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Notfallvorbereitungen. Rückfahrkarten? Lichter an Bord! Der neue Bahnfahrtbericht …

„Verehrte Fahrgäste, eine Durchsage für Gleis 3. Der ICE 70 nach Hamburg hat heute voraussichtlich 20 Minuten Verspätung.“
Die Rückreise ab Mannheim am 29. Januar 2014  startet nicht so reibungslos wie wenige Tage zuvor die Hinfahrt ab Hamburg. Ein Vorbote, dass ich noch einiges zu erwarten habe?
Schade, der Hinzug war pünktlich gewesen und die dann folgende fünfstündige Reise nach Karlsruhe verlief sehr positiv und überaus kurzweilig …

„Entschuldigung, darf ich mal …?“, hatte der bärtige Herr kurz nach dem Einsteigen in Hamburg gefragt und unter Ächzen bereits sein Gepäck herumgeschwenkt. Die Gepäckablage über meinem Viererplatzbereich mit Tisch hatte es ihm angetan, während er selbst jedoch auf der gegenüberliegenden Seite vom Gang einen Sitz am großen Tisch für sich reserviert hatte – und die Ablage dort noch völlig frei war.
Ich machte mich klein auf meinem Gangplatz, brachte mein Haupt in Sicherheit und neigte mich schließlich sogar schräg Richtung freiem Fensterplatz, denn er wuchtete wirklich recht beängstigend. Sein Gepäck enthielt möglicherweise Blei …
Ich ließ ihn seinen halbhohen Rollkoffer und eine mittelgroße Reisetasche verstauen. Wunderte mich nur ein wenig, weshalb er beides nicht direkt über seinem Platz lagerte. Als hätte er meine Gedanken gelesen, erklärte er:
„Ich könnte ja die Sachen auch da drüben hinpacken, aber so sehe ich sie besser.“
Vielleicht hatte er nicht Blei geladen sondern Gold …
„Letztens habe ich nämlich Gepäck vergessen“, erzählte er weiter, „das war eine Aktion! Ich hoffe, auf diese Art passiert mir das nicht noch einmal! Obwohl – ich muss sagen, abgesehen von der Aufregung lief es hinterher echt toll!“
Das weckte meine Neugier und so hakte ich nach.
Er war irgendwoher via Hamburg mit dem Ziel Sylt auf Reisen gewesen und hatte dazu in Elmshorn umsteigen müssen. Sein Startzug war von dort planmäßig weiter nach Kiel gefahren, das Ziel der nun folgenden Nord-Ostsee-Bahn hingegen war das erwünschte Westerland auf der Insel im hohen Norden. Drei Teile hatte er ursprünglich besessen, hinter Elmshorn wurde ihm siedendheiß gewahr, dass es Schwund gegeben hatte.
Ein Koffer war unauffindbar!
Er war der festen Überzeugung gewesen, alle Teile beim Umsteigen in Elmshorn mit auf dem Bahnsteig gehabt zu haben. Bei einer Sitzbank gestapelt während der Wartezeit. Er musste dort das Vermisste stehengelassen haben. So hatte er aufgeregt den Zugbegleiter kontaktiert, die Sache entsprechend geschildert und um Hilfe gebeten.
Der Schaffner hatte sich außer nach den Umständen auch nach der Art und Beschaffenheit des Gepäckstücks erkundigt, alle Angaben über Funk weitergeleitet und hatte ihm freundlich zugesichert, sich bei ihm zu melden, sobald er etwas erfuhr.
Irgendwo zwischen Glückstadt und Itzehoe war die Suchmeldung rausgegangen, bereits eine Stunde später in der Nähe von Husum konnte er Neuigkeiten überbringen.
„Ich war total verdutzt“, berichtete mir der Zuggast, „denn man sagte mir, der Koffer sei gar nicht in Elmshorn, sondern in dem Zug nach Kiel gefunden worden. Ich hatte ihn dort liegengelassen! Ich hatte also eine Falschaussage gemacht, und sie haben das Teil trotzdem in der kurzen Zeit ausfindig gemacht.“
„Und was passierte dann? Wie haben Sie denn Ihren Koffer wiederbekommen?“
„Nun, ich hätte den Koffer in Kiel abholen können, aber das passte mir zeitlich gerade überhaupt nicht. Aber wissen Sie was? Mir hat die Deutsche Bahn mein Gepäck per Nachnahme für 20 Euro und einen Cent nach Hause geschickt! Nichts fehlte im Koffer! Selbst mein angebissenes Brötchen war noch da! Das ist ein Service, oder? Ich war so glücklich!“
Ich drückte selbstverständlich meine Begeisterung über das Wiederauffinden und die kundenfreundliche Aktion aus. Klar, dass man sich darüber freut!
Er war mittlerweile fertig mit seiner Verstauaktion, nahm nebenan Platz und bemerkte nach einer kleinen Pause:
„Lustig mit dem einen Cent, oder? Und stellen Sie sich mal vor, ich hätte den Koffer in Hamburg auf dem Bahnsteig vergessen. Die hätten doch den Hauptbahnhof gesperrt und das Ding gesprengt!“

