Beiträge getaggt mit Eisdiele

Rentier mit Krokantbecher

Die Zeit, in der ich ohne Kamera auskommen muss  (ich vermisse sie sehr!), möchte ich – was den Blog angeht – gern für etwas Spezielles nutzen. Ich würde gern Ergänzungen vornehmen!
Daher taucht heute an dieser Stelle ein Beitrag auf, der (in einer anderen Version) vor zwei Jahren auf der Seite http://www.goodnewstoday.de veröffentlicht wurde. Einer Internet-Seite, die es sich zum Ziel gemacht hat, positive Nachrichten (good news) zu verbreiten. Eine ganze Reihe meiner Erlebnisse ist vorrangig 2010 dort gelandet.

Ich erwähne gelegentlich Robert Redford oder den Krokantbecher und manche fragten nach dem Hintergrund. Falls es Sie auch interessiert, Sie Lust haben, es noch nicht oder nicht mehr kennen, dann lade ich Sie heute herzlich ein zum:

Rentier mit Krokantbecher

Sie haben das Tier der Lappen vor Augen und wundern sich?
Sie müssten mittlerweile als Stammleser wissen, dass ich es manchmal sehr liebe, Verwirrung zu stiften – die ich selbstredend auch wieder auflöse!
Es geht heute im Blog um einen Herrn im Ruhestand, einen Rentner, auch Rentier genannt, sowie einen Besuch im Eiscafé.
Solche althergebrachten Begriffe wie Rentier, die haben schon etwas, oder?^^
Und Krokantbecher. Ich kann mir nicht helfen, auch dieses Wort erschien mir absolut titeltauglich.

Lassen Sie uns beginnen:
Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich Ihnen verrate, dass manche Wochen es in sich haben und manche Tage ziemlich bescheiden anfangen. In einem solchen Fall gibt es immer mindestens zwei, wenn nicht gar drei Möglichkeiten, damit umzugehen:
1.
Sie können jedes negative Puzzleteilchen des Tages aufpicken, aufbauschen, jammern und leiden. Gut macht es sich auch, depressiv dreinzuschauen und zu muffeln. Auf jeden Fall sollten Sie den anderen gehörig auf die Nerven gehen und ihnen generell an allem die Schuld geben!
Vorteil: Gefühlt geht es den anderen jetzt ebenfalls nicht so blendend.
Nachteil: Die Situation ist immer noch bescheiden, und es fördert nicht gerade die eigene Beliebtheit oder die eigene Zufriedenheit mit sich selbst.
2.
Ignorieren, so weit dies möglich ist. Gute Miene machen zum ganzen Elend. Hinnehmen, ergeben ertragen, still vor sich hin leiden. Abwarten.
Vorteil: Keiner
Nachteil: Die Passivität ist deprimierend. Der Ärger nagt. Die Situation bleibt.
3.
Wenn der Tag bis – sagen wir – 15 Uhr katastrophal war, dann kann dies eigentlich nur bedeuten, dass das Gute, das an jedem Tag passiert, eben heute noch dran ist, und Sie mit dem anderen Elend jetzt gleich durch sind.
Vorteil: Sie können das Zurückliegende abhaken und sich auf das Kommende freuen.
Nachteil: Sie müssen sich ein bisschen selbst darum kümmern, dass Ihnen das Positive auch auffällt. Das klappt besser, wenn Sie nicht gerade mit Punkt 1 und Punkt 2 beschäftigt sind …

Ich befand mich dieser Tage  in jener erwähnten 15-Uhr-Situation und wollte mich, zum Abschütteln des ersten Teils des Tages und zum Begrüßen des zweiten Teils,  in dieser Übergangsphase mit einem Kaffee vergnügen.
Liebend gerne hätte ich es in dem gewohnten Coffee Shop getan, dem, in dem auch die Geschichte über den Rolltreppen-Voyeurismus (siehe Link unten) entstand. Leider stellte ich fest – er hat zugemacht!

