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Weihnachtliche Bevorratung und andere Phänomene …

Hamburg - Hauptbahnhof - Wandelhalle mit weihnachtlicher Dekoration - Dezember 2012

Hamburg – Hauptbahnhof – Wandelhalle mit weihnachtlicher Dekoration – Dezember 2012

Hallo! Willkommen zurück! ^^
Schön, dass Sie den 21. Dezember gut überstanden haben!
Auch wenn kein Weltuntergang stattfand, ist es gar nicht selbstverständlich, dass Sie hier heute, am 22.12.2012, wieder auftauchen!
Es geht es in den letzten Tagen dermaßen wühlig zu in Deutschland, es herrscht ein solcher Andrang in den Einkaufshochburgen, dass manch einer dabei leicht verschütt gehen könnte.
Prima, dass Sie offenbar unversehrt sind und sicher wieder nach Hause gefunden haben.

Wie lief es bei Ihnen unterwegs?
Mit welchen „Bräuchen“ wurden Sie konfrontiert?

Ich biete folgende Stichworte: Verstöpselung. Bevorratung. Erpressung.
Kennen Sie auch?
Wenn nicht, liegt es unter Umständen nur an den Begriffen. Gut möglich, dass Sie gewisse Phänomene lediglich anders betiteln.

1. Die Verstöpselung
Verstöpselung hat mit Babys und deren Lage im weihnachtlichen Gedränge zu tun. Genauer gesagt geht es um deren missgelauntes Gequake – nein, Gebrüll! – und um die kleinen Dinger, die gemeinhin als Schnuller bekannt sind.
Einerseits werden diese Gummipfropfen von vielen Eltern rein prophylaktisch bei ihrem Nachwuchs eingesetzt.
Zustöpseln, damit gar kein Geschrei möglich ist!
Andererseits sind viele Babys sie mittlerweile gewohnt, brauchen sie unbedingt!

Vielleicht haben Sie schon einmal beobachtet, dass Babys beim weihnachtlichen Einkaufen gar nicht losheulen, weil es so tropisch warm in den Einkaufszentren wäre. Nein, dagegen haben die Eltern meist Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Wintersteppanorak mit der plüschohrverzierten Bärenkapuze wurde bereits ausgezogen.
Das Gebrüll kommt aus einem anderen Grund.
Die abgestandene Luft löst ständiges Gähnen aus! Selbst bei den Kleinsten. Warum sollte es Babys in der Situation anders ergehen als Erwachsenen.
Und die Konsequenz der Gähneritis?
Richtig! Der Schnuller fällt dauernd aus dem Mund!
Das hat zur Folge, dass mit zwei Sekunden Verzögerung das Gequake einsetzt, und keiner kommt hinterher mit dem immer wieder neu Einstöpseln!
So ein Muss-Schnuller hat eben auch seine Nachteile …

Hamburg - Hauptbahnhof (Wandelhalle) in der Weihnachtszeit

Hamburg – Hauptbahnhof (Wandelhalle) in der Weihnachtszeit

2. Die Bevorratung
Die Erwachsenen quaken übrigens auch, nur können Sie hier einen herausploppenden Schnuller als Ursache getrost vernachlässigen.
Der kauffähige Anteil der Bevölkerung ist aktuell geschädigt und entnervt vom kolossalen Andrang an Theken, Tresen und Kassen in Läden und ganz speziell in Lebensmittelgeschäften.
Jedes Jahr das gleiche Spiel. Zuerst allseits die große Verdrängung, und dann kommt Weihnachten absolut überraschend!
Oh, schon der 22.12.! Nun aber hurtig …!
Neben der Bewältigung der Last Minute Weihnachtseinkäufe für den Gabentisch, schlaucht die Menschheit speziell die Bevorratung mit Lebensmitteln.
Sie könnten leicht auf den Gedanken kommen, die Feiertage zögen sich in diesem Jahr bis über Neujahr hin – in einem Rutsch – oder die Geschäfte wären nun mindestens vier Wochen geschlossen.
Hamstereinkäufe!
Panik-Tütenfüllen! (Ich habe einen Bindestrich bevorzugt, ich hatte sonst das Bild von panischen, wild herumzappelnden Tüten vor meinem inneren Auge)
Einkaufswagenüberladung!