Mit diesen Worten biss er genüsslich in sein Schokocroissant, schälte seine Banane und fiel mir bis Karlsruhe nicht mehr weiter auf – was mehrheitlich daran lag, dass ab Hannover neue Mitreisende zustiegen. Eine nette Dame aus dem Süden Deutschlands setzte sich mir gegenüber, und dann gab es noch den Herrn, der eigentlich einen anderen, einen Einzelplatz reserviert hatte.
Sein Blick war zwischen diesem Platz und dem Tisch, an dem die Dame und ich saßen, einige Male hin- und hergewandert. Zwei Plätze bei uns waren noch unbesetzt, darunter ein Fensterplatz. Seiner lag sehr abseits, direkt an der sich dauernd öffnenden und schließenden Glastür und zeigte entgegen der Fahrtrichtung.
„Sagen Sie, ist bei Ihnen noch frei?“ Er liebäugelte also tatsächlich mit einem Platzwechsel. „Ich habe zwar einen Platz“, er wedelte mit der Hand in die entsprechende Richtung, „aber ich weiß nicht, ob ich dafür nicht womöglich eine Rückfahrkarte brauche …“
Das ist mal originell, oder?
Falsche Sitzrichtung, neue Fahrkarte? Rück-fahrkarte …
Ich musste jedenfalls grinsen.
„Hier ist frei“, teilte ich ihm mit,  „Sie müssen nichts riskieren.“ Auch ich nicke in Richtung seines zweifelhaften Waisenplatzes. „Sie können aber ab Frankfurt wieder auf Ihren ursprünglichen Platz gehen, ab da sitzen Sie fahrkartenmäßig korrekt vorwärts.“
Er griente ebenfalls und beteuerte nicht ganz so glaubhaft, dass er auch auf keinen Fall stören werde.
Wenn jemand das schon so hervorhebt … Ich wollte es beobachten.
Er hatte kaum Platz genommen, als ihm einfiel, dass er noch etwas aus seinem Gepäck benötigte, welches sich natürlich woanders – außer Reichweite – befand.
„Darf ich bitte noch einmal durch“, ertönte es höflich an meiner Seite.
„Schon wieder?“, fragte ich und versuchte, zumindest leicht entrüstet auszusehen.
Zum Glück war ihm sofort klar, dass ich nicht wirklich am motzen war. Und so entstand aus dem kurzen Anfangs-Smalltalk eine insgesamt mehrstündige Unterhaltung, an der sich auch lebhaft die gegenübersitzende Dame beteiligte und bei der viele interessante Themen zur Sprache kamen …

Doch nun ertönt auf dem Mannheimer Hauptbahnhof an einem kalten Endjanuartag die ungeliebte Verspätungsbenachrichtigung.

Zum Glück bleibt es bei den 20 Minuten. Ich habe diesmal einen Platz in der handyfreien Zone. Nach einem ganzen Tag unterwegs und bei einer Rückfahrt in der Dunkelheit, steht der Ausruhwunsch im Vordergrund. Da ist es schön, wenn nicht alle laut telefonieren oder sonstigen Heckmeck mit ihren Smartphones treiben.
Ruhe? Pustekuchen!
Zwei Damen mittleren Alters krakeelen dauerhaft lautstark herum, missachten obendrein die Sache mit dem Handyverbot, und eine von ihnen schnieft dermaßen, dass die Bazillen zur Ansteckung einer ganzen Armee ausreichten. Offenbar kennt sie auch keine Taschentücher.
Ihre zahlreichen Handygespräche (inkl. wiederholter Neuversuche, weil mittendrin der Empfang schwindet) nehme ich eine Weile hin, doch als sie anfängt, der Sitznachbarin via Mobiltelefon merkwürdige, quäkige Witzsongs, die mit der Bahn zu tun haben, vorzuspielen, reißt mir der Geduldsfaden. Ich bitte sie – wahrscheinlich zu energisch – das Zeug leiser zu stellen und weise sie auf die Ruhezone hin. Sie ist schwer beleidigt, wird etwas ausfallend, sucht erst mit Verspätung nach dem Aufkleber mit dem durchgestrichenen Handyzeichen am Fenster und schweigt dann mit verkniffenem Mund.
Leider nur kurz.
Das Gespräch mit der Nachbarin lebt wieder auf. Ach, wie armselig … Sie beklagt sich über mich – in mehr als Zimmerlautstärke. Sie weiß genau, dass sie lauter ist und dass ich es höre. Ich soll es hören!
„Dass sich manche immer gleich so anstellen müssen! So eine Zicke!“
Vor selbstgerechtem Mitleid und vor allem Entrüstung entwickelt sich bei ihr ein Hustenanfall.
Sich anstellen. Ich. Immer. Gleich. Ach, Süße, … Sorry, aber auf Reaktion von mir kannst du jetzt lange warten.
Dennoch reicht es  mir irgendwann. Ich beschließe kurzerhand, den Speisewagen aufzusuchen. Vielleicht gibt’s da nettere und vor allem ruhigere Gesellschaft.

Man gewinnt den Eindruck, dass es hinter Kassel an diesem Tag im ICE 70 um kurz nach halb neun abends eine nicht zu unterschätzende Zahl weiterer Nervtöter geben muss, jedenfalls haben viele Geplagte die Flucht zum Speisewagen ergriffen. So scheint es. Es ist ziemlich voll dort.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie einen Platz unter solchen Umständen suchen? Achten Sie auf das Aussehen der Leute, die da sitzen oder eher auf eine Lücke, wo Sie vielleicht noch unterkommen können?
Ich schaue auf leere Plätze, weniger auf die Gäste.

