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Hamburg: Fleete, Bier und die Mahnung an der Tür

Ich war in der vergangenen Woche unterwegs und so habe Ihnen gleich etwas mitgebracht. Aus meiner
Stadt, aus einem Teil, der sich südlich der City am Zollkanal und am Binnenhafen befindet, also nahe der Speicherstadt.

Sie wissen, Hamburg ist eine wasserreiche Stadt. Es gibt nicht nur Elbe, Binnen- und Außenalster, Bille
und Seen, Hamburg hat auch zahlreiche Fleete, die das Stadtgebiet durchziehen.
Die Anzahl dieser Wassergräben war einst erheblich höher, doch viele gibt es mittlerweile nicht mehr.
Wenn sie nicht schon früher zugeschüttet wurden, dann spätestens nach Ende des zweiten Weltkriegs,
als nämlich Unmengen von Schutt aus Trümmern anfielen, die irgendwo hin mussten.

Wenn Ihnen heute jemand als seine Adresse „Am Katharinenfleet“ angibt, dann hüten Sie sich vor der
Idee, derjenige wohnte mit Blick aufs Wasser. Pustekuchen! Diesen Fleet gibt es nicht mehr, lediglich den Straßennamen.
Es gibt aber den Nikolaifleet. Um ihn und seine Umgebung geht es heute.

Hamburg - Blick auf den Nikolaifleet und die Kirche St. Katharinen (von der Straße "Holzbrücke" aus)

Hamburg – Blick auf den Nikolaifleet und die Kirche St. Katharinen (von der Straße „Holzbrücke“ aus)

Erinnern Sie sich an die Badeanstalt, den Tempel der Reinlichkeit, im vorletzten Blogpost, an dessen Platz heute ein rundes Parkhaus steht? Ich erzählte Ihnen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts zur Zeit der Erbauung des Bades die Modernisierung der Stadt voranschritt und dabei die Wasser- sowie die Abwassersituation (Kanalisation, Siele) verbessert werden sollte.
Warum? Weil kaum einer regelmäßig, geschweige denn sauberes Wasser hatte! Die Zustände in den eng bebauten Gebieten besonders hier Richtung Hafen waren aus hygienischer und medizinischer Sicht katastrophal! Völlig untragbar.

Gleichzeitig sahen die Einsatzmöglichkeiten bei einem Brand nicht eben rosig aus. Schwierige Brandbekämpfung bei gleichzeitig erheblicher Brandgefahr.
Nahezu jede Häuserzeile hatte damals – üblicherweise an der Rückfront – Anschluss an einen Fleet (man sagt übrigens der, aber auch das Fleet). Vor dem Haus hingegen lief eine enge Straße vorbei.
Es war absolut üblich, Wohnen und Arbeiten an einem Ort zu erledigen. So wuselte es mächtig, wenn Familien dort lebten und gleichzeitig Waren angeliefert, gelagert, in Werkstätten verarbeitet und wieder abtransportiert wurden. Es war voll gestellt, Maschinen liefen, Feuer und Wasser kamen zum Einsatz. Der Anteil an Holz und anderen empfindlichen Rohstoffen und Materialien im Umkreis war beträchtlich, und daher brannte alles im Fall der Fälle wie Zunder.

Man musste in dieser Hinsicht sehr leidvolle Erfahrungen sammeln. Schauen Sie beim folgenden Foto einmal auf die Häuserzeile auf der rechten Seite und denken sich quasi dahinter. Es sind nämlich die Rückfronten der Gebäude der Deichstraße und genau dort, in der Deichstraße, brach 1842 der Große Brand aus, jenes verheerende Feuer, das sich Richtung Binnenalster durchfraß und erst nach drei Tagen gelöscht werden konnte. Die Flammen, die so viele Menschen das Leben kosteten und so viel vernichteten.

Hamburg - Nikolaifleet - Deichstraßen-Häuser rechts, links die Rückseite der Häuser der Straße Cremon

Hamburg – Nikolaifleet – Deichstraßen-Häuser rechts, links die Rückseite der Häuser der Straße Cremon

Die Konsequenz aus diesem Branddrama war, dass man Wohnen und Arbeiten zu trennen begann. Die Familien zogen nun Richtung Außenalster, siedelten links und rechts davon und schoben sich langsam weiter nördlich. Neue Wohnviertel entstanden. Im Zentrum selbst erfolgte die Konzentration auf Arbeit und Beruf.
Als wichtige Handelsmetropole startete Hamburg mit der Planung für den Bau der Speicherstadt sowie erster Kontorhäuser, die um die Jahrhundertwende herum nach und nach entstanden. Im Westen der Innenstadt vereinzelt und meist in Baulücken, im Osten der City wuchs ein richtiges Kontorhausviertel heran.

