Beiträge getaggt mit Freundschaft

Geburtstagsbesuch …

Das Schild mit der Glättewarnung gibt es immer noch. Das hängt dort ganzjährig.
Ein merkwürdiger Anblick im Sommer.
Die Parkplätze sind rar, auch wie immer.
Das Wetter zeigt sich seit einigen Jahren an seinem Geburtstag sehr durchwachsen, kalt und ungemütlich. Früher einmal war das Datum Garant für Wärme und Sonnenschein gewesen. In der Zeit, als er noch im Büro tätig war, gab es an seinem Ehrentag immer Eis. Jedes Jahr stellte er ebenfalls Kuchen zur Abstimmung, doch die Wahl fiel genauso sicher wieder auf Eisbecher. Eben weil hochsommerliche Temperaturen herrschten.

Der einzige freie Parkplatz liegt in einer Nebenstraße. Ein etwas längerer Spaziergang ist diesmal nötig, um zu ihm zu kommen und zu gratulieren. Der letzte heftige Regenguss, bei dem die Scheibenwischer kaum hinterherkamen, endete vor ein paar Minuten. Pfützen gibt es reichlich, doch am Himmel sieht es im Moment relativ gut aus. Vielleicht bleibt es vorerst ein Weilchen trocken von oben.
Die Strecke ist schneller geschafft als gedacht, inzwischen kennt man die Gegend und kann ein paar Abkürzungen über kleine Wege quer durch zum Ziel nehmen.

„Hallo! Na, hast du etwa gedacht, ich komme nicht?“, frage ich ihn lächelnd während ich herantrete und dabei die Blumen auswickle. „Nix da, Geburtstag ist Geburtstag!“
Die übliche Konversation startet.
„Noch so ein Schüttschauer wie eben, und ich hätte bald mit dem Boot zu dir kommen können. Oder schwimmend! Das Glätte-Schild bei euch könnten sie mal ersetzen gegen eine Aquaplaning-Warnung … Mensch, der Busch dort links ist aber ganz schön gewachsen seit dem vorigen Mal!“
Er wird auf den neuesten Stand gebracht. Der Geburtstagsjung, nicht der Busch. Obwohl ich stets auch Fragen an ihn habe, wirkt die Unterhaltung häufig ein wenig einseitig. Jedenfalls für Außenstehende.
„Doch, alles soweit gut … Sie war zwischendurch in Frankreich studieren, ist aber jetzt wieder hier. … Wo? In der Gegend, in der du damals mit der Ente unterwegs gewesen bist! …
Ach, dem geht’s auch gut. Er hat inzwischen geheiratet! Doch! Ja, ich weiß, dass es im Prinzip – zumindest gefühlt – noch gar nicht so lange her ist, dass er geboren wurde … Und weißt du, was das Größte ist? Ich werde Oma! … Nein, ehrlich! Jetzt sag’ bloß nicht, du kannst dir das nicht vorstellen!“
Er sagt zwar nicht richtig deutlich etwas dazu, aber man weiß auch so, was kommen würde, kennt die Reaktion genau. Ihn interessieren Details.
„Ich verrate es dir, sobald ich mehr weiß.“

Der Himmel bedeckt sich erneut in rasantem Tempo. Von Westen her zieht eine riesige, enorm schwarze Front heran. Heftige Böen entwickeln sich plötzlich, wie aus dem Nichts. Deutlich kündigt sich ein weiterer mächtiger Platzregen an. Vielleicht sogar mit Gewitter, Hagel und allem Drum und Dran. Ich mache den Anfang, obwohl er mich wahrscheinlich sowieso gleich nach Hause schicken würde in einem solchen Fall:
„Es sieht nicht gut aus, was sich da zusammenbraut. Sag, wo ist bloß das schöne Geburtstagswetter von früher hin? Du hast immer gesagt, du seist ein Sonntagskind und deine Mama hätte dich ihren Sonnenschein genannt. Darum sei gutes Wetter …“
Ich spüre zwei erste Tropfen. Auf den Händen. Alles andere ist ja – Ende Mai hin oder her – von der warmen Jacke verdeckt.
„Ich werde für heute gehen. Vielleicht schaffe ich es noch zurück zum Auto, bevor sich die Sintfluttore öffnen. ich komme bald wieder.
Was meinst du?
Ich soll mich jetzt beeilen, aber dich selbst schert ein Wolkenbruch nicht?
Ah, ich weiß, ich kenne dich! Du meinst, weil du hier trocken liegst …!“

Seine Art von Humor fehlt schon ein bisschen. Wie so vieles andere auch.
Es ist und bleibt einfach unzureichend, eine armselige Alternative, seinen Geburtstag seit acht Jahren nur noch auf dem Friedhof begehen zu können …

Doch in einer Hinsicht erkenne ich mittlerweile die Logik:
Es kann das strahlende Geburtstagswetter an diesem Tag überhaupt nicht mehr geben; weil der, weil sein Sonnenschein fehlt.

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) - Ende Mai 2015

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) – Ende Mai 2015

 

© by Michèle Legrand, Juni 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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„Willi wird’s überleben …“

„Du fährst doch auch mit ins Altmühltal, Liesel?“ Die kleine, weißhaarige Dame, die diese Frage stellte, hatte soeben mit einer Freundin das Café betreten. Beide schälten sich aus ihren Jacken.
„Ist das warm hier!“ stöhnte Edith. Sie nestelte am Halstuch. Der dekorative, kunstvoll geknüpfte Knoten war widerspenstig und ließ sich nicht gleich öffnen. Ihre Bewegungen wurden zunehmend hektisch.
Liesel hatte damit keine Probleme. Sie war ohne separaten Halswindschutz, und ihr dunkler Filzhut mit Bernsteinbrosche blieb selbstverständlich dort, wo er hingehörte: auf ihrem Kopf!
Es gibt eine Generation von Damen, die hat das so gelernt. Hat es förmlich eingebläut bekommen! Sie würde sich eher den Finger abhacken, als den Hut abzunehmen. Weder draußen noch im Lokal. Tut man einfach nicht. Der Hut bleibt auf dem Haupt bis zur Heimkehr. Basta!
Edith hatte inzwischen den Knoten überlistet, bekam nun sichtlich besser Luft. Kaum hatten beide Platz genommen, näherte sich auch schon der Kellner ihrem Tisch. Das Gespräch über eine eventuelle Mitfahrt ins Altmühltal musste noch einen kleinen Moment warten.