Ein einziger Einzelplatz ist frei und wird meiner. Vor mir auf dem Tisch liegt ein Papierset bedruckt mit der aktuellen Speisekarte. Im Moment erscheint darauf Horst Lichter, der (Fernseh-)Koch mit dem gezwirbelten Bart, denn er hat für das gastronomische Angebot der Deutschen Bahn drei warme Bio-Gerichte kreiert. Grünkohl mit irgendwas dazu, Rindergulasch mit Knödeln nebst Rotkohl und einen Kartoffel-Lauch-Eintopf. Doch ich möchte lediglich etwas trinken und schaue jetzt suchend hoch, um den jungen Mann vom Service heranzubitten.

Horst Lichter - Bio-Gerichte für die Deutsche Bahn AG

Horst Lichter – Bio-Gerichte für die Deutsche Bahn AG

Blicke vom besagten Blatt mit dem Koch auf in ein reales Gesicht, das genau dasselbe ist! Stutze, bin komplett verblüfft und merke erst mit einer kleinen Verzögerung:
Er sitzt tatsächlich mit mir im Speisewagen: der originale Horst Lichter!

Er ist beschäftigt. Spielt mit einem anderen Reisenden auf dessen Tablet gemeinsam „Dame“. Stellt fest, dass er mit seinem Spielzug „die Welt auch nicht mehr gerettet kriegt“, kommt im Laufe der Zeit noch mit anderen ins Gespräch, mit einem Fondsmanager genauso wie mit weiblichen Wesen, diskutiert entspannt und gutgelaunt, philosophiert über das viele Reisen, hat Interesse an diversen, höchst unterschiedlichen Themen, verrät, dass er zu 95 % direkt im Speisewagen reist, bedankt sich schließlich beim Bezahlen beim Kellner mit der Bemerkung „er habe sich hier wie zu Hause gefühlt“, freut sich, dass er immer tolle Menschen kennenlernt und rüstet sich zu guter Letzt kurz vor Hannover zum Aussteigen.
Über den grauen Strickpulli mit Zopfmuster kommt die olivgrüne Steppjacke, der Hartschalenkoffer wird unter dem Sitz hervorgeholt (offenbar startete die Reise direkt im Speisewagen) und mit einem aufgeräumten „Auf Wiedersehen und gute Weiterfahrt!“ wendet er sich dem Ausgang zu. Ein Fahrgast am Nebentisch ruft ihm zu:
„Herr Lichter, ich hatte gerade die Königberger Klopse. Also an denen müssen Sie aber noch arbeiten!“
„Die sind nicht von mir“, lautet die ruhige Antwort. Der Koch beugt sich über das Platzset mit der Speisekarte am Tisch des Mannes und zeigt auf die drei Bio-Gerichte. „Hier, die sind von mir. Davon müssen Sie essen.“
Und weg ist er.  Wenig später erklingt seine Stimme jedoch aus dem Vorraum. Dort ist er bereits mit dem nächsten Reisenden im Gespräch …

Ich wage mich zurück an meinen Platz und habe Glück. Die Dame, die mich vorher zickig fand, ist mittlerweile ausgestiegen. Wir haben inzwischen eine knappe halbe Stunde Verspätung, und der Zugbegleiter informiert laufend über Lautsprecher über den aktuellen Stand der Dinge.
Hamburg ist fast erreicht.
Plötzlich erfolgt eine Notbremsung! Ein merkwürdiger Ton erklingt über die Anlage. Keine Erklärung.  Etwas unheimliche Stille.
In meiner Nähe, eine Reihe weiter und mir gegenüber, sitzen zwei junge Herren, die sich schon ein Weilchen über die Verspätung und die sich minütlich ändernden Ansagen amüsieren. Sie kommentieren. Jetzt, infolge des rasanten Bremsmanövers, springt einer der beiden auf und beugt sich über die Sitzlehne hinüber in meinen Bereich. Dort hängt am Fenster der Nothammer.
„Mein Herz!“, ruft er und fasst sich theatralisch an die Brust. Mit der anderen Hand langt er Richtung Nothammer. Ich blicke wohl erstaunt.
Er stoppt die Aktion.
„Vorsichtmaßnahme für den Notfall. Muss doch den Griff schon üben …“, erklärt er mir treuherzig.
„Du Spinner!“
Das sage nicht ich, das ist der Kommentar seines lachenden Freundes.

Ach, liebe Leser, es ging alles gut. Es hat dann nur noch zehn Minuten gedauert, weil irgendein Weichenproblem bestand. Dann war ich daheim. Fast jedenfalls.
Und wieder einmal stellte ich fest: Es gibt doch kaum einen Ort, an dem mehr los ist, als im Zug.

©Februar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

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„Wissen Sie, ich bin ja ständig auf Achse …“ – Bahnfahrterkenntnisse (1)

Und? Hatten Sie schöne Weihnachtsfeiertage? Ich hoffe, es geht Ihnen gut und Sie haben Lust, sich in diesem Jahr noch einmal mit mir zusammenzusetzen. Unsere letzte Chance in 2013!

