Beiträge getaggt mit Geburtstag begehen

Geburtstagsbesuch …

Das Schild mit der Glättewarnung gibt es immer noch. Das hängt dort ganzjährig.
Ein merkwürdiger Anblick im Sommer.
Die Parkplätze sind rar, auch wie immer.
Das Wetter zeigt sich seit einigen Jahren an seinem Geburtstag sehr durchwachsen, kalt und ungemütlich. Früher einmal war das Datum Garant für Wärme und Sonnenschein gewesen. In der Zeit, als er noch im Büro tätig war, gab es an seinem Ehrentag immer Eis. Jedes Jahr stellte er ebenfalls Kuchen zur Abstimmung, doch die Wahl fiel genauso sicher wieder auf Eisbecher. Eben weil hochsommerliche Temperaturen herrschten.

Der einzige freie Parkplatz liegt in einer Nebenstraße. Ein etwas längerer Spaziergang ist diesmal nötig, um zu ihm zu kommen und zu gratulieren. Der letzte heftige Regenguss, bei dem die Scheibenwischer kaum hinterherkamen, endete vor ein paar Minuten. Pfützen gibt es reichlich, doch am Himmel sieht es im Moment relativ gut aus. Vielleicht bleibt es vorerst ein Weilchen trocken von oben.
Die Strecke ist schneller geschafft als gedacht, inzwischen kennt man die Gegend und kann ein paar Abkürzungen über kleine Wege quer durch zum Ziel nehmen.

„Hallo! Na, hast du etwa gedacht, ich komme nicht?“, frage ich ihn lächelnd während ich herantrete und dabei die Blumen auswickle. „Nix da, Geburtstag ist Geburtstag!“
Die übliche Konversation startet.
„Noch so ein Schüttschauer wie eben, und ich hätte bald mit dem Boot zu dir kommen können. Oder schwimmend! Das Glätte-Schild bei euch könnten sie mal ersetzen gegen eine Aquaplaning-Warnung … Mensch, der Busch dort links ist aber ganz schön gewachsen seit dem vorigen Mal!“
Er wird auf den neuesten Stand gebracht. Der Geburtstagsjung, nicht der Busch. Obwohl ich stets auch Fragen an ihn habe, wirkt die Unterhaltung häufig ein wenig einseitig. Jedenfalls für Außenstehende.
„Doch, alles soweit gut … Sie war zwischendurch in Frankreich studieren, ist aber jetzt wieder hier. … Wo? In der Gegend, in der du damals mit der Ente unterwegs gewesen bist! …
Ach, dem geht’s auch gut. Er hat inzwischen geheiratet! Doch! Ja, ich weiß, dass es im Prinzip – zumindest gefühlt – noch gar nicht so lange her ist, dass er geboren wurde … Und weißt du, was das Größte ist? Ich werde Oma! … Nein, ehrlich! Jetzt sag’ bloß nicht, du kannst dir das nicht vorstellen!“
Er sagt zwar nicht richtig deutlich etwas dazu, aber man weiß auch so, was kommen würde, kennt die Reaktion genau. Ihn interessieren Details.
„Ich verrate es dir, sobald ich mehr weiß.“

Der Himmel bedeckt sich erneut in rasantem Tempo. Von Westen her zieht eine riesige, enorm schwarze Front heran. Heftige Böen entwickeln sich plötzlich, wie aus dem Nichts. Deutlich kündigt sich ein weiterer mächtiger Platzregen an. Vielleicht sogar mit Gewitter, Hagel und allem Drum und Dran. Ich mache den Anfang, obwohl er mich wahrscheinlich sowieso gleich nach Hause schicken würde in einem solchen Fall:
„Es sieht nicht gut aus, was sich da zusammenbraut. Sag, wo ist bloß das schöne Geburtstagswetter von früher hin? Du hast immer gesagt, du seist ein Sonntagskind und deine Mama hätte dich ihren Sonnenschein genannt. Darum sei gutes Wetter …“
Ich spüre zwei erste Tropfen. Auf den Händen. Alles andere ist ja – Ende Mai hin oder her – von der warmen Jacke verdeckt.
„Ich werde für heute gehen. Vielleicht schaffe ich es noch zurück zum Auto, bevor sich die Sintfluttore öffnen. ich komme bald wieder.
Was meinst du?
Ich soll mich jetzt beeilen, aber dich selbst schert ein Wolkenbruch nicht?
Ah, ich weiß, ich kenne dich! Du meinst, weil du hier trocken liegst …!“

Seine Art von Humor fehlt schon ein bisschen. Wie so vieles andere auch.
Es ist und bleibt einfach unzureichend, eine armselige Alternative, seinen Geburtstag seit acht Jahren nur noch auf dem Friedhof begehen zu können …

Doch in einer Hinsicht erkenne ich mittlerweile die Logik:
Es kann das strahlende Geburtstagswetter an diesem Tag überhaupt nicht mehr geben; weil der, weil sein Sonnenschein fehlt.

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) - Ende Mai 2015

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) – Ende Mai 2015

 

© by Michèle Legrand, Juni 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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