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Tattoos am Bein …

„Dauert das noch lange?“
Schlange stehen vor dem Schalter in der Bank langweilt den Jungen.
„Fünf Leute sind noch vor uns dran, ich hoffe es geht schnell“, so lautet die Antwort seiner Mutter. „Du kannst dich ja da vorne hinsetzen.“
Er hat kein Sitzfleisch, sondern stromert in der Gegend umher, beobachtet Kunden an den Geldautomaten. Nach kurzer Zeit kehrt er zurück.
„Mama, da hinten ist eine Frau mit ganz vielen Tattoos!“
„Ach, ja?
„Ja, echt viele! Die Beine sind ganz voll! Überall!
„Heutzutage haben sehr viele Menschen Tattoos …“
„Ja, schon. Aber die Frau ist ganz schön alt!“
Jetzt muss ich doch auch mal schauen, was er a) als alt empfindet und b) was das für Tattoos sind, wenn sie ihm so ins Auge stechen. Irgendwie ist das eigenartig, denn wir haben Winter. Läuft tatsächlich jemand mit nackten Beinen herum? Von der älteren Generation?
Ein Pfeiler versperrt die Sicht auf die Dame, jedenfalls auf das, worauf es mir ankommt, und da ich nicht meinen Platz in der Schlange aufgeben möchte, bleibt mir nichts anderes übrig, als abzuwarten. Immerhin bin ich vor den beiden dran, das kann sich nicht mehr allzu lange hinziehen.
Der Junge behauptet mittlerweile, die Frau, seine Entdeckung, sei mindestens so alt wie seine Oma und verschwindet danach ein weiteres Mal. Tattoos anschauen zum Zweiten.
Wie alt mag seine Oma sein? Irgendein Alter zwischen mindestens 60 und höchstens 75 Jahren wird vermutlich auf sie zutreffen.
Er kommt zurückgedüst.
„Du, das sind echt ganz tolle Bilder! So richtig viel mit Blau und Rot und Grün und so …!“
„Also ich glaube, ich würde in dem Alter keine haben wollen“, sinniert die Mama, „denn wenn die Haut später richtig faltig ist, dann wirkt das nicht mehr so schön.“
„Ja, aber wenn sie die Dinger, die Tattoos schon hatte?“
„Sie wird sie sicher schon länger haben“, vermutet seine Mutter, „ich kenne keine ältere Dame, die jetzt mit dem Tätowieren anfangen würde. In der Generation ist das einfach nicht angesagt. Allerhöchstens ganz versteckt. Ein Minischmetterling unten am Fuß vielleicht.“
„Du, Mama, die Frau hat aber ganz glatte Haut an den Beinen.“
„Dann ist sie vielleicht doch nicht so alt?“
Er hat es geschafft. Ich bin wirklich neugierig!
Mittlerweile habe ich meine Bankangelegenheit erledigt und wandere Richtung Kontoauszugsautomat, denn inzwischen ist die Dame dort tätig. Einerseits möchte ich wirklich einen Kontoauszug ziehen, andererseits … ich muss das jetzt checken!
Er hat nicht gelogen. Die Dame hat die Siebzig bereits überschritten, und ihre Beine sind bunt.
Allerdings … sie trägt Strumpfhosen!
Kein Wunder, dass sie faltenfreie Tattoobeine hat!

War Ihnen das schon bekannt? Dass es tatsächlich Damenstrumpfhosen mit Tattoodesign gibt?
Sehr echt wirkend übrigens!
Stellen Sie sich vor, was Sie damit alles anstellen könnten! Mit diesen Verwirr-Strumpfhosen.
Oder erst mit einem Ganzkörperanzug!
Was könnten Sie Ihnen bekannte Mitmenschen aufs Glatteis führen! Am besten nach einem Urlaub. Sie kündigen ihre Rückkehr telefonisch sehr geheimnisvoll an. Erwähnen dabei Termine, die sie nun hinter sich haben und betonen persönliche Veränderungen. Nein, Sie könnten vorher nicht darüber sprechen …
Sie verabreden sich kurz darauf in einem gut geheizten Café. Klar, oder? Das ist nötig, damit Sie einiges von der verdeckenden Oberbekleidung von sich werfen können.
Tataa!
Das haut den stärksten Kerl vom Hocker, wenn Sie – bis aufs Gesicht – komplett tätowiert sind! Und machen Sie sich keine Sorgen; die Verärgerung wird sich in Grenzen halten. Die meisten sind hinterher so dermaßen erleichtert, dass Sie es nicht durchgezogen haben, dass man Ihnen den Beschiss augenblicklich verzeihen wird.

Ich habe ja keine Ahnung, welche Läden bereits die Strumpfhosen führen, doch im Internet bestellen können Sie sie auf jeden Fall. (z. B. bei maskworld.com. – Hosen und auch Armdekore mit verschiedenen Aufdrucken)
Berichten Sie mir doch bitte, wenn Sie für Furore sorgten! ;-)

Ansonsten wünsche ich Ihnen einen relaxtes Wochenende und sage: Bis bald!

© by Michèle Legrand, Januar 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Die Gerüchteküche – Von Raterei über Tratsch zur Verleumdung

Es ist nicht ganz klar, woran es vorrangig liegt. Vielleicht muss alles eine Begründung haben, muss eine scheinbare Ordnung geschaffen oder eine Orientierung gegeben werden. Irgendeine.
Und wenn sie erdacht ist!
Oder der Mensch bildet sich ernsthaft ein, er sei oberschlau, wüsste mehr. Nein, wüsste alles!
Was redet er doch gerne mit. Immer. Überall. Wenn er etwas nicht weiß, kein Problem! Er kann zumindest
so tun als ob. Kann wenigstens raten. Mutmaßen.
Gut, wenn sich eine Gelegenheit findet …

Vor längerer Zeit arbeitete ich mit einem Kollegen mittleren Alters zusammen, der erschien, nachdem er jahrelang in dunklem, relativ sackähnlichem Outfit sein Dasein fast gefristet hatte, am ersten Arbeitstag nach einem Urlaub sehr aufgeräumt in einem froschgrünen, die Figur betonenden Samtblazer.
Verblüffung und Stielaugen im Büro!

Und dann sagte der Lump von sich aus kein Wort dazu!
Er verriet den neugierigen Kollegen nicht, was den Ausschlag für diese eklatante Abweichung von der Norm gegeben hatte! Solch ein Verhalten forderte Vermutungen geradezu heraus!
Er hat im Urlaub bestimmt jemanden kennengelernt, hieß es. Genau, er hat eine Freundin …
Er hat sie geschenkt bekommen (die Jacke, nicht die Freundin).
Plötzlich einsetzende Farbenblindheit war im Gespräch oder die Vermutung, es könnte ein Schnäppchen gewesen sein. Aufgeschwatzt von einer attraktiven, ganz reizenden und überaus überzeugend wirkenden, jungen Verkäuferin.
Eine weitere Idee besagte, dass mit großer Wahrscheinlichkeit ein ganz spezieller Geschenkgutschein der Grund gewesen sei, einer, der in einem damals angesagten Modegeschäft galt, das einfach nichts anderes als hippe, bunte Sachen anbot.
Nein, verkündete sein Vorgesetzter, der Jugendwahn hätte ihn neuerdings ereilt. Der und/oder die Angst vor dem Alter.
Dieses Gerücht erschien plausibel und wurde so lange als Fakt übernommen, bis jemand die neue Theorie in den Raum warf, er hätte sich morgens im Dunkeln an der Garderobe vergriffen und eine Jacke seiner fast erwachsenen Kinder erwischt.

Der Grund war natürlich ein völlig anderer: Der Kollege hatte im Laufe der Monate kontinuierlich abgenommen. Der einstmals recht rundliche Mann war schlank geworden! Nur weil dieser Prozess langsam vor sich gegangen war, hatte es keiner richtig mitbekommen. Zudem hatte die weiterhin weite Kleidung es bisher kaschiert.
Eines Tages – in diesem Fall während seines Urlaubs – war für ihn der Zeitpunkt der Erkenntnis gekommen: Er bräuchte nicht länger ausschließlich dieses schlankmachende Schwarz oder ein den Menschen in den Hintergrund verfrachtendes, müdes Grau. Die Gewichtsabnahme hatte ein neues Körpergefühl mit sich gebracht und die Einstellung reifen lassen, das Auffallen fortan nicht mehr unter allen Umständen vermieden werden musste.
Also falsch getippt.

Immer wenn im Alltag irgendwo etwas Außergewöhnliches – im Sinne von anders als gewöhnlich, jedoch selten weltbewegend – passiert, brodelt die Gerüchteküche. Und die Vermutungen werden hinter vorgehaltener Hand weitergetragen – was miteinander zu verbinden scheint. Es liegt an der Mitwisserschaft. Sie fördert offenbar die Entstehung eines (heimlichen) Gemeinschaftsgefühls.
Obendrein ist wohl die Unsicherheit prickelnd, die Spannung, weil ein Gerücht nicht zwangsläufig unwahr sein muss! Es kann auch stimmen!
Nur wer weiß und entscheidet, was oder wie viel davon wahr oder falsch ist? Ob sich ein Gerücht als glaubhaft darstellt und hält (!) oder sofort als Hirngespinst abgetan wird, hängt natürlich auch von der eigenen Erwartungshaltung ab. Kann ich es mir vorstellen, klingt es wahr oder zumindest denkbar.