„Haben Sie schon gewählt? Was darf ich Ihnen denn bringen?“
„Wir hätten gern Kaffee“, antwortet Liesel.
„Café Crema oder Latte Macchiato, Cappuccino …?“
„Nee, nee, normalen Kaffee! Nichts mit diesem Schaum. Richtigen Kaffee! BOHNENKAFFEE, junger Mann! Den haben Sie doch, oder?“
„Selbstverständlich! Zweimal Kaffee … Sehr gern. Große oder kleine Tassen?“
„Gibt es auch Kännchen?“, hakt Edith nach.
„Leider nicht.“ Der Angestellte zieht bedauernd die Schultern hoch.
Kännchen sind am aussterben. So wie die Generation Dame-mit-Hut-plus-Bohnenkaffee-pur selten geworden ist. Heute sind besondere Kaffeekreationen angesagt, gern mit Schaum, wenn es mehr sein soll notfalls in XL-Tassen oder -Gläsern serviert. Ohne Hut getrunken.
Der junge Mann vom Service entfernt sich, die Unterhaltung wendet sich erneut dem Thema Reise zu.

„Ich glaube, ich kann da leider nicht mit“, seufzt Liesel. „Ich habe gerade wieder eine hohe Rechnung bekommen, da ist wohl erst einmal keine Fahrt drin.“
„Ach, nein, sag nicht so etwas!“ Edith reagiert enttäuscht. „Was ist es denn? Strom, Heizung? Musst du nachzahlen?“
„Nein, die Rechnung vom Friedhof ist da. Willis Grabpflege.“
„Wie viel ist es denn?“, möchte Edith wissen.
„Die wollen jedes Jahr 350 €! Dabei tun sie gar nicht viel!“ Liesel klingt leicht verbittert. „Wenn ich nicht hingehen und kontrollieren würde, würden die wohl auch das Vereinbarte nicht immer erledigen. Ich habe sie bereits einmal erwischt.“
„Und warum machst du es nicht lieber selbst?“, fragt Edith.
„Ich schaffe es nicht mehr, alles selbst heranzuschleppen und auf den Knien herumzurutschen! Aber es wurmt mich, wie wenig und was gemacht wird. Weißt du, auf dem Grab sind Bodendecker, und lediglich in der Mitte vor dem Stein ist ein kleines Stück freigelassen für andere Sachen, Blühendes. Momentan pflanzen die dort im Frühjahr einmal fünf Stiefmütterchen, im Sommer fünf Eisbegonien und im Winter decken sie ein bisschen Tanne drauf. Dafür 350 €! Unkraut wächst trotzdem, das mache ich zwischendurch weg. Und gießen tu ich auch! Da kommt selbst bei Dauerhitze kein Mensch!“
„Und wegen der Rechnung kannst du jetzt nicht mit ins Altmühltal? Geht es wirklich nicht? Kommst du denn im nächsten Sommer mit nach Büsum?“ Edith lässt nicht locker.
„Du, so weit im Voraus plane ich nicht mehr. Wer weiß, ob ich dann noch lebe! Die Veranstalter wollen ja sofort bei der Buchung eine Anzahlung! Die zahlt doch keiner zurück, falls … In meinem Alter schaue ich höchstens noch drei Monate voraus.“
„Liesel!“
„Doch, Edith!“ Liesel sieht das ganz nüchtern und hat sich angewöhnt, pragmatisch zu handeln.
„Nun, wenn du nur noch so kurzfristige Sachen planst, musst du jetzt aber doch im Oktober mit ins Altmühltal kommen!“ Edith zwinkert verschworen.
„Kommt eigentlich Marianne auch mit?“ Die zu Überzeugende ist am schwanken und sucht weitere Entscheidungshilfen.
„Nur wenn es dort Diät gibt. Marianne darf ja nicht alles essen.“
„Und was ist mit Gerd?“
„Gerd will nur, wenn die Krögers nicht mitbekommen. Die findet er fürchterlich.“ Edith ist über alles bestens informiert. „Jetzt müssen wir irgendwie die Krögers vom Buchen abbringen …“

Inzwischen ist der Kaffee eingetroffen und für gut befunden worden.

