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Neues vom Bodensee (3) – Hanglage mit Aussicht: Meersburg

Nur einmal angenommen, Ihnen würde jemand ein Grundstück aufdrängen. Einschließlich Wohnung oder Haus. Befindlich in der Bodenseeregion, in unmittelbarer Wassernähe. Geschenkt! Und Sie sollten obendrein auswählen, wo Sie es denn gern hätten!

Nach der ersten Euphorie werden Sie vermutlich ziemlich ins Schwitzen geraten bei Ihren Überlegungen.
Diese Auswahl! Es gibt so viele schöne Lagen – wo ist es am Bodensee schon hässlich!
Je länger Sie allerdings nachdenken, desto mehr Dinge fallen Ihnen ein, die aus einer schönen, eine optimale Lage machen würden. Es nimmt Formen an, bis sich plötzlich seltsamerweise Vorstellungen hinzugesellen, die sich zunächst zu widersprechen scheinen.

Meersburg - Oktober am Bodensee - Die Vegetation täuscht eine Mittelmeerkulisse vor ...

Direkt am Wasser?

Direkt am Wasser, war vielleicht Ihr erster Gedanke. Aber was, wenn Hochwasser herrscht oder dieser Nebel wieder direkt über dem See festhängt? Oder wenn jeden Tag Massen von Touristen an ihrem Gartenzaun entlangflanieren, weil Sie ja nun unmittelbar an der beliebten Uferpromenade wohnen?
Der Standort ist etwas heikel.

Außerdem möchten Sie auf gar keinen Fall komplett auf Weitblick verzichten! Das andere Ufer und vor allem das Alpenpanorama, … das reizt!
Für die Fernsicht wäre eher ein Plätzchen oben auf einem Hügel zu empfehlen. Nur wenn von dort das Ufer gar nicht zugänglich ist …? Oder Sie es sehr weit hätten, um endlich zu einem Ort mit einem Anleger der Bodenseeschiffe und -fähren zu gelangen?
Das ließe wieder neue Überlegungen aufkommen. Was wäre noch ein Auswahlkriterium?

Am Schwäbischen Meer - Bodenseeschiff läuft Meersburg an ...

Schwäbisches Meer – Ein Plätzchen am Bodensee mit Aussicht ….

Sie mögen Wein. Weinanbau vor Ort würden Sie begrüßen. Weinstuben natürlich auch. Sie essen gern gut. Und so hypermodern brauchen Sie es nicht. Ein gemütlicher, gepflegter Altstadtbereich, das wäre doch ideal!

Meersburg am Bodensee - Hafen - Oberhalb des Weinhangs das Verwaltungsgebäude des Staatsweinguts Meersburg (gelb) und das Neue Schloss

Meersburg am Bodensee – Hafen – Oberhalb des Weinhangs das Verwaltungsgebäude des Staatsweinguts Meersburg (gelb) und das Neue Schloss

Heimlich stehen Sie sogar auf etwas Rustikales wie eine Burg. Und vor Ihrem Auge taucht automatisch gleich ein großer Marktplatz mit auf, auf dem Sie unkompliziert Bekannte treffen oder Touristen beobachten.
Genau! Was Sie – abgesehen von Wassernähe und gleichzeitiger Fernblickmöglichkeit – brauchen, ist eine gepflegte Auswahl an Gastronomie, die Möglichkeit zur Geselligkeit! So in der Art wäre es goldrichtig. Alles in der Größe überschaubar und ohne Hektik.

Meersburg am Bodensee - Schlossplatz

Meersburg am Bodensee – Schlossplatz

 

Bodensee - Alte Bauten ...

Bodensee – Alte Bauten …

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt

Meersburg am Bodensee – Unterstadt

 

Meersburg am Bodensee

Meersburg am Bodensee

 

Meersburg am Bodensee - Schlossmühle mit oberschlächtigem Wasserrad (noch funktionsfähig) unterhalb der Burg ...

Meersburg am Bodensee – Schlossmühle (noch funktionsfähig) unterhalb der Burg …

 

Das oberschlächtige Wasserrad der Schlossmühle Meersburg ...

Das oberschlächtige Wasserrad der Schlossmühle Meersburg …

Moment! Es sollte natürlich auch nicht total in der Pampa liegen! Eine gute Verkehrsanbindung muss gegeben sein – nur bloß nicht die Riesenstraße direkt vor der Nase!
Vielleicht noch ein bisschen südliche Gefühle, ein leicht mediterranes Flair – sehr erbaulich, während Sie irgendwo Ihren täglichen Cappuccino trinken.

Meersburg am Bodensee - Überbordende Blütenpracht auch noch im Oktober ....

Meersburg am Bodensee – Überbordende Blütenpracht auch noch im Oktober ….

 

Meersburg am Bodensee - Café Zierat (mit nur einem 'r')

Meersburg am Bodensee – Café Zierat (mit nur einem ‚r‘)

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt

Meersburg am Bodensee – Unterstadt

Ein Kulturbanause sind sie ebenfalls nicht, es wäre also nett, würde Kulturelles nicht unter den Tisch fallen. Und Sport! Sportmöglichkeiten wären ebenfalls nicht zu verachten.
Kurzum, anspruchsvoll sind Sie ja so gut wie überhaupt nicht, und einem geschenkten Gaul schaut man schließlich nicht ins Maul, aber im Prinzip suchen Sie schon einen Standort mit sowohl Erholungs- als auch Unterhaltungswert in exzellenter und zugleich vielseitiger Lage.

Farbenfrohe Häuserfassaden in der Unterstadt von Meersburg ...

Farbenfrohe Häuserfassaden in der Unterstadt von Meersburg …

Geschafft! Die Wunschvorstellungen wären geklärt.
Die Frage ist nur: Existiert ein solcher Ort überhaupt?
Sie werden vielleicht staunen, aber Meersburg entspricht tatsächlich all den genannten Kriterien!

Meersburg am Bodensee - Uferpromenade und Blick auf die Meersburg

Meersburg am Bodensee – Uferpromenade und Blick auf die Meersburg

Das Städtchen führt ganz offiziell die Bezeichnung „Erholungsort“, hat sogar vor einiger Zeit eine eigene Therme erhalten.
Auf der Karte finden Sie Meersburg, wenn Sie mit dem Finger am nördlichen Bodenseeufer bis zu dem Punkt entlangfahren, an dem der Obersee in den Überlinger See übergeht.
Was Meersburg von zahlreichen anderen Orten am See abhebt und so enorm vielseitig macht, ist seine Hanglage. Der Ort ist nämlich nicht nur unten am Wasser oder allein oben angesiedelt, sondern Meersburg besteht aus einer Unter- und einer Oberstadt. Insgesamt auf einer Höhe von etwa 400 bis 500 Metern gelegen, wobei allein dieser Unterschied zwischen Meersburg oben und Meersburg unten gut 40 Meter ausmacht.
Der Hang ist natürlich optimal nach Süden ausgerichtet, so dass Sie sich lange die wärmende Sonne auf ihre Nasenspitze scheinen lassen können, und durch das milde Klima und die Sonnenreflexion des Seewassers klappt auch der Weinanbau so vorzüglich; die Trauben schmecken sehr aromatisch. Verdursten können Sie in Meersburg sowieso nicht. Nach einer Auskunft von 2011 gibt es dort zwanzig (!) Kleinbrenner, die ihre Produkte herstellen.

Meersburg am Bodensee - Weinhang mit Staatsweingut Meersburg (gelbes Gebäude) und Neuem Schloss (rechts)

Meersburg am Bodensee – Weinhang mit Staatsweingut Meersburg

 

Meersburg am Bodensee - Häuser mit Geschichte - Hotel "Wilder Mann" (seit 1623)

Meersburg am Bodensee – Häuser mit Geschichte – Hotel „Wilder Mann“ (seit 1623)

Die Verkehrsanbindung ist gut und trotzdem müssen Sie nicht unter Stau vor der Haustür leiden. Der Altstadtbereich ist nämlich Fußgängerzone. Der Autoverkehr wird außen herum über eine Serpentinenstrecke, die B33, geleitet und landet erst ein Stück entfernt auf der gut ausgebauten und viel befahrenen B31. Von der hört und sieht man jedoch in Meersburg nichts.

Meersburg am Bodensee - Unterstadtstraße mit Stadttor

Meersburg am Bodensee – Unterstadtstraße mit Stadttor

Wer lieber mit dem Fahrrad unterwegs ist, ist hier praktischerweise direkt auf dem Bodenseeradweg
bzw. dem Bodenseerundweg.
Busverbindungen existieren in die umliegenden Städte, selbst nach Ravensburg gelangt man auf diese
Art.
Was viele sehr gern nutzen, ist außerdem die Möglichkeit, Strecken auf dem Wasserweg zu bewältigen. Bodenseeschiffe legen in Meersburg an und verkehren zu diversen andere Uferstädtchen sowie der Insel Mainau. Darüber hinaus gibt die Autofähre, die alle 15 Minuten ablegt und zwischen Meersburg und
Konstanz pendelt. Selbst nachts verkehrt die Fähre stündlich.

Eine der zwischen Meersburg und Konstanz verkehrenden Autofähren (hier_ MF TABOR, 2004 in Dienst gestellt)

Eine der zwischen Meersburg und Konstanz verkehrenden Autofähren (hier „MF TABOR“, 2004 in Dienst gestellt)

 

Meersburg am Bodensee - Die Anlegestelle der Autofähren etwas westlich vom allg. Hafen

Meersburg am Bodensee – Die Anlegestelle der Autofähren etwas westlich vom allg. Hafen

Wie vielseitig die Geschichte und Einflüsse, wie sehenswert die Bebauung ist, das erkennen Sie vorab –
bevor Sie jegliche eigene Erkundungen vor Ort gestartet haben – schon an folgender Tatsache:
Meersburg ist Teil aller möglichen Ferienstraßen!
Die Stadt ist sowohl ein Punkt an der Oberschwäbischen Barockstraße als auch ein Endpunkt der Schwäbischen Dichterstraße. Dann gehört sie mit zum weit verzweigten Netz der Deutschen Fachwerkstraße genauso wie sie an der sogenannten Route Verte, der Grünen Straße, liegt, die in den Vogesen startet und hinter Meersburg noch weiter bis Lindau geht, wo sie auf dieser Route endet.

Meersburg am Bodensee - Fachwerkbauten

Meersburg am Bodensee – Fachwerkbauten

Wie Sie die Erkundung von Meersburg vielleicht einmal real starten, ob in der Oberstadt oder eher unten am Wasser, ist – salopp ausgedrückt – eigentlich gehopst wie gesprungen. Sehen werden Sie ja so oder so alles.
Was allerdings für einen Beginn in der Unterstadt spricht, ist die Tatsache, dass es wesentlich angenehmer ist, den Höhenanstieg auf der schmalen, autofreien Altstadtstraße zu bewältigen und zum Ende die Rieschentreppe für den Abstieg hinunter zur Schiffsanlegestelle zu wählen. Das gemächliche Erklimmen entlang interessanter Bauten, entlang des Burggrabens, vorbei an vielen Blumenarrangements, Brunnen und kleinen Läden, ist wesentlich entspannter und führt durch das Schauen, Stehenbleiben, Fotografieren etc. zu einem Tempo, das Sie nicht aus der Puste geraten lässt. Wohingegen 171 Stufen ohne Ablenkung und non-stop hinauf schon spürbar sind!

