Archiv für die Kategorie Hamburg!

Hamburg: Leichter Eisgang auf der Elbe / Frostige Zeiten im Museumshafen Oevelgönne und am Anleger Neumühlen

Heute geht es an die Elbe. Bei frostigen Temperaturen. Ein bisschen schauen, ein bisschen entdecken. Und den Winterspaziergang schnell beenden, sobald das Bibbern ein erträgliches Maß übersteigt.

Zuckerbrot und Peitsche. Draußen. Haben Sie es gemerkt? An dieses Prinzip scheint sich sogar das Wetter zu halten. Schickt erst ein schmeichelnd-laues Frühlingslüftchen, nur um kurz danach – zwusssch! (das war der Peitschenknall) – mit neuem Frost aufzuwarten.
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Frost in Hamburg - Eis an der Elbe bei Oevelgönne (Strandbereich mit Schnee und einzelnen Eisschollenstückchen)

Frost in Hamburg – Eis an der Elbe bei Oevelgönne

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Ganz so unpassend ist diese Winterrückkehr gar nicht für das, was ich Ihnen heute gerne noch mit etwas Verzögerung zeigen würde. Am Monatsbeginn, als ein Hochdruckgebiet aus dem Osten eisige Kälte mit starkem Nachtfrost und sogar Tagesminusgraden bescherte, hatte sich auf der Elbe Eis gebildet. Eine moderate Schicht.
Das waren noch keine Schollen, wie wir sie vom Februar 2012 kennen, als der Fluss von Sachsen bis Hamburg für den Schiffsverkehr gesperrt werden musste und von Hamburg bis zur Mündung in die Nordsee bei Cuxhaven erhebliche Behinderungen für ein- und auslaufende Schiffe entstanden. Eisbrecher kamen damals zum Einsatz, damit Schifffahrt und Hafenbetrieb überhaupt weiterlaufen konnten.
Auf der Außenalster hingegen, dem großen See, verabschieden sich die Alsterschiffe regelmäßig in die Winterpause. So lässt man das Eis ungestört „wachsen“, bis seine Stärke irgendwann als so sicher gilt, dass
die Behörden den Hamburgern das Betreten der Eisfläche offiziell freigeben. Es geschieht nicht sehr häufig.
Diesmal setzte zu schnell Tauwetter ein. Nichts mit großem Volksfest auf dem Eis …

Eis auf der Elbe
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Winter in Hamburg - Anleger Neumühlen - Eis auf der Elbe - Blick Richtung Stadt und die Kräne am gegenüberliegenden Ufer

Winter in Hamburg – Anleger Neumühlen – Eis auf der Elbe

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Vor gut zwei Wochen bildete sich auf der Elbe bei klirrender Kälte ruckzuck Eis. Obenauf. Dünn. Wir sind hier ja nicht am Nordpol.
Das Weiß verändert etwas für das menschliche Auge. Die helle Lage Eis verbindet auf den ersten Blick alles zu einer einzigen großen Fläche, geht zum Teil sogar nahtlos in die Uferlandschaft über. Entfernungen scheinen zu wachsen, der Fluss wirkt breiter, gleichzeitig ruhiger.

Beim Näherkommen zeigte sich, dass die Oberfläche überhaupt nicht komplett verschlossen war. Ein Meer aus unzähligen Eisstücken – dicht an dicht – dümpelte vor sich hin, denn all die großen Frachter, Container- und Kreuzfahrtschiffe, die Hamburg anlaufen, brechen dünnere Eislagen mit links auf. Sie gleiten einfach hindurch. Was zurückbleibt, sieht aus wie ein riesiger Scherbenteppich, der nur hin und wieder ein paar Lücken aufweist. Dort, wo robuste Schiffsrümpfe die Eisschicht in recht kurzen Abständen durchpflügen, wird aus einst groß-
formatigen Eisplatten im Nu Scherbengebrösel.
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Hamburg - Anleger Neumühlen - Eis auf der Elbe - Blick elbabwärts - Recht das grüne Gebäude direkt auf dem Ponton des Anlegers Neumühlen