Hamburg - Kontorhäuser - Konzentration auf Stein,, Fliesen und Metall ...

Hamburg – Kontorhäuser – Konzentration auf Stein,, Fliesen und Metall …

Was denken Sie, warum dort in den Treppenhäusern alles so steinern gelassen wurde und man eher über  Mauerwerk und Fliesen sowie kunstvolle Metallgeländer in den Foyers und Stockwerken Akzente setzte, statt  zusätzliche, hölzerne Schmuckeinbauten vorzunehmen oder Dekoration ins Foyer zu stellen?
Sie ahnen es sicherlich. Man wollte das Brandrisiko minimieren und freie Bahn haben, um schnell eingreifen zu können, sollte doch einmal etwas passieren (Evakuierung, Brandlöschung etc.)

Hamburg - Eingangsbereich eines Kontorhauses ...

Hamburg – Eingangsbereich eines Kontorhauses …

Die Wasserversorgung auf hygienische Art und eine vernünftige Abwasserentsorgung waren die anderen Großprojekte, die angegangen wurden. Es ist kaum vorstellbar aus heutiger Sicht, dass aus den Fleeten das Wasser für die menschliche Versorgung – also auch das Trinkwasser! – gezapft wurde, obwohl gleichzeitig ungeniert und ungefiltert jegliche Abwässer, auch die Fäkalien (!), eingeleitet wurden. Auf welch simple Art die Einleitung sich vollzog, kann man an einer Stelle sogar heute noch erkennen.

Früher hatte jedes Haus zur Fleetseite hin einen Erker, der nach hinten bis über das Wasser hinaus ragte. Plumpsklo und Mülleimer! Der direkte Weg.
Das Haus in der Deichstraße mit der Nr. 37 wurde rekonstruiert, restauriert und selbst der Erker ist wieder an seinem Platz. Es sieht für mich heute allerdings mehr nach einem relativ offenen Balkon aus, doch vielleicht gab es früher mehr „Sichtschutz“ – oder die Menschen waren nicht so genant.

Hamburg - Nikolaifleet - Blick auf die Rückseite der Häuser der Deichstraße (rechts) - Haus Nr. 37 mit Erker (Vorbau) im 1. OG

Hamburg – Nikolaifleet – Blick auf die Rückseite der Häuser der Deichstraße (rechts) – Haus Nr. 37 mit Erker (Vorbau) im 1. OG (links neben dem verhängten Gebäude)

Ich muss Ihnen gestehen, mich hat etwas nachträglich in gewisser Weise leicht erschüttert. Ich bin über ein Relikt aus alter Zeit gestolpert. Es  enthält eine Ermahnung, die der Bierkeller Gröninger für seine Gäste parat hielt. Bereits seit dem 18. Jahrhundert war Gröninger eine der vielen Bierbrauereien der Stadt.

Hamburg - Haus Ost-West-Straße 47 (ehemals Gröningerstraße 22) - Gröninger

Hamburg – Haus Ost-West-Straße 47 (ehemals Gröningerstraße 22) – Bierkeller Gröninger

 

Hamburg - Gröninger - Im Hintergrund das Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Gröninger – Im Hintergrund das Mahnmal St. Nikolai

Als eines der ganz wenigen aus dieser Zeit, existiert das Brauhaus bis heute. Der Bierkeller befindet sich im Vorderhaus, einem barocken Alt-Hamburger Bürgerhaus (1761-1762 erbaut), in der Willy-Brandt-Straße 47.
So heißt sie seit 2005. Viele kennen diesen Teil der breiten und vielbefahrenen Straße immer noch unter der alten Bezeichnung Ost-West-Straße, doch auch die gab es nicht von jeher dort, sondern sie entstand erst einige Zeit nach dem Krieg in den Jahren zwischen 1953 und 1963.
Ursprünglich befand sich an ihrer Stelle ein Fleet, und nur direkt vor dem Haus der Brauerei lief eine schmale Straße, die Gröningerstraße. Damals besaß die Brauerei die Hausnummer 22. (Siehe auch Foto unten Inschrift im Mauerwerk links.)
Das alte Eingangsgewölbe ist immer noch da und mit ihm eine schwere Tür, auf der sich folgende Inschrift befindet:

Hamburg - Gröninger - Die Inschrift in der alten Tür ... (Sinn: Fleetwasser wird mittwochs fürs Bierbrauen gebraucht, daher den Fleet dienstags nicht verunreinigen)

Hamburg – Gröninger – Die Inschrift in der alten Tür …

Für meine blinden Bloggäste und zum generell einfacheren Lesen die Türinschrift noch einmal in Textform:
“Der Herr Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird und deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf!”

Oha! Möchten Sie noch ein Bier? … ^^

Die Lage damals verbesserte sich allmählich. Trotz allem kam es relativ spät (1892) doch noch einmal zum Ausbruch einer Cholera-Epidemie. Und wissen Sie warum?
Weil sich Senat und Bürgerschaft über Jahrzehnte nicht über Art und Bau einer Filteranlage an der Elbe einigen konnten und dort das Wasser immer noch ungereinigt verwendet wurde!
Der Sommer 1892 war heiß, der Wasserstand entsprechend niedrig, das Elbwasser dadurch sehr warm. Die Bakterien freuten sich, ideale Voraussetzungen für ihre Vermehrung, und die Stelle flussaufwärts, an der Wasser entnommen wurde, war bei Flut dem verschmutzten Sielwasser ausgesetzt …
Können wir nicht wirklich von Glück sagen, dass zumindest diese Zustände heute nicht mehr herrschen?

Sagen Sie, haben Sie eigentlich gemerkt, dass ich Ihnen ein Bild dazwischengeschummelt habe, das gar nicht „frisch“ ist? Das Laub am Baum (hinter dem schmiedeeisernen Schild des Bierkellers Gröninger) verrät es und die Tatsache, dass das Mahnmal St. Nikolai gut zu erkennen ist. In Wirklichkeit ist die Kirchenruine aktuell komplett eingerüstet – so wie auf diesem Foto.

Hamburg - Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet ...

Hamburg – Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet …

Sie haben es natürlich sofort erkannt, Sie sind ja alle allesamt sehr plietsch.

Genug für heute, oder?
Und falls Sie nun neuerdings merkwürdige Biertrinkbedenken bei sich feststellen … Herrschaftszeiten! Ehe Sie an Ihrem Gerstensaft herumwürgen, gehen Sie auf Nummer sicher und fragen nach beim Ordern! Klären Sie die Wasserherkunft einfach persönlich ab. Gerade wenn es vollmundig heißt: „nach uralter Brauart hergestellt“ …

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

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© by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Hamburg: Kontraste! Wo Speicherstadt und Hafencity sich treffen …

Hätten Sie Lust auf einen Spaziergang im Hafenbereich? Mehr privates Herumstreifen mit persönlichen Eindrücken als einen strammen Gang der Stadtführer-hat’s-vorgeschlagen-wird-daher-jetzt-pflichtgemäß-besucht-abgehakt-und-eingetrichtert-Sorte.
Es geht um die historische Speicherstadt sowie die Hafencity und dort um das Gebiet, in dem alt und neu direkt aufeinandertreffen.
Mir war die zunächst geplante und sich später (bis heute) entwickelnde Hafencity in Hamburg lange Zeit nicht ganz geheuer. Vielleicht, weil ich immer ein bisschen in Sorge war, dass man Bestehendes nicht würdigen und die schöne, alte Speicherstadt dabei verhunzen würde.
Vielleicht schauen Sie heute selbst einmal, was Sie von der Entwicklung halten. Alt und neu. Seite an Seite.
Daumen hoch? Daumen runter? Unschlüssig?
Ich möchte Ihnen gar nicht seitenlang lexikaähnlich Details herunterbeten. Sie wissen selbst, wo Sie Informationen dieser Sorte finden können. Nur damit alle – und speziell die Nicht-Hamburger – etwas informiert sind, erzähle ich Ihnen während des Ansehens ein paar Stichworte zu beidem.