Meersburg am Bodensee - Schloss und Schlossgarten

Meersburg am Bodensee – Schloss und Schlossgarten

 

Meersburg am Bodensee - Schlossgarten - Blick auf die Meersburg und den Bodensee

Meersburg am Bodensee – Schlossgarten – Blick auf die Meersburg und den Bodensee

Die vielen Stufen sind wesentlich besser für den Abstieg geeignet. Dabei haben Sie auch die Möglichkeit, in verschiedenen Höhen auf der Treppe einen Halt einzulegen, um immer wieder den Ausblick auf den See oder den Weinhang des Staatsweinguts zu genießen. Ohne ständiges Umdrehen, wie es beim Aufstieg nötig wäre. Denn jetzt ist Laufrichtung gleich Seh- bzw. Seerichtung.

Meersburg am Bodensee - Hanglage mit Aussicht ...

Meersburg am Bodensee – Treppenabstieg – Hanglage mit Aussicht …

Ich frage mich manchmal bei solch kleinen Gassen und gewundenen Wegen, wie denn dort so profane Dinge wie die Müllabfuhr funktionieren. Zumindest was die Gelben Säcke angeht, kann ich Ihnen berichten, dass kein Spezial-Liliput-Müllfahrzeug auftaucht, um gelbe Miniaturmülltonnen zu leeren, sondern dass die Anwohner all ihre Säcke hinunter zur Uferstraße bringen. Dort wird zentral gesammelt und zur Abholung ein riesiger Haufen aufgeschichtet. (Ich hoffe, dieser Extraaufwand beeinflusst ihre Entscheidung für ein geschenktes Grundstück in Meersburg jetzt nicht negativ …)

Meersburg am Bodensee

Meersburg am Bodensee – … die schmale Straße hinauf. Müllsäcke werden unten deponiert und von der Müllabfuhr abtransportiert.

 

Meersburg am Bodensee - Schmale Gassen, die zur Oberstadt und zur Burg hinauf führen...

Meersburg am Bodensee – Schmale Gassen, die zur Oberstadt und zur Burg hinauf führen…

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt - Entlang alter Mauern und durch kleine Gassen ...

Meersburg am Bodensee – Unterstadt – Entlang alter Mauern und durch kleine Gassen …

 

Meersburg am Bodensee - Der Name Alemannen-Torkel für eine Weinstube ist auch nett gewählt ...

Meersburg am Bodensee – Der Name Alemannen-Torkel für eine Weinstube ist auch nett gewählt …

 

Verhungern kann man in Meersburg nicht .... (Restaurants in der Unterstadt)

Verhungern kann man in Meersburg nicht ….

Wo sie auch einmal hineinschauen könnten – neben dem Burgmuseum, dem Schloss, der Mühle etc. – ist Omas Kaufhaus. Dort finden Sie so unheimlich viele Dinge aus alten Zeiten. Puppenstuben, Bären, Blechspielzeug, Dampfmaschinen, Hummel-Figuren, altes Emailgeschirr, Kunsthandwerk. Kinder mögen es auch sehr, weil dort eine Modelleisenbahn aufgebaut ist. Sie dreht auch tatsächlich ihre Runden!
Und es zieht sich ein Wasserkanal durchs Kaufhaus.  Auf ihm fahren relativ große handgefertigte Sammlerblechschiffe  – und es gibt die „Reise der Titanic“, die natürlich nicht sinkt, sondern ankommt!

Meersburg am Bodensee - Unterstadt - Omas Kaufhaus

Meersburg am Bodensee – Unterstadt – Omas Kaufhaus

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt - Eingang zu Omas Kaufhaus - Der Pustefix-Bär bläst Seifenblasen ...

Meersburg am Bodensee – Unterstadt – Eingang zu Omas Kaufhaus – Der Pustefix-Bär bläst Seifenblasen …

Wofür ist Meersburg eigentlich überregional bekannt? Mit wem verbindet man Meersburg? Jede Stadt hat doch gerne Ihre „Kinder“, ihre Künstler, ihre Prominenten, mit denen sie punkten kann.
Geboren, gelebt, gestorben … Wenigstens eins davon!
Haben Sie einmal darauf geachtet?
Es wird manchmal ein wenig getürkt dabei! Da wird sich bewusst bei der Verbundenheit der betroffenen Person zum Ort etwas diffus und schwammig ausdrückt, und manchmal reicht es, dass ein namhafter Mensch eine einzige Nacht in einem Hotel übernachtet oder in der Bar einen Drink genommen hat, um dazu zu führen, dass dieses Hotel umbenannt wird und jetzt seinen Namen trägt, er als Sohn oder Tochter der Stadt gehandelt und zum Ehrenbürger geadelt wird oder nach seinem Tod ein Denkmal erhält.

Für Meersburg steht Annette von Droste-Hülshoff  („Die Judenbuche“, „Der Knabe im Moor“), und ich behaupte nicht, dass es bei ihr so war! Ihr Leben lässt sich mit Meersburg schon verknüpfen. Ihr Werk ist hier daher überall präsent, Bilder, aber auch Zitate der Dichterin, die nebenher Musikerin und Komponistin war, begegnen einem vielerorts.
Sie lebte in der Burg, sagt man. Und das lässt Raum für eigene Gedanken. Macht sie im Geist vielleicht sogar zur Meersburgerin, wenigstens zu jemandem, der schon immer da war. Dass sie in Münster geboren wurde, fast ihr ganzes Leben anderswo verbrachte und erst in den letzten Jahren vor ihrem Tod zeitweise in einem Zimmerchen auf der Meersburg weilte, weil ihre Schwester mit dem Burgherrn verheiratet war, ist zweitrangig. Aber sie hat dort gewirkt, hat sich von ihren Aufenthalten am Bodensee für ihre (Meersburg-)Gedichte und ihr lyrisches Schaffen inspirieren lassen. Letztendlich starb sie sogar auf der Burg, und ihr Grab befindet sich auf dem Meersburger Friedhof.
Dass die Stadt Münster natürlich auch sagt, Annette von Droste-Hülshoff wäre eine Tochter ihrer Stadt gewesen, gehörte zweifellos dorthin, ist klar …
Sie wissen, wie die Dame aussah? Erinnern Sie sich noch an den alten Zwanziger aus vor-Euro-Zeiten? An die 20-DM-Banknote und deren Porträtbild auf der einen Seite? Dort war Annette zu sehen, und als Vorlage diente eine Zeichnung, die ihre Schwester Jenny von ihr gemacht hatte, die Burgherrin von Meersburg.

Die Meersburg

Die Meersburg

Annette von Droste-Hülshoff taucht sogar an Meersburgs Magischer Säule, einer Skulptur an der Hafeneinfahrt von Meersburg, ganz oben auf dem Pfosten in Gestalt einer Möwe auf. Der Bildhauer Peter Lenk hat sich eine Zeile ihres sehr bekannten Gedichts „Am Thurme“ herausgegriffen und die Dichterin in dieser Form symbolisiert. Dort schrieb sie nämlich, sie würde gern „zischend über das brandende Riff wie eine Seemöve streifen“.

Meersburg am Bodensee - Hafen mit "Magischer Säule" von Peter Lenk

Meersburg am Bodensee – Hafen mit „Magischer Säule“ von Peter Lenk

Diese Magische Säule ist generell eine sehr interessante, filigrane Skulptur. Peter Lenk ist bekannt dafür, dass er sehr gern karikaturhaft darstellt. Er zeigt auch mit Vorliebe gesellschaftliche Missstände auf – natürlich aus seiner Sicht als solche empfundene – was gelegentlich provokant ausfällt, weil es obendrein auf eine satirische Art und Weise geschieht.
Wenn Sie seine Skulpturen (die Magische Säule, die Imperia-Figur in Konstanz oder z. B. der Bodenseereiter in Überlingen) interessieren, weil sie so besonders sind und Sie mehr zu den jeweils dargestellten Figuren erfahren möchten, dann schauen Sie einmal auf die Website des Künstlers.

Blick vom Wasser bzw. Boot zurück auf Meersburg, rechts die "Magische Säule" von Peter Lenk

Blick vom Wasser bzw. Boot zurück auf Meersburg, rechts die „Magische Säule“ von Peter Lenk

Wir sind mittlerweile wieder unten am Hafen angelangt und müssten uns jetzt übrigens ein bisschen sputen, falls Sie nach der Erkundung Meersburgs noch vorhaben, mit auf das Schiff Richtung Konstanz zu kommen. Das Boot legt gleich ab. Auch eine ulkige Sache, die einem häufiger passiert:
Wenn Sie länger am See sind, die Orte ringsherum aufsuchen und die Uferpromenaden mit den Anlegestellen entlanggehen, haben Sie häufig den Eindruck, Sie werden von gewissen Schiffen verfolgt! Überall tauchen sie wieder auf. Sind vor Ihnen dort. Oder treffen irgendwann während Ihres Aufenthaltes ein.
Die „Austria“ ist auch so ein Kandidat!

Meersburg am Bodensee - Uferpromenade mit Anlegestellen für Bodenseeschiffe - Die AUSTRIA nimmt direkten Kurs ...

Meersburg am Bodensee – Uferpromenade mit Anlegestellen für Bodenseeschiffe – Die „Austria“ nimmt direkten Kurs …

Aber davon vielleicht beim nächsten Mal mehr. Für heute soll es wieder reichen.

Meersburg am Bodensee - ... alles gutgegangen, die "Austria" hat rechtzeitig gedreht.

Meersburg am Bodensee – … alles gutgegangen, sie hat rechtzeitig gedreht.

Sie wissen nun, wohin es Sie verschlagen könnte, sollte Sie jemals ein Grundstücksverschenker nötigen, sich für einen Ort am Bodensee zu entscheiden.
Nach Meersburg!
Unten Wasser, oben Ausblick. Und auch dazwischen, einfach überall schön!

Vielleicht lesen wir uns bald wieder? Dann bis demnächst!

Meersburg am Bodensee - Die attraktive Lady (Metallene Silhouette einer Dame mit Hut) steht in der Unterstadtstraße ...

Gruß aus Meersburg!

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© by Michèle Legrand, November 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Am Bodensee: Die Mainau – und warum ein Touristenmagnet zu sein auch Nachteile mit sich bringt (4)

Heute geht es zur Mainau. Erinnern Sie sich an Lummerland, Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer? Haben Sie das berühmte Insellied noch im Ohr?
Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen, weiten Meer,
mit vier Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr …

Sobald Sie am Bodensee, an dem Teil im Nordwesten, den man als den Überlinger See bezeichnet, die tropfenförmige „Blumeninsel“ der gräflichen Familie Bernadotte entdecken, idyllisch und durchaus südländisch anmutend, grün bewachsen, leicht ansteigend, von Wellen umplätschert … kann es Ihnen ergehen wie mir:
Sie summen das Lummerlandlied, und möglicherweise texten Sie dabei ebenfalls um:
Eine Insel mit viel Blumen und dem großen Bodensee
Mit Terrassen, Bäumen, Tieren und dem Schloss in luft’ger Höh’
Nun, wie mag die Insel heißen, ringsherum ist’s grün und blau.
Jeder sollte einmal reisen auf die herrliche Mainau …

Insel Mainau - Schöne Aussicht auf den See ...

