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Schwedenhappen – Teil 5: Skansen und Liebe auf den ersten Blick macht auch blind

Gibt es die Liebe auf den ersten Blick?
Eindeutig!
Und macht sie – wie es ja generell von der Liebe behauptet wird – blind?
Definitiv!
Und weiche ich vom Thema Schweden ab? Überhaupt nicht!
Die Episoden der Schwedenhappen nähern sich hier im Blog langsam dem Ende (ein kleiner Teil 6 steht noch aus). Was bisher vielleicht fehlt, sind mehr Gefühl, Herzklopfen und Schmetterlinge im Bauch. Heute daher das Geständnis: ich habe mich in Schweden verliebt. Jawohl! Aber vielleicht fangen wir doch besser von vorne an…

Sonntag, der Tag, an dem wir vormittags das Vasa-Museum besucht hatten. Es war ziemlich beeindruckend gewesen, hatte mich allerdings auch ein wenig geschafft. Vielleicht bin ich kein Wesen der Dunkelheit und der Muffluft.
Als Ausgleich stand nun etwas besonderes  auf dem Plan. Auf der Insel Djurgården befindet sich etwas, was die Schweden Skansen nennen. Ich erwähnte in einem vorangegangenen Teil dieser Blogserie, dass die Insel übersetzt ‚Tiergarten’ heißt. Nicht nur die Insel selbst, sondern ein Bezirk, der noch bis zum ‚Stockholmer Festland’ weiter nördlich reicht.
Die Insel ist nicht sehr groß. Sie misst ca. vier Kilometer in der Länge und an der breitesten Stelle so um einen Kilometer. Es ist – so empfand ich  es – die grüne Lunge Stockholms, auch wesentlich ruhiger als die Bezirke Ostermalm oder Norrmalm. Selbst die Stockholmer wählen es als Ausflugsziel am Wochenende. Es sind dort zahlreiche Museen angesiedelt, wie z. B. das Nordiska Museet (Nordisches Museum), das Biologiska Museet (Biologisches Museum), das Aquaria Vattenmuseum („Wassermuseum“), das Vasa-Museum etc., und es gibt sogar einen Vergnügungspark Gröna Lund (von dem ich das Kreischen der Achterbahn fahrenden Menschen vernommen hatte…)

Altes schwedisches Wohnhaus

Für uns hieß es jedoch: Skansen. Artur Hazelius gründete bzw. erschuf 1891 auf der Insel eine Art Museumsdorf. Schweden in Miniatur mit traditionellen Gebäuden und Bauernhöfen, die einen Querschnitt durch die Geschichte und verschiedene Baustile zeigen – vom äußersten Norden bis zum Süden des Landes.
Freilichtmuseen gibt es bei uns auch, sie sind unterschiedlich interessant und gelegentlich thematisch und räumlich sehr eng gehalten. Hier ist es anders, freier. Der Unterschied ist, dass typische Bauerngärten um die Farmhäuser angelegt wurden, dass viel Platz für Natur pur dazwischen ist, dass alte Handwerke gezeigt werden, dass Seen angelegt wurden – wenn sie nicht schon natürlich dort an dieser Stelle waren, und – was ich als das Schönste empfinde: es integriert zudem noch etwas sehr Lebendiges!
Ein großer Teil des gut 30 ha großen Gebiets ist für in Skandinavien beheimatete Tiere reserviert. Sowohl Haustiere als auch wild lebende Tiere. Skansen ist im Grunde genommen gleichzeitig Stockholms Zoo. Die Tiere haben einen sehr natürlichen Lebensraum dort, oft – und gerade bei den scheuen oder nachtaktiven Lebewesen – mit der Möglichkeit, sich zurückzuziehen in versteckte Höhlen oder höher wachsendes Unterholz.