Auf der einen Seite existiert im Hamburger Hafen die altehrwürdige Speicherstadt
Besticht durch rote Backsteingotik aus der Gründerzeit, große und schön anzusehende Lagerhausbauten mit zahlreichen Türmchen sowie teilweise ungewöhnlich anmutenden Giebeln. Seltsam, jedoch dabei enorm reizvoll! Und sie besticht auch in ihren Ausmaßen, ihrem Aufbau, der Harmonie.

Hamburg - Speicherstadt - An den Giebeln oben jeweils deutlich zu erkennen die Vorrichtung, um Lasten an den Haken zu nehmen. Nur ist der Haken heute nicht mehr überall vorhanden.

Hamburg – Speicherstadt – An den Giebeln oben jeweils deutlich zu erkennen die Vorrichtung, um Lasten an den Haken zu nehmen. Nur ist der Haken heute nicht mehr überall vorhanden.

Hamburg - Speicherstadt -  Vielfalt  und Fantasie bei Giebeln, Türmchen und Fassade.

Hamburg – Speicherstadt – Vielfalt und Fantasie bei Giebeln, Türmchen und Fassade.

Der Bau startete 1883, noch bevor das Gebiet, in dem sie entstand, zum Freihafen erklärt wurde (1888).
Der ganze Komplex ist zwischen Deichtorhallen und Baumwall gelegen, die Häuser befinden sich direkt an den Fleeten, die das Gebiet durchziehen und welche – je nach Gezeitenstand (Flutung) – auch heute noch mit Barkassen befahren werden können. In diesen Zeiten werden jedoch fast ausschließlich Touristen befördert, früher hingegen wurden Waren hauptsächlich auf dem Wasserweg in einer Schute bis direkt an die betreffenden Speicher gebracht. Die Speicher waren (und sind) jedoch auf der anderen Hausseite ebenfalls über die Straße zu erreichen. Praktischerweise besaß das Lagerhaus daher nicht nur Luken zum Fleet hin, sondern auch zur rückwärtigen Straßenseite. So konnte ebenfalls per Fuhrwerk angeliefert werden.
Zu den höher gelegenen Lagerböden gelangten die Lieferungen mittels einer hydraulischen Windenmaschine (heute, wenn sie noch existiert, elektrisch betrieben), die die Waren außen am Speicher emporhievte.

Hamburg - Speicherstadt - Hier lässt sich noch der Haken erkennen, mit dem Waren zu den höher gelegenen Lagerböden gezogen wurden (mittels hydraulischer Windenmaschine)

Hamburg – Speicherstadt – Hier lässt sich noch der Haken erkennen, mit dem Waren zu den höher gelegenen Lagerböden gezogen wurden (mittels hydraulischer Windenmaschine)

Seit nunmehr 23 Jahren stehen die Gebäude der Speicherstadt unter Denkmalschutz. Sie werden auch in unseren Tagen als Lagerstätten und Firmensitze genutzt. Wie in Zeiten des Freihafens, der zum 01. Januar 2013 aufgelöst wurde, ist die Speicherstadt weiterhin einer der größten Handelsplätze für Teppiche. Gastronomie und Kreative fühlen sich ebenfalls wohl in diesem Areal. Manche jetzt ansässigen Kaufleute unterschiedlichster Branchen nehmen in ihrer Firmenbezeichnung das Wort „Speicher“ mit auf. Selbst das kleine Fleetschlösschen am Holländischbrookfleet, das u. a. Kaffeegetränke anbietet, bezeichnet sich auf einem Schild folgerichtig als „Koffeinspeicher“.

Hamburg - Speicherstadt - Am Sankt Annenfleet. Zwischen den Häusern im Hintergrund der Turm der Hauptkirche St. Katharinen

Hamburg – Speicherstadt – Am Sankt Annenfleet. Zwischen den Häusern im Hintergrund der Turm der Hauptkirche St. Katharinen

 Die Speicherstadt strahlt Ruhe aus, und ruhig und glatt ist auch meist die Wasseroberfläche der Fleete. So entstehen bei günstigen Lichtverhältnissen immer wieder sehr schöne Spiegelungen. Am Abend kommt die stimmungsvolle Beleuchtung von unzähligen Scheinwerfern hinzu, die die Fassaden der alten Speichergebäude illuminieren. Oder auch die Stahlbrücken mit ihren Verstrebungen!
Es verführt immer, eine der kleinen Fleetbrücken zu betreten und mit den Augen dem Verlauf des Kanals zu folgen. Die Symmetrie zu verfolgen, markante Gebäude in der Ferne auszumachen, kleinste Wellenbewegungen zu registrieren, Wasservögel zu entdecken.

