Beiträge getaggt mit Eiscafé

Mädcheneis, Jungeneis und Geschirr aus ungewohnter Quelle …


Sommer schafft Eiszeit oder anders formuliert, heiße Tage fördern das Eisverlangen und kurbeln den Absatz gehörig an. In meinem hiesigen Eiscafé gibt es einige – taktisch recht geschickt in diese Eishochzeit gelegte – Neueinführungen und Änderungen. Deren Einführung liegt inzwischen schon wieder ein paar Wochen zurück, nur irgendwie beschäftigen sie mich gedanklich weiterhin. Erstaunlich lange …
Ich bin mir immer noch nicht ganz im Klaren darüber, welche der Ideen, die dahinterstecken ich gut, eher un-
nötig oder gar schlecht finden soll. Es brennt mir leicht unter den Nägeln. So greife ich die Sache heute hier auf. Ich überlasse es wie immer Ihnen, ob Sie Stellung dazu nehmen möchten, aber ich gestehe, es würde mich schon interessieren, was Sie davon halten.

Nehmen wir an, Sie sitzen in einem Restaurant. Ihr Ober erscheint mit der Bestellung. Er platziert Teller und Schüsseln vor Ihnen, und – verflixt noch mal! – auf Anhieb gefällt Ihnen das Geschirr. Ganz außerordentlich! Vom Level her liegt die Begeisterung irgendwo zwischen lichterloh brennend und schierer Ekstase.
Oh, traumhaft! Muss ich haben! Für zu Hause. Genau das, unbedingt! Her damit …!
Das Essen ist vergessen, es durchzuckt Sie wild und zwar nicht allein deshalb, weil Sie Form und Dekor optisch vom Hocker hauen, sondern vor allem aus dem Grund, dass der Besitz genau dieses Restaurant-Geschirrs es Ihnen ermöglichen würde, bei zukünftigen Mahlzeiten daheim, à la maison, das besondere Gourmet-Feeling aus dem Restaurant direkt wieder aufleben zu lassen.
Hand aufs Herz: Ist es das, was Sie denken?
Nicht?
Sehen Sie, mir kommen diese Gedanken auch nicht. Bei mir ist es so, dass ein auffallend schönes Service eine Anregung liefern könnte, gerade, wenn das Essen aus irgendeiner besonderen Tassen- oder Schüsselform oder aus einem bestimmten Material und durch spezielle Dicke bzw. Stärke besonders gut schmeckte. Oder wenn die Farben und die Komposition mit dem Essen kolossal gut herüberkämen.
Kann man sich ja mal merken
Mehr aber auch nicht!

Mich erfreut beim Restaurantbesuch das gelungene Gesamtpaket aus schmackhaftem Essen, einer netten Bedienung sowie einer behaglichen Umgebung und Atmosphäre. Das Geschirr – wenn es positiv auffällt – stellt nur einen weiteren Pluspunkt dar. Das letzte, was mir einfiele oder was mir notwendig erschiene, wäre der Kauf des aufgetischten Geschirrs!
Seltsamerweise beschleicht mich sogar das Gefühl, hätte ich tatsächlich ein identisches Service zu Hause, hätte ich fortan höchstwahrscheinlich kaum noch Lust auf einen Besuch gerade jenes Restaurants, das mir mein „Heimgeschirr“ vor die Nase setzte.

Dass sich Geschäftsinhaber oder spezielle Marketingfachleute darüber Gedanken machen, und dass es ab-
weichend von meiner und vielleicht auch Ihrer Einstellung weitere Ansichten dazu gibt und sich Interessenten hierfür finden, bemerkte ich, als ich unterwegs beim Kaffeetrinken das Gespräch eines Mannes am Nebentisch mit der Bedienung des Eiscafés aufschnappte.
Der Gast hatte sein Eis bereits vertilgt, wollte bezahlen, stöberte nichtsdestotrotz weiterhin angelegentlich in der – aufgrund eben diverser Neuerungen – kürzlich überarbeiteten Karte. Er tippte mit seinem Zeigefinger auf ein Bild und meinte:
„Billig ist das ja nicht gerade … Hm. … Obwohl, wenn man … Hm, hm. … Ach, nee, das ist hier auch … Joah, schon schön …“ Er richtete seine Augen auf das Gesicht des Angestellten. „Ist das eigentlich spülmaschinentauglich? Nee, nä? Muss man bestimmt mit der Hand abwaschen.“
„Doch, doch, das kann in die Maschine“, lautete die Antwort. „Machen wir hier auch immer so!“

Ich war verblüfft. Abwaschen?  Eis? Das Eis in die Spülmaschine ?
Manchmal ist man etwas schwer von Begriff. Ich schnappte entschlossen die Karte vor mir, blätterte sie ziemlich weit durch, da der Herr irgendwo hinten aufgeschlagen hatte und entdeckte, es ging um den Eisteller, auf dem auch sein Eis serviert worden war. Er war dort abgebildet.
Golden, nicht aus Metall, sondern aus Keramik oder Steingut. Relativ schwer wirkend. Außen komplett gold bronziert, innen der breite Tellerrand ebenfalls gülden. Kein Vollglanz, eher seidenmatt. Fast ein bisschen wie gewischtes Gold. Sehr edel. Die Vertiefung in der Mitte in einem kontrastierenden Schwarz. Neben dem Bild ein Preis.