Hallo…

Eule am Tag

Ich finde es immer merkwürdig, wenn jemand auf sein Recht pocht, alle Tierarten zu sehen, weil er ja schließlich bezahlt hat. Es sind Lebewesen mit eigenen Rechten und Gewohnheiten, keine Roboter oder Marionetten! Ich würde mir oft mehr Respekt wünschen …

Vielfraß

Dieses Gelände mit Luchsen, Bären, Seelöwen, Ottern, Wildschweinen, Füchsen, Eulen und Uhus, Rentieren, aber auch mit Ziegen, Pferden und kleinem Hausgetier, wollte ich gerne erleben. So standen wir vor dem Haupteingangsportal und sahen einen Übersichtsplan der Anlage im Schaukasten.
Meinem Mann entrutschte ein: „Oh, das ist aber ziemlich groß!“
Seine Art zu sagen: „Himmel, da muss ich aber wieder ganz schön durch die Gegend stiefeln! Größer geht’s wohl nicht.“
Ich frage vorsichtshalber nach.
„Hast du doch keine Lust dazu?“ Lieber vorher klären, als sich später ärgern.
„Doch, doch…“ Die Antwort kommt mäßig begeistert.
„Es gibt sicher auch Sitzbänke dort“, beruhige ich ihn, „und schau, hier gibt es auch mehrere Stellen, wo Besteck und Kaffeetasse eingezeichnet sind.“
Der Gatte schluckt tapfer. Ich sehe, weiteres Entgegenkommen ist ratsam.
„Ich muss nicht überall hin. Wenn es uns zu weit wird, können wir auch hier (ich zeige auf einen Weg auf der Karte) quer abkürzen. Nur die Tiere, die würde ich schon sehr gern alle besuchen.“ Die Gehege erstrecken sich ungünstigerweise ganz bis an das andere Ende von Skansen.
„Na, nun lass uns schon gehen…“, meint der Herr und strömt Richtung Eingang.
Wir lösen Tickets und starten. Einmal drinnen, geht es erstaunlich gut. Auch meinem Mann scheint es auf einmal zu behagen. Die Wanderei auf Wald- und Schotterwegen ist oft wesentlich angenehmer, als die auf Betonplattenwegen in der Stadt.

Soldatenhaus (jeder Bauer musste einem Soldaten Platz auf seinem Grund geben)

Die Zeit mit einer Entdeckung nach der anderen, verging wie im Flug. Inzwischen hatten wir fast den äußersten Zipfel der Anlage erreicht. Eine weitere Abzweigung war erreicht. Selbstverständlich war die Wegbiegung in der kleinen Mappe eingezeichnet.
„Rechts oder links?“ Mein Gatte hebt fragend den Blick von der Karte.
Nicht, weil er sich etwa verirrt hatte, oh nein, er ist hier mein Meister im Karten lesen und Orte finden. Ich bin mehr die, die nach der Nase geht – notgedrungen, denn ich sehe Pläne irgendwie  immer anders als ihr Zeichner. Es bringt mir einfach nicht so viel. Ein Stadtplan ist mir durchaus eine Hilfe, denn dort kann ich nach den Straßennamen gehen und ggf. die Richtung korrigieren. Bei Wanderkarten oder dergleichen gibt es das nicht, und leider interpretiere ich vieles anders.
Ach, es soll von der anderen Seite aus gesehen werden? Auf dem Kopf? Das muss mir doch gesagt werden. Der Weg ist superschmal,  und dann werden hier fast Hauptstraßen eingezeichnet. Das muss doch verwirren!
Es macht mir einfach keinen Spaß, wenn ich auf Entdeckungstour bin oder im Urlaub. In der Zeit, in der ich dauernd stehen bleibe und die Karte kontrolliere, könnte ich stattdessen schon so viel neues Tolles entdecken! Wie oft laufen die Menschen an etwas vorbei, weil sie nach unten gucken und sich stur an den öden Plan halten. Wenn der linke Weg gerade das schönere Licht hat oder ein Gingkobaum dort wächst, dann nehme ich den. So ist das eben.
Heute nun der Luxus des Services durch einen Kartenkundigen. Um nun wieder auf seine Frage rechts oder links zurückzukommen: Sie zielte mehr darauf hinaus zu erfahren, was ich nun erkunden wollte. Und das konnte ich genau sagen.
„Dorthin, wo die Elche sind“, lautete meine Antwort. Ich finde Elche klasse.
„Dann müssen wir nach links.“
Ein kleines Stück auf dem Sand-/Schotterboden war noch nötig, und auf einmal war sie da.