„Liesel, kündige das mit der Grabpflege. Das ist es doch nicht wert! Wie oft gehst du auf den Friedhof?“
„Wie oft? Wieso? Einmal die Woche etwa …“
„Dann lass das mit der Bepflanzung in der Mitte, steck da eine dieser grünen Vasen hin. Bring jede Woche eine einzelne frische Blume oder einen Zweig mit. Dann blüht immer etwas. Notfalls setzt du zwei weitere Bodendecker in die Lücke, wenn dir noch zu viel Erde rausschaut. Die kann ich dir hinbringen und einpflanzen. Tanne brauchst du im Winter nicht unbedingt. Danach macht das Grab kaum Arbeit, und du hast jedes Jahr eine hohe Rechnung weniger.“
Liesel denkt über diese Alternative nach.
„Und du meinst nicht, dass Willi … dass er das komisch fände?“
„Ach, komm, der wird’s überleben!“, kontert Edith.
Liesel reagiert mit leichter Verzögerung. Sie stutzt plötzlich und ruft mehr gespielt als tatsächlich empört:
„Du bist unmöglich!“
„Wieso das denn?“, fragt Edith verdutzt. Sie ist sich ihres Schnitzers überhaupt nicht bewusst.
„Na, hör mal! Willi wird’s überleben! Wird etwas schwierig …!“
Edith errötet. Erleichtert registriert sie, dass die Freundin es nicht wirklich übelgenommen hat, im Gegenteil, der kleine Fauxpas hebt die Stimmung gewaltig. Liesel fällt prompt ein weiteres wichtiges Argument dafür ein, den Grabpflegeservice fortan nicht mehr zu nutzen:
„Du, Edith, wusstest du, dass Willi Eisbegonien immer gehasst hat …?“
Die Freundin lacht laut los und verkündet kurz entschlossen:
„Du kommst mit in den Urlaub! Kündige den Kram – und wenn du grad im Moment etwas Geld brauchst, um mitfahren zu können, dann leihe ich dir einen Teil. Nur komm mit!“

Freundinnen. Schön, dass sie sich haben …
Ein Gespräch, dass inhaltlich (vielleicht nicht immer wortwörtlich) so am vergangenen Sonnabend stattfand. Ich schrieb es auf, weil es einerseits nicht einer gewissen Komik entbehrt und andererseits etwas offenbart, was in unseren Tagen häufig geworden ist: Die traurige Tatsache, wie wenig oft einem Menschen im Alter bleibt. Finanziell gesehen. Den Frauen ganz besonders. Und wenn die Knappheit der Mittel schließlich verhindert, dass soziale Kontakte aufrecht erhalten werden können und an gemeinsamen Unternehmungen teilgenommen werden kann (nichts Luxuriöses, nicht Häufiges, manchmal nur der Kaffee auswärts oder die Kosten für den Busfahrschein), ist das sogar mehr als traurig.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Gwen … Flip-Flops und Meisenknödel

Herbst und die Nachmittagssonne am Mühlenteich - Oktober 2013
Heute Morgen schrieb sie, bei ihr daheim wären 55 Grad. Draußen! Nicht im Backofen. Da hatte sie wohl wider besseres Wissen angenommen, es gäbe auf der Welt nur die Messung in Fahrenheit und das F hinter dem Gradzeichen sei überflüssig.
Allerdings – schreiben wir eigentlich wirklich immer ganz penibel ein C dahinter?
Nun, wie dem auch sei, Gwen nimmt gern an, ich würde schon wissen, würde bestimmt amerikanisch reagieren.
Habe ich frühmorgens aber nicht!
Früh am Tag arbeitet lediglich ein Minimal-Warmlauf-Programm. Ich muss erst langsam auf Touren kommen! Da vergesse ich einfach die Entfernung, die zwischen uns liegt und auch etwaige Unterschiede bei den Maßeinheiten. Immer diese Feinheiten …
Bei mir hatte die Temperaturangabe eine kleine Atemstockung verursacht, gefolgt von einem ungläubigen Blick – anfangs aus dem Fenster und kurz danach auf das eigene Thermometer. Erst dann kamen die Erkenntnis (die amerikanische Reaktion in Form eines großen F, neonorange und blinkend) und das geräuschvolle Ausatmen.
Bei Gwen herrschen also um die 13 Grad Celsius – fast wie hier. Vielleicht drei oder vier zusätzliche Grade im Laufe des Tages – ebenfalls vergleichbar. Eben herbstlich.
Gwen hat immer innere Hitze. Diese Gradzahl wird bewirken, dass sie weiterhin ihre Flip-Flops für adäquat hält. Sie schwenkt eventuell langsam vom Spaghetti-Top auf ein T-Shirt um. Wollsachen sind bei ihr nur bei Minusgraden angesagt, Mützen sowieso verpönt. Sie könnte wahrscheinlich gut in der Arktis klarkommen. Gwen mit leichtem Anorak am Polarkreis. Gwen ohne Handschuhe. Gwendolyn schwitzend, wenn die Quecksilbersäule wieder aus der Minuszone herausschaut.
Warum ich es erwähne?
Gwen empfindet Kälte nicht am Körper, doch sie hat trotzdem das Gefühl für unterschiedliche Jahreszeiten. Welche Jahreszeit wann beginnt – dieses Gefühl, ihres (!), weicht wiederum von meinem ab. Wenn Sie meint, es sei Winter, friere ich – im Gegensatz zu ihr – zwar schon gelegentlich, nur ist bei mir im September trotz allem noch Herbst. Sie jedoch hat in diesem Monat bereits – ungeachtet ihrer aufsteigenden Hitze und der Flip-Flops – das Gefühl, der Winter käme nun über Nacht. Zack! Der Winter mit seinen Folgen.
Daher auch ihre Nachricht. Als Erinnerung.
Nur noch 55 Grad!
Oh, Gott! Es wird Zeit!
Ich habe vergessen zu erwähnen, dass auch unsere Vorstellung von dem, was angesichts der aktuellen Wetterlage in Kürze zu tun sei, sehr unterschiedlich ausfällt. Und hatte ich schon erzählt, dass Gwen mir bereits das erste Mal vor gut einer Woche schrieb? Sie meinte am vergangenen Montag, sie bräuchte jetzt dringend Meisenknödel für ihre Terrassenvogelschar sowieso sämtliche sonstigen herumfliegenden Gartenbesucher. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch entspannt und wollte selbst welche kaufen.
Knödel. Nicht Vögel.
Eine weitere Nachricht kam vor vier Tagen. Gwen war am schwitzen. Diesmal vor Aufregung. Der Oktober hatte begonnen, und bei ihr gab es immer noch keine Fettfutterklöße zum Aufhängen!
Ich weiß nicht, was die sich hier dabei denken, doch offenbar sind denen die Vögel total egal …!
So hatte sie sich entrüstet geäußert. Ich hatte versucht, sie zu beschwichtigen.
Es sei noch sehr mild, und die Knödel träfen sicher bald ein …
Sie hörte gar nicht hin.
Die Vögel fänden garantiert weiterhin reichlich in der Natur …
Sie zweifelte das an.
Dann verriet ich ihr, dass Vögel bei mir so früh noch nie Fettfutter bekommen hätten. Überhaupt keine Zufütterung! Ich würde höchstens einmal kleine Obstfitzel auf der Terrasse vergessen oder verlieren, wenn ich draußen genussvoll einen Apfel kaute und aus dem Gebüsch nebenan neidvolle und vor allem penetrante  (Vogel-)Blicke wahrnehmen würde.
Gwen reagierte entgeistert. Ungläubig. Keine Knödel!
Sie sagte nicht direkt, ich sei geizig und grausam, aber es fehlte nicht viel. Gedacht hat sie es bestimmt, während sie einen Augenblick schwieg.
Im nächsten Moment erklang erneut ihr trauriges Stimmchen, dass sie gar nichts zu verfüttern hätte. Sie versuchte mir die Thematik und auch das Drama zu verdeutlichen. Ich müsste das doch verstehen. Der harte Winter in ihrer Region. Ihre „Kleinen“ würden verhungern!
Gwen lebt übrigens in Georgia. Einem der Südstaaten der USA. Deep South.
Nur in den Appalachen im Norden gibt es überhaupt Minusgrade oder Niederschläge, die als Schnee fallen!
Allerdings stammt sie ursprünglich aus einer kälteren Ecke der Staaten. Vielleicht verwechselt sie nun etwas.
Ich versuchte sie also zu verstehen.
Und sagen Sie selbst: Wer kann schon mit Sicherheit wissen oder es gar festlegen, wann für jemand anderen der richtige Zeitpunkt für dessen Tun oder Lassen gekommen ist?
Und kennen Sie etwa die Vögel in Georgia? Genauer, persönlich? Vielleicht kommen die tatsächlich ab Oktober ohne Unterstützung nicht mehr alleine klar!
Was ließ sich machen?
Sie meinte, die Knödel alternativ selbst herzustellen ginge auch nicht, weil das richtige Mischfutter dazu ebenfalls noch nicht erhältlich sei. Es klang verärgert, aber auch mitleiderregend kläglich.
Um den Elend ein Ende zu bereiten, erklärte ich mich bereit, hier in Deutschland nach Meisenknödeln zu schauen und ihr ggf. welche zu schicken. Als Notvorrat, falls in den nächsten Tagen im Süden Georgias Schneeverwehungen und Vereisungen einsetzten und sie – natürlich kurzärmelig wie immer – hinaus zum Füttern müsste.
Gwen schien erleichtert.