Hamburg - Speicherstadt - Ein Blick von der Wandbereiter-Brücke in den Wandrahmsfleet ...

Hamburg – Speicherstadt – Ein Blick von der Wandbereiter-Brücke in den Wandrahmsfleet …

Hamburg - Speicherstadt - Ständige Besucher der Speicherstadt und der Fleete ... die Möwen.

Hamburg – Speicherstadt – Ständige Besucher der Speicherstadt und der Fleete … die Möwen.

Auswärtige Besucher – genauso wie die Hamburger selbst – steuern zudem sehr gern das Miniaturwunderland, das Hamburg Dungeon, das Spicy’s Gewürzmuseum, das Speicherstadt– und das Deutsche Zollmuseum oder aber auch Dialog im Dunkeln an, die alle ihren Sitz in diesem Viertel haben.
Wenn ich das Zollmuseum erspähe, sehe ich sofort meinen alten, leider vor zwei Jahren verstorbenen und von mir vermissten Stepptanzkollegen Edgar Bessen vor mir. In den 80er und 90er Jahren wurde in Hamburg für die ARD eine Serie produziert, die sich Schwarz Rot Gold nannte. Es ging um Wirtschaftskriminalität und spannende Fälle, die die Hamburger Zollfahndung löste. Edgar Bessen spielte darin den Teamkollegen Globig, der unter Chefzollfahnder Zaluskowski (Uwe Friedrichsen) arbeitete. Gedreht wurde im Zollamt Kornhausbrücke, in dem sich seit 1992 das Deutsche Zollmuseum, was Sie auf dem Foto erkennen können, befindet.

Hamburg - Speicherstadt - Das Deutsche Zollmuseum

Hamburg – Speicherstadt – Das Deutsche Zollmuseum

Heute, nachdem der Freihafen als zollfreies Gebiet innerhalb Hamburgs nicht mehr existiert, finden keine Kontrollen an den diversen Übergängen mehr statt, doch damals saßen hier Posten und beobachteten das Kommen und Gehen.

Hamburg - Speicherstadt - Eines des ehemaligen Zollposten-Häuschen an der Straße St. Annen.  Heute nur noch mit Puppen besetzt ...

Hamburg – Speicherstadt – Eines des ehemaligen Zollposten-Häuschen an der Straße St. Annen. Heute nur noch mit Puppen besetzt …

Hamburg - Speicherstadt - Blick in den Zollkanal Richtung Ericusspitze  und Deichtorhallen (rechts das neue Verlagsgebäude des SPIEGELS)

Hamburg – Speicherstadt – Blick in den Zollkanal Richtung Ericusspitze und Deichtorhallen (rechts das neue Verlagsgebäude des SPIEGELS)

Hamburg - Speicherstadt - Die Brooktorkai-Brücke und der Blick Richtung Osten ...

Hamburg – Speicherstadt – Die Brooktorkai-Brücke und der Blick Richtung Osten …

Und dann gibt es da noch die neue Hafencity
Sie ist seit Anfang dieses Jahrtausends (Spatenstich 2001) in der Entstehung. Von West nach Ost und von Nord nach Süd nahm und nimmt sie Gestalt an. Was Ihnen ohne weitere Hinweise aus dem Internet – einfach so als Spaziergänger – auffällt: Das Cruise Center (Kreuzfahrtterminal) steht. Schiffsliebhaber oder Kreuzfahrtinteressierte schauen hier gern vorbei. Das Unilever-Haus mit futuristisch anmutender Fassade ist ein Hingucker, unübersehbar auch der hohe Marco-Polo-Tower mit seinen Terrassen zu Füßen. Man hat eine U-Bahn-Linie (U4) als direkte Anbindung von der Innenstadt in die neue Hafencity bzw. umgekehrt geschaffen. Wichtig für Anwohner, Geschäftsleute, die neue Hafencity-Universität, die Hotels, die dort für Gäste aus aller Welt eröffnet haben, wichtig für die Entwicklung ganz allgemein!
Es gibt das Internationale Maritime Museum, für Besucher bereits seit 2008 zugänglich. Neu als Museum, jedoch eindeutig nicht in einem modernen Gebäude, sondern untergebracht im speziell für diesen Nutzungszweck umgestalteten ehemaligen Kaispeicher B. Vor Kurzem wurde endlich der Vorplatz fertig.

Hamburg - Hafencity - Das Internationale Maritime Museum am Brooktorhafen

Hamburg – Hafencity – Das Internationale Maritime Museum am Brooktorhafen

Und es entstanden in unterschiedlichen Bereichen (Quartieren) bereits unzählige sonstige Neubauten. Mehr als die Hälfte der geplanten Projekte in der Hafencity ist bereits fertiggestellt, doch überall sind weiterhin Baustellen und Baukräne zu sehen. Das Überseequartier wartet auf seine Vollendung, und die bekannteste Dauerbaustelle im Bereich der Hafencity dürfte die Elbphilharmonie sein.
Der Wohnungsbau nahm und nimmt weiterhin Formen an, die ersten Mieter zogen schon im Jahr 2006 ein. Die Nachfrage war rege, obwohl die Infrastruktur noch sehr zu wünschen übrig ließ. Auch heutzutage ist die Hafencity gefragt, die finanziellen Aufwendungen für Eigentum oder Mieten sind daher unverändert als auf der hohen Seite angesiedelt zu bezeichnen – wenn auch jetzt gerade festgestellt wurde, dass sich in dieser Hinsicht im Vergleich zum Vorjahr etwas getan hat. Erwerbswillige können sich über einen Rückgang freuen. Der Quadratmeterpreis sank um 12,2 % („nur“ noch € 6.465,–/m², Quelle: Hamburger Abendblatt).

Hamburg - Hafencity - Häuserfront am Sandtorkai. In der Lücke sehen Sie auf die Straße (Grenze) und erkennen direkt dahinter ein Gebäude der Speicherstadt ....

Hamburg – Hafencity – Häuserfront am Sandtorkai. In der Lücke sehen Sie hindurch zur Straße („Grenze“) und erkennen direkt dahinter ein Gebäude der Speicherstadt ….

Hamburg - Hafencity - Man merkt schon, dass die Bewohner einen Bezug zum Wasser und der Schifffahrt haben. Ein Segelboot im Fenster ...

Hamburg – Hafencity – Man merkt schon, dass die Bewohner einen Bezug zum Wasser und der Schifffahrt haben. Ein Segelboot im Fenster …

Hier fallen viele Solitärformen auf, doch herrscht generell das Kantige vor, teilweise auch aneinandergereiht die Würfelform, in dem Fall jedoch in zahlreichen Material- und Ausgestaltungsvarianten, mit aufgebrochenen Fassaden oder leicht versetzten Geschossen. Am Wasser wird gern auf Stelzen gebaut, sodass Gebäudeteile auch frei weit Richtung Wasser hinausragen können.
Sie werden vergeblich nach rotem Backstein suchen, an seine Stelle tritt viel Glas, Metall, Beton und Stein, teilweise sehr gekonnt kombiniert. Dazwischen heben sich immer wieder einzelne Bauwerke von der üblichen, sie umgebenden Bauform ab. Größenmäßig und hinsichtlich ihres Stils. In der Hafencity unterwegs, helfen diese markanten Gebäude einem Besucher als Orientierungspunkte sehr.

Hamburg - Hafencity - Am Sandtorpark (Großer Grasbrook) gegenüber den Magellan-Terrassen ...

Hamburg – Hafencity – Am Sandtorpark (Großer Grasbrook) gegenüber den Magellan-Terrassen …

Hamburg - Hafencity in der Nähe des Überseeboulevards. Am Sandtorpark/Ecke Tokiostraße entsteht ein neues Gebäude (Sumatrakontor). Auch die Stadtrundfahrt führt bereits durch die Hafencity ...

Hamburg – Hafencity in der Nähe des Überseeboulevards. Am Sandtorpark/Ecke Tokiostraße entsteht ein neues Gebäude (Sumatrakontor). Auch die Stadtrundfahrt führt bereits durch die Hafencity …

Hamburg - Hafencity - An den Magellan-Terrassen.  In der Mitte der Elbphilharmonie-Pavillon mit Informationen zum Bau  derselben ...