Elch mit Charakterkopf

Es war Liebe auf den ersten Blick. In meiner Begeisterung habe ich zwei Tage lang gedacht, ich hätte einen neuen Freund, und da ich Freunde gerne namentlich anspreche, taufte ich ihn Arne Lindquist.
Die Liebe machte blind! Komplett! Und dusselig dazu …
Erst nach Tagen überlegte ich genauer, befragte das Internet und begutachtete Bilder. Tut mir leid, ich muss mich korrigieren. Ich Ignorant hatte im Kopf nur das Wort „der Elch“ und schon war „er“ Arne.
Meine neue Bekanntschaft hat jedoch kein Geweih und die Nachforschungen ergaben, dass Elchhirsche zwar im Januar/Februar ihre Schaufelgeweihe abwerfen, aber bis zur Brunft im Herbst wieder komplett neu „bestückt“ sind. Wir haben Herbst! Kein Geweih, nicht mal der Ansatz eines winzigen Stöpselchens, das nach oben herausschaut!
Demnach ist er eine Elchkuh!
Entschuldigung, ich schiebe es auf die Glücks-/Liebeshormorme. Sorry, Fräulein Smilla! Ja, nun ist sie Smilla Bergström. Es ist ja nicht so, dass uns der Name aus der Ruhe bringen könnte …
Smilla – sie ist eine beeindruckende Elchkuh, von angenehmem, bedächtigem Wesen, und sie hat einen zauberhaften Charakterkopf. Sie beobachtete mich, und ihre Bewegungen geschahen in Zeitlupe. Kaum vorstellbar, dass diese Tiere ein enormes Tempo entwickeln können und auch durchaus Menschen angreifen.  Sie stand jetzt auf ihren hohen, dünnen Beinen am Gatter. Ihre dunklen Augen waren wunderhübsch. Sie sagte allerdings keinen Ton. (Was soll sie auch sagen …) Nachdem sie uns für harmlos erachtet hatte, legte sie sich hin. Neben ihr ließen sich noch zwei weitere Elche nieder. Ich lasse es neutral. Es waren jüngere Tiere,  und ich habe keine Ahnung,  ob es nun Bosse und Nils-Olof oder Björk und Dörte waren…
Ich blieb eine Weile dort, und sie ließ sich willig fotografieren. Als ich gerade gehen wollte, entrückte ihrer Kehle ein kleiner Laut. Eine Mischung aus eselähnlichem Geräusch und menschlichem Gestöhne. Vielleicht war es auf elchisch Auf Wiedersehen.
Ach, Smilla, du bist eine Superkuh!
Wenigstens habe ich dich als Bild, wenn mich die Sehnsucht packt.
Es gab noch viele tolle Bewohner. Eine Luchsmama mit ihren drei Jungen, die durch das Unterholz streiften.

Luchsmutter mit zwei von drei Jungen

müde Braunbären

Schlafende Bären, die zu fünft aneinandergekuschelt dalagen, und die nichts stören konnte. Otter, die sich einen Spaß daraus machten, an den unmöglichsten Stellen plötzlich wieder aufzutauchen.
Seelöwen, die gerade eine Fütterung bekamen und gierig nach den ins Wasser geworfenen Heringen jagten. Frischlinge, die sich um ihre Wildschweinmama drängelten, Pfaue und Fasane die beide majestätisch über die Wege schritten oder ihren Nachwuchs

Beute gemacht

antrieben.

Wir kehrten schließlich noch zum Kaffeetrinken ein und schauten uns in einem nachgestellten alten Eisenwarenladen um. Eine schöne alte Registrierkasse mit Kurbel stand auf dem Tresen.
Schränke mit zahlreichen Schubladen, ordentlich an der Wand an Haken befestigte Geräte für den Verkauf.

