Beiträge getaggt mit Erwartungen

Anders als erwartet …

Zarah Leander auf einer Autogrammkarte, die sie in den 70er Jahren am Hamburger Flughafen unterschrieb

Zarah Leander auf „meiner“ Autogrammkarte / Foto: Inge Hallburg

Das waren merkwürdige Momente … Kennen Sie so etwas auch?
Verblüffend!
Oh, Sie waren ja nicht dabei! Wo fange ich an …

Die Dame auf dem Foto hat ganz am Rande eine Rolle gespielt, Sie werden später mehr erfahren. Nur in diesem Zusammenhang fiel mir ein, dass ich eine Autogrammkarte besitze, die sie Mitte der Siebziger Jahre am Hamburger Flughafen überreichte. Voilà!
War Ihre Erwartung jetzt eine andere?
Nahmen Sie an, das Folgende würde ausschließlich von ihr handeln? Nun, Sie liegen knapp daneben. Tatsächlich geht es aktuell um eben diese Erwartungen …
Sie wissen, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche Typen von Erwartungen gibt? Sogar weitere, aber bleiben wir bei zwei Varianten. Es geht heute nicht vorrangig um die großen oder gar die bewussten! Nein, viel eher um den unspektakulären Erwartungskleinkram und vor allem unbewusstes Zeugs.
Und um Überraschungen!
Es scheiden sich oftmals die Geister daran, ob Menschen überhaupt Erwartungen haben sollten. Die einen sagen ja – weil es anspornen würde. Das tun sie hauptsächlich in dem Fall, in dem sie positiver Art sind und auf einen selbst gerichtet werden. Erwartungen – auch im Sinne von Ansprüchen – an die eigene Person können tatsächlich antreiben und voranbringen. Die Gefahr ist dort lediglich, dass sie zu hoch gesetzt werden. Vor allem dauerhaft übertrieben hohe Erwartungen blockieren eher. Auch negative Erwartungen zeigen häufig diese Auswirkung.

Die Menschen tun mehrheitlich allerdings sowieso etwas anderes: Statt von sich selbst, erwarten sie mit Vorliebe viel von anderen. Und in dem Fall sind Enttäuschungen vorprogrammiert, denn sie werden selten in diesem Maße erfüllt werden können. Eine ziemlich unnötige, vermeidbare Frustration. Andere sind nun einmal nicht die eigenen Glückszustandhersteller oder Erfolgsgaranten, die einem möglichst viel eigenen Aufwand abnehmen.
Auf der anderen Seite, als Alternative nun gar keine Erwartungen an andere zu haben, ist das nicht auch schlecht? Ganz bös und schlimm? Heißt das nicht fast  – auf die eigene Person bezogen – man hätte keinen Ehrgeiz? Und erst im Hinblick auf andere …. Uiuiui!
Nein! Warum?
Keine hohen Erwartungen an eine andere Person zu haben, bedeutet nicht automatisch, jemandem nichts zuzutrauen! Es bedeutet nur, nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass der andere sie kennt oder es als genauso wichtig und als seine Pflicht erachtet, sie zu erfüllen.

Alle Erwartungen dieser Art haben etwas gemein: Sie werden irgendwo bewusst gesteuert, sie sind durchdacht, an ihnen wird noch akribisch herumgefeilt oder sie werden ausgebaut, erweitert. Ein ganz erheblicher Anteil kommt übrigens deshalb zustande, weil man Dinge oder Taten als Gegengabe für etwas erwartet. Ich habe dir doch …, also musst du jetzt auch mir …!

