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Relaxmodus, Radbruch und ein Chamäleon

Viel habe ich mir für heute nicht vorgenommen. Ich bin nämlich im Entspannungsmodus. Relaxen nach den
Feiertagen. Wenigstens ein Weilchen.
Sie auch? Oder arbeiten Sie bereits wieder?
So schön Weihnachten ist, es ist etwas anstrengend. Ich spreche von davor und danach. In jener längeren Vorbereitungsphase und komischerweise hinterher, sobald alle gegangen sind und das Abschlaffen einsetzt.
Mir geht es jedenfalls so.
Der Mensch tickt schon eigenartig. Alles verläuft schön und harmonisch an sämtlichen Festtagen inklusive der diesjährigen Extraverlängerung durch das Wochenende – trotzdem ist danach die Luft raus. Kurzzeitig.

Es mag daran liegen, dass ich definitiv mehr Merkmale des Typs introvertiert als solche der Gattung extrovertiert aufweise. Das bedeutet, mir ist es zwar möglich, chamäleongleich über gewisse Zeit eine nahezu preisverdächtige Anpassung an beinahe jegliche Situation und das entsprechende Umfeld zu vollbringen, alle Aktivitäten über einen überschaubaren Zeitraum je nach Zu- oder Abneigung auch richtig genießen bzw. zumindest ertragen zu können, doch dieses Anpassen und der Umgang mit vielen Menschen gleichzeitig, beides kostet Kraft, zapft ordentlich den internen Akku an und fordert seinen Tribut.
Wohlgemerkt, verursacht wird es nicht durch das passive Beobachten von Menschenmassen oder deren bloßes Vorhandensein, sondern tritt ein, sobald der direkte Kontakt inbegriffen ist. Das auf viele eingehen, mit allen interagieren.
Ein extrovertierter Mensch läuft bei solchen Anlässen und mitten im Gewühl zu seiner Höchstform auf und lädt dabei seine Energiereserven sogar noch auf! Er hält am Ende eines Veranstaltungsmarathons eigentlich schon Ausschau nach der nächsten großen Sache. Beneidenswert – was diese Power angeht!
Ansonsten muss ich nicht unbedingt tauschen.

Es kann – rein von der Logik her – gar nicht anders sein.
Wenn Sie mehr der Zuhörer sind, haben Sie eine Menge an Input zu verarbeiten, rufen bereits früher Gespeichertes dazu ab, damit Sie gezielt auf etwas eingehen oder zu etwas beitragen können und somit mit dem Gegenüber ein möglichst intensives, tiefergehendes Gespräch führen können. Das mit den stundenlangen, eher an der Oberfläche bleibenden und sich nicht groß unterscheidenden Gesprächsfetzen, ausgetauscht mit einer Unmenge von Personen, ist nicht so Ihr Ding. Vielleicht mögen Sie es auch insgesamt leiser.
Andere hingegen lieben genau das Gegenteil. Sie blühen im großen Kreis auf und sind die Sprecher. Es sprudelt nur so aus ihnen heraus. Gern auch lauter.

Introvertiert ist womöglich gar nicht immer und automatisch extrem nach innen gewandt, nimmt jedoch verstärkt auf (und zwar mit allen Sinnen) und muss somit reichlich verdauen.
Introvertiert löst seltener aus, sondern reagiert.
Introvertiert schweigt meist beim Denken.
Extrovertiert lässt hingegen zunächst (manchmal auch generell) Inhalt seines Speichers frei und ist entlastet. So wie ich es erlebt habe, besitzen extrovertierte Menschen hin und wieder sogar die Angewohnheit, „sprechzudenken“. Jede einzelne Überlegung wird laut ausgesprochen.
Extrovertiert übernimmt den aktiven Part. Hat dadurch oft auch das Drehbuch in der Hand und weiß, wie es weitergeht. Was denjenigen sicher entspannt.
Extrovertiert inhaliert Aufmerksamkeit und Beifall in tiefen Lungenzügen. Das wirkt wie der Anschluss an die Steckdose! Eine Person dieses Typs kann bei einer derartigen Wirkweise natürlich lange durchhalten.
Extrovertiert heißt nicht automatisch Rampensau oder stets narzisstisch veranlagt. Menschen dieses Typs kommen oft sehr gut in Gruppen und Teams klar!
Schon interessant …
Mich beeindruckt stets am meisten, aus welch unterschiedlichen Quellen Introvertierte und Extrovertierte Ihre Energie schöpfen.

