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Griseldis

Sie sind flexibel, oder? Für große Touren, neue Fotos oder auch Recherche war die letzte Woche nicht gemacht. Ja, ja, die Zeit. Ewig das Dilemma mit ihrer häufig knappen Verfügbarkeit.
Ich hätte allerdings heute alternativ Griseldis für Sie.

Bus, U-Bahn, Zug. Grundsätzlich bin ich für Lesestoff zur Überbrückung der Fahrzeit überaus empfänglich, doch hin und wieder verleiten reizvolle Gespräche der anderen Fahrgäste zum Aufhorchen. Dann bleibt das Buch in der Tasche, bestenfalls zücke ich irgendwann kurz meinen Notizblock und hinterlasse eine Handvoll Stenokürzel. Als Gedankenstütze, weil mir klar ist, irgendwann erzähle ich Ihnen sicherlich davon.

Letzten Monat während einer U-Bahn-Fahrt geschah es. Ausgesprochen ins Detail gehen die vorhandenen Notizen nicht, und so muss ich diesmal recht frei erzählen, mir ist nicht mehr jede Einzelheit des Dialogs im Gedächtnis.
An dem Tag saßen mit mir im Waggon in Blicknähe bzw. Hörweite eine kleine, alte Dame und eine junge, schwangere Frau. Wenn es nicht so blöd klingen würde, hätte ich fast gesagt, sie befanden sich eine Armlänge entfernt, doch diesen Begriff vermeide ich seit einiger Zeit wie die Pest …

Die werdende Mutter strich sich mit der Hand sanft über den schon deutlich gerundeten Bauch. Plötzlich zuckte sie heftig zusammen und verzog ihr Gesicht:
„Autsch! Jetzt geht das wieder los!“
Sie massierte seitlich eine Stelle unterhalb des Rippenbogens, im Bereich zwischen Niere und Milz.
„Tritt sie wieder?“, fragte die grauhaarige Dame an ihrer Seite.
„Und wie!“, stöhnte die junge Frau, „wüsste ich nicht, dass es ein Mädchen wird, würde ich sagen, ich brüte einen Fußballer aus.“ Sie behielt ihre Hand vorsorglich weiterhin an der bewussten Stelle. „Obwohl – Mädchen spielen ja auch …“
„Na, bald hast du es geschafft. Dann ist wieder mehr Platz im Bauch.“
„Hoffentlich kommt sie pünktlich und nicht erst nach dem Termin!“ Eine kleine Pause entstand. „Ach, Oma, Mama meint ja, so pflegeleicht wie im Bauch wird’s mit dem Baby nie wieder.“
Die Oma nickte. „Stimmt. Es wird auch nie wieder so leise.“
„Du machst mir ja echt Mut!“, erwiderte ihre Enkelin.
„Sag mal, habt ihr euch denn nun schon für einen Namen entschieden?“
„Gerrit findet Josie schön. Ich aber nicht so.“
„Und was ist dein Favorit, Kind?“
„Ich würde sie Stine nennen.“
Stine?“
„Ja, Oma, gefällt es dir nicht?“
„Doch …, schon … So rundherum begeistert wirkte sie nicht.
„Jetzt sag nicht, du würdest Josie nehmen!“
„Na ja, ob jetzt Stine oder Josie …, ach, ihr müsst selbst wissen, welcher Name zu eurer Tochter passt.“
„Das sieht man vielleicht erst, wenn sie da ist, Oma, oder?“
„Könnte sein, ich stelle mir jedenfalls ein hellblondes Kind mit dem Namen Carmen eigenartig vor. Ist aber nur meine Meinung! Ein Gefühl! Carmen verbinde ich mit Flamenco, Spanien, dunkleren Typen.“
„Sie soll ja nicht Carmen heißen.“
„Das weiß ich doch, Liebes, es war doch nur ein Beispiel!“
Eine Minute herrschte Schweigen, dann hakte die Enkelin nach:
„Welchen Namen würdest du denn vorschlagen?“
„Ich?
„Ja, du.“
„Griseldis.“
„Griseldis? Oma! Das ist so was von alt und unmodern!“
Stine nicht?“
„Stine heißt man heute doch auch! Wo hast du denn den Namen Griseldis überhaupt her?“
Die alte Dame stockte einen kurzen Moment, doch dann verriet sie:
„Ach, so hieß die Heldin eines Romans, den ich in jungen Jahren gelesen habe.“
„Und was hat die Heldin gemacht?“, erkundigte sich die Schwangere, „Kissen bestickt?“
Die Großmutter lachte herzerfrischend auf.
„Ja, das auch! Nein, ich weiß es gar nicht mehr so ganz genau, ich meine, sie war in einem hochherrschaftlichen Haus als Gouvernante eines kleinen Mädchens angestellt. Griseldis – bildhübsch, intelligent, adlig, aber total verarmt. Sie musste also arbeiten. Und damit das alles nicht so tutig rüberkam, gab es noch etwas Krimihandlung dazu.
Die junge, rechtschaffene Gouvernante verliebt sich in den attraktiven, aber traurigen Schlossherrn. Der steht dummerweise unter Mordverdacht. Der Graf soll seine Frau umgebracht haben. Weil man ihm das allerdings nicht beweisen kann, ist er weiterhin frei! Aber diese Schmach! Du verstehst? Zweifel, Ungewissheit! Schwere Schuld! Aber seine? Dem Glück sind jedenfalls viele Steine in den Weg gelegt.
Obendrein gab es eine weitere Verwandte, die schwer hinter ihm her war, nur die war natürlich die Ultraböse. Sie war eine Gefahr für alle, doch ehe die das mal gemerkt haben! Das dauerte eine Weile! Die kleine Tochter des Witwers mag natürlich nur die nette Griseldis und nicht diese gern auch schleimende Hexe, die um die Gunst ihres Vaters buhlt. Die Zuneigung der Kleinen zu ihrer jungen Betreuerin schürt bei der Rivalin zusätzlich Hass und steigert die Eifersucht.
Zu guter Letzt findet Griseldis heraus, dass die andere Frau und nicht etwa der edle Graf für den Tod der ersten Gräfin zuständig war. Selbstverständlich gerät sie durch ihre Nachforschungen noch einmal in allerhöchste Not! Im letzten Moment wird sie gerettet! Ende gut, alles gut.
Frag mich nicht, was mit der Bösen passierte. Knast, Selbstmord, Exil … Ich habe keine Ahnung mehr!“

Die Enkelin hatte sehr gefesselt gelauscht. Doch dann brach es aus ihr heraus:
„Oma! Eine adlige Gouvernante! Gou-ver-nan-te! Auch die sind ausgestorben!“
„Ja, und?
„Ich meine ja nur. Also ein Baby von heute, mit dem Hang zum Fußball und dann …Griseldis? Ich weiß nicht. Wenn ich den Namen höre, stelle ich mir jetzt automatisch immer die zarte, verarmte Gouvernante vor.“
„Ich finde den Namen sehr schön. Fand ich schon immer. Und so heißt nicht jeder.“, beharrte die alte Dame.
„Oma, wenn dir der Name schon damals so gefiel, warum hast du denn dann Mama nicht Griseldis genannt?“
„Ach, Kind, du weißt, dein Opa ist ein sehr durchsetzungsfreudiger Mensch …“
„Er mochte ihn also nicht?“
„Nicht genug. Und wir haben uns ja auf einen anderen einigen können – nach einigem Hin und Her.“ Sie schaute der jungen Frau auf einmal betont harmlos ins Gesicht und säuselte: „Na ja, ich hatte ja immer die Hoffnung, dass wenigstens mal meine Enkelin …“
„Hör auf, Oma! Du kriegst mich nicht weich.“
Und von da an wurde um das heikle Thema Namensgebung ein großer Bogen gemacht …

Nun bin ich gespannt, ob ich die Damen vielleicht einmal wiedertreffe, wenn der Nachwuchs auf der Welt ist. Dann hake ich nach und frage, wie das Baby heißt.
(„Sie heißt Griseldis? – Bitte? – Sogar mehrere Namen? Nein, tatsächlich? Und welche …?
Ah, Griseldis Josie Stine …“)

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Haben Sie ein sonniges Wochenende! Bis demnächst!
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© by Michèle Legrand, März 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Jules Pedo, mein neuer Begleiter

Seit einigen Tagen begleitet mich Jules. Ständig! Normalerweise bin ich kein Freund von oberanhänglichen, ununterbrochen Anwesenden. Einen Dauermitläufer? Einen hartnäckigen Schatten? Bloß nicht! „Le Pedo“ stellt die Ausnahme dar. Tja, nun klebt er förmlich an mir – mal schauen, wie wir langfristig miteinander klarkommen.
Warum ich ihn freiwillig akzeptiere, ihn mir sogar gewünscht habe? Das werde ich Ihnen gerne verraten. Es hat ein wenig mit eigener Überlistung zu tun.

Man redet sich sehr häufig etwas schön. Das Verhalten, Pflichten, Aufgaben und Tätigkeiten zum Beispiel. Kennen Sie, oder? Hausarbeit erledigen, Steuererklärung machen, Diät durchziehen, Rauchen aufgeben, Sport treiben, auf Alkohol verzichten, mehr Obst und Gemüse essen … „Ach, geht schon.“ – „Ist doch … toll!“ – „Der/die hat’s auch geschafft.“ – „Wird schon nicht so lange dauern.“ – „Und es ist ja so gesund!“

Das Ulkige ist, es ist dennoch relativ selten das anstehende Ungeliebte, das auf diese Art erträglicher werden soll und damit leichter zu wuppen wäre. Nein, man schönt häufig eher das bisherige, das etwas unzulängliche eigene Verhalten. Auf diese Art verbessert sich sofort – zumindest verbal und gefühlt – sowohl die aktuelle Situation als auch jegliches Tun, das anstelle des doch wohl besser angepeilten Erforderlichen weiterhin erfolgt!
Psychologie vermutlich. So herum wirkt es gefälliger, harmloser. Anders, als würden Sie protestieren und gegen im Grunde Gutes (nur eben Ihnen etwas Abforderndes) aufmucken und es lautstark miesmachen.
Das funktioniert nicht sonderlich gut, weil es von der Logik her nicht zusammenpasst. Auf etwas, das in aller Augen erstrebenswert scheint, dürfen Sie einfach nicht herumknüppeln. Es löst augenblicklich Proteste und Diskussionen aus.

Mit dem Schönreden nur des Gegenwärtigen, aber nicht des Zukünftigen, nähern sich gutes und schlechtes Tun oder vorteilhaftes und unvorteilhaftes Verhalten in der Wahrnehmung einfach ein wenig an. Schlecht mutiert zu halb gut, gut hingegen verliert Punkte und ist nur noch mittel berauschend.
Das eine Verhalten wirkt nun nicht mehr wie Unvernunft, Unterlassung oder gar Blödheit, sondern es bekommt den Charakter einer akzeptablen kleinen Schwäche, die ohnehin (so gibt man es vor) nur temporär auftritt.
Und das andere, das eigentlich erstrebenswerte Handeln? Geht es völlig unter?
Nein, die Dringlichkeit wird vorerst zurückgestuft. Es hat absolut keine Priorität. Mit anderen Worten: Die eigene Schwachheit wird toleriert, doch durch ein bisschen Dekoration kaschiert. Durch das Schönreden.
Sich zu bessern wird selbstverständlich nicht komplett in Frage gestellt, aber der Mensch muss ja jetzt nicht mit Siebenmeilenstiefeln darauf zustürmen. Sonst soll man doch auch immer noch einmal eine Nacht darüber schlafen … (Schon wieder Ausreden. Die nächste Schönrederei.)

Wie Schönreden konkret vonstatten geht, macht das Beispiel Stubenhockerdasein respektive Bewegungs- muffeligkeit deutlich. Ich gestehe, davon war ich zuletzt betroffen. Nehmen Sie bitte folgende Beschreibung nicht komplett wörtlich, es geht mir mehr um das Prinzip. Ich überziehe bewusst, damit die Masche besser hervortritt.
Schauen Sie, ehrlich und ohne Verschönerung hieße es: „Ich bewege mich zu wenig. Jedenfalls im Winterhalbjahr. Das ist ungesund. Ich bin zu lang drinnen. Ich sitze durch die Arbeit zu lang am Laptop und brauche Ausgleich. Ich muss hinausgehen! Häufiger und länger!“
Das ist klar und nicht misszudeuten. Doch was läuft ab?

Couchhockerei und fehlende Bewegung an frischer Luft werden zunächst mit dem Hinweis auf ungünstige Jahreszeit, denkbar schlechtes Wetter, Ausrutschrisiko und frühe Dunkelheit erklärt, dann folgt die Erwähnung der wirklich dummen, dummen Erkältungsgefahr, im nächsten Schritt wird Zeitmangel beklagt und überhaupt das ganze Ausmaß des aktuellen Bewegungsmangels drastisch verharmlost. Die beschwichtigende Ergänzung lautet, dass sich das ja alles sowieso demnächst wieder ändert. Zum Besseren wendet. Wenn es erst einmal Frühling ist, d. h. natürlich nur, wenn es dann auch wärmer wird. Und trocken müsste es sein. Aber dann. Sobald …
Egal, jedenfalls demnächst. Demnächst?
„Morgen ist der Tag, an dem die meisten Diäten beginnen“. Sie kennen den weisen Spruch? Sie können ihn getrost ebenso auf den Vorsatz sich mehr zu bewegen anwenden. Der Mensch ist Meister im Herausschieben von ihm unangenehmen, lästigen, ihn anstrengenden Dingen. Einmal eingefahrene, bequeme Gewohnheiten gibt er nur ganz schlecht wieder auf. Dazu muss – je nach Naturell – erhebliches Geschütz aufgefahren werden!

