Beiträge getaggt mit Gedächtnis

Wie hieß das gleich noch mal? – Anzeichen digitaler Demenz …

Michèle Legrand (WordPress)„Wie heißt das noch, was Sie da machen?“ Der Tischnachbar fragt, als ich gerade aufschaue, um nach meiner Kaffeetasse zu greifen. „Meine Frau macht diese Dinger auch“, ergänzt er.
„Das Zahlenrätsel meinen Sie? Das ist ein Sudoku“, antworte ich ihm.
„Richtig, genau so heißt das! Sagen Sie, macht das eigentlich Spaß?“ Er klingt nicht davon überzeugt.
„Ja, schon – außerdem hilft es ein bisschen.“
„Wieso? Wie denn? Ich meine wofür oder nein, wogegen?“
„Gegen etwas, was mich wurmt. Es ist eine Art Trainingsübung, die ich absolviere, seit ich bei mir die ersten Anzeichen von digitaler Demenz bemerkt habe.“
„Ach, hören Sie auf, die gibt es doch gar nicht! Oder doch?“

Der Herr, der ein Stückchen weiter sitzt, einen Espresso trinkt und bisher mit seinem Smartphone beschäftigt war, ist sich nicht sicher, und ich kann ihm die Existenz auch nicht mit letzter Gewissheit bestätigen, denn man weiß bis heute nicht so genau, wie verheerend oder harmlos die Auswirkungen der digitalen Datenflut, die Folgen der intensiven Internetnutzung oder auch die des digitalen Lernens durch bereits kleine Kinder sind.
Man ist sich uneinig in den Kreisen der Fachleute, weiß nicht mit Sicherheit zu sagen, was Surferei, ewiges Herumgoogeln und  Datenmassenandrang im Hirn bewirken. Diese bunte, wirre und bald unüberschaubare Vielfalt,
Darüber gibt es selbstverständlich viele Forschungsarbeiten, einige Studien, Umfragen, Berichte und Bücher, die sogar Bestseller wurden! Doch manche der Untersuchungen, die dazu durchgeführt wurden, waren zu speziell, zu herausgepickt oder aber so verallgemeinert, dass die Resultate ebenso gut dadurch entstanden sein konnten, dass andere Umstände mit hineinspielten und das Ergebnis beeinflussten.
Besondere Reaktionen sowie Verhaltensänderungen und -auffälligkeiten sind zudem oftmals nur über einen verhältnismäßig  kurzen Zeitraum dokumentiert. Es fehlt der penibel durchgeführte Langzeitvergleich unter konstanten Bedingungen.
So lässt sich bisher eine durchs www. (und alles was damit verbunden ist) verursachte Demenz weder völlig bestätigen noch definitiv ausschließen.  Zu widersprüchlich und nicht beweiskräftig sind die Aussagen und Erkenntnisse bisher.

Und? Somit alles bestens? Kein Grund zur Sorge?

Wenn Sie mich fragen, ist es letztendlich sowieso nicht ausschlaggebend, was die Wissenschaft dazu vorweisen kann und ob ein offizielles „Vorsicht, Demenz!“ kursiert.  Jeder Mensch reagiert – unabhängig davon, ob digitale Demenz offiziell bestätigt oder inoffiziell existent ist. Wie stark, merkt er am besten selbst.
Nur, selbst die ziemlich sichere Annahme, dass Demenz definitiv entsteht, vermag es wohl kaum zu schaffen, dass sich in der Gesellschaft wirklich etwas ändert. Gäbe es aus Gesundheitsbewusstsein wieder weniger Computer, weniger Handys, weniger Elektronik, eingeschränkten Zugriff auf das Netz? Mit Sicherheit nicht.
Es gibt jedoch auch kein Attest für Sie, eine offizielle Bestätigung, dass sie gefährdet sind oder daran bereits leiden. Ein Befund, der Ihnen vielleicht Vorteile, Erleichterungen oder Hilfe und Behandlung sichern würde.
Nein, nein, ich habe eher das Gefühl, selbst darauf schauen und entdecken zu müssen, wie das Computerzeitalter sich auf mein Hirn und das der Menschen in meinem Umfeld auswirkt!
Die heutige Art der Wissensaufnahme und des Arbeitens verändert das Gehirn! Das sagt kein weiterer Forscher, das ist meine Erkenntnis, das behaupte ich einfach.