Ob Sie es glauben oder nicht, als Kunde des Eiscafés können Sie seit Kurzem vor Ort exakt das dort benutzte Geschirr erwerben! Dass wir uns jetzt nicht missverstehen: Unbenutzt selbstverständlich. Frisch verpackt im Karton.
Einen tiefen, runden „Gourmet-Teller“, ein flaches, rechteckig-längliches Plattenexemplar, ein „Dessert-Schiffchen“ und eine  kleine, runde Dessertschale.
Goldene Löffel in drei Größen ergänzen das Angebot. Die wiederum sind hochglänzend, mit Prägung auf der Griffoberseite, wirken leicht protzig und sind – was die Löffelfläche angeht – völlig überdimensioniert. Mit dem Eindruck stehe ich übrigens nicht alleine da. Ich erhalte die Teelöffel aus dieser Serie schon seit Längerem auch zu meinem Kaffee gereicht und – tut mir leid – ich kann mich einfach nicht an sie gewöhnen.
Die beiden großen Löffelvarianten, die Sie auch im Café, den einen zum Früchtebecher auslöffeln, den anderen zum Spaghetti-Eis wegputzen, vorgelegt bekommen, sind definitiv etwas für Breitmaulfrösche. Nicht nur einmal haben Gäste nachgefragt, ob sie nicht bitte einen „ganz normalen“ Löffel haben könnten. Und unter uns: Ich bin immer froh, wenn Hochbetrieb herrscht, dadurch bei den goldenen Teelöffeln zeitweise ein Engpass herrscht und daher bis die Spülmaschine mit dem Programm durch ist, notgedrungen auf die alten, einfachen Teelöffel zurückgriffen werden muss. Man renkt sich nicht den Kiefer aus, und sie liegen viel besser in der Hand. Ich weiß nicht, wer solche Löffel konstruiert, die derart ungünstig zu handhaben sind und bezweifle, dass derjenige sie jemals selbst in Gebrauch hatte.
Dafür, dass man vorne in der ausgedehnten „Wanne“ fast baden könnte, ist wiederum die Gesamtlänge des Löffels inklusive Griffteil erstaunlich kurz. Zu kurz. Die Riesenmulde macht allein ungefähr 45 % der Gesamtlänge aus. Das beschert ein ganz merkwürdiges Gefühl bei der Benutzung. Als hätten Sie einen Zwitter aus Suppenkelle und Mokkalöffel zu bändigen. Aber vielleicht gibt es Menschen, die dafür schwärmen und meine Empfindungen überhaupt nicht teilen. Wer weiß das schon.

Warum bietet man jetzt Ausstattung zum Kauf an? Jeder, der bei dieser Geschirrofferte zuschlägt, kann zukünftig daheim nachspielen, er wäre in seinem Eiscafé. Kann genauso fürstlich speisen, den Genuss nachempfinden. So die Idee. Ich frage mich nur, was ist, wenn diese Variante dem Kunden so gut gefällt, dass
er sein Eis auf einmal nur noch zu Hause isst? War das die geniale Marketing-Strategie?

Der Gast, der nach der Spielmaschinentauglichkeit fragte, zögerte trotz Gefallen mit seinem Entschluss zur Anschaffung. Ganz billig wird die Angelegenheit nämlich nicht. Selbst wenn Sie lediglich jeweils ein Exemplar von Teller, Platte, Schiffchen und Schale sowie je einen der Löffel kaufen, werden rund 100 Euro fällig. Zwei der länglichen Platten für ein Eisvergnügen zu zweit und Sie sind 60 Euro los. Ohne Löffel. Und ohne Eis.
Keine Frage: Es sieht edel aus, das Eis wirkt darin! Es ist auch schön, es auswärts fast schon luxuriös serviert zu bekommen, doch ich Banause gestehe, daheim schmeckt mir Eis eigentlich viel besser aus Glasschälchen: Und darin lässt es sich auch ganz wunderbar anrichten.

Neue Karte, neues Geschirr … Bei der Gelegenheit wurden die Preise für Eis und Getränke gleich mit erhöht. Ein Aufwasch, und irgendwie müssen die Goldlöffel schließlich finanziert werden …
Fiiies. Ganz fies. Ich weiß. Wo doch auf Frische und Qualität geachtet wird und die Preise für Produkte wie Milch, Gewürze, Kakaobohnen, Erdnüsse, Pistazien u. a. angezogen haben. Sie wissen, gerade von diesem Zeug wird unheimlich viel in den Kaffee gemixt! Doch, doch …! Also, kein Wunder.
Zur Frische habe ich übrigens gelesen, sie wäre kaum zu übertreffen, da die verwendete „Abendmilch heimischer Kühe“ innerhalb von 20 Stunden verarbeitet wird. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Ich sollte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, es ist immerhin seit Jahren mein Stammcafé, auf das ich ansonsten nichts kommen lasse. Ich kann dort herrlich entspannen und werde äußerst zuvorkommend bedient. Die Eisqualität – vergessen Sie jegliche Geschirrlästerei  – ist wirklich gut, keine Farb- und Konservierungs-
stoffe, keine künstlichen Aromen, und es sieht alles oberappetitlich aus! Ich bin leider nur nicht der große Eisesser, jedenfalls kein Oft- oder Massenesser.
Wenn ich im Eiscafé netterweise hin und wieder kleine Proben neuer Sorten zum Testen bekomme, stelle ich fest, dass mir maximal dreimaliges Löffelabschlecken zusagt. Danach wird der Geschmack so durchdringend oder die Mischung ist derart exotisch, dass ich nie und nimmer eine ganze Kugel davon zu Ende schaffen würde. Ich bin eher der Stracciatella-Typ. Alle Jubeljahre eine Kugel, Tasse Kaffee dazu und beides mit Hochgenuss und ganz in Ruhe genießen.