Ich fühle mich grundsätzlich wohl, so wie es ist. Ich leide partout nicht, vermisse nichts, sondern genieße tatsächlich das Wirken im Hintergrund, auch das Alleinsein und die an rege Betriebsamkeit anschließende Ruhe, die einem Extrovertierten schon wieder kolossal auf die Nerven geht.
Ich brauche diese Ruhephase allerdings auch.

Nein, so wie es ist, ist alles gut. Es ist sogar bestens, solange nicht permanent Chamäleonfähigkeiten nötig sind und solange nach Unruhe Ruhe und nach Lärm Stille folgt.

Die kleine Lady, meine Enkelin, war dieses Jahr beim Weihnachten feiern neu mit von der Partie. Premiere!
Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung sie sich entwickeln wird. Extrovertiert, introvertiert, irgendetwas in der Mitte … Wer weiß das schon nach sieben Wochen mitmischen auf dieser Welt.
Ich weiß, dass sie bisher vom Arm aus lieber konzentriert zur Gardinenstange an die Zimmerdecke schaut, als zum beleuchteten Tannenbaum vor ihrer Nase. Sagt das etwas aus? Tendenz introvertiert?
Zeigt die Vorliebe für eine unspektakuläre Zimmerdecke eine Sehnsucht nach einem ruhigeren Plätzchen.
Kein Verlangen nach Glitzerwelt?
Wenn sie lächelt, schmelzen Sie. Ratzfatz. Da geht nämlich die Sonne auf. Sie können gar nicht länger ernst oder grummelig schauen. Absolut keine Chance. Ein erstes Zeichen für eine gewisse Extraversion?
So ein Anlächeln ist doch eindeutig kontaktfreudig, aktiv, zieht  Aufmerksamkeit auf die eigene Person …

Papperlapapp! Spekulation! An den Haaren herbeigezogen!
Das lässt alles keine Rückschlüsse bezüglich der weiteren Entwicklung zu. Es ist viel zu früh für irgendeine verlässliche Aussage. Ich beobachte es weiter, und wir sprechen uns in ein paar Jahren wieder zu diesem Thema. Oder sie schreibt Ihnen später dazu in ihrem eigenen Blog, so um das Jahr 2035.

Beim Gedanken an die ganz junge Generation fällt mir der Vater mit dem Kleinkind ein, den ich unterwegs gesehen habe. Ein Stofftier war dabei, das der Steppke unter seinen Arm geklemmt hatte. Eines von diesen in natura einige Meter aufragenden Steppenbewohnern auf dünnen, hohen Beinen. Die mit dem ewig langen Hals und der blauen Zunge. Bei seinem tierischen Gefährten schlackerten allerdings die Beine wie Sülze, und der Hals kippte ziemlich lasch zur Seite. Ich horchte auf, als der Name des Stofffreundes fiel:
„Pass auf, dass die Beine von Schlaraffe nicht in der Rolltreppe einklemmen!“, sagte sein Vater.
Schlaraffe! Sehr passend. (Falls Sie jetzt immer noch nicht wissen, von welchem Tier die Rede ist, kann ich Ihnen auch nicht helfen …)

Apropos schlaff. Sie kennen die hier gelegentlich auftauchenden Gedankensprünge. Das Wort schlaff löst gerade einen neuen Hüpfer aus.

Lüneburg - "Am Sande" am Abend

Lüneburg – „Am Sande“ am Abend

Etwas schlaff fühlte ich mich kürzlich in Lüneburg und zwar nach einem Aufenthalt mit ausgedehntem Spaziergang. Der Abend nahte, ich freute mich auf daheim und genoss ermattet das Sinken in die Sitzpolster des Zuges, der mich von Lüneburg zurück nach Hamburg bringen sollte. Die Reise sollte noch ein bisschen dauern, denn das Fahrtempo ging hin und wieder herunter, und der Zug hielt sogar einige Zeit auf der Strecke.
Grund dafür ist meist, dass der Metronom, der hier verkehrt, schnellere Züge der DB (z. B. den ICE) vorbeilassen muss. Aufgrund der Gleissituation können ICE und Metronom nicht immer parallel und zeitgleich fahren. Einer muss zwangsläufig ausweichen.