Wissen Sie, was mir dabei auffiel?
Sämtliche Läden, in denen ich in den letzten Jahrzehnten hin und wieder mal eine Tasse Schwarzes trank, sind nach einer Weile geschlossen worden!
Ich fragte mich natürlich doch leicht verunsichert, ob ich mir tatsächlich eine neue Kaffeebleibe suchen sollte oder ob dann auch dort bald das letzte Stündlein geschlagen hätte …
Was soll ich Ihnen sagen, ich schob energisch jegliche Bedenken beiseite, fuhr mit der Rolltreppe eine Etage höher und besuchte dort ein Eiscafé.
Vor einiger Zeit wechselte der Inhaber, und man baute komplett um. Es wurde sich viel Mühe hinsichtlich der Dekoration gegeben, ist an einigen Stellen aber etwas overdone. Sehr viel Gold, Lederimitat und Glanz. Andererseits – ich glaube, man gewöhnt sich daran …

Eiscafé - Blogpost: Rentier mit Krokantbecher

Im Eiscafé …

Wie geht es Ihnen, wenn Sie zwangsweise, aus der Not heraus, irgendwo neu hinzustoßen? Fühlen Sie sich sofort heimisch?
Ich brauche immer ein bisschen, muss mich umschauen, horchen und mich an Gerüche gewöhnen.
Ich setzte mich also inmitten einer Kissenflut auf eine Eckbank an einen etwas größeren Tisch, denn die kleinen 2er-Tische waren besetzt. Versuchte abzuschalten, was mir auch gelang, bis sich neben mir im Gang eine lautstarke Diskussion zwischen der Bedienung und einem Pärchen mit Kinderwagen entwickelte. Wie sich herausstellte, hatte das Center-Management harte Auflagen erlassen, was das Freihalten der Fluchtwege, sprich Gänge, angeht. Ein Kinderwagen darf dort neben dem ausgewählten Tisch nicht in den Gang ragen. Es war zwar mindestens noch ein Weg von einem Meter Breite frei, aber Auflage ist Auflage!

Während ich meinen Blick in die Runde gleiten ließ, registrierte ich, dass mein Tisch perfekt sein würde, denn es gab hier eine Nische, in die das Gefährt ideal hineingepasst hätte. Also bot ich an, als Einzelperson mit meiner Kaffeetasse umzuziehen. Spontan, wie ich manchmal halt bin. Große Begeisterung, Dankesbekundungen, etc.
Soweit prima – nur, wohin sollte ich jetzt gehen?

Cafè Latte - Blogpost: Rentier mit Krokantbecher

Cafè Latte …

Überall saß schon mindestens eine Person am Tisch. Aufdrängen mochte ich mich nicht. Im Stehen Kaffee trinken hatte ich allerdings auch nicht geplant und so entschloss ich mich, einen älteren Herrn zu meiner Linken zu fragen, ob ihm meine Gesellschaft recht wäre. Es löste bei ihm einen überaus erstaunten Blick aus, doch nach drei Sekunden Bedenkzeit wurde mir die Genehmigung zum Platz nehmen erteilt.
Ich beschäftigte mich ein wenig mit meinem Stift und dem Notizblock und beobachte ihn unauffällig aus den Augenwinkeln.
Auch so eine Manie von mir, gerne wissen zu wollen, mit wem ich es zu tun habe. Wer mir so dicht auf die Pelle rückt, oder – wie in diesem Fall – wem ich nahe komme.

