedenster Art. Im Fernsehen! Nicht zu vergessen die Tatsache, dass es zur Sprache der von einigen sehr umschwärmten Prominenten gehört!
„Mein Shooting mit XY war grandios.“  Zahnpastalächeln. Dauerpose.
„Dass ich mit ABC shooten durfte … ! 
Alle waren so zauberhaft!“  Rührung. Glorienschein.
„Ich wollte auch noch Ä, Ü und Ö wahnsinnig danken, ihr seid ein tolles Shooting-Team!“ etc.

Fühlt man sich bei der Verwendung des Wortes Shooting nicht auch sofort als Mitglied dieser schönen bunten Scheinwelt? Ist man nicht gleich ein bisschen wichtiger, gehört einem besonderen Kreis an?
Einem Kreis der dummerweise nur sehr schnell so groß wird, dass er gar nichts Besonderes mehr ist! War dieser imaginäre Kreis, als er noch klein, fein und illuster war, im Bereich der Werbefotografie (Mode und andere Sparten) oder der Öffentlichkeitsarbeit anzutreffen, so lässt er sich heute nicht mehr begrenzen. Der Ausdruck Fotoshooting wird uneingeschränkt genutzt und ist scheinbar überall tauglich und vor allem dort beliebt, wo jemand versucht, seiner Person und seinen Aktivitäten mehr Gewicht und seinen Fotos mehr Beachtung zukommen zu lassen. Jedenfalls mehr, als bisher üblich waren.
Und warum versuchen alle, mehr Beachtung zu finden?
Weil die eine Hälfte der Welt plötzlich Model werden will oder annimmt, das Zeug dazu zu haben!
Und weil die andere Hälfte sich, sobald sie eine Kamera auch nur halten kann, für einen Starfotografen hält.
Ein Shooting in der Biografie erwähnen zu können, ist schon die halbe Miete. Ein Anfang. Je mehr, umso besser natürlich. Die Bilder sind schließlich alle für die Setcard. Stopp! Fehler! Ein gern und häufig vorkommender auf Seiten der neuen Shooting-Generation, die eben nicht mehr nur aus Profis besteht. Also bitte merken: der korrekte Ausdruck ist Sedcard, auch wenn die Fotos am Set entstehen.

2006 lief in Deutschland die erste Staffel von Germany’s next Top Model an. Der Startschuss einer neuen Entwicklung, die sich in den Jahren danach mehr und mehr breitmachte. Mode und Models als Thema und Anliegen der Allgemeinheit. Breit diskutiert. Natürlich auch die Anforderungen an das Aussehen! Stichwort Schönheitsideal!
Das Model Business ließ sich in die Karten schauen. Die Ansprüche an junge Models wurden verdeutlicht, ihre Arbeit präsentiert – und die der Fotografen! Aus dieser Ecke tauchte es vermehrt auf. Das Shooting. Das Wort wurde salonfähig. Erst im Fernsehen, dann auf der Straße. Anfangs wurde es gierig von der Generation der mitfiebernden Teenies und Twens aufgesogen, wenig später schlich es sich fast unmerklich auch in den Wortschatz der Eltern und sogar Großeltern! (Gespräch neulich am Rande des Model Contest Finales: Meine Enkelin macht das ja jetzt auch. Sie hatte so ein Shooting neulich …)

Als im Laufe der Jahre mancherorts zusätzlich die Ausrichtung von ähnlich konzipierten Wettbewerben (außerhalb des Fernsehens) startete, welche vielen ohne besondere Geldmittel, Bekanntheit, Kontakte oder Promistatus einen Zugang ermöglichten, die Herren endlich auch mit einbezog und das Internet eine Präsentationsplattform für jedermann darstellte – da war es zu spät, um etwas aufzuhalten. Es schien auf einmal irgendwie jedem möglich, seinen Traum von einer Modelkarriere zu träumen und ihn – wenigstens für eine Weile – mehr oder weniger intensiv zu verfolgen.
Die hinsichtlich des Gewichts, der Statur, der Größe, der Maße etc. gelegentlich schon skurrilen Vorgaben vieler großer Modehäuser und ihrer Designer sowie – daraus folgend – der Agenturen, können natürlich von den weitaus meisten nicht erfüllt werden, doch vielleicht muss man auch nur hartnäckig genug sein und genügend auf sich aufmerksam machen. Auffallen, herausstechen aus der Masse, sich selbst darum kümmern …Ein Shooting vorweisen! Was für eins? Ach, Shooting ist Shooting.