Hamburg – Anleger Neumühlen – Eis auf der Elbe – Blick elbabwärts

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Die Einwirkung der Gezeiten ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das Wasser der Elbe ist durch den ständigen Wechsel von Ebbe und Flut laufend in Bewegung. Ehe hier alles ins Stocken gerät und sich – u. a. nach dem Einsatz von Eisbrechern – Eisschollen lokal zu richtigen Wällen aufschichten, das dauert.
Andererseits, durchgängige, ebene Eisflächen – glatt und unschuldig, zum Schlittschuhlaufen geeignet – werden Sie genauso wenig antreffen. Was nicht weiter tragisch ist, denn die Elbe hier ist sozusagen ver-
gleichbar mit einer vielbefahrenen Verkehrsstraße. Sie dürften im Hafen zwischen einem Kreuzfahrer wie der „Queen Mary 2“, einem 400 m langen Riesencontainerschiff wie der in dieser Woche eingelaufenen „CMA CGM Antoine de Saint Exupéry“ und mittenmang all der Hafenfähren und -barkassen sowieso nicht auf Schlittschuhkufen ihre Bahnen ziehen.

Da kürzlich kein moderner Eisbrecher in Sicht war … Möchten Sie stattdessen einen Eisbrecher der alten Zunft sehen?

Dampfeisbrecher „Stettin“
Das hier ist die „Stettin“ ein fahrbereiter, see- und funktionstüchtiger Dampfeisbrecher, der seinen Liegeplatz an der Elbe beim Kühlhaus am Anleger Neumühlen hat.
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Winter in Hamburg - Elbe - Anleger Neumühlen - Dampfeisbrecher "Stettin"

Winter in Hamburg – Elbe – Anleger Neumühlen – Dampfeisbrecher „Stettin“

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Der Eisbrecher wurde 1933 als bis dahin größter seiner Art in Dienst gestellt. Kohlebefeuert! Da wurde einiges verheizt! Der Dampf für die große Dampfmaschine wurde in zwei überdimensionalen Kesseln erzeugt, was wiederum das Verfeuern von 1,5 Tonnen Kohle nötig machte. Stündlich! (Kaum vorstellbar.)
Nun werden Sie sich vielleicht fragen, warum nahmen die denn nicht gleich einen weniger arbeitsintensiv einsetzbaren Dieselmotor, der damals auch schon bekannt war? Ganz einfach: Die Umsteuerung der Maschine von Vorwärts- auf Rückwärtsfahrt ging mit Dampfantrieb sagenhaft schnell! Innerhalb von drei Sekunden war die Aktion erledigt. Im Einsatz im Eis ein Riesenvorteil!

Fast 50 Jahre tat die „Stettin“ ihren Dienst. Aus ihrer ursprünglichen Heimat (Stettin) ging es später zu Einsätzen auf die Unterelbe, den Nord-Ostsee-Kanal oder auch zur Kieler Förde. 1981 drohte ihr die Verschrottung, doch ein Förderverein mit ehrenamtlichen Unterstützern gründete sich und verhinderte das scheinbar Unvermeidliche. 1982 wurde der Eisbrecher technisches Kulturdenkmal. Enorm viel Arbeit (und auch Geld) steckt in dem alten Schiff. Heute unternimmt man mit der „Stettin“  in den Sommermonaten Gästefahrten, die die Kasse etwas auffüllen.
Leider ereignete sich im letzten August während der Hanse Sail 2017 in Rostock eine Kollision zwischen der finnischen Frachtfähre „Finnsky“ und der „Stettin“, die für die  „Stettin“ einen ca. zwei Meter langer Riss am Rumpf zur Folge hatte. Zum Glück ließ sich die Situation in Rostock durch Verschweißen einer Stahlplatte so weit retten, dass der Eisbrecher es aus eigener Kraft heim nach Hamburg schaffte und hier endgültig repariert werden konnte. Aufatmen für den Verein, denn zum einen hatte man schließlich auch in Rostock zahlende Gäste an Bord, die zurückgebracht werden wollten, zum anderen sind generell nicht derart große finanzielle Reserven verfügbar, um mal eben einen außerplanmäßigen Werftaufenthalt zu bezahlen …

Wenn Sie den Eisbrecher unter Dampf erleben wollen, dann kommen Sie doch während des Hafengeburtstags Anfang Mai nach Hamburg; er nimmt regelmäßig an den Ein- und Auslaufparaden teil, und oft sind Gäste mit auf Fahrt. (Bei Interesse immer frühzeitig Kontakt aufnehmen!)