Sein Alter war schwer zu schätzen. Rentier, also Rentner, auf jeden Fall. Wenn ich ihn beschreiben sollte, würde ich sagen: Denken Sie an den Film mit Robert Redford, den, in dem er einen Fliegenfischer spielt. Addieren Sie Jahre und Falten hinzu, und Sie haben meinen Tischnachbarn. Eine allgemein große Ähnlichkeit der Gesichtszüge,  aber auch ansonsten der Typ einsam im Fluss stehender Angler mit wettergegerbtem Gesicht.
Wortkarg.
Ruhe ausstrahlend.
Und vor ihm stand sein Espresso.
Nachdem meine Erkundung abgeschlossen war, stellte ich fest, ich saß genau am richtigen Tisch. Der Herr übertrug diese ihm eigene Ruhe, und das tat enorm gut! Außerdem schien er keinerlei Bedürfnis zu haben, unbedingt eine Unterhaltung zu führen.
Nichts Ablehnendes in der Haltung, im Gegenteil!
Es war ein sehr einvernehmliches und friedliches Schweigen.
Sein rechter Arm bereitete ihm momentan offensichtlich Probleme, denn er trug ihn in einer schwarzen Schlinge.
Ich trank weiter meinen Kaffee, während das Pärchen das kleine Kind aus dem Kinderwagen gehoben hatte und es, nun auf der Sitzbank hockend, mit einem prallen Luftballon spielen ließ.
Die Bedienung trat an den Tisch und setzte einen Krokantbecher für den Fliegenfischer ab. Er freute sich sichtlich und begann, den Löffel in der linken Hand, sein Eis zu vertilgen.
Er musste definitiv Rechtshänder sein, denn er tat sich jetzt schwer. Kleine harte Krokantstückchen auf Sahne verschwanden etwas ungelenk hinter seinen Lippen. Wenn er mit links nicht genau die Mundöffnung traf, blieben Sahnereste an der Oberlippe hängen.
Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall!
Ich fuhr zusammen. Mein Kaffee geriet ins Schwappen. Ihm fiel der Löffel aus der Hand, gefolgt von seinem erschrockenen Einziehen des Atems.
Dem Kleinkind war der Luftballon geplatzt!
Während ich mich schon wieder etwas beruhigt hatte, wurde er plötzlich knallrot und fing an zu husten. Es wirkte recht bedrohlich, doch er winkte ab, es schien nur immens im Hals zu kratzen.
Wirklich alles okay?
Er wurde immer dunkler und japste. Krokant ist nicht ohne …
Ich fragte die Bedienung, die sich leicht besorgt in sicherer Entfernung bemühte wegzuschauen, nach einem Glas Wasser. Als sie zögerte, wiederholte ich die Bitte und erwähnte, dass es nett wäre, wenn sie es jetzt gleich bringen würde, so lange der Gast noch lebte …
(Ja, wundern Sie sich ruhig. Sie kennen mich sonst sehr friedlich, nur als  in einer solchen Situation keinerlei Reaktion erfolgte …)
Ihr Verhalten war höchst seltsam, sie holte zwar das Wasser, schien sich damit aber nicht heranzutrauen. Also stand ich auf, ging zu ihr, nahm es ihr ab und reichte es weiter an Herrn Redford.
Er trank vorsichtig kleine Schlucke, das Husten ebbte langsam ab, und seine Gesichtsfarbe wechselte wieder in den Normalbereich.
Die Bedienung erwachte nun auch aus ihrer Starre und verhielt sich von da an wieder formvollendet.

Ein finales Räuspern, dann war er soweit, dass er grinsen konnte und trocken verkündete, er hätte nicht den Krieg überlebt und einen Fahrradunfall (daher der Arm in der Schlinge), um letztendlich in der Eisdiele an Krokant zu ersticken.

Rentier Robert Redford und ich  haben danach noch eine Viertelstunde höchst angelegentlich miteinander geplaudert und sehr vergnügliche Minuten miteinander verlebt.

Die 15-Uhr-Regel hatte sich an diesem Tag, der so unruhig und nervig begonnen hatte, wieder einmal bewahrheitet. Das Elend hatte sich verzogen, aufgelöst.
Und bei Ihnen? Nicht?
Seien Sie guten Mutes! Es klappt auch bei Ihnen!
Manchmal müssen Sie nur etwas genauer schauen. Oder ein bisschen mehr mit daran herumbasteln.
Dann wird’s …

Hier noch der Link zum „Rolltreppen-Voyeurismus“:
https://michelelegrand.wordpress.com/2012/06/27/bloglesernachfrage-was-ist-bitte-rtv-heute-die-ganze-geschichte-dazu/
Oder auch der Link zu „Zerstört mir nicht die Kaffeehausatmosphäre!“:
https://michelelegrand.wordpress.com/2010/12/04/umstellungen-kaffeehausatmosphare-nervtoter/

PS In dem Eiscafé ist es 2012 übrigens sehr nett und auch nicht mehr so streng hinsichtlich der Gangfreihaltevorschriften.

©Dezember 2012 by Michèle Legrand

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9 Kommentare

Du sollst es lassen…!