Mittlerweile war ich in den hiesigen Geschäften auf der Suche und wurde fündig. Zwischen den letzten Sommer-Sale-Angeboten und den ersten Tischen mit Lebkuchenherzen, Frostschutzmitteln und Streusalz, befand sich ein Ständer mit Vogelfutter aller Art – inklusive der begehrten Knödel im grünen Netz.
Ich schnappte mir einige Packungen und reihte mich in die Kassenschlange ein. Es dauerte ein bisschen. Hinter mir hörte ich irgendwann eine Stimme:
„Du, schau mal, es gibt schon Meisenknödel! Wir sollten auch welche mitnehmen. Jetzt ist bald Winter. Die Vögel brauchen doch was …!“
Ich schaute mich um. Ein Pärchen. Sie schickte ihn gerade los Richtung Futterständer. Sie trug ein Spaghetti-Top und hatte nackte Füße – in Sandalen zwar, aber ich möchte wetten, Flip-Flops hat sie auch.
„Kennen Sie Gwen?“, fragte ich.

Ich habe das Päckchen mittlerweile abgeschickt. Gwen hakte auch schon nach und schob etwas panisch hinterher, dass es in Wyoming geschneit hätte. Hätte Leah geschrieben.
Stimmt, ich habe es auch gelesen.
Doch Wyoming liegt – rein Richtung Norden gesehen – mehr als 800 Meilen (bzw. über 1300 km) oberhalb ihres Staates (es liegt natürlicher auch westlicher). Und Leah wohnt in den Bergen. Das ist jetzt etwa so, als würden Sie in Norddeutschland in Panik geraten und den Schneeschieber vor die Tür stellen, weil hoch in den Alpen ein weißer Zuckerteppich gesichtet wurde.

Ach, ich bin sicher, die Meisenknödel werden noch rechtzeitig ankommen.

Gwen ihrerseits findet übrigens, dass ich viel zu früh im Jahr Kerzen anzünde.
Ende September! Also wirklich! Das sei doch fast noch Sommer …

Ich mag Gwen.

©Oktober 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Bis in alle Ewigkeit …

Michèle Legrand  - Michèle. Gedanken(sprünge) - BLOGViele Menschen haben bereits erlebt, wie es ist, einen Menschen gehen lassen zu müssen.
Endgültig.
Sie möglicherweise auch …
Manchmal kam es erwartet, in vielen Fällen auch völlig überraschend.
Was ist geblieben?
Nur der Stein auf dem Grab, der ausdrücken soll „Ich war hier“?
Nur Schmerz um den Verlust, womöglich sogar Groll? Die Angst vor Künftigem, vielleicht sogar die vor dem eigenen Gehen müssen?
Oder ist da auch Dankbarkeit? Für gemeinsame Erinnerungen, einfach dafür, dass man einen Teil seines Lebens mit diesem Menschen verbringen durfte?
Ihm überhaupt über den Weg lief!

Ich habe eine Geschichte bei mir im Blog, die ich 2010 veröffentlichte. Die wahre Geschichte einer Freundschaft.
Heute am Totensonntag, der auch Ewigkeitssonntag genannt wird, möchte ich Ihnen den Link dazu hier hinterlassen.
Manche Menschen werden einem immer fehlen und bleiben einem gleichzeitig bis in alle Ewigkeit nahe …

Sie – Die Geschichte einer Freundschaft
-> https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/21/sie/

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Edgar Bessen ist tot. Abschied von einem liebenswerten Menschen …

Morgen wird es in den Zeitungen stehen. Wieder ist ein Guter gegangen.
Sie werden ihn ehren, was er verdient hat. Sie werden an den Schauspieler erinnern, seine Rollen und Engagements, seine Preise erwähnen. Seine Karriere …
Ich möchte an den Menschen Edgar erinnern. Von ihm erzählen.
Im November vor einem Jahr, stieß ich hier im Blog einen Toast auf ihn aus. Mein sehr geschätzter, freundlicher, liebenswerter Stepptanzkollege Edgar feierte damals seinen 77. Geburtstag.
https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/10/herzlichen-gluckwunsch-edgar-%E2%80%93-einen-toast-auf-meinen-steppkollegen/
https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/11/kleiner-nachtrag-zu-edgar/

Heute gibt es leider nur den traurigen Anlass seines Todes, der mich dieses Mal zur Feder greifen lässt.
Edgar Bessen, ein Begleiter meiner Kindheit und meiner Jugend. Begleiter aus der Ferne, denn ich wuchs in der Zeit auf, als Edgar am Theater in Hamburg war, ein „Volksschauspieler“ – seinerzeit fest am Ohnsorg-Theater engagiert. Damals wurden die Aufführungen in größeren Abständen, dennoch regelmäßig, vom Norddeutschen Rundfunk im Fernsehen ausgestrahlt. Damit wurde ich groß. Es war ein Ereignis, wenn eine Aufzeichnung auf dem Programm stand!
Als Kind fand ich sie schön, diese harmlose, heile Welt auf der Bühne mit ihren teilweise herrlich verschrobenen Typen. Und ich mochte den Neffen von Henry Vahl: Edgar Bessen. Es hat leider nicht geklappt, ihn im Weihnachtsmärchen als Prinzen zu sehen, irgendwer machte mir damals einen Strich durch die Rechnung. Das hinderte mich jedoch nicht daran, seinen Weg weiter zu verfolgen, immer aus der Distanz.

Dann, plötzlich vor etwa vier Jahren, lernte ich ihn persönlich etwas näher kennen. Edgar, der früher ernsthaft Turniertanz betrieben hatte (mit seiner Frau), besaß ein Faible für Stepptanz.
Doch, auch noch in seinem Alter!
Es begeisterte mich! Jeden Donnerstag war er dabei, wenn unsere Riege sich traf. Selbst eine Hüftoperation, die, wenn ich mich richtig entsinne Ende 2009 notwendig war, konnte ihn nicht davon abhalten.
Nach der Reha spielte er seine Rolle im Musical „Ich war noch niemals in New York“ weiter, und er kam zurück zu uns zum Training.
Ein bisschen kürzer trat er, und Ende 2010 ging es ihm kurzzeitig nicht wirklich gut.. Wir freuten uns, als er bald darauf erholter wirkte, dennoch schien ihn im Laufe des Frühjahrs das Steppen mehr und mehr anzustrengen. Wir schoben es auf unser anziehendes Tempo sowie spezielles Training vor einem Auftritt. Da er Auftritte ohnehin nicht mitmachen wollte, ließ er diese Choreografien einfach aus.
Edgar setzte sich zwischendurch hinten in den Übungsraum auf dort bereitstehende Stühle, von denen aus er einen exzellenten Überblick hatte und übernahm – wie es sich für einen Schauspieler gehört – mehrere Rollen:
Er war Beobachter, Kritiker, Imitator, Mittänzer (im Sitzen auf seinem Stuhl klapperten oft die Füße im Rhythmus) und vor allem Kommentator. Es ist schwierig zu beschreiben für jemanden, der es nicht miterlebte.
Edgar schien im Grunde ein leiser Mensch zu sein. Ein stiller Charakter. Als reiner Privatmensch. Bis – ja, bis er anfing zu reden und dann wurde klar, warum er ein guter Schauspieler geworden war. Ihm gelang es zu überraschen, er gab seelenruhig die trockensten und am wenigsten erwarteten Kommentare von sich und zwar genau im richtigen Moment.
Pointe auf den Punkt!
Seine Gesten saßen und wirkten doch nicht gestellt. Seine Stimme passte sich mühelos der von ihm dargestellten Person an. Sein Zwinkern brachte mehr zum Lachen, als sogenannte bombensichere Witze manch sogenannter Komiker es vermögen. Sein Humor war ein feiner. Wenn er wen auf die Schippe nahm, dann vorrangig sich selbst.
Ich verglich ihn damals im Blog mit einem kleinen Vulkan, der plötzlich erumpiert. Kein Ätna, der Lavamassen spuckt, die alles unter sich begraben. Vielleicht war er doch mehr das fröhliche Tischfeuerwerk, vor dem keiner Angst haben brauchte, doch alle glänzende Augen bekamen, wenn wieder die Funken sprühten.
Irgendwann im Spätsommer meldete er sich nicht mehr für einen neuen Kurs an. Die Zeit des nur Zuschauens war angestiegen, die des Mitmachens entsprechend gesunken. Ganz trennen konnte er sich dennoch nicht. Er begleitete uns ins St. Pauli Theater, als dort Rasta Thomas und seine Bad Boys auftraten, hervorragende Stepptänzer aus den USA.
Edgar kam weiterhin in regelmäßigen Abständen zu Besuch – zum Gucken und Hallo sagen. Das letzte Mal sprach ich am 26. Januar 2012, eine Woche vor seinem Tod, mit ihm und nichts deutete darauf hin, dass es keine Wiederholung geben würde …