Mein Szenario – das brauche ich, um den Ablauf für mich zu verstehen! – sieht in etwa so aus:
Das Hirn nimmt Unmengen von außen auf. Verschiedenes, wahllos gemischt, schnell! Teilweise rund um die Uhr – im Beruf und in der Freizeit –  ist es den Neuigkeiten und Masseninformationen aus aller Welt via Netz genauso wie Reaktionen, Gesprächen etc., optischen, akustischen oder andersgearteten Reizen und vielem mehr ausgesetzt.
Offensichtlich bemerkt es irgendwann, dass leichte Überfüllung herrscht, viel Unnützes und sogar ausgesprochener Mist dabei ist und sortiert aus. Relativ rigoros und etwas unkontrolliert hinsichtlich des Inhalts. Egal, Hauptsache, da wird wieder Platz geschaffen.
Weg damit!
Das Hirn ist wie ein Schwamm, der aufsaugt. Das macht er willig so lange, bis er vollgesogen ist. Und dann? Das Problem heute ist, dass er zwischendurch keine Zeit hat zu trocknen. Früher schien es so, als würde Information eher wie ein Rinnsal unter der Tür durchlaufen. Stetig, in der Menge jedoch überschaubar.
Schnell den Schwamm vor die Ritze und das Wasser aufgetupft! Geht doch gut. Oh, es läuft nach! Noch einmal auf die gleiche Stelle. Fein, alles aufgesogen …
Der Schwamm, sprich Ihr Hirn, konnte nun den Inhalt speichern, auswerten, verarbeiten, anwenden und repetieren. Während dieses Prozesses konnte er nebenher trocknen und war wieder einsatzbereit, um neue Rinnsale zu stoppen und aufzunehmen.
Heute scheint bei Ihnen hingegen dauernd jemand die Tür sperrangelweit aufzureißen und die Wassermassen quellen nur so herein. Werfen Sie um. Eine mittlere Springflut. Sie tupfen wie ein Weltmeister und doch kommt der Schwamm nicht hinterher. Das unproduktive, wilde von links nach rechts wischen bringt nichts – der Schwamm nimmt nichts mehr auf.
Was nun?
Sie schauen sich heimlich um, und in einem unbeachteten Moment quetschen Sie das Ding irgendwo aus. Die meisten tun es fatalerweise über einem Sieb …  Alles weg.

Das Hirn merkt sich heutzutage lediglich einen verschwindend kleinen Teil richtig und dauerhaft, das meiste ist nur noch zum Kurzbesuch da oben. Warum auch merken, man kann ja nachschauen. Zum hundertsten Mal! Das darf man nicht so eng sehen …, und es geht ja schnell. Hundert Mal schnell ist im Endeffekt allerdings wesentlich länger als einmal richtig.
Die Konzentration ist unter aller Kanone und wäre Zuhören können ein Fach mit Noten, wären wir ständig versetzungsgefährdet. Die Menschheit zeigt Suchtanzeichen und ist daher natürlich der Ansicht, dass wir das alles bräuchten, wir darauf angewiesen sind und es ein ungeheurer Segen sei. Es erleichtert ja vieles so kolossal.
Lieber gestresst damit leben, als auf Entzug sein.
Es stimmt, dass vieles heute superschnell zu erledigen geht. Keiner muss mehr mit Stift und Block vor dem Kassettenrecorder sitzen und während eines Lieds ständig die Stopptaste drücken, damit er in mühevoller Kleinarbeit den Liedtext niederschreiben kann.
Keiner will diesen Zustand wieder zurück!
Sicher ist es prima, wenn der ganze Text mit einem Klick im Netz aufgerufen werden kann.. Doch ganz ehrlich, von den Texten, die so präsentiert und gesehen werden, von hier nach dort kopiert werden, bleibt nicht viel haften, wohingegen die uralten, auf die andere Art erfassten Texte, heute noch im Kopf abgespeichert sind.
Das ist der Unterschied zwischen bloßem Hinsehen und Auf- bzw. Wahrnehmen.