Insel Mainau – Schöne Aussicht auf den See …

 

45 Hektar misst die Blumeninsel, die ihrem Namen wirklich alle Ehre macht. Eine Größe, die in etwa der Fläche von 63 Fußballfeldern entspricht, und nahezu das gesamte Areal ist gärtnerisch gestaltet. Im Süden ist die Insel über eine Fußgängerbrücke mit dem Festland verbunden, im Norden, im tieferen Seewasser, befinden sich die Schiffsanlegeplätze. Fähren erreichen die Mainau z. B. von Überlingen, Konstanz und Meersburg. Wer per Auto, Bus oder Rad anreist, für den ist vor dem Verbindungssteg Schluss. Für die, die nicht so weit laufen möchten bzw. können, pendelt jedoch regelmäßig der Inselbus zwischen Festland (Parkplätzen) und Blumeninsel.

Blumeninsel Mainau - Über eine Fußgängerbrücke geht es auf die Insel (oder Sie legen mit dem Schiff an).

Blumeninsel Mainau – Über eine Fußgängerbrücke geht es auf die Insel (oder Sie legen mit dem Schiff an).

Mainau - Der Weg auf die Blumeninsel - Urban knitting bzw. crocheting hier (umhäkelte Bäume)

Mainau – Der Weg auf die Blumeninsel – Urban knitting bzw. crocheting hier (umhäkelte Bäume)

Ich werde mich heute darauf beschränken Ihnen Garteneindrücke zu zeigen, Stellen, die mir gut gefallen haben und Ihnen gleichzeitig jedoch verraten, warum ich bei Touristenattraktionen – wie es auch die Insel eine ist – häufig etwas zwiespältige Gefühle habe. Egal, wie kritisch es sich anhört, ich mag das Eiland! Mir dient es heute lediglich als Beispiel für eine ganz bestimmte Entwicklung.
Wenn Sie an der Insel Mainau, jedoch eher an ihrer Geschichte, Entwicklung oder den geologischen Einzelheiten interessiert sind, bitte ich Sie daher, hinüber zu Herrn Wiki oder der Homepage der Mainau zu wandern.

Blumeninsel Mainau - Der Pfau

Blumeninsel Mainau – Der Pfau

Es muss ungefähr zwanzig Jahre her sein, dass ich – zwei kleinere Kinder dabei – das erste Mal die Blumeninsel besucht habe. Zu sehr kühler Jahreszeit, denn ich entsinne mich, dass wir damals sehr froh über die Orchideen waren, die im warmen Gewächshaus standen. Auf diese Art bot sich eine Gelegenheit, sich zwischendurch aufzuwärmen. Da diese Sonderausstellung immer im Zeitraum von März bis Anfang Mai stattfindet, wird es wohl ziemlich zum Ende des Winters, noch im März, gewesen sein.
Das, was haften blieb vom Besuch der Mainau, war ein Gefühl von Weite auf der eigentlich kleinen Insel, war die Erinnerung an den Anblick von großen Flächen auf denen schon Zwiebelblüher ihre Blütenpracht entfaltet hatten. Ein Meer von Krokussen, die ersten Narzissen und andere Frühblüher. Es war das Bild von mächtigen, alten, ehrwürdigen Bäumen. Es war die Erinnerung an das Schloss, die feuchtwarme Glashausatmosphäre bei den vielen Orchideen – und vor allem im Gedächtnis blieb das abenteuerliche Erkunden der Schatzinsel, wie meine Kinder sie genannt hatten.

Blumeninsel Mainau - Das Deutschordensschloss der Gräflichen Familie Bernadotte mit der Schlosskirche nebenan ...

Blumeninsel Mainau – Das Deutschordensschloss der Gräflichen Familie Bernadotte mit der Schlosskirche nebenan …

Blumeninsel Mainau - Links der Gärtnerturm (Wehrturm), rechts noch Teile des Torbogengebäudes ...

Blumeninsel Mainau – Links der Gärtnerturm (Wehrturm), rechts noch Teile des Torbogengebäudes …

Es gab Platz, viel Platz. Es gab sehr natürlich wirkende Ecken. Es gab räumlichen Abstand zwischen den Menschen, die auf der Insel unterwegs waren. Die Insel war lebendig, was sie jedoch keinesfalls automatisch zu einer lauten Insel machte.

Der Besucherandrang, der Konsum, das Programmangebot, die Vermarktung etc. hielten sich in Grenzen. Für die Kinder war zwar schon ein extra Spielbereich da, zog sie aber nicht sonderlich an. Es störte nicht. Es zählten das bergauf und bergab Insel erkunden, die neugierigen und beinahe zutraulichen Wasservögel, der Turm am Schloss, der Ausblick aufs weite Wasser und das Gefühl von noch viel vorhandener Natur.
Letztendlich hatten wir nicht übermäßig viel Zeit zur Verfügung, weil wir zum Familienbesuch im Süden waren und uns nur kurz weggeschlichen hatten.
Damals hatte ich mir immer gewünscht, irgendwann einmal wiederzukommen. Möglichst in einem der Sommermonate, wenn die Stauden ihre Hochzeit hatten  (mit langem „o“ –  sie haben nicht geheiratet) und all die wärmeliebenden Pflanzen im milden Klima am See so richtig losgelegten …

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Es mag damals an der Jahreszeit gelegen haben, daran, dass nicht Hochsaison herrschte. Es mag aber auch noch vor der Phase gewesen sein, in der man Umstrukturierungen einführen musste, weil langsam aber sicher nicht mehr kostendeckend gewirtschaftet werden konnte und durch Besucherrückgang Verluste entstanden. Im Vergleich zu den 90er Jahren, halbierten sich die Gästezahlen bis etwa zum Jahre 2005.
Heute nun ist die Insel ganzjährig ein Touristenmagnet. Perfekt vermarktet. Eine eigene GmbH kümmert sich um das gesamte Management, die Stiftung ist höchst aktiv.

Blumeninsel Mainau - Der Paradiesvogel-Brunnen

Blumeninsel Mainau – Der Paradiesvogel-Brunnen

Die Mainau von heute bietet wechselnde Bepflanzung, Blütenhöhepunkte, Aktionswochen, Sonderausstellungen, Kunstprojekte, Märkte, Wahl zur Rosenkönigin, Schulungen, Seminare, Feste und noch mehr.
Die Räumlichkeiten des Schlosses können für Veranstaltungen, Feiern oder Tagungen gemietet werden. Hochzeiten (jetzt wirklich das Heiraten) finden im Schloss bzw. der daneben befindlichen Kirche statt. Die Gärten sind makellos. In der Hochsaison werden die Anlagen von ca. 300 Kräften gehegt und gepflegt, außerhalb der Saison ist immerhin noch die Hälfte (ca. 150 Mann) im Einsatz.

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Blumeninsel Mainau - Oberhalb der Staudenbeete grasen Ziegen. Und irgendetwas hat die Katz' vorn gerade entdeckt ...

Blumeninsel Mainau – Oberhalb der Staudenbeete grasen Ziegen. Und irgendetwas hat die Katz‘ vorn gerade entdeckt …

Und hier ist der Punkt, an dem jedes Unternehmen, vor allem aber jeder, der anstrebt, ein Touristenmagnet zu sein oder zu bleiben, ganz fürchterlich in die Zwickmühle gerät. Ein merkwürdiger Kreislauf startet, Kettenreaktionen werden in Gang gesetzt.
Um etwas am laufen zu halten, den Unterhalt zu finanzieren, müssen weiterhin viele kommen, besser sogar, es zieht noch mehr an als bisher, denn:
Mehr Gäste, mehr Einnahmen.
Mehr Gäste aber auch nur, wenn mehr geboten wird, denn:
Mehr Leistung, höhere Attraktivität, steigende Besucherzahl.

Blumeninsel Mainau - Die berühmte Wassertreppe von 1982, die 2007 im Rahmen eines Kunstprojekts noch einmal verlängert wurde.

Blumeninsel Mainau – Die berühmte Wassertreppe von 1982, die 2007 im Rahmen eines Kunstprojekts noch einmal verlängert wurde.

Mehr leisten steigert jedoch ebenfalls die Kosten – mehr Gäste bringen allerdings das Plus auf der Einnahmenseite.
Wer mehr bietet, kann zudem eher den Eintrittspreis anheben. Durchsetzen! Wenn es gerechtfertigt erscheint!

Blumeninsel Mainau -  ... hier noch einmal nur der obere Teil der Wassertreppe.

Blumeninsel Mainau – … hier noch einmal nur der obere Teil der Wassertreppe.

Was rechtfertigt denn höhere Eintrittspreise? Und wann und wie kommen mehr Menschen als vorher?

Nehmen wir wieder die Mainau als Beispiel:
Man verbessert die Infrastruktur. Erneuert und vergrößert Parkplätze in beträchtlichem Ausmaß (plus Parkleitsystem, inkl. neuer, großzügiger Busbereiche). Man optimiert das Wegesystem auf der Insel. Breiter, besser begehbar, Rundgang, Querverbindungen, weiter führend als bisher oder sogar großteils barrierefrei. Man entkommt der Saisonfalle und bietet ganzjährig Programm. Kreiert im Jahresverlauf wechselnde Attraktionen, um Besucher zum Wiederkommen zu animieren. Zeigt ausgefallene Pflanzen. Pflanzt üppig und ungewöhnlich. Hebt auch den besonderen Baumbestand mehr hervor (Arboretum)
Man kümmert sich um das Wohl der jüngsten Gäste, stellt einen interessanteren, neuen, zusätzlich mit Wasser gestalteten Spielbereich zur Verfügung. Denkt sogar an das Vermieten von Handtüchern. Man sorgt für das leibliche Wohl. Baut nicht nur ein Restaurant, sondern bietet an verschiedenen Punkten quer über die Insel verteilt ein gastronomisches Angebot. Informationen zu Veranstaltungen, Pflanzen, Rundgängen, Geschichte etc. werden leichter zugänglich gemacht.
Man erhöht die Zahl der Anlegeplätze (inzwischen mind. fünf!), welche von den Fährschiffen genutzt werden, die die (begehrten) Touristen befördern. Mehr Schiffe, mehr Gäste … Gerade erst wurde im Bereich der Schiffsanlegestelle ein weiterer, sehr großer, modern erscheinender Gastronomiebereich erstellt.

Blumeninsel Mainau - Die Zahl der Anlegestellen hat im Laufe der Jahre mächtig zugenommen ...

