Beiträge getaggt mit Audiobeitrag

Bloglesernachfrage: Was ist bitte RTV? – Heute die ganze Geschichte dazu

Kürzlich im Blogbericht über die Walking Acts der Teilnehmer des Model Contests QUARREE GESICHTER 2013, fiel meinerseits eine kleine Bemerkung, die offenbar doch nicht völlig unbemerkt blieb.
Ich schrieb über die Art und Weise, wie eine Rolltreppe nicht nur befahren, sondern regelrecht benutzt wird und erwähnte im Nachsatz eine Veröffentlichung, in der ich (meinen) RTV beschreibe.

Auf Nachfrage, was es damit auf sich hat, folgt hier die ganze Geschichte (in einer etwas anderen Fassung als bei der Erstveröffentlichung für und via Goodnewstoday.de). Für Hörer vorab die Links zur Podcast-Version via Audioboo (Teil 1-3)
http://audioboo.fm/boos/863962-die-diagnose-lautet-rtv-teil-1
http://audioboo.fm/boos/863972-die-diagnose-lautet-rtv-teil-2
http://audioboo.fm/boos/863975-die-diagnose-lautet-rtv-teil-3

Die Diagnose lautet RTV …

Titelbild im Blog für: Die Diagnose lautet RTV

Bevor Sie Schlimmes vermuten, möchte ich vorwegnehmen: es ist alles halb so schlimm. Es ist auch nicht direkt lebensgefährlich. Allerdings – unter Umständen chronisch!
Es ist nicht ganz auszuschließen, dass es ansteckend sein kann. Es gibt weiterhin keine Altersgruppe bzw. kein Geschlecht, das von vornherein eindeutig immun dagegen wäre, geschweige denn, dass es  eine Impfung dagegen gäbe! Entsprechende zugelassene Medikamente sprechen überhaupt nicht an, und die Rückfallquote fällt extrem hoch aus.
Ihnen ist klar, wovon ich spreche, oder?
Bitte? Nicht?
Liebe Leser, das ist jetzt nicht Ihr Ernst! Sie kennen doch garantiert den Rolltreppenvoyeurismus, kurz RTV!  Ich erkrankte daran vor ein paar Jahren. Ich denke, es erwischte mich in einem schwachen Moment …

Nach der Arbeit im Büro war mein Kopf weiterhin ziemlich intensiv mit den dortigen Themen beschäftigt. Selbst das Einkaufen, welches ich gleich im Anschluss auf dem Heimweg erledigte, taugte nicht wirklich zur Ablenkung. Ich war erschöpft, bepackt, durstig und hing gefühlsmäßig irgendwo zwischen Büroausgangstür und Privateingangstür.
Es war nicht das erste Mal, dass ich genau dort einen Cappuccino trank, dort im Einkaufszentrum in einem dieser Coffee-Läden mit der ausgesprochen netten – zurückhaltend netten wohlgemerkt – Bedienung. In diesem Coffee-Shop, in dem es schmeckt und die Preise moderat sind. Ich hatte an diesem Tag aber das erste Mal einen Platz mit Blickrichtung in das Ladenzentrum.

Die aufgeschäumte Milch genüsslich vom Cappuccino löffelnd, schaute ich gedankenverloren auf die direkt quer vor mir auf- und abführenden Rolltreppen. Nach kurzer Zeit passierte etwas sehr Merkwürdiges. Mein überfüllter Kopf leerte sich, entspannt lehnte ich mich zurück und beobachtete einfach nur die Menschen, die sich diesen Treppen näherten. Mir war nie wirklich aufgefallen, was dort alles los ist und wie unterschiedlich alles verläuft, wie viel allein die Art, die Rolltreppe zu betreten und zu benutzen über die Personen verrät. Ich maße mir nicht an, jeden Gedanken der Person zu erraten, aber wenn ich es Ihnen ein bisschen beschreibe – dieses Leben auf der Rolltreppe – vielleicht wissen Sie dann, was ich meine.