Mittlerweile scheinen diese Regeln zu gelten:
1) Jeder/jede, von dem/der ein Foto geknipst wird, ist ein Model.
2) Jeder/jede, der/die knipst, ist ein Fotograf.
3) Alles was Bilder macht, ist zum Fotografieren geeignet.
4) Jeder der Fotograf ist, hängt „Photography“ hinter seinen Namen, bastelt sich eine Homepage oder Facebook-Seite und postet grundsätzlich alles. Möglichst mehrfach.
5) Jedes Treffen zum Zwecke des Fotoknipsens ist ein Shooting.
6) Jedes Shooting macht einen berühmter. Zumindest bei den Freunden. Die schenken einem dann bei Facebook Likes. Wenn nicht von selbst, dann wenn man genügend bettelt.
7) Jeder/jede, der/die ein Shooting hatte, ist im Grunde schon Topmodel. Dass die großen Agenturen einen immer noch nicht auf der Liste haben, ist nur der Beweis, dass die doch keine Ahnung haben … Oder dass man Sedcard mit „t“ geschrieben hat.

Ich bin heute ziemlich böse, gell? ^^

Ehe „meine“ Talente und vor allem die Finalisten vom Nachwuchs-Modelwettbewerb QUARREE GESICHTER, die heute vielleicht mitlesen, sich ärgern, möchte ich hervorheben, dass ich nicht von ihnen spreche! Sie sind nach den fast acht Monaten Training wirklich keine stümperhaften Laien und Möchtegernmodels mehr. Viele von ihnen wurden schon von namhaften Profifotografen abgelichtet, sind bei aufwändigen Shows außerhalb des Contests gelaufen, verfügen über aussagekäftige, vielversprechende Sedcards, und einige von ihnen sind sogar inzwischen bei Agenturen unter Vertrag!
Ich spreche vielmehr von all jenen, die auf den Zug aufspringen und denen ein  angedeuteter, real aber nicht existierender Profistatus dazu verhelfen soll, erfolgreich mitzumischen. Denjenigen, die vielleicht annehmen, es braucht nicht mehr als die Kenntnis der richtigen Wortwahl, um erfolgreich in einer Branche zu bestehen. Ich sehe es kritisch, wenn mit Begriffen um sich geschmissen und mit allem irgendwie Schindluder getrieben wird.
Alles nur Show. Eine einzige große Show.
Ja?
Oder doch nicht?

Wie ist das nun mit dem Begriff Shooting?  Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, wie sein explosionsartig angestiegener Gebrauch einzuschätzen ist. Und bleibt er? Hat er Überlebenschancen?
Dabei kommt mir möglicherweise ein weiteres Erlebnis vom heutigen Tag zur Hilfe.
Zwei kleine Mädchen stehen bei Karstadt am Mützentisch. Sie sind nicht älter als acht Jahre.
„Hier, setz mal auf!“, sagt die eine und reicht ihrer Freundin eine bunte Strickkappe mit Schirm. Dann zückt sie ihr Handy und ergänzt: „Ich werde dich jetzt shooten.“

Wissen Sie was? Mir wird gerade bewusst, dass ich höchstwahrscheinlich völlig falsch lag. Es hat wohl doch nichts mit Größenwahn, Eitelkeit, Scheinwelten, übersteigertem Selbstbewusstsein, Selbstdarstellung, Wunschdenken, Träumereien oder Wichtigtuerei und Selbstbeweihräucherung zu tun!
Es gibt auch gar keinen Grund, über den Siegeszug des Begriffs Shooting überhaupt verblüfft zu sein! Shooting ist gar nicht mehr das Synonym für etwas, was in einem ganz bestimmten Bereich und unter ganz bestimmten Voraussetzungen stattzufinden hat. Vielleicht soll gar nichts vorgetäuscht werden …
Es ist nur noch ein Wort, dass den Jüngsten schon mit in die Wiege gelegt wurde. Ein Universalwort, dass sie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Sie erinnern sich noch an die Aussage, dass es 2006 die erste Staffel GNTM gab? Kinder haben das neue Wort seitdem wesentlich öfter als den alten Begriff vom Fotografieren vernommen. Und rein vom Klang her – ganz ehrlich – passt Shooting nicht wesentlich besser zu all den anderen gängigen Ausdrücken dieser Zeit wie Handy, Outfit, Fashion, Download, Conditioner, Push-up-BH, Learning by Doing, Moonboots etc. ?
Keine Sorge also um die Lebensdauer des Ausdrucks Shooting – er hat sich etabliert. Viel eher können wir langsam nach einem Taschentuch greifen, um für das Begräbnis der Begriffe fotografieren, Foto(grafen)termin u. ä. gerüstet zu sein. Ich vermeide es, sie Begriffe der deutschen Sprache zu nennen. Man kann ja auch aussterbenden Worten, die aus dem Griechischen abgeleitet sind, nachweinen. Es bläst schon ein gewaltig kalter Hauch in der Nackengegend …

