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Hamburg: Fleete, Bier und die Mahnung an der Tür

Ich war in der vergangenen Woche unterwegs und so habe Ihnen gleich etwas mitgebracht. Aus meiner
Stadt, aus einem Teil, der sich südlich der City am Zollkanal und am Binnenhafen befindet, also nahe der Speicherstadt.

Sie wissen, Hamburg ist eine wasserreiche Stadt. Es gibt nicht nur Elbe, Binnen- und Außenalster, Bille
und Seen, Hamburg hat auch zahlreiche Fleete, die das Stadtgebiet durchziehen.
Die Anzahl dieser Wassergräben war einst erheblich höher, doch viele gibt es mittlerweile nicht mehr.
Wenn sie nicht schon früher zugeschüttet wurden, dann spätestens nach Ende des zweiten Weltkriegs,
als nämlich Unmengen von Schutt aus Trümmern anfielen, die irgendwo hin mussten.

Wenn Ihnen heute jemand als seine Adresse „Am Katharinenfleet“ angibt, dann hüten Sie sich vor der
Idee, derjenige wohnte mit Blick aufs Wasser. Pustekuchen! Diesen Fleet gibt es nicht mehr, lediglich den Straßennamen.
Es gibt aber den Nikolaifleet. Um ihn und seine Umgebung geht es heute.

Hamburg - Blick auf den Nikolaifleet und die Kirche St. Katharinen (von der Straße "Holzbrücke" aus)

Hamburg – Blick auf den Nikolaifleet und die Kirche St. Katharinen (von der Straße „Holzbrücke“ aus)

Erinnern Sie sich an die Badeanstalt, den Tempel der Reinlichkeit, im vorletzten Blogpost, an dessen Platz heute ein rundes Parkhaus steht? Ich erzählte Ihnen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts zur Zeit der Erbauung des Bades die Modernisierung der Stadt voranschritt und dabei die Wasser- sowie die Abwassersituation (Kanalisation, Siele) verbessert werden sollte.
Warum? Weil kaum einer regelmäßig, geschweige denn sauberes Wasser hatte! Die Zustände in den eng bebauten Gebieten besonders hier Richtung Hafen waren aus hygienischer und medizinischer Sicht katastrophal! Völlig untragbar.

Gleichzeitig sahen die Einsatzmöglichkeiten bei einem Brand nicht eben rosig aus. Schwierige Brandbekämpfung bei gleichzeitig erheblicher Brandgefahr.
Nahezu jede Häuserzeile hatte damals – üblicherweise an der Rückfront – Anschluss an einen Fleet (man sagt übrigens der, aber auch das Fleet). Vor dem Haus hingegen lief eine enge Straße vorbei.
Es war absolut üblich, Wohnen und Arbeiten an einem Ort zu erledigen. So wuselte es mächtig, wenn Familien dort lebten und gleichzeitig Waren angeliefert, gelagert, in Werkstätten verarbeitet und wieder abtransportiert wurden. Es war voll gestellt, Maschinen liefen, Feuer und Wasser kamen zum Einsatz. Der Anteil an Holz und anderen empfindlichen Rohstoffen und Materialien im Umkreis war beträchtlich, und daher brannte alles im Fall der Fälle wie Zunder.

Man musste in dieser Hinsicht sehr leidvolle Erfahrungen sammeln. Schauen Sie beim folgenden Foto einmal auf die Häuserzeile auf der rechten Seite und denken sich quasi dahinter. Es sind nämlich die Rückfronten der Gebäude der Deichstraße und genau dort, in der Deichstraße, brach 1842 der Große Brand aus, jenes verheerende Feuer, das sich Richtung Binnenalster durchfraß und erst nach drei Tagen gelöscht werden konnte. Die Flammen, die so viele Menschen das Leben kosteten und so viel vernichteten.

Hamburg - Nikolaifleet - Deichstraßen-Häuser rechts, links die Rückseite der Häuser der Straße Cremon

Hamburg – Nikolaifleet – Deichstraßen-Häuser rechts, links die Rückseite der Häuser der Straße Cremon

Die Konsequenz aus diesem Branddrama war, dass man Wohnen und Arbeiten zu trennen begann. Die Familien zogen nun Richtung Außenalster, siedelten links und rechts davon und schoben sich langsam weiter nördlich. Neue Wohnviertel entstanden. Im Zentrum selbst erfolgte die Konzentration auf Arbeit und Beruf.
Als wichtige Handelsmetropole startete Hamburg mit der Planung für den Bau der Speicherstadt sowie erster Kontorhäuser, die um die Jahrhundertwende herum nach und nach entstanden. Im Westen der Innenstadt vereinzelt und meist in Baulücken, im Osten der City wuchs ein richtiges Kontorhausviertel heran.

Hamburg - Kontorhäuser - Konzentration auf Stein,, Fliesen und Metall ...

Hamburg – Kontorhäuser – Konzentration auf Stein,, Fliesen und Metall …

Was denken Sie, warum dort in den Treppenhäusern alles so steinern gelassen wurde und man eher über  Mauerwerk und Fliesen sowie kunstvolle Metallgeländer in den Foyers und Stockwerken Akzente setzte, statt  zusätzliche, hölzerne Schmuckeinbauten vorzunehmen oder Dekoration ins Foyer zu stellen?
Sie ahnen es sicherlich. Man wollte das Brandrisiko minimieren und freie Bahn haben, um schnell eingreifen zu können, sollte doch einmal etwas passieren (Evakuierung, Brandlöschung etc.)

Hamburg - Eingangsbereich eines Kontorhauses ...