Doch kehren wir einen kleinen Schritt zurück. Der Punkt zur Umstellungsbereitschaft ist noch nicht erreicht, der Änderungswille nicht ausgeprägt genug. Das bisherige Arrangement, Taktik, Verschleierung und auch die Rechtfertigung, funktionieren schließlich eine Weile relativ gut. Und wenn die mehrfach heruntergeleierten Phrasen tatsächlich eines Tages weder auf andere noch auf einen selbst mehr überzeugend wirken, setzt der Mensch, das schwache, aber findige Wesen, halt eins drauf. Variiert seine Begründungen, baut phantasievoll aus. Bastelt keine Standard- sondern Luxusausreden.
Aufpassen muss man eigentlich nur, dass gemachte Aussagen vage bleiben. Warum? Sie wollen doch wohl nicht festgenagelt werden! Bloß keine verbindlichen Zusagen! Keine Zahlen, keine Daten!
Gummibandangaben. Dehnbar …
Eine richtiggehende Untermauerungs- und Verteidigungsstrategie kommt dann zur Anwendung, wenn Sie – sofern Sie ein Bewegungsmuffel sind – von Zeit zu Zeit mitleidheischend einwerfen, dass Sie heute doch gerade so viel zu tun hatten und immer etwas dazwischen kam. Das enthebt Sie jeder Schuld und Eigenverantwortung. Sonst hätten Sie selbstverständlich schon längst begonnen …!
Sie können auch beleidigte Leberwurst spielen, sobald Sie jemand auf das Thema Bewegung anspricht und mindestens ebenso eingeschnappt betonen, Sie hätten heute die Treppe genommen. Die Treppe!
Oder Sie humpeln demonstrativ ein paar Schritte und verleihen Ihrem Gesicht eine schmerzverzerrte Note. (Mit dem Knie können Sie jetzt echt nicht …)

Meinen Sie, ich hätte das volle Programm durchgezogen, um mich vor Bewegung zu drücken? Nein, denn dreiviertel dieses ganzen Theaters wäre mir viel zu blöd und zu peinlich. Aber mir ist das alles schon oft begegnet, und so befürchtete ich einfach, es käme vielleicht irgendwann auch bei mir dazu.
Vielleicht würde ich auch so abgebrüht! Im Erfinden, im Vermeiden.
Es muss nicht so passieren, es ist typabhängig. Doch selbst wenn man die einzige Person ist, der man etwas vorspielt – das geht alles nur eine Weile. Sie kennen sich ja und riechen den Braten. Es geht genau so lange, bis der Punkt erreicht ist, an dem Ihre Unzufriedenheit mit sich selbst über ein erträgliches Maß hinauswächst. Irgendwann kommt der Moment, da gehen Sie sich selbst so massiv auf den Zeiger, dass Sie Ihre Ausreden nicht mehr ertragen können. Inzwischen – meist zeitgleich – fühlen Sie sich durch den Bewegungsmangel wirklich unwohl. Die Konsequenzen machen Sie mürbe. Konditionsdefizite, schnelleres Frieren, höhere Tendenz zu Kopfschmerzen, schrumpfende Muskeln, schlaffere Glieder, schwere Beine, schlechterer Schlaf, gesunkener Antrieb. Das einzige, was langsam aber sicher wächst, ist das Gewicht. Sitzpölsterchern. Speckröllchenansatz.
Schluss! Ende! Aus!
Mehr Bewegung!
Selbstverständlich sind am Anfang immer die besten Vorsätze da. Nach der Überwindung gilt es allerdings, die Motivation aufrecht zu erhalten, den nötigen Durchhaltewillen zu zeigen! Das Bewegungsprogramm klaut Ihnen Zeit. Täglich ein bestimmtes Pensum zu absolvieren, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Was die Leistung angeht, verschätzen Sie sich großzügig. Klar, zu Ihren Gunsten.
Unversehens schleicht sich das Schönreden wieder ein. Sie haben noch gar nicht viel gemacht, meinen aber, dass es heute „doch mal reicht“.  Am nächsten Tag gehen Sie unbekümmert vom abgesackten Bewegungslevel des Vortages aus, so dass der Einsatz kontinuierlich wieder abnimmt. Am darauffolgenden Tag fällt der Entschluss, alles auf das Wochenende zu verschieben, aber da stehen – leider, leider, kann man echt nichts machen  – auf einmal andere Sachen an. Der Elan verfliegt, der Effekt ist gleich Null.

Wenn ich wieder einen Blick zurück auf meine Ausgangslage werfe, so stellte ich fest, dass ich irgendwie keinen vertrauenswürdigen Überblick über das Ausmaß der zustande gekommenen täglichen Bewegung hatte, aber es mir immer schien, als wäre es zu wenig an körperlicher Betätigung.
Gleichzeitig habe ich mich damit beruhigt, dass im Sommer wieder die Gartenarbeit wartet, momentan mein Stepptanz (nur an einem Abend pro Woche) etwas dazu beitragen würde und zusätzlich doch immer einiges an Fußwegen zusammenkäme. Aber in einem ausreichenden Maße?
Wer sollte darüber neutral urteilen, und wer würde antreiben, wenn es zu wenig war?

Das war und ist doch generell der große Haken an der ganzen Sache!
Man braucht feste Vorgaben und eine Kontrolle, aber auch einen Anreiz und eine Art Belohnung! So wie ein Fixtermin (eine ablaufende Frist) oft hilfreich ist, dass Artikel, Angebotserstellungen oder sonst etwas endlich vollendet werden, so wie einzuhaltende Werte und anstehende Labortests beim Arzt einen Patienten dazu veranlassen, sich gesünder und bewusster zu ernähren.

Und hier kommt Jules Pedo ins Spiel!
Er übernimmt die Funktion, die früher das schlechte Gewissen in der Lenor-Werbung hatte. Er ist diese geisterhafte Erscheinung, die sich immer von der Seite heranschleicht. Jules spricht zwar nicht, scheint jedoch permanent über die Schulter zu blicken. Es ist ein kleines, am Körper getragenes Gerät, das kontrolliert. Es zählt sämtliche Schritte, die ich am Tag mache. (Mir ist so ein separater Minizähler lieber als eine Handy-App, bei der ich womöglich online persönliche Werte eingeben muss.)
Jules ist unbestechlich und das, was er im Display anzeigt, gibt Aufschluss darüber, ob mein heutiges Pensum, mein Soll, erfüllt ist oder nicht. Keine Diskussion, keine Ausreden.
Es reicht nicht immer! Mehrmals musste ich dafür am Abend noch zusätzlich durchs Haus hechten, Treppen auf- und absteigen oder auf meinem Stepper trainieren.
Es gibt andererseits ebenso kleine Glücksmomente! Gelegentlich erscheint plötzlich eine unerwartet hohe Zahl. Da Jules sich nicht zu meinen Gunsten verzählt, muss es stimmen. Dann waren Aufwand und Anstrengung zuvor völlig unbemerkt geblieben, was natürlich klasse ist.
Mir macht die Bewegung so definitiv mehr Spaß, es geht mir bereits jetzt schon besser, und es spornt natürlich an, seinen Bestwert immer mal wieder ein bisschen zu steigern. Ich werde also meine Erkundungstouren fortsetzen, ihn mit Vorliebe dort anstecken, denn dabei hat mein „pedomètre“ ordentlich zu tun! Wenn Sie irgendwann einmal eine ominöse fünfstellige Zahl am Ende eines Blogtexts finden, dann könnte es sich um das Schrittergebnis der vorangegangenen Tour handeln.

Ich habe gerade einen Seitenblick auf Jules geworfen. Mir fehlen heute nur noch 200 Schritte. Das ist ein Klacks. Die spaziere ich nebenher beim Geschirr abtrocknen, oder ich übe Steppschritte während des Zähneputzens.

Aber wissen Sie, so schön diese Kontrollanzeige für Schritte ist, über eines bin ich erleichtert: Ich bin sehr froh, dass Jules lediglich die Bewegung über die Schrittanzahl erfasst und nicht synchron permanent auch noch Kalorien zählt. Gestern erhielt ich zum Kaffee netterweise völlig unaufgefordert Gratisproben dreier Eissorten. Saisonale Spezialitäten. Rhabarberquark mit Waldfrüchten, Mokka-Feige und Mandel-Zimt! Sehr lecker!
Was hätte es mich genervt, wenn so ein Toni Controletti mir dann durch in den Mund Zählerei den Genuss vermiest hätte!

Eisproben bei Giovanni L. - Spezialitäten der Saison

Ich wünsche Ihnen einen schönen und sonnigen Sonntag!

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© by Michèle Legrand, Februar 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Neid, reife Mütter, Heino, Lärmschutz und die #53

Es führt kein Weg daran vorbei, ich muss Ihnen diese Woche das kredenzen, was sich nebenher ergeben hat. Dazu, Größeres zu unternehmen, bin ich nämlich gar nicht gekommen. Tragisch würde ich diesen Umstand jetzt nicht nennen. Plaudern wir heute eben lediglich kurz, und Sie haben auf diese Art endlich einmal mehr Zeit vom Sonntag übrig als sonst nach der Bloglektüre.
Der Titel enthält übrigens so ziemlich sämtliche Ingredienzien des heutigen Eintrags, die Sie beim Lesen – falls der kleine Kontrollfreak in Ihnen durchkommt – checken und abhaken dürfen.

Verraten Sie es mir auf keinen – hören Sie, keinen! – Fall, falls bei Ihnen schon wieder oder immer noch die Sonne scheint und der Himmel vor Blau nur so strotzt! Das ist alles sehr schön für Sie, aber bei mir kommt so langsam Neid auf. Ich laufe schon grünlich an. Was auch durch Moosansatz verursacht sein könnte.
Feuchtigkeit aus allen Richtungen. Der Norden ist dermaßen gebeutelt!
Seit gefühlt ewigen Zeiten wird es im Grunde maximal an einem Tag der Woche für zwei, drei Stunden etwas heller, ansonsten herrscht absolutes Einheitsgrau. Gestern gab es zur Krönung stundenlang Regen und heftige Windböen gratis dazu.
Der Gedanke an Umzug oder Auswanderung liegt mir inzwischen gar nicht mehr fern, was allerdings absolut dagegen spricht, ist die Tatsache, dass meine echt sympathische Familie samt meiner fast noch nagelneuen, äußerst umwerfenden Enkelin hier wunderbar nah wohnt. Das zählt dann doch vier- bis neunfach in der Wertung und entschädigt für Tiefs en masse, die vom Atlantik kommend mal wieder Hamburg anpeilen.

In der vergangenen Woche hatte ich die Kleine bei mir, war mit ihr in ihrem fahrbaren Untersatz draußen unterwegs und dabei auch kurz im Einkaufszentrum.
Zweifeln Sie auch hin und wieder ein wenig an der Sehkraft bzw. der Wahrnehmung Ihrer Mitmenschen? Ich hatte diesmal diesen Moment, als ich hörte, wie eine ältere Dame mit kritischem Blick auf mich und das Baby missbilligend zu ihrer Freundin oder vielleicht auch Schwester sprach:
„Der Anteil der (hier folgte eine kleine Pause zum Anlauf nehmen) … reifen Mütter hat wirklich ganz schön zugenommen!“
Da beide weiter herüberstarrten, überlegte ich kurz, ob ich sagen sollte, dass ich mindestens noch die Niederkunft dreier weiterer Kinder plante, aber ich entschied mich letztendlich dagegen. Ich wippte die Enkelin, die sich mittlerweile auf meinem Arm befand und sagte stattdessen lächelnd zu ihr gewandt und betont langsam
„So, Mademoiselle. Wir beide – OMA (überdeutlich) und Milou – gehen jetzt nach Hause. Die Mama wartet bestimmt schon auf dich.“
Wie heißt es so schön? Ruhe im Karton. Fortan herrschte Funkstille.

