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Stippvisite beim Hafengeburtstag 2013 – Schlepperballett und ein volles Hamburg

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - 16.00 Uhr - Warten auf den Beginn des Schlepperballetts ... Noch scheint die Sonne.

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – 16.00 Uhr – Warten auf den Beginn des Schlepperballetts … Noch scheint die Sonne.

„Bleiben Sie nicht stehen! Gehen Sie weiter!“
Die Stimme ist mittels Technik verstärkt und klingt energisch.
Keine Diskussion!
Zuletzt habe ich solche Anweisungen vor ewigen Zeiten in London im Tower gehört. Bei der Besichtigung der Kronjuwelen. Dort durfte auch keiner irgendwo stehenbleiben.
Überhaupt nicht!
Doch hier geht es offenbar nur um das Stoppen an der richtigen Stelle.
„Gehen Sie bitte bis zur Mitte durch! Dort ist noch Platz! – Nun lassen Sie doch den Kinderwagen auch mit rein!“
Merken Sie, wo wir uns befinden?
Auf einem Bahnsteig der Linie U3 in Hafennähe, und die Anweisungen gelten für die Einsteigenden.

Hafengeburtstag – und Hamburg quillt über!
Nach Marathon, Kirchentag und weiteren Veranstaltungen in diesem Frühjahr, ist diese Feier der vorläufige Abschluss einer richtigen Reihe von Großevents, die die Stadt jedes Mal zum Magneten nicht nur für Touristen, sondern auch für die Einheimischen selbst sowie seine Bewohner aus dem Umland werden lässt.
Während bei den vorherigen Großereignissen alles durch verschiedene, mehr über die Stadt verteilte Veranstaltungsorte, etwas entzerrt wurde, ist diese jährliche Festivität naturgemäß auf einen vergleichsweise relativ kleinen Raum beschränkt – den Hafenbereich.
Versuchen Sie bloß nicht, mit dem Auto direkt dort hinzufahren!
Sperrungen, Umleitungen, Parkplatzmangel, Abschleppen etc. Sie kennen das.
Die Alternative heißt öffentliche Verkehrsmittel. Doch der Haken ist, dass es nur zwei Stationen von U- bzw. S-Bahn gibt, die im Endeffekt aufgrund ihrer Nähe zum Geschehen als Ziel wirklich angesteuert werden. Das sind die Stationen „Baumwall“ und „Landungsbrücken“
Würde man alles laufen lassen wie üblich, gäbe es an diesen Haltepunkten während des Hafengeburtstags Chaos, Mord und Totschlag!
Keine gute Werbung für die Hansestadt, und so ist auf und vor beiden Bahnhöfen Sonderpersonal in neonfarbenen Warnwesten anwesend, das alles regelt und dabei informiert.
Die Helfer haben sich vor nahezu jeder Doppeltür der Wagen mit einer Kelle postiert. Sobald sich die Türen nach der Einfahrt öffnen, wird man „empfangen“ und mehr oder weniger nachdrücklich geleitet.
Der Bahnhof Baumwall, der üblicherweise an beiden Enden des Bahnsteigs Auf- und Abgänge hat, ist in dieser Zeit umgestaltet. Eine Seite ist nur Eingang, die andere ausschließlich Ausgang, und den Zugang zum Bahnsteig regelt allein das Personal. Es lässt immer nur eine begrenzte Anzahl von Fahrgästen auf den Bahnsteig. Einerseits aus Sicherheitsgründen, um zu großes Gedränge(l) und Unfälle zu vermeiden, doch es hat noch einen weiteren Grund: Man hat bemerkt, dass einige (zumindest noch) gar nicht fahren wollen, sondern vielmehr vom hoch über dem Hafen gelegenen Bahnsteig aus in Ruhe den Hafengeburtstag betrachten möchten.
Logenplatz mit tollem Blick auf die Elbe – dadurch jedoch wird der Bahnsteig heillos verstopft.
Dann geht gar nichts mehr!
Also ist es verboten. Wer auf dem Bahnsteig ist, muss in die nächste Bahn einsteigen – begleitet von den schon oben erwähnten Instruktionen, die gebetsmühlenartig wiederholt werden
Werden müssen!
Komischerweise beziehen nämlich viele Menschen die Anweisungen nicht auf sich, sondern meinen, sie gelten nur für den Rest der Truppe.