Ich komme hier zu nichts Vernünftigem, sprich es hapert grad zeitlich an der Ausarbeitung von inhaltlich anspruchsvollem und hochwertigem Stoff.
Nur hält mich das vom Bloggen ab?
Nein, denn ich denke, wir können uns zum Jahreswechsel ebenso gut entspannt unterhalten, und ich verrate Ihnen dabei ein wenig über meine neugewonnenen Bahnfahrterkenntnisse. Denken Sie nicht, es wird ein Deutsche-Bahn-Lamentiereintrag! Das wäre ein verdammt alter Hut, und nach der Paketstory (s. letzter Blogbeitrag) habe ich auch kein Verlangen nach weiteren Dramen und engstirnigen Servicebetrachtungen.
Ach, übrigens – ich habe gestern, am 30.12.2013, das drei Wochen vorher vom Absender aufgegebene und verschollene Paket nach zahlreichen weiteren Geduldsproben und einigen recht verblüffenden und sich vor allem komplett widersprechenden (Fehl-)Informationen erhalten!
Hurra!
Zu spät als Weihnachtsgeschenk, doch selbstverständlich auch jetzt noch willkommen. Ich pinsele nun einen dicken, fetten Schlusspunkt hinter dieses leidige Thema.

Widmen wir uns stattdessen der Bahn bzw. den Bahnfahrten. Wie in jedem Jahr, war ich am zweiten Weihnachtsfeiertag unterwegs gen Süden, um mit dem im Raum Karlsruhe ansässigen Teil der Familie zu feiern.
Nicht nur Weihnachten! Obendrein stand ein 90. Geburtstag an!
(PS: Vergessen Sie heute nicht das Dinner for One und den 90. Geburtstag von Miss Sophie!)

Mit dem ICE ab Hamburg Hauptbahnhof über die alten Elbbrücken gen Süden ...

Ein Blick aus dem Fenster: Mit dem ICE ab Hamburg Hauptbahnhof über die alten Elbbrücken gen Süden …

Mögen Sie Zug fahren? Ich schon. Wenn Sie die letzten Jahre hier Blog gelesen haben, erinnern Sie sich vielleicht an „Marvin und die Big Five“ oder andere Geschichten. Im Zug erlebt man häufig hochinteressante Dinge, erfährt Neuigkeiten,  lernt unnütze und nützliche Sachen sowie neue Menschen kennen. Nicht so eng kennen, dass Sie Adressen austauschen und sich irgendwann wiedersehen – nein, aber Sie verbringen einige Stunden mit bestimmten Menschen dicht neben sich.
Gut, manchmal ist es so, als säßen Sie neben einem Stein. Einem verdrießlichen Stein. Starten Sie immer einen kleinen Versuch, ihn relativ unauffällig und zurückhaltend aufzumuntern und zu erweichen. Bleibt es erfolglos, war’s das. In dem Fall passt halt absolut nichts zusammen. Nehmen Sie Ihr Buch. Damit sind Sie dann definitiv besser bedient.
Wenn Sie es hingegen schaffen, den Stein von verdrießlich auf neutral bis halb lächelnd umzupolen, haben Sie schon viel erreicht (auch für Ihr weiteres Wohlergehen). Ein nunmehr freundlicher, wenn auch weiterhin absolute Ruhe liebender, etwas eigenbrödlerischer Stein, muffelt aber wenigstens nicht mehr herum.

Bereits kurz hinter Hamburg geht es los: Nebel! Er hat aber auch seinen ganz eigenen Charme ...

Bereits kurz hinter Hamburg geht es los: Keine komplett verschleierten Scheiben sondern Nebel! Er hat allerdings seinen ganz eigenen Charme … Vor Uelzen stehen zwei weiße, große Silos von „Nordzucker“ direkt am Gleis. Sie tauchen wie von Geisterhand gemalt ganz plötzlich riesig unmittelbar vor einem aus dem Nebel auf!

Doch sehr häufig ergeben sich nette Stunden, in denen Sie sich zwischendurch nett und angeregt unterhalten oder kleine Szenen mitbekommen und sich – mir passiert das gar nicht so selten – köstlich amüsieren. Wenn Sie wesensähnliche Personen um sich herum haben, die für Freundlichkeit empfänglich sind bzw. sie selbst verbreiten und Humor zu schätzen wissen, dann bedauern Sie fast, wenn Sie an „Ihrem“ Zielbahnhof angekommen sind und aussteigen müssen. Auf der Rückfahrt hatte ich im ICE sehr großes Glück, davon erzähle ich allerdings etwas später im (über-)nächsten Blogpost. Heute geht es um die Hinfahrt.
Neben mir im Gang an einem Tisch – und sich gegenübersitzend – befanden sich ältere Herrschaften. Zwei Ehepaare, deren Alter ich auf Mitte bis Ende siebzig schätze. Die beiden Damen kamen bald ins Gespräch. Sie starteten mit dem Thema Jacke aufhängen, schwenkten um zum jeweiligen Fahrtziel, kurz danach ging es um die Herkunft. Von dort war es nicht mehr weit bis zum Anlass der Reise, und da beide ihre erwachsenen Kinder mit deren Familien besuchen wollten, verlief der Fortgang des Gesprächs so:
„Sie fahren auch zu Ihren Kindern?“
„Ja, oder besser gesagt zu unserem Sohn, einem unserer Kinder.“
„Dann haben Sie mehrere? Ich auch!“
„Sie auch? Wie viele haben Sie denn? Sind es Jungs? Oder auch Mädchen?“
„Nun, wir haben ja beides. Töchter und Söhne.“
Sie beginnt die Namen der Kinder zu nennen. Ich komme auf die Zahl fünf. Die andere Dame hat ebenfalls dieses Ergebnis errechnet und spricht eifrig:
„Sie haben fünf Kinder? Wir haben sechs!“
Es klingt ein ganz kleines bisschen triumphierend. Ha, wir haben ein Kind mehr!
Eine stolze Zahl ist es bei beiden auf jeden Fall. Alsdann nennt die „mit einem mehr“ alle Namen ihrer Sprösslinge und ergänzt:
„Im Moment komme ich grad aus Kiel von meiner Tochter Regine, und wir müssen jetzt weiter zu unserem Sohn Jörg nach Wetzlar.“
Die Dame gegenüber war bei Michael und hat die Absicht, auf dem Heimweg noch einen Zwischenhalt bei Uwe einzulegen. Es stellt sich heraus, dass bei beiden der Nachwuchs völlig wild verteilt im gesamten Bundesgebiet lebt. Die Mutter von Regine und Jörg stammt zudem ursprünglich aus dem Süden. Sie hat es nur irgendwann durch Heirat nach Bremen verschlagen. Folglich ist zusätzlich Ihre eigene Familie großteils im süddeutschen Raum ansässig.
Da haben sich welche gesucht und gefunden! Gleiches Schicksal verbindet. Man fühlt sich verstanden, und irgendwann stöhnt Uwes Mama vertraulich:
„Wissen Sie, im Grunde ist es Stress! Ich bin ja ständig auf Achse!  Seit zwanzig Jahren geht das schon so!“
„Bei mir auch! Immer unterwegs.  Also, wir haben ja inzwischen wenigstens eine Bahncard!“
Die hat das andere Ehepaar selbstverständlich auch, was aber die Anstrengung der Reiserei nicht minimiert.
„Sollen ich Ihnen was sagen? Ich glaube, das war jetzt das letzte Weihnachtsfest, an dem ich das mache. Mir wird das zu viel!“
„Ja, stimmt, es ist anstrengend. Und das zieht ja auch immer so auf den Bahnhöfen!“
„Genau, und außerdem muss man immer so schleppen! Erst die schweren Tüten mit den Geschenken hin und dann die eigenen Geschenke wieder mit zurück.“
„Also wir kriegen das Gepäck ja gar nicht mehr hoch auf die Ablage.“
„Nein, wir auch  nicht. Ist das nicht auch blöd gemacht? Und viel zu wenig Platz!“
Allein bei dem Gedanken an die Gepäckverstausituation und -aktion werden beide kurzatmig.
„Und ständig ändern sich die Fahrpläne! Ich kann jetzt auch gar nicht mehr in Offenburg umsteigen! Also generell, meine ich. Nicht wegen Jörg. Überhaupt.“
Ein Seufzen aus beider Munde. Synchronseufzen, gefolgt von einer kurzen Pause des Nachdenkens.
„Und wissen Sie, was ich auch hasse?“
„Nein, was denn?“
„Wenn man sich endlich an eine Route gewöhnt hat und alles kennt – dann ziehen die Kinder um!“

Ich konnte es so gut verstehen, sie hatten mein vollstes Mitgefühl, dennoch entbehrte es nicht einer gewissen Komik.
Die Gespräche gingen in diesem Stil weiter, und ich glaube, es hat beide Seiten enorm erleichtert. Die Männer hielten sich aus der Unterhaltung heraus, brummelten nur bei Aufforderung pflichtgemäß. Sie wurden untereinander erst etwas warm, als es um technisches Gedöns ging. Der Fotoapparat des einen wurde schließlich kurz vor Ende der Reise ihr Aufhänger.
Intensiv im Gespräch, versäumte es das eine Ehepaar beinahe, die Ankunft in Frankfurt wahrzunehmen und auszusteigen. Das Ankleiden musste auf einmal sehr hurtig vonstatten gehen.

Frankfurt Hauptbahnhof in Sicht ...

Frankfurt Hauptbahnhof in Sicht … mit Spiegelungen

„Oh, das wäre jetzt aber was geworden!“, sagt die Weiterfahrende aufgeregt.
„Ach was“, winkt die Bremerin ab,  „dann wären wir eben in Mannheim raus. Dort wohnt mein Bruder.“
„Sie haben noch Geschwister?“ Die Augen der anderen Dame beginnen zu leuchten.
„Ja, vier“, gibt die Bremerin Auskunft.
„Ich auch!“, ertönt es begeistert.
Die letzten zwei Minuten widmete man den Geschwistern. Eine Präsentation der Brüder und Schwestern im Schnelldurchlauf …

Danach wurde es merklich ruhiger, und gut eine Stunde später war auch für mich die Reise zu Ende. Ankunft in Karlsruhe, Hauptbahnhof.

Karlsruhe Hauptbahnhof - Teilansicht der Skulptur "Zugabteil" (Gudrun Schreiner, 1984)

Karlsruhe Hauptbahnhof – Teilansicht der Skulptur „Zugabteil“ (Gudrun Schreiner, 1984)

Liebe Bloggäste, schauen Sie doch in den nächsten Tagen wieder herein! Auf der Rückreise geht es u. a. um Glitzerziegen, im Schoß landende Wesen auf kurvenreichen Umgehungsstrecken sowie meinen Schweizer Sitznachbarn thailändischer Abstammung. Und zwischendurch zeige ich Ihnen nahe Karlsruhe – in Rheinstetten – ein Schulzentrum, in dem man recht öde Betonstützsäulen enorm interessant verschönert hat.
Vielleicht habe ich noch mehr …

Kommen Sie nun erst einmal gut ins Neue Jahr und bleiben Sie gesund und munter!
Wir lesen uns wieder, wenn Sie mögen.

©Dezember 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Mit der Bahn unterwegs: Marvin und die Big Five

Diorama  - Karlsruhe Hauptbahnhof

Diorama – Karlsruhe Hauptbahnhof

26. Dezember 2011.
Es ist Vormittag, und der ICE Richtung Zürich läuft soeben im Hamburger Hauptbahnhof ein. Die Feiertage sind schon fast vorbei, doch  der offenbar familiär bedingte Reiseverkehr ist weiterhin in vollem Gange, der Bahnsteig  proppevoll.  Alles drängt und quillt Richtung Zugtüren. Beeilung beim Einsteigen.
Das Reisegepäck wird hinter sich hergezerrt, unter Schnaufen vor sich hergeschoben oder mangels Bodenfreiheit über den Kopf gehievt und in olympiaverdächtiger Manier durch die Gänge gestemmt.
Die erste Aufregung war am Bahnhof bereits in dem Moment entstanden, als klar wurde, dass der Zug „andersherum“ einfahren würde und somit die Wagenstandsanzeige nicht mehr stimmte.
Die von links wetzten nach rechts, die anderen kamen von dort im Eilschritt entgegen.
Die, die nichts gelesen oder die Durchsage nicht verstanden hatten, schauten irritiert.
Es hatte sich gerade alles etwas entkrampft, doch nun schlugen die Herzen wieder schneller, und die Gemüter erregten sich, weil  alle feststellten, dass einfach zu wenig Platz für Koffer, Trolleys, Reisetaschen und Rucksäcke vorgesehen ist. Die ersten Reisenden gerieten bereits aneinander – teilweise körperlich durch Enge, teilweise verbal. Es entstanden lebhafte Diskussionen, welcher Koffer wo am besten untergebracht werden könnte, wobei hier wiederum die Meinungen naturgemäß auseinandergingen.
Es scheint grundsätzlich ein Ding der absoluten Unmöglichkeit für viele, ihr gutes Stück etwas weiter entfernt als über oder zumindest direkt an dem eigenen Sitzplatz zu wissen.
Unter denen, die mit Rucksäcken reisten, war wieder der übliche Prozentsatz derjenigen unterwegs, die  komplett vergessen, dass sie nach hinten reichlich Überlänge haben. Bloß gut, dass hier keiner mit langen Bretten oder Skiern reiste. Es wäre ein bisschen wie Slapstick.
Sie kennen sicher noch die Szenen aus alten Stummfilmen, in denen sehr gern sich wild um sich drehende Personen gezeigt werden, die beim Rotieren Mitmenschen mehrmals umrasieren.
Bis eine Viertelstunde nach Abfahrt im Bahnhof, herrschte noch wildes Durcheinander, dann kehrte langsam wieder Ruhe ein.

Ich fuhr auch schon   – unüblicherweise – in der 1. Klasse. Beim Buchen des Tickets waren in dem Fall die Spartarife der 2. Klasse ausverkauft gewesen, jedoch nicht die der 1. Klasse. So kam es, dass Reisen in der sonst teureren Klasse billiger war, als Fahren im Normalbereich. Ich habe für mich festgestellt, dass ich nicht gerne so feudal reise. In vielen Zügen sind Ledersitze, und die sind anfangs ziemlich kalt. Später gibt es sich, doch sie knirschen und knartzen weiterhin bei fast jeder Bewegung. Und mindestens ein oder zwei der ausklappbaren Fußstützen quietschen. Die Mitreisenden, die dort mit Kopfhörern sitzen und am Laptop hantieren, wippen besonders viel, bemerken aber aufgrund der Verstöpselung die Geräusche selbst meist nicht.
Andererseits – ganz objektiv betrachtet – angenehm für die Beine, ist eine derartige Stütze  schon …
Die Platzfreiheit und Breite der Gänge ist selbstredend ebenfalls lobenswert, genauso wie der massenhafte Platz für das Gepäck. Doch es ist irgendwie einsam dort. Man trifft dort viel auf ältere, gut situierte Herrschaften und auf Geschäftsreisende, die – wie ihr Name es schon sagt – furchtbar geschäftig am Werkeln sind mit ihrer ganzen Elektronik.
Ich muss das gerade sagen, nicht wahr? Ich, die selbst sehr häufig mit Laptop oder dergleichen unterwegs ist!
Was ist es dann wirklich? Langeweile?
Nein, die kenne ich nicht, außerdem habe ich  ein Buch dabei, dazu das obligatorische Notizbuch und meist – wie erwähnt – sogar das Notebook. Doch mir fehlt in der 1. Klasse einfach die Anregung.
Mir fehlt Leben!
Das bunte Durcheinander aus Passagieren, das sich Arrangieren mit den Unwägbarkeiten, die im Nicht-Luxus herrschen. Sicher, manchmal ist es lauter, doch oft ist dies nur der allgemein höhere Geräuschpegel, der nach gewisser Zeit einfach nicht mehr stört. Ich habe mir angewöhnt, mir einen Platz am Gang zu nehmen. Es erlaubt mehr Bewegungsfreiheit und bietet auch den  Luxus des ungefragten Aufstehens, des spontanen Umhergehens und des „sich Ausbreitens“ bei Bedarf.  Wie oft fühlte ich mich früher oder wenn für mich mitgebucht wurde, am Fensterplatz eingequetscht!
Außerdem herrscht so wesentlich mehr Sicht auf das Umfeld und ebenso spontan, wie ich den Platz verlassen kann, kann sich wiederum auch ein anderer entscheiden, mich zu besuchen.
Besuchen? Wer sollte sie besuchen? Fremde …?
(Vielleicht stellen Sie sich gerade diese Frage)
Ja, Fremde. Gewissermaßen.
Kinder tun es mit Vorliebe, und ich habe absolut nichts dagegen. Ich sehe es nicht als Babysitter-Job für die Dauer der Fahrt, mehr als gegenseitige Unterhaltung für eine gewisse Zeit.
Während der Rückfahrt am 28.12  von Karlsruhe nach Hamburg, erhielt ich auch wieder Besuch. Ein männlicher Gast stoppte bei mir. Eigentlich tapperte er nur aus Langeweile ziellos durch den Gang. Oder aus Abenteuerlust. Vielleicht hatte er auch Hummeln im Hintern. Blond. Ungefähr acht Jahre alt.
Es hielt ihn an meinem Sitz fest, weil ich in dem offiziellen Bahnheft blätterte. Als er kam, las ich gerade einen mit Fotos angereicherten Bericht über wilde Tiere in Südafrika. Abgebildet waren u. a. eine Giraffe und ein vermutlich brüllendes Flusspferd. Vielleicht gähnte es auch nur. Ich war mir nicht so sicher, denn das Heft war wie üblich ohne Ton.
Marvin – so hieß er, wie ich schon bald erfuhr – schaute mit Fotos an und beobachtete etwas abwartend, wie ich auf sein Herumstehen wohl reagieren würde. Ich sprach ihn auf meine Überlegung bezüglich des Flusspferdes an.
„Was würdest du denn sagen? Brüllt oder gähnt es?“
Er tippte auf Gähnen. Ich zeigte auf die beiden Löwen auf einem anderen Bild.
„Und die?“
„Die brüllen“, erwiderte er im Brustton der Überzeugung.
„Was macht dich denn so sicher?“
Er meinte, Löwen seien gefährlich und brüllten immer. Das bot Gesprächsstoff für die nächsten Minuten. Wir diskutierten, ob Löwen denn auch schlafen und wenn ja, wie lange und  mutmaßten dann, dass sie beim Schlafen wahrscheinlich nicht brüllten. Er schränkte daraufhin „immer“  ein. Sie brüllten natürlich nur im wachen Zustand!
Aber gefährlich, gefährlich wären sie immer. Auch beim Schlafen!
„Beim Schlafen auch?“, fragte ich ihn.
„Ja“, erklärte mir Marvin, „wenn ihnen dann nämlich jemand auf den Schwanz tritt, dann sind sie echt sauer und ziemlich gefährlich!“
Richtig. Man darf nicht einfach – egal wem – auf den Schwanz treten! Schon gar nicht im Schlaf …
Wir sprachen danach über die Giraffe und ihr tolles Muster und überlegten, ob die Zeichnung auch bei dieser Tierart immer ganz unterschiedlich wäre – so wie bei den Zebras. Marvin wollte gar nicht glauben, dass jedes Zebra eine andere Fellzeichnung hat und daran identifiziert werden kann – wie der Mensch am Fingerabdruck.