Lüneburg - "Am Sande" mit Gebäude der Landeszeitung

Lüneburg – „Am Sande“

 

Kaum wieder angefahren, ruckelte es fünf Minuten später erneut, die Geschwindigkeit wurde abrupt gedrosselt, und beim Hochsehen fiel mein Blick auf das schmale Display am Wagenende. Hier werden Informationen jeglicher Art einblendet.

Radbruch

Ach, herrje! Deshalb wurde abgebremst? Ein technischer Ausfall? Musste das gerade jetzt sein? Ewiger Aufenthalt im Waggon, keine Aussicht auf baldiges Eintreffen im Hamburger Hauptbahnhof? Reparatur oder Abschleppmanöver? Wenn das nicht ging, blühte vielleicht sogar ein Aussteigen auf freier Strecke?

Radbruch im Metronom? (Display zeigt dieses Wort)

Radbruch im Metronom?

Ich hatte noch gar nicht zu Ende gestöhnt, da folgte eine freundlich klingende Durchsage:
„Verehrte Fahrgäste, wir erreichen in Kürze Radbruch. Nächster Halt in Radbruch.“

Jetzt mal ehrlich! Wer denkt sich denn solche Ortsnamen aus!
Fand sich nichts Aparteres und vor allem etwas weniger Verwirrendes? Ich fürchte, wenn man hier nichts unternimmt und gegensteuert, gibt es demnächst Orte, die Motorschaden, Reifenpanne oder Druckluftverlust heißen. (Alles Nachbarorte des Dorfes Schrottplatz …)

Verwunderung und leichtes inneres Aufmucken hielten jedoch nicht lange an. Die Erleichterung überwog, dass es keine Materialermüdung an den Rädern war und die Fahrt weiterging. Ausgedehnter als die Hinfahrt war sie trotzdem.
Es gibt zwei zeitlich unterschiedliche Touren des Metronoms. Die Strecke bleibt dieselbe, aber die Zahl der Stopps variiert. Bei der Hinfahrt hatte ich die Kurzvariante, den Sprinter, erwischt und die flotte Durchfahrt durch Radbruch überhaupt nicht registriert. Nun hielt der Zug an jeder Milchkanne. So lernt man auch seine Umgebung kennen.
Und glauben Sie mir, einen unschlagbaren Vorteil hat ein verquerer Name! Während alle anderen Haltepunkte schon wieder namentlich aus meinem Gedächtnis gelöscht sind, haftet Radbruch bis in alle Ewigkeit.

Und vielleicht auch die Erinnerung an eine Frau! Die mysteriöse, weißhaarige Dame, die mehrmals durch den Zugwagen strich. Von der äußeren Erscheinung her jemand, der gut den Namen Ruth tragen könnte. Sie beklagte die verbrauchte Luft und konnte sich irgendwie nicht entscheiden, wo sie sich endgültig niederlassen sollte. Sie hoffte vermutlich, irgendwo ein Quäntchen mehr Sauerstoff zu erhaschen. Immer wieder tauchte sie merkwürdigerweise wie ein Gespenst aus dem Nichts auf, stand mit einem Mal direkt neben mir und war genauso urplötzlich wieder spurlos verschwunden. Magie? Gerade eben war sie doch noch hier … Wo …?
Ruth Copperfield.

Frisch ist’s geworden! Der Dezemberfrühling scheint zu Ende zu gehen. Frost kündigt sich an. Ich muss mir meine Strickjacke holen und überhaupt, Sie haben doch sicher auch noch etwas anderes vor.
Treffen wir uns im nächsten Jahr wieder. Es ist nicht mehr lang hin.
Ein bisschen bleibe ich noch in dem Relaxmodus, der fühlt sich gut an …

Ich wünsche Ihnen allen einen recht schönen Übergang in das schon vor der Tür stehende neue Jahr!
Alles erdenklich Gute für 2016! Bleiben Sie gesund und weiterhin positiv gestimmt!
Und schauen Sie gern wieder vorbei.

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© by Michèle Legrand, Dezember 2015
Andreas Grav (Ausschnitt)

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