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Ein Sockenbaum!? Wenn Deherainia smaragdina im Tropenschauhaus blüht …

Socken unterschiedlicher Farbe hängen an seinen Ästen lang herab. Eben ein Sockenbaum …
Man bezeichnet ihn hier so – aber gibt es den wirklich? Sie erinnern den realen Leberwurstbaum neulich? Danach wäre im Grunde nichts mehr verwunderlich …

Ich muss Sie vorweg etwas fragen. Sie können ruhig offen und ehrlich antworten – wir sind hier ja schließlich unter uns!
Wie? Nicht allein? Sind Sie sicher? Ach, pfeifen wir drauf, ja?
Wenn Sie etwas hervorheben möchten, wenn Ihnen daran liegt, dass andere eine bestimmte Sache wahrnehmen, tricksen Sie dann manchmal ein bisschen herum, wenn das Ding jetzt von sich aus nicht so viel hergibt und voraussichtlich kein Mensch genauer hinschauen würde?
Doch, oder? Nein? Ach, kommen Sie!
Gut, also anders herum. Was würden Sie sagen, worauf Sie selbst am ehesten achten? Was lenkt Ihren Blick zielsicher auf eine Sache oder auch eine Person? Wann fällt Ihnen etwas sofort auf?
Bitte, was meinten Sie gerade?
Wenn es farblich herausragt? Wenn es ordentlich Lärm macht? Wenn es mit merklichem oder ungewöhnlichem Geruch verbunden ist? Wenn bizarre Dekorationsgegenstände dazu arrangiert oder ein starker Kontrast (Stil, Farbe etc.) erzeugt wurde?
Nun, vielleicht fallen Ihnen jetzt doch Beispiele ein, Begebenheiten, wo Sie selbst schon nachgeholfen haben, damit es augen– oder generell auffällig wurde. Sie haben laut Musik aufgedreht oder Parfum versprüht, um den Ohren bzw. der Nase zusätzlich einen Reiz zu bieten. Als optische Optimierung bekam ein öder, lehmbrauner Kuchen eine farbenfrohe Obstauflage oder einen bunten Zuckerguss, Ihre Frisur wurde durch Haarspangen und asymmetrisches Festklipsen aufgepeppt, der unscheinbar taubenblaue VW Polo erhielt überdimensionale, weiße Rallyestreifen.
Falls Sie das alles weit von sich weisen, kennen Sie aber bestimmt jemanden, der – normalerweise leicht zu übersehen – plötzlich Aufmerksamkeit erlangte, weil er trendige Hosenträger mit Edelweißblütendessin anlegte oder weil ihn auf einmal ein (abwischbares) Riesentattoo mit aufgerichteter, zischender Kobra zierte.

Anstrengungen dieser Art werden meist aus zwei Gründen auf sich genommen: Entweder – was seltener ist – um vom eigentlichen Objekt z. B. wegen Makeln abzulenken bzw. sie damit zu kaschieren oder aber, um durch einfallsreiche Vorkehrungen ganz gezielt auf es hinzuweisen.
Und nun wären wir im Gewächshaushaus von Planten und Blomen und beim ungewöhnlichen Sockenbaum (Deherainia smaragdina).

Wer den gewundenen Gang im Tropenteil der Schauhäuser entlangschlendert, erlebt eine große Vielfalt von Pflanzen. Alle Größen sind vertreten, von Bodendeckern bis hin zu Palmen, die einige Meter hoch bis an die Glashausdecke stoßen. Es versammeln sich sämtliche Blattformen, von zierlichem,  lanzettlichem oder fast nadelförmigem Grün bis hin zu großen Wedeln und Riesenlaubblättern (z. B. die der Bananenstaude Musa x paradisiaca u. a.). In diesem Dschungel aus Formen und Grüntönen wird automatisch speziell auf Blüten geachtet. Denn jede andere Farbe als Grün fällt besonders ins Auge.
Das ist schön für die Pflanzen, die knallrote Blüten oder leuchtendgelbe Früchte aufweisen können. Auch besondere Blütenformen fallen sofort auf. Sie alle werden wahrgenommen. Hier von den Besuchern, in der freien Natur glücklicherweise auch von Vögeln, Insekten, Schmetterlingen … all jenen, die bei der Bestäubung wichtig sind, wenn der Wind alleine nicht ausreicht.

Planten un Blomen - Tropenschauhaus - Pachystachys coccinea (Aubl.) Nees, (Familie der  Acanthaceae)

Planten un Blomen – Tropenschauhaus – Pachystachys coccinea (Aubl.) Nees, (Familie der Acanthaceae)

Planten un Blomen - Tropenschauhaus - Kakao (Theobroma cacao) - Jede Frucht enthält 20 bis 50 Samen (Kakaobohnen)

Planten un Blomen – Tropenschauhaus – Kakao (Theobroma cacao) – Jede Frucht enthält 20 bis 50 Samen (Kakaobohnen)

Planten un Blomen - Tropenschauhaus - Die Blüte des Schößlings-Drachenbaums (Dracaena surculosa) wirkt sehr filigran

Planten un Blomen – Tropenschauhaus – Die Blüte des Schößlings-Drachenbaums (Dracaena surculosa) wirkt sehr filigran

Nur sind andere, unauffälligere Pflanzen deshalb weniger besonders? Nehmen wir die Deherainia Smaragdina, den „Sockenbaum“.
Die Blätter sind hübsch, dennoch würden Sie vielleicht  daran vorbeilaufen, weil sich sowohl Strauch als auch Blattgrün nicht kolossal von anderen Pflanzen abheben. Die Blätter wachsen rosettenförmig, der Zuwachs bildet sich etwas etagenförmig.
Nett. Und sonst?