Er kehrte also zwischendurch zu seinen Eltern zurück, um meine Glaubwürdigkeit zu checken. Nach drei Minuten war er wieder da – mit seiner Mutter, die herausfinden wollte, ob er anderen Mitreisenden zu sehr auf die Pelle rückte. Ich versprach ihr, Marvin direkt mitzuteilen, wenn ich wieder meine Ruhe wollte, aber bisher traf dies nicht zu.
Ihn interessierte, ob ich den ganzen Artikel im Heft schon gelesen hätte und was denn dort so stände. Ich verriet ihm, dass ich jetzt gelernt hätte, was die Big Five seien.
Big Five?“
Er konnte mit den englischen Worten schon etwas anfangen, denn er geht in die zweite Klasse und hat in der Grundschule bereits ein wenig Englischunterricht. Nur die genaue Bedeutung von diesenBig Five“ war ihm natürlich – wie auch mir vorher – nicht geläufig.
„Was soll das denn sein?“
„Marvin, üblicherweise sind es die fünf großen Tierarten, die Menschen bei einer Safari gesehen haben sollten, doch hier steht noch etwas anderes. Es sind die wilden Tiere, die in der Region dort lebten (es geht um Südafrika, die Provinz Kwu-Zala-Land und den Zembe Elephant Park an der Grenze zu Mosambik) und sehr schwer zu jagen waren. Sie nennt man die „Großen Fünf„. Dazu zählen der Elefant, der Löwe, das Nashorn, der Leopard und der Büffel. Und wenn von früher die Rede ist, dann ist die Zeit gemeint, in der diese Tiere noch gejagt werden durften. Heute stehen sie allesamt unter Schutz.“
Er lässt es ein wenig sacken und schaut noch einmal auf die Fotos im Heft.
„Und was ist mit der Giraffe?“
„Mit der Giraffe? Was genau meinst du denn?“
„Na, ist die auch eine Bickpfeif?“
„Nein, sie zählt nicht dazu.“
Das verstand Marvin nicht.
„Aber sie ist doch größer als das Nashorn!“
„Offenbar ließ sie sich aber leichter jagen und ist sicher auch weniger gefährlich für den Menschen.“
Wir rätseln noch darüber, warum nicht auch das Flusspferd oder das Krokodil dazu zählen, denn so harmlos sollen diese Tiere ja wirklich nicht sein.
„Vielleicht wollte die ja gar keiner jagen“, vermutete Marvin, und das muss man erst einmal widerlegen.
„Wenn es die großen Fünf gibt, gibt es dann auch die kleinen Fünf?“, fragte der junge Mann jetzt.
Ich finde, dies ist eine typische Kinderfrage. Und ich meine es absolut nicht abwertend! Nein, es ist eine absolut logische Frage, und die ist sehr typisch für Kinder.
Gut, dass ich schon weitergelesen hatte, denn zwei Seiten später tauchten sie tatsächlich auf: die sogenannten „Small Five„, ebenfalls Tiere, die geschützt sind. Diesmal sind es Ameisenlöwe,  Leopardenschildkröte, Büffelweber,  Nashornkäfer und Elefantenspitzmaus.
Marvin war beruhigt.
Es blieb noch etwas Zeit, über die kleinen Fünf zu sprechen, denn der Achtjährige möchte mehr zum Büffelweber („Das ist ein Vogel? Echt?“)  und der Leopardenschildkröte wissen.  Ich habe schon ein Foto von einer gesehen, allerdings nicht hier – in diesem Heft.
„Der Panzer der Schildkröte sieht von den Farben und vom Muster her ein bisschen so aus wie das Fell eines Leoparden“, versuche ich ihm den Namen des Panzertiers verständlich zu machen.
„Die Schildkröte hat aber keine Haare, oder?“, fragte er vorsichtshalber noch nach.
„Nein, aber Flecken wie der Leopard“, klärte ich ihn auf.
Ich las ihm eine Zeile im Text vor, die mir gerade ins Auge fiel. Sie besagte, das der Urin eines Leoparden nach Popcorn und Erdnussbutter riecht (oder stinkt). Marvin  war schwer beeindruckt.
„Popcorn esse ich manchmal im Kino“, verriet er mir, „das riecht ganz schön doll …!“
„Kannst ja den anderen sagen, ein Leopard war grad dort  …“
STOPP, ich darf Kindern nicht solche Tipps geben!
Zu spät.
Leider fand er die Idee auch noch gut …
Wir näherten uns inzwischen Frankfurt, dem Zielbahnhof der Familie des Jungen. Sein Vater war es diesmal, der Alarm schlug und ihn holen kam.
„Schon?“
Marvin war völlig überrascht. Sein Zeitgefühl hatte ihn verlassen. Doch so interessiert er eben noch gewesen war, so schnell schwang er nun um auf Aussteigen müssen, und prompt stiegen Hektik und Sorge in ihm auf, ob er noch rechtzeitig hinauskäme.
Dabei fuhr der Zug noch nicht einmal langsamer!
Husch, weg war er, und ich hatte meine Armlehne sowie das Heft wieder für mich. Ich hörte gerade noch, wie er beim Weggehen fragte:
„Papa, kennst du den Büffelweber?“
Ich hoffe,  sein Papa kam daraufhin nicht zu sehr ins Schwitzen. Andererseits, falls er es nicht wusste, würde er jetzt durch Sohnemann etwas lernen.
Ich schaute hinaus, ein bisschen Skyline von Frankfurt tauchte auf. Mal schauen, was sich hier im Bahnhof so ereignen würde. Neues Gepäck musste schließlich wieder verstaut werden …
Ich lehnte mich zurück in das Polster. Stoffpolster wohlgemerkt. Es lebe die zweite Klasse!
Was freute ich mich auf daheim! Noch gut drei Stunden, dann hätte Hamburg mich wieder.
Nach Hause kommen ist doch was Feines.

PS Ich habe unterwegs noch zwei, drei Dinge erspäht, die ich im nächsten Blogpost gerne teilen würde.
Es würde mich freuen, wenn Sie wieder mit dabei wären …

©Dezember 2011 by Michèle Legrand

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