Theoretisch – rein von der chronologischen Abfolge her – wären jetzt ein oder mehrere Blogposts über meinen kürzlichen Leipzig-Aufenthalt an der Reihe. Nur – wie es manchmal so passiert –  während ich gedanklich noch am Vorsortieren bin und passende Fotos auswähle, ereignete sich vorhin Folgendes:
Es begann harmlos. Mein freundlicher Schuster bot von sich aus an, mir die (in Leipzig) abgelaufenen Absätze an den Schuhen sofort zu reparieren. Sofort wäre gleich und gleich, bedeutete er mir, hieße, ich könne sie in einer halben Stunde bereits wieder abholen. Geschwind akzeptiert, denn das klang doch gut! Ich konnte in der Zeit schon Gemüse kaufen. Gesagt, getan und danach wiederum kam der Moment, in dem ich erstaunt bemerkte, dass gelegentlich eine halbe Stunde doch länger ist als gedacht. Es war immer noch Zeit und somit ging es gar nicht anders: ich musste eine Kaffeepause in der Eisdiele einlegen ;). Hätte ich allerdings vorher gewusst, was mich dort erwartet, hätte ich heute um sie einen weiten Bogen geschlagen…

Mein Milchkaffee ist schon gebracht, und ich löffle vergnügt so lange geschlagenen Milchschaum ab, bis an einer Stelle ockerfarbene Flüssigkeit freigelegt ist und ich trinken kann, ohne einen weißen Bart zu bekommen. Der größere Tisch neben mir mit der Zweisitzerbank und den beiden Stühlen ist noch unbelegt.
Sie nähern sich geräuschvoll. Oma, Tochter (Mama) und Kleinkind (Tochter/Enkelin, knapp zwei Jahre alt). Etwas unkoordiniert werden Stühle verrückt. Die Räder des Buggys schlagen an das Tischbein. An meins. Mein Kaffee schwappt. Sie merken nichts. Ich sage auch nichts, denn sie sind sowieso intensiv mit sich beschäftigt. Die Sitzplatzwahl dauert geraume Zeit. Oma möchte erst auf die Bank, stellt aber fest, dass sie später von dort wohl nicht mehr hoch kommt. Sie wechselt auf einen Stuhl. Die Tochter ihrerseits beabsichtigt hingegen, auf die Bank zu wechseln, kommt allerdings aus ihrem Stuhl nicht mehr heraus. Sie ist aufgrund fülliger Körpermasse zwischen den Armlehnen steckengeblieben. Es quillt seitlich heraus, und der Stuhl kommt mit beim Erheben. Sie kann sich schließlich befreien. Das kleine Mädchen möchte aus seinem Buggy, doch sowohl Oma als auch Mama sind dagegen.
„Leonie, du bleibst sitzen!“
Leonie quengelt. Es ist noch auf Stufe eins. Halblaut und halbernst. Mama antwortet schon auf Stufe sechs. Sehr laut und dreiviertelernst:
„Leonie, wir können auch gleich wieder gehen! Sitz still, und hör auf zu quaken!“
Leonie quakt lauter.
Oma vermittelt. „Leonie, die Tante bringt gleich Eis. Mhmm, Eis!“
Ich finde es immer merkwürdig, wenn fremde Menschen so bezeichnet werden. Die Tante bringt dies, der Onkel macht gleich einen Pieks… Sag dem Mann Guten Tag. Die Frau lässt dich gleich vor. Das eine ist so plump vertraulich. Eine Vertraulichkeit, die gar nicht existiert. Es besteht auch definitiv kein Verwandtenverhältnis. Es klingt nach Verschleierung.
Das neutralere Mann/Frau ist sehr gebräuchlich und im Grunde genommen akzeptabel, doch selbst hier klingt es häufig so, als mangle es an Respekt, oder dem Kind würde ein anderer Begriff nicht zugetraut. Die Dame, der Herr… ? Warum nicht so?
Gib der Dame den Zettel. Sag dem Herrn, dass du vorbei möchtest.
Doch wir gesellen uns wieder zu Leonie und ihrer Oma bzw. Mama, die jetzt die Karte studieren und Eis auswählen. Die Kleine hat in ihrem Buggy einen neuen, relativ großen Plastikball, der noch in seinem kleinmaschigen Netz ist. Da sie gerade überhaupt nicht beachtet wird, schmeißt sie den Ball aus der Karre.
„Leonie, lass das!“ Mama ist wütend.
Oma ergänzt: „Nu is er ab!“
Ich vermute, das ist Deutsch und soll heißen, dass der Ball weg ist. Da Großmama näher dran ist, hebt sie den Ball auf und legt ihn Leonie zurück auf den Schoß. Weiter geht die Diskussion der Erwachsenen bezüglich Malaga-Becher ja oder nein.