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Winter in Hamburg - Elbe - Anleger Neumühlen mit ehemaligem Kühlhaus (heute Augustinum)

Winter in Hamburg – Elbe – Anleger Neumühlen mit ehemaligem Kühlhaus (heute Augustinum)

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Eh. Union-Kühlhaus / Seniorenresidenz Augustinum

Wir befinden uns heute etwas westlich (elbabwärts) von Altona am Anleger Neumühlen, eine Bezeichnung, die – streng genommen – falsch ist. Neumühlen gehört nämlich zum Stadtteil Ottensen. Der Anleger Neumühlen liegt aber bereits auf dem zu Othmarschen gehörenden Gebiet „Oevelgönne“.  Wir werden uns durch diese kleine Ungereimtheit jedoch nicht irritieren lassen.
Auf dem Bild oben können Sie im Hintergrund ein großes, rötliches Gebäude erkennen. Kastenförmig. Gar
nicht zu übersehen. Es ist das frühere Union-Kühlhaus, in dem sich seit 1993 eine Seniorenresidenz, das Augustinum, befindet.

Das Kühlhaus war ein eigenartiges, ein spezielles Gebäude. Hatte ganz unterschiedliche Etagenhöhen, spezielle Fensterfronten, waagerecht umlaufende Betonbänder an den Außenwänden. Eine etwas bunker-
ähnliche Erscheinung. Die Gesamthöhe kam mit dem krummen Maß von 38,36 m daher. Ganz oben befand sich eine expressionistisch anmutende Krone.
Mitte der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts errichtet, war es dafür vorgesehen, Fische kühl zu halten. Als man in den Siebzigern immer mehr dazu überging, die Fische gleich an Bord der Schiffe einzufrieren, wurde es überflüssig. Der Umstand, dass es da bereits als Industriedenkmal galt, legte seine bauliche Erhaltung fest. Aber wie weiter nutzen? Umnutzungspläne wurden geprüft, die Augustinum-Gruppe erhielt schließlich den Zuschlag. Nur mit dem Umbau lief es absolut nicht wie gedacht, da das Baugutachten desaströs ausfiel. Substanzielle Schäden. Keine Tragfähigkeit etc. Ein neuer Beschluss fiel, den Abriss und Neuaufbau unter Auflagen zu gestatten. Schwupps, gesellte sich in dieser Zeit ein schwerer Brand mit üblen Schäden hinzu. Die Konsequenz daraus: Alles wurde neu errichtet – musste aber so aussehen wie vorher.
Falls Sie sich also wundern, dass die nicht ganz billige Senioren-Residenz in 1a-Lage an der Elbe so gar keine Balkone oder Loggien hat – es war nicht erlaubt. Das Kühlhaus hatte schließlich auch keine.
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Hamburg - Elbe - Anleger Neumühlen mit rotem Leuchtturm - Brücke zum Anleger. Blick Richtung Land.

Hamburg – Elbe – Anleger Neumühlen mit Leuchtturm

Als das Augustinum seine Residenz eröffnete und sich – um es mal so auszudrücken – eher wohlhabende Menschen dort ein Apartment leisten konnten, kursierte einige Zeit ein spezieller Begriff für das ehemalige Kühlhaus: Klunkerbunker.
Sie können sich bezüglich erforderlicher Solvenz vielleicht selbst ein Urteil bilden. Ich habe nachgelesen, in welchem Rahmen sich die Preise bewegen. Es heißt, für rund 2.200,– Euro ist das kleinste 1-Zi.-Apartment beziehbar. Die größeren 2- und 3-Zimmer-Wohnungen kosten dann schnell zwischen 3.500,–  und knapp 5.000,– Euro.

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Hamburg - Frost an der Elbe - Oevelgönne - Gegenüber Waltershof und Container-Terminal Burchardkai

Hamburg – Frost an der Elbe – Oevelgönne – Gegenüber Waltershof und Container-Terminal Burchardkai

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Sie haben zugegebenermaßen einen wunderbaren Ausblick auf die Elbe und sind direkt am Museumshafen Oevelgönne, am Elbstrand, am Spazierweg und am Anleger! Sie könnten spontan eine Spritztour auf der Elbe unternehmen!

Anleger Neumühlen

Hier halten die HADAG-Fähren der Linie 62. Die Boote bringen Sie entweder flussabwärts hinüber auf die andere Elbseite nach Finkenwerder, oder aber zurück Richtung Stadt. In dem Fall geht es ab Neumühlen flussaufwärts über das Dockland und den Altonaer Fischmarkt  direkt bis an die Landungsbrücken.
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Winter in Hamburg - Elbe - HADAG-Fähre der Linie 62 am Anleger Neumühlen

Winter in Hamburg – Elbe – HADAG-Fähre der Linie 62 am Anleger Neumühlen

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Die Pendler aus der Stadt, die drüben bei Airbus auf Finkenwerder arbeiten, nutzen für die Elbquerung gern diese Fähre. Anwohner natürlich auch. Überhaupt Bewohner auf Niedersachsenseite, die ohne Stau im Elbtunnel oder auf den Elbbrücken schnell über den Fluss kommen wollen und auf ihr Auto in Hamburg verzichten können.
Und die Touristen! Die mögen die Fähre, weil der Fahrpreis bereits im HVV-Ticket mit enthalten ist. Die Fahrt
mit der Linie 62 stellt sozusagen die Alternative zur extra kostenden Hafenrundfahrt mit der Barkasse dar. Gelegentlich herrscht ordentlich Andrang an Bord. So sehr, dass die Pendler in der Vergangenheit Probleme bekamen, einen Platz zu finden und allmählich zu murren begannen …

Schauen Sie, die Eisentwicklung auf der Elbe stellt noch kein Hindernis für den Fährbetrieb dar. Die Boote fahren regelmäßig und ohne Schwierigkeiten.
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Winter in Hamburg - Elbe - HADAG-Fähre der Linie 62 am Anleger Neumühlen

Winter in Hamburg – Elbe – HADAG-Fähre der Linie 62 am Anleger Neumühlen

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Ein schöner Gedanke, hier im Frühling am Anleger auf der Bank zu sitzen und aufs Wasser zu schauen. Oder mit einer Decke am Strand zu liegen und die Schiffe vorbeiziehen zu lassen … Gut, ja, im Moment ist es noch ein wenig zu kalt ….
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Frost in Hamburg - Schnee und Eis am Elbufer ...

Frost in Hamburg – Schnee und Eis am Elbufer …

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Winter in Hamburg - Oevelgönne/Elbe - Auflaufendes Wasser lässt bald alle Schollen wieder schwimmen ...

Winter in Hamburg – Oevelgönne/Elbe – Auflaufendes Wasser lässt bald alle Schollen wieder schwimmen …

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Man könnte jedoch schon einen Kaffee in einem der Oevelgönner Lokale trinken. Drinnen im Warmen. Draußen wird noch nichts serviert …
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Frost in Hamburg - Elbe - Oevelgönne am Museumshafen - Noch zu frisch zum Sitzen ... Zusammengeklappte und verhüllte Schirme eines Lokals

Frost in Hamburg – Elbe – Oevelgönne am Museumshafen – Noch zu frisch zum Sitzen …

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Andererseits gibt es durchaus abgehärtete Spaziergänger, die trotz Frost auf einer Bank ausharren …
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Hamburg - Frost am Elbufer - Nur die Harten komm' in'n Garten ... (Ein einzelner Spaziergänger, der auf einer Bank in der Kälte ausharrt.)

Hamburg – Frost am Elbufer – Nur die Harten komm‘ in’n Garten …

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Man würde es an milderen Tagen noch ein wenig länger im Museumshafen Oevelgönne aushalten. Sommers wie winters liegen viele der alten Boote hier. Auf den Namen Museumshafen einigte man sich aufgrund der Zusammenarbeit des Vereins mit den hamburgischen Museen. Es hätte sonst auch ein Oldtimerhafen oder einfach der Oevelgönner Hafen werden können. Er ist heute in privater Trägerschaft, sämtliche Schiffe gehören dem Verein.
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Hamburg - Elbe - Museumshafen Oevelgönne (Blick auf alte Boote im Hafenbecken)

Hamburg – Elbe – Museumshafen Oevelgönne

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Winter in Hamburg - Elbe - Blick vom Anleger Neumühlen Richtung Oevelgönne (Ufer)