Planten un Blomen - Tropenschauhaus - Deherainia Smaragdina -  Ein Blick nach oben ins Grün des Strauchs ... unauffällig.

Planten un Blomen – Tropenschauhaus – Deherainia Smaragdina – Ein Blick nach oben ins Grün des Strauchs : Die Blätter formen Blattrosetten und wachsen etagenförmig … eher unauffällig.

Sie spazierten vorbei und – speziell morgens! – würden Sie auf Höhe des Bäumchens die Nase rümpfen, mit mühsam unterdrückter Empörung Ihre Begleitung anschauen oder – falls Sie alleine kamen – einen leicht vorwurfsvollen Blick auf den Ihnen am nächsten stehenden Besucher werfen. Sie hätte den Verdacht, jemand wäre in lang nicht gewaschenen Socken erschienen bzw. hätte im Rucksack relativ streng, auch etwas säuerlich riechenden Käse mit eingeschleppt. Selbst wenn Ihre Nase etwas unempfindlicher und toleranter wäre, käme Ihnen beim Schnuppern trotzdem der Gedanke:
Mensch, die könnten hier aber auch mal lüften! Riecht ganz schön abgestanden … Schnell weiter!
Und schon hätten Sie es verpasst!
Die Blüte des Strauches, der in Wirklichkeit für das Müffeln zuständig ist. Ein gar nicht so großes Bäumchen mit dem Namen Deherainia smaragdina. Das Smaragdgrün bezieht sich auf die Farbe der kleinen, nur zwei bis max. vier Zentimeter großen Blüten, die fast das Grün des Laubs besitzen und somit auf den ersten Blick kaum auffallen. Wir wissen, das ist unvorteilhaft, weil Insekten eben auf leuchtende Farben fliegen und – ganz im Sinne der Pflanze – die Bestäubung doch gesichert sein sollte. Nun, wenn sie schon farblich nicht mit Auffälligkeit punkten kann, dann eben mit Geruch. Üblem Geruch!
Beides, grüne Blüten und Gestank, deuten auf Fliegen als Bestäuber hin.
Sie ist trotz allem irgendwie hübsch! Man muss nur wissen, dass diese Blüte da ist und genau hinschauen!

Planten un Blomen - Tropenschauhaus - Die smaragdgrünen Blüten der Deherainia Smaragdina-

Planten un Blomen – Tropenschauhaus – Die smaragdgrünen Blüten der Deherainia Smaragdina

Interessant bei dieser Blüte ist, dass sie zwittrig ist. Es gibt unterschiedliche Reifezeitpunkte der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, was die Blüte nun wieder funktionell eingeschlechtlich macht.
Sehr speziell!
Bei dieser Pflanze  erfolgt die Bestäubung, wenn sich die Blüte in der ersten, der männlichen Phase befindet. Diese Phase erkennt man daran, dass die Staubblätter in der Mitte der Blüte alle am Griffel angelagert sind. Der Pollen wird abgegeben, sobald sich die Staubbeutel nach außen öffnen. Der Pollen (männliches Geschlechtsorgan) ist also in dieser Phase bereits ausgereift, während der Stempel (weibliches Geschlechtsorgan) noch unausgereift ist.
Wenn die sterilen Staubbeutel den Weg zur Narbe für den Pollen freigegeben haben, ist die Blüte in der zweiten, der weiblichen Phase. Erst dann ist die Narbe des Stempels empfängnisbereit.

Durch diese zeitliche Trennung ist es fast unmöglich, dass eine Selbstbestäubung stattfindet und sich somit auf Dauer zu wenige genetische Möglichkeiten zur Rekombination ergeben. Das birgt immer die Gefahr, dass die Pflanze auf Dauer nicht überleben kann.
Praktisch, oder? Die Natur ist schon ziemlich schlau, wenn Sie durch diesen Trick der versetzten Reife die Fremdbestäubung durch den Pollen einer anderen Pflanze begünstigt.
Nach und nach bewegen sich die Staubblätter jetzt nach außen. Am Ende schaut es so aus, als würde ein Stern auf den Kronblättern liegen.
Auf dem folgenden Foto können Sie beim genauen Hinsehen Blüten in unterschiedlichen Stadien der Reife erkennen. Oben im Foto ein Exemplar im ersten Stadium, weiter unten und zurückliegend zwei Blüten, die bereits in die zweite Phase eingetreten sind.

Planten un Blomen - Tropenschauhaus - Die smaragdgrünen Blüten der Deherainia smaragdina - Unterschiedliche Reifezeitpunkte von männl. u. weibl. Geschlechtsorganen.

Planten un Blomen – Tropenschauhaus – Die smaragdgrünen Blüten der Deherainia smaragdina – Unterschiedliche Reifezeitpunkte von männl. u. weibl. Geschlechtsorganen.

So, hätten Sie denn nun im Vorbeigehen auf diese kleinen, smaragdgrünen Blüten geachtet?
Die Mitarbeiter im Tropenhaus waren sich dessen nicht so sicher, und so hat man etwas getrickst. In Anlehnung an den üblen Käsemauken- und Sockengeruch, hängte man als Blickfang formschöne Exemplare eines roten, weißen und schwarzen Strumpfes in den Strauch und nannte die Neukreation kurzerhand „Sockenbaum“.