Leonie pfeffert erneut den Ball mit Schwung von sich. Mama ist sauer.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen! Du kriegst kein Eis, hörst du, du kriegst kein Eis!“
Geheul.
„Hör auf mit dem Gebrüll, ich kauf dir ja Eis!“
Das Gebrüll verstummt. Die Angestellte der Eisdiele tritt hinzu. Die Bestellung wird aufgegeben. Auch für Leonie. Sie darf kein Schokoladeneis, denn damit saue sie sich immer ein. Erklärt Oma der jungen Servicekraft.
Ich denke, bei einer knapp Zweijährigen muss man damit rechnen, es gehört zum Lernprozess dazu. Essen mit Löffel – und vor allem kleckerfreies Essen – ist nicht einfach. Sonst würden es mehr Erwachsene hinbekommen. Leonie darf immerhin Vanilleeis. Sie wird diese Sorte nicht besser essen, aber vermutlich sind die Flecken weniger auffällig.
Zwischen Bestellung und Eintreffen des Eises vergeht hier immer eine Weile. Leonie windet sich im Buggy wie ein Aal. Sie wird mehrfach zurechtgewiesen und ruppig zurechtgerückt. Die Unterhaltung findet wieder nur unter den Großen statt. Leonie entschließt sich, die erfolgreiche Masche mit dem Ball erneut aufzugreifen. Das runde Ding fliegt.
„ LEONIE!“ So! Nun, musst du ihn holen!“ keift die Mutter.
Ich bin sehr gespannt. Ob Leonie überhaupt laufen kann. Ob es ihr Trick ist, um aus dem Buggy zu kommen. Ob sie den Ball holen wird und letztendlich: Wie wird es weitergehen?
Zu meiner Überraschung steht die Mutter auf und holt den Ball erneut selbst. Was sollte dann diese Ankündigung? Du holst ihn selbst! Von wegen.
Das Netz des Balls hat einen Zipfel und ein Band. Mama versucht nun, dieses Band am Buggy zu befestigen. Leonie möchte das absolut nicht. Leonie brüllt. Mama lässt es sein.
Leonie hat den Ball. Der Ball fliegt.
„Leonie“, Mama ist rot angelaufen, „jetzt kriegst du den Ball nicht mehr!“
Das Mädchen heult wie ein Kojote. Gut, einmal bekommt sie ihn noch.
Leonie wirft.
Mama hat es noch nicht bemerkt, Mama wühlt gerade in der Einkaufstasche.
Oma holt den Ball und beschließt jetzt, es auf eine neue Tour zu probieren.
„Wenn du den Ball wegschmeißt, hat er Aua!“
Leonie hört auf zu heulen und guckt ungläubig.
„Aua?“ kommt es fragend.
„Ja, Aua“, bestätigt Oma.
„Ball weint?“ fragt Leonie.
„Ja, Ball weint“, bestätigt ihr die Großmutter.
„Haben!“ sagt Leonie und deutet auf ihr Spielzeug.
Oma gibt ihr den Ball zurück.
Leonie schmeißt.
Oma holt geräuschvoll Luft. „Leonie, also wirklich!“
Leonie stellt fest: „Ball nich Aua, Ball nich weint.“
Oma schaut grimmig. „Er will jetzt aber nicht mehr zu dir!“ sagt sie.
Kind schaut überrascht.
„Doch!“
„Nein!“
„Haben!“
„Nein!“
Gebrüll.
Zum Glück kommt jetzt das Eis.
Leonie möchte nicht ihre eine Kugel Vanilleeis, sondern den Malaga-Becher der Oma.
„Nein, Leonie, der ist für Oma.“
Gebrüll.
„Du darfst mal probieren.“
Ende des Gebrülls.
Am Ende teilen sich Oma und Enkelin reichlich Malagaeis mit Alkohol.
Leonie hat einen kleinen Plastiklöffel und will alleine essen.
„Leonie, iss ordentlich!“ Das ist Mama, die ermahnt. Und es geht weiter:
„Leonie, halt den Löffel gerade.“
„Leonie, pass auf!“
„Leonie, nicht so viel!“
„Leonie, iss langsam, sonst nehme ich das Eis weg!“
Daraufhin schlingt Leonie. Lieber schnell noch etwas reinzwängen, bevor sie die Ankündigung wahr macht… Die Sorge um ihr Eis war jedoch unbegründet. Selbstverständlich behält sie es weiterhin.
„Leonie, was habe ich gerade gesagt?“
Ehrlich gesagt – keine Ahnung! Es waren so viele Anweisungen und Drohungen, dass ich langsam den Überblick verloren habe.
Leonie ist bedient. Sie schmeißt den Löffel auf den Boden.
„So, Leonie, jetzt kriegst du nichts mehr! Hörst du? NICHTS! Und du brauchst gar nicht zu heulen“, erklärt Mama.
Leonie heult … und bekommt ein wenig Eis zur Beruhigung. Da der Plastiklöffel dreckig ist, hat sie jetzt den Löffel der Mama, der ist größer.
„Du sollst nicht so schlingen, sonst verschluckst du dich und musst husten!“
Leonie muss nicht husten, Mama hustet. Sie hat sich vor Erregung verschluckt.