Oder Telefonnummern! Wer weiß noch Telefonnummern und kann sie auswendig?
Wozu?
Die Frage ist berechtigt, wo wir doch nur noch den Knopf mit dem Namen des Anzurufenden anklicken brauchen, den Rest macht das schlaue Smartphone. Auch hier wünscht sich niemand unbedingt alte Zeiten zurück. Nur mit diesem überreichlichen Angebot an elektronischen Hilfsmitteln und Wundergeräten, gibt es kaum noch Möglichkeiten, sein Gehirn auf etwas zu trainieren, was dem Gedächtnis und der Konzentration hilft.
Man hat  ja nicht einmal die Chance!
Die Nummern werden Ihnen, sobald Sie einen Namen dazu gespeichert haben, doch nicht einmal mehr gezeigt!  Die Krux ist, Ihr Gehirn ist mit Informationen, die auf es einstürmen, einerseits komplett überfordert, aber andererseits auch völlig unterfordert, was das Training fürs Merken und die Konzentration angeht. Merkfähigkeit und -dauer sowie Konzentrationsfähigkeit und -spanne sind heute geradezu als gnomenhaft zu bezeichnen!
Lachhaft gering!
Man weiß, dass bei mangelnder Übung und zu geringer Nutzung Verknüpfungen im Hirn nicht mehr funktionieren. Sie stellen ihren Dienst ein und kommen einfach nicht mehr zustande. Wenn das Gehirn bei seiner Tätigkeit mit der eines Muskels vergleichbar ist, dann verkümmert es wie dieser es tut, sobald er ohne Training und Beanspruchung bleibt. Und sobald Nervenzellen erst absterben und auch neue keine Überlebenschance haben, weil sie von vornherein gar nicht genutzt werden, lässt das Gedächtnis nach.
Das geht ziemlich flott!
Für die bei immer mehr Menschen nachlassende Fähigkeit, zuhören und sich länger auf etwas konzentrieren zu können, ist zusätzlich offenbar das sehr verbreitete Verhalten, mehrere Geräte gleichzeitig zu nutzen und mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, ein Auslöser. Auch beim Multitasking ist man sich – wie bei der digitalen Demenz – nicht eins hinsichtlich der Auswirkungen oder ihres Umfangs.

Und ich? Wie ist das nun bei mir?
Ich nutze das Internet. Ich nutze Google und andere Suchmaschinen. Ich habe eine Smartphone.
Irgendwann bemerkte ich an mir beginnende Anzeichen von leichter Doofheit. Sachen, die ich gerade nachgelesen hatte, waren kurz danach weg.
Nichts behalten!
Die Orientierung verschlechterte sich. Statt Karten war das Navi zum Einsatz gekommen. Die Umgebung brauchte ich nicht mehr im Hirn abzuspeichern, nur auf den vorgegebenen Weg zu achten.
Einerseits herrlich einfach, ein Segen, oder? 
Nur hinterher hatte ich keine Ahnung, wo genau ich eigentlich gewesen war.
So etwas fuchst mich ungemein! Das ist ein unhaltbarer Zustand!
An anderen nervte und nervt mich weiterhin, wenn alles zig Mal wiederholt werden muss, weil keiner vernünftig zuhört.
Und am allermeisten wurmen mich die zunehmende Abhängigkeit von elektronischem Gerät und die Tatsache, dass seelenlose und skrupellose Geräte mir meinen Kram aus der Hand nehmen! Nicht als Helfer, der einspringt in der Not, sondern als vermeintlich schlaues Ding, dass mich langsam aber sicher immer hilfloser macht und mich dümmer zurücklässt.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, ob es sie gibt“, antworte ich meinem Tischnachbarn, „aber ich sehe an mir, dass es Folgen hat, wenn ich nur via Netz Neues erfasse. Mein Gehirn baut ab.“
„Und da hilft dieses … Zeug?“ Er zeigt auf mein Zahlenrätsel.
„Ja, unter anderem.“
„Also, meine Frau meint ja, ich würde auch viel vergessen und nicht richtig zuhören.“
„Nutzen Sie viel die modernen Geräte und das Internet? Ihr Smartphone?“
„Ja, klar! Geht doch fix damit.“
Ich zeige auf mein Rätsel.
„Erinnern Sie sich noch, wie das „Zeug“ hieß?“
„Ne, hab’ ich schon wieder vergessen …“ Er stutzt leicht.
„Sehen Sie“, fahre ich fort, „so etwas meine ich. Und da ich nicht digital dement werden möchte, nutze ich seit längerer Zeit meine elektronischen Geräte noch bewusster und sehr gezielt. Trotz allem kommen Stunden zusammen, denn sie sind immerhin Arbeitsgerät. Allein dadurch kann ich somit den persönlichen Verfall wohl nicht verhindern.
So habe ich umgeschaltet auf mehr Gehirntraining. Als Ausgleich. Keine offiziellen, wahnsinnig ausgeklügelten Übungsprogramme, aber überall dort, wo es geht, bin ich am Hirn trainieren. Präge mir Dinge ein, versuche Zahlenketten systematisch zu erfassen, halte mich dazu an, mich eine bestimmte Zeit auf etwas Vorgegebenes zu konzentrieren. Ausschließlich darauf! Höre intensiv zu und gebe mir quasi vorher die Aufgabe, dass ich hinterher in der Lage sein müsste, eine Inhaltsangabe oder besser noch – rein theoretisch – eine Nacherzählung davon anzufertigen. Auch noch nach drei Tagen.
Ich konstruiere Eselsbrücken, arbeite mit Gedankensprüngen, Geschichten … wie in guten alten Zeiten. Die Doofheit hat nachgelassen.“
„Vielleicht ist das aber nicht das Internet, was Schuld ist, sondern wir werden ja alle auch älter …“, meint er nachdenklich.
„Sie können damit recht haben“, bestätige ich ihm, „die Möglichkeit will ich gar nicht abstreiten. Doch selbst wenn es lediglich eine altersbedingt nachlassende Gehirntätigkeit sein sollte, kann ich mir mit meinem Programm ja nicht schaden.“