Eisenwarenladen dazumal

Ein Herr, der alte Gewänder trug, mimte den Verkäufer. Wie es früher oft üblich war, hatten die Ladenbesitzer ihre Wohnräume direkt hinter dem Geschäft. Man konnte auch hier Einblick nehmen, sah das Mobiliar, staunte über die niedrigen Decken und über den gusseisernen Herd in der Küche. Eine junge Familie mit Kind war auch gerade da. Skansen verkleidet seine Angestellten, zumindest einige,  und platziert sie mitten in die Szene. Hier hatte man eine junge Dame in alter Tracht im Wohnzimmer auf das Sofa gesetzt. Stickend.
Der kleine Junge hatte offensichtlich vorher von seinem Vater erklärt bekommen, dass hier alles ganz betagt und bejahrt ist. Eben von früher. Nun entdeckte er das lebendige Inventar der Wohnung und sein entrüsteter Kommentar Richtung Papa war: „Die sieht doch aber noch gar nicht so alt aus…!“
Es war höchst amüsant, den errötenden Papa und die grinsende Skansen-Bewohnerin zu beobachten.

Gasse mit Handwerksbetrieben und altem Fuhrwerk

Nach weiteren Besuchen in der alten Glasbläserei, im Kräutergarten, etc. hatten wir unseren Rundgang vollendet und sahen vom Hügel noch einmal Richtung Wasser und Stockholms Hafen. Eben kam ein Segelschiff hinein. Grün. Die Alexander von Humboldt, das Schiff, das fast jeder aus der Beck’s Bier Werbung kennt (das mit den ebenfalls grünen Segeln).

Alexander von Humboldt (im Vordergrund „Gröna Lund“)

Krönender Abschluss für meinen Mann, der Skansen ziemlich gut und klaglos überstanden hat. Die Lauferei, meine ich. Sie  bräuchten eigentlich nur alle 300 Meter eine Lokomotive bzw. Waggons oder ein Schiff hinzustellen, dann wäre für ihn die Welt in Ordnung. Allerdings glaube ich, nach dem fünften Schiff kämen mir die Wege urlang vor….

Ursprünglich norwegisches Haus (aus der Zeit, als Norwegen und Schweden zusammengehörten)

Für heute endet der Bericht. Im letzten Teil geht es um kleine Blamagen und einen Irrtum, der mich trotzdem mit Hinblick auf die Frage nach der Herkunft meines Großvaters auf seine Art etwas weiter brachte…

©September 2011 by Michèle Legrand

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Schwedenhappen – Teil 3: Vasa, nicht Wasa! Schiff, nicht Knäckebröd!

Stockholm, Vasa-Museum, Vasa, Heckzier

Vasa, Heckverzierung

Ui, da gab’s doch gleich einen milden Rüffel, als ich im letzten Teil der Schwedenhappen schon einmal die Vasa erwähnte. Respektlos hatte ich sie ‚eine olle Kogge’ genannt. Ich versichere, es war nicht abwertend gemeint. Mein Mann schnappte nur leicht nach Luft.
„Kogge! Das ist doch keine KOGGE!“
Ach, nicht? Kannst mal sehen …
(Dafür kennt er nicht den Unterschied zwischen Klatschmohn und Taglilien ^^ )

Vasa – wie sie wohl damals aussah…

Was ist es denn dann bitte?
Nun, offenbar ist die Antwort darauf auch nicht so aus dem Ärmel zu schütteln. Es läuft letztendlich auf ‚Linienschiff’ hinaus. Ich denke, es bedarf noch einer kleinen Recherche diesbezüglich, bevor ich Ihnen im Bericht vom Besuch des Vasa-Museums, welches sich auf der zu Stockholm gehörenden Insel  Djurgården (Tiergarten) befindet, womöglich Blödsinn erzähle. Ich ziehe diesen Besuch heute bei den Schwedenhappen etwas vor, denn die „Kogge-Affäre“ muss natürlich richtiggestellt werden …

Sonntag. Das Wetter ist wesentlich besser, als vom Wetterdienst vorausgesagt. Ein wenig bewölkt, den Schirm nehmen wir mit, doch trotz allem erstaunlich mild. Sobald die Sonne durchlugt – und das passiert ständig – herrschen Temperaturen um 20° C. Wir entscheiden uns erneut für einen Fußmarsch.