So geht es munter weiter. Es folgen noch Rügen wegen verschmiertem Mund, Rüffel wegen Löffel in falscher Hand (gibt es eine ‚falsche’ Hand?) und Klagen von Oma sowie Mama, dass man ja nie seine Ruhe hätte, wenn „das Kind“ dabei wäre. Von irgendwo schleicht sich daraufhin bei mir der Gedanke ein, ob Leonie nicht vielleicht auch so von Oma und Mama denkt..
Irgendwann kehrt für eine Weile Stille ein. Das Eis hat seine beruhigende Wirkung entfaltet und besänftigt alle – kurzzeitig. Dann geht es ans Bezahlen, der Aufbruch naht.

Leonie will bleiben. Quaken auf Stufe sieben (recht durchdringend, langanhaltend, unnachgiebig, gepaart mit einer erheblichen Spur Bockigkeit).
„Dann gehen Oma und Mama ohne dich nach Hause, und du musst ganz alleine hier bleiben, hörst du, Leonie, ganz alleine!“ Mama macht dramatisch große Augen und zieht die Stirn in Falten.
Gebrüll aus Trotz und einer Spur Panik.
„Komm jetzt, Leonie. Wir gehen jetzt“, bestätigt auch Oma und zeigt auf Mama und sich. Sie bleiben dennoch beide stehen.
Heulen.
Mama ist am Ende der Geduld.
„Dann sieh doch zu, wie du nach Hause kommst!“
Langsam bekommt Leonie Angst.
„Und das war auch das letzte Mal, dass wir hier Eis essen gegangen sind…!“
„Eis haben will!“ brüllt die Kleine zurück.
Mama kehrt mit Sturmschritten zu Leonie zurück, schnappt sie und alle stiefeln mit der zappelnden Kleinen fort.

Ist das nicht traurig? Unglaublich unsinnig, und tieftraurig?? Was für eine Szene! Ob Oma und Mama auch so ‚erzogen’ wurden? Wäre es nicht so ernst, könnte man über die Situationskomik beinahe lachen. Doch die Kleine tut mir unwahrscheinlich leid. Wir werden alle geprägt. Wie eine Münze. Nahezu unauslöschlich entsteht der Eindruck auf ihrer Vorder- und ihrer Rückseite.  Eindruck machen, Eindruck hinterlassen. Dieser Ausdruck klingt im heutigen Sprachgebrauch meist so, als sei es grundsätzlich etwas Positives. Ist es definitiv nicht. Genauso wenig, wie Vorurteile immer negativer Art sein müssen.
Leonie nimmt alle Eindrücke um sich herum auf, auch die vom heutigen Nachmittag.
Sie hat gelernt, dass das, was gesagt wird, nicht dem entspricht, was getan wird.
Sie hat gelernt, dass sie stört.
Sie hat gelernt, dass man laut sein muss, um selbst Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.
Sie hat den Eindruck erhalten, dass Menschen sich offenbar ankeifen, und Unzufriedenheit normal ist.
Einfach nur traurig.
Wie viel auf ihrer Münze ist schon endgültig geprägt?
Hoffentlich nur ein kleiner Teil der einen Seite…
Hoffentlich bleibt noch viel Platz für Eindrücke anderer Art.

©September 2011 by Michèle Legrand

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