An einem anderen Tag stand ich bei Karstadt an der Kasse an. Ebenso ein junger Mann mit seiner Freundin, der aus der Karnevalsecke hochbeglückt mit einer blonden Heino-Perücke nebst schwarzer Brille herbeistolziert kam und diese nun bezahlen wollte. Er hielt die recht gelb ausfallende Haarpracht schon einmal provisorisch an den Kopf, alberte herum und rief dabei mehrfach:
„Hossa! Hossa!“
Gelegentlich kommt auch in mir der Klugscheißer hoch und so fragte ich ihn beiläufig:
„War das nicht Rex Gildo mit dem Hossa?“
„Wer is’n das?“, wollte er wissen.
(In dem Moment kam ich mir doch sehr alt vor.)
„Ist der wenigstens auch blond?“, erkundigte er sich noch hoffnungsfroh.
„Nein, er hatte dunkelbraune Haare. Teint stark gebräunt, keine Brille …“
„Schiet …!“

Lassen Sie mich kurz nachdenken. War sonst noch etwas …?
Stimmt! Am Donnerstag klingelte es an der Haustür. Vor mir standen zwei Herren. Sie trugen rote Warnwesten mit der Aufschrift „Lärmschutz“.  Seitdem sie dort waren, überlege ich doch wieder die Sache mit der Auswanderung. Nein, wirklich!
Ich wohne nahe der Bahnlinie nach Lübeck, die man auszubauen plant. Ein weiteres Gleis für die S-Bahn soll hinzukommen.
Nicht nur, dass seit gut zwei Jahren und noch für zwei weitere Jahre Baulärm durch umfangreiche Umbauten an einem nahe gelegenen Bahnübergang (Aufhebung durch zukünftige Untertunnelung) sowie zusätzlicher Verkehr durch deshalb in meine Straße umgeleitete Fahrzeuge zur Tagesordnung gehören und mir irgendwann mit dem neuen Gleis auch noch ein Extrabahnhof fast vor der Haustür droht – nein, jetzt kündigten die beiden Besucher für Mitte Februar obendrein Baumfällarbeiten an.
Ich weiß nicht, ob ich eher heulen oder mich stattdessen freuen sollte. Eine große Anzahl Bäume, die zu nah entlang der Gleise wächst, muss weichen, weil dort eine Lärmschutzwand errichtet wird, eine etwas über drei Meter hohe Barriere.
Die Bäume, auf die man jetzt noch blicken kann und die im Sommer eine grüne Wand bilden, die selbst eine Lärmschutzfunktion übernehmen, für bessere Luft sorgen und vielen Tiere bisher ein Heim bieten oder zumindest eine Nahrungsquelle darstellen, sie hingegen sind ausgewachsen, um die 20 bis 25 m groß, breit, imposant, schön …
Ich tendiere doch zum Heulen. Für sie wird nie Ersatz kommen.

Diese Fällaktion steht fest, was alle weiteren Planungen angeht, so sage ich: Gemach, gemach !
Das gesamte Projekt des Streckenausbaus Richtung Bad Oldesloe, um den es letzendlich geht, ist immerhin eine erhebliche Geldangelegenheit – und jede Hinauszögerung … Ich meine, billiger wird es schließlich nicht mit der Zeit.

Auch die Aufgabe des Bahnübergangs bei mir – ich habe hier noch einen fast direkt vor der Tür – ist schon ein alter Bart. Seit ewigen Zeiten geplant, bisher aber nie realisiert!
Ich entsinne mich, als ich im Jahre 1986 herzog, stand ich eines Mittags mit einem sehr alten Mann und Ureinwohner dieser Gegend vor der geschlossenen Schranke. Gerade kurz zuvor hatte ich in der Zeitung einen Bericht über eine „demnächst“ geplante Aufhebung der Schranken zugunsten einer Unterführung gelesen.
Er schmunzelte damals weise und verriet mir, dass schon der Kaiser diese Pläne gehabt hätte und dass ganz sicher noch Jahrzehnte bis dahin vergehen würden. Er musste es wissen, er stammte schließlich aus Kaiserzeiten. Das Gespräch wiederum ist im Sommer 30 Jahre her. Die Schranken gibt es immer noch.
Daher – ruhig Blut.
Wissen Sie, was ich egenartig finde? Hier bereits eine Lärmschutzwand entlang der Schienen zu setzen, obwohl man doch offenbar vorhat, genau an dieser Stelle in absehbarer Zeit ein weiteres Gleis zu verlegen …

Da ich mich jetzt von dem bevorstehenden ätzenden Kahlschlag ablenken möchte, werde ich mich an die #53 von Leon Collins machen. Die #53 ist eine spezielle Stepptanzübung. Macht bewegliche Füße – und ist gleichzeitig eine nette Choreographie, die sich zu ganz unterschiedlichen Musiktiteln und somit in unterschiedlichem Tempo ausführen lässt. Ich versichere Ihnen, die dafür erforderliche Konzentration lässt einfach keinen Platz für Gedanken an Kettensägen und kippende Baumriesen.

Die Fußarbeit können Sie zum Beispiel in diesem Video sehen. Und ja, ich finde Anzug oder lange Hose à la Fred Astaire oder Gene Kelly auch weitaus attraktiver  … ^^

Ich bin also jetzt metallbeschlagen am klackern und verabschiede mich daher.

Ihnen wünsche ich einen schönen Sonntag!

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©by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand (WordPress) - freie Autorin

 

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Couchgespräch …

Am Übergang zum Wochenmarkt spielte gestern ein älterer Straßenmusikant mit Hingabe auf seiner Querflöte.
„Every night in my dreams, I see you, I feel you …”
Erkannt?
My Heart Will Go On. Der Céline-Dion-Titel aus dem Film „Titanic“. Es folgte das „Ave Maria“.
Ich habe keine Ahnung, ob er sein Repertoire bewusst den Umständen angepasst hatte. Alles schöne, traurige, etwas schwermütige Lieder angesichts der allgemeinen Lage und der vielen Todesfälle unter prominenten Künstlern? Angesichts des Todes von René Angélil, Céline Dions Ehemann? Auf jeden Fall wirkte es wie ein Gedenken. Klang zugleich nach Trauerfeier, nach Beerdigung.

Krebs ist die Pest. Egal, wessen Tod in den letzten zwei Wochen gemeldet wurde, er war durch Krebs verursacht. Maja Maranow, Lemmy Kilmister, David Bowie, Alan Rickman, René Angélil
Keiner von ihnen hatte gegen diese Krankheit auf Dauer eine Chance!
Da kann man den Weltraum erkunden, technischen Schnickschnack höchsten Grades entwickeln, um sich gegenseitig abzumurksen, aber dem Krebs Herr werden … Das scheint ein anderes Kaliber zu sein.
Trotz aller Therapieverbesserungen und Fortschritte im Laufe der Jahre; für manche Krebsarten gibt es nach wie vor kaum irgendeine Aussicht auf völlige oder dauerhafte Genesung. Manchmal scheint es, als wäre alles überstanden, nur um kurz darauf – häufig in Form von Metastasen – mit Wucht zurückzukehren.
54 Jahre. Das ist doch kein Alter! Auch 69 nicht.
Die Betroffenen werden immer jünger, oder? Vielleicht täuscht der Eindruck auch. Liegt es daran, dass wir selbst älter werden? Es gab auch früher junge Opfer. Meine Freundin starb damals mit 33 an einer Variante dieser Pest. Nur diese Häufung der Fälle …?

Alan Rickman. Den habe ich sehr gemocht. Als Künstler, als Menschen. Seinen feinen Charakter. Soweit man ihn eben kennt. Einen Prominenten. Einen Schauspieler.
Ich werde bei Menschen zunächst bei einer Stimme hellhörig, dann auf den Blick aufmerksam. Ich bin ein relativ ruhiger, stiller Vertreter, reagiere eher auf Augen. Auf Menschen, deren Augen reden. Wenn einer ohne großen Kasperkram und übertriebene Gesichtsverrenkung zu unzähligen Gefühlsausdrücken in der Lage ist, werde ich davon eingenommen. Mich fasziniert ebenso die Fähigkeit, durch pure Anwesenheit absolut präsent zu sein. Durch feinste Mimik, nicht durch angestrengte, laute Aktion. Es beeindruckt mich dauerhaft. Die entstandene Anziehung bleibt tatsächlich über Jahre bestehen. In den meisten Fällen bis zum Tod.

Kommen nebenher – wie bei Alan Rickman – eine spezielle, wohlklingende Stimme hinzu oder die Fähigkeit, obendrein Aquarelle malen zu können, vor denen man sich hinknien könnte, dann ist es soweit, dass ich sogar Filme wie Robin Hood schaue, nur, weil dieser Mensch mitwirkt. Schinken dieser Art haben es sonst recht schwer bei mir. Auch für einen Kevin Costner schalte ich nicht automatisch meinen Fernseher an. Wenn allerdings Alan Rickman den Sheriff von Nottingham verkörpert …
Zack! Sofaplatz. Bitte Ruhe jetzt hier!

Haben Sie ihn einmal Shakespeare rezitieren hören? Sie geraten in seinen Bann, schmelzen dahin!
Selbst wenn Sie mehr auf den Gruber aus Stirb langsam stehen, auf den Harry aus Tatsächlich Liebe, den Colonel Brandon aus Sense & Sensibility oder auf Severus Snape, seine Glanzrolle in Harry Potter:
Mr. Rickman hat viele Menschen beeindruckt.
Ich hoffe, er hat nicht so leiden müssen …

Ein bisschen Gegenprogramm zum Schluss? Als Kontrast zu Krebs, Abschied nehmen und trauriger Querflötenmusik?
Wie das Leben so spielt, präsentierte sich auch mir heute direkt im Anschluss gleich wieder ein Aufmunterer, während ich mir Pflanzen bei Blume 2000 ansah. Genauso wie es ein etwa Fünfjähriger mit seiner Mutter tat.
„Was willst du Oma denn für eine Blume mitbringen“, fragte er.
„Ich glaube, die haben gar nicht das, was ich suche …“, lautete die Antwort.
„Was denn?“, hakte er neugierig nach.
„Omas Yucca-Palme ist eingegangen. Ich hätte ihr gern eine neue geschenkt.“
„Nein, das darfst du nicht!“ Heftiger Protest!
„Warum denn das nicht?“ Seine Mutter war völlig perplex.
„Dann muss sie sich doch immer kratzen!“

Es dauerte auch bei mir einen Moment, ehe ich begriff, dass er von einer hinterhältigen Juckerpalme ausging, die einer älteren Dame das Leben zur Hölle machen würde …

Beenden wir doch so das heutige Couchgespräch. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Ich soll Sie übrigens grüßen von meinem gelegentlich auftauchenden Stadtreiher, der nach sozialer Vernetzung und Ansprache dürstet.
Momentan beschränkt sich sein Kontakt nämlich auf einen Wetterhahn …

Einsamer Stadtreiher sucht Anschluss beim Wetterhahn ...(Reiher auf dem Dachfirst)

Einsamer Stadtreiher sucht Anschluss beim Wetterhahn …

 

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© by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Kuzwidu – weil die Lava noch Zeit braucht …

Manche Irrtümer halten sich hartnäckig. Eine der partout nicht auszurottenden Aussagen ist diese:
„Säuglinge schlafen die meiste Zeit.“

Im Fall von Baldriandoping mag das vielleicht noch angehen, es kann sogar sein, dass es unter den Winzlingen die ein oder andere ausgemachte Schlafmütze gibt, die anfangs sogar zum Trinken ständig geweckt werden muss! Das Gros der Babys jedoch ist schon nach wenigen Wochen ausgesprochen durchhaltefähig und mit einem bereits beachtlichen Dickkopf ausgestattet. (Ich rede vom Willen, nicht von der Stoßfestigkeit.)
Falls dieser Babyeigensinn nicht sowieso generell da ist, so blitzt er garantiert sehr deutlich in der Zeit auf, in der eine andere Person babysittet. Denn der gelegentliche Babysitter weicht unwissentlich von ersten, bereits liebgewonnenen Gewohnheiten ab und fordert damit umgehend Protest heraus.
Glauben Sie mir, ich spreche gerade aus Erfahrung!

Bei meiner gut vier Wochen alten Enkelin stand abendliches Einhüten an. Die Gedanken kreisten vorher ein wenig um den Ablauf.
Hm, abends? Und mehrere Stunden? Davon wird die kleine Dame sicher einen Teil der Zeit verschlafen.
(Ach, wirklich? An dieser Stelle müssten Sie jetzt eigentlich schon einen ohrenbetäubend lauten, penetrant quäkenden Alarmton hören. Falsch! Irrtum! Doch ich sann munter weiter.)
Ich könnte meinen Laptop mitnehmen. Vielleicht bleibt Zeit zum Schreiben. Moment, wie lange hält der Akku maximal? Ich sollte lieber noch das Netzkabel dazu einstecken. Nicht, dass ich aufhören muss, nur weil die Energie ausgeht …

Die kleine Lady war wach bei der Ankunft und hatte gerade gespeist. Es soll vorkommen, dass die Kleinen danach erst einmal geschafft sind und ein längeres Nickerchen einschieben. Nicht sie, sie blieb wach.
Auch schön, so konnten wir uns richtig begrüßen und hatten gleich mehr voneinander.
Ihr Papa ließ mir vor Verlassen des Hauses sogar die Zugangsdaten fürs heimische WLAN dort.
Falls ich ins Internet wollte, sobald Mademoiselle ruhte …

Ich verrate Ihnen etwas: Wir beide hatten vier recht lebhafte Stunden an diesem Abend, und der Laptop schaffte es daher noch nicht einmal aus seiner Schutzhülle! Ich benötigte meine Hände und Aufmerksamkeit anderweitig. Ständig. Von Anbeginn bis zur letzten Minute.
Das zusätzlich mitgenommene Netzkabel wand sich vor Lachen!

Eigen ist den Jüngsten ja auch ein sehr rapider Stimmungswechsel. Eben noch freundlich, zeigt sich Sekunden später eine verdammt tragische Miene, und der interne Lautsprecher wird entsprechend aufgedreht. Was eben noch toll war, ist jetzt doof. Die Gesichtsfarbe wechselt abrupt von hell zu dunkelrot. Vergiss jegliche Planung, und was bitte sind feste Essenszeiten? Der Hunger hält sich nicht daran. Er meldet sich häufig und kommt von einer Sekunde zur anderen; ist dann offenbar sofort schier unerträglich.
Man kann als Baby übrigens in eine gerade neu erhaltene, frische Windel viel besser etwas Anständiges reinmachen, als kurz zuvor in die alte … Ist ja auch mehr los, wenn der Babysitter zehn Minuten später erneut mit einem zur Wickelkommode marschiert. Wo wieder Platz im Darm ist, ist auch welcher im Magen. Hunger!