Planten un Blomen - Tropenschauhaus - Deherainia Smaragdina -  Damit man ihn wahrnimmt ... In Anlehnung an seinen müffelnden Geruch wurde aus ihm ein gut sichtbarer Sockenbaum

Planten un Blomen – Tropenschauhaus – Deherainia Smaragdina – Damit man ihn wahrnimmt … In Anlehnung an seinen müffelnden Geruch wurde aus ihm ein gut sichtbarer Sockenbaum

Was wir mit Hosenträgern, Haarspangen, Rallyestreifen, Tattoos oder Tortenguss hinbekommen, können die nämlich auch:
Aufmerksamkeit gewinnen!

©April 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Packen, Titanenwurz, Bescheid sagen, Aufbruch, Pause – pffft. Bevor es losgeht jedoch …

Liebe Bloggäste,

ich bin im Aufbruch und werde wieder einige Tage ohne Netzverbindung sein. Eine kurzfristige Nichtreaktion meinerseits ist momentan daher nicht als Desinteresse oder als ein Fall von keine Lust anzusehen, sondern mehr als ein Ding der Unmöglichkeit. Ich melde mich dafür hinterher schnellstmöglich zurück!

Mittendrin beim Zusammenpacken meiner Sachen erreichte mich heute die Nachricht, dass die Blüte begonnen hat. Die Titanenwurz hat sich tatsächlich überlegt, doch noch vor meiner Abfahrt ihre Blütenblätter zu entfalten!
Ich gebe zu, ich habe kurz gezögert –  dann machte ich mich allerdings doch schleunigst auf den Weg zum Tropenschauhaus.
Es hieß, es begann aus heiterem Himmel.
Nichts mit morgendlichem Ankündigungsduft als Vorwarnung!
Nein! Ratzdifatz ging es am Nachmittag auf einmal los!
Und während Queen Elizabeth immer noch auf ihr Urenkelkind wartet, durfte ich mich freuen, weil Amorphophallus titanum quasi in den Wehen lag. Nun, recht frühe Wehen, eine  längere Geburt …
Bis 23 Uhr hatten die Tropenschauhäuser am 20. Juli 2013 ihre Öffnungszeit extra für dieses Ereignis verlängert. Sie hätten persönlich sogar noch länger ausgedehnt, nur schließt der Park Planten un Blomen um diese Zeit. Das hieße, die Besucher wären entweder gezwungen, im Park zu nächtigen oder in großen Scharen über hohe Eisentore zu klettern.
Das würde ein Foto geben! Und eine Überschrift …!
Ich war gegen 22 Uhr vor Ort und habe in meinen – diesem vorangehenden – Blogpost, der sich um die Titanenwurz dreht,  jetzt einen Nachtrag eingeschoben.
Mit aktuellen Bildern!
Ich lasse Ihnen jedoch auch hier eines. (Kommt gleich noch …)

Zuvor möchte ich Ihnen für die Zeit der Abwesenheit alles Gute wünschen! Genießen Sie das sommerliche Wetter,  nehmen Sie sich vor Sonnenbrand und zu viel Hitze in Acht,  und wenn Sie möchten, hätte ich für Sie einige weitere Fotos aus der Parkanlage Planten un Blomen, die den Sommer wirklich von seiner schönsten Seite präsentieren.

Planten un Blomen  -  Juli 2013

Planten un Blomen – Juli 2013

Wallgraben - Planten un Blomen - In der Sonne chillen ...

Wallgraben – Planten un Blomen – In der Sonne chillen …

Planten un Blomen - Juli 2013 - ... ein Meer von Taglilien

Planten un Blomen – Juli 2013 – … ein Meer von Taglilien

Planten un Blomen - Juli 2013 - Wasser!  Erfrischend bei der Hitze ...

Planten un Blomen – Juli 2013 – Wasser! Erfrischend bei der Hitze …

Planten un Blomen - Wallgraben - Juli 2013  - Auch der Sommerflieder ist bereits in voller Blüte ...

Planten un Blomen – Wallgraben – Juli 2013 – Auch der Sommerflieder ist bereits in voller Blüte …

Planten un Blomen - Wallgraben - Juli 2013 - Eine Lachmöwe und Schildkröten beim Sonnenbaden

Planten un Blomen – Wallgraben – Juli 2013 – Eine Lachmöwe und Schildkröten beim Sonnenbaden

Planten un Blomen  - Juli 2013

Planten un Blomen – Juli 2013

Planten un Blomen - Juli 2013  - An den Mittelmeerterrassen ... Die Kugeldisteln sind bereits leicht bläulich ...

Planten un Blomen – Juli 2013 – An den Mittelmeerterrassen … Die Kugeldisteln sind bereits leicht bläulich …

Planten un Blomen am Wallgraben unterhalb der Mittelmeerterrassen - Juli 2013

Planten un Blomen am Wallgraben unterhalb der Mittelmeerterrassen – Juli 2013

Sonnenbad am Wasser - Planten un Blomen - Juli 2013

Amsel beim Sonnenbad am Wasser – Planten un Blomen – Juli 2013

Und hier die Entwicklung bei der Titanenwurz. Stand 20. Juli 2013 gegen 22 Uhr:

Planten un Blomen - 20.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus Titanum) - Die Blüte öffnet sich ... (Stand  22.00 h)

Planten un Blomen – 20.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus Titanum) – Die Blüte öffnet sich … (Stand 22.00 h)

Bis demnächst!