Und?
Nun, diese Variante zur Einstimmung vorweg. Es ist zum einen sinnvoll, sich das Prinzip manchmal zu verdeutlichen. Es schützt davor, sich in etwas Merkwürdiges zu verrennen. Doch im Moment dient es vor allem dazu, den Unterschied zu einem anderen Typ von Erwartungen zu zeigen: Dem oben genannten, dem Typ der lediglich irgendwo im Unterbewusstsein verankerten Exemplare. Nicht konstruiert, nicht geplant. Sie sind einfach da, ohne dass Sie darüber nachdenken.
Wieso?
Aus dem, was Sie ständig erleben und was Ihnen widerfährt, sammelt, hortet und bastelt Ihr Gehirn etwas zusammen. Danach grabscht es eigenständig, nimmt auf, was passiert, speichert alle Angaben zu Ursache, Ablauf, Auswirkung und selbstverständlich auch Ihre Reaktion darauf!
Kommt Ihnen später etwas Ähnliches unter, zapfen Sie ganz intuitiv Ihr Gedächtnis an. Sie rufen flugs und automatisch die Ihrer Meinung nach passenden Erfahrungswerte ab. Sie haben in Millisekunden ein Bild vor Augen, einen Ton im Ohr  etc., und aus den Ihnen zur Verfügung stehenden Speicherdaten entsteht Ihre Erwartung hinsichtlich des Kommenden, dessen, was nun  – Ihrer Meinung nach – passieren müsste. Und? Passiert’s?
Pustekuchen!
Es kommt manchmal ganz anders! Beispiel?

Ich stehe am Sonnabend in meinem Wohnviertel an einer Straßeneinmündung (Claudiusstr./Schloßstraße) und warte an der Ampel  auf Grün für die Fußgänger. Plötzlich nähert sich auf der Hauptstraße lautlos, aber mit wild zuckendem Blaulicht, ein Streifenwagen. Die anderen Autos bremsen ab. Er kommt auf der Gegenspur heran, fährt plötzlich diagonal über die Kreuzung direkt auf mich zu, schleicht dann über die Bordsteinkante, entert so den Gehweg und stoppt knapp neben mir. Motor aus. Stille. Blicke aus dem Fahrzeug.
Ehe ich mich versehe, kommt ein zweites Einsatzfahrzeug auf dieselbe Art heran und hält ebenfalls eine Armlänge vor mir entfernt, nur eben auf der anderen Seite. Mitten auf dem Gehweg! Links Polizei, rechts Polizei. Sie schneiden mir den Weg ab. Die Wagentüren gehen auf …
Wie wäre Ihnen zumute? Was tut sich da?
Alles läuft irgendwie anders als erwartet. Alles ist so verdammt leise. Wieso jaulen keine Sirenen, wieso jagen die Gesetzeshüter nicht die Straße entlang, wieso preschen sie nicht mit quietschenden Reifen vor, wieso brüllt keiner Anweisungen? Wieso stehen außer mir alle anderen Passanten mit ihren Einkaufstüten völlig unbehelligt auf der anderen Straßenseite – ohne Polizei um sich herum?
Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts verbrochen, doch seien Sie versichert, in einem solchen Moment huschen ganz viele wüste Phantasien durch Ihren Kopf! Dann fällt Ihnen ein, dass manchmal harmlose Bürger verwechselt werden, irgendwer jemanden fälschlich einer Tat bezichtigt usw.
Mir war mulmig! Wirklich!
Das Wahrnehmen der Waffen macht es auch nicht besser.

Dann blendet sich Ihr toller Verstand ein und raunt Ihnen zu, dass kein Polizist einfach so mit der Waffe herumfuchteln wird, solange Sie still auf dem Bürgersteig stehen. Das alles sind nur Sekundenbruchteile, in denen Ihnen trotzdem tausend Dinge und eben auch Ängste durch den Kopf gehen. Was nun? Ihr Gehirn morst ans Gedächtnis, welches verzweifelt versucht, Ihnen Erfahrungswerte zuzuspeisen.
Nur, da gibt es keine! Der Fall kam nämlich noch nicht vor!
Folglich können Sie auf die Schnelle ersatzweise nur auf das zurückgreifen, was Sie in Büchern und der Zeitung gelesen oder im Fernsehen bei Krimis gesehen haben. Dort kommt die Polizei ausschließlich, um Verbrecher zu jagen. Die Konsequenz? Herzbubbern.
Oh Gott, ich bin ein Verbrecher!
Inzwischen sind die vier Beamten ausgestiegen. Und schon bekommt das Hirn Neues zu verarbeiten. Es sind drei Polizistinnen und nur ein männlicher Kollege. Das Schöne daran, Sie driften gleich von der Sorge, man könnte Sie für einen Verbrecher halten, ab und beschäftigen sich stattdessen mit der Frage, ob es inzwischen mehr weibliche als männliche Polizisten gibt, warum die dritte Frau im Gegensatz zu Ihren Kolleginnen keinen Zopf geflochten hat und warum kein einziger von Ihnen eine Mütze zur Uniform trägt.
Überhaupt keiner!
Meine Erwartung diesbezüglich muss uralt sein, vor Urzeiten abgespeichert, völlig antiquiert. Sie sagt nämlich noch, ein Polizist hat gefälligst eine Mütze auf dem Kopf zu haben. Bei Kälte sowieso. Im Sommer kann man ja darüber reden.

Durch die Ablenkung ist das beklemmende Gefühl also mittlerweile verflogen. Die Beamten wirken inzwischen harmlos, es ist außerdem helllichter Tag. Das schließt kein Massaker aus und auch nicht meine Verhaftung, aber nein, sie haben es nicht auf mich abgesehen, sondern auf das Eckgebäude hinter mir. Sie nähern sich langsam dem Eingang, erklimmen – sich aufmerksam umschauend – die wenigen Stufen bis zur Glastür, versuchen trotz Spiegelungen durch die Scheibe hindurch den dahinterliegenden Vorraum zu inspizieren und verschwinden schließlich im Haus.
Irgendein Alarm wird ausgelöst worden sein. Die leise Anfahrt deshalb, um Täter/Einbrecher – falls Sie sich noch im Haus aufhalten – nicht vorzeitig zu verjagen.

Ich bin erleichtert. Die Ampel zeigt bereits zum zweiten Mal Grün für mich. Beim ersten Mal habe ich mich gar nicht getraut, mich vom Fleck zu bewegen! Nun sehe ich zu, dass ich wegkomme, wer weiß, was sich hier noch entwickelt.
Drüben auf der anderen Straßenseite steht eine zierliche, junge Frau. Typ Engel, feines, blondes Haar in leichten Kringeln fallend. Rein vom Aussehen und ihrer Statur her, vermuteten Sie bei ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit eine glockenhelle, mädchenhafte Stimme. Als ich mich ihr nähere, ruft sie mir entgegen:
„Was ist denn dort los? Ist eingebrochen worden?“
Glauben Sie mir, gegen sie war Zarah Leanders Stimme (da haben wir sie nun) ein Sopran! Ich habe selten eine Frau – schon gar nicht ein so zartes Wesen! – mit einer derart tiefen Stimmlage gehört. Wäre ein Mann neben ihr gewesen, hätte ich gedacht, da sei ein Bauchrednerteam. Er spricht, sie macht die Mundbewegungen …

Sie sehen, Erwartungen dieser zweiten Gattung taugen auch nicht viel. Nicht alle sog. Erfahrungswerte sind auf sämtliche neuen Situationen übertragbar. Sie leiten gern fehl. Sie verleiten zu Annahmen. zu Schubladendenken. Bleiben Sie lieber offen, durchkämmen Sie von Zeit zu Zeit auch Ihre interne Speicherplatte! Überprüfen Sie sie kritisch, misten Sie Ihr Gedächtnis gelegentlich aus, wenn sich Komisches eingeschlichen hat oder aber ergänzen Sie diesen wichtigen Punkt:
Es ist nicht immer so, wie es scheint!

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

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