Blumeninsel Mainau – Die Zahl der Anlegestellen hat im Laufe der Jahre mächtig zugenommen …

Was zusätzlich ein sehr einträgliches Geschäft ist und Geld in die Kassen schwemmt, ist der Souvenirverkauf. Folglich wird der Bau von Läden intensiviert. Die Shops werden strategisch geschickt platziert, nämlich so,  dass keiner so einfach daran vorbeikommt.
Was schließlich auch immer hervorragend läuft, sind Tiere. Bauernhoftiere machen sich gut und ziehen an.
Waren kalte Jahreszeit, Vegetationspause oder einfach schlechtes Wetter bisher das Problem und ließen Besucher fortbleiben, werden nun Attraktionen entwickelt, die vom Wetter unabhängig machen. Ein riesiges Schmetterlingshaus unter Glas lädt ein, mit je nach Saison bis zu 1000 Schmetterlingen!

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus - Tropische Tagfalter

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus – Tropische Tagfalter

Blumeninsel Mainau - Im Schmetterlingshaus ...

Blumeninsel Mainau – Im Schmetterlingshaus …

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus - ... an der Tränke

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus – … an der Tränke

Ich betone, die Mainau dient nur als Beispiel für etwas, was in dieser Form überall auftritt, wo geballt vermarktet wird, wo etwas Attraktivität erlangen bzw. behalten soll und es darum geht Besucher anzulocken, weil das Projekt – was immer es auch sei – sonst nicht tragbar wäre.
Die Ideen sind gut, die einzelnen Angebote gelungen, das Ziel scheint somit erreicht – doch alles zusammen erzeugt gleichzeitig leider auch etwas Unerwünschtes:
Massenandrang und Massenabfertigung mit all seinen negativen Nebenerscheinungen, und zusätzlich entfernt man sich mit der Zeit immer mehr vom ursprünglich Existierenden!
Manchmal auch von dem, was es einst ausmachte …
Ganz hart ausgedrückt, setzt die Entwicklung zudem eine Spirale der Eskalation in Gang mit Folgen, die so keiner möchte. Je mehr Leute tatsächlich wie gewünscht reagieren, d. h. anbeißen und hinströmen, umso mehr wird notgedrungen wieder angepasst respektive verändert. Um so in der Position zu sein, noch mehr Menschen aufzunehmen, sie abzufertigen und durchzuschleusen. Um erneut zusätzliche Eintrittsgelder zur Deckung der ein weiteres Mal gestiegenen Aufwendungen einzustreichen …

Blumeninsel Mainau - Brunnenarena

Blumeninsel Mainau – Brunnenarena

Blumeninsel Mainau - An der Brunnenarena - Dahlien, Hochstammrosen, ergänzt durch Stauden und Sommerblumen ...

Blumeninsel Mainau – An der Brunnenarena – Dahlien, Hochstammrosen, ergänzt durch Stauden und Sommerblumen …

Blumeninsel Mainau - Üppige Blütenpracht - Engelstrompete (Brugmansia)

Blumeninsel Mainau – Üppige Blütenpracht – Engelstrompete (Brugmansia)

Weitere Fähranlandungen oder Busladungen von Besuchern erfordern natürlich weitere Gastronomie, sanitäre Anlagen, zusätzliche Souvenirstände, noch mehr und immer buntere Beete, weitere Pflanzenarten, noch häufiger wechselndes Angebot, ständig neue Pläne und Ideen. Auf Seiten der Gäste steigt nämlich mittlerweile die Erwartungshaltung.
Und immer noch mehr … mehr … mehr.
Weiterer Kostenanstieg – denn der Erhalt und Unterhalt alles Neuen kommt hinzu. Die logische Konsequenz: Der Eintritt wird weiter erhöht. Gelegentlich werden in dem Zuge auch gleich bisher beibehaltene Vergünstigungen abgeschafft. Die Stimmung kann jetzt leicht kippen. Die Insel wird nicht größer, nur voller. Die Gärten werden nicht schöner, nur gefühlt bombastischer, erschlagender.
Gut so? – Okay? – Oder keine schöne Entwicklung?
Nur was wäre jetzt die Alternative?

Blumeninsel Mainau - Bitterorange  (Poncirus trifoliata)

Blumeninsel Mainau – Bitterorange (Poncirus trifoliata)

Zurückdrehen geht nicht mehr. Ein simpler Garten allein ist heute zu altbacken und uninteressant, bzw. wäre lediglich einer unter vielen. Kein Touristenmagnet. Er würde tatsächlich nur die reinen Gartenfreunde, die Pflanzenliebhaber und -kenner entzücken. Damit ließen sich nicht die Massen anlocken, und selbst die Liebhaber würden nicht fortwährend Wiederholungsbesuche einplanen, wenn sich tatsächlich nie etwas veränderte oder für Überraschungen sorgte.
Man kann also weder zurück, noch lässt sich einfach Stillstand bewahren. Nichts zu unternehmen bedeutete, keine Neugier mehr zu wecken, den (selbst anerzogenen) Besuchererwartungen nicht mehr zu genügen und in vermutlich kürzester Zeit an Anziehungskraft zu verlieren.
Dem Nichtstun folgte das Einfahren von Verlusten,  der Garten in der bestehenden Form könnte nicht erhalten werden. Er würde allmählich verkommen. Die Blumeninsel langsam aber sicher in Vergessenheit geraten …

Die Mainau hat sich verändert. Teilweise wohl zu ihrem Vorteil (vielseitiger, profitabler), teilweise eindeutig auch zum Nachteil. Die Begleitumstände sind es, die zu denken geben.
Es finden sich immer noch viele wunderschöne Stellen auf der Insel. Das sind für mich die weniger grellen, die ungekünstelten, an denen gar nicht versucht wurde, auf kleinstem Raum unheimlich viel Verschiedenes zusammenzupferchen.  Das ist dort, wo einen die Masse nicht erschlägt. Es gibt reizvolle Ideen wie die saisonalen Gärten, wo sich der Andrang in Grenzen hält. Anziehend ist mit Sicherheit das Schmetterlingshaus – würde man sich dort nur nicht wie eine Sardine in der Büchse fühlen.

Tropischer Tagfalter - Insel Mainau - Schmetterlingshaus

Tropischer Tagfalter – Insel Mainau – Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau - Saisonale Gärten: "Welten"

Blumeninsel Mainau – Saisonale Gärten: „Welten“

Blumeninsel Mainau - Schön ist's, wenn die Wege am Wasser verlaufen und dazu noch südländisches Flair aufkommt ...

Blumeninsel Mainau – Schön ist’s, wenn die Wege am Wasser verlaufen und dazu noch südländisches Flair aufkommt …

Blumeninsel Mainau - Rankpflanzen mit tollen Blüten von Juli bis Herbst_ Die Sternwinde (Ipomea quamoclit)

Blumeninsel Mainau – Rankpflanzen mit tollen Blüten von Juli bis Herbst:  Die Sternwinde (Ipomea quamoclit)

Blumeninsel Mainau - Fleischfresser ...

Blumeninsel Mainau – Fleischfresser …

Ich wäre insgesamt mit wesentlich weniger zufrieden. Für mich müsste es tatsächlich nicht immer mehr, immer bunter, immer aufwändiger, immer anders, ständig neu sein.
Mich faszinieren Farbharmonien, Natürlichkeit und z. B. auch wesentlich mehr der Moment, in dem ich eine kleine Eidechse auf einem Stein entdecke …

Blumeninsel Mainau - Ein ganz kleiner ...

Blumeninsel Mainau – Ein ganz kleiner …

Blumeninsel Mainau -  ... wendet gerade

Blumeninsel Mainau – … wendet gerade

… oder Enten am Ufer bei ihren Dehnübungen beobachten kann. (Und mir überlege, ob ich das mit dem Bein wegstrecken auch hinbekommen würde.)

Blumeninsel Mainau -  ... hier betreiben auch die Enten ihre Dehnungsübungen

Blumeninsel Mainau – … hier betreiben auch die Enten ihre Dehnübungen

Trotz gemischter Gefühle würde ich gern wieder dorthin. Dem ganzen noch einmal eine Chance geben. Denn mit einem kann die Mainau immer punkten –  daran wird sich glücklicherweise nichts ändern: Sie hat diese traumhafte Lage im milden, so pflanzenfreundlichen Seeklima und den wirklich atemberaubenden Ausblick von der Anhöhe oben in Schlossnähe hinunter auf den Bodensee und Richtung Alpen.

Blumeninsel Mainau - Zimmer mit Aussicht ...

Blumeninsel Mainau – Zimmer mit Aussicht …

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – höher gelegene Staudenbeete an den Treppen nahe des Schlosses

Als ich die Mainau am frühen Nachmittag verließ – mit dem Gefühl, es sei bereits mehr als gut gefüllt!  – strömten gerade neue Menschenmassen aus Bussen und PKW über die Fußgängerbrücke zur Insel.
Wirkliche Massen! Die Tageshauptbesuchszeit hatte eingesetzt.
Summend entfernte ich mich …

Eine Insel mit viel Blumen und mit Menschen dicht an dicht
Mit Gedränge und Anstehen und nicht immer freier Sicht
Nun wie mag die Insel heißen, hin und wieder herrscht Radau
trotzdem sollte jeder reisen auf die herrliche Mainau …

Vielleicht sind Andrang und Lärm Anfang Mai oder im Spätherbst nicht ganz so groß … Einen Versuch wäre es wert.

©Oktober 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Am Bodensee: Pfahlbauten …! (3)

„Ach, die sind nicht echt?“ Ich erhielt zu meinem Erstaunen auch diese Reaktion, als ich erzählte, ich hätte mir während des Urlaubs am Bodensee Pfahlbauten angeschaut. Sinngemäß lief die Unterhaltung folgendermaßen ab:
„Wo warst du da? Unterwas? Noch nie gehört. Was gibt es da?“
Unteruhldingen. Der Ort liegt am Überlinger See, einem nordwestlichen Teil vom Bodensee. Dort gibt es die Pfahlbauten.
„Und warum?“
„Warum was? Warum ich sie ansehe oder warum sie da sind?“
„Warum alles überhaupt.“
„Dort und in der Umgebung standen in der Stein- und Bronzezeit Häuser, die am Wasser auf Pfählen gebaut wurden. Ganze Dörfer sogar!
„Die kann man angucken?“
„Nicht die Originale, aber Rekonstruktionen.“
Und dann folgte dieser Eingangssatz, aus dem leichte Enttäuschung und sogar ein minimaler Vorwurf herauszuhören war:
„Ach, die sind gar nicht echt?“ Die Miene verriet milde Entrüstung.
Ich weiß, dass mein Fragesteller ein Holzgerätehäuschen im Garten besitzt und versuchte es so:
„Wenn du von der Hütte auf eurem Grundstück ausgehst, was denkst du, wie lange die bei Nässe, Sonne, Frost, Sommer, Winter, Sturm und Hagel noch halten wird?“
Ratloser, fragender Blick.
„Sie müsste um das Jahr 8000 n. Chr. immer noch stehen – falls irgendjemand partout das Original besichtigen wollte“, fuhr ich fort. „Dann hätten wir einen vergleichbaren Zeitabstand.“
„Was, so lange ist das her? Oder hin …?“
„Ja, Stein- und Bronzezeit waren von etwa 4000 bis 850 v. Chr. und selbst wenn die Menschen damals ihre Häuser sorgfältig gebaut haben, einen noch bestehenden, derart „gut erhaltenen Altbau“ gibt es nach 6 000 Jahren nicht. Den findet man selbst nach 3 000 Jahren nirgends.“
„Und woher weiß man dann, wie das alles aussah?“
„Von zahlreichen Ausgrabungen und Fundstücken. Die Bauten versanken im See und Taucher haben einiges entdeckt. Es blieb unter Wasser, abgeschlossen von der Luft, erstaunlich gut erhalten. Die wissenschaftlichen Untersuchungen brachten umfangreiche Erkenntnisse. Mit diesen Funden und dem gewonnenen Wissen konnte man einiges rekonstruieren. So entstand bereits vor langer Zeit das Pfahlbau-Museum von Unteruhldingen.“

Bodensee (Überlinger See) - Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee (Überlinger See) – Unteruhldingen – Pfahlbauten

Klinken wir uns hier aus dem Gespräch aus. Ich erzähle Ihnen direkt weiter.

Ich hatte gern dorthin gewollt. An einem Tag, der morgens recht diesig und mit Regenvoraussage startete, ging es entlang des Sees Richtung Freilichtmuseum. Man sollte sich nie ewig ärgern, wenn das Wetter sich bockig zeigt. Dann eben ohne Sonne!
Ich konnte mir sogar vorstellen, dass Pfahlbauten, die am Wasser diffus aus dem Nebel ragen, besonders eindrucksvoll wirken. Gleichzeitig erinnert allein der Gedanke an eine solche Atmosphäre spontan ein bisschen an die alten Edgar-Wallace-Krimis, die an der neblig verhangenen Themse angesiedelt sind. Wasser, das an Pfähle prallt, Glucksen, knartschendes Holz, aufsteigende Luftblasen, Schritte, ein hoher Schrei …
Bitte, ganz ruhig bleiben!
Am Bodensee schreien prinzipiell nur die Wasservögel.
Fast war es ärgerlich, dass der Dunst sich vormittags schnell lichtete, doch einen ersten Blick erhascht man dadurch schon aus sehr großer Entfernung auf diese eigentümlichen Bauten. Wenn Sie auf dem Weg nach Unteruhldingen auf einer Anhöhe an der sehenswerten Klosterkirche Birnau vorbeikommen, dann halten Sie an. Besuchen Sie die innen reich verzierte Kirche und vor allem, genießen Sie den Ausblick auf und weit über den See! Wenn Sie in die Ferne und auf die linke Seite schauen, dort wo die einzelnen Bäume auf einer Landzunge in den See hineinragen … dort sind die Pfahlbauten.

Bodensee (Bereich Überlinger See) - Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See ...

Bodensee (Bereich Überlinger See) – Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See …

Sie sehen nichts? Ich kann Ihnen viel erzählen?
Sie haben recht. Wissen Sie was? Ich werde etwas heranzoomen … Jetzt können Sie es erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) - ... die Bäume etwas herangeholt ... So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) – … die Bäume etwas herangeholt … So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Pfahlbauten ansehen … Es ist eine kleine Zeitreise, die man unternimmt, und das Museum unterstützt den Einstieg in die Stein- und Bronzezeit tatkräftig, indem der Besucher zu Beginn zu einem virtuellen Tauchgang geladen wird. Sie verweilen in Gruppen einige Minuten in einer Art Rundkino (Archäeorama), welches Ihnen den Eindruck vermittelt, Sie befänden sich in der Unterwasserwelt und seien mit Tauchern zwischen den Pfählen in den Tiefen des Bodensees auf Erkundungstour. Sie saugen die ersten Informationen auf, und wenn Sie nach einigen Minuten aufsteigen (gefühlt), öffnet sich ein Tor nach draußen. Was Sie als erstes und zwar ausschließlich – sehen, sind die stein- und bronzezeitlichen Häuser auf den Pfählen über dem Wasser …
Ein ganz eigenartiges Empfinden. Es katapultiert Sie kurzzeitig tatsächlich zurück – solange, bis Sie auf die Verbindungsstege getreten sind, Ihren Blick wieder in alle Richtungen wenden können und von da an die Beweise der modernen Zeit wieder mit erfassen.
Trotz allem, sehr geschickt und gekonnt inszeniert!

Das Freilichtmuseum gibt es schon sehr lang. Die ersten Häuser entstanden 1922. Es kamen später in den dreißiger Jahren weitere hinzu, danach noch einmal in den Jahren zwischen 1996 und 2007. Es handelt sich – wie oben kurz erwähnt – um originalgetreue Rekonstruktionen, die aufgrund der Auswertungsergebnisse der Ausgrabungen möglich waren.
In den Häusern selbst sind darüber hinaus Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge verschiedener Berufsgruppen als Nachbildungen zu sehen, die man – was ich sehr schön finde! – in diesem Fall in die Hand nehmen darf. So bekommen Sie ein Gefühl für die Handhabung und auch für die Schwere oder Bauweise eines Werkzeugs. Die echten Fundstücke sind separat in einer Sonderausstellung zu sehen.

Nach Ihrem Ausstieg aus der „Tauchglocke“ erhalten Sie durch einen Mitarbeiter des Museums weitere Informationen vor dem Erkunden der Häuser, und selbst dort stehen Fachleute im Innern der Gebäude parat und verraten Details zu handwerklichen Tätigkeiten, unterschiedlichen Arbeitsweisen und Besonderheiten der Lebensweise der Menschen in der Stein- und Bronzezeit! Das empfand ich als eine sehr gelungene Kombination von auf eigene Faust sowie mit dem eigenen Tempo ansehen und der Möglichkeit, Fragen zu stellen oder einfach stehenzubleiben und zuzuhören.

Bodensee - Unteruhldingen - Pfahlbauten - Eines der Steinzeithäuser "Riedschachen"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Eines der Steinzeithäuser „Riedschachen“

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Bodensee - Pfahlbauten am Überlinger See - Das bronzezeitliche Dorf "Unteruhldingen"

Bodensee – Pfahlbauten am Überlinger See – Das bronzezeitliche Dorf „Unteruhldingen“

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Manchmal wundert sich der Mensch von heute über Dinge aus vergangener Zeit oder über die Existenz eines Objekts an einem bestimmten Ort. Er sucht nach einer Begründung, ist neugierig. Speziell dann, wenn das Existierende die kompliziertere Lösung von mehreren Möglichkeiten zu sein scheint. Wie und warum, warum so und nicht anders. So ergeht es mir jedenfalls häufig. Wenn Sie Lust haben, gehen wir einigen Dingen im Zusammenhang mit den Pfahlbauten nach.

Warum hat man eigentlich damals Pfahlbauten errichtet? Sie normalen, einfacher zu bauenden,  eventuell vom Wasser etwas entfernter liegenden Häusern vorgezogen? Warum zog es die Leute gerade in die Gegend der Voralpenseen (Bodensee u. weitere Gewässer)?

Die unmittelbare Nähe zum Wasser war höchst praktisch! Es war dort sicherer, und es lag verkehrsgünstig. Die Menschen damals handelten bereits mit einzelnen Gütern, so war es hochwillkommen und wurde angestrebt, dass die großen Handelswege (europäischer Fernhandel!) nicht fern lagen. Die Kommunikation war einfacher wie auch die Frage der Abfallentsorgung
Am Haus stand recht fruchtbares Land für Anbau oder Viehzucht zur Verfügung, und es gab ausreichend Fläche für den Fischfang. Der Wasserweg als Verbindung von einem zum anderen Ort wurde zudem damals (mangels gleichwertiger Verbindungen über Land) rege genutzt.
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Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Einbaum (kleinerer Art, 5,50 m)

Bodensee – Unteruhldingen am Überlinger See – Pfahlbauten – Einbaum kleinerer Art, 5,50 m Länge. (Was heute das Auto vor der Tür, war damals der Einbaum am Pfahlhaus)

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Einziger Wermutstropfen: ein ständig wechselnder, teilweise bedrohlich hoher Seewasserspiegel.
So etwas war riskant, gefährlich!
Es bedeutete nicht nur gelegentlich nasse Füße oder war damit erledigt, dass zwischendurch schnell durchgefeudelt wurde!

Bereits in der Jungsteinzeit entstanden daher erste nach Pfahlbauweise errichtete Dörfer, die vor diesem gefürchteten Hochwasser und generell dem sehr feuchten, nachgebenden Untergrund schützen konnten.
Auch heute noch schwankt der Wasserspiegel des Bodensees während des Jahres beträchtlich. Wenn die Schneeschmelze ab März einsetzt, steigt der Spiegel durch enorme Zuflüsse manchmal innerhalb von drei Monaten um bis zu drei Meter an! Dieses Phänomen kannten natürlich auch damals die Steinzeitbewohner, es trat für sie ganz ähnlich in Erscheinung. Ihm musste in irgendeiner Form wirkungsvoll begegnet werden, und hinzu kam, dass der ständige Wechsel zwischen Überflutung und Trockenlegung, zwischen Sedimentation und Erosion einem „normalen Haus“ ebenfalls arg zusetzte.
Wer also nicht riskieren wollte, ständig ein überflutetes oder unterspültes, danach schwer wieder trocknendes, ja, ein in kurzer Zeit komplett zerstörtes Haus zu haben und zusätzlich auf einen generell sicheren Stand bedacht war, der suchte sich geeignete Stämme zur Konstruktion eines aus dem Wasser herausragenden Wohnsitzes.
Jeweils im Winterhalbjahr, bei Wasserniedrigstand und teilweise trockenen Uferzonen, wurden die neuen Pfähle in den Boden getrieben, auf ihnen eine Plattform und auf ihr das Haus errichtet.

Wie lange „überlebte“ denn so ein Pfahlhaus tatsächlich?

Die Pfahlbauten hielten unter den gegebenen Bedingungen natürlich nicht ewig. Die verwendeten Holzpfähle waren nach zehn bis fünfzehn Jahren, ganz selten auch einmal dreißig Jahren verrottet und somit untauglich. Eichenpfähle überdauerten unter Umständen bis zu 50 Jahre, standen jedoch nicht immer zur Verfügung. Das leichter aufzutreibende Nadelholz oder auch Esche besaß leider nur eine kürzere Haltbarkeit. So wurde damals ständig repariert, um einen Neubau solange wie möglich herauszuzögern.
Das wirft bei mir die zusätzliche Frage auf, wie denn die ersten rekonstruierten Häuser, die bereits 1922 entstanden und mittlerweile über 90 Jahre alt sind, diese lange Zeit überstanden.
Vermutlich wird viel zum Erhalt der Häuser beigetragen wird und eventuell mit heutigen, modernen Mitteln ihrer Verrottung entgegengewirkt.
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Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten

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Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl. Dorfs "Bad Buchau"

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl. Dorfs „Bad Buchau“

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Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Auf den Stegen außen entlang ...

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Auf den Stegen außen entlang …

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Wie war das beim Bauen? Dauerte es sehr lang? War es sehr beschwerlich?