Im November 2008 anlässlich seines 75. Geburtstages, hatte uns ein Fotograf vom Hamburger Abendblatt besucht und die Redakteurin Nataly Bombeck berichtete über ihn. Ein Foto des Stepptänzers Edgar Bessen im Kreise seiner Mädels erschien in der Tageszeitung. In dem erwähnten Interview wurde er gefragt, warum er diesen Sport betreibe. Edgar erklärte ernsthaft:
„Ich muss mich doch fit halten! Ich will schließlich noch 80 werden und merke, dass man beim Tanzen neben dem Körper auch sein Gehirn enorm trainiert. Schließlich muss ich mir dabei so einige Schrittfolgen merken …“

Es hat nicht sollen sein. 78 Jahre alt ist er geworden und hinterlässt Frau, Tochter, Enkeltöchter … denen er sehr fehlen wird.
Auch wir werden ihn alle sehr vermissen. Jede(r) auf seine Art. Hart, ihn gehen lassen zu müssen, aber schön und beruhigend, dass es solche Menschen gibt auf dieser Welt.
Gegeben hat.
Ich habe mich noch nicht an die Vergangenheitsform gewöhnt …
Danke, Edgar Bessen!
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Nachtrag am 16. Februar 2012:
Wie heute verlautete, finden die Trauerfeier sowie die Beerdigung  am Montag, den 20. Februar statt. ->  12.30 Uhr Fritz-Schumacher-Halle, Bestattungsforum Ohlsdorf)
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20. Februar 2012: Ein weiterer Nachtrag:
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Fritz-Schumacher-Halle, Bestattungsforum, Friedhof Ohlsdorf

Die Trauerfeier für Edgar Bessen fand in der Fritz-Schumacher-Halle statt

Heute war die Trauerfeier und anschließende Beerdigung von Edgar Bessen. Der Anlass für eine solche „Feier“ verbietet es eigentlich, das Wort schön als Beschreibung zu wählen. Doch es gibt schöne Trauerfeiern, solche, die es schaffen es, persönlich und würdevoll zu sein. Sie vereinen Freude darüber, dass es den Menschen, der nun gegangen ist, gegeben hat mit der Trauer, dass er jetzt nicht mehr dabei sein wird. Sie bieten allen die Chance, sich zu erinnern, sich mit anderen ein wenig vereint zu wissen in dieser Situation, die den Verlust so deutlich zeigt, und sie geben die Gelegenheit, Edgar Bessen die letzte Ehre zu erweisen. Sich von ihm zu verabschieden. Zu verabschieden, wohlgemerkt, nicht ihn zu vergessen …

Gestern wurde an ihn erinnert. Mehrere Menschen berichteten über ihn, versuchten ein Bild von ihm zu zeichnen. Erzählten aus seinem Leben, beschrieben seine Laufbahn und Karriere als Schauspieler, ließen sogar teilhaben an privaten Erlebnissen der Familie. Es waren Weggefährten, die ihn vor mehr oder weniger langer Zeit begegnet waren – und sein Leben weiter verfolgten oder auch weite Strecken mit ihm zusammen zurücklegten.  (Traueransprachen: Gerd Spiekermann, NDR und Christian Seeler, Intendant des Ohnsorg Theaters). Kollegen, die mit ihm zusammen gearbeitet hatten, sprachen für und von ihm. Andere kamen einfach als Trauergäste. Stimmungsvoll auch die ausgewählte Musik. Love Newkirk, eine Sängerin, mit der Edgar Bessen für Soul Sisters auf der Bühne des Altonaer Theaters stand, sang wunderschön Amazing Grace (später am Grab trug sie ein weiteres Lied vor), Jurek Jerzy Lamorski  spielte auf dem Akkordeon eine Version von La Paloma, wie ich sie noch nie gehört habe! Und wie ich auch ein Akkordeon noch nie gehört habe! Einfach unglaublich … Ein Rilke-Gedicht (Die Blätter fallen, fallen weit…) wurde vorgetragen und Holger Löwenberg sang im letzten Teil Tears in Heaven von Eric Clapton (Ebenfalls wundervoll die Art, wie er es tat!).
Ich glaube, Edgar Bessen hätte es sehr gefallen. Alles. Besonders bestimmt auch das, was sein Schwiegersohn ihm versprach …
Manchmal sah ich Edgar direkt vor mir. Wenn ihm an irgendeiner Stelle zu viel Gedöns um die eigene Person gewesen wäre, hätte er sich vielleicht hingestellt oder aus der Ecke gebrummelt: Kinners, nu is Sluss …!
War es dann ja auch.

Er hat jetzt einen Platz neben Onkel Henry (Vahl). Es fiel die Bemerkung, dass Edgar nicht daran glaubte, in den Himmel zu kommen. Und auch fand: In der Hölle ist es interessanter! Doch dort wollte ihn die Familie denn doch nicht wissen. Sein Schwiegersohn sah ihn gern auf einer Art Zwischendeck sitzend. Jeder müsste an ihm vorbei, und er würde es genussvoll kommentieren.
Das brachte mich sehr zum Schmunzeln. Ich kann es mir außerordentlich gut vorstellen!
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Auf Wiedersehen, Edgar – irgendwann!