Für mich wird es Zeit. Ich mache Anstalten aufzubrechen. Er wirkt ein bisschen in Gedanken versunken. Während ich meine Jacke schließe, holt er sein Handy wieder hervor und meint abschließend:
„Ne, schaden kann’s nicht. Moment! Wie hieß das jetzt gleich noch mal, dieses Rätsel?  So… Su… Sudu …?“
„Auf Wiedersehen“, winke ich ihm zu und ergänze beim Griff nach der Tasche:
„Sie sind jünger als ich, ich würde in Ihrem Fall von digitaler Demenz ausgehen …“

©Januar 2014 by Michèle Legrand

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Geruch, Geräusch oder auch das Ding … Zack! Zurückversetzt!

Kunst mit Hagebutte im Winter ...vergänglich

Kunst mit Hagebutte im Winter …vergänglich

Es gibt etwas, was uns Menschen recht zuverlässig und schnell in die Vergangenheit beamen kann.
Ein Gerät? Eine Neuerfindung?
Nein, an technischem Schnickschnack wird noch geforscht und gefeilt. Doch es geht auch wesentlich simpler.
Tomatensaft. Nelkenseife. Hagebutten. Bier. Schweiß. Gemähtes Gras … Das wären jetzt meine persönlichen Beam-Mittel. Zumindest einige davon.
Und Ihre?
Sie kennen die Situation mit Sicherheit auch: Von irgendwoher dringt unvermittelt ein Geruch, der bei Ihnen etwas auslöst. Sie bleiben stehen und schnuppern. Wollen mehr davon! Oder – ganz im Gegenteil – Sie beschleunigen und versuchen dabei krampfhaft, die Luft anzuhalten.
Da ist ein Gefühl!
Bilder kommen hoch!
Geräusche …, Empfindungen …, Erinnerungen!