Man bräuchte jetzt drei oder besser vier Hände, um ein dramatisch rot anlaufendes Baby zu besänftigen, das sich steigernde Gebrüll auf einem mittleren Level zu halten und gleichzeitig für die neue Nahrung zu sorgen. Man singt beruhigend sämtliche Kinderlieder von früher in Endlosschleife, man füttert, wickelt, schleppt die Nachkommenschaft Kilometer wippend und schunkelnd durch die Wohnung oder verhält sich komplett ruhig –
je nachdem, wie es gerade genehm ist.
Die Kleine täuschte zwei- bis dreimal einen Scheinschlaf vor. Sie hat mich wirklich damit ausgetrickst. Diese Powernaps dauerten allerdings jeweils maximal drei Minuten, und danach ging das Programm wieder von vorne los.

Fazit des Abends: Vergessen Sie den Unsinn von ständig schlafenden Säuglingen, und glauben Sie vor allem nicht daran, dass sie es tun, wenn Sie zum Babysitten erscheinen!
Der Nachwuchs macht es höchstens dann, wenn den Eltern ausnahmsweise einmal daran liegen sollte, dass ihr Baby unbedingt dieses eine Mal eine bestimmte Zeit wach bleiben möge. Allein das dringende Anliegen alarmiert umgehend das Sandmännchen, wirkt wie eine Einschlafpille und garantiert für die nächsten drei bis vier Stunden Tiefschlaf.

Es lief also etwas anders, jedoch insgesamt recht gut mit uns beiden. Menschlich gesehen. Mädels unter sich halt. Und falls nach irgendeinem Plan, dann nach ihrem. Wobei ich eher vermute, sie handelte völlig willkürlich. Nach Instinkt und momentaner Befindlichkeit. Wäre da nicht die noch mangelnde Sprachkenntnis, hätte sie mir manches einfach sagen können. Nun, es dauert noch ein wenig, und bis dahin müssen wir uns so durchwurschteln. Wird schon.
Sie hat mich ja sowieso schon um den Finger gewickelt, egal, was für ein kleiner Quakbüdel sie zwischendurch hin und wieder ist. Immerhin habe ich für unser Date mein wöchentliches Steppen ausfallen lassen, und das will schon etwas heißen!
Der Energievorrat des Laptops war tatsächlich nie gefährdet, allerdings zeigte mein eigener Akku beachtlichen Verbrauch an. (Man fühlt sich hinterher geforderter als nach dem Stepptanztraining!)

Was an diesem Abend indes rein gar nicht klappte, war das beabsichtigte Schreiben am oder Vorbereiten der Fotos für den ursprünglich vorgesehenen Post hier im Blog. Das weihnachtliche Hamburg wäre es gewesen … Prioritäten, Sie verstehen? Enkelin vor Blog.
Dies hier ist lediglich kurz zwischendurch, da die Langvariante noch nicht fertig ist. (Siehe Überschrift.)

Wussten Sie eigentlich schon, welcher gravierende Unterschied zwischen Babys und beispielsweise den Urgroßeltern besteht? Nicht äußerlich! Ich meine vom Empfinden her!
Babys finden es gut, wenn gedämpftes, schummriges Licht herrscht. Nicht, dass man etwa einschlafen wollte, Gott bewahre! Nein, es reicht ihnen und ihren Augen völlig aus. Ist gemütlicher. Außerdem gibt es interessante Licht- und Schatteneffekte an den Wänden.

Wie hingegen die Generation der Urgroßeltern das gern hätte, verriet mir unbeabsichtigt meine Mutter während eines kleinen Telefonats anlässlich des 1. Advents am vergangenen Sonntag. Das Gespräch kam irgendwann auf den Adventskranz.
„Na, Mama, habt ihr auch schon ein Licht angemacht?“
„Nee, alle.“
„Alle vier?“
„Ja, wir sind alt. Wir brauchen mehr Licht.“

Sie können das mit dem Licht jetzt natürlich halten, wie Sie wollen. Wenn Ihr Alter respektive das Ihrer Augen irgendwo dazwischen liegt, passt es doch exzellent, dass am kommenden Sonntag immerhin schon ganz regulär zwei Adventskerzen angezündet werden dürfen.
Lassen Sie es sich gut gehen!
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© by Michèle Legrand, Dezember 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Der Gloria-Rufer und andere Ereignisse …

Das interne Tauziehen um den Blogpost dieser Woche endete gestern mit einem Sieg für den Gloria-Rufer über den dritten Bodensee-Teil. Meersburg wäre es diesmal gewesen. Es kann rein gar nichts für seine Niederlage!  Zeitaufwand und Ruheerfordernis beim Fertigstellen sind für einen See-Serienteil höher – und genau an der verfügbaren Zeit hapert es im Moment. So erwartet Sie stattdessen im Verlauf einer kleinen, entspannten Sonntagnachmittagskaffeeplauderei ein Einblick in Vorkommnisse der zurückliegenden Tage.

Wissen Sie, es gibt immer wieder einmal so gar nicht recht zusammenpassen wollende Dinge. Aktionen, Bilder, Eindrücke, die gefühlt in der präsentierten Kombination irgendwie misslungen wirken. Falsch erscheinen.
In anderen Momenten entstehen unter Menschen komische bis leicht bizarre Situationen. Auf ihre Art ebenfalls leicht daneben … Nur falsch erscheinen sie deshalb nicht automatisch.
Und es gibt selbstverständlich im Leben die ganz besonderen Augenblicke! Die wirken dann wiederum vollkommen und goldrichtig.  Keine Spur von daneben …
Die letzte Woche hatte von allem etwas parat.

Sollen wir loslegen? Stichwort Handel und Weihnachten.
Verzichten wir einfach auf eine grundsätzliche Diskussion über den frühen Verkauf von Schokoweihnachts-männern, das Augustangebot an Lebkuchen, schmelzenden Dominosteinen und Konsorten, das enorm zeitige Dekorieren von Lichterketten, Weihnachtsgirlanden, Tannenbäumen etc. Das Ergebnis einer solchen Debatte ist nämlich sowieso von vornherein klar: Alle beklagen die Vorgehensweise des Handels, aber an dessen Verhalten ändert sich darum noch lange nichts.
Wo Profit lockt …
Sich nur aufzuregen bringt also nicht weiter. Der Ärger macht nur hässliche Falten. Ehrlicherweise müssten wir uns eingestehen, dass wir als Kunden nicht konsequent genug im eigenen Handeln sind. Wir ziehen nicht an einem Strang. Wir werden weich vorm Regal. Wir akzeptieren die Umstände zwar noch nicht, aber wir tolerieren sie. Wir meckern doch im Vergleich zu früheren Jahren mittlerweile bereits deutlich weniger, murren immer leiser, und irgendwann werden sie uns vermutlich komplett ruhig bekommen.
Die Gewöhnung macht’s. Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.
Ihre Urenkel werden später überhaupt nicht mehr nachvollziehen können, was Ihren Puls beim Thema Adventszeit und Septemberstollen einmal hat losrattern lassen.

Was mich allerdings erstaunt, ist, dass bisher kein Ende in Sicht scheint mit der immer weiteren Vorverlegung der früher auf die echten Adventswochen beschränkten Vorweihnachtszeit. Stattdessen wird Jahr um Jahr immer noch ein bisschen eher mit Lichtern, Folie, Glitzerzeugs und erschlagenden Mengen an Weihnachtsmännern und anderen Süßigkeiten die Lieblingssaison des Handels eingeläutet.
Glauben Sie mir, nur die Tatsache, dass inzwischen Halloween zum Glücksfall für die Wirtschaft geworden ist und bis zum Gehtnichtmehr als weitere Einnahmequelle ausgeschlachtet wird, beschert uns bis zum
1. November noch ein wenig Ruhe vor weihnachtlicher Dekoration. Dass liebreizende Engel, Weihnachtskugeln und Goldhaar mit Gerippen, fies grinsenden Kürbissen und Kunstblut nicht so harmonieren, ist wohl für hartgesottene Verkaufsstrategen eine bittere Erkenntnis.

Wenn ich von Dingen spreche, die für mich nicht zusammenpassen wollen, dann ist z. B. dieses Weihnachten
im Spätsommer gemeint. In meinem Stadtteil gibt es von jeher Weihnachtsbuden sowie eine besondere Beleuchtung entlang der Straße. Vor zehn Jahren entstand aus diversen ursprünglich an der Straße platzierten Buden ein richtiger, ein kompakter Weihnachtsmarkt an einem zentralen Platz.
Als man damals zunächst damit begann, klammheimlich an der weihnachtlichen Straßenbeleuchtung etwas zu verändern, gab es Proteste. Wegen des früheren Zeitpunkts, aber auch deshalb, weil es Verzicht bedeutete. Es war eine Abkehr von der Tradition! Es gab nämlich plötzlich keine herkömmliche Beleuchtung mit Stern- und Tannenzweigmotiv oder sonst einem weihnachtlichem Bezug, stattdessen bekamen sämtliche Straßenlampen große Acrylzylinder übergestülpt, in deren Säulen LED-Leuchten ein Licht in wechselnden Farben produzierten.
Was tat man, um die leidige Diskussion zu stoppen?
Man nannte es nicht mehr Weihnachtsbeleuchtung sondern Winterlicht.
Wen wundert es, im Laufe der Jahre setzte die Gewöhnung auch hier ein und ja, es sieht in der Dunkelheit attraktiv aus! Wesentlich schöner und freundlicher an einem kalten Abend als ohne bunte Beleuchtung!
Nur  – es verströmt keine weihnachtliche Atmosphäre mehr.

Der Weihnachtsmarkt mit seinen durch viele Lämpchen beleuchteten Holzhütten und der (unechten) Eisbahn, ist am Abend stimmungsvoll, nur machte auch er eine seltsame Entwicklung durch.
Gab es in den Anfangszeiten noch diese besonderen Tage, Volkstrauertag und Totensonntag, jene Tage, die man abwartete, bevor buntes Licht, Trubel und das große Geschäft im Advent begann, erfolgte der Startschuss für diese Aktionen immer früher im November. Natürlich wurde Protest laut!
Kann man doch nicht machen! Geht gar nicht! Vorweihnachtszeit ist erst im Advent!
Was tat man, um diese neue Diskussion zu ersticken?
Sie ahnen es. Man nannte es eben nicht mehr Weihnachtsmarkt, sondern Winterzauber. Der darf nun ohne Skrupel eher beginnen. Man gibt sich auf Organisatorenseite nun jeden November der leisen Hoffnung hin, dass es winterlich wird …

Der diesjährige Winterzauber wurde am 6. November, am Freitagmittag, eröffnet.  Keine Ahnung, warum am Mittag. Wesentlich mehr Atmosphäre würde am Abend bei Beleuchtung herrschen. Es hätten auch mehr Menschen Zeit und Gelegenheit teilzunehmen. Der Zulauf wäre entsprechend höher.
Wie auch immer, man kann sich nun stolz rühmen, den ersten Weihnachtsmarkt in ganz Hamburg zu haben, der in dieser Saison seine Tore öffnet. Moment! Weihnachtsmarkt?
Ertappt! Es ist doch nur pro forma ein Winterzauber! Reine Verschleierungstaktik.

Das Wetter fällt gerade wieder gnadenlos in den Rücken. Das Thermometer zeigte am Freitag +16 °C an. Ein milder, sehr feiner Sprühregen benetzte die Haare der Ice Girls. Die Cheerleader-Truppe der Freezers tanzte aus Anlass der Winterzauber-Eröffnung in ihren bauchfreien Trikots auf der Like-Ice-Fläche. Spätsommergefühle machten sich breit, und die wenigen Gäste, die dort außer geladener Presse (Fotografen) sowie prominenten und eher unbekannten Eröffnungsmitwirkenden erschienen waren, wären mit einem kühlen Cocktail anstelle des Glühweins vermutlich glücklicher gewesen. Bei Vogelgezwitscher zeigte sich der Herbst von seiner milden Seite.
Winterzauber! Pustekuchen! Tja, so läuft es halt, wenn man kurz nach dem Abbau des Oktoberfestzelts schon wieder die Weihnachtsbuden errichtet!
Nichtsdestotrotz ist die Existenz des Weihnachtsmarkts grundsätzlich absolut begrüßenswert, und natürlich ist es eine schöne Einrichtung für Wandsbek – sobald die richtige Zeit gekommen ist!