Irgendwie erinnert die ja typischerweise mündliche Übertragung eines Gerüchts an das Prinzip der Stillen Post: Das Ausgangsgerücht unterliegt laufenden Veränderungen bzw. Anpassungen. Unliebsames wird weggelassen, ein anderes Detail ergänzt, eine Variante entsteht.
Dafür, dass es im Grunde um gar nichts Großes geht, lösen einerseits die Situation an sich, andererseits das dazugehörige Gerücht enorme Aufmerksamkeit, in gewisser Weise auch Anteilnahme, aber vor allem menschliche Neugier und erstaunlichen Ideenreichtum aus. Hier kann eben jeder mitmischen. Hat die Gelegenheit, sich ins Rampenlicht zu drängeln und wichtig zu machen. Kann ungefragt seinen Senf dazugeben und uneingeschränkt herumorakeln.
Bis zu einem gewissen Punkt ist die Absicht eher unbekümmerte Raterei, und solange zumindest der andere Beteiligte, der, um den es im Gerücht geht, anwesend ist und sich selbst äußern oder Falschspekulationen resolut Einhalt gebieten kann, hat jeder die Situation im Griff.
Doch häufig ändert sich die recht harmlose Ausgangslage, und es entsteht allmählich eine Gratwanderung, bei der viele abrutschen. Plötzlich ist auch nicht mehr nur ein Einzelner (der auch schon genug anrichten kann!) auf dem Gerüchtepfad unterwegs, sondern mit ihm eine im Nu entstandene Gefolgschaft.
Dann zeigt sich die Kehrseite der Medaille: eine gewisse Unberechenbarkeit. Es wird schnell klar, dass bei Gerüchten zahlreiche Fehlschüsse garantiert sind, die im besten Fall nur für Unmut und Verwirrung sorgen, jedoch ebenfalls – die Gefahr ist nicht wegzureden – erheblichen Schaden anrichten können.

Es stehen hier mehrere Garagen, die nicht jeweils einem der umliegenden Hauseigentümer gehören, jedoch auf Wunsch von diesen angemietet werden können. Natürlich weiß jeder Anwohner, wer aus der Nachbarschaft sein Auto in einer Garage untergestellt hat und wer nicht.
Neulich stand der Wagen einer Mieterin draußen. Nicht nur am Tag, auch nachts. Und nicht nur einen Tag und eine Nacht, sondern mehrere. Die Rateküche wurde prompt eröffnet, und die Gerüchtebrutzelei in der (weiträumigen) Nachbarschaft ging los:
Warum hat die denn ihr Auto nicht in der Garage?
Hat sie wohl gekündigt. Die Miete ist ja auch happig auf Dauer. Ob sie Geldprobleme hat?
Nein, Frau X. hat sich sicher mit dem Eigentümer der Garagen überworfen –sie hat doch mit jedem Zoff! Der hat sie rausgeschmissen!
Wurde nicht neulich eine der Garagen aufgebrochen! Könnte ihre gewesen sein. Geschieht ihr übrigens recht. Wahrscheinlich darf sie noch gar nicht wieder hinein! Polizeianweisung …
Vielleicht hat sie ja auch nur den Schlüssel verloren …
Oder ihr Auto ist kaputt und springt nicht an. Sie kann es gar nicht wieder reinfahren.
Ach, was! Das macht die doch extra! Die braucht mal wieder zwei Plätze.
Oder sie will das Auto verkaufen! Steht wohl zur Besichtigung draußen … Ich sag ja, sie hat kein Geld!

Inzwischen parkt das Auto wieder in der Garage. Es hat sich auch herausgestellt, was die Ursache für das Parken unter freiem Himmel war: Die Mieterin benutzte die Garage für die Dauer einer guten Woche als Zwischenlager für aussortierte Möbelstücke. Solange, bis die Sperrmüllabfuhr erfolgte.
Ende des Rätselratens. Wieder einmal lagen die Gerüchteverbreiter falsch. Sie nagt keinesfalls am Hungertuch, benahm sich nicht daneben, wurde nicht ausquartiert.

Im Vergleich zur nicht sehr ernst gemeinten – und vor allem offenen – Raterei um das Jackett des Kollegen, hatten diese Spekulationen hinter dem Rücken schon ein anderes Kaliber.
Sie tun keinem gut. Weder der Person, über die spekuliert wird, noch denen, die Vermutungen unter das Volk bringen. Hier ist Sympathie oder Antipathie gegenüber der Zielperson ausschlaggebend für das weitere Verhalten und für die Art der Gerüchte. Das kann im Fall von Sympathie und dementsprechend wohlwollenden Theorien theoretisch auch einmal zum Vorteil gelangen, doch wesentlich öfter ist genau das Gegenteil der Fall, und es entstehen sehr schnell Stimmungsmache, ein verzerrtes Bild, üble Nachrede, Zoff, verhärtete Fronten.
Tratsch, der ausartet – mit all seinen negativen Folgen.
Blogartikel Gerüchte etc.
Bei meiner Oma im Haus wiederum kursierten einst wilde Verdächtigungen, weil vor Weihnachten die Amaryllis verschwunden war. Meine Großmutter zog im Treppenhaus am Fenster immer drei bis vier verschiedene Pflanzen in kleineren Kübeln, weil sie den gekachelten Flur dann als nicht so kahl und steril empfand.
Die Amaryllis hatte sie am Nikolaustag auf die Fensterbank dazugestellt. Fünf Tage später herrschte an diesem Platz allerdings gähnende Leere …
In dem Haus ohne Fahrstuhl wohnten zehn Mietparteien auf mehreren Etagen. An der Blume am Fenster im ersten Stock kamen daher die meisten vorbei. Sie hatten sie bewundert, denn bald würde sich eine tolle, recht große, in einem warmen Rot leuchtende Blüte zeigen. Die Amaryllis trieb kräftig aus ihrer Zwiebel und schob bereits einen langen, dicken Blütenstiel heraus, der jeden Tag deutlich sichtbar ein Stück wuchs und an dessen oberen Ende die Knospe dicker und dicker wurde.
Als die Pflanze verschwand, wurde vom Bewohner der Wohnung unten rechts als erstes der neue Zeitungsausträger des Entwendens verdächtigt. Weil der problemlos ins Haus konnte und bisher immer so mürrisch gewesen war. So etwas ist immer verdächtig!
Kurz darauf schmiss jemand aus dem dritten Stock einen leeren Blumentopf in den Müllcontainer, was eigentlich nur eines heißen konnte: er hatte die Blume gestohlen! Er hatte sie höchstwahrscheinlich gekappt, nur den Stiel ins Wasser gestellt und den Topf entsorgt. Man war sich zwar nicht mehr ganz so sicher, wie der Topf eigentlich ausgesehen hatte, aber das alles konnte doch kein Zufall sein! Nicht wahr?
Die aus dem Erdgeschoss links hatten den Hausmeister angerufen und gemeldet, dass im Haus geklaut worden sei. Beschuldigungen fielen. Der Hausmeister hielt sich klugerweise aus den haltlosen Verdächtigungen heraus, doch es wurde ein Zettel an der Eingangstür angebracht mit der Bitte, die Tür immer verschlossen zu halten. Von jetzt an auch tagsüber.
Auf die Idee, mit meiner Großmutter Kontakt aufzunehmen – alle wussten ja, dass es um ihre Pflanze ging – kam bis zu diesem Zeitpunkt keiner. Erst am dritten oder vierten Tag zeigte man ihr gegenüber tiefes Mitgefühl bezüglich des Verlustes und Entrüstung über das Verschwinden. Was für ein dreister Diebstahl!

Sie staunte nur Blauklötze, als man ihr all die bis dahin aufgetauchten Theorien vorstellte. Sie reagierte deshalb völlig perplex, weil sie den Topf selbst in die Wohnung zurückgenommen hatte! Sie hatte gemeint, dass der Flur für die Amaryllis im Dezember zu kalt und zugig wäre.
Das Thema Amaryllis-Klau wurde übrigens von den Mietern danach nie wieder erwähnt.

Haben Sie es bemerkt? Die weitere Steigerung bei dieser letzten Begebenheit? Aus der Luft gegriffene Vor-
würfe, Diebstahlsbezichtigung ohne jeglichen konkreten Anhaltspunkt, Verleumdung.
So etwas geht schlicht zu weit.
Ich wähle bewusst unspektakuläre, tagtäglich vorkommende Situationen, solche, die Sie selbst alle sicher schon hundertmal erlebt haben. Mir ist völlig klar, dass es viel dramatischere, das Leben verändernde, es umschmeißende Gerüchte gibt! Dass Unterstellungen ausgesprochen werden, die Menschen in die Verzweiflung treiben, Depressionen oder gar Selbstmord auslösen.
Ich habe solche Umstände selbst miterlebt!
Nur alles fängt immer im Kleinen an, wird unterschätzt, wird hingenommen, wird zur Gewohnheit und irgendwann fällt es nicht mehr auf, dass sich die „Qualität“ und das Ausmaß der Gerüchteverbreitung geändert haben und man inzwischen gar nicht mehr Herr der Sache ist. Keine Kontrolle garantieren kann.
Es beginnt also im Kleinen, im hundsnormalen Alltag – und genau dort sollte sich tunlichst jeder schon überlegen, wie die eigene Einstellung aussieht. Wie stehe ich dazu, und wie reagiere ich. Jetzt und zukünftig.
Jeweils abwägen und gebremst mitmischen oder lieber ganz die Finger davon lassen? Lassen sich die Grenzen zwischen neckender Raterei,  ein bisschen Klatsch und einer fragwürdigen Gerüchteverbreitung stets sicher erkennen? Wann ist Tratsch nicht mehr harmlos, sondern gefährdend und Menschen schädigend?