Wenn Sie und dieser Geruch zusammentreffen, geht es nicht wie üblich darum, kurz und recht objektiv zu entscheiden, ob Sie dies im Moment als Duft oder eventuell als Gestank, sprich als angenehm oder abartig empfinden.
Sobald Sie ein solch spezieller Geruch erwischt und er offensichtlich bei Ihnen eine Erinnerung auszulösen vermag, läuft das weitere Programm automatisch ab. Ihre heutige, bewusste Beteiligung ist abgestellt – zumindest vorerst massiv unterdrückt.
Vielleicht kommt ein überaus starker Wille danach wieder durch, reißt das Ruder an sich, doch zuallererst, spontan, verknüpfen Sie – wie unter Zwang – diesen Geruchseindruck mit etwas, was Sie in früheren Zeiten erfahren haben.
Sie haben aufgrund der Sinnesreaktion eine Assoziation und rufen ein dazu passendes Erlebnis auf. In Bruchteilen von Sekunden ist alles da – bevor Sie nachdenken und rational reagieren können!
Vielleicht ist dieser Geruch zudem für heutige Zeiten auffällig, weil untypisch und wenig verbreitet. Ungewöhnliche Essensgerüche, der Duft einer altmodischen Blume, selten verwendete Inhaltsstoffe in Reinigungsmitteln oder etwas, das in Textilien haftet, eine besondere Seife mit Nelkenduft etc.  Zumindest kommt dieser Geruch Ihnen vermutlich relativ selten unter die Nase. Dadurch sind Sie besonders sensibilisiert und reagieren noch intensiver, wenn es denn einmal passiert.

Was ist los? Wieso ist das so?

Auch wenn wir es nicht so gern zugeben, wir haben von allem einen  ersten,  häufig stark prägenden Eindruck. Vielleicht ist es nicht schwer, sich das als Fakt einzugestehen, jedoch wir haben ja nicht nur den Eindruck, sondern wir bilden uns danach auch in den meisten Fällen ein Urteil. Was wir in Wahrheit nicht so gern eingestehen, ist, dass wir nicht besonders gut darin sind, ein derartiges Urteil zu revidieren. An der einmal gefassten Meinung oder Sichtweise ist kaum zu rütteln.
Wider besseres Wissen!
Aber das ist die menschliche Sturheit und Unbeweglichkeit. Sie kennen das.

„Michèle, schau mal, was wir dir aus Spanien mitgebracht haben!“ Meine Großmutter reichte mir vor ewigen Zeiten stolz eine ziemlich große Dose mit Tomatensaft. Die Großeltern gehörten der Generation an, welche als erste im Rentenalter Spanien, die Balearen und später auch die Kanaren als Flugreiseziel entdeckte. Ich bekam also echten spanischen Saft von sonnengereiften Tomaten – und reagierte etwas skeptisch. Dickflüssige, sämige Gemüsesäfte waren damals bei mir nicht der Hit. Frischgemüse (Tomaten inklusive), knackig und als solches noch erkennbar, hingegen schon.
„Oh, vielen Dank!“, erwiderte ich natürlich freundlich und stellte die Dose unauffällig zur Seite auf ein Tischchen.
„Probier doch mal!“, feuerte meine Oma mich an, „den haben wir extra mitgebracht!“ Anklagender Blick. „Der schmeckt sehr gut und ist gesund!“
Lange Rede, kurzer Sinn – meine Oma gab nicht eher Ruhe, bis ich mir eingeschenkt und davon getrunken hatte.
„Und? Schmeckt gut, nicht?“ Erwartungsvoll schauende Augen warteten auf die richtige Antwort.
Ich fand, das Zeug schmeckte merkwürdig. Eine Pampe, die dazu überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Geschmack von frischen Tomaten hatte. Leicht modrig. Nur – wie schmeckte Tomatensaft allgemein? Würzte man den anders? Ich wusste es damals nicht.
Keiner glaubte mir, als ich zaghaft bemerkte, er schmecke überaus eigenartig. Leider fühlte sich keiner dazu aufgerufen, selbst einmal zu probieren … Ich weiß, ich drückte mich zurückhaltend aus. Sagte nichts von widerlich, ekelhaft, machte noch nicht einmal Grimassen!  Dennoch hing der Haussegen schief. Ich solle mich nicht so anstellen, ich solle nicht undankbar sein, ich solle jetzt doch bitte ohne diese Zicken den Saft trinken. Wer hätte schon Großeltern, die extra sauschwere Dosen für ihre Enkelin aus Spanien mitbrächten …

Später sprach keiner mehr von Anstellerei. Das war zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass der Saft verdorben gewesen war. Stundenlanges Gewürge, tagelange Übelkeit, Fieber, und letztendlich sogar der Besuch des Notarztes entzündeten Diskussionen darüber, wie es dazu kommen konnte.
Für mich hat Tomatensaftgeruch bis heute eine fatale Wirkung. Ich muss mich sehr zusammenreißen und bin im Flugzeug immer froh, wenn neben mir keiner das rote Zeug ordert. Ich kann dort schlecht ausweichen.
Geruch. Für immer eingebrannt und obwohl ich inzwischen weiß, dass ein einziges Mal ein Saft verdorben war und nicht grundsätzlich alle Tomatensäfte zu Erbrechen führen – trotz allem bleibt die erste Reaktion unverändert.