Eissorten und Eiszusammenstellung haben sich im Laufe der Zeit mächtig verändert, oder? Es verblüfft mich immer wieder. Sagt Ihnen Fürst-Pückler-Eis noch etwas? Erdbeere, Vanille, Schokolade. Die Vielfalt in einem Block. Zum Portionieren für daheim oder als Fürst-Pückler-Becher im Eiscafé. Je eine Kugel jeder Sorte, auf Wunsch mit Sahne. Wäffelchen on top.

Die Eisbecher heute sind der Wahnsinn! Ob Optik, Vielfalt, Komposition oder Mengen! Das, was als kleine Portion bezeichnet wird, fällt immer noch üppig aus. Sie müssen wirklich grundsätzlich völlig ausgehungert erscheinen. Der Magen muss maximale Aufnahmefähigkeit vorweisen. Sonst kapitulieren sie einfach zu schnell.
Mich hat es deshalb sehr froh gestimmt zu sehen, dass es endlich die Möglichkeit gibt, nicht nur wie bisher notfalls einzelne Kugeln zu bestellen, sondern es lässt sich jetzt alternativ der eigene Eisbecher zusammen-
stellen – mit kleinsten Eismengen und einer ganz eigenen Auswahl an Beilagen. Zusammengerechnet kostet es – beim reinen Mengenvergleich – letztendlich mehr als der Standardbecher, ist dafür jedoch perfekt auf den einzelnen Geschmack und das persönliche Essvermögen abgestimmt. Dadurch, dass Sie tendenziell weniger nehmen, gleicht es sich beim Preis mehr als wieder aus.

Ich meine mich zu erinnern, dass damals zu Pückler-Eiszeiten eher die Eis-am-Stiel-Sorten ausgefallen waren. Fruchteis in quietschigen Farben, Finger-Eis, Milchspeiseeis gemischt, Eis mit nussigem Schokoladenüberzug, Eis zwischen Waffeln, Eis in Röhrenform, Eis eckig, Eis mit Karamellkern.
Das weiß-rot verquirlte Balla-Eis für Kinder in der Plastikform, die wie eine Eistüte aussah und in deren „Waffelspitze“ unten sich eine Kaugummikugel verbarg, war vermutlich das Verwegenste, was seinerzeit auf dem Markt war.

Und heutzutage? Heute schäumt man förmlich über vor Kreativität beim Stylen neuer Eisgeschmäcker. So ein Créateur de glace ist vielleicht auch etwas unter Druck oder Zugzwang angesichts der Konkurrenz und ständiger Innovationen auf dem Markt. Egal, was der Hauptanlass für die kühne Schaffensfreude ist, ich denke manchmal, wenn so einen beim Eis designen niemand bremst oder festhält, wird hemmungslos der halbe Kühlschrankinhalt in die neu angedachte Eissorte geworfen. Die Mischungen werden immer wilder, die Zugaben immer umfangreicher.

Heimisches Obst und exotische Früchte, verschiedene Soßen gleichzeitig (kalt oder heiß), Goldnuggets, Kokosraspel, Cookie-Crunch, selbst veritable Kuchenstücke finden sich zwischen den Eiskugeln! Heute baut man Schaumküsse und Knisterzeug ein, schwelgt in Sahne und verteilt verschwenderisch Schokolade. Weiß, hellbraun, dunkel, in Stücken, geraspelt, gehackt, geschmolzen, in Plättchenform und verziert als sogenannte Dekoraufleger und, und, und … .Krokant, Pistazien dürfen nicht fehlen, dazu begegnen Ihnen immer wieder Streusel, Marshmallows, After Eight, Waffeln, Amarettini und Fruchtgummi wie auch echte Blätter oder Alkohol der entweder direkt untergemengt wird oder alternativ separat in ein kleines Schokoschälchen, das oben auf dem Eis verstaut ist, eingefüllt wird.

Nachdem das alles zum Inhalt gehört, wird sich bei einigen Sorten noch zusätzlich mit Gewürzen und Kräutern ausgetobt. Salted Toffee Crunch, karamellig mit Kekstückchen, Salzlakritz mit Salmiaksauce, Erdnuss mit Chilischokolade, „mit leicht scharfem Abgang“, Orange-Ingwer mit Kokosnuss, Honig-Lavendel mit Zitrone und Rosmarin

Der Ideenreichtum ist wirklich enorm. Es ist nicht so, dass ich es nicht bewundern und anerkennen würde, was den Eisdesignern alles einfällt. Es endet bei mir nur leider stets damit, dass ich es probieren mag, aber schnell erschlagen werde von der Intensität des Geschmacks.
Manchmal kenne ich etwas als Kuchen, mag die Art, und wenn unter diesem Namen Eis herauskommt, klingt es verlockend und höchst essbar. Limone Cheesecake ist so ein Beispiel. Als Kuchen (Lemon Cheesecake) toll und sogar das nachempfundene Eis schmeckt mir im ersten Moment  – wie gesagt, bis zum maximal vierten Mal Schlecken. Danach brauche ich Wasser zum Neutralisieren. Und wer jetzt meint, es läge nur an der sauren Limone, man müsste halt eine andere Sorte, eine süßere, wählen – nein, mir zieht es genauso den Gaumen zusammen, wenn im Becher das Eis gleichzeitig mit Karamell-  und Nougatsauce getränkt wird. Womöglich auf sowieso gesüßter Schlagsahne. Wasser, bitte! Schnell!
Manchmal träume ich dann sehnsüchtig von Pellkartoffeln mit Quark.