©Juli 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

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Das besondere Ereignis in Planten un Blomen: Die Titanenwurz (Amorphophallus titanum) blüht!

Hand aufs Herz:
Würden Sie freiwillig irgendwo hingehen, wo es stinkt? Gewaltig stinkt?
Bevor Sie spontan verneinen, halten Sie kurz inne!
Denken Sie daran, dass Sie auch Knoblauch verzehren, obwohl Sie genau wissen, dass es danach müffelt. Oder dass Sie müffeln. Sie wägen ab, ob es Ihnen das wert ist … und genießen.  Sie halten sogar den Geruch von anderen aus!
Ich denke, in dem vorliegenden Fall ist das damit verbundene Ereignis so besonders, dass es Ihnen ein bisschen Leid für die Nase wert sein sollte. Sie können – sofern Sie es tapfer ertragen – eine ganz spezielle Pflanze in Blüte sehen. Ein Blühereignis, das ziemlich selten eintritt!

Wenn Sie aus Hamburg kommen, sagen Sie nicht, das hätten Sie hier bestimmt schon einmal gesehen!
Nur, wenn Sie vor 1929 geboren wurden!
In jenem Jahr blühte ein Exemplar der Titanenwurz, um die es auch hier und heute geht – und Tausende kamen, um es zu erleben!
In diesem Jahr – wie passend, denn die Tropengewächshäuser in Planten un Blomen feiern gerade das 50-jährige Jubiläum ihres Bestehens  – hat eine Knolle einen Blütenstand ausgebildet. Ich gebe Ihnen am Ende des Artikels mehrere  Links zu detaillierten Informationen, doch möchte Ihnen kurz selbst etwas dazu sagen:
Die Pflanze gehört zu den Aronstabgewächsen. Ihr Blütenstand (aufgrund der Art der Ausbildung auch Infloreszenz genannt) ist der größte unverzweigte monözische (einhäusige) der Welt und kann bis zu zwei Meter Höhe erreichen! Manchmal wird daher auch einfach nur von der größten Blume der Welt gesprochen.

Allerdings ist nicht nur die Größe, Form oder auch die Farbe beeindruckend, hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Besagter Gestank!
Es ist ein Trick der Pflanze, um ihre möglichen Bestäuber (Aaskäfer, Aasbienen, Aasfliegen) zu sich heranzulocken. Blumen, die ein derartiges Verhalten zeigen – und ihre „Gäste“ am Ende fürs Bestäuben nicht belohnen – nennt man Täuschblumen.
Die sich mächtig vom Duft angezogen fühlenden nachtaktiven Käfer, legen ihre Eier normalerweise in verwesende Tierkadaver, doch fallen tatsächlich auf diese Geruchs-Lockfalle herein. Für die Käfer fatal, denn die Brut, die schlüpft, findet natürlich keine Nahrung …
Für uns nicht fatal, denn wir sind froh, dass es nur die Titanenwurz ist, die mufft.  Kein Kadaver.

Die Knolle, aus der dieser Blütenstand hervorgeht, wird seit drei Jahren in Hamburg kultiviert. Sie stammt aus dem Botanischen Garten in Wageningen (NL) und wenn man weiß, dass eine Knolle ein Mindestgewicht von 30-40 kg aufweisen muss, bevor sie blühreif ist, dann scheint sie sich in Hamburg wohlgefühlt zu haben. Es ist nicht ganz einfach mit ihnen, sie sind empfindlich und werden gern von Fadenwürmern (Nematoden) befallen. Hier offenbar nicht.
Es heißt, es gäbe Knollen, die am Ende ein Gewicht von bis zu 150 kg haben!
Stellen Sie sich das einmal vor!
Wenn Sie die ausgraben sollten …

Seit fast drei Wochen verfolge ich nun die Entwicklung und hatte heute die Gelegenheit, selbst einmal im Gewächshaus vorbeizuschauen. Ich hatte zudem das Glück, zwei Fachleute vor Ort anzutreffen. Die Herren Sven Bernhard und Heiko Lüdke, die auch die Entwicklung auf der Facebook-Seite der Gesellschaft der Freunde des Botanischen Gartens Hamburg e. V. dokumentieren.
Für mich eine nette Überraschung, dass Herr Lüdke mich erkannte (mit Namen!), obwohl wir uns persönlich tatsächlich noch nie wirklich kennengelernt, geschweige denn gesehen hatten.

Es war Nachmittag am 18. Juli 2013 und in diesem Augenblick stand das Messen der Pflanze an.

Planten un Blomen - Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg - 18.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus titanum) - Messungen ...