Hamburg – Hafencity – An den Magellan-Terrassen. In der Mitte der Elbphilharmonie-Pavillon mit Informationen zum Bau derselben …

In der Hafencity erleben Sie allerdings – von der Speicherstadt eintreffend – eine komplett andere Atmosphäre. Sie ist geschäftiger, aber auch kühler. Die gewählten Farben, die riesigen Glasverkleidungen, die Wucht eines Würfels – all das verursacht ein Gefühl von Distanziertheit. Coole Architektur, aber cool im doppelten Sinn. Faszinierend und doch nicht immer automatisch anziehend. Gelegentlich verlockend von Weitem, doch aus der Nähe beinahe erschlagend.
Was jedoch positiv auffällt, ist eine gewisse Großzügigkeit und Weitläufigkeit in der Gesamtanlage. Große Steinterrassen zum Verweilen, schöne Sichtachsen, breit angelegte, geschwungene Holzstege als Anleger direkt im Sandtorhafen, wo sich gleichzeitig der Traditionsschiffhafen befindet.
Der Ausblick aus den vielen Fenstern rechts und links direkt auf den Fleet und hinüber zur Elbe muss wirklich schön sein …

Hamburg - Hafencity - Sandtorhafen (Tradionsschiffhafen) - links Kaiserkai, rechts Sandtorkai

Hamburg – Hafencity – Sandtorhafen (Tradionsschiffhafen) – links Kaiserkai, rechts Sandtorkai

Als man die ersten Pläne für den Bau einer Hafencity machte, hinüberschielte nach London, wo die Docklands inspirierten und ein Vorbild lieferten, war neben der Euphorie auch viel Skepsis zu spüren. Wie sollte das zusammenpassen mit der alten Speicherstadt? Würde man dort gar irgendetwas verändern, abreißen oder Hypermodernes zwischen Altes setzen?
So etwas war zum Glück gar nicht möglich. Sie erinnern sich? Der Denkmalschutz

Was mich bei Spaziergängen in dieser Gegend, diesem neuen Stadtteil,  heute fasziniert, ist der Kontrast, der entstand.
An den Straßen Am Sandtorkai und Brooktorkai ist dies besonders stark spürbar. Dort verläuft die unsichtbare Grenze zwischen der alten Speicherstadt und dem neuen Hafencity-Areal. Auf der einen Seite das Altehrwürdige vom Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts. Direkt gegenüber nun die Neukonstruktionen des 21. Jahrhunderts. Nur eine Straßenbreite zwischen ihnen und doch scheint sie Welten zu trennen.
Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, sich mitten auf die Straße zu stellen, die Arme auszubreiten und sich mit der einen Körperhälfte inkl. seiner Sinnesorgane im Früher und mit der anderen im Heute zu befinden. Ein Ohr hörte die Geräusche aus alten Zeiten, das andere die aktuellen. Das eine Auge blickte um 100 bis 130 Jahre zurück, das andere schaute in die Moderne …
Hier (auf der alten Seite) Pferdefuhrwerke, Äpfel auf der Straße, die knarrenden Laute eines Leiterwagens, der um die Ecke biegt – dort das Surren eines modernen SUV, ein parkender Sprinter, ein Lastwagen mit Hebebühne.
Die Straße! Hier altes Pflaster – dort moderner Asphalt.
Hier jemand, der hinter einer kleinen, leicht milchigen Scheibe auf einem Holzstuhl sitzt und angestrengt auf die Tastatur einer der gerade wenige Jahre zuvor erst erfundenen Schreibmaschinen einhämmert – dort in dem Würfelbau hinter einer großen Glasfront ein Neuzeitler, der mit dem Finger über das Display seines Smartphones wischt und Mails verschickt …
Hier Lodenstoff bei schlechtem Wetter, der Herr mit steifem Kragen, der Buchhalter mit Ärmelschonern, die Farben der Kleidung stets zurückhaltend. Die Dame mit Hut, ihr langes Kleid rüschenbesetzt, das Korsett ist immer noch angesagt. Im neuen Teil erspäht das Auge die Menschen bunt gekleidet, keinem bestimmten Stil folgend, statt Loden hält ein Hightech-Stoff die Haut trocken, die Materialien sind weich, der Kragen ist oben offen, kaum einer trägt noch Krawatte. Die Damen bevorzugen lange Hosen. Nur ihre Blusen haben auch heute wieder Rüschen …
Der für die hydraulische Windenmaschine zuständige Lagerhausmitarbeiter wickelt seine Stulle aus dem Pergamentpapier, der Controller der heutigen Generation öffnet die Plastikschachtel mit seinem Sushi to go.
Die Kontraste könnten nicht größer sein.