Warum sind wir so empfindlich, was Gerüche angeht?
Unseren berühmten ersten Eindruck, den erhalten wir durch die Nase. Das, was wir riechen, geht den direkten Weg. Direkt auf unser limbisches System, den Ort, an dem Gefühlsregungen, Emotionen weiterverarbeitet werden.
Kommen wir irgendwohin, passiert es: Zack! Unser vorstehender Zinken erfasst die Lage und verschafft sich einen ersten Eindruck. Prägend!
Alle anderen Auffälligkeiten, die wir mit den Sinnen wahrnehmen – seien sie visueller, akustischer oder auch haptischer Art, all diese Nervenreize müssen hingegen erst in der Großhirnrinde unseres Gehirns aufgebröselt werden. Das dauert etwas länger, ist sehr wahrscheinlich auch komplizierter.
Dass wir uns via Geruchserlebnisse bis in die Kindheit zurück an Erlebnisse erinnern und Erfahrungen mit Gerüchen verknüpfen können, liegt für mich auch darin begründet, dass in den ersten drei Lebensjahren das Geruchsgedächtnis gebildet wird.
Die Eindrücke sind gespeichert!
Auch wenn vieles nicht bewusst ist und oftmals lange Jahre lang im Verborgenen schlummert – beim Zusammentreffen mit dem Geruch wird es hervorgeholt.
Der Nachteil an diesem direkten Weg ins Stammhirn und dem nicht steuerbaren, unbewussten Vorgang ist der, dass wir zwar nun das Erlebnis, den Ort oder einen Menschen passend zum Geruch aus dem Gedächtnis hervorkramen können, doch es funktioniert nicht, sich einen Geruch speziell aufzurufen. Eine vage Vorstellung ja, aber kein wirkliches Geruchserlebnis, nichts Echtes.

Wie ich auf das heutige Thema komme?
Es gibt nicht nur Gerüche allein. Oft ist es auch eine Kombination aus Geruch und Geräusch oder Gegenstand und Geruch/Geräusch, die Erinnerungen weckt.
Das Beamen in die Vergangenheit schafften bei mir vor ein paar Tagen ein Nilpferd (Gegenstand und Geräusch) und der Anblick und das Befingern einiger Hagebutten (Gegenstand plus Geruch)

Nilpferd aus Holz (Hippopotamus)

Nilpferd aus Holz (Hippopotamus)

Im Falle des Nilpferds, sehe ich immer einen meiner Englisch-Lehrer vor mir, der sehr auf seinen Doktortitel bedacht war. Wir mussten ihn immer komplett mit Herr Dr. XY anreden, sonst gab es gewaltig Ärger. Er war insgesamt etwas schwierig, oder wir waren es in dem Alter. Oder beide(s) …
Der Herr Doktor war weiterhin äußerst korpulent. So sehr, dass er gelegentlich in der Türöffnung hängenblieb, wenn die Tür nicht vollständig geöffnet war. Seitdem dies das erste Mal passiert war,  nannten wir ihn heimlich Doc Hippo (von Hippopotamus = Nilpferd) und mussten uns jedes Mal bei seinem Eintreten das Lachen verkneifen. Es klappte so lange, bis wir ein englisches Lied bei  ihm lernen sollten. In dem Song geht es um die Arche Noah und die in das Holzboot steigenden Tiere. Wir kamen damals bis zu genau dieser Strophe, dann war es mit der Contenance vorbei:

The animals went in four by four, hurrah! hurrah!
The animals went in four by four, hurrah! hurrah!
The animals went in four by four, the great hippopotamus stuck in the door
And they all went into the ark, for to get out of the rain.