Worüber sprachen wir noch? Komische, bizarre Situationen erwähnte ich anfangs!
Ich empfand eine als solche.
Irgendwann in diesen Tagen befand ich mich auf einem belebten Gehweg in meinem Viertel. Lief dort nichtsahnend. Nach einer Weile hörte ich ein Stück weit hinter mir jemanden rufen.
„Gloria!“
Was macht man, wenn man einen fremden Namen hört? Richtig, gar nichts. Man geht weiter und achtet nicht näher darauf. Das Rufen wiederholte sich allerdings mehrfach.
„Gloria!“
Mensch, hoffentlich hat er sie bald eingeholt! Oder sie bemerkt ihn endlich und bleibt stehen!
So oder ähnlich ging es mir durch den Kopf. Die männliche Stimme klang inzwischen durchdringend laut und zunehmend ungeduldig. Es fiel mir schwer, das Gebrüll weiter zu ignorieren.
„Gloria! Jetzt warte doch mal!“
Die energische Stimme ertönte diesmal direkt hinter mir, und einen kleinen Moment später tippten mir zwei Finger auf die Schulter. Ich drehte mich erstaunt um.
Der Gloria-Rufer in den Vierzigern schaute verdutzt.
„Oh, du … Sie sind es ja gar nicht!“
„Nein.“
„Sie sehen aber von hinten wirklich genauso aus!“
„Aha …“
„Überhaupt sind Sie sich ähnlich. Sie sind verwandt, oder?“
„Nein, bin ich nicht.“
„Nicht? Sie kennen Gloria gar nicht?“
„Nein!“
„Ach, das ist aber schade!“
Ich war verblüfft über diese fast schon wehmütige Feststellung. So fragte ich zurück:
„Kennen Sie Jonas?“
Welchen Jonas denn?“
(Ach, kannte er zwei?)
„Den anderen …“, erwiderte ich ernsthaft.
„Also ich kenne gar keinen Jonas …“, stammelte er.
Ich hatte den Mann heillos verwirrt. Mein Mitgefühl erwachte, ein minimal schlechtes Gewissen meldete sich kurz darauf. Außerdem musste ich lachen, was eine weiterhin ernste Miene und ein Fortsetzen der kleinen Veräppelei verhinderte.
„Schauen Sie, ich kenne keine Gloria, Sie keinen Jonas. Es schadet uns jetzt aber nicht so dermaßen, oder?“
Keine Antwort. Die Überlegung dazu war offenbar noch nicht abgeschlossen.
„Tja, ich muss weiter. Sie sehen übrigens ein bisschen aus wie Peter.
Peter?“
„Ja. Von hinten. Kennen Sie Peter nicht?“
Er begriff und grinste nun ebenfalls.
(Reitet Sie auch manchmal so ein kleines Teufelchen?)

Ich bin weitergegangen und musste spontan an eine andere Begebenheit denken. Damals hatte sich in einer Schlange ein etwas älterer Herr zu mir gesellt, der nicht aufschaute, mir dafür aber eine ganze Weile etwas erzählte, weil er dachte, er stünde neben seiner Frau. Ich ließ ihn gewähren. Seine Gemahlin befand sich inzwischen drei Leute weiter vorne, was mir klar wurde, als sie sich irgendwann suchend nach ihrem Angetrauten umdrehte. Sie entdeckte ihn, wirkte irritiert und unterzog mich anschließend mittels kritischem Blick einer sehr genauen Prüfung.
Ich zog leicht die Schultern hoch, was meine Unschuld und leichte Hilflosigkeit demonstrieren sollte.
„Bernd, mit wem unterhältst du dich denn …?“, schallte es pikiert hinüber.
Beim Klang ihrer Stimme schaute er endlich auf. Blickte zunächst sie an. Dann mich. Mit der Erkenntnis kam postwendend eine überaus frische Gesichtsfarbe …
Das soll Männern und selbst Frauen gar nicht so selten passieren, wenn sie pärchenweise unterwegs sind! Der eine schaut hier, der andere hält dort, einer läuft unbeirrt weiter, der andere jedoch bremst oder biegt ab und irgendwann läuft man einem Fremden nach oder steht unbemerkt neben einem neuen Partner und unterhält sich angelegentlich – zumindest, bis der Irrtum auffliegt.
Ich sag’s Ihnen: Sie können unterwegs echt was erleben!

Eines möchte ich Ihnen heute am Schluss gern noch in eigener Sache mitteilen. Am Montag habe ich nichts Verrücktes, nichts Bizarres, aber dafür etwas Unvergleichliches erlebt. An dem Tag kam meine kleine Enkelin zur Welt. Eine wundervolles Menschenkind …
Im Gegensatz zu Gloria kenne ich sie. Darüber hinaus ist sie tatsächlich mit mir verwandt! Vielleicht ist sie mir sogar in irgendeinem Punkt ähnlich?
Jetzt. Später. Innerlich? Äußerlich?
Also von hinten ganz bestimmt!

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© by Michèle Legrand, November 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

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SASHA in Hamburg – Ausverkauftes Konzert im Mojo Club!

SASHA im MOJO CLUBSankt Pauli, Donnerstag, 18. Juni 2015,  19.20 Uhr …
Menschen in einer langen Warteschlange am Beginn der Reeperbahn, das kann an diesem Tag nur eines bedeuten: Andrang vor Einlass anlässlich des Sasha-Konzerts im Mojo Club! Jenem unterirdisch angelegten Club, der 2013 unterhalb der Tanzenden Türme wiedereröffnet wurde. Ein Rondell. Ein sparsam ausgestatteter, höherer, runder, mit dunklen Hölzern ausgekleideter Raum, der über eine gute Akustik verfügt und nicht nur die Fläche unten direkt vor der Bühne bietet, sondern weiteren Raum auf einer sich darüber befindlichen umlaufenden Galerie.

Die Station Hamburg stand nach München, Köln, Dortmund, Frankfurt sowie Berlin als letztes auf dem Terminplan der Sasha-Clubtour 2015. Diese Art von Heimspiel hatte sich der aus Soest stammende Wahlhamburger für den Schluss aufgehoben. Die ca. 800 Tickets, die für dieses Konzert zur Verfügung standen, waren übrigens von allen Veranstaltungsorten am schnellstens vergriffen. Im Nu hieß es:
Mojo Club? Ausverkauft!
Am vergangenen Donnerstag erschien Sasha mit den Songs seines im Dezember 2014 erschienenen Albums „The One“ im Gepäck und sorgte zusammen mit seinen fünf exzellenten Musikern sowie Gastsängerin Lynne für einen äußerst gelungenen Abend mit sehr abwechslungsreichem Programm.

(Kurze Anmerkung vorweg: Persönlicher Konzertbericht, keine reine Konzertkritik!)

Die Idee, rechtzeitig vor Einlass um 19.30 Uhr vor Ort zu sein, schienen offenbar sämtliche Gäste des Konzerts zu haben. Die rasant länger werdende Schlange reichte bald zurück bis fast zur Kreuzung am Millerntorplatz. Ziemlich zugig ist es neben den Tanzenden Türmen, und bei kühlen 13 °C konnten es sich obendrein ein paar Regentropfen leider nicht verkneifen, noch vor Öffnung der Clubtüren zu fallen. Gut, dass der Termin für diesen Auftritt im trockenen Keller angesetzt und nicht die Stadtpark-Freilichtbühne für den heutigen Anlass ausgesucht wurde. Das wäre ein recht frischfeuchter Abend geworden …
Die Warteminuten erscheinen lang, wenn der Sommer hartnäckig pausiert, der Mensch fröstelt. Ablenkung kommt gerade recht. Wer sich in diesen Minuten den Weg quer durch die wartenden Konzertbesucher bahnen musste, weil er sonst nicht weitergekommen wäre? Der vielen besonders durch Let’s Dance bekannt gewordene Tänzer Christian Polanc

Der Zugang zum Mojo Club befindet sich nicht im Gebäude selbst. Stattdessen scheint neben den Tanzenden Türmen an zwei Stellen der Gehweg hochgeklappt wie der geöffnete und hochgebogene Deckel einer Sardinenbüchse. Diese zwei schleusenähnlichen Tore geben den Weg ins Unterirdische frei.

Kurz nach halb acht …
Einlassbeginn. Die Tickets werden zügig kontrolliert, die Besucher verteilen sich auf die beiden vorhandenen Etagen im Clubinnern. Noch knapp eine Stunde bis zum Konzertbeginn um 20.30 Uhr.
Die Stimmung ist heiter und aufgeräumt. Das Publikum besteht zu ca. 80 % aus weiblichen Fans, Männer scheint es nur in der Funktion des Begleiters zu geben. Was Sasha etwas später von der Bühne aus zu der Frage veranlassen wird, wer denn nun von den anwesenden Herren alles „mitgeschleppt“ wurde. Doch auch die Begleiter wirken entspannt und gut aufgelegt. Sie werden sowieso schnell feststellen, dass die Befürchtung, man befände sich jetzt – überzogen ausgedrückt – beim Konzert eines Schnulzen- und Schmusesängers, dessen einzige Aufgabe es ist, bei Frauen verzückte Blicke hervorzurufen oder ihnen Ohnmachtsanfälle bzw. Heulkrämpfe zu bescheren, nicht zutrifft. Woher kommt diese Fehleinschätzung nur?
Alte Bravo-Poster? Die Anfänge vor 17 Jahren? Die ersten Songs mit – aus heutiger Sicht – teilweise tatsächlich eher bravem Arrangement? Oberflächliche Berichte, die sich vorrangig mit Aussehen, Frisur etc. beschäftigen? Ewige Jahre keine neueren Songs gehört?
Mir hat einmal jemand gesagt, es sei der Name. SASHA. Der höre sich schon so weich an, da könne doch nur ein Womanizer mit „Frauenmusik“ kommen. So ein Quatsch!
Oder doch nicht?
Es scheint tatsächlich für ein männliches Wesen einfacher zu sein zuzugeben, dass es bzw. er bei einem Auftritt von Dick Brave & The Backbeats war, als ohne Schamesröte zu erwähnen, er käme soeben von einem Sasha-Konzert. (Sie wissen, dass Sasha einen kanadischen Klon hat, der merkwürdigerweise immer dann auftaucht, wenn er selbst gerade nicht da ist. Dabei ist der Deutsch radebrechende Dick aus Kanada im Holzfällerhemd auch nicht „more brave“ als unser Soester Sasha …)
Namen sind Schall und Rauch. Was aber, wenn nicht?
Wahrscheinlich hätte Herr Schmitz sich zu Beginn seiner Karriere einfach überlegen müssen, zwei Buchstaben des Vornamens Sasha zu streichen. Er hätte ein Ausrufezeichen anfügen können und – zack! – hätten die Männer ihn von Anfang an für voll genommen.
„Wer hat gestern gesungen? Bei wem warst du?“
„Bei Ash! „Der nennt sich Ash! – eine echt coole Socke!“

Kurz nach halb neun …
Die Band nimmt die Plätze ein. Kurz darauf betritt Sasha, begleitet von wildem Getrampel, begeisterten Pfiffen und dem Beifall seiner Fans, die Bühne. Ab diesem Moment ist Show angesagt – gut zwei Stunden Musik und Entertainment nonstop! Es gibt wenige Künstler, die auf der Bühne dermaßen präsent und mit so viel Herzblut dabei sind. Ohne Unterlass „arbeiten“, wie dieser Mann. Es gibt ebenfalls nur wenige, die derart hervorragende Live-Interpreten sind. Ist man als Zuhörer gelegentlich bei einem Künstler enttäuscht, dass dessen Stimme oder Tontreffqualität live bei weitem nicht an die Aufnahme der CD herankommen, die Stimme nicht das gesamte Konzert durchhält oder es an Ausstrahlung auf der Bühne fehlt, so trifft man hier auf einen Künstler, der nicht nur scheinbar mühelos zwei Stunden auf immer gleich hohem Niveau singt, sondern der überdies zwischendurch äußerst unterhaltsam mit seinem Publikum agiert. Bei aller Arbeit auch noch immenses Vergnügen zu empfinden scheint.
Einziges Zeichen seiner Anstrengung: Durchschwitzte Shirts und zahlreiche Handtücher, die zum Trockenwischen benötigt werden …

Die Band …
Nicht minder aktiv die ihn begleitenden Musiker. An diesem Abend mit von der Partie sind Ali Zuckowski (Gitarre), Sevan Gökoglu (Keyboard), Sven Petri (Schlagzeug), Raymond David Blake (Bass) sowie Justin Balk (Gitarre). Bassist Raymond begleitet Sasha bereits seit mittlerweile 15 Jahren, Justin Balk aus Hamburg ist neu hinzugekommen. Ali Zuchowski sagt Ihnen gerade etwas? Das ist einer der Herren, der mit den Song „Rise like a Phoenix“ für Conchita Wurst komponiert hat …

Das Programm an diesem Abend ist sehr vielseitig. Es werden nicht nur Stücke aus dem inzwischen sechsten Album „The One“ präsentiert, sondern immer wieder auch Songs aus vorangegangenen Alben in neuem Arrangement.