Wie werden Sie es denn halten?
Übernehmen Sie den Anglizismus? Oder ist bei Ihnen Old Fashion angesagt?
Nun, falls Sie jemand für ein Shooting haben will, wissen sie jetzt zumindest, was es damit auf sich hat und blamieren sich nicht damit, dass sie entweder zurückschießen wollen oder zumindest ziemlich gebauchpinselt denken, Sie wären nun entdeckt worden für eine große Weltkarriere.
Gehen SIe auf Nummer sicher!
Fragen Sie lieber immer nach, wie man Sedcard schreibt. Und vergewissern Sie sich, dass nicht nur das Handy zum Fotografieren genommen wird. Verzeihung, zum Shooten …!

©November 2013 by Michèle Legrand

 

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Torben und Lisa

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) - April 2013Stielaugen, Aufregung, Rotwerden … alles war dabei.
Ich möchte Ihnen heute von einer Szene erzählen, bei der ein männliches und ein weibliches Wesen das erste Mal und obendrein offenbar ungeplant aufeinandertrafen.
Und eine gewisse … Anziehung da war.
Kennen Sie, oder?
Wahrscheinlich haben Sie es auch schon einmal mitbekommen.
Ich habe es nach meinen Wochenend-Besorgungen im EKZ erlebt, als ich dort einen Kaffee in Eiscafé trank.

Zwei Tische weiter saß Torben (den ich der Einfachheit halber  hier so nenne). Torben hatte übrigens bereits eine ihm sehr zugewandte weibliche Begleitung dabei. Sie trank Latte Macchiato, er stocherte in einem Glaskelch, der vor ihm stand. Besser gesagt, er rührte in den Resten der Eiscreme, die bereits zu Soße geschmolzen war.
Seine Begleiterin war attraktiv, aber älter als er, reifer. Er schien sich nach dem zu richten, was sie ihm sagte, hielt sich zumindest meist an ihre Anweisungen. Viel zu Wort kam er nicht, doch es wirkte, als würde es ihn nicht besonders stören. Vielleicht war er sowieso nicht der Redseligste.

Auf einmal erklang von der Rolltreppe her ein glockenhelles Lachen. Ein lebhaftes weibliches Wesen, jung, blond, wirklich nett anzuschauen, steuerte das Eiscafé an. Sie in Begleitung eines ihr hinterher eilenden, beladenen Herrn.
Die entzückende Lisa (so heißt sie der Einfachheit halber) kümmerte sich herzlich wenig um den abgehängten Hünen. Sie hatte ganz offenbar Eisgelüste, und auf der Suche nach einem Sitzplatz,  schweifte Ihr Blick über die Tische, Sitzbänke und Stühle, bis er plötzlich an Torben hängenblieb.
Sie stoppte abrupt.
Schaute ihn an. Anfangs beinahe verblüfft, den Mund leicht geöffnet.
Einen Moment später musterte sie ihn intensiv und zeigte dabei ganz unverhohlen ihr Interesse.
Störte sich nicht im Geringsten an seiner Begleitung …

Er hatte sie ebenfalls bemerkt. Auch ihm fiel es schwer, sich wieder von ihr loszureißen. Torben wurde zudem zunehmend unruhig. Irgendwann schaute er prüfend auf seine Begleitperson und entschied, es darauf ankommen zu lassen.
Er lehnte sich weit vor und fixierte mit seinen immens blauen Augen ungeniert Lisas Gesicht, ihre Haare …
Sie beobachtete ihn mit ihren wachen Augen.
Beide schienen  nichts anderes mehr wahrzunehmen …