Im letzten Jahr war ich bereits am Freitag, dem traditionellen Eröffnungstag (diesmal fiel der Startschuss durch den Feiertag  ausnahmsweise schon am Donnerstag) an den Landungsbrücken gewesen. Zu Beginn des Hafenfests ist es am frühen Nachmittag etwas überschaubarer – die zu dem Zeitpunkt noch arbeitende Bevölkerung gesellt sich erst später dazu.
Damals hatte ich vorgehabt, nur kurz einer Einladung des Hamburger Abendblatts zu folgen und dem Gewühl danach wieder zu entkommen. Es entwickelte sich anders, denn ich blieb plötzlich beim Hafengeburtstag hängen. Im Endeffekt sah ich mir die gesamte Einlaufparade der teilnehmenden Schiffe an, und die Zeit verging dabei wie im Flug. Die Atmosphäre war angenehm, so bummelte ich danach weiter an den Landungsbrücken, fotografierte und ging erst Stunden später wieder heim.
Dazu gibt es einen Blogpost mit dementsprechend vielen Fotos! (Link s. u.)

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - Statuen, die es nur beim Hafengeburtstag gibt ...

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Statuen, die es nur beim Hafengeburtstag gibt …

Seinerzeit habe ich allerdings nicht das Schlepperballett gesehen, denn dieser Programmpunkt ist ein Publikums-Highlight, das generell erst am Wochenende stattfindet.
Es nehmen Hafenschlepper verschiedener Bauart und unterschiedlichen Alters teil, die den Schleppreedereien Bugsier, Fairplay, Lütgens & Reimers, L. Meyer und Petersen & Alpers gehören und die sonst ihren Platz an einem Schwimmsteg am Elbufer von Neumühlen haben.
Für das Ballett sammeln sich die bis zu 50.000 PS starken Boote auf der Elbe direkt vor den Landungsbrücken und fahren eine Art Choreographie zu einem Wiener Walzer von Johann Strauß.
Das heißt, sie rödeln nicht nur elbauf- und elbabwärts, sie tanzen!
Sie fahren vorwärts und rückwärts, drehen sich, bilden mit ihren Hecks zueinander gerichtet einen Kreis. Sie rollen und stampfen durchs Elbwasser sagen die Kenner, sie preschen vor, wiegen sich dabei nach Back- und Steuerbord und bringen ihre Boote dermaßen zum Schunkeln und Schaukeln, dass mächtig Seegang entsteht!
Sie kommen ganz bewusst dicht an die Anlegestellen – doch selbst ohne diese unmittelbare Nähe laufen die verursachten Wellen Richtung Landungsbrücken aus und schlagen dort mit Wucht an die Pontons. Aufgrund der exzellenten Sicht auf das Geschehen, ist dieser Platz bei Zuschauern beliebt, doch man sollte dort immer zünftig gekleidet sein und mit Gischt, nassen Füßen oder einem mittleren Bad rechnen.
Manch Neuling oder Auswärtiger weiß das nicht …

Ich war in Begleitung und stand ungeplant ganz woanders. Zwar angenehm trocken, nur war die Stelle ein bisschen ungünstig oder – um ganz ehrlich zu sein – sie war für den Zweck „Schlepperballett erleben“ höchst ungeeignet.
Wir haben leider am Anfang einen Fehler gemacht und sind in der Annahme, die Station Landungsbrücken sei komplett überfüllt, bereits am Baumwall ausgestiegen. Nur dort war es nicht anders. Auch dort schoben sich die Massen und wir kamen zu Fuß kaum weiter. Wir stoppten, als es 16 Uhr wurde – und der Tanz der Schlepper offiziell beginnen sollte – an einer Stelle, die trotz Menschenmengen zumindest halbwegs Blick auf das Wasser gewährte.
In gut zwanzig Minuten hatten wir lediglich einige Meter Strecke geschafft, und es war absehbar, dass wir den eigentlichen Ort des Geschehens nicht mehr rechtzeitig erreichen würden.