Planten un Blomen – Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg – 18.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus titanum) – Messungen … Der Zollstock endet hier in der Höhe von etwa 70 cm

Die Gesamthöhe beträgt genau 166,5 cm verkündet Sven Bernhard. Heiko Lüdke notiert dieses und weitere Maße. Hier wird jeden Tag genau kontrolliert. Ich hätte mich beim Schätzen der Größe vermutlich ein bisschen vertan und wahrscheinlich auf ca. 1,50 m getippt. Doch die Titanenwurz hat zu ihren Füßen eine bodendeckende Bepflanzung, die die ersten 10-15 cm des Pflanzenkörpers kaschiert. Es wird jedoch von ganz unten gemessen.
Natürlich – verdeckt zählt mit …

Planten un Blomen - Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg - 18.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus titanum)  kurz vor der Blüte

Planten un Blomen – Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg – 18.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus titanum) kurz vor der Blüte

Der Kolben (der obere Teil) öffnet sich nicht. Er ist innen hohl und dient allein dem Zweck der Geruchserzeugung und auch seiner Verbreitung. Er wirkt sehr fest, die Oberfläche ist uneben. Man würde ihn gern einmal berühren …
Ich frage Herrn Lüdke, ob jemand die Pflanze einmal „befühlt“ hätte. Nein, es fasst keiner an! Auch die Messungen werden mit äußerster Vorsicht vorgenommen.

Planten un Blomen - Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg - 18.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus titanum) -  Der Kolben ...

Planten un Blomen – Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg – 18.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus titanum) – Der Kolben …

Man sieht keine Blätter. Wie ist es denn damit?
Bei der Titanenwurz entwickelt sich nach der Blüte das einzige Blatt. Es ist baumähnlich. Die Pflanze hat nämlich immer nur entweder ein Blatt oder einen Blütenstand. Sie stirbt auch nach der Blüte nicht ab (wie die Agave im letzten Jahr, erinnern Sie sich noch?)!  Sie macht lediglich eine Ruhepause und blüht nach zwei bis drei Jahren unter Umständen wieder.

Planten un Blomen - Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg - 18.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus titanum) - Hier erkennen Sie sehr schön, in welcher Höhe sich die Blüte später entfaltet

Planten un Blomen – Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg – 18.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus titanum) – Hier erkennen Sie sehr schön, in welcher Höhe sich die Blüte später entfaltet

Sie legt immer noch zu, nicht mehr lange, dann hat sie meine Körpergröße erreicht! Nur, dass ich nicht – wie sie – irgendwann aufgehe.
Fast wie ein aufklappender, aber nach unten gedrehter Regenschirm. Ein schmaler zumindest, mit einem Rüschenrand …
Die beiden fachkundigen Herren schätzen, dass der Durchmesser der zu erwartenden Blüte etwa einen Meter betragen wird. Im Vergleich zum grünlichen Rest des Pflanzenkörpers/Blütenstands, wird die Blüte selbst innen dunkel sein. Ein Bild einer ähnlichen Titanenwurz-Art, das ich finden konnte, zeigt eine rötliche Farbe. Sehr attraktiv!
Einen Meter Durchmesser!
Können Sie sich das vorstellen?
Dieser relativ schmale, phallusartige Körper, die eng angepressten „Blütenlappen“ – und irgendwann entblättert sich alles? Entschrumpelt sich, entfaltet sich, klappt auf!

Planten un Blomen - Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg - 18.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus titanum) -  Man kann die Farbe erahnen, die sich zeigen wird, sobald die Blüte aufklappt

Planten un Blomen – Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg – 18.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus titanum) – Man kann die Farbe erahnen, die sich zeigen wird, sobald die Blüte aufklappt

Wann ist es denn nun soweit?
Kürzlich erschien auf der oben erwähnten Facebook-Seite neben aktuellen Fotos die Information, dass sich die Titanenwurz noch in der Streckungsphase befände.
Nur so ganz offensichtliche, sofort für das Auge erkennbare Veränderungen, finden offenbar nicht mehr statt.
Da die Blütezeit sehr kurz ist, haben viele Interessierte ein bisschen Angst, dass sie den Höhepunkt verpassen. Eine der am häufigsten gestellten Fragen, ist auch die nach dem voraussichtlichen Blütezeitpunkt …
Ich erfahre nebenher, dass gestern, am 17. Juli 2013, immerhin 2.500 Besucher das Tropenschauhaus zum Ziel hatten – viele mit eben dieser Frage auf den Lippen.
Gegen das Verpassen hilft die vor Kurzem installierte Live-Webcam des NDR, die ein ständig aktualisiertes Bild der Pflanze ins Netz schickt. Es lässt sich nunmehr verfolgen, ob der Schirm aufklappt …

Planten un Blomen - Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg - 18.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus titanum) - Der Kolben aus der Nähe und der Sitz der NDR-Webcam

Planten un Blomen – Tropenschauhaus des Bot. Gartens Hamburg – 18.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus titanum) – Der Kolben aus der Nähe und der Sitz der NDR-Webcam

Nur ich bin momentan in einer ähnlichen Lage wie Queen Elizabeth. Die wartet auf die Geburt Ihres Urenkelkindes und würde am liebsten drängeln oder anschubsen, weil sie am Wochenende in den Schottland-Urlaub aufbrechen möchte. Ich muss leider auch am Sonntag aus Hamburg fort. Nur drängeln hilft bei der Wurz wohl nichts …
Werde ich die Blüte verpassen oder gibt es Anzeichen, dass es losgeht? Was meint der Fachmann vor Ort dazu?
Heiko Lüdke erklärt mir, dass schon in den Tagen vor der Blüte unten am Schaft etwas Sekret abgesondert wird. Das würde die Titanenwurz bereits tun.
Am Morgen des Tages, an dem sie sich abends zu öffnen gedenkt, beginnen sie und ihre Umgebung zu müffeln. Der Geruch verstärkt sich und hat seinen Höhepunkt, sobald die Blüte sich öffnet. In der Nacht ist Hauptblütezeit (Sie erinnern sich an die nachtaktiven Käfer, die angelockt werden sollen!), auch am kommenden Morgen noch, doch dann beginnt bereits der Welkeprozess. Mit ziemlicher Geschwindigkeit offenbar.