Nach geraumer Zeit des verzückt Anstarrens, lächelte sie leicht und begann mit dem Finger in eine ihrer goldenen Haarsträhnen Locken zu zwirbeln.
Es musste ihn wuschig gemacht haben, denn er errötete leicht. Offenbar hatte Torben sich auch verschluckt, denn es folgte ein kurzer, unvermuteter Hustenanfall. Das Rot der Gesichtshaut wurde intensiver.
Der Anfall war bald vorbei, doch fehlten ihm die Worte, weshalb er zur Ablenkung sein Hosenbein zurechtzupfte. Er zog es ein doch beachtliches Stück höher, woraufhin sein Faible für modische Outfits sichtbar wurde. Er trug farbenfrohe, gestreifte Strümpfe.
Sie beobachtete es fasziniert.
Sah ihn unverwandt an.
Lächelte ausgiebig. Steigerte das Lächeln noch in seiner Intensität!
Reagierte überhaupt nicht auf die Zurufe ihres Begleiters.
Mein Gott, sie strahlte ihn an!
Torben konnte es kaum fassen!
Sie meinte ihn!
Erneut beugte er sich so weit vor, wie es nur ging und fegte dabei beinahe sein Kelchglas vom Tisch.
Es war willenlos!
Er konnte seine Beine nicht mehr ruhig halten! Er hatte seine Arme nicht mehr unter Kontrolle!  Sie ruderten wild umher, die Frau an seiner Seite musste etwas in Deckung gehen.

Die aparte Lisa war inzwischen direkt am Tisch angekommen, stand unmittelbar neben ihm. Mittlerweile schien sie sein weit hochgezogenes Hosenbein zu irritieren. Vielleicht war sie auch kein Freund von kräftigen Farben und Ringelmustern.
Also zog sie es wieder herunter.
Er beobachtete sie dabei und ließ es geschehen.
Danach piekste sie ihn mit ihrem Zeigefinger ein wenig in seinen Oberschenkel.
Torben stutzte leicht. Er schien zu überlegen.
Plötzlich griff er zu und zog sie recht entschlossen an den Haaren etwas dichter zu sich heran.
„Torben, lass das! Du darfst das Mädchen nicht an den Haaren ziehen! Das tut ihr weh!
„Da-da-hadda, habba …?“
„Nein!“
Die aufgeregte Stimme seiner Begleitung duldete keine Diskussion. Mama hatte nein gesagt!
Die ganze Zeit hatte sie Torben auf dem Schoß gehalten, was einem kleinen Nahkampf nicht unähnlich gewesen war. Sie hatte einen Absturz vermeiden können, ebenso Glasbruch, aber nun wurden ihr die Zappelei ihres Sprösslings und sein glutvolles Begehren doch zu viel. Bezahlt hatten sie schon. Sie rüstete sich zum Aufbruch, stülpte ihm kurzerhand die Wollmütze über und griff entschlossen nach seinem bunten Anorak …

Die Gegenseite war auch der Ansicht, genug Kennenlernzeit gewährt zu haben. Der Hüne rief:
„Lisa, komm jetzt weiter, der kleine Junge geht gleich mit seiner Mutter nach Hause. Und wir wollen Eis bestellen!“
Ein letzter Blick von Torben zu Lisa.
Ein letztes Lächeln von Lisa.
Pieksen und an den Haaren ziehen waren vergeben und vergessen.
Trotz allem ging es nun um das Setzen von Prioritäten. Für Lisa hieß das mit Papa Eis aussuchen, für Torben mit Mama Rolltreppe fahren.

Vielleicht treffen Sie wieder einmal aufeinander.
Bald oder … Nehmen wir einmal an, sie träfen sich in 15-20 Jahren!
Wie es dann wohl ablaufen würde?

Anstarren, lächeln, rot werden, Haare zwirbeln, Hustenanfall?
Klingt realistisch. Es wird wohl gar nicht so viel anders.
Die Bewegungen wären weniger stürmisch.
Es würde ohne Eltern ablaufen.
Und sonst?

Das Eis wird irgendwann völlig uninteressant und auch die Rolltreppe verliert jegliche Attraktivität …
Sage ich.
Aus Erfahrung.
Kennen Sie auch, oder? ^^

©April 2013 by Michèle Legrand
Herzen

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