Beiträge getaggt mit Binnenalster im Winter

Unterwegs in Hamburg: „Was finden Sie denn an dem Parkhaus so toll?“

Willkommen zurück! Ein gutes 2016 für Sie!
Die Zeit, sie fliegt bereits wieder, und das neue Jahr ist schon gar nicht mehr so extrem jung.

War bei Ihnen in der letzten Zeit auch wettertechnisch Obertrübnis angesagt? Ein ewig grauer Himmel?
Soweit ich mich entsinne, schien in Hamburg vor dem gestrigen 9. Januar zuletzt am ersten Weihnachtsfeiertag richtig die Sonne. Ich erinnere mich deshalb, da ich nämlich just an diesem Tag in der Küche am brutzeln des großen Familienweihnachtsmahls war und dabei etwas sehnsüchtig nach draußen blickte.
Frühlingshaft, blauer Himmel … Man kommt an solch einem Tag leider erst nicht weg vom Herd und bleibt später mit seinen Gästen in der Regel drinnen. Im Nu wird es auch dunkel. Sonne verpasst …
Vertagen klappte genauso wenig, denn danach zog mit der Kälte besagtes „Grauen“ ein und hielt sich hartnäckig. Mir ging das nach zwei Wochen richtig aufs Gemüt! Lichtmangel, Vitamin-D-Defizit, irgendetwas in der Art wird der Auslöser gewesen sein.
Gestern nun traute sich endlich wieder die Sonne hervor! Schon war ich eingemummt und zog Richtung Stadt.

Startete an der Binnenalster

Hamburg - Binnenalster - Anleger Jungfernstieg mit den Alsterbooten Bredenbek, Goldbek und Eilbek

Hamburg – Binnenalster – Anleger Jungfernstieg

 

Hamburg - Binnenalster - Möwenpickeis ... (Eisschollen auf der Alster, auf ihnen Möwen)

Hamburg – Binnenalster – Möwenpickeis …

 

Hamburg - Binnenalster - ... und es fahren doch Boote, trotz Eis.

Hamburg – Binnenalster – … und es fahren doch Boote, trotz Eis.

 

Hamburg - Binnenalster mit Lombardsbrücke im Winter mit Eisschollen

Hamburg – Binnenalster mit Lombardsbrücke

 

Zog weiter Richtung Planten und Blomen

Hamburg - Planten un Blomen - Winterlich an einigen Ecken ... (Blütenstände von Stauden im Schnee)

Hamburg – Planten un Blomen – Winterlich an einigen Ecken …

 

Hamburg - Planten un Blomen - ... an geschützter Stelle blüht die Zaubernuss (Hamamelis). Hamamelisblüte in orange/rot

Hamburg – Planten un Blomen – … an geschützter Stelle blüht die Zaubernuss (Hamamelis).

 

Ging zu Fuß zurück Richtung Hauptbahnhof – und da fiel mir wieder ein, was ich schon länger vorhatte:
Ich würde Ihnen gern wieder einmal etwas aus meiner Heimatstadt Hamburg zeigen bzw. verraten!
Natürlich hatten Sie auch schon die Fotos gerade eben, aber es gibt obendrein Spezielles, das selbst die Hamburger nicht automatisch kennen oder wenn sie es im Vorbeilaufen gesehen haben, nicht unbedingt ahnen, welche Bewandtnis es damit hat.

Wenn Sie mit der U-Bahn zur Steinstraße (U1) fahren und sich dort dem nördlichen Bahnhofsausgang zuwenden, mit der Rolltreppe oben auf Straßenniveau ankommen, so stoßen Sie direkt auf ein buntes Wandmosaik. Wissen Sie, was es darstellt? Ist es einfach nur nett anzusehen oder steckt mehr dahinter?

Stopp! Warten Sie! Ich erzähle doch „von hinten“. Es passt gerade besser. Dann muss ich nichts doppelt auf Sie loslassen.

Ich habe gestern ein Mosaikbild dort für Sie gesichert und brauchte als Ergänzung die Aufnahme eines bestimmten Parkhauses. Um das Gebäude wirklich ganz aufs Foto zu bekommen, war Abstand zum Objekt vonnöten. Ich überquerte daher die Kreuzung an der Steinstraße. Als günstigster Punkt entpuppte sich der Platz an einer Fußgängerampel schräg gegenüber. So stand ich plötzlich inmitten einiger Wartender und fotografierte über die Straße hinweg.