Unter Ihnen sind bestimmt viele, die sehr gerne Eis essen. Auch die genannten Sorten und einen bunten Mix aus allem Möglichen. Lassen Sie es sich hier von mir nicht verderben oder ausreden! Andererseits wäre es auch recht aussichtslos, mich vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Jeder hat seinen eigenen Geschmack und soll es so genießen, wie es ihm am besten schmeckt. Vielfalt ist klasse – egal, um wen oder was es geht.
Ich geriet nur gerade darüber ins Rollen und konnte mich schlecht bremsen.

Von einer weiteren Neuerung möchte ich Ihnen zum Schluss noch erzählen. Es gibt mit der neuen Karte des Eiscafés ein geändertes Angebot für Kinder. Man hat ein Kindereis herausgenommen, die sympathische, auf dem Teller kriechende Schnecke. Schade, es war ein Eis, das sich idealerweise weder Jungen noch Mädchen zuordnen ließ, sondern beiden gleichermaßen gefiel und schmeckte.
Abgesehen von einem „Kinder-Burger“, bei dem Eiskugeln nach Wahl zwischen zwei Weichbrötchenhälften geklemmt werden und Fruchtgummisticks die Pommes markieren, gibt es nun die Eisteller „Prinzessin“ (rosa) und „Pirat“ (hellblau).
Nanu, Mädchen- und Jungeneis?
Sollte dieses „tpyisch Mädchen“ und „typisch Junge“ nicht in der Versenkung verschwinden? Ein Rückfall zu Klischees, zu Unterscheidung und Trennung? Hier lebt es jedenfalls gerade munter in Form von Miss-Pinky-Eis mit Kronenverzierung und rosa Marshmallows bzw. als Mr.-Knister-Eis mit Totenkopf–Piratensegel und Goldnuggets wieder auf.
Doch wissen Sie, was Mut macht? Ich habe jetzt schon zweimal erlebt, dass kleine Jungen partout das Eis „Prinzessin“ haben wollten. Die Eltern des einen Jungen haben mit keiner Wimper gezuckt und sofort das entsprechende Eis bestellt. Der Vater des anderen Jungen druckste ein klein wenig herum.

„Das rosa Eis ist eigentlich mehr für Mädchen. Guck, hier steht: „Prinzessin“. Das andere heißt „Pirat“ und ist für
Jungs. Willst du nicht das …?“

„Nein. Das schmeckt mir nicht. Ich mag kein blaues Eis.“
„Okay.“
Der Vater hat ihm das rosafarbene Miss-Pinky-Eis bestellt, jedoch unter Vermeidung des Wortes „Prinzessin“. Gegenüber der Bedienung hieß es nur:
„Ich hätte gern das Kindereis mit den Marshmallows und diesem Himbeerragout.“

Ragout?
Oh, die heutige feinere Bezeichnung für Kompott mit Stückchen …

After-Eight-Eis ist gestorben! Es musste zu Grabe getragen werden. In Ihrem Eiscafé oder Ihrer Eisdiele auch? Der Ersatz hier heißt Royal Minze. Sieht völlig anders aus, schmeckt auch anders. Der Grund, vor allem für die Umbenennung, ist, dass Eis nur dann weiterhin After-Eight-Eis genannt werden darf, wenn es von der Marke After Eight  produziert wurde bzw. wesentliche Bestandteile daraus sind. Das trifft auf eine Kugel Eis nicht zu. Wenn das Eiscafé jedoch einen Becher kreiert und oben in das Minzeeis ein Täfelchen After Eight hineinsteckt, dann darf das Werk After-Eight-Becher heißen.
Alles Feinheiten, die Sie aufschnappen, selbst wenn Sie – wie ich – einfach nur regelmäßig Ihren Kaffee dort trinken.

Feierabend für heute? Ja, oder? Ein schier unerschöpfliches Thema, doch es wird jetzt von mir auf Eis gelegt. Immer noch neugierig, hole ich allerdings meine Frage – jetzt etwas detaillierter – von ganz oben wieder hervor:

Was halten Sie denn von Geschirrkäufen direkt im Restaurant oder Café bzw. wie stehen Sie eigentlich zu extrem kreativ gemixten Eisbechern?
Oder wie sehen Sie das geschlechterspezifische Wiederaufgreifen der Farben Rosa und Hellblau, die Mädchen und Jungen zugeordneten Eissorten Miss Pinky bzw. Mr. Knister und eine so eindeutige namentliche Festlegung wie Prinzessin und Pirat?

So wie ich mich heute recht frei von der Leber weg geäußert habe, möchte ich auch Sie ermutigen, Ihre Ansichten dazu – die durchaus kontrovers sein dürfen – zu äußern. Es interessiert mich sehr!

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Bis zum Wiederlesen!