Wem an den Haaren herbeigezogene Verdächtigungen unsympathisch sind, wer wilde Mutmaßungen für verzichtbar hält, wer kein Gefallen am Verbreiten völlig ungesicherter und vermutlich unzutreffender Aussagen findet, seinem Gegenüber vor allem mit Respekt und Achtung begegnen möchte und wem klar ist, dass sogar ein Zurücknehmen einer Aussage nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit ungeschehen machen, dem bleiben zwei Lösungswege. Zwei ganz einfache Verhaltensweisen angesichts einer Situation, die man durch mangelnden Kenntnisstand nicht beurteilen kann:

Lösung 1: Klappe halten
Lösung 2: Nachfragen
(Sollte es keine Auskunft geben oder ist die Verbreitung der Information unerwünscht, kommt automatisch wieder Lösung 1 zur Anwendung.)

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas …?

Er ist inzwischen genervt. Der Knabe hat die letzten Minuten mit dem bisher vergeblichen Versuch verbracht, die Verpackung eines original verschlossenen Playmobil-Sets zu knacken. Das Ding ist dermaßen zu, zuer geht es nicht.
Während viele (häufig) weibliche Wesen dazu tendieren, ein Objekt beim Öffnen der Verpackung relativ unzerstört zu belassen (selbst den schnöden Außenkarton!), kehrt mancher (meist) Mann nach einer Zeit – in der er zumindest gezeigt hat, dass er guten Willens war, es gesittet zu versuchen – den wilden Kerl heraus. Nach dieser Anstands- und Versuchsphase, also nach maximal drei Minuten, wird seine Vorgehensweise zielstrebiger, resoluter. Er schaltet um auf pure Gewalt.
Dieses junge männliche Wesen ebenfalls. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das wilde Reißen führt zum Teilerfolg; die Verpackung ist geöffnet. Allerdings hat die Methode auch einen Nachteil: Es fliegt die Hälfte des Inhalts in der Gegend herum.
„Ochhh! Mann! Oma, das ist doch voll Kacke!“, stellt der Zerrer frustriert fest.
„Pssschht! LEO! Das sagt man nicht!“, heißt es postwendend. Man hört, wie empört die Luft eingesogen wird.
Er vernimmt es gedämpft, denn er liegt bereits auf dem Boden, um die Einzelteile einzusammeln. Jetzt erscheint sein Kopf oberhalb der Tischkante:
„Ja, aber, das ist doch wirklich Kacke! Wie kam man das so blöd verpacken! Oma, ich meine ja nicht, dass Playmobil doof ist. Also, dein Geschenk! Nur, dieser Kackkarton!“
Oma beherrscht sich. Sie erwidert äußerlich ruhig:
„Leo, das habe ich schon richtig verstanden! Aber dieser Ausdruck mit Kacke, der muss doch nun wirklich nicht sein! Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas? In der Schule?“
Leo ist Grundschüler. Geschätzt ein Zweitklässler.
„Nein. Das habe ich nicht aus der Schule.“ Er zögert. Sein Blick geht zur kleineren Schwester, die vier oder fünf Jahre alt ist. „Lina kennt das auch …“
„Ach, dann stammt das aus dem Kindergarten?“, fragt Oma nach.
Lina bestreitet es kategorisch.
„Nun, ist im Grunde ja auch völlig egal. Doch ich möchte das nicht hören, habt ihr verstanden?“
Die beiden nicken.
Lina hat es leichter mit ihrem Geschenk. Es ist ein locker in buntes Papier gewickeltes Puppenkleid. Oma nimmt ihr das soeben entfernte, fast unversehrte Papier ab. Sie faltet es. Auch so ein weiblicher Zug. Könnte man ja eventuell wiederverwenden …
Sie sitzen noch ein Weilchen zusammen am Tisch und verdrücken ihr Eis. Die neuen Playmobil-Männchen werden in die Handlung eingebunden. Leo nimmt eine Figur als Polizisten (eigentlich ist das Männeken ein Bauarbeiter), eine zweite als Verbrecher. Die beiden geraten in eine Schlägerei. Der Verbrecher landet im Knast (dem leeren Playmobil-Karton) und heult. So hört es sich an. Der Polizist stürzt bei dem heldenhaften Einsatz von der Tischplatte. Das Mädchen zeigt eine fürsorgliche Ader und füttert (angedeutet) den nicht heulenden, jedoch leicht verletzten, sichtbar humpelnden Gesetzeshüter mit den bunten Streuseln, die ihr Eis zieren. Ihre (dritte) Figur ist eine Frau – die ebenfalls schwer einem Bauarbeiter ähnelt. Nein, eine Frau, sagt sie, eine Frau Doktor, und Streusel sind Medizin.

Ein Mann nähert sich zielstrebig dem Tisch.
„Hallo, Papa! – „Papa, Papa!“ erschallt es im Chor.
„Na, ihr … – Tach, Mutti.“ (Die Familienverhältnisse wären geklärt.)
Küsse werden verteilt. Danach rutscht er mit auf die Sitzbank. Die Unterhaltung nimmt ihren Lauf. Irgendwann zieht Papa sein Smartphone heraus, tippt und wischt herum, stutzt und vermeldet erregt:
„Das gibt es doch nicht! Jetzt ist dieser elende Akku schon wieder leer! Das ist doch voll Kacke!“

Sie können sich sicher ausmalen, wie die Reaktion auf allen Seiten ausfiel …

Diese kleine Begebenheit wird heute spontan eingeschoben, da sie sich sympathisch kurz wiedergeben lässt. Das wiederum kommt mir momentan sehr entgegen, denn dummerweise kann ich zurzeit den Kopf nicht richtig drehen, heben oder senken und dadurch nicht lange am Laptop arbeiten. Irgendein blöder Nerv rebelliert.
Voll Ka..e! (Verzeihung. Aber es trifft’s.)
Dies also als Hallo zwischendurch und gleichzeitig als Hinweis, dass Salut! (4) noch ein wenig braucht.

Ihnen ein nettes Wochenende, fröhlichen Nikolaus sowie einen schönen zweiten Advent!

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Pferdestory ohne Pferd …

Gaulloses Wiehern und huffreies Galoppieren. Gibt es tatsächlich! Beweise habe ich mittlerweile.
So kommt es heute zur Pferdestory ohne Pferd.
Sie werden stattdessen Ersatzhengst und Stutendouble kennenlernen.

Wissen Sie, was ich unpraktisch finde?
Dass der Mensch manchmal zu perplex ist, um schlagfertig zu reagieren. Allerdings – vielleicht ist man auch nur zu abgeklärt, zu vorsichtig, ein Schisser … was auch immer, um sich auf einen (sinnlosen) verbalen Schlagabtausch einzulassen. Einen, der dann womöglich nicht einmal verbal bleibt sondern ausartet und womöglich handgreiflich wird!

Pferdestory ohne Pferd ... Ausspanntee!Ich setzte mich vorgestern unterwegs an einen Tisch, um meinen Ausspanntee (im Sinne von „Getränk um sich zu erholen“, kein sonderbarer Wundertrank um „jemandem jemanden auszuspannen“) zu genießen und bemerkte leider zu spät, dass zwei Tische weiter ein lautes, anstrengendes Frauentrio hockte. Ich sage Frauen, weil der Begriff Damen irreführend wäre.
Als ich eintraf, waren alle mit dem Handy beschäftigt und zufällig leise, doch kaum hatte ich bestellt, ging ein wahnsinniges Palaver los. Mein Rasenmäher ist leiser. Und klingt zudem intelligenter.
Ein Wesen hatte ein besonders durchdringendes, dominantes Organ, dabei gleichzeitig eine dermaßen nöhlige, unzufriedene Stimme, dass es einer Vergewaltigung der Ohren gleichkam und sich meine Nackenhaare unverzüglich aufrichteten.
Die Bestellung konnte ich nicht mehr rückgängig machen, doch ein Blick Richtung besagtem Tisch und das Entdecken fast leerer Tassen und Gläser, ließ mich hoffen, dass der Lärmtrupp bald – und zwar vor mir! – ging.
Mein stiller Wunsch erfüllte sich; einige Minuten darauf rüstete man sich zum Aufbruch. Beim Aufstehen wurde erneut das Handy gezuckt. Ein Smartphone hat für viele Erwachsene häufig eine ganz ähnliche Wirkung wie die Gabe eines Schnullers bei manchem Baby. Es kehrte himmlische Ruhe ein.
Machen Sie dann nicht den Fehler, den ich gemacht habe!
Ich habe definitiv zu früh entspannt, innerlich abgeschaltet, geträumt.
Sie mussten an meinem Tisch vorbei, um zum Ausgang zu gelangen. Irgendetwas auf dem Display der Dezibel liebenden großen Brünetten muss der Auslöser für einen – wie ich vermute – Heiterkeitsanfall gewesen sein. Oder für Entrüstung. Es war nicht eindeutig zu identifizieren.  Als sie an mir vorbeikam, explodierte sie.
Es ruderten ihre Gliedmaßen. Ihre Hand erschien plötzlich neben meinem Gesicht. Ihr Knie rumste an die Tischkante.
Aber vor allem war da der Lärm!
Ein Krach sondergleichen! Der Lautstärkeregler stand bis zum Anschlag! Ich spreche von ihrem, nicht von dem des Handys.
Kennen Sie diese Filme, in denen nächtens irgendwo auf einer Ranch ein böser, rachsüchtiger Pyromane Feuer im Stall legt und die Pferde unruhig werden? Wenn sie scharren, sich gegen die Wände ihrer Boxen schmeißen, sich aufbäumen und laut und schrill „Geräusche“ von sich geben?
Vielleicht hatte sie auf ihrem Handy Feueralarm vorgefunden. Ich hatte jedenfalls aus heiterem Himmel ein wildes, unkontrolliert wieherndes und schnaubendes Pferd am Tisch und mich darüber dermaßen erschrocken, dass mir der Teelöffel aus der Hand fiel.
Das eben noch wiehernde Wesen stutzte kurz, schaute mich leicht genervt an und äußerte sich folgendermaßen:
„Mein Gott, nun seien Sie doch nicht so schreckhaft!“
Ja, gell? Sie sind auch geringfügig überrascht? Hatten Sie angenommen, es wäre ihr vielleicht unangenehm?
Nicht doch! Die Umwelt ist das Weichei!
Ja, ich war perplex. Und nein, ich würde auch jetzt noch nichts erwidern. Es ist mir einfach zu blöd. Doch echte Pferde sind mir schon wesentlich lieber als dieses Stutendouble.