Wenn Sie die Blüte selbst sehen möchten, halten Sie sich bereit! Ihnen bleibt nicht viel Zeit! Die Schätzung lautet: Freitag (19.7.), Sonnabend (20.07.), spätestens Sonntag (21.07) ist es soweit!
Sobald es losgeht, verlängert das Tropenschauhaus seine Öffnungszeiten. Am Tag der Blüte abends bis 23 Uhr und am kommenden Morgen öffnen die Pforten bereits um 7 Uhr. Und es sind auch Mitarbeiter vor Ort, die Fragen beantworten.

Dies vorweg, damit Sie Ihre Chance zum Besuchen und Ansehen wahren können und keine Klagen kommen, wenn ich erst hinterher davon erzähle.
Die Blüte liefere ich Ihnen nach!

Interessante Informationen und Details für Sie unter diesen Links:

Eine Information zur Blüte der Titanenwurz in Hamburg
http://www.bghamburg.de/13-medieninformationen/366-die-groesste-blume-der-welt-blueht
Eine Themenseite des Botanischen Gartens der Universität Bonn
http://www.botgart.uni-bonn.de/o_samm/titan/titaninfos.php
Falls Sie auf Facebook sind – Die Seite der
Gesellschaft der Freunde des Botanischen Gartens Hamburg e. V.“
https://www.facebook.com/pages/Gesellschaft-der-Freunde-des-Botanischen-Gartens-Hamburg-eV/147493698646297
Der Link zur Webcam des NDR (bis zur Blüte)
http://www.ndr.de/regional/hamburg/titanenwurz123.html  (->siehe auch Nachtrag am Ende des Artikels)

PS
Falls Sie es nicht während der Öffnungszeiten schaffen – Sie können die Blüte auch von außen bewundern. Vor dem Eingang stehend wenden Sie sich nach rechts, gehen die dortigen Treppenstufen hinauf auf das direkt vor Ihnen liegende Gewächshaus zu. In seiner vorderen rechten Ecke können Sie die Pflanze durch das Fenster hindurch betrachten!

Weitere Beiträge rund um Planten und Blomen finden Sie  in der Kategorie  Garten (rechts auf der Startseite)

NACHTRAG vom 20.07.2013:
Am Nachmittag öffnete sich ganz  unvermutet (ohne den für den Morgen vorab erwarteten Eintritt des typischen Geruchs) die Blüte der Pflanze. Ich war mitten am Packen, schon halb im Aufbruch –  doch dann beschloss ich, doch bei den Gewächshäusern vorbeizuschauen. Wann würde je wieder die Gelegenheit kommen, einem solchen Ereignis beizuwohnen?
Bis zur Schließung um 23 Uhr hatte sich die Blüte noch nicht voll entwickeln können, doch schauen Sie einmal, wie es gegen 22 Uhr aussah:

Planten un Blomen - 20.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus Titanum) in Blüte

Planten un Blomen – 20.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus Titanum) in Blüte

Planten un Blomen - 20.07.2013 - Titanenwurz (Amorphophallus Titanum) - Die Blüte öffnet sich  ... Es erinnert ein bisschen an Kohlblätter.

Planten un Blomen – 20.07.2013 – Titanenwurz (Amorphophallus Titanum) – Die Blüte öffnet sich … Es erinnert ein bisschen an Kohlblätter.

Zwei weitere Fotos für Sie, die mir freundlicherweise Heiko Lüdke vom Botanischen Garten zur Verfügung stellte:

Planten un Blomen -  Sonntag, 21. 07.2013 - Und so verwelkt die Blüte der Titanenwurz ... Foto ©Heiko Lüdke (mit freundlicher Genehmigung, es hier zu nutzen)

Planten un Blomen – Sonntag, 21. 07.2013 – Und so verwelkt die Blüte der Titanenwurz … Foto ©Heiko Lüdke (mit freundlicher Genehmigung, es hier zu nutzen)

Planten un Blomen - Sonntag, 21. 07.2013 - Titanenwurz - Ein kleiner Einblick ...  Foto ©Heiko Lüdke (mit freundlicher Genehmigung, es hier zu nutzen)

Planten un Blomen – Sonntag, 21. 07.2013 – Titanenwurz – Ein kleiner Einblick … Foto ©Heiko Lüdke (mit freundlicher Genehmigung, es hier zu nutzen)

Und ich habe noch etwas entdeckt, was ich Ihnen als Link hinterlasse: Der NDR hat die Aufnahmen seiner Webcam für Sie als Zeitrafferaufnahme ins Netz gestellt. In zwei Minuten von der Blütenöffnung bis zum Umknicken des Kolbens (Spadix).
–> http://www.ndr.de/regional/hamburg/titanenwurz123.html

 

©Juli 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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14 Kommentare

Du machst mir Rost …!

(Folgender Link führt Sie zur Hörversion ->
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_788562 )

Sie war erhitzt. Ihr Haar wirkte leicht verstruwelt, der Atem ging ein wenig schwerer. Ein leichtes Rinnsal, welches sich aus Schweißtropfen gebildet hatte, floss zwischen ihren Brüsten hinab. Es erreichte quälend langsam den Bauchnabel. Ein Teil versickerte, der Rest tastete sich unbeirrt seinen Weg weiter abwärts…
Er war direkt vor ihr und streckte seine langen Arme gierig nach ihr aus. Sie stöhnte, griff dann jedoch kurzentschlossen nach hinten, bis sie Metall fühlte.
Die Schere! Damit konnte sie ihn in Schach halten.
Es war einfach zu oft. Das sechste Mal …!

Warum beginnen Gartenartikel nicht einfach einmal so?
Ein bisschen Erotik, ein bisschen Thriller.
Treibt sie es jetzt mit ihm? Bringt sie ihn um? Wer ist dieser Wüstling? Findet sie ihn toll, wenn sie bei ihm so ins Schwitzen gerät und stöhnt? Himmel, wer ist er?
Nun, er ist eine Pflanze, und das ist diesmal der Anfang meines Blogartikels, der somit durchaus zum Thema Garten gehört!
(Das andere könnte eventuell irgendwann eine neue, eigenständige Geschichte in einer anderen Rubrik werden …^^)
Heute geht es ‚nur’ um ihn, den Blauregen. Er ist es, der mich zum Schwitzen und Stöhnen bringt. Der Blauregen – auch Glyzinie oder Wisteria genannt. Es existieren mehrere Schreibweisen, und wer sich generell für die Pflanze interessiert oder nach diesem Artikel zu interessieren beginnt, der findet hier mehr:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wisteria

Glyzinie (Blauregen, Wisteria) in voller Blüte

Glyzinie (Blauregen, Wisteria) in voller Blüte

Ganz kurz nur zum allgemeinen Verständnis: Es ist eine sehr schnell und stark wachsende Kletterpflanze (Lianengewächse), die zudem auch stark verholzt. Wer ein wenig unbedarft ein Pflanzencenter  betritt und die kleinen zierlichen Pflänzchen mit dünnen Trieben und hellgrünem, zart geteiltem Laub entdeckt, der kann sich oft nur schwer vorstellen, was ihn erwartet, sobald der kleine Gartenzuwachs sich daheim erst einmal eingewachsen hat und loslegt.
„Oh, guck’ mal! DAS sieht doch hübsch aus! Stell dir vor, wenn das bei uns an der Pergola rankt! Kann man ja ein bisschen zurückschneiden, wenn es zu lang wird …“

Glyzinie ein paar Tage später - Bluten und Laubentwicklung

Glyzinie ein paar Tage später – Bluten und Laubentwicklung

Ein bisschen. Darauf komme ich gleich zurück.
Ja, Blauregen sieht superschön aus.  Besonders, wenn er – meist im April – blüht. Dann riecht es zudem noch angenehm, leicht süßlich. Später im Jahr gibt es sogar eine kleine Nachblüte, die aber aufgrund der dann vorhandenen Laubmassen gar nicht mehr richtig auffällt. Das Gewächs gehört ebenfalls zur Unterfamilie der Schmetterlingsblütler, hat also sehr hübsch geformte Blüten (ähneln Löwenmäulchen-Blüten), die in langen Trauben herunterhängen. Je nach Sorte in kräftigem oder hellem Violett oder auch in Weiß.

Glyzinie: sich öffnende Blütenknospen

Glyzinie: sich öffnende Blütenknospen

Die Pflanzenbeschreibung weist schon darauf hin, dass eine Wuchshöhe bzw. –länge von 30 m nicht ungewöhnlich ist. Und diese Angabe ist wirklich nicht übertrieben! Es wird auch erwähnt, dass ein sehr stabiles Rankgerüst notwendig ist. Aber, seien wir ehrlich, was steht nicht immer alles in Büchern, und woran hält man sich im Endeffekt?
Ach, erst mal schauen, wie sie anwächst …
Nun, sie ist angewachsen und verspürte diesen kolossalen Ausbreitungsdrang. Ihr Vorteil: in meinem Fall hatte sie vor Jahren mich als noch relativ unkundigen Gartenbesitzer und ein Balkongeländer, das sehr stabil wirkte. Stabil ist.
Die zarten dünnen Ausläufer suchten sich ihren Weg automatisch. Wo etwas zum Halten war, wurde sich auch herumgewunden. Manchmal wickelten sich erst drei Triebe um sich selbst, bevor sie sich dann gemeinschaftlich ‚weiterschlingerten’.
Anfangs war ich schwer begeistert. Prima, das Balkongitter sollte über die volle Länge berankt werden. Dadurch hätte die darunterliegende Terrasse eine lauschige Begrünung und der Sitzplatz bekäme etwas Idyllisches. An heißen Tagen würde die Belaubung zudem das grelle Sonnenlicht filtern und ein wenig Schatten spenden.

