Beiträge getaggt mit Alsterschifffahrt

Hamburg: Treff an der Lombardsbrücke …

Brücke, Boot, Binnenalster, Badeanstalt, Baustelle, beschlagene Brille …
Haben Sie eine Idee, was all diese Dinge gemeinsam haben? Außer dem B am Wortanfang?
Sie hängen allesamt mit Hamburg zusammen, und sie kommen heute alle vor.
Lediglich die Hauptsache, um die es in dieser Woche geht, die lässt sich nur etwas widerwillig, mit einem eher konstruierten Begriff, in dieses B-Schema einfügen. Nennen wir es „Brückensondereinbau“. Sie werden ziemlich schnell mitbekommen, um was es sich dabei genau handelt.

Wenn es Ihnen nichts ausmacht, stupse ich Sie heute mitten in der Stadt an der Binnenalster an und schiebe Sie während eines Spaziergangs am Wasser vom Jungfernstieg entlang des Ballindamms zur Lombardsbrücke. Das ist nicht weit. Falls Ihnen der Weg dennoch so vorkommt, können wir auf diesem Stückchen etwas plaudern.

Hamburg - Blick vom Ballindamm über die Binnenalster zur Lombardsbrücke

Hamburg – Blick vom Ballindamm über die Binnenalster zur Lombardsbrücke

Heute, am 26.04.2015, ist Extremlauftag in Hamburg. Der mittlerweile 30. HASPA Marathon findet statt. Ich war vor ein paar Tagen bereits hier und sah schon überall die Hinweisschilder für die Autofahrer. Angekündigte Sperrungen, Umleitungen, Parkverbote etc.
Wenn Sie vorhaben, Hamburgs Innenstadt zu besuchen, sollten Sie momentan auf das Auto verzichten. Sie brauchen nicht nur wegen des Marathons, sondern hauptsächlich aufgrund der zahlreichen – auch längerfristig und großflächig eingerichteten – Baustellen enorm Geduld und viel Zeit, um innerhalb der Stadt von A nach B zu gelangen.
Auch die Lombardsbrücke, die – zusammen mit der daneben befindlichen Kennedybrücke – als Überquerungsmöglichkeit für die relativ schmale Wasserverbindung zwischen Binnen- und Außenalster dient, ist davon betroffen. Dahinter in Richtung Hauptbahnhof sind Fahrbahn bzw. Kreuzungsbereiche aufgerissen, überall stehen weiße Absperrzäune, Notampeln regeln, was zu regeln möglich ist. Der Verkehr wird teilweise nur noch einspurig geleitet, und das wirkt angesichts des Verkehrsaufkommens so, als quetschten sich Kamele durchs Nadelöhr. Eine Karawane höchstwahrscheinlich naserümpfender Kamele. Denn hier herrschen zurzeit ständig Auspuffmuffluft, Lärm und Dauerstau.
Inmitten der Baustelle, inmitten dieses Tohuwabohus, befindet sich an einem Pfahl ein Hinweis, dass hier während der Sportveranstaltung das Parken strikt verboten ist.
Als würde irgendjemand mit seinem Fahrzeug diese Stelle überhaupt erreichen! So löchrig, wie die Straße ist und so umzingelt von Gittern!
Aber sicher ist sicher, gell? Möglicherweise wird ja alles komplett umgestellt für die Läufer. Wer weiß das schon? Anstatt irgendwelche Extraabsperrbügel neu heranzutragen, verschiebt man diesmal wahrscheinlich lediglich die Baustellenzäune. Wo sie schon mal da sind. Oder sämtliche Baustelleneinfriedungen werden für die paar Stunden komplett abgeräumt!
Bitte? Es wird gefährlich?
Ach was, da fällt schon kein Läufer ins Loch! Mit Crosslauf-Marathon kommen die klar.
Angenommen also, die Zäune werden weggezogen. Na? Was dann?
Dann erscheinen prompt die bösen Autofahrer und parken dort. Die, die sich vorher schon durch all die anderen weiträumig abgesperrten Zonen und Polizeibarrieren durchgemogelt haben.
Sie sehen, die sind einfach ungemein vorausschauend mit ihrem Hinweisschild …

Baustellen sind nicht hübsch. Kehren wir dieser hier den Rücken und genießen stattdessen direkt von der Lombardsbrücke aus den Ausblick über die Binnenalster Richtung Anleger Jungfernstieg. Das ist wesentlich netter!

Hamburg - Binnenalster - Noch ist Durchblick Richtung Rathaus u. Jungfernstieg

Hamburg – Binnenalster – Noch ist Durchblick Richtung Rathaus u. Jungfernstieg

Ganz dahinten, fast am Jungfernstieg, gab es Ende des 18. Jahrhunderts eine Bootsbadeanstalt. Dort lag seinerzeit allein zu diesem Zweck tatsächlich ein vom Ufer ein Stück entfernt ankerndes Boot.
Heute badet hier tagtäglich nur eine Vielzahl von Wasservögeln. Lediglich wenn in Hamburg der Triathlon stattfindet, dann springen auch menschliche Wesen vorwiegend in Neoprenanzügen ins Nass, um auf einem abgesteckten Kurs in der Binnenalster ihre Schwimmstrecke zu absolvieren.
Boote kann man sich mieten! Die zwei Tretboote, die hier geradewegs auf die Lombardsbrücke zusteuern, liefern sich ein Wettrennen. Da wird ganz schön gestrampelt!

Hamburg - Blick über die Binnenalster Richtung Anleger Jungfernstieg und Rathaus. Links der Ballindamm mit dem Hapag-Lloyd Gebäude

Hamburg – Blick über die Binnenalster Richtung Anleger Jungfernstieg und Rathaus. Links der Ballindamm mit dem Hapag-Lloyd Gebäude

Unten direkt am Wasser und auf den Rasenflächen entlang des Spazierwegs, hat es bei dem schönen Frühlingswetter viele Sonnenanbeter angelockt. Die Alsterschiffe ziehen dann und wann vorbei und verschwinden unter den Brückenbögen hindurch Richtung Außenalster.

Hamburg - Binnenalster - Die Eilbek steuert  Lombards- und Kennedybrücke an, um unter ihnen durch zur Außenalster zu gelangen ...

Hamburg – Binnenalster – Die Eilbek steuert Lombards- und Kennedybrücke an, um unter ihnen durch zur Außenalster zu gelangen …

Dass die Menschen hier immer schon Boote genutzt haben, ist klar. Sie sind gerudert, gesegelt, aber erst in späterer Zeit entstand auf dem kleinen und dem großen Alstergewässer ein regulärer Linienbetrieb mit Fährschiffen. Im Juni 1859 kam die „Alina“ und mit ihr das erste Alsterdampfschiff zum Einsatz. Heute wird noch bei der „St. Georg“ der Kessel angeworfen. Das ist ein sehr schön restaurierter, alter Dampfer, der regelmäßig Ausflugsfahrten unternimmt.

Es ist ja nicht so, dass von Beginn an diese steinerne Brücke gestanden hätte. Die Lombardsbrücke war anfangs hölzern. Die letzte dieser Holzversionen entstand 1827-1828 nach Entwürfen von Carl Ludwig Wimmel.
Damals enthielt die Konstruktion noch viele Zwischenstützen und obendrein war die Durchlasshöhe geringer als heute. Es gab dadurch natürlich Schwierigkeiten, als sich die insgesamt größer dimensionierten Dampfschiffe durchsetzten. Ihnen blieb der Weg zur Außenalster versperrt, weil sie entweder Probleme mit der Durchlassbreite, besonders jedoch mit der Brückenhöhe hatten. Mit ihren hohen Schornsteinen passten sie gar nicht hindurch!

Wenn Sie sich die Lage vorstellen, dann blieben eigentlich nur folgende Möglichkeiten: Entweder man beendete bzw. unterbrach die Fahrt auf der Binnenalster an der Lombardsbrücke, benutzte den Tunnelgang auf der Westseite, der unter den Brücken entlang zur anderen Seite führte, stieg dort an einer Haltestelle in ein Boot, das ausschließlich auf der Außenalster verkehrte und setzte so seine Reise fort. (Das gleiche Spiel logischerweise beim Rückweg.)
Ansonsten blieben als Lösung nur eine irgendwie geartete niedrigere Bauweise der Boote oder eine Brücke mit mehr Durchlass.

Die Herrschaften damals allerdings versuchten es daraufhin zunächst mit dem Umklappen des Schornsteins, so wie es heute noch auf Flüssen ähnlich mit den Brückenaufbauten von Schiffen gemacht wird, damit diese selbst bei Hochwasser oder niedriger Durchfahrtshöhe passieren können. Schließlich sind nicht alle niedrigen Brücken hochklappbar.
Das Herunterkippen des Schornsteins damals war allerdings nicht das Gelbe vom Ei. Es war immer etwas risikobehaftet, denn dabei stieg automatisch die Brandgefahr.
Eine neue Brücke musste her. Sicherer, stabiler, gleich größer ausgelegt. Da nicht nur die Entwicklung in der Schifffahrt voranging, sondern auch die der Eisenbahn und 1865 eine neue Verbindungsbahn von Hamburg nach Altona im Bau war, deren Gleise (und schwere Züge!) die Brücke queren sollten, errichtete man die heute noch existierende steinerne Lombardsbrücke (Entwurf: Johann Hermann Maack). Sie wurde 1868 fertig, misst 69 m und besitzt drei Bögen. Auf ihr stehen wir gerade.
Hier gibt es etwas Besonderes. Im Brückenpfeiler!
Kennen Sie noch die Ausdrücke Wartehalle und Wartesaal? Zum Beispiel beim Bahnhof? (Manchmal auch lediglich ein Warteraum, wenn es sich um diese kleine, meist gläserne Extraeinrichtung irgendwo draußen auf dem Bahnsteig handelte. Die, in der sich der Geruch kalten Zigarettenrauchs ewig hielt.)
Oder das Wartehäuschen? An der Bushaltestelle, dem Haltepunkt der Straßenbahn? Wenn es ziemlich klein ausfiel, erhielt es ganz schnell den Namen Wartekabuff.
Heute gibt es nur noch zwei Varianten. Entweder es geht um eine einfache Haltestelle an der Straße, dann ist dort – wenn überhaupt – ein kleiner, sehr offener und zugiger Unterstand, der auch nur deshalb überhaupt noch irgendwo eine Wand hat, damit das Dach nicht herunterfällt und der Platz für Werbeplakate gesichert ist.
Oder es geht um etwas wie die Wartezone in einem Flughafen, einem Bahnhof oder an einem Kreuzfahrtanleger. Diese – zumindest Teile von ihr – wird dort neudeutsch gern als Wartelounge bezeichnet. Hört sich unter Umständen besser an, als es im Endeffekt aussieht.

Was ich Ihnen heute präsentieren möchte, ist hingegen etwas kleiner, uriger, seltener, spezieller. Es ist das einzige noch erhaltene Dampfboot-Wartezimmer!

Hamburg - Binnenalster - Das Dampfboot-Wartezimmer an der Lombardsbrücke (Ostpfeiler)

Hamburg – Binnenalster – Das Dampfboot-Wartezimmer an der Lombardsbrücke (Ostpfeiler)

Beim Bau der steinernen Brücke wurde direkt in den östlichen Brückenpfeiler ein kleiner Aufenthaltsraum integriert. Dort standen die wartenden Fahrgäste sicher vor Regen und waren windgeschützt. Am Wasser und besonders unter den Brücken kann es nämlich anständig ziehen …
Wartezimmer. Klingt in Verbindung mit dem Dampfboot heimelig. Doch irgendwie erinnert es im ersten Moment zugleich ein ganz klein wenig an Praxis und Doktor …

Hamburg - Binnenalster - Eingang zum Dampfboot-Wartezimmer an der Lombardsbrücke

Hamburg – Binnenalster – Eingang zum Dampfboot-Wartezimmer an der Lombardsbrücke

Das Zimmer ist heute bedauerlicherweise verriegelt. Der Versuch, im Inneren etwas zu erkennen, ist leider auch nicht von großem Erfolg gekrönt. Mittlerweile ließ sich jedoch herausfinden, dass es sich um einen kleinen, hohen Säulenraum handelt. Die blanken Mauersteine sind zu sehen und ein Tunnel führt zur Kanalisation. Während der Zeit der Nutzung sind sicher auch Sitzgelegenheiten vorhanden gewesen. Vielleicht gab es auch einen Bediensteten, der Fahrkarten verkaufte.

Ich las von einem kleinen Konzert, das dort vor zwei Jahren stattfand. Wie der Klang wohl war? 40 Zuhörer passten hinein, als eine Nachwuchssängerin auftrat. So haben Sie vielleicht hinsichtlich der Raumgröße eine ungefähre Vorstellung. Und es muss enorm feuchte Luft geherrscht haben, denn die Brillen beschlugen.

Das Dampfboot-Wartezimmer wurde nur noch bis 1881 genutzt. Schon damals ging man über zur Variante Wartehäuschen. Der Anleger an der Lombardsbrücke existierte hingegen noch für weitere 58 Jahre. Er wurde erst zum Beginn des Zweiten Weltkriegs stillgelegt. Jetzt kann man rätseln, warum ein Wartehäuschen dem weiteren Betrieb des Dampfboot-Wartezimmers vorgezogen wurde.
Waren die Kosten für den Unterhalt zu hoch, die Luft zu klamm? War es in manchen Monaten zu kalt, gab es Ratten? Musste immer jemand anwesend sein? Herrschte Personalabbau?
Man weiß es nicht. Doch noch heute können Sie davorstehen, sich Ihre eigenen Gedanken machen, und ein bisschen in die Vergangenheit abschweifen. Irgendwie wirkt es schon wie ein Relikt aus einer anderen Zeit,
oder …?

Liebe Lombardsbrücken-Blogbesucher, es wird jetzt Zeit, dass wir hier verschwinden, bevor uns am Ende noch die Marathonläufer umrennen.
Sollten speziell die männlichen Wesen unter Ihnen auf dem Rückweg ein dringendes Bedürfnis verspüren, möchte ich Sie zum Abschluss noch auf eine  – sagen wir maritim angehauchte – Einrichtung direkt am Hauptbahnhof hinweisen. Sprechen wir es ruhig direkt aus: Einen Ort zum Schiffen. Ein himmelblaues Pissoir für alle, die auf Hafen, Seefahrt und Meer stehen.

Hamburg - Hauptbahnhof_Kirchenallee -  Zum Schiffen - Das Pissoir einer Hafenstadt ... (Im Hintergrund das Haus mit der Kuppel und den Fahnen  ist übrigens das Schauspielhaus)

Hamburg – Hauptbahnhof/Kirchenallee – Zum Schiffen – Das Pissoir einer Hafenstadt … (Im Hintergrund das Deutsche Schauspielhaus mit der Kuppel und den Fahnen)

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Vielleicht lesen wir uns bald wieder.

© by Michèle Legrand, April 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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