Nehmen wir als erstes die Kinder.
Für die ganz Kleinen heißt das, sie nähern sich unverkrampft, schauen erstaunt, weil auf einmal der Weg wegläuft. Sie wollen hinterher – völlig angstfrei. Das ist Abenteuerdrang, aufkommende Neugier, Unternehmungslust pur. Meist ist dann ein nicht angstfreies Eltern- oder Großelternteil dabei, das aufgeregt darauf hinweist, dass jetzt An-die-Hand-nehmen angesagt ist. Unter Protest, heftiger Gegenwehr und lautstarkem Ich-kann-das-aber! wird das Hindernis bewältigt, und ein seliges Strahlen erhellt die Miene.
Ältere Kinder rennen vorweg, nehmen bewusst die falsche Rolltreppe, die, die nach oben fährt, obwohl sie nicht gar nicht dorthin möchten und laufen begeistert entgegen der Laufrichtung. Sportersatz, Ausgleich für den Bewegungsmangel, für langes Sitzen in der Schule.
Geschwister rangeln um die besten Plätze (ICH fahr zuerst! – ICH fahr neben Mama!).

Erwachsene sind in dieser Hinsicht uninteressant. Sie wissen, dass sie es irgendwie schaffen, hoch oder runter zu gelangen. Bitte bloß nicht mehr Einsatz als nötig. Man könnte also meinen, hier gäbe es nichts zu gucken. Ich sag nur: weit gefehlt! An ihnen kann ich mich gar nicht satt sehen.
Da wäre zuerst der unsichere Typ:
Er/sie geht langsam, bleibt die ganze Zeit auf derselben Stufe, die Hand liegt auf dem Handlauf. Der Blick geht ausschließlich in Fahrtrichtung. Die Aufmerksamkeit gilt nur der Treppe, es wird nicht nach links und rechts geschaut, schon gar nicht zurück nach unten. Bereits fünf Meter vor dem Ende der Treppe steht die Person in Absprungposition, um die Treppe dann zügig zu verlassen. Die Züge entspannen sich: Puh, geschafft!
Der geistesabwesende Typ:
Er/sie stolpert gewissermaßen auf die Treppe, steht still, fährt ausdruckslos und merkt oben häufig nicht sofort, dass schon Schluss ist. Fährt mit den Schuhspitzen auf die Auslaufplatte, wundert sich kolossal über das abrupte Stoppen, schaut ertappt in die Runde und verlässt dann diesen Bereich mit betretenem Blick nach unten, als sei es ihm nachträglich noch peinlich.
Der bepackte Typ:
Genial, wie manche es schaffen, bepackt mit dicken Tüten und Kartons, die Rolltreppe zu meistern. Wahre Künstler! Der Blick auf die eigenen Füße ist unmöglich, aber durch vorsichtiges Vortasten und Ausbalancieren zeigt sich hier, wer Anfänger und wer Profi ist. Handelt es sich um Paare, herrscht Arbeitsteilung insofern, als dass sie ihren Packesel freundlich auf die Rolltreppe lotst, geleitet und ihn auch noch fröhlich schnatternd bis oben unterhält! Für ein Nicken hat er gerade noch Platz, falls nicht der oberste Karton seiner Ladung zwischen Brust und Kinn eingeklemmt ist.
Die schmusigen Typen:
Jüngere Pärchen nutzen die Rolltreppen zu einem erstaunlich großen Teil zum Schmusen.
Die einen sind die Nebeneinander-Schmuser. Die gleichberechtigten sozusagen. Auf gleicher Stufen- bzw. Augenhöhe stehend kommt man sich näher, um dann rechtzeitig oben gemeinsam abzuspringen.
Die anderen sind die Der-Kleinere-geht-vorweg-Schmuser. Meist betritt sie als Erste die Treppe, dreht sich auf ihrer Stufe um 180 Grad und ist in perfekter Kusshöhe mit ihrem Liebsten, der eine Stufe tiefer vorwärts fährt. Oben entsteht gelegentlich Kuddelmuddel, sie wird jedoch meist von ihm ‚gerettet‘- was dann einen Dankeskuss extra für den heldenhaften Retter nach sich zieht.