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©Februar 2012 by Michèle Legrand

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Das Date – ein Beitrag für www.goodsnewstoday.de

„Dieses Pack! Dieses miese, miese Pack!“ Diesen Satz stieß ein junger Mann damals entrüstet hervor. Bei unserem Date. Er hatte recht, denn durch das besagte Pack, verlief unsere Verabredung ein bisschen anders als geplant …

Logo der Seite Goodnewstoday.deHeute erscheint hier der Hinweis auf eine neue Geschichte, die ich für Raoul Haagen aus Lübeck und seine Seite www.goodnewstoday.de geschrieben habe. Eine von vielen inzwischen, und sie ist heute gekoppelt an sein neues Motto des Monats Februar.
Er wünschte sich eine Geschichte über das beste Date, wobei dies nicht unbedingt bedeutet, dass es das perfekteste, romantischste, unglaublichste Date aller Zeiten sein muss. Wie es auch sein kann, verbirgt sich hinter diesem Link:

http://goodnewstoday.de/gute_nachrichten/2012/02/06/das-date-2/

Den dazugehörenden Podcast habe ich eingesprochen. Er ist ebenfalls auf Raouls Seite abrufbar. Und jetzt – wie wäre es mit dem Kennenlernen von Thomas? Dem Mann, der den oben zitierten Satz so voller Inbrust sprach…

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Sie – Die Geschichte einer Freundschaft

Heute ist Sonntag. Der 21. November 2010. Dieser Sonntag …
Das ist der einzige Kommentar, den ich vorweg dazu geben möchte.
Und es wird auch danach keiner folgen.

Die Audioversion (kostenfrei) ist unter folgendem Link abrufbar:
->https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_414552

SIE – Die Geschichte einer Freundschaft

Sie stand in der leeren Wohnung und starrte an die Wand. Dorthin, wo bis vor kurzem das Bild gehangen hatte. Sie konnte es vor sich sehen, konnte jede Einzelheit, jeden Strich, jede Farbnuance wiedergeben.
Es gab manchmal in Zeitschriften Bilderrätsel. Scheinbar zweimal dasselbe Bild, dass nebeneinander abgedruckt wurde – und doch hieß es: suche die Fehler.  Oh nein, man hätte sie nicht verunsichern können! Sie würde jede noch so kleine Abweichung erkennen, jeden kleinen Fehler finden.
Das Original erschien vor ihrem inneren Auge. Zwei Mädchen, junge Frauen, nebeneinander auf einer Gartenbank sitzend, entspannt  lächelnd und vertraut miteinander wirkend. Ein sonniger Herbsttag war es gewesen, und leichter Wind hatte die Haare der beiden verweht.
Freundinnen. Vor langer Zeit war dieses Foto entstanden und gerahmt worden. Die Freundin hatte eine Kopie dieses Bildes zu Hause hängen gehabt. Viele Jahre.

Sie hatten sich erst als Teenager getroffen, und doch kam es ihnen immer wieder so vor, als würden sie sich bereits ihr ganzes Leben lang kennen. Irgendwann hatten sie sich gegenseitig von ihrer Kindheit erzählt und gar nicht erstaunt festgestellt, dass sie natürlich ähnlich verlaufen war und dass sie sich im Wesen unheimlich ähnlich waren.
Sie, die bereits als Kind diesen unbändigen Freiheitsdrang gehabt hatte. Aus Erzählungen wusste sie, dass sie sogar schon als Baby lautstark protestiert hatte, sobald die Eltern den Versuch unternommen hatten, ihr zur Nacht einen Schlafsack anzuziehen.
Und sie, die andere, die überhaupt nicht begeistert war, wenn sie den Laufstall nur von Weitem erblickte.
Keine mochte dieses Einengen, dieses Gefühl, eingesperrt zu sein. Weder körperlich, noch in irgendeiner anderen Art und Weise. Es nahm ihnen den Atem.
Als Schulkinder verstanden sie zwar sich anzupassen, konnten vieles hinnehmen und lernten, ihre Bedürfnisse zurückzustellen, ihr Unwohlsein hinter einem Pokerface zu verbergen. Alles andere hätte ihre Lage in dem Umfeld, in dem sie groß wurden, eher verschlechtert als verbessert. Wer sie nicht gut kannte, und das waren viele, bekam weder etwas von den häuslichen Katastrophen, noch ihrem Unbehagen oder gar ihren wirklichen Wünschen und Hoffnungen mit.
Sie ließen ihre Phantasie spielen, und wenn es sie nach Freiheit verlangte, musste manchmal der Wind im Gesicht reichen, der ihnen bei einer wilden Fahrradtour entgegen blies. Oder die Höhe aus der sie schauen konnten, wenn sie einen der knorrigen Bäume erklommen. Das Gleiten auf uralten Rollschuhen bergab. Das Entstehen von Bildern im Kopf. Das Erleben von Geschichten in einer anderen Welt.
Jede hatte das für sich getan. Jede war so auch ein wenig der Wirklichkeit daheim entflohen und hatte nur auf den Moment gewartet, der ihnen das Recht gab, sich ihr Stückchen Freiheit zu nehmen.
Die eine hatte es mit 19 Jahren in Venezuela gemacht, hatte Koffer gepackt und war nach Deutschland gekommen, das Land ihrer in den 40er Jahren nach Südamerika ausgewanderten Familie.
Die andere hatte ein paar Habseligkeiten gesammelt, eine Miniwohnung bezogen,  gearbeitet wie ein Tier und  dabei ganz langsam angefangen zu leben.
Jede hatte Wunden geleckt, hatte aber gewusst, dass jetzt die Zeit des Gesundens gekommen war. Es war die Zeit gekommen, mit Vorherigem abzuschließen. Frieden zu schließen.