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©by Michèle Legrand, Juli 2018
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Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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39 Kommentare

„Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe …!“

"Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe ...!"  Blogbeitrag michelelegrand.wordpress.com

Manchmal läuft alles zwanglos. Sie kommen, schauen kurz nach links, rechts, und einer beschließt ganz einfach. Dort!
Oder schaut leicht fragend, und die Entscheidung erfolgt durch eine kaum wahrnehmbare Kopfbewegung. Kinn auf halb acht bedeutet:
Wir nehmen die Plätze links vorne, die am Fenster.
Hingehen. Hinsetzen. Fertig.

Gestern war es anders. Umständlicher. Ich spreche von Christoph und Ramona, die zu den Menschen gehören, die es gelegentlich kompliziert mögen.
Sie sind ein Pärchen, erkennbar am Verhalten und letztendlich auch am identischen Ringmodell am Finger.
Wie lange sie bereits zusammen sind?
Das ist nicht mit allerletzter Sicherheit zu sagen. So wie sie miteinander umgehen, schon länger, so wie sie die Vorlieben des anderen allerdings ganz offensichtlich nicht kennen, jedoch eher kürzer. Wiederum – betrachtet man genauer ihrer beider Figur, den Bauch … Die Ähnlichkeit ist frappierend, was für ein Zusammenleben und gemeinsame, womöglich identische Essgewohnheiten bzw. Mahlzeitenzufuhr spricht.

Wie dem auch sei, sie kamen mit der Rolltreppe ins erste Obergeschoss gefahren, bogen nach rechts und steuerten auf mich zu – bzw. das Eiscafé. Die Richtung war dieselbe.
Bis dahin war alles klar. Fast alles. Es gab lediglich ein leichtes Kuddelmuddel oben am Rolltreppenauslauf, denn die unübersichtliche Anzahl von zwei Tüten musste neu sortiert werden. Es ging darum, ob er sie weiter trägt, ob sie eine nimmt, welche er behält, welche schwerer ist, welche welchen Inhalt hat und ob sie überhaupt noch alles dabei haben.
Sie sollten nachzählen, kann ja nicht so lange dauern …
Drei Minuten später. Die Einigung wurde erzielt. Er trägt wieder beide, und es ist wundersamerweise noch alles da. Sie geht voraus, steuert Fensterplätze an, setzt sich … und schaut ihn an. Blickt zu ihm hoch, denn er bleibt stehen und sagt nichts.
„Was ist denn?“
„Willst du wirklich hier sitzen?“, fragt er.
„Wieso?“
„Das ist ungemütlich hier.“
„Also, ich sitze bequem“, meint Ramona und räkelt sich auf der Lederimitatbank mit Lederimitatkissen.
„Du hast gut reden!“ Verständnisloses Schnauben und seine Hand weist auf die komfortable Bank. „Und ich soll hier auf dem niedrigen Hocker sitzen?“
Wieder das altbekannte Thema – oder eher Problem in dem Eiscafé. Unterschiedliche Sitzmöbel am selben Tisch. Was spielten sich hier nicht schon für Dramen und Kämpfe ab …
„Dann setz dich auf den Platz daneben! Dann hast du auch eine Bank“, kontert sie.
„Und wir essen an zwei verschiedenen Tischen? Das ist doch blöd!“
Sie schaut etwas pikiert. „Wo willst du denn dann sitzen?“
„Da drüben“, meint Christoph und weist tütenschwenkend auf das entgegengesetzte Ende des Cafés.
Sie verdreht gut sichtbar die Augen, seufzt, steht umständlich auf und sagt:
„Geh vor!“
„Warum?“ Christoph ist irritiert.
„Ich weiß nicht, welchen Platz du meinst“, und ergänzt: „Hoffentlich nicht den genau an der Rolltreppe.“
Seine Kinnlade fällt herunter. Es muss sein auserwähltes Ziel gewesen sein. Dennoch schaltet er schnell und wendet damit neues Unheil vorerst ab:
„Wir können auch den Vierertisch da am Gang nehmen.“
Ein Kompromissvorschlag. Es entsteht eine Pause.
„Ach, … so mittendrin …?“ Ramona wirkt unzufrieden, bis sie entdeckt:
„Du, guck mal, da wird gerade ein Tisch frei …!“
An diesem Tag sind in dem Café schätzungsweise 15 % der Tische belegt … Jaha! Welch ein Glück, dass jetzt etwas frei wird!
„Na gut, dann gehen wir eben da hin!!“ Christoph hat langsam keine Lust mehr. „Da steht aber noch das gebrauchte Geschirr!“
„Na und?“
Sie setzen sich tatsächlich an besagten Tisch und werfen einen Blick in die Karte.
„Es gibt Latte Macchiato auch mit Karamell“, erzählt er seiner Holden.
„Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe!“
Eine verbale Ohrfeige.
Und dann wird es ernst. Es entbrennt eine hitzige Diskussion darüber, wer eigentlich die blöde Idee hatte, überhaupt ins Eiscafé zu gehen, gefolgt von Klagen, wer denn immer alles so fürchterlich schwierig mache. Darüber herrschen erwartungsgemäß unterschiedliche Ansichten. Es hagelt Beschuldigungen, man ist Meister im Hervorholen uralter Kamellen, und letztendlich beschließen sie recht aufgebracht, dass sie gehen.
In diesem Moment erscheint ein weiteres Pärchen im Café, schaut sich um und entdeckt die beiden Streithähne.
„Hallo, Ramona, Christoph! Ihr hier! Na, so ein Zufall! – Seid ihr fertig, oder habt ihr noch gar nicht bestellt?“
Kurzes Schweigen.
Ein blitzender Blick von ihr. Eine Warnung an ihn. Untersteh’ dich …!
Dann die oscarreife Darstellung überschwänglichlicher Freude über das Wiedersehen.
„Nein, wie toll! Wir sind auch eben erst gekommen! Haben uns gerade hingesetzt“, flötet Ramona.
… was irgendwie sogar stimmt.
Die beiden anderen, Jonas und Bille, hocken sich kurzerhand dazu, und im Nu sind alle am ordern.
Bille nimmt Latte Macchiato mit Karamell.
„Oh, das probiere ich auch!“, ruft Ramona begeistert, „Latte Macchiato mit Karamell!“
Christoph scheint einen Einwand loswerden zu wollen und erntet einen Knuff, dessen Härte Ramona etwas zu mildern versucht, indem sie Jonas und Bille strahlend erzählt, dass sie mit Karamell schon IMMER MAL probieren wollte …
Wahrscheinlich ist ihr Fuß direkt neben seinem, um beim ersten Mucks seinerseits mit dem Absatz eingreifen zu können.
Christoph schweigt und bestellt Eiskaffee.
„DU willst Eiskaffee?“ Ramona ist perplex. Eiskaffee scheint undenkbar. Mein Gott, Eiskaffee! Unfassbar!
„Ich wollte das schon IMMER MAL probieren …“, lautet seine Erwiderung und so dermaßen trotzig, wie er dreinschaut, dürfte der Gedanke folgender sein: … kann dir doch schnuppe sein!