„The One“ …
Was hat dieses Album, was Vorgängeralben vielleicht nicht haben?
„The One“, in Kalifornien produziert, hebt sich durch mehr Melodie (speziell bei den Balladen „Silver Linings“ (im Duett mit Lynne), „Sleeping With The Light On“, „Can’t Quit Loving You“), aber auch mehr Groove vom Bisherigen ab. Manches klingt kubanisch, lateinamerikanisch angehaucht („Enjoy The Ride“), anderes ist sehr funky („Good Days“). Es geht sogar Richtung Jazz, Richtung Reggae („Rock WithinThe Breakers“, „A Girl Like You“) oder auch Swing, wie der TitelsongThe One“ demonstriert.
Bei diesem Titel mutierten einige Konzertbesucher kurzzeitig zu fröhlich auf und ab hopsenden Flummis …

Speziell beim Live-Auftritt fällt auf, dass die neuen Songs grundsätzlich „basslastiger“ als früher herüberkommen. Vielleicht spielen dabei aber auch der speziell hier herrschende Sound sowie die Akustik des Mojo Clubs eine Rolle …
Was beim heutigen Konzert unter Umständen ausschließlich und in Folge gespielt zu viel (Bass, Groove) werden würde, gleichen die früheren Titel aus, die immer wieder eingeschoben werden und dem Publikum aufgrund ihres hohen Wiedererkennungswerts merklich gefallen.
Please, please, please“ aus dem 2009 erschienenen Album Good News on a Bad Day ist ebenso dabei wie „Hide & Seek“ von 2007 (Titelsong für den Drei-Fragezeichen-Kinofilm „Das Geheimnis der Geisterinsel“). „Lucky Day“ wird lauthals im Chor mitgesungen, „I’m Coming Home“ macht hier keine Ausnahme.
Mit „Me And My Gorilla“, „Skyline“ sowie „Mad Love“ sind weitere Songs aus „The One“ vertreten.
Der Konzertabend klingt aus mit vielen bekannten Songs. „Rooftop“ und „Turn It Into something Special“ aus dem Album Surfin’ on a Backbeat von 2001, „Slowly“ aus dem Album Open Water (2006) erklingt zu blauen Nebelschwaden.
Mit „This is my time“ (2001) ist das Ende erreicht, doch unter drei Zugaben kommt Sasha bei seinen Anhängern generell kaum weg. Was er weiß und einplant. Zugabe eins „If you believe“ mit kräftiger Publikumsunterstützung (ein Titel des allerersten Albums Dedicated to …, 1998 erschienen) wird gefolgt von der Vorstellung seiner demnächst erscheinenden neuen Single. Als endgültiger „Rausschmeißer“ (O-Ton Sasha) fungiert sein Song „I feel lonely“.

Begeistertes Konzertpublikum. Wieder einmal langanhaltender Beifall mehr als zufriedener Fans für den heutigen Auftritt.
Es herrschte eine schöne Atmosphäre bei einem äußerst kurzweiligen, vergnüglichen Clubabend mit vielseitigen Songs unterschiedlicher Stilrichtungen, die allesamt gekonnt dargeboten wurden. Ein Genuss, solchen Könnern zuzuhören! Dass es zusätzlich enorm Spaß macht, ist das Sahnehäubchen, das Sasha stets parat hat. Ein absolut empfehlenswertes Live-Erlebnis!
In Erinnerung bleiben wird mit Sicherheit auch Gastsängerin Lynne, die eine Stimme mit hohem Wiedererkennungswert besitzt und deren Performance sehr gut beim Publikum ankam.

Ich wage zu behaupten, dass vermutlich keiner der  männlichen Anwesenden dieses Sasha-Konzert als schnulzig oder die Stilrichtung(en) der Musik als „reine Frauensache“ empfunden haben wird. Und überhaupt: Wer einmal zu Sasha „mitgeschleppt“ wurde, ist von da an ohnehin höchst freiwillig wieder mit von der Partie. Hat eventuell vorhandene Vorurteile abgelegt. Ist infiziert und genießt einfach derartige Live-Auftritte. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Den ersten Besuch eines Konzerts 2006 im Grünspan (Hamburg) absolvierte ich streng genommen auch nur als Begleitung. Es war der Beginn einer langen Reihe weiterer Sasha/Dick Brave Konzerte…

Wer den Termin im Mojo Club verpasst oder keine Karten mehr bekommen hat, könnte sich den 27. August 2015 vormerken. An diesem Tag gibt Sasha mit Band erneut in Hamburg ein Konzert. Diesmal auf der Freilichtbühne im Stadtpark. Karten für SASHA – A special night in the park! sind im Moment noch verfügbar …

Zwei kleine Nachträge:

1)
Fotograf Carsten Göke (CarlitoPix) hat im Mojo Club offiziell fotografiert. Eine ganze Reihe dieser Konzertaufnahmen findet sich für alle Interessierten unter diesem Direktlink zu seinem Blog.
https://carlitopix.wordpress.com/2015/06/22/sasha-clubtour-2015/

2)
Ich wurde zwischenzeitlich von meiner Tochter (mit der ich diese Konzerte immer besuche) in einer Sache korrigiert: Bereits seit 2004 sind wir dabei, ab 2006 „Wiederholungstäter“. Im Februar 2004 trat Dick Brave mit seinen Backbeats in der Großen Freiheit auf Sankt Pauli auf.

© by Michèle Legrand, Juni 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Geburtstagsbesuch …

Das Schild mit der Glättewarnung gibt es immer noch. Das hängt dort ganzjährig.
Ein merkwürdiger Anblick im Sommer.
Die Parkplätze sind rar, auch wie immer.
Das Wetter zeigt sich seit einigen Jahren an seinem Geburtstag sehr durchwachsen, kalt und ungemütlich. Früher einmal war das Datum Garant für Wärme und Sonnenschein gewesen. In der Zeit, als er noch im Büro tätig war, gab es an seinem Ehrentag immer Eis. Jedes Jahr stellte er ebenfalls Kuchen zur Abstimmung, doch die Wahl fiel genauso sicher wieder auf Eisbecher. Eben weil hochsommerliche Temperaturen herrschten.

Der einzige freie Parkplatz liegt in einer Nebenstraße. Ein etwas längerer Spaziergang ist diesmal nötig, um zu ihm zu kommen und zu gratulieren. Der letzte heftige Regenguss, bei dem die Scheibenwischer kaum hinterherkamen, endete vor ein paar Minuten. Pfützen gibt es reichlich, doch am Himmel sieht es im Moment relativ gut aus. Vielleicht bleibt es vorerst ein Weilchen trocken von oben.
Die Strecke ist schneller geschafft als gedacht, inzwischen kennt man die Gegend und kann ein paar Abkürzungen über kleine Wege quer durch zum Ziel nehmen.

„Hallo! Na, hast du etwa gedacht, ich komme nicht?“, frage ich ihn lächelnd während ich herantrete und dabei die Blumen auswickle. „Nix da, Geburtstag ist Geburtstag!“
Die übliche Konversation startet.
„Noch so ein Schüttschauer wie eben, und ich hätte bald mit dem Boot zu dir kommen können. Oder schwimmend! Das Glätte-Schild bei euch könnten sie mal ersetzen gegen eine Aquaplaning-Warnung … Mensch, der Busch dort links ist aber ganz schön gewachsen seit dem vorigen Mal!“
Er wird auf den neuesten Stand gebracht. Der Geburtstagsjung, nicht der Busch. Obwohl ich stets auch Fragen an ihn habe, wirkt die Unterhaltung häufig ein wenig einseitig. Jedenfalls für Außenstehende.
„Doch, alles soweit gut … Sie war zwischendurch in Frankreich studieren, ist aber jetzt wieder hier. … Wo? In der Gegend, in der du damals mit der Ente unterwegs gewesen bist! …
Ach, dem geht’s auch gut. Er hat inzwischen geheiratet! Doch! Ja, ich weiß, dass es im Prinzip – zumindest gefühlt – noch gar nicht so lange her ist, dass er geboren wurde … Und weißt du, was das Größte ist? Ich werde Oma! … Nein, ehrlich! Jetzt sag’ bloß nicht, du kannst dir das nicht vorstellen!“
Er sagt zwar nicht richtig deutlich etwas dazu, aber man weiß auch so, was kommen würde, kennt die Reaktion genau. Ihn interessieren Details.
„Ich verrate es dir, sobald ich mehr weiß.“

Der Himmel bedeckt sich erneut in rasantem Tempo. Von Westen her zieht eine riesige, enorm schwarze Front heran. Heftige Böen entwickeln sich plötzlich, wie aus dem Nichts. Deutlich kündigt sich ein weiterer mächtiger Platzregen an. Vielleicht sogar mit Gewitter, Hagel und allem Drum und Dran. Ich mache den Anfang, obwohl er mich wahrscheinlich sowieso gleich nach Hause schicken würde in einem solchen Fall:
„Es sieht nicht gut aus, was sich da zusammenbraut. Sag, wo ist bloß das schöne Geburtstagswetter von früher hin? Du hast immer gesagt, du seist ein Sonntagskind und deine Mama hätte dich ihren Sonnenschein genannt. Darum sei gutes Wetter …“
Ich spüre zwei erste Tropfen. Auf den Händen. Alles andere ist ja – Ende Mai hin oder her – von der warmen Jacke verdeckt.
„Ich werde für heute gehen. Vielleicht schaffe ich es noch zurück zum Auto, bevor sich die Sintfluttore öffnen. ich komme bald wieder.
Was meinst du?
Ich soll mich jetzt beeilen, aber dich selbst schert ein Wolkenbruch nicht?
Ah, ich weiß, ich kenne dich! Du meinst, weil du hier trocken liegst …!“

Seine Art von Humor fehlt schon ein bisschen. Wie so vieles andere auch.
Es ist und bleibt einfach unzureichend, eine armselige Alternative, seinen Geburtstag seit acht Jahren nur noch auf dem Friedhof begehen zu können …

Doch in einer Hinsicht erkenne ich mittlerweile die Logik:
Es kann das strahlende Geburtstagswetter an diesem Tag überhaupt nicht mehr geben; weil der, weil sein Sonnenschein fehlt.

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) - Ende Mai 2015

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) – Ende Mai 2015

 

© by Michèle Legrand, Juni 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Klau keinem Worte! Und zieh dir etwas anderes an!

Ich mache mir langsam Gedanken, ob die Zeit gekommen ist, meinen Kleidungsstil zu wechseln und die Sprechweise zu ändern. Was halten Sie von der Idee, auch gleich etwas langsamer und leicht gebeugt zu gehen?
Vermutlich bin ich momentan etwas sensibilisiert für die Sache mit den ewig jungen Alten im Lande, die sich irgendwie nicht adäquat benehmen. Sich zumindest nach althergebrachtem Verständnis nicht altersgemäß verhalten und damit – so hat es den Anschein – Probleme verursachen. Langsam steigt in mir die Sorge auf, dass ich zu diesen lästigen Querulanten gehöre, die jungen Menschen übel mitspielen. Ach was, so wie sich das mehrheitlich liest, gefährde ich deren Seelenleben und ruiniere demnach höchstwahrscheinlich die Zukunft einer ganzen nachwachsenden Generation!

Wollen Sie eigentlich tatsächlich weiterhin mitlesen? Hier im Blog?
Entschuldigen Sie die Frage, doch dieses ganze Gedöns um das Thema, was darf ein reiferer Mensch im fortgeschrittenen Alter ohne bittere Konsequenzen oder Schuldkomplexe, verunsichert mich in der Tat. Nicht nur das! Es macht mich ganz wuschig!
Kann ich z. B. überhaupt noch unbehelligt und ohne schiefe Blicke zu ernten bloggen oder sollte es komplett den Jüngeren vorbehalten bleiben? Sie wissen, der Knackpunkt ist der, dass sich das Jungvolk schließlich noch irgendwomit gegenüber der Eltern- oder Großelterngeneration abgrenzen können oder lassen muss.
Mein momentanes Aufhorchen und die heutige Aufmüpfigkeit mögen darin begründet sein, dass ich seit kurzem – rein nominal, versteht sich – wieder ein Jahr älter bin. Nach Ansicht des Werbevolks und gemäß der Einstellung vieler Firmen bewege ich mich mittlerweile komplett außerhalb jeder interessanten oder wirtschaftlich relevanten Altersklasse. Bin jenseits von Gut und Böse. Da kann man nichts machen. C’est la vie. Ich hatte damit bisher kein Problem.
Falls Sie allerdings jünger sind …? Es lässt mir gerade keine Ruhe!
Es könnte doch durchaus der Fall sein, dass Sie auch Artikel zur tragischen Lage der Jungen gelesen haben und sich inzwischen irgendeine Bloggeraltersakzeptanzgrenze (Schluss bei 45, 55, 75, 90 Jahren etc.) gesetzt haben, die Sie nicht überschreiten möchten.
Ich möchte Sie lediglich darauf hinweisen, dass ich unter Umständen darüberliege!
Wenn Sie also die Meinung vertreten, Reifere sollten sich irgendwann aufs Altenteil zurückziehen und vor allem die Finger von Dingen lassen, die die nachfolgende Generation ebenfalls gern tut bzw. hat oder bei denen diese womöglich sogar einst Vorreiter war und Vorrechte besäße, dann sollten Sie besser an dieser Stelle schnell und unauffällig den Rückzug antreten.