Kommen wir  zu den Personen, die offenbar nicht so viel Zeit haben:
Die eiligen Typen:
Sie nähern sich bereits im Sturmschritt und steigen auch auf der Rolltreppe zusätzlich die Stufen zu Fuß empor. Etwaige Hindernisse (sprich andere Personen) werden entweder zur Seite gedrängt oder mit recht nachdrücklichem und anschuldigendem Ton darauf hingewiesen:
Man steht rechts und geht links!
Hierzu wird üblicherweise freihändig gefahren. Hatte die Am-Hindernis-vorbeikommen-Methode keinen durchschlagenden Erfolg, bleibt der Eilige notgedrungen dahinter, wird nun jedoch zum Guck-mal-wie-dicht-ich-aufrücken-kann Fahrer bzw. zum Magst-du’s-wenn-ich-dir-in-den-Nacken-puste Typen. Die Finger veranstalten Trommelwirbel auf dem Handlauf, die Position der Beine ändert sich sekündlich.
In diesem Fall gibt es für die Bedrängten zwei Möglichkeiten: entweder vorbeilassen oder umdrehen und zurückpusten.

Rolltreppen-Typen, die auch mit den Fingern auf dem Handlauf zugange sind, haben dafür noch völlig andere Gründe. Sie haben oftmals einen imaginären Song oder Takt im Kopf, den sie nachspielen, tragen vielleicht sogar Stöpsel im Ohr und erleben gerade Rammstein.
Frauen nehmen weniger einzelne Finger, sondern platzieren vielmehr die ganze Hand auf dem Handlauf. Nicht so sehr aufgrund unsicheren Standes, sondern vermutlicherweise deshalb, weil es häufig sie sind, die unter kalten Händen leiden. Der Handlauf ist eine tolle Wärmequelle!

Der sportliche Typ:
Er (seltener sie) steht mittig auf der Rolltreppe, legt die Hände links und rechts auf den Handlauf und funktioniert den fahrbaren Untersatz kurzerhand zum Stufenbarren um. Leichtes Abheben der Füße und entspanntes Hin- und Herpendeln etwa 10 cm über dem geriffelten Boden. Interessant, wenn es zu Level 2 kommt,  die Laufgeschwindigkeit des Handlaufs nämlich nicht mit der der Fahrtreppe übereinstimmt. Dann erfolgt die Landung auf einer anderen Stufe als der Absprung.

Es ist wirklich nicht so, dass hier schon Schluss wäre mit der Artenvielfalt. Ach, es gibt noch so viel mehr Varianten und Typen!
Die Synchron-Eisschlecker,
die Mein-Gott-wo-bin-ich-hier-bloß Typen,
die Kinderwagenstemmer,
die Gelangweilt-Gucker,
die Kontaktsucher (Blick schweift angelegentlich in alle Richtungen und verharrt auf einzelnen weiblichen Personen),
die Ertappten (sie schauen ebenfalls umher, möchten jedoch nicht dabei erwischt werden),
die Showtypen (Hossa, jetzt komm ich!),
die Schuhzubinder,
die Ich-beweg-mich-noch-langsamer-als-die-Treppe Typen,
die Hintereinander– und die Nebeneinander Fahrer, die, die ein Bein hinauf auf die folgende Stufe stellen und das andere zwei Stufen zurück. Das sind die Spagatkünstler – ob wohl auch im wirklichen Leben? Ein Bein in der Zukunft, das andere noch in der Vergangenheit?

So viel zu beobachten …
Wenn wenige Menschen zeitgleich unterwegs sind, wird auf der Treppe immer mindestens eine Stufe dazwischen frei gelassen. Das gleiche Phänomen, das Sie auch beim Arzt im Wartezimmer antreffen. Wer dort wagt, sich direkt neben eine zweite Person zu setzen, solange noch mehr Stühle frei sind, wird sofort als Sittenstrolch angesehen.
Interessant auch, wenn die Rolltreppe versehentlich stoppt oder generell nicht funktioniert. Die Reaktionen reichen von erstaunt bis genervt und es gibt ein ungelenkes, unharmonisches Gestakse auf den Stufen, da man seinen verlorenen Gehrhythmus kaum wiederfindet. Das wiederum liegt daran, dass die Stufenhöhe einer Rolltreppenstufe einfach mit der Normschritthöhe nicht kompatibel ist.
Wir Menschen sind übrigens fürchterliche Gewohnheitstiere. Zu merken ist das sehr deutlich an der Reaktion, sobald eine Rolltreppe einmal umgestellt wird, was bei Wartung und Reparatur an anderer Stelle gelegentlich vorkommt. Ersatzverkehr. Die Fahrtrichtung wechselt. Jeder ist gewohnt, dass sie hinauffährt – nur heute tut sie es tückischerweise nicht: sie fährt halt abwärts.
Es ist nicht einmal Schadenfreude, die ich beim Zuschauen empfinde, es ist einfach schieres Entzücken, so viele verschiedene Gesichtsausdrücke und Gefühlsregungen zu sehen!