Ich hatte so still für mich angenommen, dass es unheimlich mühsam und sehr langwierig gewesen sein muss, neue Pfahlbauten zu erstellen.
Unter den gegebenen Umständen und mit den vorhandenen Steinzeitutensilien! Allein das Suchen, Finden, Vorbereiten und Bearbeiten von Baumaterial!
Massenhaft möglichst gerade, ähnlich dicke Bäume auswählen, von denen zumindest ein Teil in einer bestimmten Höhe vorzugsweise eine Astgabel besitzen sollte, damit beim Hausbau später dort tragende Hölzer aufgelegt werden können.
Unzählige Bäume fällen, die Last ans Ufer transportieren, Pfähle anpassen, richten, einrammen, ausrichten, Material (Äste, Lehm) für die Wände heranschaffen, Flechtwände oder Wände anderer Art erstellen. Gras, Schilf schneiden, bündeln, Rinde von Bäumen schälen, einweichen, in schmale Streifen teilen, um daraus „Schnüre“ zu produzieren, mit denen einzelne Bauteile eng und fest verbunden wurden, eine Dachkonstruktion erstellen …
Alle Arbeiten am Haus zudem nicht ebenerdig, sondern irgendwo in luftiger Höhe!
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Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbau-Museum - Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden..

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbau-Museum – Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden.

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So viele Arbeitsschritte, so viel Mühe – und dabei keine helfenden Maschinen, keine elektrischen Geräte! Lediglich reine Handarbeit. Anfangs mit Hilfe simpler Steinäxte, später in der Bronzezeit unter Einsatz von Werkzeugen, die bereits Metallklingen besaßen oder unter Verwendung neuer bzw. zusätzlicher hilfreicher, meist stabilerer Gegenstände.
Wissen Sie, was der Klebstoff der Vorzeit war? Mit dem man teilweise auch die Klingen in die Holzschäfte einsetzte? Man nahm Birkenpech, das durch Destillation aus der Rinde der Birken gewonnen wurde. Doch das nur nebenbei.

Also, wie viel Zeit muss man rechnen? Wie viel Zeit brauchte es zum Fällen eines einzigen Baumes, wie viele Monate ein Haus fertigzustellen?
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Es gibt in Unteruhldingen einen sehr anschaulichen Film dazu, der in Zusammenarbeit mit der Sendung mit der Maus entstand, als 1996 das steinzeitliche Hornstaadhaus originalgetreu nachgebaut wurde. Mit Werkzeugen, die vor tausenden von Jahren üblich waren!
Der Film zeigt die Vorgehensweise und verrät Details zur Bautechnik. Er zeigt mir auch endlich, dass ein Baum nicht wie ein Brot durchgeschnitten wird. Nicht ein „Schnitt“ waagerecht, quer durch den Stamm, sondern stattdessen wird mit einer Axt in der gewünschten Höhe durch einen schräg-senkrechten Einschlag Holz abgespalten. Nachdem anfangs die Rinde rundherum abgespalten ist und wie eine Ziermanschette absteht, wird im nächsten Arbeitsgang die Axt entsprechend tiefer, weiter im Stammesinneren, angesetzt und somit rundherum die nächste Lage gespalten. Keilförmig. Vorteil: es geht enorm schnell, und der Pfahl ist automatisch schon zugespitzt! Fertig zum Aufstellen!
Für mich die verblüffende Erkenntnis, dass ein zukünftiger Pfahl von einem Könner in drei, vier Minuten (!) abgeholzt ist. Für den Hausbau insgesamt bedeutet es: Wenn drei bis vier Helfer mit anfassen, beträgt die reine Bauzeit etwa drei Wochen. Hinzu kommt die Vorbereitungszeit, die für die Materialbeschaffung und dessen Einsatzbereitschaft einkalkuliert werden muss. Sie schlägt noch einmal mit ca. zwei Monaten zu Buche. Bevor das nächste Hochwasser im zeitigen Frühjahr anstand, war das neue Pfahlhaus fertig!
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Bodensee - Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links steinzeitl. Dorf "Sipplingen", rechts Haus " Hornstaad"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links steinzeitliches Dorf „Sipplingen“, rechts Haus “ Hornstaad“

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Was müssen die Menschen begeistert gewesen sein, als sie zum Ende der Steinzeit merkten, dass ein Zusatz von Zinn das (bisher zu weiche) Kupfer zu einer sehr harten Legierung verwandelte. Bronze hieß die Neuerfindung, die sie fortan für effektivere Werkzeuge oder Waffen (Jagd) nutzen konnten.
Vielleicht waren sie in diesem Moment damals euphorisch und in dem festen Glauben, sie wären – was Erfindungen angeht – am Ziel. Etwas Besseres, Moderneres könnte nicht mehr kommen. Stellen Sie sich doch einmal vor, wie es den Steinzeitmenschen wohl von den um die Füße gewickelten Zeugstreifen (Socken gab es noch nicht) gerissen hätte, hätte er geahnt, welche weiteren Entwicklungen es bis zum Jahr 2014 n. Chr. geben würde!
Oder wir!
Wir glauben doch eigentlich ebenso, dass es langsam nichts wirklich Neues mehr zu erfinden gibt, bzw. dass es nun vielleicht mehr um das Erforschen von z. B. Krankheiten und deren Bekämpfung geht als um noch mehr neue, durchgreifende, total anders geartete technische Errungenschaften.
Ob wir da richtig liegen?
Es wäre interessant zu wissen, was in tausend oder zweitausend Jahren der zu diesem Zeitpunkt lebende Mensch von dem Schnickschnack des Jahres 2014 hält.
Vielleicht geht er 4014 n. Chr. in ein Museum, das sich in einer Ausstellung unserer Jahre, unserer Epoche annimmt. Sieht dort rekonstruierte Glasbauten, einen Nachbau der Elbphilharmonie, lässt sich Laubbläser und Jahrhunderte alte Hochleistungswäschetrockner, antike Smartphones und merkwürdige Dinger mit dem Namen iPad erklären. Erkennt daran den Fortschritt von Schiefertafel stromfrei zu elektronischen Devices und grinst breit, weil mittlerweile das Schreiben schon seit 875 Jahren abgeschafft ist und alles nur noch per Gedanken übertragen wird. Er kennt eine völlig neue Energiequelle, Laub zum Wegpusten gibt es in Ermangelung von Bäumen leider nicht mehr und Wäschetrockner braucht seit 2692 n. Chr. kein Mensch, weil sich die Einwegkleidung durchgesetzt hat. Ein Sprühverfahren, mit dem der Körper täglich beflockt wird.
Wer weiß …

Sie können nicht in die Zukunft reisen, aber am Bodensee haben Sie dafür die einmalige Gelegenheit zurückzureisen und der Stein- und Bronzezeit näherzukommen. Falls Sie das Thema der Pfahlbauten jetzt noch weitergehend interessiert und Sie mit einem Besuch des Museums in Unteruhldingen liebäugeln, empfehle ich Ihnen wärmstens das Aufrufen der Website, die sehr gut und übersichtlich aufgebaut ist und zahlreiche Informationen bereithält.
Abgesehen von den persönlichen Eindrücken und allem Gelernten während des Besuchs, diente diese Homepage auch für mich als Quelle für einige der genannten Daten bzw. zu ihrem Gegencheck.
Schauen Sie bitte hier:
Pfahlbaumuseum Unteruhldingen (Danach „Ihr Besuch“ oder z.  B. auch den „Virtuellen Rundgang“ auswählen)
Dort finden Sie auch Hinweise auf Veranstaltungen und Einzelheiten zum Steinzeitparcours, der besonders mit Kindern empfehlenswert ist!
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Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links Haus "Hornstaad", rechts Haus "Arbon" (aus Holz gebaut)

Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links Haus „Hornstaad“ (1996 – Pfosten, Lehmflechtwände, Grasdach), rechts Haus „Arbon“ (1998 – Pfosten, Bretterwände, Schindeldach)- Diese beiden Häuser sind für experimentelle Langzeitbeobachtungen, daher nicht zugänglich.

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Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Bereich Steinzeitdorf (TV, 2006)

Im Jahre 2006 wurde in Oberschwaben an einem Weiher eine ARD-Dokumentationsserie gedreht, bei der 13 Menschen in einem Experiment über acht Wochen lang versuchten, sich unter Bedingungen durchzuschlagen, wie sie die ersten Bauer und eben auch die Pfahlbauer der Jungsteinzeit vorgefunden haben. Nach dem Experiment wurden die Häuser hier nachgebaut und dienen Schülern im Rahmen von Projekten zur Veranschaulichung des Lebens in der Steinzeit.

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Pfahlbauten in dieser Form, als angelegtes Dorf, gab es nach der Bronzezeit vorerst nicht mehr, denn die Menschen zog es aufgrund einer erheblichen Klimaveränderung (auch damals schon!) inzwischen doch mehr in das Landesinnere bzw. in höher gelegene Gebiete. Nach über 3 000 Jahren war in dieser Hinsicht das Ende des Pfahlbaus gekommen.

Gibt es den Pfahlbau gar nicht mehr? Hat man danach nie wieder …?
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Doch, heutzutage sind Stelzenbauten, wie sie auch genannt werden, noch an den Küsten in Südostasien verbreitet. Oder denken Sie näher. Denken Sie an die Bauten (z. B. Anlegebrücken) an Ost- bzw. Nordsee, die ins Meer (oder Watt) hineinragen. Auch sie stehen auf Pfählen.
Und all die Bauten, bei denen gar nicht sichtbar ist, dass Ihre Errichtung auf Pfählen erfolgte! Gebäude auf feuchtem, sumpfigem, nachgebendem Grund! Ganz Amsterdam ist auf Pfählen errichtet! Allein für den Hauptbahnhof (Centraal Station, Bj. 1922) benötigte man 8 657 Erdstützen. Das Rathaus meiner Heimatstadt Hamburg (1897 fertiggestellt) wird von über 4.000 Eichenpfählen getragen …

 

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen - Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre ...

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen – Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre …

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Die Zeitreise endet allmählich – was nicht unvorteilhaft ist, da es demnächst u. a. auf die Insel Mainau gehen wird! Und dieser Besuch auf der bekannten Blumeninsel soll eindeutig wieder in der jetzigen Zeit stattfinden.
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Ihnen vielen Dank fürs Pfahlbauten anschauen!
Haben Sie ein schönes, entspanntes Wochenende!
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©by Michèle Legrand, September 2014
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Foto Andreas Grav

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Zwischen Deutschland und der Schweiz – Grenzhüpferei Teil I – Wo denn genau? – Merkt man eigentlich, wo man ist? – Die Holzbrücke von Diessenhofen

Sie wissen es aus dem letzten Blogpost: ich war einige Tage im Hegau und der Bodenseeregion unterwegs. Genauer genommen am Rhein und einem Ausläufer des Bodensees, dem sogenannten Untersee.
Auf deutscher Seite etwa in dem Gebiet des vom Hochrhein gut 20 km entfernten Tengen über Singen am Hohentwiel in Richtung Gailingen am Rhein und von dort weiter bis Wangen (am Untersee, nicht im Allgäu).
Auf Schweizer Terrain nahe Schaffhausen startend direkt am Ufer entlang via Diessenhofen und Stein am Rhein bis Berlingen.