Es sind zwei Tage, liebe Menschheit, zwei lumpige Tage …
Aber verständlich, man sollte das Risiko des Hungertodes in unseren Breitengraden nicht unterschätzen …
Ja, ja, ich bin gehässig! Und – sagen Sie es ruhig laut – schnodderig!
Verraten Sie es nicht weiter.
Ich darf mir nämlich eigentlich nichts leisten im Moment …

3. Erpressung
Sie kennen diese andere Sitte, die an Weihnachten neben Panikeinkäufen gern gepflegt wird? Sie nennt sich Erpressungssprücheklopfen.
„Wenn du schön brav bist, bringt dir der Weihnachtsmann auch, was du dir wünschst …“
Das bekommen Sie in jedem Alter zu hören – glauben Sie nicht, das wäre irgendwann vorbei!
Nun, ich wünsche mir, nicht mehr kameralos zu sein – denn ich gehe langsam ein ganz ohne Fotoapparat.
Kamera gegen Bravsein.
So ein Deal ist anstrengend!
Das ist psychologisch bedingt. Immer wenn Sie wissen, dass Sie etwas nicht dürfen oder vermeiden sollen, dann passiert es umso leichter.
Wenn Sie zu einem bestimmten Verhalten gezwungen werden, bocken Sie innerlich. Ihr aufmüpfiges Ich rebelliert dagegen.
Sei brav! Benimm dich! Mach dir keine Flecken! Weck ihn nicht auf! Nichts essen vorher! Bleib wach! Komm nicht zu früh! …

Sie kennen es, oder?
Die Müdigkeit, die Sie aus purer Bosheit regelmäßig an Silvester schon um 22 Uhr befällt – weil Sie wissen, dass Sie heute einfach nicht vor Mitternacht ins Bett gehen können!
Sie dürfen nicht einschlafen, Sie müssen wach bleiben – herrje, warum klappen bloß die Augen zu?
Der Hunger, der Sie quält, just an dem Tag, an dem Sie nüchtern zur Blutentnahme kommen sollen. Sonst ist Ihrem Magen die Versorgung am frühen Morgen relativ schnuppe.
Der gleiche Hunger, der sofort einsetzt, sobald Sie beim Zahnarzt fertig sind und er Ihnen die Anweisung mit auf den Weg gibt, die nächsten drei Stunden noch nicht wieder etwas zu sich zu nehmen.
Was macht Ihr werter Magen?
Er knurrt wüst!
Und Sie blicken dauernd auf Ihre Uhr und trauen dem Ding immer weniger …

Kekse zu Weihnachten (Michèle. Gedanken(sprünge)

Kekse zu Weihnachten – hier halt ohne Glocke und Tannenbaum!

Sie könnten jetzt den Eindruck gewinnen, dass ich immer nur esse. Dem ist nicht so. Ich hadere nur mit Verboten, womit wir wieder beim Bravsein wären.
Ich bemühe mich redlich.
Noch zwei Tage!
Wenn jetzt keiner zu hohe Ansprüche stellt, könnte es klappen.
Notfalls gibt es vielleicht noch gewisse Bonuspunkte für diesen ganzen Weihnachts-Familien-Bekochungs-Zauber, der an mir hängenbleibt.
Unter Umständen lässt sich damit manches noch retten … herausreißen!

Und nun zu Ihnen!
Ich hoffe, Sie sind durch mit Ihren Besorgungen, konnten alles erfolgreich ergattern, was Sie suchten und haben auch den Eindruck, dass es nicht das Schlechteste ist, wenn die Weihnachtsfeiertage nach einem Wochenende starten.
Mein Empfinden ist, dass manches ruhiger läuft, und die Menschen etwas gelassener unterwegs sind.

Wir treffen uns hier sicher noch einmal in den kommenden Tagen, doch sollten Sie es aufgrund familiärer Verpflichtungen nicht mehr schaffen, wünsche ich Ihnen schon an dieser Stelle ein schönes, fröhlich-besinnliches Weihnachtsfest und bleiben Sie gesund!