Hamburg – Eingangsbereich eines Kontorhauses …

Die Wasserversorgung auf hygienische Art und eine vernünftige Abwasserentsorgung waren die anderen Großprojekte, die angegangen wurden. Es ist kaum vorstellbar aus heutiger Sicht, dass aus den Fleeten das Wasser für die menschliche Versorgung – also auch das Trinkwasser! – gezapft wurde, obwohl gleichzeitig ungeniert und ungefiltert jegliche Abwässer, auch die Fäkalien (!), eingeleitet wurden. Auf welch simple Art die Einleitung sich vollzog, kann man an einer Stelle sogar heute noch erkennen.

Früher hatte jedes Haus zur Fleetseite hin einen Erker, der nach hinten bis über das Wasser hinaus ragte. Plumpsklo und Mülleimer! Der direkte Weg.
Das Haus in der Deichstraße mit der Nr. 37 wurde rekonstruiert, restauriert und selbst der Erker ist wieder an seinem Platz. Es sieht für mich heute allerdings mehr nach einem relativ offenen Balkon aus, doch vielleicht gab es früher mehr „Sichtschutz“ – oder die Menschen waren nicht so genant.

Hamburg - Nikolaifleet - Blick auf die Rückseite der Häuser der Deichstraße (rechts) - Haus Nr. 37 mit Erker (Vorbau) im 1. OG

Hamburg – Nikolaifleet – Blick auf die Rückseite der Häuser der Deichstraße (rechts) – Haus Nr. 37 mit Erker (Vorbau) im 1. OG (links neben dem verhängten Gebäude)

Ich muss Ihnen gestehen, mich hat etwas nachträglich in gewisser Weise leicht erschüttert. Ich bin über ein Relikt aus alter Zeit gestolpert. Es  enthält eine Ermahnung, die der Bierkeller Gröninger für seine Gäste parat hielt. Bereits seit dem 18. Jahrhundert war Gröninger eine der vielen Bierbrauereien der Stadt.

Hamburg - Haus Ost-West-Straße 47 (ehemals Gröningerstraße 22) - Gröninger

Hamburg – Haus Ost-West-Straße 47 (ehemals Gröningerstraße 22) – Bierkeller Gröninger

 

Hamburg - Gröninger - Im Hintergrund das Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Gröninger – Im Hintergrund das Mahnmal St. Nikolai

Als eines der ganz wenigen aus dieser Zeit, existiert das Brauhaus bis heute. Der Bierkeller befindet sich im Vorderhaus, einem barocken Alt-Hamburger Bürgerhaus (1761-1762 erbaut), in der Willy-Brandt-Straße 47.
So heißt sie seit 2005. Viele kennen diesen Teil der breiten und vielbefahrenen Straße immer noch unter der alten Bezeichnung Ost-West-Straße, doch auch die gab es nicht von jeher dort, sondern sie entstand erst einige Zeit nach dem Krieg in den Jahren zwischen 1953 und 1963.
Ursprünglich befand sich an ihrer Stelle ein Fleet, und nur direkt vor dem Haus der Brauerei lief eine schmale Straße, die Gröningerstraße. Damals besaß die Brauerei die Hausnummer 22. (Siehe auch Foto unten Inschrift im Mauerwerk links.)
Das alte Eingangsgewölbe ist immer noch da und mit ihm eine schwere Tür, auf der sich folgende Inschrift befindet:

Hamburg - Gröninger - Die Inschrift in der alten Tür ... (Sinn: Fleetwasser wird mittwochs fürs Bierbrauen gebraucht, daher den Fleet dienstags nicht verunreinigen)

Hamburg – Gröninger – Die Inschrift in der alten Tür …

Für meine blinden Bloggäste und zum generell einfacheren Lesen die Türinschrift noch einmal in Textform:
“Der Herr Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird und deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf!”

Oha! Möchten Sie noch ein Bier? … ^^

Die Lage damals verbesserte sich allmählich. Trotz allem kam es relativ spät (1892) doch noch einmal zum Ausbruch einer Cholera-Epidemie. Und wissen Sie warum?
Weil sich Senat und Bürgerschaft über Jahrzehnte nicht über Art und Bau einer Filteranlage an der Elbe einigen konnten und dort das Wasser immer noch ungereinigt verwendet wurde!
Der Sommer 1892 war heiß, der Wasserstand entsprechend niedrig, das Elbwasser dadurch sehr warm. Die Bakterien freuten sich, ideale Voraussetzungen für ihre Vermehrung, und die Stelle flussaufwärts, an der Wasser entnommen wurde, war bei Flut dem verschmutzten Sielwasser ausgesetzt …
Können wir nicht wirklich von Glück sagen, dass zumindest diese Zustände heute nicht mehr herrschen?

Sagen Sie, haben Sie eigentlich gemerkt, dass ich Ihnen ein Bild dazwischengeschummelt habe, das gar nicht „frisch“ ist? Das Laub am Baum (hinter dem schmiedeeisernen Schild des Bierkellers Gröninger) verrät es und die Tatsache, dass das Mahnmal St. Nikolai gut zu erkennen ist. In Wirklichkeit ist die Kirchenruine aktuell komplett eingerüstet – so wie auf diesem Foto.

Hamburg - Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet ...

Hamburg – Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet …

Sie haben es natürlich sofort erkannt, Sie sind ja alle allesamt sehr plietsch.

Genug für heute, oder?
Und falls Sie nun neuerdings merkwürdige Biertrinkbedenken bei sich feststellen … Herrschaftszeiten! Ehe Sie an Ihrem Gerstensaft herumwürgen, gehen Sie auf Nummer sicher und fragen nach beim Ordern! Klären Sie die Wasserherkunft einfach persönlich ab. Gerade wenn es vollmundig heißt: „nach uralter Brauart hergestellt“ …

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

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© by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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