Mal eine Frage am Rande: Fahren Sie – wenn Sie den äußersten Süden und Südwesten der Republik ansteuern – eigentlich mit dem Auto oder der Bundesbahn quer durchs ganze Land? (Vorausgesetzt natürlich, Sie kommen wie ich aus dem Norden)
Falls Sie Ihre Termine zeitig kennen, dann sollten Sie definitiv überlegen, ob sich nicht ein Flug nach Zürich anbietet mit anschließender „Wiedereinreise“ nach Deutschland. Ich habe die Feststellung gemacht, dass es günstiger (nicht nur zeitlich, sondern auch preislich!) ist, als z. B. Bahntickets oder eine Alleinfahrt im PKW – wenn Sie frühzeitig buchen!

Flughafen Zürich

Flughafen Zürich

Flughafen Zürich - Sie werden gleich mit Glocken begrüßt (Der Sound der Alpen ...)

Flughafen Zürich – Sie werden gleich mit Glocken begrüßt (Der Sound der Alpen …)

Was man auch nicht verachten sollte, ist die Tatsache, dass die Schweizer Züge und Busse, mit denen Sie dann ab Airport weiterreisen, komfortabel (und farbenfroh) ausgestattet sind, pünktlich fahren, sehr leise sind und an Stellen vorbeikommen, an denen sich der Blick aus dem Fenster wirklich lohnt.
Und stellen Sie sich vor: Der Busfahrer heißt seine Fahrgäste bei Fahrtbeginn über Lautsprecher mit einem freundlichen Grüezi mitenand willkommen und verabschiedet Sie auch am Endhaltepunkt!

Auf der Strecke Bülach-Singen - Fliederfarbene Kopfstützen gibt es auch noch ...

Auf der Strecke Bülach-Singen – Fliederfarbene Kopfstützen gibt es auch noch …

Auf der Zugstrecke von Bülach (CH) nach Singen (D) passieren Sie Schaffhausen und bekommen den Rheinfall präsentiert.

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Auf diese Art reisend, sehen Sie auch gleich, was die Region ausmacht und warum so viele Touristen von ihr angezogen werden.
Eine idyllische, hügelige, überaus grüne Landschaft, viele Felder und Wiesen, schmale Landstraßen, überschaubarer Verkehr, vereinzelt kleine Städtchen. Ansonsten eher altertümlich anmutende, herausgeputzte Orte und Gemeinden mit fachmännisch restaurierten Fachwerkbauten, sorgfältig gepflegten Gärten und bunt bepflanzten Blumenkästen oder ebenso gestalteten Blumeninseln mitten im Dorf.
Selbst die Kreisel für den Autoverkehr sind oft kunstvoll gärtnerisch angelegt.
Und dann das Wasser!
Der Rhein und der größte See Deutschlands, der Bodensee, legen sich Ihnen zu Füßen und erfreuen das Auge!
Wo findet man das alles schon zusammen?
Bodensee. See hört sich gar nicht so groß an. In Niedersachsen gibt es das Steinhuder Meer. Von dem würde man doch die größere Fläche annehmen.
Nix da!
536 km² Maxisee gegenüber lumpigen 29,1 km² Minimeer.

Neben den üblichen Urlaubern fühlen sich besonders Radrennfahrer und Radwanderer rund um den Bodensee und weit ins Landesinnere gehend zu Hause und werden mittlerweile als Touristen gern gesehen.
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die ersten Urlauber beschlossen, per Fahrrad die Gegend zu durchstreifen? Von Ort zu Ort zu radeln? Eine Nacht hier, die nächste dort?
Die Pensionswirte und Hoteliers rümpften die Nase angesichts dieser Rucksacktouristen oder vielleicht sollte man eher sagen Satteltaschenreisenden. Da war der Missmut über die kurze Verweildauer, aber noch mehr dieser leicht an der Solvenz des Touristen zweifelnde Blick, der Versuch der Risikoeinschätzung angesichts eines schlappen Rucksacks und einer Invasion von Hosenklammern. Doch inzwischen wissen wir alle aus der Werbung, dass eine VISA-Card immer noch irgendwo hinpasst und ahnen, dass manchmal der Bus mit dem sonstigen Gepäck der Herrschaften separat kommt …

Bodensee (Untersee) bei Wangen

Bodensee (Untersee) bei Wangen

Wassersportler zieht es an. Wasserski-Fahrer, Ruderer, Besitzer kleinerer Motorboote, Segler. Es werden Regatten gefahren,  und wer selbst nicht aktiv sein möchte, lässt sich mit einem der Ausflugsschiffe chauffieren. Die Kursschifffahrt bedient den gesamten See und kreuzt zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich munter hin und her.

Freizeitrevier Bodensee ...

Freizeitrevier Bodensee …

Bodensee-Dampfer Thurgau auf der Route Kreuzlingen-Schaffhausen ...

Bodensee-Dampfer Thurgau auf der Route Kreuzlingen-Schaffhausen …

Auf dem Untersee verkehrt die Linie von Kreuzlingen (nahe Konstanz) bis Schaffhausen. Dort ist Schluss. Sie erinnern sich an das Foto des Rheinfalls weiter oben?
Nun, würde der Dampfer nicht rechtzeitig anlegen und weiterfahren in Schaffhausen

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Wie sagt man so schön? Man hörte reichlich Holterdipolter …

Soviel allgemein zur Region.
Kommen wir doch zur Frage, ob Sie merken, in welchem Land Sie sich befinden. Angenommen jemand würde Sie in einer der Ortschaften diesseits oder jenseits des Rheins aussetzen und Sie müssten herausfinden, ob Sie in Deutschland oder der Schweiz sind.
Woran würden Sie sich zur Orientierung halten?
Genau, Sie würden auf den Dialekt der Bewohner, auf Autokennzeichen, die Art der Straßenschilder, die Form der Hydranten, die Schriftzüge an den Läden etc. achten.
Sie sind ja auch plietsch!
Das geht also …
Doch nun! Die Grenze zwischen den Nachbarländern verläuft nicht immer im Rhein oder mitten im Bodensee, sondern geht auch ins Landesinnere und hat dort einige Zungen, Schlenker, Nischen und Ecken. Wenn Sie von Singen Richtung Wangen unterwegs sind und wollen schnurstracks dorthin – ohne Umwege – dann ist zwar alles auf der gleichen Rheinseite, doch Sie sind mitnichten immer in Deutschland! Nein, Sie schneiden dauernd die Grenze. Zwei Minuten auf Schweizer Gebiet, zurück nach Deutschland, um die nächsten Kurve, Wiedereinreise in die Schweiz usw. Seit nicht mehr kontrolliert wird und die Zollstationen meist unbesetzt sind, läuft das zügig ohne Unterbrechungen und Wartezeiten.

Und nun komme ich und behaupte: Setzen Sie mich in ein Auto, verbinden Sie mir die Augen, setzen Sie mir Ohrenschützer auf und fahren Sie von mir aus vorher noch ein paar Mal im Kreis. Dann starten wir Richtung Wangen und ich sage Ihnen haargenau, wann wir in Deutschland und wann in der Schweiz sind.
Nein, ich zähle keine Kurven, rechne nicht mit Sekunden o. ä.
Es ist ganz einfach:
Wenn Sie auf wunderbar glattem Asphalt fahren, sind Sie in der Schweiz. Werden Sie durchgerüttelt und fallen von einem ins nächste Schlagloch, sind Sie in Deutschland.

Lassen Sie uns heute in Teil I der Grenzhüpferei noch einen Abstecher nach Diessenhofen in der Schweiz machen. Dem Ort am Hochrhein direkt gegenüber liegt das deutsche Gailingen. Als Verbindung über den Fluss gibt es die Rheinbrücke. Die einzige Holzbrücke am Hochrhein, die vollständig erhalten und die eine der seltenen Pfahljochbrücken ist.

Rheinbrücke Diessenhofen (CH, links) - Gailingen (D, rechts) Länge 86,7 m, Breite insg. 6,1 m, gedeckte Holzkonstruktion, einspurig befahrbar

Rheinbrücke Diessenhofen (CH, links) – Gailingen (D, rechts) – Länge 86,7 m, Breite insg. 6,1 m, gedeckte Holzkonstruktion, einspurig befahrbar

Informationen zu Abmessungen, Konstruktion und Geschichte finden Sie zum einen hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbr%C3%BCcke_Diessenhofen%E2%80%93Gailingen

…und einige Daten kurz und übersichtlich auch auf dem Foto hier:

Rheinbrücke  Diessenhofen-Gailingen - Geschichtsdaten

Rheinbrücke Diessenhofen-Gailingen – Geschichtsdaten

Ich wiederhole nicht die Daten, die Sie gerade auf dem Schild sahen, das ist ein bisschen öde. Mir kam auch eben ein anderer Gedanke …
Natürlich wird allgemein angenommen, dass die erste Brücke im 13. Jahrhundert errichtet wurde, weil Handel und (Waren-)Verkehr über den Rhein zugenommen hatten. Das ist der übliche, etwas dröge Anlass, aus dem man meistens eine feste Flussquerung ersinnt.
Ich stelle mir allerdings gern andere Gründe dafür vor. Denn – sagen Sie selbst – es hätte doch ebenso gut in einem der Nachbarorte sein können – wenn es rein um die Transportmöglichkeiten und irgendeine Rheinquerung gegangen wäre!
Nein, nein! Das hat meistens völlig andere Gründe.
Manchmal ist es ein Prestigeobjekt. Da möchte der Bürgermeister des einen Ortes sich ein persönliches Denkmal setzen. Und wenn nicht sich, dann dem phantastischen Ort. (Wir sind die Größten, Schnellsten, Reichsten, Besten!)
Gelegentlich wohnt eine einflussreiche Person am Ort und plädiert entweder machtvoll dafür oder – wenn es nicht genehm ist – vehement dagegen. (Was der sagt, wird gemacht)
Es wird auch erpresst. (Baut ihr keine Brücke, schließe ich meine Brauerei. Basta.)
Es könnte in Diessenhofen natürlich auch lediglich mehr und besonders geeignete Zimmerleute zur Errichtung eines solchen Bauwerks gegeben haben.
Oder der Forst hinter dem Dorf wurde gerade gerodet (Mensch, was machen wir mit dem ganzen Holz? Wollen wir nicht eine Brücke bauen?)
Oder aber – das ist meine persönliche Lieblingsversion – es ist das Menschliche. Urs Knäppeli aus Diessenhofen hatte eine Liebschaft mit Lina Bilger aus Gailingen und war es schlichtweg satt, bei jedem Mistwetter hinüberrudern zu müssen. Wahrscheinlich hat sie auch ständig gemäkelt, dass das feuchte, windige Wetter ihr bei der Überfahrt jedes Mal die Frisur ruiniert, ihr sowieso immer schlecht wird bei dem Seegang und sie sich im Winter ständig etwas abfriert im Boot.
Bei Eisgang sahen Sie sich gar nicht! Was wiederum ihm mächtig stank.
Die Schwierigkeiten sorgten generell mehr und mehr für Zoff. Eine Trennung drohte und Urs musste sich etwas überlegen. Er schnappte sich Reto, seines Zeichens Bürgermeister von Diessenhofen, machte ihn (der listige Hund!) mit Unmengen Selbstgebranntem gefügig, versprach ihm auch noch zwei Kühe samt Glocken, und die Entscheidung für die Brücke war durch!