©Dezember 2012 by Michèle Legrand

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Richard II. – Auf die Wiesn warten…

Es ist Ende September. In Bayern begann schon am 17. dieses Monats das legendäre Oktoberfest.  Es zu feiern, ist ein Brauch, den es mittlerweile auch in den Norden verschlagen hat, bzw. der dahin geschlagen wurde. Wie auch schon Halloween, Karneval und Valentinstag. Wir bleiben vorerst jedoch beim Oktoberfest.
„In wenga Toagn hoaßts auf dem Wandsbeker Markt widda ‘O´zapft is!“
Dieser Satz gefällt Richard II.
Ich sah ihn heute auf einer Bank sitzen und den Aufbau eines großen weißen Zeltes verfolgen. Vielleicht heißt er anders, aber für mich ist er Richard II. Der ältere Mann sieht ein wenig aus wie unser früherer Bundespräsident,  Herr von Weizsäcker. Er könnte als dessen Double durchgehen – bis zum Moment des Aufstehens. Dann fiele er durch – aufgrund mangelnder Höhe.
Nicht Größe!
O nein, Format hat er schon, dieser Richard II. In der entsprechenden Kleidung könnte er von Wies’n-Zelt-Aufbau-Beaufsichtiger über Schachprofi und Juwelier bis Bundespräsident-Ersatz-Richard alles sein.
Wir kamen in dem Moment in Kontakt, als ich vergeblich versuchte, den üblichen Weg über den Wandsbeker Marktplatz nach Hause zu nehmen. Er war größtenteils versperrt für die Vorbereitungen zum Oktoberfest. Hier nimmt alles zurzeit wahnsinnig schnell Formen an.
Die normalerweise große, mit Steinplatten gepflasterte Freifläche, ist schon von einem riesigen, recht hässlichen, jedoch stabilen weißen Zelt belegt. Hässlich von außen, drinnen ist es am Ende sicher sehr zünftig.
Am Freitag ist es soweit. Am 23.09.2011 heißt es auch hier in Hamburgs Osten wieder:
Was die in München können, können wir auch!
Fahnen flattern im Wind. Sie verraten dem Vorbeikommenden schon jetzt, dass er hier Paulaner ausgeschenkt bekommen wird. Das Originalbier, welches es auch beim Oktoberfest auf der ‚Theresienwiesn’ gibt. Höchstwahrscheinlich sponsert die Firma auch das Fest sowie das Zelt, denn dort ist ebenfalls der Namenszug unübersehbar, direkt über dem Eingang. Nicht zu vergessen, die kleinen, herzigen Wimpel links und rechts an den Straßenlaternen. Alles einladend im fröhlichen Blau-Weiß.
Es scheint, in diesem Jahr wird das Fest noch größer, schöner, greller und so bald es losgeht, vermutlich auch noch lauter.
Und an diesem Punkt komme ich zurück auf Richard II.
Weil ich nicht durchkam und eine schwere Tüte trug, die ich einen Augenblick absetzen wollte, hielt ich an der Bank, auf der er alleine saß. Junge Männer brachten gerade auf einem rollenden Podest einen Brunnen zum Zelteingang. So sah es zumindest aus. Es wirkte, als sei er hundsgemein schwer, aus purem Granit geschlagen. Nur, als sie ihn über eine schräge Ebene auf den kleinen Rollen nicht ohne kritisches Gekippel bewegen konnten, entschlossen sie sich kurzerhand, ihn etwas anzuheben.
Alles Lug und Trug, wie sich zeigte!
Dieser Brunnen ist eindeutig aus Kunststoff.
Richard II. bemerkte trocken:
„Entweder sind das ganze Kerle, oder Stein ist nicht Stein.“
Er hatte es also auch bemerkt.  „Hoffentlich ist der Rest nachher echt…“, kam es noch im Nachsatz hinterher.
„Wollen Sie ab Freitag mitfeiern?“ frage ich ihn.
„Auf jeden Fall mal ansehen. Mache ich jedes Jahr!“
Aha. Nun habe ich endlich einmal jemanden an der Hand, den ich ein paar Dinge fragen kann. Da er die Unterhaltung startete, habe ich auch keine Bedenken, dies zu tun.
„Wie hat es Ihnen denn bisher gefallen? Waren Sie auch schon zu den Zeiten dabei, als es noch bei Karstadt stattfand?“
Es interessiert mich brennend. Als Wandsbek vor ewigen Jahren beschloss, es sei nun die Zeit für das Zelebrieren eines Oktoberfestes gekommen, gab es keine sonderlich gut geeignete Örtlichkeit dafür. Die Fläche, auf der ich stehe und die heutzutage genutzt wird, gibt es erst seit April 2005. Trotzdem entschied damals irgendein durchsetzungsfähiger Kopf:
Egal wo, wir feiern jetzt Oktoberfest. Basta! Nehmen wir eben das Parkdeck von Karstadt. Oberste Etage!

Als zur Zeit des Festes einmal die Rolltreppen des Kaufhauses  außer Betrieb waren und ich unwissend den Fahrstuhl mit 20 anderen Menschen benutzte, die komischerweise alle zum Parkhaus wollten, machte ich große Augen, als sich die Fahrstuhltüren öffneten. Es zog wie Hechtsuppe und zwischen faden, grauen Betonplatten tauchten Zeltplanen auf. Man sah hier und dort Tische,  Bierfässer und angetüdelte Besucher. Hätte man an diesem Tag am Parkhausausgang eine Alkoholkontrolle durchgeführt, wäre viel Geld ins Staatssäckl gekommen…
Ich vermisste damals jegliche Atmosphäre und mir fällt ein Satz ein, den ich neulich, bei Eröffnung der Feier in München, von einem Betrunkenen im Fernsehen hörte:
„Liawa bsuffa und lusdig, ois niachdan und bläd.“
Mich hätte man dafür bezahlen können, ich wäre nicht hingegangen.
Richard II. kennt die Wiesn auf dem Parkdeck und fährt schaudernd zusammen. Ich muss grinsen.
„Da war ich auch. Das Beste waren die Brezeln. Jedes Jahr bin ich wieder hin, weil ich dachte: Leute, ihr werdet doch was daran geändert haben. Ihr habt einen Dekorateur geholt, nicht wahr, habt ihr…! Doch nein, wieder Beton, Abgas und Zugluft – im Wechsel oder zugleich. Gut, dass es das dort nicht mehr gibt.“
„Ist es denn hier schön? Ich war noch nie im Festzelt drin, aber ich sehe, dass es Jahr für Jahr wieder aufgebaut wird, und mit jedem Jahr scheint es sich auszuweiten. Nicht von den Tagen her, der Umfang insgesamt wird gewaltiger.“
„Ja, das stimmt. Ich habe das Zelt auch wesentlich kleiner in Erinnerung. Doch, es ist ganz gut gemacht. Die kopieren wie die Wilden. Oder packen was hierher, von dem sie denken, dass es bayerisch ist.“
„Denken? Erzählen Sie mal, was haben Sie an pseudo-bayerischen Dingen entlarvt!“
„Im ersten oder zweiten Jahr hatten sie eine Live-Band, die angeblich aus Bayern kam. Nie im Leben sag ich, nie im Leben!“ Er schaut ziemlich entrüstet. „Dann haben sie das Bier nicht sonderlich gut gezapft, und die armen, ungeübten Mädels schafften kaum, ein paar Maß auf einmal zu tragen. Die Brezn und Weisswurst gab’s auf Tellern!  Die gehören auf ein Brotzeitbrettl.“
Uff, da bin ich ja an einen Spezialisten geraten. Man hört es ihm nicht an, deshalb frage ich lieber mal direkt nach:
„Kommen Sie aus Bayern, oder haben Sie dort länger gelebt?“
„Mischling“, lautet die Antwort. Mutter aus Füssen, Vater aus Norddeutschland. In seinem siebenten Lebensjahr hatte es die Familie in den Norden verschlagen, doch Besuche im Süden fanden natürlich regelmäßig statt.
„Ich war öfter auch in München, wenn das Oktoberfest stattfand. Bin immer zumindest einmal hingegangen. Doch auch wenn es das Original ist und ich deshalb nicht meckern kann: es wurde mir einfach zu wühlig! Zu voll, zu unübersichtlich, zu laut und zu teuer.“
„Und daraufhin fanden sie diesen vollwertigen Wandsbeker Ersatz?“
Er hat es richtig verstanden und grinst.
„Genau. Ich dibbere jedes Jahr, dass es wieder los geht! Sitz’ hier auf der Bank und warte auf die Eröffnung.“
„Wurde es bei Ihnen zu Hause eigentlich gefeiert? Sie sagten, Ihre Mutter stammte aus Bayern.“
„Oh ja, wir machten immer einen Riesenspaß daraus. Wenn wir in der Zeit nicht in München Familientreff hatten, kamen oft Verwandte zu uns. Wir dekorierten – schon zu einer Zeit, als hier kein Mensch auf die Idee gekommen wäre – ein paar Wände und den Tisch mit blauweißem Papier, machten Brotzeit, Fingerhakeln, Bierdeckelweitwurf und Breznschnappen…“
Ich muss lachen. „Breznschnappen? Mit der Hand oder mit dem Mund?“
„Mit dem Mund! Die wurden an einer Schnur ganz hoch aufgehängt. Da mussten wir springen wie ein Gamsbock, um etwas abzubeißen. Ohne Hände!!“
Richard II. schwelgt jetzt in Erinnerungen. Man sieht förmlich, wie er Anlauf nimmt, springt und zubeißt. Richard, dem keine Brezn entkommt…  Seine Zungenspitze ist im linken Mundwinkel, und er bereitet sich mental sicher gerade auf den Deckelweitwurf vor. Ich reiße ihn vorsichtig aus seinen Gedanken.
„Hatten Sie denn auch die richtige Kleidung an?“
„Sie meinen, ob ich meine Krachlederne anhatte? Aber sicher doch! Meine Mutter und meine Kusinen trugen immer fesche Dirndl. Mein Vater hat nur Hosenträger an seine Alltagshose geklippt. Mehr war nicht drin. Preuße halt, doch er war dafür Meister im Armdrücken.“
Trotz dieser harten Verurteilung als Preuße, klingt die Stimme voller Hochachtung.
Richtig rote Bäckchen hat Richard II. beim Erzählen bekommen. Solche hat unser ehemaliger Bundespräsident nie. Jedenfalls habe ich nie ein derartiges Foto von ihm gesehen. Rote Wangen beim Interview. Vielleicht hat ihm auch nur keiner „vernünftige“ Fragen gestellt … ;)
Wir beobachten noch einen Moment die weitere Anlieferung von Tischen. Es gibt auch Bänke, doch diese Tische….
Der Kommentar von Richard II.:
„Sehen Sie jetzt, was ich meine? In Bayern würde man nie diese runden Stehtische aufbauen. Das ist viel zu etepetete. Das mauscheln sie den Norddeutschen hier wieder unter.“
Ja, so sieht es aus. Hier geht es vor allem ums Geschäft.
Ich verabschiede mich und umgehe die Absperrungen weiträumig.