Schad drum. Mir fiel dazu nur ein, dass es den beiden bislang wohl auch völlig schnuppe war, was dem anderen behagt und was nicht. Desinteresse? Kommunikationsschwierigkeiten? Oder vielleicht ein Hörproblem?

Apropos Hörproblem und sich verhören: Wissen Sie, was mir dort noch geboten wurde?
Nettes!
Ein Vater saß mit seinen beiden Kindern ebenfalls dort, nur zwei Tische weiter. Ein Junge und ein Mädchen, die gleichaltrig wirkten. Etwa fünf, vielleicht Zwillinge. Sie hatten das Hickhack auch mitbekommen.
Der Junge kommentierte es mit einem leisen: „Die ist aber zickig.“
Seine Schwester verstand „pieksig“.
Daraufhin tuschelten sie beide und sangen dann zusammen „Mein kleiner, grüner Kaktus.“ Textsicher! Die Kleine wippte mit den Füßen, die im Sitzen gar nicht auf den Boden reichten, ihr Bruder zog Grimassen mit einem Gesicht, das ich als unbegrenzt knautschfähig bezeichnen würde.
Ich schrieb es schon auf Facebook: Einfach unbezahlbar! ^^

©August 2012 by Michèle Legrand

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Ihr Charme bringt Eiskugeln zum Schmelzen…

Wettbewerb Beste Servicekraft Hamburgs

Anerkennung. Bekommt natürlich jeder gerne. Wie ist das eigentlich heutzutage? Erhalten wir sie? Wenn ja, wie, auf welche Art? Von wem? Erhalten wir sie oft, gelegentlich oder gar nicht?
Fakt ist, viele erhalten sie definitiv nicht oft genug, obwohl sie es mehr als verdient hätten. Dabei wäre es so einfach, sie auszudrücken. Durch Lächeln, Lob, Zeigen des Stolzes – und durchaus auch obendrein einmal durch Belohnung. Vielleicht durch ein offizielles: Schaut her! Das ist herausragend! Er/sie ist speziell. Diese Person tut etwas in einer Weise, die ins Auge sticht – positiv natürlich und ohne Verletzungen – auf eine Art, die auffällt – und zwar angenehm.