Und dann waren sie sich über den Weg gelaufen. Bei Freunden eingeladen. Nach fünf Minuten ins Gespräch gekommen, verblüfft geschwiegen. Den Rest des Abends nur beobachtet und später still die Party verlassen. Beide hatten unabhängig voneinander den Gastgeber am nächsten Tag gefragt, ob er wüsste, wie man die jeweils andere erreichen könnte.
Sie waren in einer undefinierbaren Art überwältigt gewesen vom dem Gefühl, einen Menschen gegenübergestanden zu haben, der der berühmte Seelenverwandte sein konnte.
Später kam das erste richtige Treffen und aus dieser ersten Bekanntschaft wuchs eine tiefe Freundschaft. Blindes Verstehen, blindes Vertrauen. Bei beiden der Wunsch, daran zu glauben, dass die Welt eben doch besser war, als bisher erfahren. Das wachsende Gefühl, dass es doch Menschen gibt, die anders sind, eben menschlich, mitfühlend, lebendig – in ihrem Herzen einfach gut. Der Glaube daran war zeitweise nicht mehr vorhanden gewesen.
Was hatten sie für Diskussionen geführt, was sie alles ändern und anders machen wollten – mit dem Nachwuchs, den sie selber gerne haben wollten – und gegenüber der Menschheit allgemein. Keine der beiden  hatte  je begreifen können, wie manchmal mit Kindern umgegangen wurde.
Wie man sich an ihnen vergriff, verging.
Wie man sie sich selbst überließ, sie mit Gleichgültigkeit strafte, obwohl sie nichts getan hatten, was so ein Verhalten irgendwie hätte rechtfertigen können.
Wie man ihnen halbherzig Schwimmflügel hinwarf, die nicht aufgeblasen waren. Den Rettungsring, der nie da war – geschweige denn derjenige, der ihn zugeworfen hätte.
Das Wissen, dass es nur etwas bringen würde, wenn man Kindern zeigen würde, wie sie selber schwimmen konnten und gleichzeitig die tiefe Gewissheit vermittelte, dass im Notfall immer jemand da war.
Der Unglaube darüber, dass man in der Gesellschaft jeden neu gepflanzten Baum mit zwei dicken Stützpfählen vertäute. Stützpfähle dicker als der Baum selbst. Nur einem menschlichen Pflänzchen gab man diese Unterstützung nicht.
Der Wunsch, es anders zu machen, war tief im Innern verankert. Die Einsicht, dass man selbst etwas ändern musste, wenn die Umstände nicht so waren, wie man sie gern hätte.
Das Bedürfnis, in die Welt heraus zu schreien: Was ihr sät, das erntet ihr auch! Wer Zwiebeln anpflanzte, konnte keine Erdbeeren ernten. Es geht einfach nicht! Es kommt nichts anderes zurück, als das, was du hinein gibst!
Die Überzeugung, dass es sich bei positivem Handeln und positiven Gedanken genauso verhielt. Ebenso wie es auf negatives Tun zutraf.
Pläne wurden geschmiedet für die Zukunft. Beide heirateten, die eine war Trauzeugin der anderen, und beide wünschten sich Familie.

Dann kam alles anders. Sie wurde krank. Ernstlich. Sie kämpfte, und es sah so aus, als würde sie die Stärkere sein. Es besserte sich – um dann ein halbes Jahr später mit aller Macht zurückzukehren. Inzwischen war sie mit ihrem Mann für längere Zeit nach England gezogen. Es war beruflich für ihn nötig geworden. Die Ärzte halfen dort genauso gut oder schlecht wie sie es hier in Deutschland getan hätten. Eben so, wie es vom schulmedizinischen Wissen, ihrem Können und ihrer Erfahrung her möglich war.
Zwei Jahre Auf und Ab folgten. Anfangs hatte sie gewollt. Wollte leben. Nur als man ihr nach und nach immer mehr schlechte ‚Botschaften‚ mitteilte, verlor sie den Mut. Wollte sie auch ‚so‚ leben? Ständige Angst, keine Kinder, geschädigte Organe, Rückfälle, Operationen, Therapien und Isolation. Isolation, das war das Schlimmste gewesen, vor und nach der Knochenmarktransplantation …
Ihr Mann kam nicht damit zurecht und konnte ihr in seiner eigenen Hilflosigkeit keine Stütze, keinen Trost geben. Zweieinhalb Jahre vergingen insgesamt. Dann kam der Tag, an dem sie sagte, dass sie nicht mehr kämpfen wolle. Die Ärzte versicherten ihr, dass noch gute Chancen wären, wenn man – ja, wenn man hundert Dinge probieren würde. Sie sagte ja, ohne es zu meinen. In der Nacht versagten nacheinander die Organe, und sie starb mit nicht einmal 33 Jahren.

Ihr Blick kehrte zurück zur Wand, wo das abgehängte Bild einen hellen Fleck hinterlassen hatte. Sie hatte geholfen, die Wohnung mit leer zu räumen, denn der Mann ihrer Freundin hatte beschlossen, im Ausland  zu bleiben. Er hatte ihr versprochen, ihr dieses Bild zu überlassen. Doch es war weg gewesen, als sie das letzte Mal kam. Er konnte nicht sagen, wo es war oder wer es wohl genommen hatte. Sie hatte nur noch ein anderes, was sie beide zeigte. Nebeneinander am Tisch eines Gartenlokals, Eis löffelnd. Komischerweise gab es kaum Bilder von ihnen beiden.
Langsam ging sie durch den Flur hinaus ins Treppenhaus, zog die Tür hinter sich zu und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Und wie eine alte Frau fiel sie von Stufe zu Stufe hinab, bis sie unten angekommen war. Draußen schien die Sonne, als wäre nichts geschehen.

Sie würde ihr so fehlen, und doch wusste sie in einer kleinen Ecke ihres Herzens, dass sie sie nie ganz verlieren würde.
Seelenverwandte gehen nie ganz.
Niemals.

©November 2010 by Michèle Legrand

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