Das zweite Erlebnis hatte ich heute am Morgen, als ich mich im oberen Stockwerk im Bad vor dem Spiegel zurechtmachte, das Fenster eingeklappt hatte und sich mit einem Mal schnelle Schritte und schweres Prusten näherten.
Hier ist eine Sackgasse mit Wendeplatz. Die Sackgasse ist wirklich eine! Nicht nur für Autos. Auch Radfahrer und Fußgänger kommen nicht weiter. Am Ende des Wendeplatzes ist Schluss. Außerdem befindet sich in direkter Nähe ein Bahnübergang, dessen Schranken gern und lange geschlossen sind. Ist dies der Fall, schneien viele der nicht ortskundigen Wartenden hier trotz des Sackgassenschilds herein. In der Hoffnung, einen Alternativweg gefunden zu haben, der irgendwann auf eine der Parallelstraßen führt.
Eine vergebliche Hoffnung.
Das morgendliche Schnauben produzierten zwei Jogger. Die Schritte, die ich anfangs etwas entfernter gehört hatte, erklangen mittlerweile direkt unterhalb des Fensters. Füße traten auf der Stelle … Sie suchten vermutlich mit ihren Blicken den nicht vorhandenen zweiten Ausweg. Einer der beiden Läufer stellte ernüchtert fest:
„Du, isch gloob, wir beede ham uns hier rischdisch fergalobbierd.“
Voilà, der Ersatzhengst, das Fastpferd Nummer zwei!
Ein Jogger sächsischen Ursprungs, dem klar wurde, dass die Rennstrecke hier leider nicht fortführt.
„Komm, loofn könn’n wir ooch hier uffm Platz!“
Galopprennbahnen führen schließlich auch immer nur im Kreis bzw. Oval.
„Ja, nicht stoppen“, meinte sein Trainingspartner.
„Nu, mein Gudster, sisch imma beweschn is wirglisch am wischdigsdn!“, bekräftigte die erste Stimme.
Und während ich mich weiter zurechtmachte, drehten die beiden unermüdlich eine Runde nach der anderen. Zwischendurch kam ein Zug … und dann noch einer … und ein weiterer. Und wenn sie nicht gestorben sind …
Hoppala! Bewegung an der Schranke!
Man konnte den Galopp doch noch vor dem Abendmahl fortsetzen.

Wir fassen zusammen:

Läuft ein Hengst die falsche Route,
bewegt sich wie im Hamsterrad,
ist dem Gaul nicht wohl zumute,
doch bessres hat er nicht parat.

Hat eine Stute Geltungsdrang
und nervt durch Lärm erheblich
dann tut sie es wie unter Zwang,
was sagen ist vergeblich.

Und letztendlich:

Dreht eine Story sich ums Pferd
nur wird’s dir vorenthalten,
so hat Ersatz auch seinen Wert
drum lass doch Milde walten.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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„Willi wird’s überleben …“

„Du fährst doch auch mit ins Altmühltal, Liesel?“ Die kleine, weißhaarige Dame, die diese Frage stellte, hatte soeben mit einer Freundin das Café betreten. Beide schälten sich aus ihren Jacken.
„Ist das warm hier!“ stöhnte Edith. Sie nestelte am Halstuch. Der dekorative, kunstvoll geknüpfte Knoten war widerspenstig und ließ sich nicht gleich öffnen. Ihre Bewegungen wurden zunehmend hektisch.
Liesel hatte damit keine Probleme. Sie war ohne separaten Halswindschutz, und ihr dunkler Filzhut mit Bernsteinbrosche blieb selbstverständlich dort, wo er hingehörte: auf ihrem Kopf!
Es gibt eine Generation von Damen, die hat das so gelernt. Hat es förmlich eingebläut bekommen! Sie würde sich eher den Finger abhacken, als den Hut abzunehmen. Weder draußen noch im Lokal. Tut man einfach nicht. Der Hut bleibt auf dem Haupt bis zur Heimkehr. Basta!
Edith hatte inzwischen den Knoten überlistet, bekam nun sichtlich besser Luft. Kaum hatten beide Platz genommen, näherte sich auch schon der Kellner ihrem Tisch. Das Gespräch über eine eventuelle Mitfahrt ins Altmühltal musste noch einen kleinen Moment warten.

„Haben Sie schon gewählt? Was darf ich Ihnen denn bringen?“
„Wir hätten gern Kaffee“, antwortet Liesel.
„Café Crema oder Latte Macchiato, Cappuccino …?“
„Nee, nee, normalen Kaffee! Nichts mit diesem Schaum. Richtigen Kaffee! BOHNENKAFFEE, junger Mann! Den haben Sie doch, oder?“
„Selbstverständlich! Zweimal Kaffee … Sehr gern. Große oder kleine Tassen?“
„Gibt es auch Kännchen?“, hakt Edith nach.
„Leider nicht.“ Der Angestellte zieht bedauernd die Schultern hoch.
Kännchen sind am aussterben. So wie die Generation Dame-mit-Hut-plus-Bohnenkaffee-pur selten geworden ist. Heute sind besondere Kaffeekreationen angesagt, gern mit Schaum, wenn es mehr sein soll notfalls in XL-Tassen oder -Gläsern serviert. Ohne Hut getrunken.
Der junge Mann vom Service entfernt sich, die Unterhaltung wendet sich erneut dem Thema Reise zu.

„Ich glaube, ich kann da leider nicht mit“, seufzt Liesel. „Ich habe gerade wieder eine hohe Rechnung bekommen, da ist wohl erst einmal keine Fahrt drin.“
„Ach, nein, sag nicht so etwas!“ Edith reagiert enttäuscht. „Was ist es denn? Strom, Heizung? Musst du nachzahlen?“
„Nein, die Rechnung vom Friedhof ist da. Willis Grabpflege.“
„Wie viel ist es denn?“, möchte Edith wissen.
„Die wollen jedes Jahr 350 €! Dabei tun sie gar nicht viel!“ Liesel klingt leicht verbittert. „Wenn ich nicht hingehen und kontrollieren würde, würden die wohl auch das Vereinbarte nicht immer erledigen. Ich habe sie bereits einmal erwischt.“
„Und warum machst du es nicht lieber selbst?“, fragt Edith.
„Ich schaffe es nicht mehr, alles selbst heranzuschleppen und auf den Knien herumzurutschen! Aber es wurmt mich, wie wenig und was gemacht wird. Weißt du, auf dem Grab sind Bodendecker, und lediglich in der Mitte vor dem Stein ist ein kleines Stück freigelassen für andere Sachen, Blühendes. Momentan pflanzen die dort im Frühjahr einmal fünf Stiefmütterchen, im Sommer fünf Eisbegonien und im Winter decken sie ein bisschen Tanne drauf. Dafür 350 €! Unkraut wächst trotzdem, das mache ich zwischendurch weg. Und gießen tu ich auch! Da kommt selbst bei Dauerhitze kein Mensch!“
„Und wegen der Rechnung kannst du jetzt nicht mit ins Altmühltal? Geht es wirklich nicht? Kommst du denn im nächsten Sommer mit nach Büsum?“ Edith lässt nicht locker.
„Du, so weit im Voraus plane ich nicht mehr. Wer weiß, ob ich dann noch lebe! Die Veranstalter wollen ja sofort bei der Buchung eine Anzahlung! Die zahlt doch keiner zurück, falls … In meinem Alter schaue ich höchstens noch drei Monate voraus.“
„Liesel!“
„Doch, Edith!“ Liesel sieht das ganz nüchtern und hat sich angewöhnt, pragmatisch zu handeln.
„Nun, wenn du nur noch so kurzfristige Sachen planst, musst du jetzt aber doch im Oktober mit ins Altmühltal kommen!“ Edith zwinkert verschworen.
„Kommt eigentlich Marianne auch mit?“ Die zu Überzeugende ist am schwanken und sucht weitere Entscheidungshilfen.
„Nur wenn es dort Diät gibt. Marianne darf ja nicht alles essen.“
„Und was ist mit Gerd?“
„Gerd will nur, wenn die Krögers nicht mitbekommen. Die findet er fürchterlich.“ Edith ist über alles bestens informiert. „Jetzt müssen wir irgendwie die Krögers vom Buchen abbringen …“

Inzwischen ist der Kaffee eingetroffen und für gut befunden worden.

„Liesel, kündige das mit der Grabpflege. Das ist es doch nicht wert! Wie oft gehst du auf den Friedhof?“
„Wie oft? Wieso? Einmal die Woche etwa …“
„Dann lass das mit der Bepflanzung in der Mitte, steck da eine dieser grünen Vasen hin. Bring jede Woche eine einzelne frische Blume oder einen Zweig mit. Dann blüht immer etwas. Notfalls setzt du zwei weitere Bodendecker in die Lücke, wenn dir noch zu viel Erde rausschaut. Die kann ich dir hinbringen und einpflanzen. Tanne brauchst du im Winter nicht unbedingt. Danach macht das Grab kaum Arbeit, und du hast jedes Jahr eine hohe Rechnung weniger.“
Liesel denkt über diese Alternative nach.
„Und du meinst nicht, dass Willi … dass er das komisch fände?“
„Ach, komm, der wird’s überleben!“, kontert Edith.
Liesel reagiert mit leichter Verzögerung. Sie stutzt plötzlich und ruft mehr gespielt als tatsächlich empört:
„Du bist unmöglich!“
„Wieso das denn?“, fragt Edith verdutzt. Sie ist sich ihres Schnitzers überhaupt nicht bewusst.
„Na, hör mal! Willi wird’s überleben! Wird etwas schwierig …!“
Edith errötet. Erleichtert registriert sie, dass die Freundin es nicht wirklich übelgenommen hat, im Gegenteil, der kleine Fauxpas hebt die Stimmung gewaltig. Liesel fällt prompt ein weiteres wichtiges Argument dafür ein, den Grabpflegeservice fortan nicht mehr zu nutzen:
„Du, Edith, wusstest du, dass Willi Eisbegonien immer gehasst hat …?“
Die Freundin lacht laut los und verkündet kurz entschlossen:
„Du kommst mit in den Urlaub! Kündige den Kram – und wenn du grad im Moment etwas Geld brauchst, um mitfahren zu können, dann leihe ich dir einen Teil. Nur komm mit!“

Freundinnen. Schön, dass sie sich haben …
Ein Gespräch, dass inhaltlich (vielleicht nicht immer wortwörtlich) so am vergangenen Sonnabend stattfand. Ich schrieb es auf, weil es einerseits nicht einer gewissen Komik entbehrt und andererseits etwas offenbart, was in unseren Tagen häufig geworden ist: Die traurige Tatsache, wie wenig oft einem Menschen im Alter bleibt. Finanziell gesehen. Den Frauen ganz besonders. Und wenn die Knappheit der Mittel schließlich verhindert, dass soziale Kontakte aufrecht erhalten werden können und an gemeinsamen Unternehmungen teilgenommen werden kann (nichts Luxuriöses, nicht Häufiges, manchmal nur der Kaffee auswärts oder die Kosten für den Busfahrschein), ist das sogar mehr als traurig.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Wencke

Bahnschranken-Talk - Heute: Wencke
An der geschlossenen Bahnschranke stehen eine junge Mutter und ihr kleiner Sohn, den sie gerade vom Kindergarten abgeholt hat.
„Wie war es denn heute?“
„Gut.“
„Was habt ihr denn gemacht?“
„Nix weiter.“
„War das neue Mädchen auch wieder da?“
„Die heißt Wencke.“
„Aha, Wencke. War sie denn da? Die fandest du doch letzte Woche sehr nett …“
„Ja, wir haben ganz schön zusammen gespielt.“
(Haben Sie es auch schon einmal bemerkt? Schön zusammen gespielt heißt bei Kindern es war interessant, unterhaltsam, klasse, spaßig etc. Schön spielen bei Erwachsenen bedeutet eher es geht leise, friedlich, ohne Dramen und Kloppe etc. zu.)
„Das ist ja fein.“
Pause.
„Soll Wencke denn vielleicht mal nachmittags zu dir zum Spielen kommen?“
„Au ja! Aber am Nachmittag, da ist dann doch gar nicht mehr so lange Zeit …“
Pause.
„Mama, kann Wencke nicht mal am Wochenende kommen? Den ganzen Tag?“
„Na ja, wenn sie das auch will …“
„Doch, sie will bestimmt! Wir haben schon mal geredet wegen sowas.“
(Der Junge ist fix.)
„Also gut, von mir aus.“
Pause.
„Mit Übernachten, Mama? Bitte! Mit Übernachten!“
„Also weißt du …“
(Wie kommt man da jetzt wieder raus.)
„Ich muss das mal mit Papa besprechen.“
(Gerettet.)
„Oder Mama, sie könnte doch auch mit uns in den Urlaub fahren!“
(Denkste! Gib den kleinen Finger … etc.)
„Sag ja! Bitte!“
Der Zug kommt.
„Oh, guck mal, Jan, eine ganz neue Lok!“
(Ablenkung ist immer gut).
„Mama, die Wencke mag Züge auch …“
(Es bleibt schwierig.)

Ich genieße solche Unterhaltungen. Leider trennten sich danach unsere Wege.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Kurze Betrachtung: Der Norden hat sich angesteckt …

Erwischt. Er hat sich tatsächlich angesteckt!
Vor Jahren bereits wurde der Norden von hartnäckigen Valentinstagsbazillen attackiert. Hanseaten und sonstige Nordlichter, ansonsten eher auf der Hut und resistent wirkend, verspürten nach Infizierung mit einem Mal einen unbezwingbaren Kaufdrang. Häufig lechzten die Befallenen im Februar nach überaus kitschigen Gegenständen,  solchen, die sie den Rest des Jahres nicht eines Blickes würdigen würden.
Mit einigem zeitlichen Abstand folgte der Überfall der Halloweenbazillen samt Gruselschminkzwang. Bei leichtem Verlauf fiel dieser gemäßigt aus, steigerte sich mit zunehmender Schwere der Infektion jedoch hin zu blutrünstigem Enthusiasmus und wahrer Euphorie bei der Erstellung von täuschend echten Narben und Wunden.
Ganz zum Schluss strecken uns nun ganz offensichtlich auch noch diese Erreger nieder: die Oktoberfestbazillen. Im ernsten Stadium dieser Krankheit kommt es unweigerlich zum Auftreten des DirndlLederhosentragzwangs.

Es ist zwei, drei Jahre her, als ich hier im Blog ein wenig über das nordisch aufbereitete Oktoberfest in meinem Stadtteil schrieb. Eine blau-weiße Kopie des Bayernoriginals. Kopie en miniature. Die Wandsbeker Wiesn hat man sie getauft. Die Veranstaltung hat sich erfolgreich etabliert, findet seither alljährlich statt. Ab 19. September 2014 sind die Pforten respektive der Zelteingang wieder geöffnet. Wir haben noch gut drei Wochen Zeit bis dahin.

Oktoberfestexport in den Norden. Klappt so etwas, oder ist es von vornherein zum Scheitern verurteilt?
In den Anfängen, der experimentellen Versuchsphase, ließ sich ein Norddeutscher zwar dort sehen, tauchte jedoch mehr aus Versehen oder spontan aufgrund von Durst auf. Oder er wurde abgeschleppt! Mit Freunden gemeinsam war das lustig. Er fand allmählich Gefallen an der Sache, doch nichts, aber auch gar nichts, hätte ihn dazu bewegen können, sich sozusagen zum Affen zu machen und seine Kleidung zu ändern. Sie dem Bayerischen anzupassen! Kurze Lederhosen, Hosenträger, Strickkniestrümpfe mit Herzchen …
Niemals!
Die Damen zeigten sich geringfügig williger und offener, was eher daran liegen mag, das anlassbezogenes Ankleiden ein femininer Grundwesenszug zu sein scheint. Jedenfalls sind neue Kleidungsstücke und ein typveränderndes Styling nie wirklich unwillkommen.
Zurück zu den Herren. Irgendwann entdeckte ein Häuflein wiederkehrender Gäste – vermutlich eine Mischung aus Zugereisten und einigen Individuen des Schlags Hamburger, der etwas extrovertierter, mutiger, modeaffiner und verrückter ist als der Rest – dass man mit einem passenden Wiesn-Outfit à la Bavaria einerseits wunderbar auffällt und Eindruck macht – aber offenkundig auch mehr Spaß hat.

Anfangs wurden sie natürlich bestaunt, diese Exoten. Der Umschwung im Denken der restlichen Besucher vollzog sich jedoch verblüffend schnell. Lichtzeitschnell! Plötzlich war es in, regelrecht ein Muss, stilecht gekleidet zu erscheinen! Mit einem Male werden nun die beguckt, die immer noch wie üblich erscheinen.
Schau nur, im Alltagslook! Wie langweilig!
Und die Reaktion der Langweiler?
„Mensch, du, ich brauche dringend was zum Anziehen!“
„Wo willst du denn hin? Oper?“
„Nein, Oktoberfest!“
Zack! Wieder welche infiziert!
Man kann sich heute immer noch in Zivilkleidung und unvorbereitet hinsichtlich des Aussehens dazwischenmischen, doch wer sich nicht nur tagsüber und spontan auf ein Bier dort trifft, sondern abends (womöglich als Teil einer  Gruppe),  der macht daraus ein stilechtes Event.

Den Handel hat es irgendwie verblüfft. Er blieb in den ersten Jahren zurückhaltend. Selbst 2012 versuchten nur vereinzelt Läden – meist unmittelbar vor dem Fassanstich – auf diesen Zug namens „Oktoberfest“ aufzuspringen. Etwas passender Schmuck (Brezn-Motiv) bei Bijou Brigitte, ein wenig Trachtenlook bei C&A. Ein Friseur, der Flechtfrisuren anpries … Karstadt warf sich auf das kulinarische Programm mit Weißwürsten, Löwensenf, Brezeln und Bier.
Und im Jahre 2014? Wochen bevor es richtig losgeht?
Der Handel ist heute gewappnet, die großen Ketten reagieren. Plakate, Auslagen, Ankündigungen. Die Botschaft lautet:
Pass auf, das Oktoberfest naht! Vergiss das nicht wieder! Du willst doch nicht als einziger blöd dastehen. So unvorbereitet. Ignorant, langweilig … Hast du dich schon darum gekümmert, hm?
Alles so ein bisschen wie damals in der Lenor-Werbung diese Stimme von hinten. Das schlechte Gewissen. Und – wie praktisch – danach kommen die rettenden Angebote. Dekorationsartikel, Rezepte, Schmuck, Bekleidung, Essen, Bettwäsche, Tischtücher, Servietten, Stimmungsmusik. Alles oktoberfestorientiert und –tauglich.
Tchibo offeriert zünftige Lederhosen und Karohemden für den feierwilligen Herrn, ein charmantesTrachtenkleid für die oktoberfestfreudige Dame. Alles gut sichtbar in der Ladenmitte ausgestellt.
Die Modekette S. Oliver, die sonst sorgsam alles vermeidet, was sie trutschig und bieder wirken lassen könnte, verkauft ebenfalls zwei verschiedene Dirndl-Modelle! Sie hängen auf dem Ständer gleich neben den (korrekt) löcherigen Jeans. In weiteren Bekleidungsgeschäften dieser Art wird man ebenso fündig. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass ein Imagewandel stattfand.
Nicht bei den Geschäften!
Dort wird verkauft, wofür Kaufaussichten bestehen. Dort wird aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus viel eher die bereits existierende Nachfrage befriedigt (oft mit Verspätung), als dass ein Angebot auf Verdacht produziert wird, welches im Endeffekt Verlust einfährt, weil sich kein Aas dafür interessiert.
Nein, der Imagewandel betrifft das Oktoberfest selbst. Seine nordischen Besucher sehen es nach der leicht misstrauisch beäugten Eingewöhnungsphase (und auch anfänglicher Ablehnung) heute aus anderer Sicht.
Mittlerweile kleidet man sich nicht nur aus reinem Pflichtgefühl heraus anders, dem Feiergrund angemessen, sondern Besucher sehen im Oktoberfest mittlerweile ein „cooles“ Event, einen angesagten Treffpunkt, für den bzw. das es hipp und unerlässlich ist, möglichst stilecht im Trachtenlook zu erscheinen und vielleicht auch noch ein paar Brocken im bayerischen Dialekt von sich geben zu können.
Um Spaß zu haben, um anzugeben, um dem Ganzen noch mehr (vermeintliche) Authentizität zu verleihen, um ganz einzutauchen.
Je echter, je schöner. Je trächtiger, je genüssiger. (Wehe, Sie schlagen das jetzt im Duden nach!)

So ändern sich Einstellungen. Nur weil Bazillen zuschlagen. Alles hartnäckige, erfolgreiche Erreger, gegen die unser Immunsystem offenbar machtlos ist.
Es gibt für Norddeutsche nur einen Bazillus, der es bisher nicht geschafft hat, sich durchzusetzen. Er nennt sich Karnevalsbazillus und versucht sich mittlerweile als Trittbrettfahrer, der aufgrund ähnlicher Symptome trickreich eine Kooperation mit dem Halloweenerreger eingeht und so die notwendige Gehirnwäsche in die Wege leiten möchte. Verkleiden und Schminken heißt der gemeinsame Nenner, Zeitpunkt und Anlass variieren ein wenig.

Irgendwann erwischt er uns schließlich auch hier im Norden: dieser Helauzwang – oder Alaafdrang.
Wie heißt es so schön? Steter Tropfen …

©August 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Auf ein Wort …

Wissen Sie, was Stroggen ist? Das ist in etwa das, was ich getan habe. Ich bin verschwunden und habe – neben einigen anderen Sachen – den Blog links liegen lassen. Im Urlaub sitze ich nämlich nicht ewig vor dem Laptop. Blogge somit auch nicht. Ich benötige die Zeit zum Erkunden und Genießen, bevorzuge zu schauen und Eindrücke aufzunehmen. Gut, gelegentlich ist auch das Ziel so abgelegen, dass gar kein Internet vorhanden ist. Wie auch immer. Es läuft so oder so hinaus auf eine Art von sehr bewusster Blogbestreikung ohne jegliches Bedauern.

Streiken beim Bloggen, diese (Nicht-)Tätigkeit ist –  verkürzt gesagt – das Stroggen bzw. der Strog. Es ginge natürlich auch Bleiken respektive der Bleik. Suchen Sie es sich aus. Ich empfinde Bleiken als harmlos klingender. Das ist gefühlt so wie Blog vernachlässigen für maximal eine Woche und dazu eine nur halbherzige Abstinenz. Mit Luschern zwischendurch.
Stroggen ist konsequent, ernst und gefühlt alles, was zeitlich darüber liegt.

Es waren lediglich acht Tage, die ich zum Monatswechsel am Bodensee auf deutscher sowie Schweizer Seite verbrachte, theoretisch hätte ich eigentlich schon Anfang der gerade ausklingenden Woche wieder hier auftauchen können. Nur – Sie kennen es bestimmt aus eigener Erfahrung – wenn Sie heimkommen, geht es meist gleich wieder rund. Die Wäsche wartet, der Kühlschrank ist leer, die Post stapelt sich, und der Garten präsentiert sich als Urwald. Nach nur einer Woche!
Vor der Abreise hatte es im Norden ordentlich geschüttet, danach war Tropenklima. Die Folge: Wilder Wein, Blauregen und Efeu lieferten sich ein Wettrennen, wer als erstes erfolgreich die Fenster zuwuchern würde oder Rolllädenkästen derart umschlänge und eroberte, dass in absehbarer Zeit nichts mehr hoch- oder herunterfahren würde. Wenn Sie heimkehren möchte außerdem die Verwandtschaft Lebenszeichen, möchte wissen, wie der Urlaub war, ob die Reise frei von Dramen verlief. (Sie erinnern die Geschichte neulich mit der Bombendrohung während eines Flugs?)
Termine stehen schnell wieder an. Das verliehene Auto sollte ebenfalls irgendwie wieder zurückkommen. Bei der Gelegenheit bleibt man gleich noch ein Minütchen beim charmanten Sohn hängen. Und als Mama einer hinreißenden Tochter möchte man natürlich gern noch Zeit mit ihr verbringen, bevor sie demnächst mal wieder ins Ausland, diesmal zu den Franzosen, entschwindet. Ein rein weiblicher, sehr interessanter und vergnüglicher Tagesausflug nach Lübeck stand somit Mittwoch auf dem Plan.
Und glauben Sie mir, just in dem Moment, als ich mich das erste Mal zwecks Bloggen hinsetzte, hielt mich ein kleines Malheur auf.
Nein, zwei!
Anfang der Woche klappe ich den Laptop auf, um Ihnen zu schreiben und wundere mich, dass die Lesebrille schief auf der Nase sitzt. Schiebe sie zurecht, doch kaum losgelassen, kippt das Gestell prompt wieder in diese neue Position. Das rechte Glas rutscht leicht Richtung Wange, auf dem Nasenrücken piekt es neuerdings. Ein kleines, dunkles Metalldrahtstück fällt vor mir hinab und landet auf der Tastatur zwischen der Leertaste und den Buchstaben V-B-N-M. Es versinkt glücklicherweise nicht komplett im Spalt, sondern bleibt hängen, da etwas Gummiartiges an einem Ende etwas zu breit für diesen Schlitz ist und die Stopperfunktion übernimmt.
Um es kurz zu machen: Die Inspektion der Brille und das Ergebnis der Begutachtung des abgefallenen Gegenstands ergaben, dass die eine Seite des Nasenbügels (ein hauchdünner Draht mit einem Silikonplättchen dran) abgebrochen war.
Einfach so!
Lesen ohne Brille ist äußerst mühsam und anstrengend! Es dauert zudem gefühlt ewig. Mein Weg führte folglich ziemlich schnell zum Optiker. Die Brille könnte theoretisch an eine Sonderwerkstatt eingeschickt werden, doch würde das dünne Teil nach erfolgter Reparatur (Kaltlötung) höchstwahrscheinlich in Kürze wieder abbrechen. Ich erfuhr, dass ich eine neue Brücke, so nennt sich das Bindeglied zwischen den beiden Gläsern meiner randlosen Brille, benötigte. Diesen Quersteg, an dem sich zugleich die Nasenklemmer befinden.
Man zeigte sich leicht schockiert angesichts der Tatsache, dass ein Ersatzteil für „diese“ Brille notwendig wurde. Nicht, weil sie als unkaputtbar galt. Nein! Nur Sie müssen wissen, ich habe meine Lesehilfe tatsächlich schon sage und schreibe etwas über drei Jahre!
Drei!
Offenbar ist es jedoch – als Brillenalter betrachtet – nahezu antik. Wahrscheinlich zählen Brillenjahre so ähnlich wie Hundejahre. Oder noch mehr! Optiker multiplizieren bestimmt mit elf. Ich erfuhr, dass Modelle spätestens alle zwei Jahre gewechselt werden. Das Alter meines vorsintflutlichen Gestells liegt bereits mindestens 50 % darüber. Da wird es schwierig mit Ersatzteilen. Doch ich hatte Glück! Es ließ sich doch noch bestellen, und seine voraussichtliche Ankunftszeit wurde mit in vier Tagen angegeben.
Nun musste ich gestehen, dass ich nur eine Brille besitze. Mich traf ein ungläubiger Blick.
„Das ist aber gefährlich!“, sagte die Angestellte des Optikergeschäfts.
„Gefährlich?“
„Ja, Sie sehen ja selbst … Wollen Sie sich nicht heute lieber eine neue zweite …?“
Kaufen? Als würde ich die gleich fertig mitbekommen! Und überhaupt! Ich muss etwas abgeneigt gewirkt haben, denn sie beeilte sich, mir zu versichern, dass man mir selbstverständlich auch anders zu helfen wisse. Meine Hoffnung, dass  Optiker eine billige 0815-Brille (Typ Kaufhaus-Zweitbrille)  für derartige Notfälle verleihen würden, erfüllte sich nicht. So etwas gab es nicht. Es wäre wohl für das Geschäft kontraproduktiv. Stattdessen schlug die Angestellte vor:
„Wir könnten das kaputte Teil ausbauen und Ihnen eine Leihbrücke einbauen. Ich weiß aber nicht, was wir da auf Lager haben. Kann die auch anders aussehen?“
„Egal wie, Hauptsache, ich kann in den nächsten Tagen damit lesen und arbeiten.“
Sie gab per Hausfunk Anweisungen in die Werkstatt weiter.
„Ich schicke dir gleich eine Brille rüber. Schau mal, was du als Ersatzbrücke hast. Kann pink oder kariert sein, völlig egal. Die Kundin braucht sie unbedingt, hat nämlich nur diese eine …“
Jaja, die absonderliche Kundin mit der Solobrille. Das hatten wir schon.
Wissen Sie, ich war jetzt sehr neugierig, was mich farblich und formmäßig für die Übergangszeit erwartete. Zu randlosen Brillen passt im Grunde alles, doch meine Bügel sind bräunlich-bronzefarben. Und ich bin hell im Gesicht. Und Pink finde ich bei mir doof, würde es aber trotzdem akzeptieren.
Beinahe leicht enttäuscht und gleichzeitig irgendwie erleichtert nahm ich kurz darauf mein gutes Stück mit einem lediglich relativ geraden, strengen, silbrig aussehenden Querbalken als Notbrücke entgegen.

Die Zeit verging, die Brille drückte, denn sie verfügte über härtere Gummipolster als sonst und hatte einen leicht veränderten Bügelsitz. Doch am Freitag konnte die endgültige Reparatur erfolgen und das Feintuning vorgenommen werden.
Der Ansicht, inzwischen alle Pflichten abgearbeitet zu haben, wieder sehen zu können, ohne dass die Brille kneift, wollte ich endlich, endlich losbloggen und posten. Da passierte Malheur Numero zwei.
Das Internet fiel aus. Länger.
Alles wäre leichter und stressärmer, wenn man gleich wüsste, woran es liegt. An dem Anbieter und deren Netzproblemen und –ausfällen oder an defekten Geräten im eigenen Haus. Man wüsste, ob man wartet oder etwas tut.  Somit ging prophylaktisch das große Probieren und Tricksen los, welches bei anderen Gelegenheiten schon geholfen hatte, die Sache wieder in Schwung zu bringen. Vergeblich.
Letztendlich fiel mir ein, dass ich einem Hilfeaccount meines Anbieters bei Twitter folge, und so fragte ich freundlich an (mobil via Handy mit anderem Netz lief alles), ob sie von Problemen in meiner Region wüssten. Man reagierte sofort, erkundigte sich nach Postleitzahl und weiteren Details und eine halbe Stunde später erhielt ich die Nachricht, dass der Fehler nicht auf meiner Seite lag. Und offenbar wurde etwas weitergeleitet, denn eine weitere halbe Stunde später erwachte mein Internet zu neuem Leben. Also an dieser Stelle ein Dankeschön an „^aa“ von „@Telekom_hilft“.

Sind Sie noch dabei? Ja?
Wir sind auch so gut wie am Ende. Ich wollte Ihnen nur noch schnell mitteilen, dass ich ab jetzt zu meiner (und vielleicht auch Ihrer) Freude wieder andere/Ihre Blogs zwecks Lesegenuss besuchen sowie hier ausstehende Antworten auf Kommentare schreiben werde und Ihnen bei mir im Blog demnächst einige Besonderheiten vorstellen möchte, die mir im Bodenseeraum aufgefallen sind.
Schöne Plätze, spezielle Geschöpfe in unerwartet großer Anzahl, Dinge aus anderer Zeit …

Hemmenhofen (Bodensee)

Hemmenhofen (Bodensee)

Ich freue mich, nun wieder mitzumischen zu können. Sie sehen, so ein Strog dauert bei mir trotz widriger Umstände nie lang …

Ihnen ein schönes Wochenende und bis demnächst!

©August 2014 by Michèle Legrand

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Didn’t It Rain? – Hugh Laurie und die Copper Bottom Band in der Hamburger Laeiszhalle

Sie hatten zuletzt Mailand, Budapest, Graz und Bratislava besucht und auf dem Tourneeplan folgen nach Mannheim Polen und Norwegen (Notodden Blues Festival 2014). Doch am vergangenen Donnerstag (24.07.2014) gaben sich Multitalent Hugh Laurie und seine sieben Mitstreiter – Gastsänger sowie exzellente Musiker der Copper Bottom Band – ein weiteres Mal in Hamburg die Ehre und erfreuten ihr Publikum in der voll besetzten Laeiszhalle. Ein Publikum, das die Musiker nach mehr als zweieinhalb Stunden mitreißenden Konzerts (ohne Pause!) begeistert feierte und lautstark um Zugabe bat.

Bühne Laeiszhalle, Hamburg - 24.07.2014 - Vorbereitungen für das Konzert mit Hugh Laurie und der Copper Bottom Band

Bühne Laeiszhalle, Hamburg – 24.07.2014 – Vorbereitungen für das Konzert mit Hugh Laurie und der Copper Bottom Band

Am 27. April 2011 trat der Mann, den viele zunächst nur als Schauspieler und das auch erst durch seine Rolle als Dr. Gregory House in der insgesamt acht Staffeln umfassenden US-Krankenhausserie HOUSE wahrnahmen und schätzen lernten, bereits ein erstes Mal als Sänger in der Hansestadt auf. Damals stellte er im Café Keese auf der Reeperbahn sein soeben erschienenes Debütalbum „Let Them Talk“ vor. Hugh Laurie präsentiert seinem Publikum darin eine Auswahl recht bekannter New-Orleans-Blues-Songs aus den vergangenen 100 Jahren. Ganz genau genommen handelt es sich um 15 als klassisch zu bezeichnende Gospel-, Blues- und Jazz-Standards mit viel Seele, die ein ganz besonderes Lebensgefühl vermitteln. Ihm und seiner Band gelang es bereits seinerzeit, diese Musik überaus authentisch zu präsentieren. Seinem Publikum gefiel es, die Anzahl der Konzertbesucher wuchs und daher war es nur natürlich, dass ein weiterer Auftritt in Hamburg bereits im Folgejahr, am 15. Juli 2013, diesmal im größeren Rahmen, nämlich als Open-Air-Konzert auf der Stadtparkbühne stattfand.
Währenddessen erschienen war allerdings – bereits im Mai 2013 – Album Nummer zwei mit dem Titel „Didn’t It Rain?“ Auf diesem Album erweitert und ergänzt Hugh Laurie sein Repertoire, nimmt mehr Einflüsse des Jazz wie auch des Rhythm and Blues und des Tangos mit hinein.Mit diesem Programm nun wartete er, erneut begleitet von der Copper Bottom Band, in der Laeiszhalle auf.
Wer sich fragte, ob Laurie als alleiniger Gesangssolist agieren würde oder überlegte, welchen Stellenwert die Band wohl hätte, dem wurde sehr schnell klar, dass die überaus talentierten und motivierten Musiker und (Gast-)Sänger eindeutig nicht nur eine Hintergrundrolle spielen würden. Drei Damen und vier Herren, die vielmehr eindrücklich bewiesen, wie enorm vielseitig, energiegeladen, stimmgewaltig und höchst professionell sie sind.
Gastsängerin Jean McClain (bekannt unter dem Namen Pepper Mashay) sei hier erwähnt (“I hate a man like you”), ebenso Gaby Moreno, die beim Sologesang, jedoch auch im zweisprachigen Duett mit Hugh Laurie (englisch/spanisch) ihr Können eindrucksvoll unter Beweis stellte (“Kiss of Fire”, “The Weed Smoker’s Dream”) und nebenher einige Titel auf der Gitarre begleitete.
David Piltch (Kontrabass), Elizabeth Lea (Posaune), Vincent Henry (Alt- und Tenorsaxofon, Klarinette, Mundharmonika) Herman Matthews (Schlagzeug) and Mark Goldenberg (Gitarre und Akkordeon) hatten während des gesamten Abends immer wieder Gelegenheit, ihre Klasse an den Instrumenten zu demonstrieren und erhielten dafür hochverdienten Zwischenapplaus.
Während der Songs staunte der Zuhörer, welch unterschiedliche Klänge den Instrumenten entlockt wurden. Bewunderung für David Piltch, der seinen Kontrabass durchaus wie eine singende Säge klingen lassen kann oder eine Elizabeth Lea, die mit ihrem Instrument schier verwächst und die Posaune so bespielt, dass einem spontan der Gedanke an einen sich heranschleichenden und abrupt losbrüllenden Tiger überkommt. Nicht minder genial die anderen Herren.
Dass die Männer der Band ebenfalls singen können zeigt sich, als sie zu viert mit Hugh Laurie und nur unterstützt durch seine Gitarrenbegleitung vor einem Mikrofon alten Stils „Up The Lazy River“ interpretieren.