Stockholm, Djurgården, Nordiska Museet (Nordisches Museum), Portal

Nordiska Museet (Portal)

Es geht Richtung Hafen, den Strandvägen entlang zur  Djurgården-Brücke, hinüber auf die Insel gleichen Namens, und bald erscheint auf der rechten Seite, direkt beim Nordiska Museet, der Abbieger zum Vasa-Museum. Man kann es gar nicht verfehlen – immer dorthin, wo Reisebusse zu sehen sind.

Stockholm, Djurgården, Vasa-Museum von außen

Vasa Museum

Eingereiht in die Schlange der Menschen, die heute die gleiche Idee hatten, erhalten wir zügig ein Ticket und durchqueren insgesamt vier (!) Schleusen, sprich Glastüren, die eng hintereinander angeordnet sind. Und damit sind wir auch schon mitten beim Thema Vasa, die Sensible:
Im 17. Jahrhundert wurde für König Gustav Adolf von Schweden, den mächtigen König aus dem 30jährigen Krieg, ein neues Flaggschiff gebaut. Von 1626 bis 1628 arbeiteten insgesamt 400 Menschen an diesem Pracht(linien-)schiff. Aus schwerem Eichenholz (1625 wurden hierfür 1000 Bäume gefällt)  wurde gezimmert, gedrechselt und geschnitzt, dass es eine Freude war.
Unzählige Figuren schmückten den Schiffsbauch am oberen Rand, der Heckspiegel war eine Pracht, der Bug erhielt als Zier einen geschnitzten Löwen. Es lässt sich gar nicht alles erwähnen, doch zu seiner Zeit muss es ein formidables Kunstwerk gewesen sein.
1628 nach Fertigstellung, lud man sich stolz hohe Gäste (ausländische Gesandte) zu Ehren der Jungfernfahrt der Vasa ein. Auch gemeines Volk verfolgte vom Ufer aus das Geschehen.
Das Schiff legte ab, setzte Segel  und feuerte übermütig, aber geplant, ein paar Salutschüsse aus den Kanonen ab. Kaum ein Stückchen aus dem Hafen, wurde die prachtvolle Dame etwas überraschend von (nicht mal heftigen) Windböen erwischt. Sie krängte dramatisch, und durch die unteren, offenen Kanonenluken drangen nicht unerhebliche Wassermengen in den Schiffskörper. Man spricht auch von einem Konstruktionsfehler. Es lag einfach keine Erfahrung mit so großen und schwer bestückten Schiffen vor.
Offensichtlich ließ sich das Schiff so nicht mehr beherrschen und kenterte.
Gebaut, gekentert, gesunken.
Zu dieser Zeit war noch nicht die komplette Besatzung an Bord, sondern nur 150 Mann, von denen 30-50 dieses Unglück leider nicht überlebten.
Das war damals.
Danach lag die Vasa 333 Jahre auf dem Meeresgrund. Am 25. August 1956 entdeckte der schwedische Wrackforscher Anders Franzén die Überreste im Stockholmer Hafen. Man beschloss, das Wrack zu heben. Die Vorbereitungen zogen sich hin, die Hebung erfolgte am 24. April 1961, vor nunmehr 50 Jahren.
Nur damit war es ja nicht getan!
Das Schiff  war schwer beschädigt. Hunderte von Teilen lagen einzeln verstreut auf dem Meeresboden und wurden geborgen. Das Schiff hatte im Schlamm gelegen, war erstaunlich gut konserviert, und da es im Brackwasser der Ostsee einen bestimmten Wurm, der unheimlich gern Holz frisst, nicht gibt, war es vor solchen Schäden bewahrt worden. Offensichtlich waren auch andere für ein Wrack bedrohliche Organismen durch die besonderen Bestandteile des Ostseewassers abgetötet worden.  Nun war es vollgesogen mit salzigem Wasser, das Holz hatte sich schwarz verfärbt (auch durch vorhandenen Eisenrost), alles wirkte ein wenig traurig… dennoch hieß der Plan: Wir restaurieren und konservieren die Vasa!

Nach der Hebung wurden die Teile über Jahre mit PEG (Polyethylenglycol) besprüht, völlig fehlende Teile wurden anhand der Pläne rekonstruiert und alles wieder zusammengebaut. Insgesamt 17 Jahre dauerten diese Arbeiten. Immerhin gab es 13.500 Einzelteile und 700 Figuren!