Ich gebe es zu: es ist so etwas wie eine leichte Sucht. Ich habe es seitdem öfter getan, habe RTV betrieben.
Ist es nun eigentlich eine schwere Krankheit, ein hartes Los, dieser Rolltreppenvoyeurismus?
Es ist mehr wie ein kleiner Schnupfen. Im Gegensatz zum allgemein bekannten ‚gemeinen’ Voyeurismus, den ich – wollten wir auch hierfür einen Vergleich heranziehen – doch eher als Schweinegrippe bezeichnen würde …

Mein zeitweiliger RTVSchnupfen macht mir jetzt nicht so extrem viel aus.
Neulich hatte ich allerdings auch so ein Kratzen im Hals …
Wenn das bloß nicht KSV war, der Kassenschlangenvoyeurismus.
Und gelegentlich muss ich hüsteln. Ein Zeichen von ZMV. Dieser Voyeurismus tritt auf, wenn man Zugmitreisende genau unter die Lupe nimmt …

Aber sonst geht es mir gut!

©Juni 2012 by Michèle Legrand


, , , , , , , , , , , , , ,

Hinterlasse einen Kommentar

Die Verabredung – oder Wege, die sich kreuzen …

Michèle Legrand at WordPress.comVon Zeit zu Zeit überkommt es mich, und ich veröffentliche etwas aus dem ganz weiten Feld der Dichtung, die hier im Blog sogar ihre eigene Kategorie (‚Gedichte‘ – zum besseren Wiederfinden) hat!
Gedicht heißt übrigens nicht automatisch und zwangsläufig, dass gereimt werden muss …
Es gibt Anlässe, die sich bedichten lassen, und es gibt für mich  die pure  Lust darauf. Anlässe sind real, Lust darauf hingegen heißt nicht automatisch, dass es autobiografisch ist.

Die Verabredung

http://boo.fm/b843409
(Die Hörvariante via Audioboo)

Wäre sie an ihm vorbeigegangen
hätten sich ihre Wege „nur so“ gekreuzt?
Und er?
Wäre sie ihm überhaupt aufgefallen?
Vielleicht hätten sie sich beachtet …
Aber hätten sie sich getraut
Hallo zu sagen,
gemeinsam ein Stück zu gehen …
Kaffee zu trinken,
zu erzählen, zu lachen,
zu schweigen?
Wie sie es taten …
Wer weiß es schon im Nachhinein –
mit Sicherheit.

Sie trafen sich.
Das erste Mal.
Sie gingen nicht aneinander vorbei,
weil einer den anderen erwartete.
Nur woher kannten sie sich?
Es gab viele Arten,
sich über den Weg zu laufen …
Ihre Pfade hatten sich bereits gekreuzt –
„nur so“ – irgendwann
lange vor diesem Tag

Und sie hatten sich beachtet.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , ,

11 Kommentare

Es war nicht das Brusthaar!