Bei meiner heutigen kleinen Kaffeepause, schaute ich irgendwann leicht irritiert auf, als um mich herum plötzlich leichtes Blitzlichtgewitter herrschte. Mein suchender Blick glitt über die Tische des Eiscafés Giovanni L. im Wandsbeker Quarrée und verharrte dann im Quergang. Meine sehr bevorzugte Bedienung – ich habe den Namen Anna in Erinnerung –  die  mich heute besonders hübsch zurechtgemacht bedient hatte, wurde von einer professionellen Fotografin abgelichtet.
Ein auf einem Ständer aufgespannter kleiner weißer Schirm sollte für das optimale Licht beim Blitzen sorgen. Anna, eine überaus freundliche, patente, junge Dame mit blondem Zopf, bildschönem Gesicht und angenehmen Wesen, hielt vor sich einen großen, sehr appetitlich aussehenden, kunterbunten Früchte-Eisbecher mit Sahne. Obendrein enthielt das Kunstwerk eine überdimensionale Wunderkerze (mehr ein Röhrchen), aus dem die Funken nur so sprühten.
Die Fotografin machte mehrere Aufnahmen, und ich ließ es mir nicht nehmen, ebenfalls ein Foto zu knipsen. Eine andere junge Angestellte näherte sich meinem Tisch, so dass ich zuerst  befürchtete, sie würde mich darauf hinweisen, das Fotografieren zu unterlassen.
Stattdessen erzählte sie mir jedoch, dass ihre Kollegin als Kandidatin bei einem Wettbewerb der Bild-Zeitung vorgeschlagen worden ist, der da (in etwa) heißt:
Wer ist die beste Servicekraft Hamburgs?
Ich reagierte hocherfreut, denn zum einen kann ich diesen Vorschlag nur  kräftig unterstützen, zum anderen finde ich es toll, dass es hier wirklich die Richtige trifft und jemand sich aufgerafft hat – anscheinend völlig uneigennützig – sie bei der Zeitung als adäquate Kandidatin zu melden. Da ich keine Bild-Zeitung lese, gehen diese Wettbewerbe leider an mir vorbei.
Anerkennung. Im Dienstleistungsbereich sehr unterschiedlich verbreitet. Vielleicht mal eine nette Bemerkung eines Kunden, vielleicht ein Trinkgeld. Unter Umständen auch ein Lob des Chefs nach einem Tag mit Hochbetrieb, der gut gelaufen ist.
Hier könnte der jungen Frau auf eine weitere, zusätzliche  Art gezeigt werden, wie wertvoll und hochgeschätzt ihr umsichtiges und verbindliches Auftreten ist. Wie gern gesehen ihre Zurückhaltung bei gleichzeitiger Aufmerksamkeit, wie beliebt ihr unaufdringliche, unaufgeregte Art des Bedienens. Wie angenehm es ist, sich auf ihr gutes Gedächtnis verlassen zu können, wie schön, mit guten Wünschen für den Tag verabschiedet zu werden. Beste Servicekraft Hamburgs. Sie ist absolut würdig, diesen Titel zu tragen, denn sie verkörpert  den Begriff Service sozusagen.
Man verriet mir, dass es nun an den Lesern der Zeitung ist, für die einzeln vorgestellten Kandidaten zu voten. Dem Sieger winkt zudem ein Preisgeld von 1.000 Euro.
Ich habe Anna gefragt, ob ich ein  Foto von ihr  ins Internet stellen darf, um für sie – in Verbindung mit dem Artikel – ein bisschen die Werbetrommel zu rühren.
Sie hatte nichts dagegen und bedankte sich nur im Voraus schon überschwänglich. Es war rührend, und falls ihr nichts anderes vorhabt, die Zeitung gerade vorliegt (vielleicht geht es ja auch online) und jemandem eure Anerkennung zeigen möchtet, dann stimmt für diese junge Dame. Sie hat es verdient!
Wenn ich zu Beginn davon sprach, dass ihr Charme Eiskugeln schmelzen lassen würde, dann ging ich von ihrem täglichen ‚normalen’ Verhalten aus. Sollte sie diesen Titel für sich gewinnen, befürchte ich, dass ihr Strahlen im Quarrée Wandsbek noch viel mehr ‚anrichtet’…

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Zerstört mir nicht die Kaffeehausatmosphäre …!

Manchmal überkommt mich unterwegs die Lust auf eine Kaffee-/Sitz-/Guck-/Träum-/Schreibpause. Besonders bei Erledigungen oder Besorgungen direkt nach dem Niedrigtemperaturbüro, wenn es angenehm ist, wieder warm zu werden und den Kopf ein wenig frei zu bekommen.

Mein Coffee Shop bei den Rolltreppen,  in dem oder auch durch den die Geschichte vom Rolltreppen-Voyeurismus ( bei http://www.goodnewstoday.de (2010)  und auch nachträglich im Blog: ->https://michelelegrand.wordpress.com/2012/06/27/bloglesernachfrage-was-ist-bitte-rtv-heute-die-ganze-geschichte-dazu/ ) entstand, existiert leider nicht mehr.
Geschlossen – ohne Vorwarnung, von einem auf den anderen Tag …

Mittlerweile hat dort im Erdgeschoss ein Nachfolger dieses Quartier bezogen – doch erst nach ca. zehn Wochen Leerstand und dauerhaft verklebten Scheiben! Inzwischen war ich schon „fremdgegangen“ – in ein Eiscafé, das sich gut erreichbar genau ein Stockwerk darüber befindet.
Anfangs war ich enttäuscht. Natürlich war alles ganz anders. Ich fühlte mich nicht auf Anhieb heimisch, zumal der Cappuccino nicht besonders schmeckte, teurer war, der Service ewig dauerte, und die hunderttausend Kissen mit abwischbarem Krokodilleder-Imitat mich fertig machten.
Sie waren als Rückenkissen gedacht, benötigten jedoch fast die gesamte Sitztiefe, so dass ich immer nach vorne über die Kante rutschte. Irgendwann verbannte ich drei Kissen, formte damit einen Turm auf dem Nachbarsitz und überlebte auf diese Weise.
Dennoch gab ich dem Ganzen einen zweiten Versuch.
Und siehe, dieses Mal war eine andere Bedienung zuständig, der alternativ gewählte Caffè Latte schmeckte gut und war günstiger, und ich entdeckte einen anderen Sitzplatz ohne Kuschelzwang und Abrutschrisiko.
Eine Woche später folgte das dritte Mal.
Jetzt war es passiert!
Ich hatte mich eingewöhnt!
Geholfen hat dabei sicher auch Robert Redford  ( https://michelelegrand.wordpress.com/2012/12/11/rentier-mit-krokantbecher/ ) Seit dem Ereignis, werde ich dort wirklich sehr aufmerksam und freundlich begrüßt bzw. bedient.
Ich – meinerseits – kenne inzwischen die Namen und ein paar Eigenarten der verschiedenen Angestellten.