Stockholm, Djurgården, Vasa-Museum, Vasa, Heckspiegel

Vasa Heckspiegel

Stockholm, Djurgården, Vasa-Museum, Vasa, Figuren am Rumpf

Vasa Figuren

Nun steht das Schiff im Vasa-Museum, einem Gebäude, das eigens hierfür errichtet wurde. Wer sich von außen dem mit dunklem Holz verkleideten Bau nähert, kann die Mastspitzen aus dem Dach herausragen sehen.

…Wir hatten also die vier nacheinander folgenden Glastüren passiert und standen nun im dunklen Innern des Museums. Das Holz ist so empfindlich, dass keine UV-Strahlen daran gelangen dürfen. Die Feuchtigkeit darf nur einen ganz bestimmten Level haben. Es müssen konstante Bedingungen herrschen. (Daher also auch die Schleusen am Eingang!) Strahler beleuchten den Schiffsrumpf, doch das dunkle Holz schluckt enorm viel Licht. Um die Vasa herum kann der Besucher mehrere Ebenen mit Ausstellungsflächen erreichen und von dort aus über eine Brüstung auf den Rumpf des Schiffes blicken. Es ist schon beeindruckend! Am Heck gibt es einige kleine ‚Erker’. Mein Mann verrät mir, dass hier die höheren Offiziere und der Kapitän ihre Klos hatten. Unten war eine Öffnung, so dass gleich alles hinaus und über Bord geleitet wurde. Recht praktisch. Hier erübrigt sich auch die Frage, ob damals eine Klobürste bekannt war …

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Vasa ‚Klo-Erker‘

Die normale Besatzung, d. h. die restlichen paar Hundert Mann mussten auf dem Vorderschiff mit einer Art ‚Blumenkübel’ vorlieb nehmen. Daran erinnerte mich jedenfalls der Behälter, auf den der Gatte hinwies.
Ich entdeckte noch ein 1:50 Modell, dass speziell für sehbehinderte und blinde Besucher dort ausgestellt ist und betastet werden kann.
Mit zunehmender Dauer der Anwesenheit im Museum, wurde mir  kontinuierlich flauer. Die Dunkelheit, die verbrauchte Luft, vielleicht auch ausdünstendes PEG. Dazu das Gefühl, in einem Notfall bestimmt ewig zu brauchen, um durch die vier Schleusen wieder nach draußen zu gelangen…
Wir schauten uns noch ein paar Vitrinen und Schautafeln an, bis ich das Gefühl hatte, dass auch mein Mann den Besuch als vollständig erledigt betrachtete, und verließen dann die Dunkelheit.

LUFT! LICHT! GERÄUSCHE! WIND! ATMEN!

Man glaubt gar nicht, wie schön es sein kann, wieder draußen zu sein!

Ich habe einen neuen Lieblingsplatz entdeckt. Verlässt man das Museum zur Wasserseite hin und bleibt etwas links davon direkt an der Kaimauer stehen, empfehle ich, die Augen zu schließen. Es gibt auch einen Schiffsanleger dort und wie überall, wo die Boote rückwärts ablegen, müssen sie hupen.
Wer nur horcht, hört folgendes: der Wind rauscht um die Ohren, das Hupen der Schiffssirenen erklingt, enormes Möwengeschrei erfüllt die Luft, Wasser schlägt an die Kaimauer und läuft glucksend aus. Und etwa alle 30 Sekunden ertönt ein markerschütterndes Geschrei! Halb Panik, halb Entzücken. Dieses Kreischen dringt herüber von einem etwa 500 m entfernten Vergnügungspark (Gröna Lund) und wird ausgestoßen von Menschen, die gerade Achterbahn fahren, bzw. im Begriff sind,  sich in den Abgrund stürzen!
Himmlisch. Einfach himmlisch …

Vielleicht können Sie es sich ein wenig vorstellen…

Das war der heutige Schwedenhappen. Beim nächsten Mal wird nachgeholt vom Vortag, und dann ist da auch noch Arne Lindquist, mein neuer Elchfreund…

©September 2011 by Michèle Legrand

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