Na bitte, die Türgeschichte wurde sogar im Lied festgehalten … Diese Strophe in Zusammenhang mit einer gefassten Miene erforderte schier unglaubliche Willenskraft. Ich denke, die Leistung war damals oscarverdächtig.
Ja, und nun singe ich sie äußerlich bierernst seit letzten Montag (trotz Hustenanfällen, der Infekt ist noch nicht ganz weg).

Die Hagebutten, die ich  gesehen und gerochen habe, möchte ich Ihnen gleich zumindest zeigen. Hagebutten erinnerten mich lange Zeit nur an den blöden Jörg, der mir daraus selbstgemachtes Juckpulver in den Kragen schob. Unschöner Geruch und ein ekelhaftes Gefühl!
Den doofen Jörg fand ich später dann netter …
Haben Sie das auch gemacht? Ich meine, nicht mir jetzt das Pulver … ich meine, ob Sie auch selbst Hagebutten ausgenommen haben, um aus den Körnern und behaarten Teilchen ihr Privatjuckzeug zu kreieren?
Beichten Sie mal! ^^

Kartoffelrose nach der Blüte ... Im August wuchsen diese  prallen, leuchtenden Hagebutten

Kartoffelrose nach der Blüte … Im August wuchsen diese prallen, leuchtenden Hagebutten

Kartoffelrose - Es ist Mitte Oktober und die Hagebutten krumpeln vor sich hin ...

Kartoffelrose – Es ist Mitte Oktober und die Hagebutten krumpeln vor sich hin …

Kartoffelrose im Winter - die Reste der Hagebutten.  Die kleinen, Nüsschen genannten Körner innen, sind mit einer Vielzahl von Widerhaken bestückt und mit feinen Härchen bedeckt, die auch den Juckreiz auslösen, sobald sie mit der menschlichen Haut in Berührung kommen.

Kartoffelrose im Winter – die aufgesprungenen Reste der Hagebutten. Die kleinen Nüsschen im Innern besitzen reichlich Widerhaken und sind mit feinen Härchen bedeckt, die auch den Juckreiz auslösen, sobald sie mit der menschlichen Haut in Berührung kommen.

Beim Vorbereiten der Fotos für diesen Blogpost entstand das schwarz-weiße Sonderbild, das Sie ganz oben am Beginn des Artikels sehen können.  Auf einmal hatten die verdorrten Hagebutten in ihrem Winterzustand  das Zeug zu einem Kunstwerk …

Außerdem vermitteln sie etwas sehr anschaulich:
Sie zeigen, dass Dinge veränderlich sind. Dass sie im Laufe der Zeit ihre Eigenschaften ändern können. Sie zeigen, dass die Möglichkeit besteht, Bekanntes durchaus auch anders zu sehen. Ungeachtet der Erfahrungen, die sie ursprünglich einmal mit sich gebracht oder der Erinnerungen, die damals hinterlegt wurden. Inzwischen sind im Leben tausend weitere Erfahrungen hinzugekommen. Vielleicht lässt sich dadurch manches relativieren und einseitige, negative Reaktionen und Gefühle wie Abscheu, Ekel oder gar Angst gehören der Vergangenheit an!
Ich wurde übrigens mittlerweile – was Hagebutten angeht – etwas umgepolt. Ich bekam vor einiger Zeit ein sehr liebevoll erschaffenes Werk aus Hagebutten, das hat mich geheilt. Es taucht zwar weiterhin auch die Juckpulver-Variante mit in der Erinnerung auf, nur nicht ausschließlich und zudem weitaus blasser. Selbstverständlich bleibe ich nun schneller und viel länger an dem Schönen hängen …

Nutzen Sie nur diese Chance, speziell über Gerüche, aber auch über Geräusche oder Gegenstände gelegentlich in die Vergangenheit einzutauchen. Oft ist das der einzige Weg! Denn Unbewusstes lässt sich ansonsten nicht gezielt ansteuern.
Dieses Zurückgehen hat überhaupt nichts damit zu tun, dass die Gegenwart nicht gemocht oder die Zukunft gefürchtet wird!
Es geht nur darum, Verschüttetes zu finden, das uns unter Umständen bis heute in unserem Alltag beeinflusst …

Und nun zum guten Schluss:
Ich wünsche Ihnen Frohe Osterfeiertage! Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie gesund!

©März 2013 by Michèle Legrand

Michèle Legrand - WordPrss.com - ©Foto Andreas Grav

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