Glyzinie - Blütenknospen und sich entfaltendes Grün

Glyzinie – Blütenknospen und sich entfaltendes Grün

Der Mensch denkt, die Natur hat ihre ureigenen Regeln. Nichts steht still oder stoppt auf einmal. Wenn ich als Betroffene irgendwann beschließe: So,  jetzt brauchst du nicht mehr weiter zu wachsen! – dann lacht sich die Pflanze einen Ast und scheint spitzbübisch grinsend zu sagen: Hindere mich doch!
Was bleibt auch anderes übrig. Diesen Stand habe ich jetzt seit ca. 18 Jahren. Die fünf Jahre davor konnte sie noch halbwegs wie sie wollte.
Die Glyzinie treibt in der Zeit von April bis September dermaßen stark aus, dass  teilweise alle zwei bis drei Wochen – abhängig von der Witterung – ein Rückschnitt erforderlich ist. Anderenfalls käme niemand mehr ins Haus oder könnte noch aus den Fenstern schauen. Rolllädenkästen wären eingewachsen, Dachantennen überzogen und jeder Spalt in Besitz genommen.

Im Laufe der Jahre verholzen die Triebe und werden dicker. Wie Baumstämme trotzen sie jedem Sturm und schaffen es – wenn man nicht sehr gut aufpasst – Balkongeländer fast zu zerquetschen. Es ist unmöglich, diese verholzten Teile noch mit einer Gartenschere abzuschneiden, da einfach keine Lücke vorhanden ist, um richtig anzusetzen. Es bleibt wirklich nur die Säge. Mit viel Geduld und in kleinen Teilstückchen, lassen sich  Geländer oder Rankgerüst damit wieder freilegen.

Glyzinie: ineinander verdrehte, verholzte Triebe

Glyzinie: ineinander verdrehte, verholzte Triebe

Nachdem mir das einmal passiert ist, verspürte ich wenig Lust auf Wiederholung. Ich zog zusätzlich zum Balkongeländer eine davorliegende  Querverstrebung, an der ich von da an den Blauregen entlangleitete. So blieb das Geländer untenherum relativ frei, um auch gelegentlich mal Ausbesserungsarbeiten wie Entrosten oder Streichen vornehmen zu können. Das horizontale Leiten ist auch wichtig, damit die Pflanze richtig zum Blühen kommt. Beim Schneiden und Einkürzen gibt es natürlich  noch einige wichtige Tricks, um den Blütenansatz zu fördern. Sie stehen aber auch in der einschlägigen Literatur, genauso wie Boden- und Lichtbedürfnisse.
Was dort nicht steht ist Folgendes:
Wenn Sie Ihren Blauregen schneiden, rate ich Ihnen, dunkle, am besten schwarze Kleidung zu tragen!
Ich habe es anfangs natürlich nicht getan, sondern bin – gerade, weil es so häufig ist – einfach so, wie ich gerade war, mit einer Schere ans Werk gegangen. Ich habe mich nur relativ  häufig gewundert, auf welche Art ich wieder einmal mein Oberteil oder auch meine Hose  mit kleinen, braunen und nicht zu entfernenden Flecken verunstaltet hatte.
Schokolade? Teespritzer?
Ich bin nicht der typische Essenskleckerer. Zumindest bemerke ich es ….
Irgendwann kam es heraus: der Blauregen ist der Verursacher! Die frischen, knackigen Triebe, die gestutzt werden, haben viel Saft, der fast durchsichtig ist. Er wirkt absolut harmlos, und es fällt überhaupt nicht auf, wenn etwas auf die Kleidung spritzt. Sobald er jedoch angetrocknet ist, ist alles zu spät. Im Laufe von zwei Tagen verfärbt sich alles dunkel, und es sieht aus wie Rostflecken.

Glyzinie: Die langen Triebe entwickeln sich

Glyzinie: Die langen Triebe entwickeln sich

Glyzinie: Schnitt tut Not

Glyzinie: Schnitt tut Not

Ein weiterer Hinweis bezüglich ‚idyllisch am Sitzplatz’:
Wenn im April oder Mai die ersten warmen Tage sind, an denen gerne ein Teil des Lebens auf die Terrasse verlegt wird, dann sind zeitgleich die Blütentrauben des Blauregens am Welken. Ganze Wolken von vertrockneten Blüten fallen kontinuierlich auf Ihren Tisch, und Sie dürfen dann ganz getrost wirklich von ‚Blütentee’ sprechen.

Um  ein Fazit zu ziehen:
Die Pflanze ist hübsch anzuschauen, ich möchte sie gar nicht missen. Sie ist recht robust, kälteresistent, hitzevertragend und ausdauernd. Ihr Laubdach ist ein sehr angenehmer Schattenspender,  und durch das recht locker aufgebaute, hellgrüne Laub wirkt nichts erdrückend oder duster.
Kleines Manko:
Wuchsbeobachtung und –lenkung tut wirklich Not! Sehr stabile Rankgerüste oder Rankgitter sind dringend erforderlich, sonst nimmt sie sich selbst  ungeeignete  ‚Haltegriffe’ (und reißt alles mit sich).
Häufiges Rückschneiden ist zwingend erforderlich!
Vorsicht beim Kontakt mit dem Saft und basteln Sie sich besser eine Abdeckvorrichtung für Ihre Teetasse (Rieseltendenz der Blüten).

… das sechste Mal. In diesem Jahr! Der Kerl war unersättlich. Sie nahm kurzentschlossen einen Trieb in die Hand und schnitt ihn mit der Schere weit zurück. Und dann den nächsten. Seine sie umschlingenden Arme verschwanden nach und nach. Was blieb, war ein Blauregen, der sie in zwei Wochen erneut zum Stöhnen bringen würde. Vielleicht würden dann Tropfen über ihre Wange gleiten …
Denn sie schnitt auch bei Regen.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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