Sie behalten bitte im Auge, dass es sich dabei um Vermutungen handelt, ja?

So sieht die Rheinbrücke heutzutage aus, wenn Sie etwas näher kommen:

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) - Gailingen (D) - recht das ehemalige Zollabfertigungsgebäude

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) – Gailingen (D) – rechts das ehemalige Zollabfertigungsgebäude

Gedeckte Holzbrückenkonstruktion über den Rhein bei Diessenhofen/Gailingen

Gedeckte Holzbrückenkonstruktion über den Rhein bei Diessenhofen/Gailingen

Ausblick aus einem der Brückenfenster ...

Ausblick aus einem der Brückenfenster …

(Ich denke mir immer, hier hat Urs wahrscheinlich schnell noch die Zigarette zu Ende geraucht und die Kippe in den Rhein geworfen, bevor er den Restweg zurücklegte. Oder sie hat drüben in einem der Häuser gewohnt und hat vom Dachfenster aus ein Taschentuch geschwenkt … ^^)

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) - Gailingen (D) - Ein Blick ins Balkengewirr ...

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) – Gailingen (D) – Ein Blick ins Balkengewirr …

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) - Gailingen (D) - Holztore, die heute allerdings nicht mehr verschlossen werden.

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) – Gailingen (D) – Gut sichtbar die schweren Holztore, die heute allerdings nicht mehr verschlossen werden.

Etwas was sich hingegen wirklich zugetragen hat, ist Folgendes: Im Jahr 1944 wurde die Brücke von den Amerikanern bombardiert. Manchmal trafen die Bomber in diesen Tagen andere Ziele als geplant. Stein am Rhein  und Schaffhausen in der Schweiz litten darunter, aus Versehen getroffen worden zu sein und beklagten neben Sachschäden auch Todesopfer.
Man lag halt zu dicht an der Grenze. Da kann das halt passieren …
Im November wurden Gailingen und der deutsche Part der Brücke getroffen, aber durch die Wucht der Explosion flogen Teile (Steine und Splitter) bis nach Diessenhofen und beschädigten dort einige Häuser ganz erheblich.
Während die Amerikaner nach dem Krieg für den Schaden auf deutschem Boden aufkamen und zum Wiederaufbau der Brücke beitrugen, verweigerten sie die Zahlung für die Reparaturen in Diessenhofen. Die Begründung lautete: das ist auf Schweizer Boden, den haben wir nicht bombardiert. Dafür können wir nix. Die Bomben fielen schließlich auf deutschem Grund …
Es geht wirklich nicht gegen die Amerikaner. Es hätte jede Nation sein können, die so reagiert.
Krieg macht aus allen Wirrköpfe.

Ich glaube, wir kommen für heute zum Schluss. Wenn Sie möchten, schauen Sie sich noch einige Fotos aus dem Ort selbst an.

Diessenhofen (CH) - Siegelturm - 1545 erbaut v. Martin Heunsler - Zeitglockenturm und  Aufbewahrung von Urkunden und Siegeln

Diessenhofen (CH) – Siegelturm – 1545 erbaut v. Martin Heunsler – Zeitglockenturm und Aufbewahrung von Urkunden und Siegeln

Diessenhofen (CH)

Diessenhofen (CH)

Diessenhofen (CH) - Bronze IKARUS (Ikariden-Paar) von Ursula Fehr - Im Hintergrund das Rathaus

Diessenhofen (CH) – Bronze IKARUS (Ikariden-Paar) von Ursula Fehr – Im Hintergrund das Rathaus

Diessenhofen (CH) - Es ist alles gesagt ... Schäbig aber schigg - das andere Lädeli

Diessenhofen (CH) – Es ist alles gesagt … Schäbig aber schigg – das andere Lädeli

Wenn Sie einmal auf der Suche nach Schwalben sind – gehen Sie nach Diessenhofen. Da schwirrt es nur so über Ihren Köpfen. Überall unter den Dachüberständen sind Nester und zum Schutz der Vögel und auch der Fenster darunter, werden unterhalb Holzbretter quer  montiert. So können die brütenden Schwalben besser anfliegen und landen, die Jungen hingegen können nicht tief fallen und der Vogelkot trifft nicht gleich die Scheiben.

Diessenhofen (CH) - Überall Schwalbennester unter den Dachüberständen ...

Diessenhofen (CH) – Überall Schwalbennester unter den Dachüberständen …

Diessenhofen (CH) - Es gibt in der Schweiz richtig ausgefallene Wasserspeier - Und schauen Sie einmal nach rechts: eine Schwalbe ist mit auf das Bild gekommen.

Diessenhofen (CH) – Es gibt in der Schweiz richtig ausgefallene Wasserspeier – Und schauen Sie einmal nach rechts: eine Schwalbe ist mit auf das Bild gekommen.

Diessenhofen (CH) - Hänkisturm direkt am Rhein  -  Ehemalige Geschützstellung und Armbrusterturm. Bis 1800 auch Gefängnis. 1828-1880 Sitz einer Stofffärberei.

Diessenhofen (CH) – Hänkisturm direkt am Rhein – Ehemalige Geschützstellung und Armbrusterturm. Bis 1800 auch Gefängnis. 1828-1880 Sitz einer Stofffärberei.

... Zunft zum Grimmen Löwen

… Zunft zum Grimmen Löwen

Es geht demnächst weiter mit der Grenzhüpferei, Teil II. Dort sehen Sie die Altstadt von Stein am Rhein und ein wenig von der Burg Hohenklingen, die sich über diesem Plätzchen auf einem Berg erhebt.
Wissen Sie, wer in Stein am Rhein einen Spaghetti-Längenrekord aufgestellt hat?
Nicht?
Tja, dann sollten Sie wieder hereinschauen beim nächsten Mal.

Bis dahin viele Grüße und ein schönes Wochenende!

©Juli 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

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7 Kommentare

Abgetaucht …

Stein am Rhein (CH) - Normal-Schwan kann jeder ... Kopfüber-Schwan ist seltener ...

Stein am Rhein (CH) – Normal-Schwan kann jeder …  Abgetaucht!

Wissen Sie, was dieser Schwan und ich gewissermaßen gemeinsam haben?
Wir sind beide abgetaucht!
Falls Sie sich wunderten, dass Ihre Kommentare scheinbar unbeachtet blieben und sich hier keiner räusperte … Es lag am besagten Abtauchen.
Ich war in den vergangenen Tagen unterwegs und hatte während dieser Zeit leider keinen Internetzugang.
Es ließ sich gut ertragen, doch ich gebe zu, es ist heutzutage und mittlerweile eine etwas ungewohnte Situation!

Es war kein Urlaub im herkömmlichen Sinn. Meine Reise an die Schweizer Grenze hatte bestimmte Anlässe: Pflichttermine und das Angehen einer Hausauflösung in Kombination mit einer anstehenden Geburtstagsfamilienfeier.
Ideal? Soll ich Ihnen etwas verraten?
Irgendwie ist das weder Fisch noch Fleisch!
Als hoffnungsfroher Mensch denke ich immer, wenn ich alle Pflichten erledige, alle diesbezüglichen Termine – die ich gar nicht übel finde – stehen und die Feiertermine ebenso und es sich daraus ergibt, dass dazwischen auch noch Zeit bleibt – dann könnte man sogar etwas die Gegend  erkunden, in dieser Freizeit.
Alles graue Theorie!
Entweder ist das zu schlicht gedacht, oder ich habe besondere Familienangehörige, oder ich bin möglicherweise etwas anspruchsvoll. Genau lässt sich das nicht sagen.
Vielleicht kommt auch alles zusammen …
Die privaten Termine wurden gefühlt 620 Mal geändert, die offiziellen Termine waren daraufhin schwer rettungsbedürftig, die Pflichten wurden irgendwo dazwischen gebastelt und die kostbare Freizeit? Die landete irgendwo unter ferner liefen, hatte – als Größe angenommen – die Ausmaße eines Tropfens, der auch noch zwischen den Fingern zerrann.
Doch … (Sie merken, ich bin nicht unterzukriegen) … doch trotz allem habe ich durch die dauernden Fahrten von einem zum anderen Ort des Geschehens ein bisschen etwas von der Gegend gesehen. Ein von Zeit zu Zeit irgendwo anhalten und kurz  schauen – dafür hat es doch gereicht!

Wenn Sie Lust haben, kommen Sie in den nächsten Tagen im Blog vorbei, denn ich zeige Ihnen ein paar schöne Dinge, die mir in kleinen und größeren Orten nahe des Untersees (Bodensee) aufgefallen sind – teils auf der deutschen Seite, teils auf Schweizer Gebiet.

Anstelle ursprünglich vorgesehener Ziele mit ausgiebiger Besichtigungstour sind es jetzt halt Spontaneindrücke. Weil es oft später wurde als gedacht, kam ich an einem Abend auf einsamer Feldstraße (verfahren)  zum ersten Mal in den Genuss,  zwei Füchse in freier Wildbahn zu sehen! Fotos habe ich davon nicht, die Kerle waren einfach zu fix. Doch ich habe andere optische Eindrücke für Sie!

Einen Schwan, der aufgrund des immer noch hohen Wasserstandes des Rheins bzw. des Bodensees eben auf einem Parkplatz badet:

Berlingen (CH) - Schwan badet bei Hochwasser eben auf dem Parkplatz ...

Berlingen (CH) – Schwan badet bei Hochwasser eben auf dem Parkplatz …

Treppenstufen in einer Ritterburg, die giftgrün leuchten:

Burg Hohenklingen, Stein am Rhein (CH) - ... giftgrün leuchtende Treppenstufen

Burg Hohenklingen, Stein am Rhein (CH) – … giftgrün leuchtende Treppenstufen

Eine Kirche, die innen überrascht, eine geschlossene Brücke komplett aus Holz, sehenswerte Wandmalereien an Häusern, neugierige Ziegen, Milchkaffee mit einer besonderen Halterung an der Tasse für … doch davon später. ^^

Heute wollte ich mich erst einmal nur zurückmelden und dabei gleich ankündigen, was Ihnen demnächst blüht.
Vielen Dank übrigens für Ihre Kommentare! Ich hoffe, mittlerweile alle zwischenzeitlich eingegangenen Reaktionen freigeschaltet bzw. auch beantwortet zu haben.

Ganz kurz noch zum Schluss:
Schauen Sie mal, wer in der Nähe von Konstanz unterwegs war!

Bei Konstanz unterwegs: Trabi aus der Schweiz mit Flaggen und DDR-Zeichen ....

Bei Konstanz unterwegs: Trabi aus der Schweiz mit Flaggen und DDR-Zeichen ….

Lassen Sie doch ein bisschen Ihre Phantasie spielen: wer könnte der Halter eines solchen Fahrzeugs mit dieser Ausstattung sein?
Ein Trabi mit Schweizer Kennzeichen, gleich zwei Flaggen, der Schweizer oder der der ehemaligen DDR, genauso wie mit einem gut sichtbaren, alten internationalen Kennzeichen der DDR …

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, und es würde mich freuen, wenn Sie sich bald wieder dazugesellen!

©Juli 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand -  Blog Michèle. Gedanken(sprünge) - Foto ©Andreas Grav

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