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 -  Mengen von Menschen, die  sich zwischendurch verpflegen

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Mengen von Menschen, die sich zwischendurch verpflegen

Von diesem Platz aus entdeckte man durchaus die schunkelnden Schlepper – nur leider sah man sie nie als Gesamtbild. Man erspähte nie alle gleichzeitig, konnte daher das Zusammenspiel nicht verfolgen und keine Choreographie erkennen, bekam auch nicht mit, was sich auf dem Ponton unter den Zuschauern abspielte, denn zwei Schiffe, die Rickmer Rickmers und das Segelschulschiff der deutschen Marine, die Gorch Fock, lagen quasi im Weg und versperrten die Sicht.
Last but not least: der Wiener Walzer war überhaupt nicht zu hören. Er kam  nicht an, stattdessen hörten die Schlepperballett-Fans völlig unpassende Musik samt wummernder Bässe aus den Lautsprecherboxen eines Stands in der hinter ihnen liegenden Budenmeile.

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - Es geht los, das Feuerlöschboot macht den Anfang, die Schlepper folgen. Die Wolken werden dichter ...

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Es geht los, das Feuerlöschboot macht den Anfang, die Schlepper folgen. Die Wolken werden dichter …

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - Die Schlepper formieren sich ...

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Die Schlepper formieren sich …

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - Schlepperballett - ... auf geht's

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Schlepperballett – … auf geht’s

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - Während des Schlepperballetts (Mitte) ein Blick hinüber zur Werft (Blohm+Voss, Thyssen)

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Während des Schlepperballetts (Mitte) ein Blick hinüber zur Werft (Blohm+Voss, Thyssen)

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - rechts Rickmer Rickmers und daneben die Gorch Fock, Schlepper und zunehmend Wellengang.

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – rechts Rickmer Rickmers und daneben die Gorch Fock, links die Schlepper und zunehmend Wellengang.

Nun, wie schaut es aus? Dumm gelaufen, Enttäuschung, Frust?
Ach, überhaupt nicht!
Es war trotz allem längst nicht so miserabel, wie es sich eben vielleicht anhörte!

Der alternative Anblick der Rickmer Rickmers und der Gorch Fock lohnt sich, der Versuch, sich den Walzer zu Schlepperbewegungen vorzustellen, sich ihn allein im Kopf abspielen zu lassen, ist schon eine erheiternde Herausforderung! Ausschlaggebend für das Gefühl, doch ein schönes Erlebnis gehabt zu haben, waren aber auch die mit anwesenden Menschen die durchweg guter Dinge waren.
Wissen Sie was?
Zu weit weg von der einen Sache zu stehen, heißt andererseits doch nur, man steht  dicht an einer anderen!
Was mir speziell ins Auge fiel und mich immer wieder auf das Wasser in unmittelbarer Nähe blicken ließ, war folgendes:
Andere Boote durften in der Zeit den Bereich, in dem die Schlepper agierten, natürlich nicht durchqueren. Sie formten derweil einen imaginären großen Kreis um die Schlepper herum und warteten. Einige gezwungenermaßen, andere hatten sich extra dort platziert, um alles gut sehen zu können.

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - ... noch ein bisschen mehr Seegang. Die kleinen Booten hüpfen wie Nussschalen auf und ab ...

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – … noch ein bisschen mehr Seegang. Die kleinen Boote hüpfen wie Nussschalen auf und ab …

Unheimlich viele Boote unterschiedlichsten Stils bildeten bunte Farbtupfer auf dem Grau des Elbwassers. Zuerst als ruhig liegende, fixierte Punkte, doch mit zunehmendem Wellengang wippten und zappelten sie recht unkontrolliert. Auf dem Höhepunkt des Schlepperballets wurden sie, Nussschalen oder leeren Joghurtbechern gleich, regelrecht auf und ab geworfen.
Sie schienen beinahe wie fliegende Fische aus dem Wasser zu springen!
Die an Bord Anwesenden hatten hoffentlich alle einen unempfindlichen Magen … Selbst der Bug einer relativ großen Motoryacht wurde von diesen Wellen hoch angehoben und stürzte danach förmlich ab!
Sie merken, trotz eingeschränkter Sicht war etwas los!