Am Anfang herrschte eine leichte Verunsicherung vor und auch ein gewisses Misstrauen, weil ich grundsätzlich mit Notizbuch unterwegs bin und einfach immer schreiben muss. Mag sein, dass ich dabei gelegentlich den Blick in der Gegend herumschweifen lasse.
Vielleicht hielt man mich für einen Eisdielen-Kritiker, eine Angestellte des Gewerbeaufsichtsamtes oder einen Kontrollfreak vom Security Management des Einkaufszentrums.
Wenn dem so war, sollte ich sie in dem Glauben lassen?
Nein.
Es ergab sich kurz nach dem „Rentier mit Krokantbecher“ die Möglichkeit,  mit Anna, einer der Angestellten, die Lage zu klären, während ich mir nebenher Stichworte zum Thema: „Der männliche Gast in der Eisdiele“ bzw. zu „Warum tragen manche Menschen nur einen Handschuh“ aufschrieb …
Nun erhalte ich anstelle eines einzigen Amarettini-Kekses seit einiger Zeit sehr oft zwei zum Cafè Latte auf die Untertasse gelegt! Es hat mich überrascht, denn es geschah definitiv nach meiner Klarstellung, dass es Ergüsse für rein private Zwecke sind, die ich notiere!  Ich bekomme sie also definitiv nicht deshalb, weil jemand annimmt, man müsse bei mir schleimen, um im nächsten Eisdielen-Äquivalent zum Guide Michelin gut wegzukommen, sondern wohl eher für die lebenserhaltende Maßnahmen beim Rentier.

Kommen wir zurück auf das Entspannen. Geht es Ihnen auch gelegentlich so, dass Sie es als angenehm empfinden, nur da zu sitzen und nebenher aufzusaugen, was um Sie herum so alles passiert?
Es ist kein Action-Kino. Es ist anders.
Manchmal stelle ich mir vor, dass es genau das war, was die sogenannten  Wiener Kaffeehausbesucher,  allen voran die schreibenden Menschen, gesucht haben. Sie wollten mittendrin sein, mitten im Leben, ohne den Zwang zu verspüren, sofort selbst aktiv werden zu müssen. Sie wollten ihrer Tätigkeit, z. B. dem  Schreiben und Sinnieren nachgehen, ohne das Gefühl zu haben, sie wären ein einsamer Eremit, zurückgezogen in der Höhle und ohne Kontakt zur Außenwelt.
Sozial unfähige Grufties.
Sie brauchten nicht die absolute Stille, um arbeiten zu können. Sie brauchten eine vertraute Umgebung, vertraute Geräusche, etwas für das leibliche Wohl, gewohnte und neue Gesichter, auf Wunsch sozialen Kontakt und Gespräche oder Austausch von Neuigkeiten.
Das war die ideale Arbeitsatmosphäre!
Anregung ohne Aufregung, gekoppelt mit Rückzugsmöglichkeiten, die das Niederbringen von Gedanken in Schriftform direkt an Ort und Stelle erlaubten. Ein weiteres Kapitel geschafft. Darauf noch ein Stück Apfelstrudel und einen Wiener Mokka.

In gewisser Weise – sozusagen im kleinen Rahmen –  ist es das, was ich dort genieße. Meine Ruhe,  mein Maß an Leben um mich herum, mein Notizbuch, meinen Caffè Latte.

Und dann kamen sie. Zwei Ehepaare, miteinander bekannt und allesamt um die 60 Jahre alt. Sie belagerten einen größeren Tisch mit Eckbank und Stühlen. Breiteten ihre Massen von Tüten und Taschen überall aus, blockierten den Weg und palaverten in einer Lautstärke, als säßen sie jeweils am entgegen gesetzten Ende des Cafés.  Dann klingelte eines ihrer Mobiltelefone. Stunden! Das Handy hätte Tote wecken können!
Sie fanden sich vor allem selbst enorm lustig!  Klar, dass nun Uraltwitze, -sprüche, und -zoten folgen mussten, gespickt mit nach Beifall heischendem Blick in die Runde. Na, bekamen auch alle mit, wie toll sie waren?

Das ist der Moment, in dem ich sonst spontan beschließe zu zahlen und zu gehen. Die Herrschaften bestellten jedoch jeweils nur einen Espresso. Das hieß, es bestand die berechtigte Hoffnung auf baldiges Verschwinden.
Quengeliges Verhalten der Herren beim Bestellen, der Damen beim Trinken. Zehn Minuten später das kernige Anfordern der Rechnung.  Schlecht kaschierte,  peinliche Anmache der Bedienung, säuerliche Blicke der Gattin.
Trinkgeld für die nette, alles geduldig ertragende Angestellte? Tja, war leider nicht drin…
Aber – sie brechen auf!! Hurra!
Sie sagt zu ihrer Freundin:
„Schiebst du  mir mal den alten Sack rüber…!“
Wahrscheinlich meinte sie ihren verblichenen, silbrigen Einkaufsbeutel, der noch auf der Eckbank lag.
Mir gefiel aber durchaus der Gedanke, dass hiermit ihr anzüglicher Ehemann gemeint war. Es passte zumindest wie die Faust aufs Auge.
Dann waren sie fort.

Ich trank genüsslich in aller Ruhe meinen Kaffee aus, und es folgten natürlich wieder ein paar Notizen …
Anna lächelte mir zu.

©Dezember 2010 by Michèle Legrand

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