Hugh Laurie selbst hält an diesem Abend alles geschickt zusammen. Die Fäden und seine Mitstreiter, ist quasi Vater der Band(e). Ein humorvoller Conférencier, Pianist, Gitarrist, Sänger, der sogar Tanzeinlagen – u. a. einen Tango mit Gaby Moreno – bietet!
Wer ihn außer in seiner Rolle als grummelnder, wahrheitsliebender und höchst eigenwilliger Dr. House bisher nicht kannte, der ahnt vielleicht nicht, dass er wesentlich facettenreicher ist, in ernsten wie amüsanten Filmen mitwirkte, extreme Vielseitigkeit zeigt und bereits in jungen Jahren Comedy in feinster Form zur Aufführung brachte. Während der Studienzeit in Cambridge als Mitglied der „Cambridge Footlights“ (Sketche und Stand-up-Comedy, u. a. mit Emma Thompson und seinem bis heute guten Freund Stephen Fry), später sehr erfolgreich (ebenfalls mit Fry) in der BBC-Sketchserie „A bit of Fry and Laurie“.
Bereits dort griff er zur Gitarre, saß am Piano und sang (wie nach vier Staffeln „A bit of Fry and Laurie“ auch in der Serie „Jeeves & Wooster“).
Man fühlte sich an diese Zeit erinnert, als der Brite zwischen den Songs seine verbindenden Ansagen machte, auf Zwischenrufe einging, auf Plüschtier-Geschenke reagierte und seine Mimik spielen ließ. Diese Einlagen minderten einerseits in keiner Weise die Ernsthaftigkeit des Konzerts, verhalfen andererseits jedoch zu einem sehr heiteren, unbekümmerten Abend, an dem Künstler wie Zuschauer offensichtlich gleichermaßen Spaß an der Mischung aus gefühlvollen Bluesrhythmen und entspanntem Geplauder zu haben schienen.
Dass er sein Publikum auch allein mitziehen kann, bewies er, als die Band für eine Einzeldarbietung des Briten die Bühne verließ und dieser – sich  am Piano begleitend – den Raum absolut beherrschte. Ungeteilte Aufmerksamkeit für ihn und „Louisiana 1927“, einem Lied, in dem es um die Überflutungen im Jahre 1927 und auch darum geht, was die Natur dem Menschen antun kann. Stille im Saal, derart, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können …

Gibt es eigentlich irgendetwas zu bemäkeln?
Nun, hätte Hugh Laurie sein für diesen Abend auserwähltes Sakko in einer der ersten Folgen von Dr. House getragen, wäre die Serie mit großer Wahrscheinlichkeit bereits nach der ersten Staffel abgesetzt worden.
Wäre es um den ersten Preis für das technisch beste Mikro und die exzellenteste Tonqualität (Abmischen, Klarheit/Deutlichkeit) gegangen – auch dafür hätte an diesem Abend leider keiner Trophäen einheimsen können.
Wenn es allerdings um Musikalität, Auswahl und Darbietung der Lieder, Authentizität, Zusammenspiel, Einsatz, Herzblut, Atmosphäre etc. geht – dann haben Hugh Laurie und seine Kollegen haushoch gewonnen. Bereits während des Konzerts hielt es die Besucher mehrfach nicht auf ihren Sitzen. Am Ende des Abends ließen sich die so begeistert Gefeierten unter großem Jubel zu sage und schreibe vier(!) Zugaben hinreißen. So schafft man sich Freunde!
Was sagte Mr. Laurie doch gleich noch über Hamburg?
„Hamburg is such a groovy place!“

Ein lohnenswerter Besuch, ein gelungenes Konzert, ein sehr schnell vergangener, kurzweiliger und überaus vergnüglicher Abend.
Hugh Laurie und Band dürften hier jederzeit wieder überaus gern gesehene Gäste sein.
Karten sollte man sich beim nächsten Konzert tunlichst sehr zeitig sichern!

©Juli 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand

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Zwischendurch: Rochus auf Hauke D. Gaum!

Sie kennen Hauke vermutlich nicht, was nicht weiter schlimm ist. Ich hätte auch lieber darauf verzichtet. Wobei ich zugeben muss, echten direkten Kontakt – hautnah und so Auge in Auge – hatten wir bisher gar nicht. Allerdings habe ich einen seiner Sorte vor einigen Jahren als Leiche angetroffen. Morgens lag er reglos ausgestreckt mitten auf dem Rasen.
Es war echt schade um ihn! Er war eine richtige Schönheit!
Glänzende Haare, große Hände, dabei jedoch feingliedrig. Eine dunkle Erscheinung. Sehr apart. Doch er war hin. Kein äußerlich erkennbares Zeichen von Verletzung, nur eben tot.
Man hat ihn damals im Morgengrauen weggeschafft.

Und nun kommt wieder einer – lebendig diesmal – und benimmt sich dermaßen daneben! Da ich jetzt weiß, wie wundervoll er sehr wahrscheinlich ist, wie traumhaft vermutlich auch er aussieht, fällt es mir schwer, etwas zu unternehmen. Darum – und weil er sowieso zu der Sorte gehört, der man nicht ungestraft an die Wäsche gehen darf! Deshalb halte ich mich zurück.

Letztes Jahr, mitten im Sommer, erschien er erstmals, dieser weitere Typ. Betrat das Grundstück! Mehrfach. Nie an der gleichen Stelle. Immer woanders. Anfangs tauchte er mit Unterbrechungen auf, nur alle paar Tage.
Reine Taktik!
Ich sollte mich an ihn gewöhnen. Nach dieser „Karenzzeit“ folgte die ständige Anwesenheit, und sein Bewegungsdrang nahm rapide zu. Er fühlte sich wie zu Hause und fand es völlig normal, ungefragt Umgestaltungen vorzunehmen. Sein Sinn für Ästhetik im Garten war ein anderer als meiner, nur er hegte vermutlich auch andere Absichten oder machte es aus einer anderen Motivation heraus. Ihn trieben Hunger, Gier, vielleicht auch Lust.
Soll ich Ihnen etwas verraten? Ich habe jetzt die Nase ein bisschen voll!
Verzeihung, wenn ich das so deutlich sage!
Von der Optik, vom desolaten Anblick alleine, rede ich ja gar nicht! Aber die Beete sind allmählich völlig hin, die Büsche kümmern, die Stauden und Zwiebelpflanzen leiden, verenden! Der Rasen ist eine einzige fleckige Stolperpiste. Alles durch bzw. wegen ihm! Dieser finsteren Gestalt!
Ich kann keine neuen Maulwurfshügel mehr sehen!
Besitzt der Kerl kürzlich die Frechheit und buddelt direkt neben mir im Gras, während ich keine 50 cm weiter in der Rabatte am Stauden retten bin! Wirft einen Haufen genau an der Stelle auf, an der ich kurz zuvor erst einen seiner Mount Everests eingeebnet hatte. Schaufelt der doch schon wieder mit Leidenschaft seine Gänge blitzblank! Wie in Ekstase! Ein wachsender Berg, Erdkügelchenm die förmlich auseinanderstoben.
Das ist doch fast schon Schikane!
Bitte? Von wem ich …? Wer Hauke ist?
Na, er! Dieser anhängliche Dauergast! Der Maulwurf!
Er hat einen Namen bekommen, weil ich dann besser über ihn fluchen kann. Das klingt persönlicher. Und ich bin echt sauer, weil er mit Sicherheit nach einem ersten, kaum merklichen Naserümpfen nur darüber grinst, wenn ich – als letzte erlaubte Möglichkeit – hoffnungsvoll komisch getränkte kleine Stäbchen im Boden versenke.
Solche, die vertreiben sollen!
Was tut er? Er lässt einen Miniabstand – anstandshalber – und setzt den nächsten Haufen eben knapp daneben. Wollen wir wetten? Hauke wälzt sich bestimmt gerade japsend vor Lachen in einem seiner Tunnel …

Ich habe mich natürlich bezüglich Vertreibungsmöglichkeiten informiert und auch mit Gärtnern gesprochen. Teure Geräte, die Ultraschallgeräusche produzieren, Stinkmittel (Benzin, Petroleum, Hering, Thujazweige, Knoblauch etc.), Metallstangen in der Erde, die resolut angeschlagen werden, hier und da ein in den Tunnel gepiekstes Windrädchen, geschickt platzierte Flaschen mit entferntem Boden und aus dem Gang herausschauendem Flaschenhals, unerlaubtes, in die unterirdischen Wege gepustetes Gas aus Patronen …
Obwohl man vom feinen Gehör der Erdbuddler und von ihrem guten Geruchssinn weiß – mir wurde versichert, nicht eine dieser Maßnahmen hat je wirklich und länger als ein paar Tage geholfen!
Man riet mir, stattdessen die Wühlzeiten abzupassen und wenn ein neuer Hügel entsteht, mit dem Spaten danebenzustehen … Tja, stehen kann ich. Das Weitere dann allerdings nicht.

Ich stattdessen habe nun die Hoffnung (bin halt anders gestrickt), dass meine Appelle an ihn inklusive namentlicher Anrede dringlicher wirken. Ihm zu Herzen gehen. Direkte, zielgerichtete Ansprache ist sowieso wichtig!
Woher soll er sonst wissen, was mich stört und dass er gemeint ist?
Wenn Sie im Büro genervt nur so allgemein lospoltern: „Was ist denn das hier für ein Saustall! Und wie das wieder riecht …!“, fühlt sich doch keiner angesprochen. Da ändert sich gar nichts!
Wenn Sie allerdings namentlich aktiv werden, bekommt das gleich ein anderes Gewicht!
„Herr Bergmann, nehmen Sie die gammeligen Apfelsinenschalen vom Schreibtisch und hören Sie gefälligst auf, meinen Radiergummi anzukokeln!“ Zack! Betretener Blick … Einsammeln des Biomülls, Löschen der Flamme.
Und so ähnlich mache ich das jetzt mit Hauke.
Hauke D. Gaum, dein unverschämt gutes Aussehen nützt dir gar nichts! Verschwinde! Aber zackig! Mach doch zur Abwechslung mal die Leute in den Nachbarstraßen mit deinen Haufen glücklich – oder zieh gleich in einen anderen Stadtteil!“
Mensch Hauke, du alter Haufenkenner, dreister Gartenumgraber, du …! Ich habe einen tierischen Rochus auf dich!

Ach, ja! Mit Sicherheit werde ich noch den großen Spaten in der Hütte erwähnen.  Er weiß ja nicht, dass es bloß ein Bluff ist …

©Juni 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Blog Michèle. Gedanken(sprünge) Foto: Andreas Grav

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