Es war nicht das Brusthaar (Titelfoto Kurzgeschichte im Blog: Michèle. Gedanken(sprünge)

Heute auch wieder einmal mit einer Hörversion!
Bitte hier entlang:
-> Es war nicht das Brusthaar! http://audioboo.fm/boos/832285

Sie schaute skeptisch, als er sich nach gründlichem Umsehen genau für den Tisch ihr gegenüber entschied. Natürlich setzte er sich auch so, dass er sich beim Herüberschauen nicht anstrengen oder gar verrenken musste. Sie gab ihm fünf Minuten – dann würde es ihm hoffentlich zu langweilig werden.
Es war ihr unangenehm, wie anmaßend und ungeniert er sie ständig anstarrte.
Eben erst, kurz vor seinem Erscheinen, war ihr Kaffee gekommen. Sie konnte ihn jetzt nicht in Rekordzeit heiß herunterstürzen und sah zudem auch gar nicht ein, sich von ihm vertreiben zu lassen!
Sie überlegte sich umzusetzen. Oder sollte sie ihn in seine Schranken weisen …?
Wenn sie ihn wenigstens hätte ernst nehmen können. Wenn er nur etwas, ETWAS Anziehendes, Angenehmes gehabt hätte.
Generell vermied sie, ausgehend von Äußerlichkeiten Rückschlüsse auf Charakter oder Verhalten zu ziehen. Nur hier wurde das Verhalten gleich mitgeliefert. Innerlich stöhnte sie. Wer sich so anzog und dermaßen selbstüberzeugt Anmache betrieb, der löste bei ihr fast ein wenig Mitleid aus. Aber nur fast.
Er hatte ein Hemd in schrillen Farben gewählt, die ersten vier oder fünf Knöpfe waren geöffnet. Eine Goldkette mit Gliedern, die stark genug wirkten, um daran den Anker der Queen Mary 2 zu befestigen, zierte den Hals. Sein Brusthaar quoll fröhlich heraus.
Sie bräuchte sich nur etwas weiter vorzubeugen, dann könnte sie bis zu seinem Bauchnabel sehen …
Eine weiße Jeans, insgesamt ein bis zwei Nummern zu klein. Sie war so eng, dass er vorsichtshalber sein Smartphone aus der Tasche genommen und auf den Tisch gelegt hatte. Die Sonnenbrille war lässig ins gegelte Haar hinaufgeschoben.
Und die Schuhe! Sie waren gewagt. Auberginenfarben, vorne spitz zulaufend und ein bisschen hochgebogen. Früher nannte man das im Extremfall Schnabelschuhe.
Sie musste einfach auf die Füße blicken. Die engen Hosenbeine ließen die Schuhe noch länger wirken. Er selbst war doch gar nicht so groß …
So große Füße hat der nie und nimmer! Wie viel Luft wohl vorne zwischen großem Zeh und Schuhspitze noch ist?
Er hatte ihr kurz aufflammendes Interesse offenbar missgedeutet, denn er zwinkerte ihr gerade vertraulich zu und beugte sich etwas vor, über den Tisch, so, als wollte er gleich eine Konversation starten.
Sie hatte nichts gegen Brusthaar! Das war es nicht. Wenn der Mann stimmte, war es ihr völlig egal, ob den Brustkorb eine glatte Babyhaut überzog oder sie dort Zöpfe flechten konnte. Sie hatte nur keine Lust auf ihn.
Er begann, dumme Sprüche zu klopfen. Schöne Frau – so alleine, man könnte doch …
Sie winkte die Bedienung heran und zahlte. Die Angestellte schien das Rasierwasser des Mannes als etwas aufdringlich zu empfinden und klappte das Fenster nahe seinem Tisch ein.

Sie nahm ihre Tasche. Er beobachtete sie und versuchte, die „Konversation“ aufrecht zu erhalten. Sie versteifte, schien plötzlich entschlossen und ging direkt an seinen Tisch. Er wirkte siegesgewiss.
Sie schaute ihn an, ging vor ihm in die Hocke und raunte:
„Darf ich mal fühlen …?“
Er wirkte etwas überrumpelt und lief ein wenig an.
Sie drückte mit ihrem Daumen auf seine Schuhspitze. Zwischen Zeh und Schuhende waren mindestens drei Zentimeter Luft.
Sie richtete sich ruhig wieder auf, strich ihre Kleidung glatt und bemerkte:
„Die Schuhe eine Nummer kleiner, die Jeans eine größer. Und wenn Ihnen jetzt bei offenem Fenster kühl wird, haben Sie auch noch die Möglichkeit, ein oder mehrere Knöpfe ihres Hemdes zu schließen.“

Und damit ging sie.
Sie war manchmal böse.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , , ,

2 Kommentare

%d Bloggern gefällt das: