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Bloglesernachfrage: Was ist bitte RTV? – Heute die ganze Geschichte dazu

Kürzlich im Blogbericht über die Walking Acts der Teilnehmer des Model Contests QUARREE GESICHTER 2013, fiel meinerseits eine kleine Bemerkung, die offenbar doch nicht völlig unbemerkt blieb.
Ich schrieb über die Art und Weise, wie eine Rolltreppe nicht nur befahren, sondern regelrecht benutzt wird und erwähnte im Nachsatz eine Veröffentlichung, in der ich (meinen) RTV beschreibe.

Auf Nachfrage, was es damit auf sich hat, folgt hier die ganze Geschichte (in einer etwas anderen Fassung als bei der Erstveröffentlichung für und via Goodnewstoday.de). Für Hörer vorab die Links zur Podcast-Version via Audioboo (Teil 1-3)
http://audioboo.fm/boos/863962-die-diagnose-lautet-rtv-teil-1
http://audioboo.fm/boos/863972-die-diagnose-lautet-rtv-teil-2
http://audioboo.fm/boos/863975-die-diagnose-lautet-rtv-teil-3

Die Diagnose lautet RTV …

Titelbild im Blog für: Die Diagnose lautet RTV

Bevor Sie Schlimmes vermuten, möchte ich vorwegnehmen: es ist alles halb so schlimm. Es ist auch nicht direkt lebensgefährlich. Allerdings – unter Umständen chronisch!
Es ist nicht ganz auszuschließen, dass es ansteckend sein kann. Es gibt weiterhin keine Altersgruppe bzw. kein Geschlecht, das von vornherein eindeutig immun dagegen wäre, geschweige denn, dass es  eine Impfung dagegen gäbe! Entsprechende zugelassene Medikamente sprechen überhaupt nicht an, und die Rückfallquote fällt extrem hoch aus.
Ihnen ist klar, wovon ich spreche, oder?
Bitte? Nicht?
Liebe Leser, das ist jetzt nicht Ihr Ernst! Sie kennen doch garantiert den Rolltreppenvoyeurismus, kurz RTV!  Ich erkrankte daran vor ein paar Jahren. Ich denke, es erwischte mich in einem schwachen Moment …

Nach der Arbeit im Büro war mein Kopf weiterhin ziemlich intensiv mit den dortigen Themen beschäftigt. Selbst das Einkaufen, welches ich gleich im Anschluss auf dem Heimweg erledigte, taugte nicht wirklich zur Ablenkung. Ich war erschöpft, bepackt, durstig und hing gefühlsmäßig irgendwo zwischen Büroausgangstür und Privateingangstür.
Es war nicht das erste Mal, dass ich genau dort einen Cappuccino trank, dort im Einkaufszentrum in einem dieser Coffee-Läden mit der ausgesprochen netten – zurückhaltend netten wohlgemerkt – Bedienung. In diesem Coffee-Shop, in dem es schmeckt und die Preise moderat sind. Ich hatte an diesem Tag aber das erste Mal einen Platz mit Blickrichtung in das Ladenzentrum.

Die aufgeschäumte Milch genüsslich vom Cappuccino löffelnd, schaute ich gedankenverloren auf die direkt quer vor mir auf- und abführenden Rolltreppen. Nach kurzer Zeit passierte etwas sehr Merkwürdiges. Mein überfüllter Kopf leerte sich, entspannt lehnte ich mich zurück und beobachtete einfach nur die Menschen, die sich diesen Treppen näherten. Mir war nie wirklich aufgefallen, was dort alles los ist und wie unterschiedlich alles verläuft, wie viel allein die Art, die Rolltreppe zu betreten und zu benutzen über die Personen verrät. Ich maße mir nicht an, jeden Gedanken der Person zu erraten, aber wenn ich es Ihnen ein bisschen beschreibe – dieses Leben auf der Rolltreppe – vielleicht wissen Sie dann, was ich meine.

Nehmen wir als erstes die Kinder.
Für die ganz Kleinen heißt das, sie nähern sich unverkrampft, schauen erstaunt, weil auf einmal der Weg wegläuft. Sie wollen hinterher – völlig angstfrei. Das ist Abenteuerdrang, aufkommende Neugier, Unternehmungslust pur. Meist ist dann ein nicht angstfreies Eltern- oder Großelternteil dabei, das aufgeregt darauf hinweist, dass jetzt An-die-Hand-nehmen angesagt ist. Unter Protest, heftiger Gegenwehr und lautstarkem Ich-kann-das-aber! wird das Hindernis bewältigt, und ein seliges Strahlen erhellt die Miene.
Ältere Kinder rennen vorweg, nehmen bewusst die falsche Rolltreppe, die, die nach oben fährt, obwohl sie nicht gar nicht dorthin möchten und laufen begeistert entgegen der Laufrichtung. Sportersatz, Ausgleich für den Bewegungsmangel, für langes Sitzen in der Schule.
Geschwister rangeln um die besten Plätze (ICH fahr zuerst! – ICH fahr neben Mama!).

Erwachsene sind in dieser Hinsicht uninteressant. Sie wissen, dass sie es irgendwie schaffen, hoch oder runter zu gelangen. Bitte bloß nicht mehr Einsatz als nötig. Man könnte also meinen, hier gäbe es nichts zu gucken. Ich sag nur: weit gefehlt! An ihnen kann ich mich gar nicht satt sehen.
Da wäre zuerst der unsichere Typ:
Er/sie geht langsam, bleibt die ganze Zeit auf derselben Stufe, die Hand liegt auf dem Handlauf. Der Blick geht ausschließlich in Fahrtrichtung. Die Aufmerksamkeit gilt nur der Treppe, es wird nicht nach links und rechts geschaut, schon gar nicht zurück nach unten. Bereits fünf Meter vor dem Ende der Treppe steht die Person in Absprungposition, um die Treppe dann zügig zu verlassen. Die Züge entspannen sich: Puh, geschafft!
Der geistesabwesende Typ:
Er/sie stolpert gewissermaßen auf die Treppe, steht still, fährt ausdruckslos und merkt oben häufig nicht sofort, dass schon Schluss ist. Fährt mit den Schuhspitzen auf die Auslaufplatte, wundert sich kolossal über das abrupte Stoppen, schaut ertappt in die Runde und verlässt dann diesen Bereich mit betretenem Blick nach unten, als sei es ihm nachträglich noch peinlich.
Der bepackte Typ:
Genial, wie manche es schaffen, bepackt mit dicken Tüten und Kartons, die Rolltreppe zu meistern. Wahre Künstler! Der Blick auf die eigenen Füße ist unmöglich, aber durch vorsichtiges Vortasten und Ausbalancieren zeigt sich hier, wer Anfänger und wer Profi ist. Handelt es sich um Paare, herrscht Arbeitsteilung insofern, als dass sie ihren Packesel freundlich auf die Rolltreppe lotst, geleitet und ihn auch noch fröhlich schnatternd bis oben unterhält! Für ein Nicken hat er gerade noch Platz, falls nicht der oberste Karton seiner Ladung zwischen Brust und Kinn eingeklemmt ist.
Die schmusigen Typen:
Jüngere Pärchen nutzen die Rolltreppen zu einem erstaunlich großen Teil zum Schmusen.
Die einen sind die Nebeneinander-Schmuser. Die gleichberechtigten sozusagen. Auf gleicher Stufen- bzw. Augenhöhe stehend kommt man sich näher, um dann rechtzeitig oben gemeinsam abzuspringen.
Die anderen sind die Der-Kleinere-geht-vorweg-Schmuser. Meist betritt sie als Erste die Treppe, dreht sich auf ihrer Stufe um 180 Grad und ist in perfekter Kusshöhe mit ihrem Liebsten, der eine Stufe tiefer vorwärts fährt. Oben entsteht gelegentlich Kuddelmuddel, sie wird jedoch meist von ihm ‚gerettet‘- was dann einen Dankeskuss extra für den heldenhaften Retter nach sich zieht.

Kommen wir  zu den Personen, die offenbar nicht so viel Zeit haben:
Die eiligen Typen:
Sie nähern sich bereits im Sturmschritt und steigen auch auf der Rolltreppe zusätzlich die Stufen zu Fuß empor. Etwaige Hindernisse (sprich andere Personen) werden entweder zur Seite gedrängt oder mit recht nachdrücklichem und anschuldigendem Ton darauf hingewiesen:
Man steht rechts und geht links!
Hierzu wird üblicherweise freihändig gefahren. Hatte die Am-Hindernis-vorbeikommen-Methode keinen durchschlagenden Erfolg, bleibt der Eilige notgedrungen dahinter, wird nun jedoch zum Guck-mal-wie-dicht-ich-aufrücken-kann Fahrer bzw. zum Magst-du’s-wenn-ich-dir-in-den-Nacken-puste Typen. Die Finger veranstalten Trommelwirbel auf dem Handlauf, die Position der Beine ändert sich sekündlich.
In diesem Fall gibt es für die Bedrängten zwei Möglichkeiten: entweder vorbeilassen oder umdrehen und zurückpusten.

Rolltreppen-Typen, die auch mit den Fingern auf dem Handlauf zugange sind, haben dafür noch völlig andere Gründe. Sie haben oftmals einen imaginären Song oder Takt im Kopf, den sie nachspielen, tragen vielleicht sogar Stöpsel im Ohr und erleben gerade Rammstein.
Frauen nehmen weniger einzelne Finger, sondern platzieren vielmehr die ganze Hand auf dem Handlauf. Nicht so sehr aufgrund unsicheren Standes, sondern vermutlicherweise deshalb, weil es häufig sie sind, die unter kalten Händen leiden. Der Handlauf ist eine tolle Wärmequelle!

Der sportliche Typ:
Er (seltener sie) steht mittig auf der Rolltreppe, legt die Hände links und rechts auf den Handlauf und funktioniert den fahrbaren Untersatz kurzerhand zum Stufenbarren um. Leichtes Abheben der Füße und entspanntes Hin- und Herpendeln etwa 10 cm über dem geriffelten Boden. Interessant, wenn es zu Level 2 kommt,  die Laufgeschwindigkeit des Handlaufs nämlich nicht mit der der Fahrtreppe übereinstimmt. Dann erfolgt die Landung auf einer anderen Stufe als der Absprung.

Es ist wirklich nicht so, dass hier schon Schluss wäre mit der Artenvielfalt. Ach, es gibt noch so viel mehr Varianten und Typen!
Die Synchron-Eisschlecker,
die Mein-Gott-wo-bin-ich-hier-bloß Typen,
die Kinderwagenstemmer,
die Gelangweilt-Gucker,
die Kontaktsucher (Blick schweift angelegentlich in alle Richtungen und verharrt auf einzelnen weiblichen Personen),
die Ertappten (sie schauen ebenfalls umher, möchten jedoch nicht dabei erwischt werden),
die Showtypen (Hossa, jetzt komm ich!),
die Schuhzubinder,
die Ich-beweg-mich-noch-langsamer-als-die-Treppe Typen,
die Hintereinander– und die Nebeneinander Fahrer, die, die ein Bein hinauf auf die folgende Stufe stellen und das andere zwei Stufen zurück. Das sind die Spagatkünstler – ob wohl auch im wirklichen Leben? Ein Bein in der Zukunft, das andere noch in der Vergangenheit?

So viel zu beobachten …
Wenn wenige Menschen zeitgleich unterwegs sind, wird auf der Treppe immer mindestens eine Stufe dazwischen frei gelassen. Das gleiche Phänomen, das Sie auch beim Arzt im Wartezimmer antreffen. Wer dort wagt, sich direkt neben eine zweite Person zu setzen, solange noch mehr Stühle frei sind, wird sofort als Sittenstrolch angesehen.
Interessant auch, wenn die Rolltreppe versehentlich stoppt oder generell nicht funktioniert. Die Reaktionen reichen von erstaunt bis genervt und es gibt ein ungelenkes, unharmonisches Gestakse auf den Stufen, da man seinen verlorenen Gehrhythmus kaum wiederfindet. Das wiederum liegt daran, dass die Stufenhöhe einer Rolltreppenstufe einfach mit der Normschritthöhe nicht kompatibel ist.
Wir Menschen sind übrigens fürchterliche Gewohnheitstiere. Zu merken ist das sehr deutlich an der Reaktion, sobald eine Rolltreppe einmal umgestellt wird, was bei Wartung und Reparatur an anderer Stelle gelegentlich vorkommt. Ersatzverkehr. Die Fahrtrichtung wechselt. Jeder ist gewohnt, dass sie hinauffährt – nur heute tut sie es tückischerweise nicht: sie fährt halt abwärts.
Es ist nicht einmal Schadenfreude, die ich beim Zuschauen empfinde, es ist einfach schieres Entzücken, so viele verschiedene Gesichtsausdrücke und Gefühlsregungen zu sehen!

Ich gebe es zu: es ist so etwas wie eine leichte Sucht. Ich habe es seitdem öfter getan, habe RTV betrieben.
Ist es nun eigentlich eine schwere Krankheit, ein hartes Los, dieser Rolltreppenvoyeurismus?
Es ist mehr wie ein kleiner Schnupfen. Im Gegensatz zum allgemein bekannten ‚gemeinen’ Voyeurismus, den ich – wollten wir auch hierfür einen Vergleich heranziehen – doch eher als Schweinegrippe bezeichnen würde …

Mein zeitweiliger RTVSchnupfen macht mir jetzt nicht so extrem viel aus.
Neulich hatte ich allerdings auch so ein Kratzen im Hals …
Wenn das bloß nicht KSV war, der Kassenschlangenvoyeurismus.
Und gelegentlich muss ich hüsteln. Ein Zeichen von ZMV. Dieser Voyeurismus tritt auf, wenn man Zugmitreisende genau unter die Lupe nimmt …

Aber sonst geht es mir gut!

©Juni 2012 by Michèle Legrand


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Die Verabredung – oder Wege, die sich kreuzen …

Michèle Legrand at WordPress.comVon Zeit zu Zeit überkommt es mich, und ich veröffentliche etwas aus dem ganz weiten Feld der Dichtung, die hier im Blog sogar ihre eigene Kategorie (‚Gedichte‘ – zum besseren Wiederfinden) hat!
Gedicht heißt übrigens nicht automatisch und zwangsläufig, dass gereimt werden muss …
Es gibt Anlässe, die sich bedichten lassen, und es gibt für mich  die pure  Lust darauf. Anlässe sind real, Lust darauf hingegen heißt nicht automatisch, dass es autobiografisch ist.

Die Verabredung

http://boo.fm/b843409
(Die Hörvariante via Audioboo)

Wäre sie an ihm vorbeigegangen
hätten sich ihre Wege „nur so“ gekreuzt?
Und er?
Wäre sie ihm überhaupt aufgefallen?
Vielleicht hätten sie sich beachtet …
Aber hätten sie sich getraut
Hallo zu sagen,
gemeinsam ein Stück zu gehen …
Kaffee zu trinken,
zu erzählen, zu lachen,
zu schweigen?
Wie sie es taten …
Wer weiß es schon im Nachhinein –
mit Sicherheit.

Sie trafen sich.
Das erste Mal.
Sie gingen nicht aneinander vorbei,
weil einer den anderen erwartete.
Nur woher kannten sie sich?
Es gab viele Arten,
sich über den Weg zu laufen …
Ihre Pfade hatten sich bereits gekreuzt –
„nur so“ – irgendwann
lange vor diesem Tag

Und sie hatten sich beachtet.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

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Es war nicht das Brusthaar!

Es war nicht das Brusthaar (Titelfoto Kurzgeschichte im Blog: Michèle. Gedanken(sprünge)

Heute auch wieder einmal mit einer Hörversion!
Bitte hier entlang:
-> Es war nicht das Brusthaar! http://audioboo.fm/boos/832285

Sie schaute skeptisch, als er sich nach gründlichem Umsehen genau für den Tisch ihr gegenüber entschied. Natürlich setzte er sich auch so, dass er sich beim Herüberschauen nicht anstrengen oder gar verrenken musste. Sie gab ihm fünf Minuten – dann würde es ihm hoffentlich zu langweilig werden.
Es war ihr unangenehm, wie anmaßend und ungeniert er sie ständig anstarrte.
Eben erst, kurz vor seinem Erscheinen, war ihr Kaffee gekommen. Sie konnte ihn jetzt nicht in Rekordzeit heiß herunterstürzen und sah zudem auch gar nicht ein, sich von ihm vertreiben zu lassen!
Sie überlegte sich umzusetzen. Oder sollte sie ihn in seine Schranken weisen …?
Wenn sie ihn wenigstens hätte ernst nehmen können. Wenn er nur etwas, ETWAS Anziehendes, Angenehmes gehabt hätte.
Generell vermied sie, ausgehend von Äußerlichkeiten Rückschlüsse auf Charakter oder Verhalten zu ziehen. Nur hier wurde das Verhalten gleich mitgeliefert. Innerlich stöhnte sie. Wer sich so anzog und dermaßen selbstüberzeugt Anmache betrieb, der löste bei ihr fast ein wenig Mitleid aus. Aber nur fast.
Er hatte ein Hemd in schrillen Farben gewählt, die ersten vier oder fünf Knöpfe waren geöffnet. Eine Goldkette mit Gliedern, die stark genug wirkten, um daran den Anker der Queen Mary 2 zu befestigen, zierte den Hals. Sein Brusthaar quoll fröhlich heraus.
Sie bräuchte sich nur etwas weiter vorzubeugen, dann könnte sie bis zu seinem Bauchnabel sehen …
Eine weiße Jeans, insgesamt ein bis zwei Nummern zu klein. Sie war so eng, dass er vorsichtshalber sein Smartphone aus der Tasche genommen und auf den Tisch gelegt hatte. Die Sonnenbrille war lässig ins gegelte Haar hinaufgeschoben.
Und die Schuhe! Sie waren gewagt. Auberginenfarben, vorne spitz zulaufend und ein bisschen hochgebogen. Früher nannte man das im Extremfall Schnabelschuhe.
Sie musste einfach auf die Füße blicken. Die engen Hosenbeine ließen die Schuhe noch länger wirken. Er selbst war doch gar nicht so groß …
So große Füße hat der nie und nimmer! Wie viel Luft wohl vorne zwischen großem Zeh und Schuhspitze noch ist?
Er hatte ihr kurz aufflammendes Interesse offenbar missgedeutet, denn er zwinkerte ihr gerade vertraulich zu und beugte sich etwas vor, über den Tisch, so, als wollte er gleich eine Konversation starten.
Sie hatte nichts gegen Brusthaar! Das war es nicht. Wenn der Mann stimmte, war es ihr völlig egal, ob den Brustkorb eine glatte Babyhaut überzog oder sie dort Zöpfe flechten konnte. Sie hatte nur keine Lust auf ihn.
Er begann, dumme Sprüche zu klopfen. Schöne Frau – so alleine, man könnte doch …
Sie winkte die Bedienung heran und zahlte. Die Angestellte schien das Rasierwasser des Mannes als etwas aufdringlich zu empfinden und klappte das Fenster nahe seinem Tisch ein.

Sie nahm ihre Tasche. Er beobachtete sie und versuchte, die „Konversation“ aufrecht zu erhalten. Sie versteifte, schien plötzlich entschlossen und ging direkt an seinen Tisch. Er wirkte siegesgewiss.
Sie schaute ihn an, ging vor ihm in die Hocke und raunte:
„Darf ich mal fühlen …?“
Er wirkte etwas überrumpelt und lief ein wenig an.
Sie drückte mit ihrem Daumen auf seine Schuhspitze. Zwischen Zeh und Schuhende waren mindestens drei Zentimeter Luft.
Sie richtete sich ruhig wieder auf, strich ihre Kleidung glatt und bemerkte:
„Die Schuhe eine Nummer kleiner, die Jeans eine größer. Und wenn Ihnen jetzt bei offenem Fenster kühl wird, haben Sie auch noch die Möglichkeit, ein oder mehrere Knöpfe ihres Hemdes zu schließen.“

Und damit ging sie.
Sie war manchmal böse.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

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Am Jahresanfang: Das kenne ich doch vom letzten Jahr …!

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_6774551 Text auch als Podcast
(Alternativlink zur gesprochenen Version, da hin und wieder der Audioplayer aus unerfindlichen Gründen nicht abspielt:
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_6774551

Im Moment wirkt es draußen überall etwas kahl. Nachdem die ganzen Weihnachtsdekorationen verschwunden sind, hat die Nüchternheit wieder Einzug gehalten. Wie jedes Jahr im Januar.
Vielleicht ist es auch schon jemandem aufgefallen: Es gibt Dinge, die sich offenbar am Jahresbeginn grundsätzlich wiederholen. Immer wieder, jedes Jahr.
Im Gegensatz zu vielen anderen, vielleicht weitaus wichtigeren Sachen, die oftmals trotz allem einfach keine lange Lebenszeit bzw. wirkliche Überlebenschance haben. Oder die sich eben zeitmäßig nicht so gängeln und festnageln lassen. Abhängig sind von Wetter, Geld/Sponsoren, Zeitgeist, Laune, Alter etc.
Wer jetzt auf den Straßen, in den Geschäften oder lesenderweise in Zeitungen und Zeitschriften unterwegs ist, stellt fest, dass die Themenauswahl recht begrenzt ist, sich arg ähnelt und dass sie sich an der Themenauswahl des letzten Januars und der des Januars davor und der des Januars des Jahres davor … orientiert.
Es wird pünktlich zu Jahresbeginn vermeldet, dass wir mehr zu zahlen haben. Durch Gebührenerhöhungen, steigende Krankenkassenbeiträge und Versicherungsprämien, „angepasste“ Energiepreise, etc. . Also die Januar-Botschaften von Staat, Behörden, Einrichtungen, Versicherern, Versorgern. Manche veröffentlichten es auch bereits verschämt vor Jahresende, doch nett zusammengefasst erfahren wir es im Januar aus den Zeitungen. Die Zeit der Rückblicke ist vorbei, jetzt startet mit dem Januar die Zeit der Überblicke.
Das Geld wird demnach knapper  im Portemonnaie und zieht folgendes Thema nach sich: Sparen. Die diesbezüglichen Jahresanfangstipps von Banken, Beratern, Versicherungsagenten und sonstige Optimierern werden uns präsentiert. Die Dringlichkeit klargemacht. Bringen Sie jetzt Ordnung in ihre Finanzen. Wie Sie sparen können. Fangen Sie jetzt mit Ihrer Altersvorsorge an und sichern Sie sich den ganzen Vorteil. Wir sind für sie da. Nur noch bis …Uns können sie vertrauen.
Obwohl so vieles teurer wird, erfahren wir jedoch gleichzeitig, wie viel wir gerade jetzt sparen können, denn der Handel ist im SALE-Fieber. Gelegenheit, Schnäppchen, Rabatt, Bonus, Punkte. Wenn wir nicht aufpassen, kriegen wir noch etwas heraus, wenn wir es kaufen!
Weiterhin werden massiv Anstalten unternommen, uns davon zu überzeugen, dass der Frühling unmittelbar vor dem Ausbruch steht. Einerseits. Denn Primeln und Tulpen als Topfpflanzen bei Blume 2000 und anderen Blumenhändlern, suggerieren einen Beginn der Pflanzzeit im Garten. Andererseits wird genauso intensiv versucht uns vorzumachen, dass morgen die Eiszeit ausbricht, denn die Lager sind schließlich noch voll mit Skiern und anderen Wintersportgeräten sowie warmer Kleidung.
Die Konsequenz ist, dass die Schaufenster häufig „halb und halb“ dekoriert sind. Bei Steffi-Moden im Wandsbeker Quarrée EKZ stehen z. B. auf der einen Seite die Schaufensterpuppen in Pelz, mit Schal und Mütze, dunkle Farben/Brauntöne überwiegen, und sie haben zu ihren Füßen einen altmodischen Schlitten und halten glücklich ebensolche Holzskier. Auf der anderen Seite, im nächsten Fenster, zeigen die (Kunst-)Damen schon (Kunststoff-)Haut, und es  herrschen leuchtende Frühlingsfarben vor. Die kurzen, bunten Röcke liegen bereits parat. Der Übergang wird abgemildert durch eine Figur, die über dünner Kleidung eine farbenfrohe, mollige, seidig glänzende Steppweste trägt. Für alles gewappnet.
(An dieser Stelle möchte ich dem Inhaber des Geschäftes doch einmal ein Kompliment bezüglich seiner Dekoration machen. Sie – oder besser gesagt, die Kleidung und deren Kombination – trifft nicht grundsätzlich meinen Geschmack, dennoch ist sie geschmackvoll. Sie ist kreativ, oft individuell, wechselt häufig und ist aktuell. Sie zieht Blicke auf sich durch Einfallsreichtum,  originelle Einzelteile und einmalige Dekorationsgegenstände, die zum Teil aus eigenen Sammlungen stammen,  und – er dekoriert selbst! Wenn ich mal ganz viel Geld habe, werde ich ihm noch Perücken schenken, damit seine Figuren nicht immer so glatzköpfig daherkommen müssen, oder wie im letzten Jahr auf einmal umgestülpte Papiertüten tragen. Das war weniger geschmackvoll ;) )

Doch das Thema ist Wiederholung, und darauf komme ich nun auch wieder zurück.
Jedes Jahr fassen die Menschen ihre Vorsätze für das Neue Jahr, und jedes Jahr müssen sie es in gewisser Weise ausbaden, denn das Angebot – themen- und warenbezogen – richtet sich danach.
Der Mensch schwört an Silvester:
Ab jetzt geht es bei mir los mit Diät oder zumindest ernähre ich mich besser
Ich werde mehr selber kochen und Schluss mit Fastfood
Ich sorge für mehr Bewegung und/oder treibe regelmäßig Sport
Ich höre auf zu rauchen
Ich pflege mehr Kontakte, suche mir einen Partner (ernsthaft)
Ich räume gründlich auf und putze alles blitzblank
Ich werde besser haushalten (sparen)
usw.
Die Folge ist, wir werden momentan bombardiert mit Diätvorschlägen. Ich habe hier eine dünne Zeitung, die mir gratis ins Haus gebracht wird. Rundschau nennt sie sich. Wenige Seiten, aber sie enthält Anzeigen vom Hypoxi-Figurcentrum, von den WeightWatchers und dem CaloryCoach. Sie versprechen alles, was sich der diätoffene Januar-Vorsatz-noch-Erfüller wünscht. Abnahme ohne zu Hungern, Abnahme ohne viel Sport, eine Top-Figur und dementsprechende Attraktivität. Ohne Mühe. Garantie gibt es natürlich nicht. Schon gar nicht dafür, dass der Erfolg von Dauer ist. Hierzu ist nämlich noch etwas ganz anderes nötig. Der Mensch muss es wirklich und wahrhaftig wollen! Er muss einfach den uneingeschränkten Selbstwillen zur umfassenden Veränderung haben.
Das betrifft genauso das Rauchen. Ohne feste innere Entscheidung für Ja oder Nein läuft gar nichts. Der Druck auf die Raucher ist mittlerweile größer geworden, seitdem in öffentlichen Räumen und Gebäuden nicht mehr geraucht werden darf. Manch einer hat den Gedanken: Ach, ich sollte auch damit aufhören. Gesund ist es eh’ nicht … Reicht das? Nein, es reicht nicht.  Und weil die Apotheker, Therapeuten und die Arzneimittelindustrie das wissen, wittern sie das Geschäft. Sie bieten also Hilfe an beim Nichtraucher werden. Im Januar liest man wieder über Pillen, Hypnose, Pflaster, Therapie – alles, was das Herz begehrt.
Jeden Januar – ich will nicht behaupten seit Menschengedenken, aber zumindest seit Jahrzehnten – gibt es die Haushaltswaren-Wochen. Auch diese Tradition ist nur deshalb eine mit Überlebensgarantie, weil es sich so wunderbar mit den Neujahrsvorsätzen der Menschheit fügt. Wie kann man sich denn besser ernähren, besser kochen? Na? Richtig, mit einem neuen, modernen Topf, einer besser beschichteten Pfanne, einem Dampfbräter. Es ginge höchstwahrscheinlich auch mit dem alten Bestand an Pötten, doch wir wurden ja vorher schon manipuliert. Die sind veraltet, unzeitgemäß! Und seit sich mehr Herren für das Kochen interessieren, kommt auch der HighTech-Aspekt mit zum Tragen. Die machen es einfach nicht mit dem Alten! Auch ein neues Messerset (der 8er-Block mit Abenteuer- und Risikofaktor) ist schnell mit an den Mann gebracht, und wo wir schon dabei sind – auf den alten Tellern kann man einfach nichts mehr anbieten (sagt die Werbung). Damit gewinnst du keinen Blumentopf (respektive findest du keinen Partner!).
Partnersuche. Die Partnervermittlungsagenturen reiben sich im Januar die Hände. Es werden vermehrt Kunden gezählt. Mehr Kunden gewinnen auch Fitnessclubs und Sportvereine.  Übermäßig Anzeigen findet man nicht, denn die Mitglieder kommen Anfang des Jahres noch höchst freiwillig aus eigenem Antrieb. Es finden nur einige Aktionen statt, um sich zu zeigen. Hier! Hier! Nicht, dass sich jemand ganz aus Versehen bei der Konkurrenz anmeldet.
Einigen Menschen geht es offenbar zu weit, gleich einem Verein oder Club beizutreten und sich ins Getümmel zu stürzen. Sie planen, ihr  Programm daheim mit Hilfe von Sportgeräten zu absolvieren. Nur deshalb haben wir alle Jahre wieder im Januar den Hometrainer/Crosstrainer bei Aldi oder diverse andere Foltergeräte (Expander, Stepper, Taue, Bälle) bei Lidl, Tchibo und Konsorten. Man kann die Uhr danach stellen. Und spätestens im März steht das Zeug verwaist im Keller …  jedenfalls bei einem Großteil der Käufer. Der Antrieb zu Hause fehlt, keiner guckt, keiner kontrolliert, keiner applaudiert. Oder der Falsche guckt, kontrolliert und applaudiert auch nicht.
Wir haben jetzt den 11. Januar. Ziemlich bald startet die Aktion: Wir räumen auf! Und wir werden putzen! Der Handel und die Werbung werden schon dafür sorgen, dass wir daran erinnert werden. Was? Noch nicht gemacht? Nun aber husch …! Dann haben sie wieder Ordnungskisten, Krawattenbügel, Sockensortiereinrichtungen, Schrankeinhängekörbe und Unterbettkommoden im Angebot. Selbstverständlich auch Wischmops, professionelle Fensterabzieher, Haushaltshandschuhe, Eimer und Putzmittel.

War es das im Januar?  Waren das die jährlichen Wiederholungen?
Es gibt bestimmt noch mehr, doch das würde für heute hier auch den Rahmen sprengen.
Wem etwas ganz Spezielles einfällt, der kann es gern als Kommentar hinterlassen!
Oder wem einfällt, wie sich der Handel dazu bringen ließe, etwas völlig Neues im Januar zu offerieren. Es käme auf einen neuen Vorsatz an …

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Wenn Steptänzer „fremdgehen“…

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_350554

Mein  wöchentlicher Steptanz (von mir aus auch Stepptanz) fand am letzten Donnerstag interessanterweise in einem Raum statt, in dem sonst Töpfer ihre Kunstwerke herstellen. Üblicherweise nutzen wir einen anderen Bereich in der VHS, der sich im Souterrain befindet und richtigen Tanzboden hat. Zum einen nachgebend, zum anderen klingend, was beim Steptanz nun einmal nicht unwesentlich ist. Es macht nur halb so viel Vergnügen, wenn anstelle eines KLACK-KLACK-KLATTERA-KLONG lediglich ein müdes Ploff-ploff-pipp-pipp-plopp erklingt.
Zurzeit sind Schulferien in Hamburg. Daran hält sich auch die VHS, dennoch lässt uns gewöhnlich das nette Hausmeisterpaar hinein. Am Donnerstag auch, allerdings wird diesmal im Gebäude noch renoviert, unser Raum war noch gar nicht wieder benutzbar. Die Alternative bot sich an im 1. Stock, eben im besagten Raum der Töpfer. Ich kann euch auch verraten warum: der Boden dort sieht schon ramponiert aus! Damit fallen eventuelle zusätzliche Abdrücke durch unsere Stahlplatten nicht besonders ins Gewicht.
Wir werfen einen Blick hinein. Eine Seite des Raums ist frei, auf der anderen sind Arbeitstische. Hohe Regale zieren ringsum die Wände. Ach, was soll’s! Besser als nichts.
Es stellt sich heraus, dass wir dort keine Musik anschließen können.
Egal, wir denken uns den Sound.
Der Boden ist mit PVC-Belag ausgelegt. Klingt eher nach Ploff….
Auch egal. Wir beginnen.
Wir lernen: Training im 1. Stock ist definitiv nichts für Stepper. Es ist zwar keiner unter uns, der sich beschwert, dass wir ihm auf dem Kopf herumtrampeln, doch der Boden wackelt ganz gewaltig durch die Erschütterung, und in den Regalen, die mit Tonerzeugnissen und Werkzeugen gefüllt sind, fängt es an zu klirren, zu scheppern und… zu wandern!
Figuren, die auf kleinen Brettern aufgebaut sind, erweisen sich noch als am Stabilsten. Kritisch hingegen wird es mit den Vasen auf dem obersten Bord. Wir behalten sie sehr gewissenhaft im Auge!
Zwei kritische Exemplare versuche ich zu sichern, indem ich auf einen der Holztische klettere, um sie von dort aus zu erreichen und zurückzuschieben.
Bei dieser Aktion stellt sich heraus, das der Klang der Stepschuhe auf der massiven Tischplatte ein wirklich ganz hervorragender ist…
Sehnsüchtiger Blick von allen, doch das Gewissen ist letztendlich stärker. Wir klettern nicht alle auf die Tische, um den Rest der Stunde dort zu trainieren. Vielleicht auch deshalb nicht, weil der Raum Fenster hat, die von einem Gebäude genau gegenüber eingesehen werden können.
Und dort brannte noch Licht…

Die Herrschaften waren recht standfest...

Anweisungen...

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Miss Supertype

Miss Supertype – Die Werbesingle aus dem Jahr 1983

Miss Supertype als Podcast (unter dem Artikel die Audiobeschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher sowie der Song als Audio-Datei)
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_980553 Teil 1

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976579 Teil 2

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976587 Teil 3

Ich habe das Bloggen ein wenig vernachlässigt, da ich momentan an etwas anderem schreibe, stelle jedoch soeben fest, dass ich jetzt einfach nicht daran vorbeikomme, denn heute schlug das Schicksal erbarmungslos zu!
Auf der Suche nach amtlichen Unterlagen, zog ich irrtümlich einen falschen Ordner aus dem Regal und fand unter ‚O’ uralte Papiere. Ein Blick auf das Rückenschild des Ordners verriet: Aha, daneben gegriffen! Dieser Ordner enthielt nicht den Behördenschriftverkehr und Rechnungen, sondern Berufsinfos, Firmeninfos und alte, aus nostalgischen Gründen aufbewahrte Dinge aus diesem großen Bereich. Zum Beispiel den Schriftwechsel mit Olympia International  (Olympia Werke, Wilhelmshaven). Diese Firma gibt es seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrtausends nicht mehr, nur der Markenname Olympia existiert noch (und eine Holding).

Ich erwähnte es bereits einmal im Blog, es gab eine Zeit, da es für mich sehr wichtig war, zusätzliches Einkommen zu erzielen. Ich habe es auf sehr viel verschiedenen Wegen getan. Schon während der Schule und der Ausbildung gab es die Arbeit in der Konditorei, die Büroeinsätze über ein Zeitarbeitsunternehmen, Nachhilfeunterricht u.v.m.
Neben meiner regulären Tätigkeit im Büro, arbeitete ich ab 1982 mehrere Male auch auf der Hannover Messe, die ein paar Jahre später (1986) in CeBit umbenannt wurde. Als Messehostess.
Nichts Anrüchiges in diesem Fall, es ging lediglich um die Präsentation von neuen Büromaschinen und generell neu entwickelten Produkten der Firma Olympia. Man war zuvor zufrieden mit mir gewesen, und so kam 1983 ein Brief, in dem man mich erneut um Mitwirkung bat.
Zu dieser Zeit hieß moderne Bürotechnik meist die nächste Generation von Schreibmaschinen, Tischrechnern, etc.,  während Computer noch ein wenig in den Startlöchern scharrten.
Es gab schon  das System Boss  und auf dieser Messe die Erweiterung Boss X8 (Plattenlaufwerk 10 MB Festplatte, 10 MB Wechselplatte) mit dem Betriebssystem Prologue. Als Programmiersprachen dienten Basic, Bal, Cobol, Fortran, Pascal. Dazu noch den Boss ‚People’, der mehr für die Allgemeinheit als fürs Office gedacht war. Alles war in den Anfängen …

Man stelle sich bitte die Zeit vor: vorwiegend Schreibmaschinen; Männer gab es wenig an den verfügbaren Geräten, denn Männer ließen schreiben. Es war ihnen zu mühselig auf den existierenden Maschinen, und aus heutiger Sicht kann man es fast verstehen.
Sich verschreiben war ungünstig. Nach Kugelkopf– war man nun bei Typenradmaschinen, und moderne Geräte hatten natürlich schon ein Korrekturband, welches auch für kleine, sich einschleichende Tippfehler reichte.
Nur, wenn sich ein Satz komplett änderte oder eine neue Situation Änderungen mit sich brachte, gab es lediglich eine Möglichkeit: neu anfangen. Auf einem neuen Blatt, mit Durchschlag möglichst, denn Kopien waren noch teuer.
Pech, der Durchschlag wird dummerweise nicht mit korrigiert. Nur überschrieben. Ein unschönes, schwarzes Gekrakel, das den Leser anstarrt. Zu so etwas hatten Männer selbstverständlich noch weniger Lust.
Durchschläge verschönern mit Radierstift!
Die von ihnen produzierten schwarzen Flecke waren generell noch dunkler. Als Ursache hierfür zählt das von ihnen bevorzugte Schreiben nach Adlersuchsystem. Hierdurch entstand ein so heftiger und brutaler Anschlag, dass der dahinter liegende Durchschlag gleich mit durchschlagen wurde.
LOCH!
Nein, nein, da konnten die Frauen ran … Und damit komme ich wieder zur Messe.

Der Kontakt. Man will mich wieder … ;) Und weil ich weiblich bin, bekomme ich auch ein zusätzliches ‚e‘ beim Nachnamen (Nein, nicht Lagrande, aber immerhin ;)

Die erste Vorstellung bei und für Olympia Anfang der 80er Jahre fand in einem Hotel in Hamburg statt. Rekrutierung.
Da gab es ziemlich abschätzende Blicke!
Heute würde höchstwahrscheinlich gleich eine Frauenbeauftragte auf der Matte stehen. Größe, Gewicht, Figur, Haare, Zähne, Nägel – Fleischbeschau. Wer den ersten Teil überlebt hatte, durfte zum „Recall“, wie man heute sagen würde. Das Interview übernahm ein Herr mit enormem Bauchumfang, der heftig schwitzte.
Es wurde gebohrt und gelöchert:
„Vom 10-Finger-System kann ich ausgehen, ja?  Haben Sie technisches Verständnis? Können Sie Sprachen? Wie viele? Sind Sie kommunikativ, belastbar? Überstunden sind kein Thema, oder? Sind sie diskret?
Bitte?
War ich doch etwa an etwas anderes geraten?

Nein, es ging nur um Verschwiegenheit hinsichtlich firmeninterner Informationen. Irgendwann war auch das vorbei.
Bestanden! Warum frau das mitmacht?
Weil der Job selbst gar nicht schlecht ist und weil sie für damalige Zeiten den sehr hohen Lohn von DM 140,– pro Tag bezahlten. Bei zehn Tagen Messe (inkl. der bezahlten Schulungstage), war das eine ganz schöne Stange Geld. Es fiel nicht so schwer, die Vertragsbedingungen mit einem relativ milden Lächeln zu quittieren (siehe Brief –  z. B. Thema Frisur, Kleiderregel). Ich fühle mich heute übrigens nicht mehr an die Diskretion gebunden, und da das Werk nicht mehr existiert, kann es wohl auch keinen wirklich erschüttern.

Die Konditionen, Seite 1

1983 war ich also erneut dort. Diesjähriges Messehiglight: eine neue Schreibmaschine, mit dem reichlich selbstüberzeugtem Namen Supertype.
Der Clou waren LCD Display & Memory. Oberhalb der Tastatur  erschien eine gewisse Anzahl der Zeichen im Display und ggf. konnten diese noch geändert werden – vor dem Ausdruck auf das Papier!
Innovation und schier wahnsinnige ‚editing’ Möglichkeiten …^^
Mir hatte man mir diese Supertype aufs Auge gedrückt („Sie sind unsere Miss Supertype!“) und zusätzlich die Eurotype, eine weiteres Gerät, das – man höre und staune – Sonderzeichen besaß, mit denen sich sämtliche Sprachen im Euroraum darstellen ließen. Fehlte einem früher die Tilde, die Welle auf dem N im Spanischen oder der kleine Kreis auf dem A im Skandinavischen (bolle-Å) – kein Problem, jetzt kam die Eurotype und löste all Ihre Probleme.
Fortschritt. Messeneuheit. Luftsprung. Wahnsinn.

Messeausweis für das Fräulein…

Ein paar Tage vor der Abreise nach Hannover erhielt ich per Paket meine Kleidung. Einen Hosenanzug. So schlecht geschnitten, dass selbst die (bekanntermaßen leidenden) deutschen Olympiateilnehmer immer wesentlich bessere Modelle hatten. Die Farbe würde ich als killendes lachs-rost-matthellbraun bezeichnen. Nicht nur die lange Anzugjacke, sondern auch die Hose selbst war gefüttert, was eklig an den Beinen klebte. Eine formschöne (Sie hören mein Räuspern?), cremefarbene Bluse mit Stehkragen, hochgeknöpft, vollendete das geschmacksverirrte Outfit.

Die Frisur muss sitzen…

Nun, die nächsten zehn Tage war dies mein Opfer, das ich für 140 DM Tageslohn bringen musste. Das Namensschild daran machte es auch nicht schicker. Fräulein Legrand war dort zu lesen.
Ja, damals musste das noch erwähnt werden!
Nein, nicht Frau, Fräulein bitte!
Ich glaube, heute bevorzugen wir Vor- und Nachnamen mit Angabe der Funktion im Unternehmen. Wobei die Mehrzahl der Leute ulkigerweise plötzlich Manager oder Vice-President ist …

Die Messe war gut besucht. Die Arbeit machte Spaß, und die Zeit verging schnell. Ich kam allerdings nie vom Messestand weg, sah also auch nie etwas anderes als den eigenen Olympia-Bereich. Ich liebte das Internationale, die vielen Sprachen, die interessierten Besucher. All die Gespräche, die zustande kamen. Gut, dass die Olympia-Chefs nicht immer mitbekamen, dass es manchmal um etwas ganz anderes ging, als ausschließlich die grandiose, exzeptionelle  Supertype.
Ich ließ mir vom Grand Canyon Nationalpark erzählen, vom Lachsangeln in Norwegen (darauf kamen ein Besucher und ich  durch die „todschicke“ Farbe meines Anzugs, die auch dem Gast aufgefallen war.
„Tragen Sie diese Farbe privat auch?“
Es kam Prominenz an den Stand. Es hieß, es würde gefilmt werden. Dies bewog eine Kollegin, an diesem Tag ihre Privatkleidung anzuziehen. Man möchte ja vorteilhaft aussehen. Als  Folge wurde ihr wurde sofort und fristlos gekündigt. Abreise am Abend. Harte Sitten, aber es stand ja im Vertrag (Kleiderordnung).

Wie gesagt, die Zeit verflog. Abends fuhr ich leicht geschlaucht vom außerhalb gelegenen Messegelände per Straßenbahn zurück in die Stadt zur Pension mit der burschikosen Zimmerwirtin. Mehr als ein Privatzimmer hatte Olympia für das Messepersonal nicht eingeplant. Das Zimmer war jedoch sauber und ordentlich, nur das Bad leider für mehrere und im Flur.
Ansonsten gab es damals ausschließlich männliche Gäste.
Mein Vorteil!
Zum einen bewachte mich die Wirtin sehr resolut-mütterlich und fand es schön, ab und zu mit dem jungen Mädel klönen zu können. Sie brachte mir manchmal sogar spät noch heißen Tee oder Kakao. Zum anderen sind viele Männer bei der Badmitbenutzung nie verkehrt. Nach Festlegung eines Zeitplans für den Morgen, stellte sich heraus, dass diese ohne Schminkerei und Frisurenstyling fix waren, ihnen fünf Minuten reichten und ich das Bad somit lange für mich nutzen konnte.
Vor ihnen!
Also auch noch im sauberen, trockenen  Zustand und ohne Zahnpastareste im Waschbecken.  Am Abend kehrte  ich vor ihnen zurück. Es passte also optimal.
Einladungen gab es während der Zeit viele – von Besuchern und von Kollegen. Ich nahm jedoch nur die ganz am Ende der Messe an. Ich wusste , dass ich nach der Messe sofort wieder für meine eigene Firma im Büro weitermachen musste, mir zwei Wochenenden fehlten und ich daher mit meiner Kraft haushalten musste. Wir gingen zum  Abschluss mit wenigen, jedoch sehr netten Kollegen, zum Essen in ein Restaurant namens Il Borsalino. Wer weiß, ob es dieses Lokal heute noch gibt…

Am Ende des letzten langen Tages, nahm ich sehr erfreut mein Gehalt in Empfang, bekam noch 100 DM extra „Zufriedenheitsprämie“, und weil man so ‚pleased’ war, durfte ich (NEIN!!) auch den Anzug behalten!
Erbarmen!
Die Hose flog zu Hause in den Müll, bzw. kam zur Kleidersammlung. Die Jacke hatte ich noch eine Weile, bis ich mir eingestand:
Michèle, Liebes, sei ehrlich! Die ziehst du nie in deinem Leben wieder an!
Ich entledigte mich auch ihrer.
Mir sagte ein Etui mit Kugelschreiber und Druckbleibstift („Für Sie, für gute Zusammenarbeit als kleine Anerkennung – Ihre Olympia Werke“) weitaus mehr zu, und dann erhielt ich etwas, was mir heute wieder ein Grinsen entlockte: Eine Werbe-Single. Eine 45er Schallplatte.  „Miss Supertype“ – so der Titel.
Hitverdächtig!  ;-)
Ein absolut frauenfeindliches Plattencover, ebenso der Aufdruck auf der Platte selbst. Ich kann darüber nur lachen, aber heute würde man sie verklagen, jawoll! Ich möchte Sie  daran teilhaben lassen. Ich habe es fotografiert und habe sogar im Keller den alten Plattenspieler entstaubt und reaktiviert, weil ich mich selbst nicht mehr an das Lied entsinnen konnte.
Oh, Sie werden es merken! Es ist ein so enorm anspruchsvoller Text! Die Stimme macht einfach sprachlos und die Werbeaussage …
Moment, gibt es eine?
Gut, dass man mir diese Schallplatte nicht vorher zeigte. Ich hätte mir doch im Vertrag zusichern lassen, dass dies nicht meine Arbeitskleidung ist und ich nicht den Supertype-Song lernen muss.
Viel Vergnügen!

 

Miss Supertype Cover und Platte (Blog: Michèle. Gedanken(sprünge) - August 2011

Miss Supertype, auch die Platte ziert ein „Bunny“

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976551 Die Beschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976567  Die Single als „Hörgenuss“

©August 2011 by Michèle Legrand

Nachtrag 2014:
Seit März 2014 hat SugarSync sein Dienste leider nicht mehr gratis im Angebot. Daher wurde mein dortiges Konto gelöscht und die Audiodateien sind momentan für Sie nicht abspielbar. Ich suche nach einer anderen Lösung.

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Eine merkwürdige Begegnung

Der Link zum Gratis-Podcast -> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_654563

Sie war klein und zierlich, ging mir gerade bis zur Brust. Mokkafarbene Augen, ein straff zurückgenommener Pferdeschwanz mit einem perlenbesetzten Band gehalten.
Inmitten eines Pulks von Menschen war ich an ihr vorbeigelaufen, als sie auf der Bank am Gehwegrand gesessen hatte. Vorbeigegangen, den mit mir und mir entgegenkommenden Menschen ausweichend. Irgendwann hatte ich etwas vernommen:
„Warten Sie bitte einen Augenblick!“
Ich hatte kurz gestutzt, dann für zwei Sekunden angenommen, wohl nicht gemeint zu sein und hatte mich doch plötzlich mitten im Gewühl umgedreht mit der absoluten inneren Gewissheit, dass die Stimme mich gemeint hatte. Woher dieses Wissen kam, weiß ich nicht.
Ihre Schritte näherten sich, sie stoppte unmittelbar vor mir. Gerade noch so, dass ich es, was die Nähe anging, erträglich fand. Da war sie. Klein, still und mich fixierend. Auf meinen um Aufklärung bittenden Blick hin kam eine Frage:
„Möchten Sie etwas über Ihre Zukunft wissen?“
Ach nein, nicht so was!
Die erste Reaktion ist ablehnend, abwehrend, und das äußert sich auch darin, dass ich automatisch zwei Schritte zurücktrete. Im Kopf wird fieberhaft nach einer freundlichen, aber bestimmten Absage, Ablehnung, Entschuldigung – was auch immer – gesucht.
Sie scheint das einkalkuliert zu haben. Sie hört sich in aller Ruhe meine Worte an, nickt sogar bestätigend, und doch dient es wohl nur meiner Beschwichtigung. Als ich ende, beginnt sie zu reden.
Kein Bohren in Form von Fragen nach dem Warum? oder Warum nicht?
Keine Überzeugungsarbeit, indem sie mir einzureden versucht, ich müsste es unbedingt, zu meinem eigenen Wohl, über mich ergehen lassen, müsste es einfach erfahren.
Stattdessen sagt sie mir Dinge über mich. Über Vergangenes. Über die momentane Situation. So speziell, dass ich es nicht abtun kann mit einem: Na, super, das trifft auf jeden zu. Toll reingelegt! Und was mich völlig überrascht: es stimmt absolut!
Sie merkt, dass ich perplex bin. Viele Dinge schwirren mir zeitgleich durch den Kopf.
Da ist Misstrauen, Unglaube, Zweifel, der Wunsch wegzukommen.
Da ist das Wissen, dass es Menschen gibt, die mehr sehen können. Ich habe es selbst schon erlebt (in der Form, dass ich etwas vorher wusste).
Da ist eine eigenartige Starre und das Gefühl, förmlich am Boden festzukleben.
„Es stimmt was ich Ihnen gesagt habe, nicht wahr?“
Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern fährt fort:
„Denken Sie nicht, dass ich jeden anspreche. Ich sehe nicht überall etwas. Doch wenn es so ist, dann suche ich den Kontakt.“
Ich kann es weder bestätigen, noch als Lüge abtun. Ich habe sie weder davor noch danach, noch lange genug auf der Bank gesehen, als dass ich ihr Verhalten hätte  beobachten können.
Sie redet weiter zu mir, und ich merke, dass sie jetzt ihr Wissen hinsichtlich der Zukunft preisgeben will. Ich stoppe sie.
Die ganze Zeit geht mir noch etwas Anderes im Kopf herum: Sie redet nie von Geld für ihre ‚Leistung’. Ist es nicht so, dass diese Menschen auf der Straße es eben genau deshalb machen? Um Geld damit zu verdienen? Ihren Lebensunterhalt? Die einen, weil sie tatsächlich besondere Fähigkeiten haben, die anderen, weil sie gewitzt genug sind, dass es zumindest so wirkt, als hätten sie ein seherisches Talent.
Ich frage sie geradeheraus, doch sie schüttelt den Kopf.
Diese ernsten Augen …
„Wenn mir jemand dafür etwas geben will, werde ich es nehmen, aber ich verlange nichts.“
Ich bin erstaunt, gleichzeitig ein wenig beschämt. Ihr folgender Satz beginnt mit:
„In den nächsten beiden Jahren …“
Nein! Ich halte meinen Zeigefinger vor die Lippen. Sie hält inne.
„Ich möchte es nicht wissen“,  sage ich bestimmt.
„Aber warum denn nicht? Es würde Ihnen helfen!!“
Warum? Warum will ich es nicht wissen?
Und wieder ist da eine verwirrende Mischung aus Unglaube, Zweifel und … Angst! Ja, Angst und ein wenig Trotz.
Mein Leben ist mein Leben!
Ich möchte es allein entdecken und damit zurechtkommen.
Wir trennen uns, ich wende mich um, bin drei, vier Schritte entfernt, als ich deutlich etwas höre. Sie hat noch etwas gesagt. Über die Zukunft …
Ich drehe mich um, aber sie sitzt schon wieder auf der Bank und verhält sich, als wäre nichts gewesen.

Ein paar Minuten später finde ich mich vor einem Schaufenster stehend wieder. Ich war dorthin gelaufen, ohne es zu bemerken, stand dort seit Minuten, ohne es wahrzunehmen und war erst nach weiteren Momenten des Sammelns und in gewisser Weise auch Abschüttelns wieder in der Lage, die Zeit weiterlaufen zu lassen.

Es passieren manchmal merkwürdige Dinge. Und in meinem Leben gibt es keine Zufälle.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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Wenn … Es ist dein Leben

Audioversion des Gedichts.
(Nachtrag: zurzeit nicht möglich, das Sugarsync als Dienst hier nicht mehr aktiv.)

-> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_16553

Wenn …

Wenn du von der Vergangenheit schwärmst,
Nennen sie dich einen Träumer –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles verklärst,
All deine Erinnerungen Zuckerträume sind,
Du in der Vergangenheit lebst…

Wenn du von der Zukunft schwärmst,
Nennen sie dich leicht spöttisch einen hoffnungslosen Idealisten –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles rosarot siehst,
Allein das bald, später, irgendwann Kommende glorifizierst…

Wenn du sagst: ich lebe im Heute und Jetzt,
Nennen sie dich ignorant,
Und erzählen dir, du müsstest dich für die Vergangenheit
Und die Zukunft interessieren.
Als würde das eine das andere ausschließen…

Du schriebst ihnen nie vor, was sie zu tun hätten.
Doch es gab dir zu denken…
Nur sag’ selbst:
Was ist das Leben, wenn es ein anderer für dich führt?
Wenn du lebst, dann so, dass du dich lebendig fühlst,
Mit all deinen Erinnerungen, mit all deinen Zukunftsvisionen,
Und vor allem mit deinem Sein im Jetzt – hier und heute.
Kein anderer kann dein Leben für dich führen,
In deinem Sinne führen,
Kein anderer sollte dir dein Leben vorschreiben,
Deinen Weg festlegen.

Lass sie reden,
Wenn sie versuchen dir einzureden,
Dein Tun sei höchst lächerlich, weltfremd, konservativ, naiv,
Dein Verhalten sei ignorant, borniert, engstirnig, albern, rückständig
oder gar egoistisch …
Allein das Kennen so vieler negativer Eigenschaften
Und das Auslassen jeglicher positiver Aspekte,
Der überdeutliche Mangel an Toleranz,
Die fehlende Differenzierung –
Sollte dir zu denken geben.

Wenn du für dich beschließt,
eine andere Position einzunehmen,
etwas in deinem Leben anders zu gewichten,
eine Sache zu ver-rücken,
macht es dich gleich zum Verrückten?
Bist nicht vielleicht du eher das Wesen,
Welches den Wirrungen des Lebens
Nicht nur ausgeliefert, entrüstet, resigniert entgegenstolpert,
Sondern das vielmehr erfährt,
Dass sein Schatz an Erfahrungen aus der Vergangenheit,
Sein Zutrauen in die Zukunft sowie
Sein Lebensmut, sein Glaube, seine Intuition
Ihm wertvolle Gefährten sind
Auf diesem aufregenden, aber auch unbekannten Weg,
Der sich Leben nennt.

Deine Gefährten, deine Tag- und Nachtbegleiter – wegweisend.
Etwas, wonach andere zeit ihres Lebens vergeblich suchen?
Die, die dich den Träumer, den Idealisten nennen…
Die, die dich belächeln, kritisieren oder gar bevormunden.
Die, die reden, aber nicht verstehen,
Die, die reden, aber nicht zuhören,
Die, die reden und verpassen.
Immer wieder.

Lächle zurück, lass sie reden
Denn zu guter Letzt:
Wer kann beurteilen, was richtig ist, was falsch?
Für dich.
Du.

© by Michèle Legrand, Mai 2011

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Die Sache im Watt

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„Guten Tag, mein Name ist Hasenbank, ich rufe Sie an, weil …“
Mit diesen Worten  leitete heute ein Kunde das Telefongespräch ein, bevor er mir sein Anliegen schilderte.
Hasenbank …
Den Namen habe ich seit so vielen Jahren nicht mehr gehört.
Ob er wohl auch Detlef heißt?
Mir lag die Frage auf den Lippen. Sie ließ sich gerade noch unterdrücken. Während ich zuhörte, formten sich die nächsten Fragen:
Ob…?
Im Büro blieb mir keine Zeit für weitere Überlegungen, doch als ich in meinem Auto saß und mich auf der Heimfahrt befand, setzte das Gedankenkarussell wieder ein.

Er hatte immer mit seiner Hand über seinen weichen Vollbart gestrichen, um ihn in Form zu striegeln.
Er hatte vorzugsweise graue Jacketts getragen, dafür aber Hosen in abenteuerlichen Farben damit kombiniert.
Er nestelte häufig am silberfarbenen Gestell seiner eher unauffälligen Brille.
Er fuhr einen Uralt-Volvo, rauchte stark (also er selbst, nicht der Volvo), war Junggeselle, der trotz seines Alters von 42 Jahren noch bei Mama wohnte, und er hörte nur, wenn er etwas hören wollte.
Herr Hasenbank, Detlef Hasenbank, seinerseits Biologielehrer am Gymnasium, das ich besuchte, und in der siebten Klasse mein bzw. unser Klassenlehrer.
Er war nicht ganz einfach, doch er schien uns irgendwie zu mögen, was man nicht von allen Lehrern behaupten konnte. Nach Anfangs-, Gewöhnungs- und Verständnisproblemen lief es erstaunlich gut, und wir stellten irgendwann überrascht fest, dass wir ihn auch mochten.
Seine Einführung war polterig gewesen, seine Miene nicht so leicht zu durchschauen. Alles nur Maskerade, Show …
Er war doch anders.
Ihm war es dann vergönnt, mit uns auf Klassenreise zu fahren. Er stöhnte vorweg ziemlich herum, was aber gespielt war, wie wir inzwischen wussten. Er stieß absurde Drohungen aus, was passieren würde, wenn wir uns nicht ordentlich benähmen und musste dann sehen, dass er nicht selber darüber grinste. Sein Prinzip war höchstwahrscheinlich: wir starten mit schlimmsten Befürchtungen, erwarten nichts und lassen uns dann angenehm überraschen. Völlig in Ordnung und alles um Weltklassen besser, als den Herumsäuseler zu spielen, den tollen Kumpel, der sich dann später als unberechenbarer Drachen entpuppte.

Sommer. Es konnte losgehen. Zehn Tage Aufenthalt in einer Jugendherberge in Nieblum auf Föhr. Ich habe gar nicht mehr so viel davon in Erinnerung, nur dass wir immer hungrig vom Essen kamen und anschließend in der freien Zeit, der Mittagspause, eine Bäckerei aufsuchten, um den Magen noch etwas aufzufüllen.
Es lief ganz gut, für unseren Geschmack wurde zwar zuviel gewandert, aber ich schiebe das auf das typische Ungern-Wandern-Wollen-Alter.
Zwei 13jährige kloppten sich um ein Mädchen, der eine musste genäht werden, beide wurden abgeholt von ihren Eltern. Schluss mit Klassenreise.
Der Rest plante am vorletzten Tag eine Wattwanderung von Föhr nach Amrum, auf die Nachbarinsel. Während der Ebbe ist dies möglich. Es sind so um die acht Kilometer Strecke.
Gestartet wird ab Dunsum auf Föhr, und je nach persönlicher Kondition, dauert es laut Ankündigung ca.  2 ½ Stunden, bis man – an einem Schiffswrack vorbei, durch einen Priel watend – Amrum erreicht.
Ich konnte nie prüfen, ob die Dauer stimmt und sah auch nicht das Schiffswrack, denn es kam alles ein bisschen anders als gedacht …

Herr Hasenbank hatte als Biologie-Lehrer vorweg Kontakt aufgenommen zu einem Bekannten, der wiederum einen Wattführer auf Föhr wusste, der solche Touren leitete. Es wird immer darauf hingewiesen, diese Wanderungen nur mit Wattführer zu unternehmen.
Im letzten Moment war der Wattführer verhindert, und der ortsansässige Bekannte überredete wohl unseren Lehrer, die Tour trotzdem zu machen. Er hatte Kartenmaterial, hatte die Strecke schon oft belaufen und beschrieb sie als einfach und ungefährlich. Wie es so ist, auch er selbst hatte keine Zeit, und im Endeffekt liefen wir mit Herrn Hasenbank allein ins Watt.
Mir war später nie klar, ob er sich keine Gedanken gemacht hatte, ob er so blauäugig gewesen war, was ihn geritten haben mag …Vielleicht wollte er einfach nur nicht, dass diese Wattwanderung für uns ausfiel.
Wir marschierten los. Kühler Tag. Grauer Himmel. Er vorneweg mit Karte in der Hand. Selbst einen Kompass hatte er dabei!
Ich sehe ihn noch vor mir, wie er da stand mit seinen hochgekrempelten grünen Hosen und über seinen Bart strich. Der Seewind verwuschelte seine Haare, so dass sie über die Brillengläser fielen wie Gardinen und ihm die Sicht versperrten. Alle fünf Sekunden wischte er sie mit seiner Hand wieder zurück, starrte auf die Karte und murmelte etwas von:
„Genau, hier entlang …“
Wir waren eine Stunde unterwegs, als der Boden immer matschiger wurde. Wir sackten etwas ein. Aus dem etwas einsacken wurde ein immer mehr versinken. Den ersten, und ich gestehe auch mir, wurde unbehaglich.
„Herr Hasenbank, ich stecke fest!“, kam der klägliche Ruf von einer Mitschülerin zu meiner Rechten. Ihr wurde geholfen, aber uns alle beschlich ein mulmiges Gefühl. Bis zum Knie waren alle seit geraumer Zeit am Kämpfen, als Stefan aufschrie: „Ich sack‘ weg! Ich sack‘ weg!“
Nachdem er sich selbst aus dem saugenden Schlick freigemacht hatte, kämpfte sich unser Lehrer zu ihm durch, griff ihn unter den Schultern und zog wie ein Verrückter. Andere kamen zu Hilfe, verschwanden jedoch auch schon wieder gefährlich im Morast. Gemeinschaftlich schafften wir es, ihn frei zu bekommen.
Unser Lehrer wirkte  nicht panisch, aber er war weiß wie eine Wand. Er schaute sich um. Es sah so aus, als wäre das Watt weiter links von uns heller und trockener. Er drängte uns dorthin.
Danach folgte die Lagebesprechung. Er sagte klipp und klar, dass wir offensichtlich von dem üblichen Weg abgekommen wären. Wir sollten alle zusammen hier bleiben, wo es momentan sicherer wirkte. Er hatte in größerem Abstand von uns sich bewegende bunte Punkte im Watt entdeckt, die wohl eine weitere Wattwandergruppe bedeuteten. Er  sagte, wir würden uns an denen orientieren, und alle sollten  ordentlich Lärm machen und winken. Denn diese Gruppe hätte mit Sicherheit einen richtigen Wattführer, der Hilfe veranlassen würde.
Wir brüllten, was das Zeug hielt.
Keiner von uns wollte erleben, wollte hier noch stehen, wenn das Wasser zurückkäme …

Zuerst schien sich gar nichts so tun. Keine Reaktion.
Dann löste sich auf einmal ein gelber Punkt aus der anderen Gruppe und machte weit ausschwenkende Bewegungen mit den Armen. Von uns Schülern wusste keiner, was es zu bedeuten hatte, aber es war jemand aufmerksam geworden. Dann blinkte ein Licht. Egal, ob es von einer Taschenlampe war oder von einem Spiegel, der Sonne einfing – der gelbe Punkt versuchte, auf diese Art irgendeine Botschaft zu übermitteln.
Wir hatten ein Riesenglück, dass unser Lehrer diese Zeichen verstand. Es hieß soviel wie: Hilfe ist unterwegs, warten, zusammenbleiben …

Es hatte wohl keine halbe Stunde gedauert, als zwei Personen mit  merkwürdigen Fahrzeugen über den Wattboden fegten. Sie peilten zuerst die andere Gruppe an, und bewegten sich danach langsam auf uns zu. Wir wurden nach und nach eingesammelt und zur anderen Gruppe gebracht. Einige von uns, die vorher schon bis zu den Oberschenkeln im Schlamm festgesessen hatten, waren auf einmal am Zittern, die Kräfte verließen sie, und nach der Rettung strömten nicht nur bei einem die ersten Tränen der Erleichterung.
Wir bekamen alle eine kräftige Standpauke, und am heftigsten fiel natürlich das Zurechtweisen unseres Biologie-Lehrers aus.
Wie hatte er nur so etwas riskieren können…?

Da die Rückfahrt sowieso für den kommenden Tag geplant war, wurden die Eltern erst nach der Ankunft zu Hause von den Vorkommnissen informiert. Er schlug sehr hohe Wellen. Man forderte ein Disziplinarverfahren, zu dem es auch kam. Es war wohl notwendig, wenn man bedenkt, was hätte passieren können – nur damals sahen wir es anders…
Wir gaben irgendwie nicht ihm die Schuld. Er hatte für unsere Rettung alles getan, war hinterher eingeknickt und eine Zeitlang nur ein Schatten seiner selbst.
Uns hätte das gereicht.
Er blieb zwar an der Schule, bekam aber eine andere Klasse, durfte keine Klassenreisen und Ausflüge mehr leiten, wurde bei vielem übergangen.
Er war nie wieder der Alte.
Irgendwann hieß es, er wäre krank und würde länger fehlen …

In der Zwischenzeit endete meine Schulzeit, und erst sehr viele Jahre später erfuhr ich von einem ehemaligen Klassenkameraden, dass er zwei Jahre nach unserer Schulentlassung an Lungenkrebs starb.

Detlef Hasenbank, Sie waren trotz allem ein guter Lehrer.

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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