Richtig Stimmung kam auf, als das Mordsgetöse der Signalhörner (von vorne) herüberschallte und den Wummerbass (von hinten) damit übertönte.
Zwischendurch ertönte über den Köpfen das Brummen von Propeller-Flugzeugen, das viele Hamburger auch schon bei anderen Anlässen gehört haben. Es stammt von der alten Tante Ju (JU 52). Auch sie unternahm anlässlich des Hafengeburtstags Rundflüge – diesmal sogar im Doppelpack!

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - ... zwischendurch brummt sie über die Köpfe hinweg_ Die Tante Ju (JU 52) in doppelter Ausführung.

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – … zwischendurch brummt sie über die Köpfe hinweg_ Die Tante Ju (JU 52) in doppelter Ausführung.

Als das Ballett um 17 Uhr endete und wir gleich wieder zurück zur U-Bahn mussten, kamen wir auf dem Weg zur Station Landungsbrücken immerhin noch an einigen Schiffen vorbei.
Was mich – selbst bei einem solch kurzen Besuch – beeindruckt, ist der Anblick des Zusammentreffens von alt und neu. Die Begegnung von früher und heute, das Nebeneinander von beinahe altertümlich und höchst modern.

Schauen Sie einmal hier:
Vornean liegt die Rickmer Rickmers (1896 gebaut), dahinter die Masten – die so aussehen, als hätte die Rickmers fälschlicherweise kleine dazwischen – diese Masten stammen vom Segelschulschiff Gorch Fock (Baujahr 1958) und die komischen, völlig unpassenden „Aufbauten“ in weiß, die man auf dem Deck der Rickmers zu sehen glaubt, sie stammen von der ganz neuen, erst am Freitag getauften MS Europa 2, die gerade Richtung Lissabon ausläuft.

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013 - Rickmer Rickmers, dahinter Gorch Fock und EUROPA 2 auslaufend

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Rickmer Rickmers, dahinter Gorch Fock und MS Europa 2 auslaufend

Oder hier:
Die Cap San Diego, Baujahr 1962, das engl. Marineschiff Defender (im März 2013 in Dienst gestellt), direkt dahinter ist noch ein Stück der Sachsen (F 219) zu sehen, die 2004 ihren Dienst aufnahm. Außerdem ein kleines Hilfsschiff der dt. Marine, Y835, welches 1993 gebaut wurde. Rechts an allen vorbei zieht das moderne, einen Tag zuvor getaufte Kreuzfahrtschiff MS Europa 2

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013  - Cap San Diego (1962), Defender, dahinter die Sachsen, neben ihnen  MS Europa 2

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Cap San Diego (1962), Defender, dahinter die Sachsen, neben ihnen MS Europa 2. Vorne eine der Barkassen, die Gäste zum Musical „König der Löwen“ ans andere Elbufer bringen.

 

Hier auf diesem Foto, ein kleines Stück weiter aufgenommen, kommt auch noch die Rickmer Rickmers mit ins Bild. Von ihrem Alter ausgehend, liegen hier zwischen dem ältesten und dem neuesten Schiff ca. 117 Jahre!

Hamburg - 824. Hafengeburtstag - 11.05.2013  - Cap San Diego (Bj. 1962), Defender, Sachsen (F 219,  vorne Rickmer Rickmers (Bj. 1896)

Hamburg – 824. Hafengeburtstag – 11.05.2013 – Cap San Diego (Bj. 1962), Defender, Sachsen (F 219, vorne Rickmer Rickmers (Bj. 1896)


Irgendwo auf dem Weg hatte ich neben einem hochmodernen Boot des Küstenschutzes auch die Ubena von Bremen, den Nachbau einer Kogge gesehen, der uralt wirkt und doch erst 1988 Kiellegung hatte. Ein äußerst interessantes Gemisch, überaus kontrastreich.

Die Stippvisite in den Hafen hat sich gelohnt. Der Hafengeburtstag ist eine Veranstaltung mit sehr positiver Atmosphäre und abwechslungsreichem Angebot. Insgesamt 1,5 Millionen Gäste sollen an den insgesamt vier Tagen dort gewesen sein. 90.000 Menschen besichtigten Schiffe, allein 12.000 die Gorch Fock!
500 Buden waren diesmal aufgebaut, es gab die Tauffeier der MS Europa 2 vor Blankenese, es gab Feuerwerk, es gab Musik, Unterhaltung, Wasserski-Darbietungen, die zielgenauen Sprünge von Fallschirmspringern und vieles, vieles mehr.

Als ich am vergangenen Sonnabend kurz vor Mitternacht bereits im Bett lag, ertönte nach dem Feuerwerk ab 23.45 Uhr knapp eine halbe Stunde lang ein Konzert der Nebelhörner von ich weiß nicht wie vielen Schiffen! Gut hörbar – obwohl ca. neun Kilometer von mir entfernt.

Es ist halt das größte Hafenfest der Welt, und ich habe mir vorgenommen, auch beim 825. Geburtstag wieder vorbeizuschauen.
Schlepperballett ansehen. Dann aber vom richtigen Platz!

Vielleicht führt Sie Ihr Weg ja auch eines Tages dorthin (falls Sie nicht schon dort waren).

(Der Link zu den Fotos vom Vorjahr – Viele der Schiffe kommen regelmäßig und waren auch in diesem Jahr wieder zu Gast)
-> https://michelelegrand.wordpress.com/2012/05/13/hangengeblieben-beim-hafengeburtstag-worlds-greatest-port-festival-in-hamburg/

©Mai 2013 by Michèle Legrand

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Richard II. – Auf die Wiesn warten…

Es ist Ende September. In Bayern begann schon am 17. dieses Monats das legendäre Oktoberfest.  Es zu feiern, ist ein Brauch, den es mittlerweile auch in den Norden verschlagen hat, bzw. der dahin geschlagen wurde. Wie auch schon Halloween, Karneval und Valentinstag. Wir bleiben vorerst jedoch beim Oktoberfest.
„In wenga Toagn hoaßts auf dem Wandsbeker Markt widda ‘O´zapft is!“
Dieser Satz gefällt Richard II.
Ich sah ihn heute auf einer Bank sitzen und den Aufbau eines großen weißen Zeltes verfolgen. Vielleicht heißt er anders, aber für mich ist er Richard II. Der ältere Mann sieht ein wenig aus wie unser früherer Bundespräsident,  Herr von Weizsäcker. Er könnte als dessen Double durchgehen – bis zum Moment des Aufstehens. Dann fiele er durch – aufgrund mangelnder Höhe.
Nicht Größe!
O nein, Format hat er schon, dieser Richard II. In der entsprechenden Kleidung könnte er von Wies’n-Zelt-Aufbau-Beaufsichtiger über Schachprofi und Juwelier bis Bundespräsident-Ersatz-Richard alles sein.
Wir kamen in dem Moment in Kontakt, als ich vergeblich versuchte, den üblichen Weg über den Wandsbeker Marktplatz nach Hause zu nehmen. Er war größtenteils versperrt für die Vorbereitungen zum Oktoberfest. Hier nimmt alles zurzeit wahnsinnig schnell Formen an.
Die normalerweise große, mit Steinplatten gepflasterte Freifläche, ist schon von einem riesigen, recht hässlichen, jedoch stabilen weißen Zelt belegt. Hässlich von außen, drinnen ist es am Ende sicher sehr zünftig.
Am Freitag ist es soweit. Am 23.09.2011 heißt es auch hier in Hamburgs Osten wieder:
Was die in München können, können wir auch!
Fahnen flattern im Wind. Sie verraten dem Vorbeikommenden schon jetzt, dass er hier Paulaner ausgeschenkt bekommen wird. Das Originalbier, welches es auch beim Oktoberfest auf der ‚Theresienwiesn’ gibt. Höchstwahrscheinlich sponsert die Firma auch das Fest sowie das Zelt, denn dort ist ebenfalls der Namenszug unübersehbar, direkt über dem Eingang. Nicht zu vergessen, die kleinen, herzigen Wimpel links und rechts an den Straßenlaternen. Alles einladend im fröhlichen Blau-Weiß.
Es scheint, in diesem Jahr wird das Fest noch größer, schöner, greller und so bald es losgeht, vermutlich auch noch lauter.
Und an diesem Punkt komme ich zurück auf Richard II.
Weil ich nicht durchkam und eine schwere Tüte trug, die ich einen Augenblick absetzen wollte, hielt ich an der Bank, auf der er alleine saß. Junge Männer brachten gerade auf einem rollenden Podest einen Brunnen zum Zelteingang. So sah es zumindest aus. Es wirkte, als sei er hundsgemein schwer, aus purem Granit geschlagen. Nur, als sie ihn über eine schräge Ebene auf den kleinen Rollen nicht ohne kritisches Gekippel bewegen konnten, entschlossen sie sich kurzerhand, ihn etwas anzuheben.
Alles Lug und Trug, wie sich zeigte!
Dieser Brunnen ist eindeutig aus Kunststoff.
Richard II. bemerkte trocken:
„Entweder sind das ganze Kerle, oder Stein ist nicht Stein.“
Er hatte es also auch bemerkt.  „Hoffentlich ist der Rest nachher echt…“, kam es noch im Nachsatz hinterher.
„Wollen Sie ab Freitag mitfeiern?“ frage ich ihn.
„Auf jeden Fall mal ansehen. Mache ich jedes Jahr!“
Aha. Nun habe ich endlich einmal jemanden an der Hand, den ich ein paar Dinge fragen kann. Da er die Unterhaltung startete, habe ich auch keine Bedenken, dies zu tun.
„Wie hat es Ihnen denn bisher gefallen? Waren Sie auch schon zu den Zeiten dabei, als es noch bei Karstadt stattfand?“
Es interessiert mich brennend. Als Wandsbek vor ewigen Jahren beschloss, es sei nun die Zeit für das Zelebrieren eines Oktoberfestes gekommen, gab es keine sonderlich gut geeignete Örtlichkeit dafür. Die Fläche, auf der ich stehe und die heutzutage genutzt wird, gibt es erst seit April 2005. Trotzdem entschied damals irgendein durchsetzungsfähiger Kopf:
Egal wo, wir feiern jetzt Oktoberfest. Basta! Nehmen wir eben das Parkdeck von Karstadt. Oberste Etage!

Als zur Zeit des Festes einmal die Rolltreppen des Kaufhauses  außer Betrieb waren und ich unwissend den Fahrstuhl mit 20 anderen Menschen benutzte, die komischerweise alle zum Parkhaus wollten, machte ich große Augen, als sich die Fahrstuhltüren öffneten. Es zog wie Hechtsuppe und zwischen faden, grauen Betonplatten tauchten Zeltplanen auf. Man sah hier und dort Tische,  Bierfässer und angetüdelte Besucher. Hätte man an diesem Tag am Parkhausausgang eine Alkoholkontrolle durchgeführt, wäre viel Geld ins Staatssäckl gekommen…
Ich vermisste damals jegliche Atmosphäre und mir fällt ein Satz ein, den ich neulich, bei Eröffnung der Feier in München, von einem Betrunkenen im Fernsehen hörte:
„Liawa bsuffa und lusdig, ois niachdan und bläd.“
Mich hätte man dafür bezahlen können, ich wäre nicht hingegangen.
Richard II. kennt die Wiesn auf dem Parkdeck und fährt schaudernd zusammen. Ich muss grinsen.
„Da war ich auch. Das Beste waren die Brezeln. Jedes Jahr bin ich wieder hin, weil ich dachte: Leute, ihr werdet doch was daran geändert haben. Ihr habt einen Dekorateur geholt, nicht wahr, habt ihr…! Doch nein, wieder Beton, Abgas und Zugluft – im Wechsel oder zugleich. Gut, dass es das dort nicht mehr gibt.“
„Ist es denn hier schön? Ich war noch nie im Festzelt drin, aber ich sehe, dass es Jahr für Jahr wieder aufgebaut wird, und mit jedem Jahr scheint es sich auszuweiten. Nicht von den Tagen her, der Umfang insgesamt wird gewaltiger.“
„Ja, das stimmt. Ich habe das Zelt auch wesentlich kleiner in Erinnerung. Doch, es ist ganz gut gemacht. Die kopieren wie die Wilden. Oder packen was hierher, von dem sie denken, dass es bayerisch ist.“
„Denken? Erzählen Sie mal, was haben Sie an pseudo-bayerischen Dingen entlarvt!“
„Im ersten oder zweiten Jahr hatten sie eine Live-Band, die angeblich aus Bayern kam. Nie im Leben sag ich, nie im Leben!“ Er schaut ziemlich entrüstet. „Dann haben sie das Bier nicht sonderlich gut gezapft, und die armen, ungeübten Mädels schafften kaum, ein paar Maß auf einmal zu tragen. Die Brezn und Weisswurst gab’s auf Tellern!  Die gehören auf ein Brotzeitbrettl.“
Uff, da bin ich ja an einen Spezialisten geraten. Man hört es ihm nicht an, deshalb frage ich lieber mal direkt nach:
„Kommen Sie aus Bayern, oder haben Sie dort länger gelebt?“
„Mischling“, lautet die Antwort. Mutter aus Füssen, Vater aus Norddeutschland. In seinem siebenten Lebensjahr hatte es die Familie in den Norden verschlagen, doch Besuche im Süden fanden natürlich regelmäßig statt.
„Ich war öfter auch in München, wenn das Oktoberfest stattfand. Bin immer zumindest einmal hingegangen. Doch auch wenn es das Original ist und ich deshalb nicht meckern kann: es wurde mir einfach zu wühlig! Zu voll, zu unübersichtlich, zu laut und zu teuer.“
„Und daraufhin fanden sie diesen vollwertigen Wandsbeker Ersatz?“
Er hat es richtig verstanden und grinst.
„Genau. Ich dibbere jedes Jahr, dass es wieder los geht! Sitz’ hier auf der Bank und warte auf die Eröffnung.“
„Wurde es bei Ihnen zu Hause eigentlich gefeiert? Sie sagten, Ihre Mutter stammte aus Bayern.“
„Oh ja, wir machten immer einen Riesenspaß daraus. Wenn wir in der Zeit nicht in München Familientreff hatten, kamen oft Verwandte zu uns. Wir dekorierten – schon zu einer Zeit, als hier kein Mensch auf die Idee gekommen wäre – ein paar Wände und den Tisch mit blauweißem Papier, machten Brotzeit, Fingerhakeln, Bierdeckelweitwurf und Breznschnappen…“
Ich muss lachen. „Breznschnappen? Mit der Hand oder mit dem Mund?“
„Mit dem Mund! Die wurden an einer Schnur ganz hoch aufgehängt. Da mussten wir springen wie ein Gamsbock, um etwas abzubeißen. Ohne Hände!!“
Richard II. schwelgt jetzt in Erinnerungen. Man sieht förmlich, wie er Anlauf nimmt, springt und zubeißt. Richard, dem keine Brezn entkommt…  Seine Zungenspitze ist im linken Mundwinkel, und er bereitet sich mental sicher gerade auf den Deckelweitwurf vor. Ich reiße ihn vorsichtig aus seinen Gedanken.
„Hatten Sie denn auch die richtige Kleidung an?“
„Sie meinen, ob ich meine Krachlederne anhatte? Aber sicher doch! Meine Mutter und meine Kusinen trugen immer fesche Dirndl. Mein Vater hat nur Hosenträger an seine Alltagshose geklippt. Mehr war nicht drin. Preuße halt, doch er war dafür Meister im Armdrücken.“
Trotz dieser harten Verurteilung als Preuße, klingt die Stimme voller Hochachtung.
Richtig rote Bäckchen hat Richard II. beim Erzählen bekommen. Solche hat unser ehemaliger Bundespräsident nie. Jedenfalls habe ich nie ein derartiges Foto von ihm gesehen. Rote Wangen beim Interview. Vielleicht hat ihm auch nur keiner „vernünftige“ Fragen gestellt … ;)
Wir beobachten noch einen Moment die weitere Anlieferung von Tischen. Es gibt auch Bänke, doch diese Tische….
Der Kommentar von Richard II.:
„Sehen Sie jetzt, was ich meine? In Bayern würde man nie diese runden Stehtische aufbauen. Das ist viel zu etepetete. Das mauscheln sie den Norddeutschen hier wieder unter.“
Ja, so sieht es aus. Hier geht es vor allem ums Geschäft.
Ich verabschiede mich und umgehe die Absperrungen weiträumig.

Überall, auch im benachbarten Quarrée (EKZ), sind Aushänge mit einem Hinweis auf das beginnende Fest. Das Bild ziert eine junge, blonde Frau mit üppiger Oberweite, die in ein offenherziges Dirndl gepackt wurde. Die Oberweite vor allem, die Frau auch. Das zieht schon mal die Männerblicke an. In Kombination mit dem formidablen Bierangebot ist das Thema „männliche Kundschaft heranlocken“ abgehakt.
Wie kriegt man nun noch die Frauen dazu? Es kommt sehr entgegen, dass mittlerweile mehr und mehr Frauen Bier mögen. Die Gewöhnung daran hat die Bierindustrie gut hinbekommen. Völlig ohne Hintergedanken wurden schnell ein paar Misch-Pansch-Bier-Softies ins Programm genommen, die dem weiblichen Geschmack mehr entgegenkommen sollten.
Hat geklappt. Jetzt sind sie abhängig ;)
Biertoleranz bzw. –akzeptanz allein reicht bei einem weiblichen Wesen nur nicht. Hier muss einfach mehr Geschütz aufgefahren werden. Karstadt bietet das richtige Outfit an. Passende Trachtenmode, neue Schuhe.
Bei einem Friseur klebt der Hinweis, dass man momentan gern auch passende Flechtfrisuren (Zöpfe) fabriziert, und bei Bijou Brigitte steht ein Extraständer mit themengerechtem Modeschmuck. Broschen, Ketten für den XXL-Dirndlblusen-Ausschnitt, Anstecknadeln, Schleifen zum Anheften.
Der Supermarkt hat Weißwürste und süßen Senf im Oktoberfest-Design.
Interessiert aber nur peripher.
Die Frau allerdings,  die sich extra ein Dirndl und Accessoires kauft, möchte sie auch präsentieren und ausführen. Auf zum Oktoberfest in Wandsbek! Damit hat man sich auch diese Gruppe gekrallt.
Der Rest geht über Mundpropaganda, Preis (1 l Maß = 7,40 €, München verlangt 9,20 €), Herdentrieb und das Implizieren einer Gaudi-Garantie bei Teilnahme. Es gibt ja schließlich anständige Musik dort.
Ja, von der habe ich auch regelmäßig etwas, obwohl ich fast einen Kilometer entfernt wohne. Live-Musik wird weit getragen, und in der Zeit leiden die unmittelbaren Anwohner ziemlich. Andererseits, wer sich aus der Not heraus entscheidet, dann lieber auch gleich ins Festzelt zu gehen…
Schwupps, die Venusfalle greift sich gierig weitere Opfer!
Bayerische Musik allein ginge vielleicht noch. Es bleibt nur nicht dabei. Letztes Jahr bekam ich wochenlang Heino nicht mehr aus dem Kopf mit: Komm in meinen Wigwam!
Während mein Informant Richard II. in froher Erwartung ist, werde ich wieder nur aus der Ferne ein Oktoberfest miterleben. Sollen alle, die dort hingehen, recht viel Spaß haben! Ich gönne es Ihnen wirklich! Ist nur nichts für mich. Ich mag einfach kein Bier und keine Alkoholleichen. Sehr unschöne Erinnerungen an Personen aus der Jugend – und das meine ich bierernst.