Hamburg - Das Saturn-Parkhaus nahe des Hauptbahnhofs

Hamburg – Das Saturn-Parkhaus nahe des Hauptbahnhofs

 

„Also da gibt’s doch wirklich schönere Sachen zu knipsen!“, meinte eine Frau zu ihrem Begleiter.
Sie sprach laut und deutlich, so dass ich es beim besten Willen nicht überhören konnte. Ihm war das etwas peinlich und da ich auch noch ungeniert zu ihnen hinschaute, fragte er mit etwas schiefen Lächeln:
„Was finden Sie denn an dem Parkhaus so toll?“
„Ich finde es überhaupt nicht toll.“
„Ja, aber wieso …?“
Die Fußgängerampel sprang auf Grün. Sie warteten weiter. Höflichkeit?
„Möchten Sie weitergehen, solange Grün ist, oder hätten Sie gern die Antwort?“, fragte ich.
Beide blieben stehen …

„Genau dort stand früher die „Wasch- und Badeanstalt Schweinemarkt“. Die war genauso rund
angelegt wie dieses Parkhaus von Saturn.
„Eine Badeanstalt? Dort? Haben wir noch nie gehört!“, meinten sie einstimmig. Obwohl sie hier leben würden.
Das ist nicht verwunderlich. Einerseits sind sie jünger als ich, und selbst ich habe es erst irgendwann durch einen Artikel erfahren, nicht durch Erinnerung an frühere Zeiten. Zu lang ist das alles schon her. Den Bericht dazu hatte ich mir allerdings gerade kurz vor meiner gestrigen Tour wieder einmal geschnappt.
Sie wirkten weiterhin interessiert. Also fuhr ich fort:

„Die Badeanstalt wurde 1855 eröffnet. Sie ist noch unter einem weiteren Namen bekannt; es fällt in diesem Zusammenhang häufig der Begriff „Tempel der Reinlichkeit“.
In den Jahren zwischen 1838 und 1860 arbeitete hier in der Stadt ein englischer Ingenieur namens William Lindley, der ganz erheblich an der Modernisierung Hamburgs beteiligt war. Ein Hauptaugenmerk lag dabei seinerzeit auf der Wasserversorgung und dabei ebenfalls darauf, gerade für die ärmere Bevölkerung durch öffentliche Badehäuser die Bedingungen zu verbessern. Man konnte in diesen Häusern nicht nur baden, sondern auch an über 30 Wäscheständen seine Wäsche waschen und alles verrichten, was in diesem Zusammenhang mit anfiel. Plätten, mangeln …“
„Nicht schlecht …“
„Nein, nicht wahr? Sie müssen sich das mit dem Bad ziemlich gut durchdacht vorstellen. Praktisch angeordnet. Ein eingeschossiger Bau, also längst nicht so hoch wie das Parkhaus heute. Ein runder Grundriss, in der Mitte ein Schornstein, der allerdings hoch und weit sichtbar aufragte. Er maß immerhin 40 Meter!
Ein Innenrund, darum ein Rundgang, von dem durch Holzwände abgetrennte Kabinen abgingen. Massenhaft Badenwannen! Die Angaben über die genaue Zahl sind nicht so ganz einheitlich. Sie schwanken zwischen 50 und 65 Stück, jeweils in Einzelkabinen aufgestellt. Selbstverständlich wurden Frauen und Männer getrennt! Sogar die Eingänge lagen an verschiedenen Straßen! Für die Damen hier an der Steinstraße, für die Herren am Steintor. Die Männer hatten zusätzlich zu den Wannen noch ein „Regenbad“. So nannte man die Duschen damals.
„Regenbad?“ Die Frau grinste amüsiert. „Wie lange gab es denn das Bad überhaupt?
„Bis Anfang 1963 immerhin. Es hatte im Krieg schon arg gelitten, wurde jedoch wieder aufgebaut. Irgendwann Anfang der 50er Jahre verschwand der Schornstein. Der wurde nicht mehr gebraucht. Und schließlich plante man Neues. Die Verkehrsplanung gewann an Gewicht, ein neues Kaufhaus sollte her. Erinnern Sie sich vielleicht noch an Horten? Bevor Saturn hier um die Jahrtausendwende einzog? So fiel letztendlich der Beschluss für die Aufgabe des Bades. Man wollte diese Fläche anders nutzen.“
„Man gibt ja generell in Hamburg gern Bäder auf …“, merkte der Herr an.
Womit er gar nicht so Unrecht hat.

„Waren Sie denn schon unten am Mosaik?“, fragte ich, „beim Abgang zur U-Bahn Steinstraße?“
„Nein, wir kommen direkt vom Hauptbahnhof. Was ist denn dort zu sehen?“
Ich zeigte Ihnen das von der Kamera gespeicherte Foto, das ich gerade zuvor aufgenommen hatte.

Hamburg - U-Bahnhof Steinstraße (U1) - Motiv "Wasch- und Badeanstalt Schweinemarkt" bzw. "Tempel der Reinlichkeit" (Mosaik von Walter Siebelist, 1904-1978)

Hamburg – U-Bahnhof Steinstraße (U1) – Motiv „Wasch- und Badeanstalt Schweinemarkt“ bzw. „Tempel der Reinlichkeit“ (Mosaik von Walter Siebelist, 1904-1978)

„Hier, können Sie etwas erkennen auf dem kleinen Display? So sah das Bad damals in etwa aus. Das Mosaik dazu stammt von dem Künstler Walter Siebelist. Es soll auch heute noch an den Tempel der Reinlichkeit erinnern.“
„Oh, das ist aber echt wesentlich hübscher als das dunkle Parkhaus“, fand sie. „Lass uns doch noch mal eben runter gehen, das ist ja nur ein paar Meter entfernt“, fügte sie, ihrem Begleiter zugewandt, hinzu. „Ich möchte das gern mal groß sehen.“
Wir verabschiedeten uns.
„Viel Spaß!“, wünschte ich den beiden. „Das Saturn-Parkhaus am Steintorwall hat man übrigens extra deshalb rund angelegt. Wegen des ehemaligen, ebenfalls runden Bades. Mein Parkhaus-Fotowunsch diente quasi der Komplettierung meiner Fotoaktion. Nur um noch Ihre Frage von vorhin ganz zu beantworten …“

Und so marschierten die beiden Richtung Mosaik, ich hatte mein Foto des hässlichen Parkhauses, ebenso das des Wandbilds und sogar noch eine Unterhaltung, die Ihnen gleich alles mit erklärt. Zwei bis fünf Fliegen mit einer Klappe erwischt, würde ich das nennen.

Für heute verabschiede ich mich. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag!
Vielleicht ist zufällig bei Ihnen Badetag. Dann gedenken Sie kurz früherer Zeiten, erfreuen sich dann an Ihrem modernen Regenbad oder der komfortablen Wanne und daran, dass Sie selbst den Hahn auf- und zudrehen dürfen. Das war im Bad nämlich alleinige Sache der Angestellten!
Bei Ihnen daheim gibt es sicherlich auch keine Klassengesellschaft. Damals im Tempel der Reinlichkeit existierte hingegen eine Erste und eine Zweite Klasse! Mit entsprechenden Wannenunterschieden! Die bessere war aus Stein mit schöner, weißer Innenlasur. Badehandtücher, Bürste und Kamm inklusive. Die einfachere Version hieß Zinkwanne. Dazu nur ein Tuch. Etwas härter …

.

Quelle:
Ich habe einen alten Artikel von Dierk Strothmann aus dem Jahr 2007 aus dem Abendblatt-Journal zurate gezogen. Einige Details sind seinem Bericht entnommen. Weitere Informationen entdeckte ich in folgendem Buch, das ich Ihnen empfehle, wenn Sie die Stadt und seine Geschichte generell interessiert: Es trägt den Titel „Hamburger Geheimnisse“ und wurde vor nicht allzu langer Zeit vom Hamburger Abendblatt herausgebracht. Man ist darin insgesamt 50 Besonderheiten auf der Spur.

.

© by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

Werbeanzeigen

, , , , , , , , ,

43 Kommentare

%d Bloggern gefällt das: