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Und die Zeit, und die Zeit, und die Zeit …

Christbaumkugeln am TannenbaumZack! Weihnachten ist da! Letzte Woche schien es realistisch, noch ausreichend Zeit zu finden, um ein weiteres Mal vor dem Fest etwas im Blog zu hinterlassen. Nun steht der Heiligabend plötzlich vor der Tür und hämmert penetrant. Fordert vehement Einlass. Ich bin dadurch hin- und hergerissen, doch zwischen den Vorbereitungen sollte wenigstens ein kleiner Gruß zum Fest möglich sein.
Möglicherweise geht es minimal gehüpft und gesprungen zu. Ich muss ab und zu in die Küche zum Pilzragout und all dem Rest.
Kochen zwischen dem Schreiben.

Ich war gestern am 23.12. noch unterwegs im Gewühl. Die letzten Kleinigkeiten fürs Mahl ergattern. Frische Petersilie, Champignons …
Es waren in Läden und Passagen vermehrt Weihnachtsmänner unterwegs. Einige etwas lieblos hergerichtet und leider auch manchmal unpassend mickrig, zu dürr. Dass sie vor Weihnachten stets zu massenhaft und teilweise nicht glaubwürdig genug auftreten, erkennen Sie auch an der Reaktion der kleineren Kinder. Die sind dann nicht mehr begeistert, sondern misstrauisch. Sie riechen den Braten. In dem Fall helfen auch keine an den Haaren herbeigezogene Erklärungen. Das Jungvolk nimmt den Eltern die Story von den vielen notwendigen Helfern des Weihnachtsmanns nicht ab. Schon gar nicht, wenn sich bei denen die Bärte lösen und unter dem Mantel Jeans und Turnschuhe herausschauen.
Kürzlich traf ich allerdings auf drei Engel. Die sahen in ihren weißen Kleidern und mit den entsprechenden Flügeln schon echter aus und haben obendrein wirklich engelsgleich Weihnachtslieder im Einkaufszentrum gesungen. Mehrstimmig! Das kam tatsächlich kurze Zeit eine festliche Stimmung auf! Doch auch diese Himmelswesen werden von den Kindern sehr genau beobachtet. Es wurde – O-Ton eines kleinen Mädchens – festgestellt, dass hübsche, weißgekleidete Engel, wohl niemals kleckern dürfen …
Engel singen Weihnachtslieder

Dass Kinder viele Fragen auf dem Herzen haben, wissen Sie. Doch auch Erwachsene machen es untereinander. Dieses Fragen abfeuern. Eine junge Frau löcherte ihren Freund. Nach der gefühlt 27. Frage antwortete er sichtlich geschafft:
„Für eine einzige Person fragst du ganz schön viel!“
Da war sie etwas eingeschnappt – nur, um nach kurzem Durchatmen Frage 28 hinterherzuschicken:
„Ist dir das zu anstrengend?“
„Nein, nein! Überhaupt nicht!“
Wäre er Pinocchio …

Draußen im etwas stürmisch-nassen Wetter hob eine Böe einer Frau neben mir an der Ampel die Kopfbedeckung ab. Ein Vater und sein kleiner Sohn bekamen es ebenfalls mit. Der Mann fing das Flugobjekt gekonnt ein und reichte es der Dame zurück, worauf sie sich hocherfreut bedankte. Zum Lütten gewandt sagt sie: „Dein Papa ist aber ein sehr hilfsbereiter Mann.“ Der Kleine ist wie sein Vater Afrikaner, verstand nicht so richtig und wollte daher alles noch einmal langsam erzählt und erklärt haben. Auch die Hutsache. Der Vater bemühte sich, es ihm auf Deutsch zu erklären:„Amare, wenn das Wind ist richtig hart, die Hut macht einfach weg. Dann Papa muss springen, weil Frau sonst nicht glucklich.“
So ist das.
Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Weihnachtskugel

Am Fischstand ging es um Information. Mit mulmigem Gefühl verlangte eine sehr junge Dame (5-6 Jahre) nach einem skeptischen Blick auf einen ziemlich langen, schwarzen Aal die Gewissheit, dass dieses Viech keine giftige Schlange sei. Sie beharrte daher auf einer Bestätigung, besonders, weil ihre Mama das Ungetüm kaufen wollte.
„Natürlich ist das keine Schlange!“, beteuerte die Fischverkäuferin.
Das Fräulein wirkte danach nicht sonderlich überzeugt. Ich würde darauf wetten, dass sie den Aal daheim nicht anrühren wird!

Moment, es blubbert. In der Pfanne. Bin gleich wieder da …

Ich fand es auch auf der Rolltreppe amüsant. Eine Enkelin erzählte ihrer Oma, dass die ganz kleine Schwester bald in die Krippe käme. Opa dahinter hörte nur die Hälfte. „Sarah hat Grippe?“
Und zu guter Letzt bot ein Schaufenster ungewollt ein zur momentanen Einkaufssituation recht passendes Bild. Puppen wurden umdekoriert und daher fürs Umkleiden demontiert. Komplett zerlegt! Überall auf dem Boden fanden sich verstreut einzelne, nackte Gliedmaßen. Und Köpfe fehlten.
Genauso kopflos und leicht unkoordiniert, als würden sie nicht mehr alle Körperteile beherrschen, liefen am letzten Tag vor dem Heiligen Abend auch viele Menschen umher.
Weihnachten. Das übliche Durcheinander. Ach, ja …
Es ist ja nur noch für kurze Zeit. Dann läuft alles wieder in den üblichen, geordneten Bahnen.

Die Zeit scheint irgendwie zu verfliegen. Doch die Geschenke sind komplett, die Vorbereitungen fast abgeschlossen, die Vorfreude auf das Fest stellt sich trotz unweihnachtlichen Wetters langsam ein und nimmt sicher mit zunehmendem Rückzug aus dem Gewühl und der Hektik noch zu.

Unterwegs klagte mir heute eine lockere Bekannte, die ich beim Einkaufen in einer Schlange antraf, ihr Leid. Sie hat das Problem (so empfindet sie es), dass sie mit den Geschenken nicht so glücklich ist, die sie verschenken wird – also vorrangig eher mit den diesen Präsenten zugrundeliegenden Wünschen – und wollte partout wissen, was ich dazu zu sagen hätte.
Wozu? Dass sich die Leute nicht das Richtige wünschen? Es ist ein bisschen heikel, darauf zu antworten. Ich tat es dennoch. Merkte an, es sei nicht der Sinn oder das Ziel der Sache, dass der Geber unbedingt damit glücklich wird oder sich dadurch Wohlbefinden verschafft. Wichtiger sei, dass der Empfänger sich daran erfreut und das Geschenkte ihm gut täte.
Es war wohl nicht die gewünschte Erwiderung …

Ich muss zum Schluss kommen. Das Kochen erfordert längere Anwesenheit. Halt! Eine Sache noch!
Es war gerade die Rede von Problemen. Oder war es keines?
Sagen Sie, erinnern Sie sich eventuell an das Chanson „Un peu d’amour et d’amitié“ von Gilbert Bécaud? Ich habe es vorhin im Auto gehört. Eine deutsche Version gibt es von ihm (Bécaud) auch. Ein bisschen Glück und Zärtlichkeit wird darin besungen und im Refrain heißt es wiederholt: Und die Zeit, und die Zeit, und die Zeit …
Kennen Sie nicht?
Ist jetzt nicht weiter tragisch, denn eigentlich wollte ich lediglich auf diese herausgepickte Zeile des Liedtexts zurückkommen. Diese mehrfache, fast schon stakkatoartige Wiederholung der Zeit bewirkt etwas, was im Lied gar nicht geplant ist. Es vermittelt ein wenig den Eindruck von Gehetztheit, von verfliegender, rasender Zeit, von einem durch die Finger entgleitender Zeit. Doch in Wirklichkeit ist die Rede – ganz vereinfacht und verkürzt gesagt – davon, dass die Zeit quasi Heilkräfte besitzt. Leg doch einfach die Probleme auf den Tisch, heißt es. Hier … oder besser noch  bei einem Freund. Die Zeit wischt sie fort. 
Glauben Sie daran?
Klingt gut, oder? Zu gut? Es kann gelegentlich, muss aber nicht funktionieren.
Es ist dennoch verführerisch, den Gedanken weiterzuspinnen, denn der erste Eindruck (geht nicht!) täuscht. Es ist tatsächlich etwas Wahres dran!
Es ist definitiv hilfreich, Probleme auf den Tisch packen. Es bedeutet nicht anderes, als sie einfach herauszulassen, sie möglicherweise sogar mit jemandem zu teilen, vor allem aber heißt es, die Knackpunkte mit Abstand zu betrachten. Manchmal erledigt sich dann vieles von selbst.
Falls Sie (die anderen hier können ja bis zur Verabschiedung weghören) gerade mit Dingen hadern:
Legen Sie einmal alles ab, was belastet. Was nervt, was Sorgen bereitet, was stört. Breiten Sie es symbolisch aus, erkennen Sie Puzzlestücke, aber auch ein Gesamtbild, und genehmigen Sie sich danach den Versuch zu testen, ob die Zeit nicht vielleicht schon bald etwas davon von sich aus wegzuwischen gedenkt. Das ist nicht zu verwechseln mit Verdrängung, absoluter Passivität und einem grundsätzlichen Aussitzen!
Es ist ein befristetes, distanziertes Betrachten. Es ist das Vermeiden von zu früher und unnötiger Hektik, das Unterlassen von unüberlegten Aktivitäten und die Abschaffung vom ewigen Angehen des Kleinviehs. Es ist ein sich Klarsicht verschaffen. Sie können schauen, welches Vieh den meisten Mist produziert. Sie können verschiedene Aspekte betrachten, berücksichtigen und nutzen danach den Effekt der ganz natürlichen Regelung.
Erstaunlicherweise gibt es sie!
Bleiben Sie gelassen, geduldig, nehmen Sie nicht alles zu schwer, zu persönlich, zu wichtig. Auch das reduziert schon gewaltig das Problemaufkommen.
Was sich nach dieser Abwartephase hartnäckig auf der Tischplatte hält, werden Sie schon sehen. Dieser manchmal erstaunlich kleine Rest offenbart das, was Sie sich wirklich noch vornehmen müssen.
Aber nicht gerade an Weihnachten, dafür hält das Jahr noch ein paar mehr Tage bereit.

Und die Zeit, und die Zeit und die Zeit …
Krippe mit Spieluhr

So, nach der nächsten Küchenaktion werde ich meine uralte Weihnachtskrippe mit der eingebauten Spieluhr aufziehen und mir Stille Nacht anhören. Ich denke, die Spieluhr im Wohnzimmer wird das Rauschen der Dunstabzugshaube in der Küche übertönen. Und während das Lied läuft (und lustigerweise zum Ende immer langsamer erklingt, im Zeit-lu-pen-tem-pooooo), sende ich Ihnen meine herzlichsten Wünsche für ein frohes Weihnachtsfest und entspannte Feiertage!

Bis bald!

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Die Gerüchteküche – Von Raterei über Tratsch zur Verleumdung

Es ist nicht ganz klar, woran es vorrangig liegt. Vielleicht muss alles eine Begründung haben, muss eine scheinbare Ordnung geschaffen oder eine Orientierung gegeben werden. Irgendeine.
Und wenn sie erdacht ist!
Oder der Mensch bildet sich ernsthaft ein, er sei oberschlau, wüsste mehr. Nein, wüsste alles!
Was redet er doch gerne mit. Immer. Überall. Wenn er etwas nicht weiß, kein Problem! Er kann zumindest
so tun als ob. Kann wenigstens raten. Mutmaßen.
Gut, wenn sich eine Gelegenheit findet …

Vor längerer Zeit arbeitete ich mit einem Kollegen mittleren Alters zusammen, der erschien, nachdem er jahrelang in dunklem, relativ sackähnlichem Outfit sein Dasein fast gefristet hatte, am ersten Arbeitstag nach einem Urlaub sehr aufgeräumt in einem froschgrünen, die Figur betonenden Samtblazer.
Verblüffung und Stielaugen im Büro!

Und dann sagte der Lump von sich aus kein Wort dazu!
Er verriet den neugierigen Kollegen nicht, was den Ausschlag für diese eklatante Abweichung von der Norm gegeben hatte! Solch ein Verhalten forderte Vermutungen geradezu heraus!
Er hat im Urlaub bestimmt jemanden kennengelernt, hieß es. Genau, er hat eine Freundin …
Er hat sie geschenkt bekommen (die Jacke, nicht die Freundin).
Plötzlich einsetzende Farbenblindheit war im Gespräch oder die Vermutung, es könnte ein Schnäppchen gewesen sein. Aufgeschwatzt von einer attraktiven, ganz reizenden und überaus überzeugend wirkenden, jungen Verkäuferin.
Eine weitere Idee besagte, dass mit großer Wahrscheinlichkeit ein ganz spezieller Geschenkgutschein der Grund gewesen sei, einer, der in einem damals angesagten Modegeschäft galt, das einfach nichts anderes als hippe, bunte Sachen anbot.
Nein, verkündete sein Vorgesetzter, der Jugendwahn hätte ihn neuerdings ereilt. Der und/oder die Angst vor dem Alter.
Dieses Gerücht erschien plausibel und wurde so lange als Fakt übernommen, bis jemand die neue Theorie in den Raum warf, er hätte sich morgens im Dunkeln an der Garderobe vergriffen und eine Jacke seiner fast erwachsenen Kinder erwischt.

Der Grund war natürlich ein völlig anderer: Der Kollege hatte im Laufe der Monate kontinuierlich abgenommen. Der einstmals recht rundliche Mann war schlank geworden! Nur weil dieser Prozess langsam vor sich gegangen war, hatte es keiner richtig mitbekommen. Zudem hatte die weiterhin weite Kleidung es bisher kaschiert.
Eines Tages – in diesem Fall während seines Urlaubs – war für ihn der Zeitpunkt der Erkenntnis gekommen: Er bräuchte nicht länger ausschließlich dieses schlankmachende Schwarz oder ein den Menschen in den Hintergrund verfrachtendes, müdes Grau. Die Gewichtsabnahme hatte ein neues Körpergefühl mit sich gebracht und die Einstellung reifen lassen, das Auffallen fortan nicht mehr unter allen Umständen vermieden werden musste.
Also falsch getippt.

Immer wenn im Alltag irgendwo etwas Außergewöhnliches – im Sinne von anders als gewöhnlich, jedoch selten weltbewegend – passiert, brodelt die Gerüchteküche. Und die Vermutungen werden hinter vorgehaltener Hand weitergetragen – was miteinander zu verbinden scheint. Es liegt an der Mitwisserschaft. Sie fördert offenbar die Entstehung eines (heimlichen) Gemeinschaftsgefühls.
Obendrein ist wohl die Unsicherheit prickelnd, die Spannung, weil ein Gerücht nicht zwangsläufig unwahr sein muss! Es kann auch stimmen!
Nur wer weiß und entscheidet, was oder wie viel davon wahr oder falsch ist? Ob sich ein Gerücht als glaubhaft darstellt und hält (!) oder sofort als Hirngespinst abgetan wird, hängt natürlich auch von der eigenen Erwartungshaltung ab. Kann ich es mir vorstellen, klingt es wahr oder zumindest denkbar.

Irgendwie erinnert die ja typischerweise mündliche Übertragung eines Gerüchts an das Prinzip der Stillen Post: Das Ausgangsgerücht unterliegt laufenden Veränderungen bzw. Anpassungen. Unliebsames wird weggelassen, ein anderes Detail ergänzt, eine Variante entsteht.
Dafür, dass es im Grunde um gar nichts Großes geht, lösen einerseits die Situation an sich, andererseits das dazugehörige Gerücht enorme Aufmerksamkeit, in gewisser Weise auch Anteilnahme, aber vor allem menschliche Neugier und erstaunlichen Ideenreichtum aus. Hier kann eben jeder mitmischen. Hat die Gelegenheit, sich ins Rampenlicht zu drängeln und wichtig zu machen. Kann ungefragt seinen Senf dazugeben und uneingeschränkt herumorakeln.
Bis zu einem gewissen Punkt ist die Absicht eher unbekümmerte Raterei, und solange zumindest der andere Beteiligte, der, um den es im Gerücht geht, anwesend ist und sich selbst äußern oder Falschspekulationen resolut Einhalt gebieten kann, hat jeder die Situation im Griff.
Doch häufig ändert sich die recht harmlose Ausgangslage, und es entsteht allmählich eine Gratwanderung, bei der viele abrutschen. Plötzlich ist auch nicht mehr nur ein Einzelner (der auch schon genug anrichten kann!) auf dem Gerüchtepfad unterwegs, sondern mit ihm eine im Nu entstandene Gefolgschaft.
Dann zeigt sich die Kehrseite der Medaille: eine gewisse Unberechenbarkeit. Es wird schnell klar, dass bei Gerüchten zahlreiche Fehlschüsse garantiert sind, die im besten Fall nur für Unmut und Verwirrung sorgen, jedoch ebenfalls – die Gefahr ist nicht wegzureden – erheblichen Schaden anrichten können.

Es stehen hier mehrere Garagen, die nicht jeweils einem der umliegenden Hauseigentümer gehören, jedoch auf Wunsch von diesen angemietet werden können. Natürlich weiß jeder Anwohner, wer aus der Nachbarschaft sein Auto in einer Garage untergestellt hat und wer nicht.
Neulich stand der Wagen einer Mieterin draußen. Nicht nur am Tag, auch nachts. Und nicht nur einen Tag und eine Nacht, sondern mehrere. Die Rateküche wurde prompt eröffnet, und die Gerüchtebrutzelei in der (weiträumigen) Nachbarschaft ging los:
Warum hat die denn ihr Auto nicht in der Garage?
Hat sie wohl gekündigt. Die Miete ist ja auch happig auf Dauer. Ob sie Geldprobleme hat?
Nein, Frau X. hat sich sicher mit dem Eigentümer der Garagen überworfen –sie hat doch mit jedem Zoff! Der hat sie rausgeschmissen!
Wurde nicht neulich eine der Garagen aufgebrochen! Könnte ihre gewesen sein. Geschieht ihr übrigens recht. Wahrscheinlich darf sie noch gar nicht wieder hinein! Polizeianweisung …
Vielleicht hat sie ja auch nur den Schlüssel verloren …
Oder ihr Auto ist kaputt und springt nicht an. Sie kann es gar nicht wieder reinfahren.
Ach, was! Das macht die doch extra! Die braucht mal wieder zwei Plätze.
Oder sie will das Auto verkaufen! Steht wohl zur Besichtigung draußen … Ich sag ja, sie hat kein Geld!

Inzwischen parkt das Auto wieder in der Garage. Es hat sich auch herausgestellt, was die Ursache für das Parken unter freiem Himmel war: Die Mieterin benutzte die Garage für die Dauer einer guten Woche als Zwischenlager für aussortierte Möbelstücke. Solange, bis die Sperrmüllabfuhr erfolgte.
Ende des Rätselratens. Wieder einmal lagen die Gerüchteverbreiter falsch. Sie nagt keinesfalls am Hungertuch, benahm sich nicht daneben, wurde nicht ausquartiert.

Im Vergleich zur nicht sehr ernst gemeinten – und vor allem offenen – Raterei um das Jackett des Kollegen, hatten diese Spekulationen hinter dem Rücken schon ein anderes Kaliber.
Sie tun keinem gut. Weder der Person, über die spekuliert wird, noch denen, die Vermutungen unter das Volk bringen. Hier ist Sympathie oder Antipathie gegenüber der Zielperson ausschlaggebend für das weitere Verhalten und für die Art der Gerüchte. Das kann im Fall von Sympathie und dementsprechend wohlwollenden Theorien theoretisch auch einmal zum Vorteil gelangen, doch wesentlich öfter ist genau das Gegenteil der Fall, und es entstehen sehr schnell Stimmungsmache, ein verzerrtes Bild, üble Nachrede, Zoff, verhärtete Fronten.
Tratsch, der ausartet – mit all seinen negativen Folgen.
Blogartikel Gerüchte etc.
Bei meiner Oma im Haus wiederum kursierten einst wilde Verdächtigungen, weil vor Weihnachten die Amaryllis verschwunden war. Meine Großmutter zog im Treppenhaus am Fenster immer drei bis vier verschiedene Pflanzen in kleineren Kübeln, weil sie den gekachelten Flur dann als nicht so kahl und steril empfand.
Die Amaryllis hatte sie am Nikolaustag auf die Fensterbank dazugestellt. Fünf Tage später herrschte an diesem Platz allerdings gähnende Leere …
In dem Haus ohne Fahrstuhl wohnten zehn Mietparteien auf mehreren Etagen. An der Blume am Fenster im ersten Stock kamen daher die meisten vorbei. Sie hatten sie bewundert, denn bald würde sich eine tolle, recht große, in einem warmen Rot leuchtende Blüte zeigen. Die Amaryllis trieb kräftig aus ihrer Zwiebel und schob bereits einen langen, dicken Blütenstiel heraus, der jeden Tag deutlich sichtbar ein Stück wuchs und an dessen oberen Ende die Knospe dicker und dicker wurde.
Als die Pflanze verschwand, wurde vom Bewohner der Wohnung unten rechts als erstes der neue Zeitungsausträger des Entwendens verdächtigt. Weil der problemlos ins Haus konnte und bisher immer so mürrisch gewesen war. So etwas ist immer verdächtig!
Kurz darauf schmiss jemand aus dem dritten Stock einen leeren Blumentopf in den Müllcontainer, was eigentlich nur eines heißen konnte: er hatte die Blume gestohlen! Er hatte sie höchstwahrscheinlich gekappt, nur den Stiel ins Wasser gestellt und den Topf entsorgt. Man war sich zwar nicht mehr ganz so sicher, wie der Topf eigentlich ausgesehen hatte, aber das alles konnte doch kein Zufall sein! Nicht wahr?
Die aus dem Erdgeschoss links hatten den Hausmeister angerufen und gemeldet, dass im Haus geklaut worden sei. Beschuldigungen fielen. Der Hausmeister hielt sich klugerweise aus den haltlosen Verdächtigungen heraus, doch es wurde ein Zettel an der Eingangstür angebracht mit der Bitte, die Tür immer verschlossen zu halten. Von jetzt an auch tagsüber.
Auf die Idee, mit meiner Großmutter Kontakt aufzunehmen – alle wussten ja, dass es um ihre Pflanze ging – kam bis zu diesem Zeitpunkt keiner. Erst am dritten oder vierten Tag zeigte man ihr gegenüber tiefes Mitgefühl bezüglich des Verlustes und Entrüstung über das Verschwinden. Was für ein dreister Diebstahl!

Sie staunte nur Blauklötze, als man ihr all die bis dahin aufgetauchten Theorien vorstellte. Sie reagierte deshalb völlig perplex, weil sie den Topf selbst in die Wohnung zurückgenommen hatte! Sie hatte gemeint, dass der Flur für die Amaryllis im Dezember zu kalt und zugig wäre.
Das Thema Amaryllis-Klau wurde übrigens von den Mietern danach nie wieder erwähnt.

Haben Sie es bemerkt? Die weitere Steigerung bei dieser letzten Begebenheit? Aus der Luft gegriffene Vor-
würfe, Diebstahlsbezichtigung ohne jeglichen konkreten Anhaltspunkt, Verleumdung.
So etwas geht schlicht zu weit.
Ich wähle bewusst unspektakuläre, tagtäglich vorkommende Situationen, solche, die Sie selbst alle sicher schon hundertmal erlebt haben. Mir ist völlig klar, dass es viel dramatischere, das Leben verändernde, es umschmeißende Gerüchte gibt! Dass Unterstellungen ausgesprochen werden, die Menschen in die Verzweiflung treiben, Depressionen oder gar Selbstmord auslösen.
Ich habe solche Umstände selbst miterlebt!
Nur alles fängt immer im Kleinen an, wird unterschätzt, wird hingenommen, wird zur Gewohnheit und irgendwann fällt es nicht mehr auf, dass sich die „Qualität“ und das Ausmaß der Gerüchteverbreitung geändert haben und man inzwischen gar nicht mehr Herr der Sache ist. Keine Kontrolle garantieren kann.
Es beginnt also im Kleinen, im hundsnormalen Alltag – und genau dort sollte sich tunlichst jeder schon überlegen, wie die eigene Einstellung aussieht. Wie stehe ich dazu, und wie reagiere ich. Jetzt und zukünftig.
Jeweils abwägen und gebremst mitmischen oder lieber ganz die Finger davon lassen? Lassen sich die Grenzen zwischen neckender Raterei,  ein bisschen Klatsch und einer fragwürdigen Gerüchteverbreitung stets sicher erkennen? Wann ist Tratsch nicht mehr harmlos, sondern gefährdend und Menschen schädigend?

Wem an den Haaren herbeigezogene Verdächtigungen unsympathisch sind, wer wilde Mutmaßungen für verzichtbar hält, wer kein Gefallen am Verbreiten völlig ungesicherter und vermutlich unzutreffender Aussagen findet, seinem Gegenüber vor allem mit Respekt und Achtung begegnen möchte und wem klar ist, dass sogar ein Zurücknehmen einer Aussage nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit ungeschehen machen, dem bleiben zwei Lösungswege. Zwei ganz einfache Verhaltensweisen angesichts einer Situation, die man durch mangelnden Kenntnisstand nicht beurteilen kann:

Lösung 1: Klappe halten
Lösung 2: Nachfragen
(Sollte es keine Auskunft geben oder ist die Verbreitung der Information unerwünscht, kommt automatisch wieder Lösung 1 zur Anwendung.)

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas …?

Er ist inzwischen genervt. Der Knabe hat die letzten Minuten mit dem bisher vergeblichen Versuch verbracht, die Verpackung eines original verschlossenen Playmobil-Sets zu knacken. Das Ding ist dermaßen zu, zuer geht es nicht.
Während viele (häufig) weibliche Wesen dazu tendieren, ein Objekt beim Öffnen der Verpackung relativ unzerstört zu belassen (selbst den schnöden Außenkarton!), kehrt mancher (meist) Mann nach einer Zeit – in der er zumindest gezeigt hat, dass er guten Willens war, es gesittet zu versuchen – den wilden Kerl heraus. Nach dieser Anstands- und Versuchsphase, also nach maximal drei Minuten, wird seine Vorgehensweise zielstrebiger, resoluter. Er schaltet um auf pure Gewalt.
Dieses junge männliche Wesen ebenfalls. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das wilde Reißen führt zum Teilerfolg; die Verpackung ist geöffnet. Allerdings hat die Methode auch einen Nachteil: Es fliegt die Hälfte des Inhalts in der Gegend herum.
„Ochhh! Mann! Oma, das ist doch voll Kacke!“, stellt der Zerrer frustriert fest.
„Pssschht! LEO! Das sagt man nicht!“, heißt es postwendend. Man hört, wie empört die Luft eingesogen wird.
Er vernimmt es gedämpft, denn er liegt bereits auf dem Boden, um die Einzelteile einzusammeln. Jetzt erscheint sein Kopf oberhalb der Tischkante:
„Ja, aber, das ist doch wirklich Kacke! Wie kam man das so blöd verpacken! Oma, ich meine ja nicht, dass Playmobil doof ist. Also, dein Geschenk! Nur, dieser Kackkarton!“
Oma beherrscht sich. Sie erwidert äußerlich ruhig:
„Leo, das habe ich schon richtig verstanden! Aber dieser Ausdruck mit Kacke, der muss doch nun wirklich nicht sein! Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas? In der Schule?“
Leo ist Grundschüler. Geschätzt ein Zweitklässler.
„Nein. Das habe ich nicht aus der Schule.“ Er zögert. Sein Blick geht zur kleineren Schwester, die vier oder fünf Jahre alt ist. „Lina kennt das auch …“
„Ach, dann stammt das aus dem Kindergarten?“, fragt Oma nach.
Lina bestreitet es kategorisch.
„Nun, ist im Grunde ja auch völlig egal. Doch ich möchte das nicht hören, habt ihr verstanden?“
Die beiden nicken.
Lina hat es leichter mit ihrem Geschenk. Es ist ein locker in buntes Papier gewickeltes Puppenkleid. Oma nimmt ihr das soeben entfernte, fast unversehrte Papier ab. Sie faltet es. Auch so ein weiblicher Zug. Könnte man ja eventuell wiederverwenden …
Sie sitzen noch ein Weilchen zusammen am Tisch und verdrücken ihr Eis. Die neuen Playmobil-Männchen werden in die Handlung eingebunden. Leo nimmt eine Figur als Polizisten (eigentlich ist das Männeken ein Bauarbeiter), eine zweite als Verbrecher. Die beiden geraten in eine Schlägerei. Der Verbrecher landet im Knast (dem leeren Playmobil-Karton) und heult. So hört es sich an. Der Polizist stürzt bei dem heldenhaften Einsatz von der Tischplatte. Das Mädchen zeigt eine fürsorgliche Ader und füttert (angedeutet) den nicht heulenden, jedoch leicht verletzten, sichtbar humpelnden Gesetzeshüter mit den bunten Streuseln, die ihr Eis zieren. Ihre (dritte) Figur ist eine Frau – die ebenfalls schwer einem Bauarbeiter ähnelt. Nein, eine Frau, sagt sie, eine Frau Doktor, und Streusel sind Medizin.

Ein Mann nähert sich zielstrebig dem Tisch.
„Hallo, Papa! – „Papa, Papa!“ erschallt es im Chor.
„Na, ihr … – Tach, Mutti.“ (Die Familienverhältnisse wären geklärt.)
Küsse werden verteilt. Danach rutscht er mit auf die Sitzbank. Die Unterhaltung nimmt ihren Lauf. Irgendwann zieht Papa sein Smartphone heraus, tippt und wischt herum, stutzt und vermeldet erregt:
„Das gibt es doch nicht! Jetzt ist dieser elende Akku schon wieder leer! Das ist doch voll Kacke!“

Sie können sich sicher ausmalen, wie die Reaktion auf allen Seiten ausfiel …

Diese kleine Begebenheit wird heute spontan eingeschoben, da sie sich sympathisch kurz wiedergeben lässt. Das wiederum kommt mir momentan sehr entgegen, denn dummerweise kann ich zurzeit den Kopf nicht richtig drehen, heben oder senken und dadurch nicht lange am Laptop arbeiten. Irgendein blöder Nerv rebelliert.
Voll Ka..e! (Verzeihung. Aber es trifft’s.)
Dies also als Hallo zwischendurch und gleichzeitig als Hinweis, dass Salut! (4) noch ein wenig braucht.

Ihnen ein nettes Wochenende, fröhlichen Nikolaus sowie einen schönen zweiten Advent!

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Die Stretchlimousine

Sonnabend wurde ich überrascht. Keinesfalls gezielt. Nicht geplant von jemandem, der mich kennt. Nein, ich und auch andere reagierten vielmehr verblüfft aufgrund einer abweichenden Erwartung.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei einer Tasse Kaffee im Café, schauen aus dem Fenster und entdecken eine sich nähernde Stretchlimousine. Weiß. Nicht endend. Sie rollt langsam auf Sie zu und kommt schließlich schräg gegenüber am Beginn einer abzweigenden Straße zum Stehen.
Stretch-Limousine mit Blumenschmuck
Nicht nur Sie werfen einen zweiten Blick darauf – auch die Tischnachbarn werden aufmerksam. Neben mir das jüngere Pärchen zum Beispiel. Er stupst sie an:
„Hey, schau mal! Langes Auto! ’ne Stretchlimousine! Cool!“
Sie hat sofort erspäht, dass auf der Motorhaube Blumenschmuck befestigt ist. Ihre verzückte Reaktion:
„Ooooh, eine Hochzeit!“
Angesichts dieser Tatsache interessiert sie die weiße Karosse nur sekundär.
Ihren Ausruf hören die Leute bis ungefähr vier Tische weiter und recken die Hälse. Zwei Freundinnen stehen sogar auf und spazieren zum besseren Verfolgen direkt an die Scheibe. Die anwesenden Herren konzentrieren sich unabgesprochen weiterhin auf das Auto, die weiblichen Wesen – romantischer veranlagt – auf das damit verbundene Ereignis.
Die Bedienung spitzt ebenfalls die Ohren, kann jedoch nicht stehenbleiben und länger zusehen. Sie zögert merklich, verteilt dennoch pflichtbewusst Bestellungen und wirft sehnsüchtige Blicke hinüber – aus der Ferne.
Bisher ist nicht viel passiert. Dort, wo der Wagen seit einiger Zeit steht, befindet sich das Traditionshaus Lackemann, das seit einiger Zeit wieder geöffnet hat. Offenbar geladene Gäste warten draußen am Eingang … Die Limousine nimmt die Fahrbahn einer Einbahnstraße in Beschlag. Bislang ohne den Verkehr zu beeinträchtigen. Ob überhaupt Fahrgäste transportiert werden, lässt sich gar nicht mit Gewissheit sagen, die Autoscheiben sind getönt.
Die Tassen des Pärchens vom Nachbartisch sind geleert, ebenso die Eisbecher. Bezahlt haben sie vorhin schon. Der junge Mann will aufbrechen, wendet sich seiner Partnerin zu:
„Kommst du?“
„Warte noch! Ich möchte die Braut sehen!“
Er seufzt und setzt sich wieder.
Geduld ist vorteilhaft, denn geschlagene drei weitere Minuten Warten sind angesagt. Endlich öffnet sich hinten links die Wagentür. Sie bleibt in weit geöffnetem Zustand, ohne dass sich jemand zeigt. Die Hälse werden wieder lang.
„Ist sie schon ausgestiegen?“, fragt die Bedienung neugierig vom anderen Ende des Ganges.
„Nein, noch nicht, aber die Tür ist auf!“, wird ihr gleich von zwei Tischen Bericht erstattet.
„Und?“
„Nichts …“
„Jetzt!“
Ein Herr windet sich mühsam heraus. Kein älterer, nein, ein kleiner, wirklich alter Mann.
„Wahrscheinlich der Brautvater …“, meint sie, die weibliche Hälfte des Pärchens.
„Oder der Bräutigam?“, schlägt er vor, grient allerdings dabei.
„Ach, hör auf!“ Sie findet es völlig abwegig.
„Nee, echt jetzt!“, echauffiert er sich gespielt, nur mittlerweile hat sie sein Grinsen bemerkt.
Der Wir-wissen-nicht-genau-was-er-ist-Herr schlurft langsam um das Heck der Limousine herum zur anderen Seite und öffnet dort die hintere Tür. Die geladenen Gäste zücken mittlerweile alle ihre Kameras und Handys, um Fotos zu schießen.
„Jetzt kommt sie, glaube ich!“, ruft jemand im Raum der Bedienung zu.
Zig Augenpaare starren hinaus.
Eine ebenso betagte Dame mit silbrig-weißem Haar, nicht viel größer, als der Wagen hoch ist, entsteigt der weißen Limousine, wird von dem Herrn eingehakt und unter Applaus der Umstehenden Richtung Eingang des Hauses Lackemann geführt. Die Limousine entfernt sich.
Stretchlimousine mit Blumenschmuck entfernt sich ...
„Das war’s“, stellt der junge Mann fest, der vorhin schon gehen wollte. „Können wir jetzt?“
Was? Keine junge Braut? Kein weißes Hochzeitskleid?

Verdutzte Gesichter – und wilde Spekulationen beginnen! Man tendiert zu der Variante, dass es sich um die Goldene Hochzeit oder eventuell sogar die Diamantene (60 Jahre Ehe) handeln müsste und dass es doch „echt süß“ sei, „sowas“.
Fetzen einer Diskussion dringen an mein Ohr, deren Inhalt auf Pläne hindeutet, ebenfalls im Fall der eigenen Goldenen Hochzeit eine Stretchlimousine zu ordern.

Die Versammlung am Fenster im Café löst sich auf. Als ich mich kurz danach allein auf dem Heimweg befinde, haben die Gedanken Gelegenheit, noch einmal zurückzuwandern …
Wissen Sie, was ich mich nach reiflicher Überdenkung der Angelegenheit frage?
Ob wir nicht doch falsch liegen!
Vielleicht waren es tatsächlich Braut und Bräutigam. Frischgetraut! In dem Alter – und im Fall der wahrscheinlich nicht ersten Hochzeit ihres Lebens – verzichtet die Braut auf ein weißes Brautkleid. Das wäre doch plausibel.
Ich stelle mir das so vor:
Sie ist 90, er 92 Jahre alt. Kennengelernt haben sie sich im letzten Jahr bei Edeka in der Schlange an der Kasse. Irgendjemand lag wegen des Wechselgelds im Clinch mit der Kassiererin und das dauerte. Elisabeth hatte befürchtet, dass ihr Eis schmilzt bei der langen Wartezeit. Daraufhin hatte ihr Friedrich angeboten, es mit in seinen Thermobeutel zu packen bis es weiterginge. Letztendlich hatte er ihr das Eis bis zur Haustür getragen …
Oder sie trafen sich das erste Mal anlässlich des (Ur-)Großelterntages im Kindergarten der Enkel. Er fluchte, weil er dazu verdonnert wurde, Laternen zu basteln, und die Situation hatte sich erst entspannt, als Friedrich und Elisabeth festgestellt hatten, dass ihm der Cutter und die Schneidearbeiten, ihr aber mehr das Kleben und Malen lag. Zusammen klappte es prima, Teamwork funktionierte. Seitdem waren sie ein Dreamteam.
Nicht?
Dann war es im Wartezimmer beim Augenarzt. Er hatte von den Tropfen weitgestellte Pupillen, konnte nichts sehen und wollte mit ihrem Mantel nach Hause. Sie stellte sich ihm – mit dem Regenschirm drohend – in den Weg. Beim anschließenden Gerangel haben sie sich wider Erwarten Hals über Kopf verliebt. Er hatte so weiche Hände …
Wenn Ihnen das auch nicht zusagen sollte und Sie glauben, die beiden seien moderne Alte mit PC und Internet, dann waren sie eben in der gleichen Facebookgruppe! Kamen sich über die  „Freunde der Orchideen“ oder „Excel für Senioren“ näher.  Leon, Friedrichs Urenkel, war übrigens der erste, der eingeweiht war. Aber auch nur, weil er hartnäckig fragte, warum sein Uropa von ihm auf einmal unbedingt Skype installiert haben wollte. So oder ähnlich.
Was weiß ich!
Spinnen Sie doch ihre eigene Story!
Hören Sie, ich habe nun wirklich keine Zeit mehr! Die Bretagne schmort schließlich auch noch …

Bis zum nächsten Mal! Machen Sie es gut bis dahin!

©November 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Salut! (1) – Zurück aus der Bretagne …

Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)Salut! Zurück aus der Bretagne!
Schnell die Reste vom letzten Crèpe vertilgt, und schon können wir beginnen.
Wie geht es Ihnen?
Hatten Sie in Ihrer Region auch diesen sagenhaften Sommernovemberbeginn? Zum Monatswechsel spazierte ich bei ca. 22 Grad und strahlendem Sonnenschein am bretonischen Cap Fréhel entlang und konnte gar nicht fassen, wie mild die Luft auf der Haut entlangstrich, wie weit die Sicht über das Meer war und in welchen Blau- und Grüntönen der Atlantik schimmerte!
Frankreich hat enorm schöne Ecken. Die Franzosen können sich schon glücklich schätzen. Die Bretonen ganz besonders! Was für eine herrliche Küste! Welch malerische Städtchen!
Sie ahnen, dass Ihnen in naher Zukunft im Blog etwas davon begegnen wird.
Doch heute starten wir sehr locker und halten es auch kurz.

Salut. Sie kennen dieses Grußwort, verwenden es vielleicht selbst hin und wieder. Es ist praktisch, denn es lässt sich sowohl bei der Begrüßung als auch bei der Verabschiedung nutzen. Die Schreibweise kommt uns Deutschen zudem vertraut vor, da wir Wortkreationen mit „Salut-“ kennen. Salutschüsse. Ist etwas anders, doch wen stört’s …
Macht nix?
Ich möchte Sie warnen! Wenn uns ein Wort in einer Sprache begegnet, die wir nicht beherrschen, es uns jedoch irgendwie bekannt vorkommt durch seine Schreibweise (meist eher als durch Aussprache), dann deuten wir es gern selbst. Grübeln, raten ein bisschen, mutmaßen sehr gewagt, beschließen irgendetwas und sind fortan felsenfest überzeugt, bezüglich des Sinns recht zu haben. Vielleicht kennen wir bei zusammengesetzten Begriffen sogar lediglich einen kleinen Teil, doch wir sind Meister im Interpretieren und basteln uns daraus unsere komplette Übersetzung.
Dass so etwas in die Hose gehen kann, werden Sie gleich anhand einiger Fotos sehen.

Was haben wir denn hier? La Porte de France.
Porte? Pforte? Tür, oder? Tor, Tür … Egal.
Die Tür nach Frankreich!
Dort geht es rein ins Land! Barzahlung vor Einlass. Klar, kennt man ja. Die Franzosen fordern schließlich fast überall Maut. Doch dies ist der Weg. Der Zugang! Hinter dieser Tür beginnt la Grande Nation … Oder doch nicht?

Bretagne - Morlaix - La porte de France ...

Bretagne – Morlaix – La Porte de France …

Und hier! Foto zwei zeigt ein überaus wichtiges Schild! Sollte Ihr Fahrrad ein Alkoholproblem haben, dürfen Sie hier nicht fahren! Sogenannte „Saufmodelle“ sind in dieser Straße unerwünscht …

Bretagne - Sauf bicyclettes ...

Bretagne – Sauf bicyclettes … Saufräder?

(Sind Sie zum ersten Mal mein Bloggast?  Als Wiederkehrer wissen Sie später, dass Sie sich von mir bitte nicht veräppeln lassen! „Sauf“ steht für außer, ausgenommen von … d. h. Fahrräder dürfen hier im Gegensatz zu Autos sehr wohl die Straße benutzen. Gesteuert von einem möglichst nüchternen Fahrer.)

Was haben wir denn da? Einen Schuhmacher. Er macht es Sprachunkundigen leicht, denn er hat netterweise dieses stiefelförmige Werbeschild an der Wand. Doch schauen Sie einmal auf den Begriff, der dort etwa in der Mitte auftaucht. Tampons.
Das Wort kennen Sie. Alles klar. In Frankreich kauft man Tampons nicht im Drogeriemarkt, sondern beim Schuster …

Bretagne - Cordonnerie

Bretagne – Cordonnerie … Der Schuster mit den Tampons?

Wundern Sie sich nur nicht, wenn Ihnen der Mann am Tresen daraufhin einen Stempel in die Hand drückt. Sein „tampon“ ist halt kein „o.b.“

In die nächste Straße eingebogen – und gleich Herzklopfen!
Mord L’Express!
Bringt man Sie hier schnell um die Ecke?
Restauration rapide …
Wird der vorher unbeschadete Zustand des Opfers womöglich doch schnell wiederhergestellt?

Bretagne - Mord l'Express ...

Bretagne –  Mord l’Express – Die Sache mit dem Expressmord und dem Restaurieren  …?

Oder ist es eher ein Schnellrestaurant, welches Ihnen in Windeseile etwas zu beißen verschafft (mordre = (an)beißen)? Ich würde sagen, Sie können sich wieder beruhigen …

Auf der Suche nach einer Unterkunft sollten Sie daran denken, dass in Frankreich auch nicht alles, was den Begriff „Hôtel“  in sich birgt, Zimmer bereitstellt.

Bretagne - Morlaix - Hôtel de Ville

Bretagne – Morlaix – Hôtel de Ville …

Das Hôtel de Ville ist leider nicht das größte Hotel der Stadt, sondern schlicht und einfach sein Rathaus.

Und noch etwas möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Hier haben Sie es schwarz auf weiß:
In einer 30-km-Zone kriegen auch die Franzosen ihren Rappel (und teilen es allen gleich schriftlich mit).

Bretagne - 30 km Rappel

Bretagne – Der 30-km-Zone-Rappel …?

Komisch nur, dass dieses Rappel-Geständnis, diese Durchdreh-Warnung unter allen Tempozeichen auftaucht, selbst bei 130 km/h … Möglicherweise doch eher eine Erinnerung oder Ermahnung, dass Sie sich gefälligst stets an die ausgewiesene Geschwindigkeit zu halten haben?
Wie auch der Besitzer dieses schönen alten Renault R4 GTL …

Bretagne - Oldtimer (Renault 4 GTL)

Bretagne – Oldtimer (Renault 4 GTL)

Die Franzosen haben manchmal urige Öffnungszeiten. Das Foto ist sehr verspiegelt, doch Sie können die Uhren sicher erkennen. Sie meinen zu wissen, dass matin etwas mit morgens bedeutet und après-midi am Nachmittag anzusiedeln ist.
Doch werden Sie daraus so richtig schlau?

Bretagne - Recht eigenwillige und etwas "krumme" Öffnungszeiten ...

Bretagne – Recht eigenwillige und etwas „krumme“ Öffnungszeiten …

Ziemlich krumme Zeitangaben und überhaupt … Andere Länder, neue Entdeckungen, Erstaunliches.
Doch für heute soll es reichen. Fini! Ende.
Sie und ich müssen uns erst wieder eingewöhnen. Mein Internet geht übrigens hervorragend nach der Umstellung! Der Monteur hat Mittwoch sehr kompetent und fix alles neu gestöpselt und geregelt. Ihnen bleibt somit nichts erspart, und für mich gibt es keine Ausflüchte mehr …^^

In lockerer Folge erscheinen in nächster Zeit im Blog Berichte aus der Bretagne. Aus Rennes, von der beeindruckenden Granitküste, kleineren Küstenorten, vom Cap Fréhel, der Île de Bréhat, der mittelalterlichen Stadt Vitré sowie aus Morlaix. Es geht dabei ebenfalls um Unterschiede bzw. französische Besonderheiten, die einem Nichtfranzosen eben auffallen.
Aktuelles wird sich sicher dazwischenmogeln – auch damit es abwechslungsreich bleibt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Wochenausklang, ein nettes Wochenende und hoffe, Sie haben keinen Stress durch nicht fahrende Züge.
Salut! Bis demnächst!

©November 2014 by Michèle Legrand

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Haie im Rhein und die Flexibilität

Sie wissen, es kommt häufig anders als man denkt. Gelegentlich schlechter, hin und wieder auch besser.
Sie z. B. dachten vermutlich, hier im Blog würde sich bis November nichts tun.
Still ruht der See, Schweigen im Walde.
Sie haben – fälschlicherweise! – angenommen und darauf vertraut, dass ich mich an meine Ankündigung halten würde. Stattdessen kehre ich vorzeitig zurück.
Besser für Sie? Oder schlechter?

Was soll ich sagen, es liegt jetzt an Ihnen, ob Sie flexibel reagieren und spontan wieder mit von der Partie sind oder ob Sie zum eher sturen Menschenschlag zählen, der darauf beharrt, dass alles wie verkündet eingehalten wird – ganz gleich, ob sich die Umstände mittlerweile geändert haben oder nicht.
Und die Lage hat sich definitiv verändert! Die Internetinfluenza ist nämlich vorerst kuriert. Ich habe halt einen genialen Sohn, der kürzlich fachmännisch herumgefriemelt und mein Internet so übergangsweise wieder zum Laufen bekommen hat. (Merke: auch Hamburgerinnen – hanseatisches Understatement-Klischee hin oder her – können, sobald es um ihren eigenen prachtvollen Nachwuchs geht, die vornehme Zurückhaltung ablegen und ziemlich enthusiastisch herumprahlen).
Die Umstellung auf neue Leitungen etc. erfolgt im November trotzdem noch. Hoffen wir, dass es danach dann ebenso gut funktioniert wie im Moment. Würden die Netzbetreiber nicht irgendwann die alte Technik abknipsen und ich dadurch reichlich dumm dastehen, würde ich jetzt am liebsten alles behalten wie es ist.
Never change a running system …

Der Zugang zum Web ist also wieder da, ich habe Lust – und Sie? Haben Sie sich mittlerweile überlegt, ob Sie vorzeitig lesewillig sind?
Sie wissen, dass man Ankündigungen, Mitteilungen, ja auch Warnungen und Entwarnungen sowieso nicht immer blind trauen darf.
Im Sommer, als ich an der Schweizer Grenze mit einem der Linienschiffe der Rheinschifffahrt starten wollte, sah ich ein Schild an der Anlegestelle. Es enthielt die Mitteilung, dass der Rhein eine haifreie Zone sei. Das war eindeutig eine offizielle, schriftliche Entwarnung! Garantiert keine Haie im Fluss …

Stein am Rhein (CH) - Warnschild - Keine Haie im Rhein

Stein am Rhein (CH) – Warnschild – Keine Haie im Rhein

Ich stieg also beruhigt an Bord, nur auf der Rückfahrt von Schaffhausen Richtung Stein am Rhein tauchte irgendwann hinter Diessenhofen am linken Ufer etwas höchst Merkwürdiges auf. Vergessen Sie alle vorherigen behördlichen Entwarnungen – es war ein Hai!
Ein weißer Hai!

Rhein zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein ... Doch Haie!

Rhein zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein … Doch Haie!

Man kann nichts glauben! Trotz allem hat sich die Bootsfahrt gelohnt und war schön. Ich lebe auch noch! Nur damit Sie sehen – so groß ist das Risiko für Sie hier wirklich nicht! Die Lage hat sich zwar verändert, doch es tut wirklich nicht weh, wenn Sie umdisponieren und bereits vor November lesen. Es könnte sich durchaus lohnen. Und ich garantiere Ihnen obendrein, dass der Blog haifrei ist.
Missachten Sie einfach überholte Ankündigungen. Streichen Sie sie innerlich! Fertig. Mein einer Opa hat in so einem Fall gern davon gesprochen, dass manche Sache doch „gehupft wie gesprungen“ sei.

Bevor ich Richtung Frankreich aufbreche, hinterlasse ich Ihnen in den nächsten Tagen noch einen Eindruck von der im Bodensee gelegenen Blumeninsel Mainau. (Übrigens ebenfalls so ein Fall von einstmals angekündigt, dann aber zugunsten von etwas Aktuellem verschoben.)
Schauen Sie gern herein. Der Beitrag wird eine größere Anzahl Fotos enthalten. Positive Bilder, kritisches Betrachten – und die Mainau als Beispiel für eine bestimmte Entwicklung.

Sollte tatsächlich erneut etwas Brandaktuelles vorgezogen werden oder das Internet einen Influenzarückfall erleiden, wird Ihre neu gewonnene Flexibilität von großem Vorteil sein, da Ihnen dieses spontane Umschwenken und Anpassen an eine neue Situation mittlerweile mit Sicherheit schon leichter fällt.
Sehe ich das richtig? ^^

©Oktober 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin   ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Herbstliche Internetinfluenza

Liebe Blogleser,

es hat mein (häusliches) Internet erwischt! Die gefürchtete Herbstinfluenza hat zugeschlagen mit anfänglicher Mattigkeit, anschließendem Kollaps und letztendlich droht sogar leider eine längere Reha.
Wäre ich ein Crack in Technikdingen, ließe sich die Wiederbelebungzeit vielleicht etwas verkürzen, doch diesmal muss aus Altersgründen eine Totalumstellung die Auferstehung bewerkstelligen. In einem solchen Fall ist es Sache der Profis, alles miteinander wieder gängig zu machen.
Sollte es bereits davor gelingen,  eine minimalistische Notlösung hinzugekommen, hören Sie von mir. Ansonsten bin ich durch diese Komplettumstellung leider erst wieder ab der zweiten Novemberwoche richtig mit Internet ausgerüstet, denn – Sie ahnen es – diese Techniker haben volle Terminkalender, die frühestens in zwei bis drei Wochen die ersten Lücken aufweisen.
Aus Sicherheitsgründen verfügt mein Handy nicht über alle Daten, die der Laptop beherbergt,  es ist auch bewusst nicht alles synchronisiert. Nun ist lediglich eingeschränkte Aktivität möglich und – ganz ehrlich – eine Frau (ich), die bereits auf eine Lesebrille angewiesen ist und nichtsdestotrotz gewöhnt ist, mit zehn Fingern schnell zu tippen, ein solches Wesen wird mit einem Handy für größere Textaktivitåten nicht glücklich.
Auf dem kleinen Display mit immer nur einem Teil des Textes im Sichtfeld den Überblick über den Gesamtinhalt zu behalten, ist schon lästig,  erfordert jedoch vielleicht nur mehr Konzentration. Doch ich schreibe einfach den größten Blödsinn auf kleinen Tastaturen!  Knapp daneben ist auch daneben.  Es entstehen Wortkreationen,  über die ich selbst immer Bauklötze staune. Auch Sie würden sich wundern!  Vielleicht tun Sie es jetzt schon, denn notgedrungen entstand dieser Text unter reichlichem Gefluche auf einer Smartphonetastatur …

Liebe Gemeinde, wir werden sehen, was bei diesem ersten Versuch herauskommt. Sie wissen nun, warum ich etwa drei Wochen lang verspätet reagiere oder nur sehr begrenzt Blogs besuchen und kommentieren kann und warum hier aller Voraussicht nach im Blog eine Pause beim Posten entstehen wird.
Umso mehr freue ich mich, Sie danach wieder anzutreffen!
Zwischendurch werde ich obendrein noch ein paar Tage unterwegs sein und habe vor, Ihnen aus einem Nachbarland einige Eindrücke mitzubringen. Von den Nachbarn, die Croissants gern mögen ..

©Oktober 2014 by Michèle Legrand

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„Oh, Gott! Hat er sich was getan …?“

Planten un Blomen - Herbst - Die Laubfärbung hat eingesetzt, es raschelt auch bereits am Boden ...
Manchmal überlege ich, meinen Unterwegs-Kaffee woanders zu trinken. Nicht ständig wieder im gleichen Eiscafé. Meist auch noch am selben Platz! Doch Begebenheiten wie die des heutigen Tages bestärken mich in der Annahme, dass es keinen Ort gibt, an dem es entspannender und gleichzeitig unterhaltsamer ist als dort.

Vier Menschen sitzen am Nachbartisch. Zu meiner Verblüffung sind sie nicht nur alle miteinander verwandt, sondern jede dieser Personen vertritt auch eine Generation dieser Familie! Da wären ein sechs Monate altes Baby (ein Junge), seine Mutter, deren Mutter und wiederum deren Mama. Baby, Mutter, Oma und Uroma. Diese Tatsache erfahre ich aus ihrem Gespräch.
Ich wäre nie darauf gekommen!
Auf den ersten Blick passt es überhaupt nicht. Uroma? Sie scheint viel zu jung. Eine eventuelle Familienähnlichkeit muss man bei den vier Frauen mit der Lupe suchen. Körperbau, Größe, Gesichtszüge – völlig unterschiedlich. Die Mutter und die Oma des Kleinen tragen lediglich die exakt gleiche Haarfarbe. Während der Altersunterschied zwischen diesen beiden Wesen sehr groß scheint, wirkt die Uroma nur zehn Jahre älter als die Oma, ihre Tochter.
Wie soll denn so etwas gehen?

Man kann nicht ungeniert ewig hinstarren, aber man kann so tun, als ob man lediglich das Baby anhimmeln würde. Das gibt mildernde Umstände, und nach mehrmaligen Hinüberblinzeln komme ich zu folgendem Resultat: Es ist doch möglich.
Die junge Mutter könnte Mitte Zwanzig sein, die Oma hat zwar schon viele, tiefere Falten, wird jedoch nach zweiter Einschätzung nicht Anfang 60 sondern maximal Mitte 50 sein. Und die Uroma ist eben extrem gut erhalten, aber nicht knapp 70 sondern Mitte bis Ende Siebzig. Und vielleicht ist irgendwer aus der mütterlichen Linie, der andere aber aus der väterlichen. Das würde diese Körperbaudiskrepanzen erklären.
Klingt plausibel.

Sie unterhalten sich, während ihre Bestellung in Arbeit ist. Wo waren sie schon an diesem Tag, wo soll es später hingehen …
„Wir könnten ja noch zu Karstadt“, meint die Mittlere.
„Oder lass uns nach C&A!“, schlägt daraufhin die Älteste am Tisch vor.
„Da waren wir doch schon“, erwidert ihre Enkelin.
„Da waren wir schon?“, ertönt die verdutzte Rückfrage.
„Ja, das war dort, wo wir die Lätzchen geholt haben.“
„DAS war C&A?“
„Ach, Oma, du bist echt süß …“

Fallen Ihnen auch gelegentlich die Unterschiede bei der Wortwahl auf? Zumindest hier im Norden benutzen einige Menschen – gern auch welche der älteren Generation –  den Ausdruck „nach“. („Richard, ich fahre gleich nach Karstadt!“)
Die Mehrheit der Jüngeren sagt hingegen „zu“. („Kommst du mit zu Edeka?“)
Ähnlich verhält es sich mit „beim“ und „bei“. (Claudia arbeitet beim Saturn. Sie war vor der Arbeit beim Aldi einkaufen. Aber: Henning bestellt bei Neckermann und erledigt den Rest bei Lidl).
Das „bei“ bzw. erneut das „nach“ wird nun wiederum von einigen Mitmenschen gern dort benutzt, wo andere „zu“ wählen und klingt in meinen Ohren stets extrem merkwürdig. („Ich geh bei Willi.“ „Jonas will nach Herbert.“ vs. „Ich gehe zu Edith.“)
Schon seltsam, diese Sprache … Und so etwas muss nun ein Baby alles erst lernen und begreifen. Nicht nur das! Es muss das Richtige herausfiltern und den Rest möglichst schnell wieder vergessen!

Die Erwachsenen bekommen ihr Eis serviert, der Junior wird fortan von Schoß zu Schoß weitergereicht, so dass jeder einmal ohne Zappelfrosch ist und vernünftig zum Essen kommt. Bei seiner Uroma wird der Lütte besonders aktiv. Vor ihr steht Spaghetti-Eis mit leuchtend roter Erdbeersoße, die es ihm farblich offenbar schwer angetan hat. Erhitzte Wangen, Begeisterungsgestöhne, das klingt wie ein Hirsch in der Brunftzeit, Oberkörpergeschwanke, Füßegezappel und Armgefuchtel sind die Konsequenz. Er würde wohl gern etwas davon abhaben.
„Nein, nein, Oma“, winkt Juniors Mutter ab, „ich habe für Julius extra etwas dabei. Er bekommt sein eigenes Essen!“
Er wird in den Kinderwagen verfrachtet und dort von ihr mit Apfelmus aus einer Tupperdose gefüttert. Nach Pseudoprotest und drei eiligst hervorgequetschten Krokodilstränen hebt sich die Laune von einer Sekunde zu anderen wieder. Der Nachwuchs mampft nun durchaus mit Begeisterung seinen Fruchtbrei, doch lässt er die Soße weiterhin nicht aus den Augen. Sobald seine Urgroßmutter einen Löffel zum Mund führt – ihrem eigenen wohlgemerkt! – flippt er ein wenig aus.
„Adda, ba …(Quietschlaute) …oohoh …da!“
(Übersetzung: „Ich komme um, wenn ich jetzt nicht bald was von dem Zeug kriege!“)
Die drei Damen amüsieren sich. Eine Diskussion startet zum Thema Soße geben ja oder nein. Die Mutter gerät ins Schwanken, die Oma ist dagegen, die Uroma ist der Ansicht:
„Lass ihn ein ganz bisschen probieren.“ Ihr Argument: „Das ist im Grunde doch nur Soße aus Früchten. Zucker ist dem fertigen Gläschenobstbrei auch!“
Sie erhält das offizielle Okay, befüllt ihren Löffel mit Erdbeerflüssigkeit und füttert den gierigen Urenkel. Das Raubtier schnappt zu, schließt den Mund, reagiert verblüfft auf den neuen Geschmack, verzieht leicht das Gesicht, kneift die Augen ….
In dem Moment naht ein Herr. Der Opa. (Fragen Sie mich nicht, ob Opa oder Uropa, das war altersmäßig wieder alles andere als eindeutig!) Er wird von den Ladys frühzeitig entdeckt und dem Jüngsten überschwänglich angekündigt:
„Ja, Julius! Schau mal, wer da kommt! Der Opa! Ei, der O-PA!“
(Sie kennen diese Art, wie man einem Baby deutlich vorspricht und dabei eine gehörige Portion Begeisterung mimt, nicht wahr?)
Julius hat den Sinn der Worte begriffen, schaut in die richtige Richtung. Beim Anblick seines Großvaters, beginnt er breit zu lächeln. Rote Soße rinnt langsam aus dem Mundwinkel, da Junior leider völlig vergessen hat, den flüssigen Sabsch komplett herunterzuschlucken.
„Oh, Gott! Hat er sich was getan?“
Opa wird blass. Der Enkelsohn sieht aus, als hätte er gerade eine kleine Schlägerei hinter sich. Die Brühe läuft täuschend echt wie Blut über sein Kinn. Und seine Mama sitzt neben diesem Vampir und hat nur Apfelmus auf dem Löffel …
Da jedoch keine der Frauen hysterisch reagiert und die Aufklärung ziemlich prompt erfolgt, bekommt das Gesicht des Großvaters schnell wieder Farbe.
„Jung, Jung …!“, ist der einzige Kommentar, ergänzt vom einem erleichterten Auspusten, welchem herzerfrischendes Gelächter folgt. Der Kleine beteiligt sich daran – auch ohne den Grund zu kennen.
Wie es immer so ist: Fröhlichkeit steckt an.
Jeden.

Soll ich Ihnen etwas verraten? Nächstes Mal werde ich wieder in mein Eiscafé gehen.
Basta.

©Oktober 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand -  freie Autorin - Blog Michèle. Gedanken(sprünge) - Foto ©Andreas Grav

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„Was klickt die so …?“

Die U-Bahn ist gut besetzt. Bei zwei sich gegenüberliegenden Bänken am Gang gibt es noch ein freies Sitzplatzeckchen. Eckchen ist nicht übertrieben, denn knapp 4/5 der restlichen Doppelbankfläche werden von einer – nennen wir es diplomatisch – für den Winter schon gut gepolsterten Dame samt ihrer Tasche bevölkert.
Ich quetsche mich neben sie auf die Sitzkante und strecke die Beine aus Platzmangel in den Gang. Eine formvollendete Haltung sieht definitiv anders aus. Beim Anfahren rutsche ich zudem fast vom Rand ab. Das Ganze ist eine höchst wackelige Angelegenheit.
Schade, dass meine Nachbarin so gar keine Anstalten macht, ein paar Zentimeter mehr Platz freizugeben.

Hamburg - U-Bahn Station Uberseequartier - U4

Hamburg – U4 – U-Bahn Station „Uberseequartier“

Uns beiden gegenüber sitzt eine Mutter mit einem kleinen Jungen. Der Steppke lässt die Beine baumeln und beobachtet seine Umgebung. Plötzlich geht es los:
Ping! Ping! …  Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! Ping! …
Das Baumeln der Beine stoppt.  Der Kleine schaut sehr skeptisch zu der Dame mit dem erhöhtem Platzbedarf, die mittlerweile überaus energisch ihr Handy beklopft.
„Mama, warum klickt die Frau so komisch?“
„Das macht das Handy, Lars. Das sind die Tastentöne.“
„Wo sind denn da die Tasten?“, fragt er.
„Na ja, das hat keine mehr, da drückt man auf den Bildschirm, aber die Töne nennt man trotzdem so.“
Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …

Haben Sie schon einmal ein Kind völlig ungeniert und unverstellt die Augenbrauen hochziehen und die Augen verdrehen sehen? So richtig genervt?
Der Lütte kann das gut. Diese Geräusche gehen wirklich auf den Geist. Nicht nur der Lärm, auch das rabiate Herumgehacke auf dem Display. Man hat irgendwie den Eindruck, die Dame versucht, beim Tippen auf der Rückseite des Handys wieder herauszukommen.

„Wie lange macht das noch „Ping“?“
„Bis die Frau fertig ist mit dem Schreiben.“
Ping! Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …
„Mama, dein Handy macht das aber nicht!“
„Nein, man kann die Töne auch ausstellen.“
„Warum macht die Frau das nicht?“
Ah,  ich habe mich schon gewundert … Bis dahin kam keine Reaktion, aber nun schaut unsere Ping-Produzentin doch einmal  auf.  Nein, sie ist geistesabwesend. Sie hat nichts mitbekommen – oder tut zumindest unbeteiligt. Es scheint, als wäre sie fertig mit ihren Klopfzeichen. Lars’ Mutter sucht weiterhin nach einer Erklärung, warum störende Tastentöne nicht von jedem vermieden werden.
„Weißt du, Lars, dieses Klick- oder Ping-Geräusch ist eine Art Kontrolle. Manche hören dann besser, ob sie richtig gedrückt haben.“
„Wieso das?“
„Wenn es pingt, dann ist das wie eine Bestätigung, dass man richtig getroffen hat. Genug gedrückt hat. Dann reagiert das Handy, und es ist auch wirklich ein Buchstabe oder eine Zahl gekommen. Oder eine neue Seite.“
„Aber das sieht man doch!“
„Ja, schon …“

Der schriftliche Part, der wurde wohl – was den reinen Text angeht – vollendet, nur hat die Dame am Schluss ganz offenbar eine Nummer eingegeben, denn sie hält mittlerweile ihr Telefon ans Ohr und wartet, dass sich am anderen Ende jemand meldet.
Oh, bitte, lass keinen da sein …
„HALLO! JA, ICH BIN’S. WAS? NEIN, ICH BIN JETZT IN DER U-BAHN …“
Leider vergebens gehofft …
Brüllend geht die im Grunde völlig nichtssagende Konversation weiter. In regelmäßigen Abständen wird ein „WAS?“ gebellt. Lars wendet sich seiner Mutter zu. Er hebt ebenfalls die Stimme:
„Du, Mama, die Frau hört aber ziemlich schlecht.“ Seine Beine beginnen wieder zu baumeln. Entspannt fährt er fort: „Sie sollte doch lieber hingucken. Beim Handy meine ich. Weil – ich glaube, sie kann diese Dingsbumstöne gar nicht hören …“
Lars’ Mutter errötet, die Umgebung grinst, die Betroffene bekommt nichts mit, und ich muss aussteigen. Mit mir zwei junge Männer, die weiter herumfeixen.
„Wetten, dass sie gar nicht weiß, wie man die Tastentöne deaktiviert?“
Sie wissen, dass solch miese Annahmen und Verdächtigungen, solch haltlose Gerüchte entstehen, sobald jemand Sie nervt. Sie können zwar grad nicht viel dagegen tun, aber es hilft Ihnen schon kolossal, wenn Sie postwendend  über denjenigen herziehen. Eine Form des Abreagierens. Das ist einfach so. Kommt automatisch.
„Sie traut ihrem Handy auch nicht. Brüllt lieber direkt“, legt der Freund nach und grient bei seiner Behauptung.

Sie hat ein beachtliches Organ! Ich würde sagen, es handelt sich heute um ein Auslandsgespräch. Ihre Stimme ist selbst auf dem Bahnsteig noch zu hören – zumindest bis sich die Türen des Zugs ganz geschlossen haben. Die armen Mitfahrenden, die das noch ein Weilchen ertragen müssen …
Sie haben auch schon erlebt, wie das abläuft, oder? Bestimmt!
Erst wird nur stumm registriert. Ist der Störfall kurzfristig oder unbeabsichtigt,  wird leicht gelächelt, eventuell minimal die Nase gerümpft, ein kleiner, harmloser Kommentar fliegt in die Runde, oder es wird sich etwas mokiert. Stört jemand jedoch ausdauernd und penetrant, bleibt es meist nicht lange ohne spürbare Gegenreaktion. Während die Reservierteren noch überlegen, in welcher Form sie um Einhalt bitten, reißt häufig irgendeinem Temperamentvolleren im Waggon nach spätestens drei Stationen die Hutschnur, und er lässt seinem Unmut freien Lauf. Dann brüllen zwei, und Sie sitzen womöglich in der Schusslinie … Übel.

So richtig unsensiblen, lauten Menschen können Sie es schwer klarmachen, dass Sie sich gestört fühlen. Ihr Gegenüber versteht Sie nicht und empfindet es als Anstellerei oder auch als Anmaßung, dass Sie sich beklagen. (Obwohl im umgekehrten Fall ebenfalls Protest käme!)
Sie werden in den meisten Fällen angepampt, egal, wie höflich Sie Ihr Anliegen formulieren.
Auch der Tipp, man sollte sich lebhaft am Telefongespräch beteiligen („Genau! Das finde ich auch!“- „Das kann er doch nicht tun! Das müssen Sie ihm ausreden!“) oder hinterher nachfragen („Wie geht es Jens denn nun nach der Prostata-Operation?“ – „War Nadine schon immer so eifersüchtig?“), auch dieser Tipp geht unter Umständen nach hinten los.

Ich denke, ich werde im Fall der Fälle etwas anderes probieren. Ich werde ernst schauen, mich mehrfach umdrehen, etwas ängstliche Schulterblicke werfen, dann den Zeigefinger vor die Lippen halten, mich der Remmi-Demmi-Person vertraulich nähern und flüstern:
„Pssst! Schauen Sie sich nicht um! Wir werden beobachtet! Passen Sie bloß auf, was Sie sagen! Es wird alles aufgezeichnet. Falls es zur Anklage kommt … Sämtliche Gespräche! Was wir hier sagen…, Ihr Telefonat … Na ja, wahrscheinlich ist Ihr Handy sowieso verwanzt.“

Mal schauen, was dann passiert.

Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende und pingfreie Zeiten!

©September 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin

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Pferdestory ohne Pferd …

Gaulloses Wiehern und huffreies Galoppieren. Gibt es tatsächlich! Beweise habe ich mittlerweile.
So kommt es heute zur Pferdestory ohne Pferd.
Sie werden stattdessen Ersatzhengst und Stutendouble kennenlernen.

Wissen Sie, was ich unpraktisch finde?
Dass der Mensch manchmal zu perplex ist, um schlagfertig zu reagieren. Allerdings – vielleicht ist man auch nur zu abgeklärt, zu vorsichtig, ein Schisser … was auch immer, um sich auf einen (sinnlosen) verbalen Schlagabtausch einzulassen. Einen, der dann womöglich nicht einmal verbal bleibt sondern ausartet und womöglich handgreiflich wird!

Pferdestory ohne Pferd ... Ausspanntee!Ich setzte mich vorgestern unterwegs an einen Tisch, um meinen Ausspanntee (im Sinne von „Getränk um sich zu erholen“, kein sonderbarer Wundertrank um „jemandem jemanden auszuspannen“) zu genießen und bemerkte leider zu spät, dass zwei Tische weiter ein lautes, anstrengendes Frauentrio hockte. Ich sage Frauen, weil der Begriff Damen irreführend wäre.
Als ich eintraf, waren alle mit dem Handy beschäftigt und zufällig leise, doch kaum hatte ich bestellt, ging ein wahnsinniges Palaver los. Mein Rasenmäher ist leiser. Und klingt zudem intelligenter.
Ein Wesen hatte ein besonders durchdringendes, dominantes Organ, dabei gleichzeitig eine dermaßen nöhlige, unzufriedene Stimme, dass es einer Vergewaltigung der Ohren gleichkam und sich meine Nackenhaare unverzüglich aufrichteten.
Die Bestellung konnte ich nicht mehr rückgängig machen, doch ein Blick Richtung besagtem Tisch und das Entdecken fast leerer Tassen und Gläser, ließ mich hoffen, dass der Lärmtrupp bald – und zwar vor mir! – ging.
Mein stiller Wunsch erfüllte sich; einige Minuten darauf rüstete man sich zum Aufbruch. Beim Aufstehen wurde erneut das Handy gezuckt. Ein Smartphone hat für viele Erwachsene häufig eine ganz ähnliche Wirkung wie die Gabe eines Schnullers bei manchem Baby. Es kehrte himmlische Ruhe ein.
Machen Sie dann nicht den Fehler, den ich gemacht habe!
Ich habe definitiv zu früh entspannt, innerlich abgeschaltet, geträumt.
Sie mussten an meinem Tisch vorbei, um zum Ausgang zu gelangen. Irgendetwas auf dem Display der Dezibel liebenden großen Brünetten muss der Auslöser für einen – wie ich vermute – Heiterkeitsanfall gewesen sein. Oder für Entrüstung. Es war nicht eindeutig zu identifizieren.  Als sie an mir vorbeikam, explodierte sie.
Es ruderten ihre Gliedmaßen. Ihre Hand erschien plötzlich neben meinem Gesicht. Ihr Knie rumste an die Tischkante.
Aber vor allem war da der Lärm!
Ein Krach sondergleichen! Der Lautstärkeregler stand bis zum Anschlag! Ich spreche von ihrem, nicht von dem des Handys.
Kennen Sie diese Filme, in denen nächtens irgendwo auf einer Ranch ein böser, rachsüchtiger Pyromane Feuer im Stall legt und die Pferde unruhig werden? Wenn sie scharren, sich gegen die Wände ihrer Boxen schmeißen, sich aufbäumen und laut und schrill „Geräusche“ von sich geben?
Vielleicht hatte sie auf ihrem Handy Feueralarm vorgefunden. Ich hatte jedenfalls aus heiterem Himmel ein wildes, unkontrolliert wieherndes und schnaubendes Pferd am Tisch und mich darüber dermaßen erschrocken, dass mir der Teelöffel aus der Hand fiel.
Das eben noch wiehernde Wesen stutzte kurz, schaute mich leicht genervt an und äußerte sich folgendermaßen:
„Mein Gott, nun seien Sie doch nicht so schreckhaft!“
Ja, gell? Sie sind auch geringfügig überrascht? Hatten Sie angenommen, es wäre ihr vielleicht unangenehm?
Nicht doch! Die Umwelt ist das Weichei!
Ja, ich war perplex. Und nein, ich würde auch jetzt noch nichts erwidern. Es ist mir einfach zu blöd. Doch echte Pferde sind mir schon wesentlich lieber als dieses Stutendouble.

Das zweite Erlebnis hatte ich heute am Morgen, als ich mich im oberen Stockwerk im Bad vor dem Spiegel zurechtmachte, das Fenster eingeklappt hatte und sich mit einem Mal schnelle Schritte und schweres Prusten näherten.
Hier ist eine Sackgasse mit Wendeplatz. Die Sackgasse ist wirklich eine! Nicht nur für Autos. Auch Radfahrer und Fußgänger kommen nicht weiter. Am Ende des Wendeplatzes ist Schluss. Außerdem befindet sich in direkter Nähe ein Bahnübergang, dessen Schranken gern und lange geschlossen sind. Ist dies der Fall, schneien viele der nicht ortskundigen Wartenden hier trotz des Sackgassenschilds herein. In der Hoffnung, einen Alternativweg gefunden zu haben, der irgendwann auf eine der Parallelstraßen führt.
Eine vergebliche Hoffnung.
Das morgendliche Schnauben produzierten zwei Jogger. Die Schritte, die ich anfangs etwas entfernter gehört hatte, erklangen mittlerweile direkt unterhalb des Fensters. Füße traten auf der Stelle … Sie suchten vermutlich mit ihren Blicken den nicht vorhandenen zweiten Ausweg. Einer der beiden Läufer stellte ernüchtert fest:
„Du, isch gloob, wir beede ham uns hier rischdisch fergalobbierd.“
Voilà, der Ersatzhengst, das Fastpferd Nummer zwei!
Ein Jogger sächsischen Ursprungs, dem klar wurde, dass die Rennstrecke hier leider nicht fortführt.
„Komm, loofn könn’n wir ooch hier uffm Platz!“
Galopprennbahnen führen schließlich auch immer nur im Kreis bzw. Oval.
„Ja, nicht stoppen“, meinte sein Trainingspartner.
„Nu, mein Gudster, sisch imma beweschn is wirglisch am wischdigsdn!“, bekräftigte die erste Stimme.
Und während ich mich weiter zurechtmachte, drehten die beiden unermüdlich eine Runde nach der anderen. Zwischendurch kam ein Zug … und dann noch einer … und ein weiterer. Und wenn sie nicht gestorben sind …
Hoppala! Bewegung an der Schranke!
Man konnte den Galopp doch noch vor dem Abendmahl fortsetzen.

Wir fassen zusammen:

Läuft ein Hengst die falsche Route,
bewegt sich wie im Hamsterrad,
ist dem Gaul nicht wohl zumute,
doch bessres hat er nicht parat.

Hat eine Stute Geltungsdrang
und nervt durch Lärm erheblich
dann tut sie es wie unter Zwang,
was sagen ist vergeblich.

Und letztendlich:

Dreht eine Story sich ums Pferd
nur wird’s dir vorenthalten,
so hat Ersatz auch seinen Wert
drum lass doch Milde walten.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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