Sie bleiben? (Moment, ich muss mich kurz schnäuzen. Die Rührung, Sie verstehen.)
Lassen Sie uns fortfahren …

„Ältere erschweren jungen Menschen deren Abgrenzungsmöglichkeiten und nehmen ihnen ihre Identifikationsmerkmale.“
„Silbergeneration kleidet sich unbekümmert wie Teens und Twens.“
„Fast-Senioren nutzen vermehrt ursprünglich verpönte oder unbekannte Begriffe aus dem Sprachschatz Jugendlicher.“
„Internet wird zum Treffpunkt für alle. Senioren entdecken die sozialen Netzwerke.“
„Jugendliche haben es immer schwerer, sich von vorangehenden Generationen zu unterscheiden.“

Lesen Sie in den letzten Wochen auch so häufig über die dreisten Alten, die sich einfach nicht in Hauskittel und mausgraue Jerseyhose mit Dehnbund pressen wollen?
Über die Mittfünfziger bis Mittsechziger, die bei H&M den jungen Leuten die letzte Krumpellook-Zipfelbluse oder hautenge Leggings wegschnappen? Die Fastrentner, die sich die Haare ungeniert asymmetrisch schneiden lassen und ihre neue, weithin leuchtende Haarfarbe auch noch lautstark geil finden? Die Faltengeneration, die täglich, Sporttasche schwenkend und mit Schweißband ausgerüstet, zum Workout ins Fitnessstudio verschwindet? Hypermoderne Brillengestelle, hautenge Jeans, Haarverlängerungen und Bauchnabelpiercings ihr Eigen nennt?
Mit anderen Worten, haben Sie auch von den Leuten vernommen, die keine Lust auf vermeintlich altersgerechte Ausstaffierung, reine Seniorenhobbys oder auf vielleicht früher einmal diesem Alter entsprechendes Verhalten verspüren?

Die Jungen hätten es heutzutage nicht leicht, so der Tenor in vielen Artikeln. Wie sollen sie sich bloß von ihrer Eltern- und Großelterngeneration abheben? Womit können sie noch demonstrieren, dass sie die nächste Truppe und völlig anders sind, wo doch Alt und Jung die gleiche Kleidung bevorzugen, sich generell ein ähnliches Styling zulegen, keine übermäßig großen Abweichungen bei Hobbys und sonstigen Interessen bestehen und sogar eine gewisse Sprachanpassung zur Regel zu werden scheint?
Gibt es denn rein gar nichts, was sich zur Unterscheidung oder auch Abgrenzung eignen könnte? Selbst mit Tattoos kommen die Jungen nicht zum Zug. Mit etwas Pech hat sich Opa bereits vor ihnen ein Motiv in den dank eifrigen Hanteltrainings weiterhin muskulösen Oberarm stechen lassen.

Was ist los? Warum sind wohl die Älteren so, wie sie sind? Warum verweigern sie heutzutage das Tragen der Einheitsschnitt-Plünnen von früher? Warum sehen sie partout nicht ein, warum sie sich auf einmal aus allem ausklinken sollen? Warum lehnen sie es ab, dass ihr Leben fortan aus Kaffeefahrten, Musikantenstadl schauen, Boulevardpresse lesen, Kreuzworträtsel lösen und Häkeln bestehen soll? Nichts gegen die letztgenannten Dinge, nur das Leben kann sich nicht allen Ernstes allein darauf beschränken. Es kann einem doch nicht aufgezwungen werden, nur weil just eine ominöse, willkürlich festgelegte Altersgrenze überschritten wurde!
Glaubt denn allen Ernstes jemand, das bei ihrem Erreichen sich selbstredend augenblicklich das Gehirn verändert, das Wesen mutiert, die Mumienentwicklung startet? Wenn nicht das, dann die Person zumindest jeglichen Schwung verliert, Farben fortan Kreischanfälle verursachen, Fitness zum Fremdwort und Attraktivität über Nacht ausgeknipst wird?
Klack! Schalter umgelegt. Steht jetzt in der Kippposition ALT. Grau, braun, dezent ist angesagt. (Halt dich gefälligst daran! Oder willst du die Jungen auf dem Gewissen haben?)

Sie merken, ich mokiere mich ein wenig. Übertreibe bewusst. Nein, ich bin wirklich nicht ganz überzeugt von der These der Vereitelung der Generationenabgrenzung durch falsche Seniorenkleiderwahl.
Für andere kann ich nicht sprechen, aber für mich. Beleuchten wir doch meine Situation, in der sich andere vielleicht wiederfinden:
Ich werde rein zufällig und ungefragt jedes Jahr ein Jahr älter. Klar, es kommen Falten dazu, die eine oder andere Körperzone hat auch schon straffere Zeiten gesehen. Mal merke ich das zusätzliche Jahr, mal scheint sich nicht groß etwas getan zu haben.
Was sich in all den Jahren keinesfalls grundlegend geändert hat, sind persönlicher Geschmack mit Vorlieben und Abneigungen, Lebenseinstellung, Ausdrucksweise, Interessen etc. Selbst solche Dinge wie Gewicht, Haarfarbe – ja, selbst Frisur! – weisen keine großen Abweichungen zu früher auf.
Kleidung, die ich als Teenager trug, passt mir theoretisch heute noch. Farben, die mir früher standen, stehen mir weiterhin. Formen und Schnitte, die ich damals nicht mochte, kann ich auch heute noch nicht ausstehen. Eben weil sie an mir unverändert unvorteilhaft oder lahm wirken.
Modische Neuerscheinungen nehme ich daher zwar zur Kenntnis, entscheide jedoch ganz allein, ob sie etwas für mich sind oder nicht. Ich mache mich jedenfalls nicht zum Affen, nur weil etwas gerade im Trend liegt und angesagt ist, mich jedoch wie eine Wurstpelle umwickelt oder alternativ wie ein kragenloser Raumfahrtanzug schmückt.
Ich unterliege absolut nicht dem Modediktat, was logischerweise ebenfalls bedeutet, dass mich auch keiner dazu bringt, mich in gefühlt völlig ungeeignete Klamotten zu zwängen, nur weil ein Mensch oder eine Gruppe behauptet, dass sie für die Frau ab 40, 50 oder 60+ Jahren modisch korrekt, kleid- und ratsam und im Hinblick auf nachfolgende Generationen komplikationsfrei und daher empfehlenswert wären!

Mal ganz unter uns: Ist das nicht gelinde gesagt alles überhaupt ein ziemlicher Beschiss? Verzeihen Sie die drastische Ausdrucksweise, doch mich würde wirklich interessieren, wie Sie die Entwicklung beurteilen!
Über Jahre, nein, jahrzehntelang versuchte die Wirtschaft, allen voran die Modeindustrie – an Umsatz- und Gewinnsteigerung interessiert – die Älteren zu überzeugen, dass sie modebewusster sein sollten und ebenfalls flotte Jeans, Farbenfrohes, Figurbetontes, Ausgeschnittenes, kürzere Rocklängen etc. tragen könnten. Man produzierte Konfektionsware zusätzlich in größeren Größen, so dass selbst Menschen jenseits der Teenagerjahre und ohne dünne Spargelbeine hineinpassten. Man schaffte es, frauliche Merkmale wie Handtaschenliebe und Schuhfaible auszunutzen und allen einzureden, dass Zufriedenheit mit steigender Stückzahl und großer persönlicher Auswahl steigen würde. Man umcircte die durchaus solvente Generation und schaffte einen Bedarf, der bis dahin gar nicht existierte!
Die Kosmetikindustrie schmiss sich bereits an die Frauen heran, wenn sich deren Alter noch im Twen-Bereich bewegte. Malte Horrorszenarien aus, was passieren würde, wenn sie nicht schon ab 25 starteten, böse Falten im Zaum zu halten und die Straffheit ihrer Haut mittels dauerhaften Einsatzes von Cremes, Gels und Lotionen zu sichern. Immer wurde eingeimpft: Oder willst du etwa alt aussehen? So gefällt es dir doch auch besser!
Sie wissen, wohin das führte. Die Gesellschaft verjüngte sich optisch schon – nur Äußerlichkeiten gewannen auch immer mehr an Wichtigkeit. Gutes Aussehen, Jugendlichkeit und Frische wurden mit Erfolg, Glück und Zufriedenheit gleichgesetzt.
Nach Mode und Kosmetik gesellten sich die Fitnessbranche sowie der Wellnessbereich unterstützend hinzu. Neues offizielles, ehrenwertes Ziel (neben der schnöden Konsumankurbelung und der Schaffung gewisser Abhängigkeiten): Fitness herstellen und erhalten, Gesundheit fördern.
Stopp! Wir haben die Diäten vergessen!
Der Mensch mittleren Alters sollte Gewicht verlieren, Fett verbrennen, die Figur formen. Wenn eine Diät nicht ausreichte notfalls mithilfe von Schönheitsoperationen. Dort, wo all das ausartete, entstanden Jugend- und Schlankheitswahn. Irgendwo hier befand sich auch die erste Keimzelle für die Magersucht. Denn als Nebeneffekt schnappten immer mehr jüngere Mädchen diese fragwürdigen Avancen auf und gerieten ebenfalls in den Sog.
Jede Branche schlug in die gleiche Kerbe. Zielgruppe umgarnen und weichklopfen. Alle wollten sie ja nur das Beste. Mit uns geht es dir gut, mit uns wirst du schön. Willig war das anvisierte Individuum – denn jede Form von gefühltem Attraktivitätszuwachs steigerte das Selbstbewusstsein. Wer will das nicht? Die Fische zappelten freiwillig an der Angel, als sie nach den ausgelegten Ködern schnappten.

Der Rest passierte im Grunde von ganz alleine. Sobald ein genügend großer Prozentsatz einer Generation bereit war, sich auf Veränderung einzulassen und diese lebte, wurde das Neue zum normalen Bild im Alltag. Nach und nach infizierte sich auch der Rest. Die, die sich zuerst nicht trauten, die, die stets länger für alles brauchen, selbst die, die es zu Beginn ablehnten und schlichtweg unmöglich fanden.
In der Folge kam es zur Abkehr von der Tradition, zur Auflösung bisheriger Normen. Oma heute sah nicht mehr aus wie Oma gestern. Das ondulierte Haar im altersgerechten Grau mit leichtem Lilastich wurde seltener und seltener, nahezu ausgerottet auf einmal die formlose Kittelschürze und der Blockabsatz. Stattdessen Modebewusstsein, das Verfolgen neuester Trends, das Heraustreten aus der Unscheinbarkeit. Nach all den Mühen, die man sich mit der eigenen Person und ihrer Erscheinung gegeben hatte, nach all den Verlockungen, die der Handel vor einem ausgebreitet hielt, strebte man nach anderem. Unterstrich seinen Typ, betonte seine Reize, fühlte sich noch nicht zum alten Eisen gehörend.

Gleichzeitig passierte noch etwas anderes: Die Gesellschaft befand sich im Wandel! Und zwar nicht nur äußerlich! Die Zahl der Geburten ging zurück, die Berufstätigkeit der Frau stieg rasant, Emanzipation, Gleichberechtigung … Sie kennen das. Funktionen, Rollen- und Aufgabenverteilung – alles erfuhr eine Veränderung. Gesellschaftliche Umbrüche traten ein, neue Strukturen entwickelten sich, ein andersgearteter Lebensstil entstand.

Und heute werden nun Stimmen laut, die so klingen, als hätten sie es am liebsten, wenn wieder etwas zurückgeschraubt würde, damit jede Generation durch das, was sie anzieht, bitte wieder eindeutig zugeordnet werden kann?
Stimmen der Mahner, die fürchten, eine Kleidung ähnlichen Stils bei den Eltern brächte die Jugend in Identifikationsnot? Solche Äußerlichkeiten?

Entschuldigung, aber ich glaube, die Jungen wurschteln sich gerade durch ganz andere Probleme! Fehlende Unterstützung, Bildungsmisere, Schulstress, Konkurrenzkampf, Notendruck, Schwierigkeiten bei der Ausbildungsplatzsuche, fehlende Studienplätze, Behördentrouble, finanzielle Not bereits im Elternhaus, Scheidung der Eltern, Auswirkungen der Wirtschaftssituation und sonstiger Weltkrisen, Arbeitsplatzsorgen, Zeitverträge, Stellenabbau, Wohnungsknappheit, hohe Mieten, Umweltprobleme … und dann noch obendrein dieses fürchterliche Unwohlsein wegen der Kleiderfrage! Meine Güte!

Identifikation ist wichtig, doch bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass junge Leute andere Wege entdecken und ihnen weitere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sich und ihre Generation zu repräsentieren. Sie sind mit Sicherheit nicht darauf angewiesen, zur Kenntlichmachung ein Exklusivrecht auf bestimmte Konfektionsteile zu erhalten! Wenn sie es sogar mit links schaffen, sich selbst innerhalb ihrer eigenen Generation über die wohl doch nicht so gleiche Kleidung und das Tragen anderer Marken bestens voneinander abzugrenzen, dürften sich gegenüber einem dreißig oder vierzig Jahre älteren Menschen nicht unbedingt mehr Probleme auftun.