Wir sehen, Bräuche werden hinausgetragen in alle Welt. Oktoberfest feiert man mittlerweile auch in Amerika und Australien und Nikolaus (begrenzt) in Irland (dank meiner Tochter).
Bräuche kommen zu uns. Aus dem Rheinland immer wieder der hartnäckige Versuch, uns vom Karneval zu überzeugen, aus dem angelsächsisch-keltischen Raum das vor der Nase herumwedeln mit Halloween. Dabei hat Halloween hier wirklich die Nase vorn! Sich zu verunstalten scheint eher typisch norddeutsch zu sein…
Ist es nicht phantastisch?
Beim Oktoberfest haben wir im Grunde alles vereint:
Den Valentinstag, denn auch beim Oktoberfest hängen sich viele ein Lebkuchenherz um den Hals.
Den Karneval, denn – mal ehrlich – verkleidet sind sie schon, oder ..?
Halloween, denn manch einer, der nächtens wankend – mit roten Augen und schwarzen Schatten darunter – aus dem Zelt schleicht, wäre der absolute Renner auf jeder Halloween-Party.
Vielleicht sollte ich doch …?
Nein!
Aber falls irgendwo jemand Bierdeckelweitwurf und Breznschnappen veranstaltet – da bin ich dabei!

©September 2011 by Michèle Legrand

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