Überall, auch im benachbarten Quarrée (EKZ), sind Aushänge mit einem Hinweis auf das beginnende Fest. Das Bild ziert eine junge, blonde Frau mit üppiger Oberweite, die in ein offenherziges Dirndl gepackt wurde. Die Oberweite vor allem, die Frau auch. Das zieht schon mal die Männerblicke an. In Kombination mit dem formidablen Bierangebot ist das Thema „männliche Kundschaft heranlocken“ abgehakt.
Wie kriegt man nun noch die Frauen dazu? Es kommt sehr entgegen, dass mittlerweile mehr und mehr Frauen Bier mögen. Die Gewöhnung daran hat die Bierindustrie gut hinbekommen. Völlig ohne Hintergedanken wurden schnell ein paar Misch-Pansch-Bier-Softies ins Programm genommen, die dem weiblichen Geschmack mehr entgegenkommen sollten.
Hat geklappt. Jetzt sind sie abhängig ;)
Biertoleranz bzw. –akzeptanz allein reicht bei einem weiblichen Wesen nur nicht. Hier muss einfach mehr Geschütz aufgefahren werden. Karstadt bietet das richtige Outfit an. Passende Trachtenmode, neue Schuhe.
Bei einem Friseur klebt der Hinweis, dass man momentan gern auch passende Flechtfrisuren (Zöpfe) fabriziert, und bei Bijou Brigitte steht ein Extraständer mit themengerechtem Modeschmuck. Broschen, Ketten für den XXL-Dirndlblusen-Ausschnitt, Anstecknadeln, Schleifen zum Anheften.
Der Supermarkt hat Weißwürste und süßen Senf im Oktoberfest-Design.
Interessiert aber nur peripher.
Die Frau allerdings,  die sich extra ein Dirndl und Accessoires kauft, möchte sie auch präsentieren und ausführen. Auf zum Oktoberfest in Wandsbek! Damit hat man sich auch diese Gruppe gekrallt.
Der Rest geht über Mundpropaganda, Preis (1 l Maß = 7,40 €, München verlangt 9,20 €), Herdentrieb und das Implizieren einer Gaudi-Garantie bei Teilnahme. Es gibt ja schließlich anständige Musik dort.
Ja, von der habe ich auch regelmäßig etwas, obwohl ich fast einen Kilometer entfernt wohne. Live-Musik wird weit getragen, und in der Zeit leiden die unmittelbaren Anwohner ziemlich. Andererseits, wer sich aus der Not heraus entscheidet, dann lieber auch gleich ins Festzelt zu gehen…
Schwupps, die Venusfalle greift sich gierig weitere Opfer!
Bayerische Musik allein ginge vielleicht noch. Es bleibt nur nicht dabei. Letztes Jahr bekam ich wochenlang Heino nicht mehr aus dem Kopf mit: Komm in meinen Wigwam!
Während mein Informant Richard II. in froher Erwartung ist, werde ich wieder nur aus der Ferne ein Oktoberfest miterleben. Sollen alle, die dort hingehen, recht viel Spaß haben! Ich gönne es Ihnen wirklich! Ist nur nichts für mich. Ich mag einfach kein Bier und keine Alkoholleichen. Sehr unschöne Erinnerungen an Personen aus der Jugend – und das meine ich bierernst.

Wir sehen, Bräuche werden hinausgetragen in alle Welt. Oktoberfest feiert man mittlerweile auch in Amerika und Australien und Nikolaus (begrenzt) in Irland (dank meiner Tochter).
Bräuche kommen zu uns. Aus dem Rheinland immer wieder der hartnäckige Versuch, uns vom Karneval zu überzeugen, aus dem angelsächsisch-keltischen Raum das vor der Nase herumwedeln mit Halloween. Dabei hat Halloween hier wirklich die Nase vorn! Sich zu verunstalten scheint eher typisch norddeutsch zu sein…
Ist es nicht phantastisch?
Beim Oktoberfest haben wir im Grunde alles vereint:
Den Valentinstag, denn auch beim Oktoberfest hängen sich viele ein Lebkuchenherz um den Hals.
Den Karneval, denn – mal ehrlich – verkleidet sind sie schon, oder ..?
Halloween, denn manch einer, der nächtens wankend – mit roten Augen und schwarzen Schatten darunter – aus dem Zelt schleicht, wäre der absolute Renner auf jeder Halloween-Party.
Vielleicht sollte ich doch …?
Nein!
Aber falls irgendwo jemand Bierdeckelweitwurf und Breznschnappen veranstaltet – da bin ich dabei!

©September 2011 by Michèle Legrand

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Ein Rosenmontag in der Karnevalshochburg Hamburg

Eigentlich war meine Überlegung am Wochenende: Wir haben Karneval. Die Faschingstage stehen vor der Tür. Die Tage, an denen z. B. wir Hamburger einerseits Kunden im Süden der Republik – speziell natürlich  im Rheinland – nur äußerst schwer erreichen, an denen aber auch andererseits keiner dieser Karnevalisten auf die Idee kommt, freiwillig in Hamburg bei unserer Firma anzurufen, um umfangreiche Dinge zu klären, vertrackte Bestellungen loszuwerden oder Reklamationen anzumelden.
Wenn Rosenmontag ist, heißt es Helau und Alaaf, nicht Hängeregistraturwagen-Order, technische Beratung oder Druckerpatronen-Reklamation. Nicht ein komplett neues Möbel-Programm steht auf der Tagesordnung, sondern das Programm des lokalen Karnevalvereins. Und keiner will Lambertz Madeira Keksmischung für den Geschäftsbesuch, alle wollen nur KAMELLEN und das beim Festumzug. Stimmung!
Generell kann oder könnte man davon ausgehen, dass es also etwas ruhiger ist in norddeutschen Büros. Bei uns ist dann auch Stimmung, eine andere, aber durchaus gute …
Wir Nichtsahnenden, Abstinenten, die mit ungläubigem Blick die Freude am Karneval wahrnehmen, atmen dann kräftig durch und machen etwas, was man eigentlich nicht tut:
Wir mokieren uns ein wenig darüber!
Vielleicht, weil wir wirklich nicht nachvollziehen können, was daran so toll ist, vielleicht ist es aber auch ganz einfach nur der blanke Neid der ‚steifen‚ Nordlichter.
Da haben DIE ihren Spaß – jedes Jahr wieder – und bekommen dazu auch noch meistenteils frei! Unerhört!
Die trinken, schwafeln, rennen verrückt verkleidet herum und machen schlimme Sachen! Nein, nicht Orgien! (Sex, Alkohol o. ä.)
Oder vielleicht doch?
Nein!
Viel schlimmer: sie halten BÜTTENREDEN!
Und jedes Mal danach dieses TÄTÄ-TÄTÄ-TÄTÄ! Das kann nicht gesund sein.
Ehrlich, im Grunde machen wir uns hier nur Sorgen um eure Gesundheit …

Heute Morgen nun komme ich ins Büro, und wider Erwarten herrscht doch großer Andrang in den Leitungen.
Immer mehr Firmen gehen dazu über, nicht komplett zu schließen, sondern jeden Tag einen armen Schlucker abzuordnen, der in der Firma die Stellung halten muss. Wir haben demnach heute eine Art Telefonseelsorge zu leisten und müssen Karnevals-Ausgesperrte vor depressiven Phasen retten.
Jedes Mal, wenn eine verloren klingende Person am anderen Ende der Leitung ist und vielleicht noch ein Kölscher Dialekt herauszuhören ist, holen wir tunlichst die Samtstimme hervor und leisten Erste Hilfe. Die besteht in erster Linie darin, dem Einsamen eine Möglichkeit zu geben zu beschreiben, wie schön doch der Fasching ist. Wir zeigen dann tiefstes Verständnis. Kundenservice halt. Dafür bekommen wir gelegentlich Kostproben einiger Büttenreime frei Haus.

Mein Kollege, der mir Anfang letzter Woche mit dem Tankdeckel half, wird telefonisch damit infiziert. Nach mehreren Anrufen dieser Art mutiert er zum „Brezelmann von Määnz“ und ist kurz davor, den Narrhallamarsch zum Besten zu geben. Das Reim-Bedürfnis hält bis zum frühen Nachmittag an, es kommt inzwischen flüssig über die Zunge, der Nachschub rollt zügig und sicher.
Strotzt heut die Mail vor Fehlern nur, trank Whisky wohl der Kunde pur …“
„Ham sie dich allein gelassen, darfst du auch die Kollegen hassen …“
Beim Nachhausegehen höre ich noch:
Wer Karneval in Hamburg mag, der kriegt demnächst nen freien Tag! Tätä-tätä-tätä …

Ich finde, wir sind ganz einfach ab heute die Karnevalshochburg im Norden!
Kann doch nicht so schwer sein. Irgendwo liegt bestimmt noch eine Pappnase herum für den Anfang.

Immerhin hatten wir auch einen Rosenmontagsumzug!
Oh ja!
Eine Kollegin zog heute mit Sack und Pack in ihre neue Wohnung …
Tätä-tätä-tätääää!

©März 2011 by Michèle Legrand

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