Lassen wir die Kleidung einen Moment außer Acht. Wodurch unterscheiden sich Jung und Alt und die Umstände denn sonst noch?
Ein junger Mensch bewegt sich anders, ist im Allgemeinen neugieriger, häufig spontaner, flexibler, körperlich belastbarer. Handhabt als Digital Native (unbewusst) vieles anders, als die Generationen vor ihm.
Während seiner Entwicklung dominieren andere Themen die Schlagzeilen als bei seinen Eltern oder Großeltern und wirken auf sein Tagesgeschehen. Schule und Arbeitswelt haben sich verändert. Das, was ihn bewegt und prägt, wird nicht selten etwas anderes sein, als das, was seine Eltern in Wallung brachte, in Entzücken versetzte oder in irgendeiner Form nachhaltig beeinflusste und mit Gleichaltrigen verband.
Das, wofür oder wogegen er kämpft, existierte in der Generation davor eventuell noch gar nicht. Im Guten wie im Schlechten. Seine Prioritäten wird er folglich anders setzen. Vielleicht stellt er nach Informationen über fragwürdige Tierhaltung und bedenklichen Medikamenteneinsatz die Ernährung auf vegetarisch oder sogar vegan um, richtet sich aus welchen Gründen auch immer völlig anders ein. Die Zeiten bringen für ihn andere berufliche Tätigkeiten, bedeuten andere Arbeitszeiten und dadurch möglicherweise einen anderen Wach- und Schlafrhythmus.
Wenn solche Zeichen der Zeit und deren Einflüsse viele Menschen einer Altersgruppe betreffen, werden die sichtbaren Auswirkungen zum Erkennungszeichen einer gesamten Generation. Es drückt sich sowohl im Verhalten als auch in der gesamten körperlichen Haltung dieser Menschen aus.
Mir scheint immer mehr, dass all diese Dinge hinreichend zur Abgrenzung und Identifikation einer Generation ausreichen dürften.

Wie sehen Sie es: Wirkt so ein junger Mensch in einer Jeans und einem Shirt, in Kleidung, die auch sein Vater oder seine Mutter zu tragen pflegen, nicht dennoch völlig anders? Bleibt eine andere, die nächste Generation? Und nicht nur dann, wenn er andere Accessoires dazu verwendet und verwegener kombiniert?
Mensch und Kleidung zusammen ergeben doch erst das komplette Bild.

War es mit den Jungen und den Alten nicht eigentlich schon immer so, dass der Nachwuchs eine ganze Weile gut fand, was die Eltern machten, sagten oder trugen und sich den Stil entweder im Kindesalter klaglos verordnen ließ oder sogar bewusst nachahmte? Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich der eigene Geschmack mit Macht herauskristallisierte und einfach altersbedingt Protest auf dem Tagesplan stand? Es von heute auf morgen enorm auf Kontrast und Anderssein ankam?
Da war alles erlaubt! Und seien Sie sicher: Gefunden hat bisher noch jeder sein Kontrastprogramm!
Bei der herrschenden Vielfalt der Formen, Schnitte, Längen, Farben und Materialien in der Mode, ist das auch heute kein wirkliches Problem! Für mich ist es sowieso der große Vorteil der jetzigen Zeit, dass es nicht mehr nur jeweils eine einzige Stilrichtung gibt. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, weiß ich ziemlich genau, dass zu der Zeit Hochwasserhosen Stress verursachten und ein Drama waren, genauso wie Röhrenjeans, wenn mittlerweile ein weiter Schlag modern geworden war. Heute ist das egal. Zu kurz ist eben 7/8-Länge und fertig. Ob von vornherein oder irgendwann geworden spielt keine Rolle. Die Wahl der Hosenbeinform richtet sich mittlerweile auch eher nach dem Beinformat des Trägers. Das alles erzeugt so viele Variationsmöglichkeiten, dass sowieso keiner völlig gleich herumläuft. Auch nicht innerhalb eine Generation!

Nein, nein, ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass mehr als alle äußerlichen Erkennungsmerkmale einer neuen Generation, es die Veränderungen im Denken und Handeln sind, die zu Unterschieden und Abgrenzung voneinander führen. Bereits innerhalb einer einzigen Generation (in dieser Zeitspanne) entsteht heute eine Art neues Modell, eine neue Zeit, die neue Fähigkeiten erfordert, neue Erkenntnisse bringt, andere Reaktionen hervorruft, Anpassung an neue Gegebenheiten vorsieht.
Denken Sie nur an die ständige Erreichbarkeit! Oder die überall geforderte Mobilität! Was wurden dadurch nicht schon Familienleben durcheinandergeschüttelt und ganz nebenher entstand dabei ein neuer Typ Mensch! Wir werden ein Nomadenvolk, das Wurzeln schlägt und ebenso kappt, in der Weltgeschichte herumgurkt und von dort wieder neue Inspirationen, Trends, Sitten und Gebräuche mitbringt. Und andere Kleidung …
Globalisierung, Wandel, die so unterschiedlichen Umstände und Voraussetzungen bringen ganz neue Angebote, Aufgaben, Herausforderungen und Ziele mit sich. Neue Wünsche. Sie lassen Ideen entstehen, die komplett abweichen können von allem, was die Generation vorher im Sinn hatte!
Wieder etwas, was für überaus deutliche Abgrenzung zur Eltern- oder Großelterngeneration sorgt.

Trotzdem glauben einige fest an Schwierigkeiten und psychische Schäden durch Verzicht auf strikte Outfittrennung …
Warten Sie! Es kann natürlich sein, dass … Vielleicht meinen die die schwarzen Schafe!
Ich muss der guten Ordnung halber anmerken, dass es sie selbstverständlich gibt. Die Kandidaten unter den Älteren, die es eindeutig übertreiben mit dem nicht älter werden wollen und dem unerträglichem, jugendlichem Gehabe. Geht es darum, dass die sich einfach zur jungen Generation herübermauscheln und eine Abgrenzung vereiteln?
Ist das nicht eher die Ausnahme?
Im Grunde ist es doch so, dass alle als Eltern immer noch die gleichen Personen bleiben und die Art Kleidung weitertragen, die sie bereits vorher wählten (lediglich pflegeleichte Materialen werden jetzt bevorzugt). Sie beginnen nicht erst nachträglich und aufgrund von Jugendneid und abrupt auftretender Panik vor dem Alter damit, den blutjungen Nachbarn aus dem Nachbarhaus oder das eigene Kind in Kleidungsfragen zu kopieren.

Wissen Sie, wenn nicht gerade ein Elternteil wie ein Klon seines Nachwuchses auftritt, gegen den Willen der Kinder im Partnerlook auftaucht oder in einen offenen, kindischen oder – noch schlimmer – verbissenen Konkurrenzkampf zu Tochter bzw. Sohn tritt – was soll denn groß Schlimmes aus der Tatsache, dass beide sich ähnlich kleiden und eine beiden verständliche Sprache sprechen, resultieren?
Was kann es schaden, aktuelle Begriffe nicht nur zu kennen, sondern – wenn sie sich als praktisch und treffend erweisen – auch zu verwenden?
Wenn die Jungen ihre Ruhe haben oder sich generell distanzieren und unterscheiden wollen, werden sie es schon sagen bzw. einen Weg für sich finden. Abkürzungen und Sonderzeichen beim digitalen Schriftverkehr, Anwesenheit in mehreren bzw. Abwanderung in andere Netzwerke, wenn die ursprünglichen von den Älteren bevölkert werden, Schaffung neuer Trends, Bevorzugung anderer Idole aus Musik- oder Filmszene, Entdeckung neuer Sportarten, Spezialisierung, Engagement für Dinge, die allein ihnen am Herzen liegen, Rückzug in den Freundeskreis der Gleichaltrigen … und, und, und.

Was heißt das nun im Endeffekt für mich? Wozu ringe ich mich durch?

Ich gelobe feierlich, dass ich keinen Stil Jüngerer kopiere und schwöre, dass ich schon immer so war und nicht auf jung mache.
Ich versichere, dass ich mir nicht haargenau die gleichen Modelle und ganz speziell nie ebenfalls das besondere Lieblingsteil meiner Tochter/meines Sohnes anschaffen und tragen werde!
Ich gebe mein Ehrenwort, dass ich – sobald ein gewisser Faltenwurf (der Haut, nicht des Stoffes!) zu erkennen ist – auf das leicht bauchfreie Top im Hochsommer freiwillig verzichte und Orangenhaut nur im Dunkeln freilege.
Ich bitte um Nachsicht, wenn relativ hohe Absätze mein Leben weiterhin begleiten. Ich verzichte hingegen freiwillig auf Märchen- und Disneyfigurenaufdrucke.
Ich klaue auch keine „jungen“ Worte. Ich leihe sie mir höchstens von Fall zu Fall, spucke dafür aber auch ganz viele andere „alte“ zur uneingeschränkten allgemeinen Verwendung aus.

Ich vertraue ansonsten darauf, dass die Jugend ihrer Phantasie freien Lauf lässt. Diese Generation ist kreativ! Sie wird etwas finden, was stilmäßig haargenau passt. Zu jedem einzelnen wohlgemerkt! Was seine einzigartige Persönlichkeit unterstreicht, sie unverwechselbar macht!
Darauf kommt es hauptsächlich an, nicht darauf, eine Schublade zu finden, in die man die nächste Generation zwecks Unterscheidung hineinpacken kann. Damit ist überhaupt keinem gedient. Den Jungen schon gar nicht! In dem Fall machte man sie lediglich zu einer zusammengepferchten, völlig gesichtslosen Menge von Menschen zufällig eines Alters. Im anderen Fall jedoch wird jede dieser Personen sich unterscheiden, sowohl unter denen der eigenen Generation, als auch inmitten einer Horde sturer, älterer Herrschaften, die von Jeans, Spaghetti-Top, Cowboystiefeln, Stretchkleid oder Korsage auch zukünftig vermutlich nicht ablassen werden.

PS:
Mich hat übrigens noch nicht ein einziger junger Mensch selbst darauf angesprochen und jammernd erklärt, dass er sich unbehaglich fühle, weil ich mich so kleide wie ich mich kleide. Und er nicht wüsste, wer er sei … oder was er jetzt bloß tun solle …
Noch nie!

©Februar 2015 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Zwischendurch …

Erhoffen Sie heute nichts Weltbewegendes! Ich melde mich spontan zwischendurch. Der Titel hätte ebensogut anders lauten können: Getrennte Wege oder Schleichender Tod. Nur, mal ehrlich, wer will schon etwas dermaßen Trübsinniges – vor allem, wenn die Lage überhaupt nicht so extrem desolat ist!
Urteilen Sie bitte selbst:
Meine Maus starb letzte Woche einen siechenden Tod. Ich meine die felllose Maus, die vom Laptop. Sie muss den Transport zu meinem Workshop am vergangenen Wochenende übel genommen haben. Irgendwann wurde es zu eng für die Lütte. Platzmäßig. In der Tasche. Sie erlitt eine Quetschung.
Immerhin erst am Kursende.

Bei näherer Betrachtung daheim stellte sich heraus, dass sich die Achse verbogen und sich die Stellung des kleinen Rädchens obenauf geändert hatte. Es saß nicht mehr mittig, war nicht nur verschoben, sondern neuerdings in sich schief und ließ sich somit nicht an den ursprünglichen Platz zurückbewegen.
Beim Einsatz zeigte sich das Ausmaß der Sonntagsquetschung:  Scrollen war unmöglich, die rechte Maustaste hakte zudem, und irgendwie entwickelte sie ein für mich höchst erschütterndes Eigenleben.
Ständig wurde eine enorme Vergrößerung des Schriftbilds ausgelöst. Oder ein Wechsel auf eine vorangegangene Seite. Keine Ahnung, wie so etwas funktioniert. Es ließ sich nur nach völliger Deaktivierung der Maus und Einsetzen des Touchpads wieder rückgängig machen. Touchpad-Nutzung als Alternative ist gut und schön, geht auch – doch eine Sache macht mich kirre: damit Fotos zu bearbeiten.

Deshalb gibt es dieses Hallo zwischendurch und nicht den ursprünglich geplanten, bebilderten Beitrag. Für den wäre nämlich haargenau diese Prozedur nötig gewesen. Zig Aufnahmen verkleinern, vergrößern, ausschneiden, Licht nachbessern, Kontrast eventuell nachregulieren etc.
Mein Programm zum Optimieren von Bildern besitzt diese Schieberegler, die Sie mit dem Cursor der Maus anklicken können, um sie nach links oder rechts zu bewegen. Ein Klick, und das Debakel begann. Die Maus verschob eigensinnig nach links.
Ausschließlich dorthin! Was anderes kam nicht in Frage!
Und sie hörte überhaupt nicht damit auf. Immer bis zum Anschlag. Dem Luder war völlig schnuppe, was ich davon hielt! Jeder Stopp-, jeder Änderungsversuch meinerseits – es war alles für die Katz’. Wie von Geisterhand angeschoben wanderte der Schieber ständig zur linken Seite.
Jedes Bild verlor also zunächst unaufhaltsam sämtliche Farbe und wurde im nächsten Schritt komplett finster. Das Endprodukt wirkte so ähnlich wie eine nächtliche Schlammaufnahme.
Um dem Frust keine Chance zu geben, beschloss ich es mit Humor zu nehmen, nannte es künstlerisch wertvoll und taufte die Neukreation „Fango bei Neumond“.
Die Schöpfung ließ sich nur beim besten Willen nicht für den Bretagne-Blogpost, Teil 5 verwenden …

Die Macken wurden immer ausgefallener. Ich wollte die Trennung. Am Donnerstagabend kam die Neue. Sie wurde eingestöpselt und für gut befunden. Ganz folgsam ist sie. Macht, was ich ihr sage. Feine Maus.
Nur ausdenken und schreiben muss ich weiterhin selbst.
Ich werde jetzt sehen, dass ich irgendwo noch ein bisschen Extrazeit zusammenkratze, damit Sie demnächst im Blog auch wieder zusätzlich ein paar Fotos vorfinden.

Linksdrall. So hätte er auch heißen können. Der Blogpost …

©by Michèle Legrand, Februar 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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