Hamburg -  Mehr aus Richtung Baumwall aus gesehen, nämlich von der Wilhelminenbrücke am Kehrwiederfleet ein Blick zur Kehrwiederspitze mit Hanseatic Trade Centre, dahinter die Elbphilharmonie.

Hamburg – Mehr aus Richtung Baumwall aus gesehen, nämlich von der Wilhelminenbrücke am Kehrwiederfleet ein Blick zur Kehrwiederspitze mit Hanseatic Trade Centre, dahinter die Elbphilharmonie.

Was sagen Sie?
Speicherstadt und Hafencity. Passt beides zusammen? Oder einzeln betrachtet: Was reizt mehr? Was ist „schöner“?
Schwer zu sagen, oder?

Ich weiß nur, dass mir eines in der Hafencity gewaltig fehlt. Bis zum heutigen Zeitpunkt jedenfalls. Mir fehlt das Grün. Bäume, Grünanlagen, Natürliches ganz generell.
Sie werden anmerken wollen: Aber das gab und gibt es doch in der alten Speicherstadt auch nicht! Stimmt, doch dort wohnten die Menschen auch nicht mit ihren Familien. Es war ein Arbeitsbereich, der nicht unbedingt gleichzeitig Erholungs- und Entspannungswert haben musste. Und doch hatte er es in gewisser Weise, denn der Baustil selbst strahlte eine gewisse Ruhe aus. Die warmen Farben des Mauerwerks, die Wiederholung der Formen, Sprossenfenster, farbig abgesetzte Türen und Luken an vielen Gebäuden etc. unterstützten diesen Effekt.

Es gibt in der Hafencity innerhalb bestimmter Wohnquartiere mittlerweile als „Parks“ bezeichnete Grünflächen (bisher zwei, soviel ich weiß), doch das sind keine Parks in meinen Augen. Wenn ich es ein wenig böse formulieren dürfte, dann würde ich sagen, das ist ein bisschen Pseudogrün, damit man auch diesen Punkt von der Liste abhaken kann.

Hamburg - Hafencity mit Blick Richtung Sandtorhafen und Magellan-Terrassen. Hinten links die Elbphilharmonie, vorne rechts einer der sog.  "Parks".  Und ein Stadtrundfahrtbus nach dem anderen ...

Hamburg – Hafencity mit Blick Richtung Sandtorhafen und Magellan-Terrassen. Hinten links die Elbphilharmonie, vorne rechts einer der sog. „Parks“. Und ein Stadtrundfahrtbus nach dem anderen …

Doch weiter.
Die Hafencity ist hell, was ihr steht und daher positiv auffällt. Sie ist gestylt und genau dadurch wirkt sie an einigen Stellen hochinteressant, zieht den Blick auf sich, erscheint jedoch eigenartigerweise im allernächsten Moment ganz plötzlich künstlich. Unpersönlich. Das Wasser wiederum macht vieles wett, mildert allzu loderndes Baufieber und verhindert ein wenig das Untergehgefühl, das einen auf einmal beschleicht.
Wie bei vielen anderen Dingen, empfindet es jeder unterschiedlich. Für mich ist Arbeiten und Flanieren in der Hafencity sehr gut vorstellbar, Wohnen nicht.
Allerdings ist sie noch nicht fertig! Der Gesamteindruck ist nicht gegeben.
Wenn überall die Bindeglieder fehlen, Baulücken das Bild zerreißen, Bäume noch wachsen müssen, noch gar nicht alles bezogen und belebt ist, lässt sich kein wirkliches Urteil bilden.

Wissen Sie was?
Wenn es heute nicht möglich ist zu entscheiden, was schöner ist und ob alt und neu zueinander passen und überhaupt …, dann kommen wir halt in ein paar Monaten oder Jahren wieder hierher und schauen uns gemeinsam die Fortschritte an. Beurteilen dann!
Spätestens, wenn dieses enorme Stadtentwicklungsprojekt abgewickelt ist und alle zehn Quartiere des neuen Stadtteils stehen.
Halten Sie sich das bitte gleich in ihrem Terminkalender fest! Nicht, dass Sie später keine Zeit haben. Ich habe es rechtzeitig angekündigt!

Für heute entlasse ich Sie und wünsche Ihnen auch diesmal wieder ein recht entspanntes Wochenende.

©April 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - ©Andreas Grav

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