Winter in Hamburg – Elbe – Blick vom Anleger Neumühlen Richtung Oevelgönne (Ufer)

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Winter in Hamburg - Elbe - Anleger Neumühlen mit Museumshafen Oevelgönne

Winter in Hamburg – Elbe – Anleger Neumühlen mit Museumshafen Oevelgönne

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Was findet sich denn nun dort?
Man sammelt verschiedenartige Fahrzeugtypen. Fischer- und Frachtboote (Kutter, Ewer, Tjalken) mit Segeln, die auf der Niederelbe sowie der Nord- und Ostsee unterwegs waren, die dampfbetriebenen Schlepper des Hafens, aber auch Motorfahrzeuge, die für Polizei und Zoll fuhren. Sogar ein Feuerschiff gehört dazu. Und z. B. Kräne, wie sie beim Umschlag im Hafen genutzt wurden.
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Winter in Hamburg - Elbe - Anleger Neumühlen mit Museumshafen Oevelgönne

Winter in Hamburg – Elbe – Anleger Neumühlen mit Museumshafen Oevelgönne

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Frost in Hamburg - Museumshafen Oevelgönne - Boote im Eis ...

Frost in Hamburg – Museumshafen Oevelgönne – Boote im Eis …

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Winter in Hamburg - Oevelgönne am Museumshafen - Blick auf die Elbe

Winter in Hamburg – Oevelgönne am Museumshafen – Blick auf die Elbe

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Die Oldtimer aus dem Oevelgönner Museumshafen sind übrigens wie die „Stettin“ jedes Jahr beim Hafengeburtstag mit von der Partie.

Es gibt zwar keine geschlossene Eisdecke hier im Hafenbecken, doch man sieht an den vereisten Trossen,
dass anständig Frost herrscht …
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Hamburg - Elbe - Anleger Neumühlen - Museumshafen Oevelgönne - Eisschollen und vereiste Trossen

Hamburg – Elbe – Anleger Neumühlen – Museumshafen Oevelgönne – Eisschollen und vereiste Trossen

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Hamburg - Elbe - Anleger Neumühlen - Museumshafen Oevelgönne - Sonnendeck ... (Ansammlung von Möwen und einigen Enter auf einem vereisten Holzdeck)

Hamburg – Elbe – Anleger Neumühlen – Museumshafen Oevelgönne – Sonnendeck …

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Wenn Sie direkt entlang des Wassers laufen, haben Sie zwar die beste Aussicht und Srandfeeling, doch der kalte Ostwind pfeift auf Dauer recht ungemütlich. Die Minusgrade sind auch ohne ihn schon ausreichend zu spüren. Gehen Sie besser nur in der Richtung am Strand, in der der Wind von hinten kommt. Für den restli-
chen Weg erklimmen Sie über eine der Treppen am Strand den höhergelegenen Spazierweg, der entlang der Häuser verläuft. Dort ist es geschützter und sehr viel erträglicher bei Frost.
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Winter in Hamburg - Elbe - Oevelgönne (Oberer Spazierweg) - Farbenfroh ...

Winter in Hamburg – Elbe – Oevelgönne (Oberer Spazierweg) – Farbenfroh …

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Farbenfrohe Häuser, nette Vorgärten und ein weiteres Gartenstück jenseits des Weges mit Blick auf den Fluss. Wie Sie sehen, wird immer fleißig ein Rückschnitt der Bäume vorgenommen. Schließlich möchte man sich als Anwohner seinen Elbblick erhalten …
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Winter in Hamburg - Elbe - Oevelgönne (Oberer Spazierweg)

Winter in Hamburg – Elbe – Oevelgönne (Oberer Spazierweg)

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Winter in Hamburg - Elbe - Oevelgönne - Entlang der Häuser ist es wärmer als unten am Strand ...

Winter in Hamburg – Elbe – Oevelgönne – Entlang der Häuser ist es wärmer als unten am Strand …

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Ich muss gestehen, mir frieren trotz allem so langsam die Hände ab. Der oben erwähnte Abbruchpunkt im Bibberfall ist erreicht. Lassen Sie uns ein anderes Mal wieder zusammenkommen und bei sicherlich bis dahin frühlingshaftem Wetter den Strand unsicher machen – oder neue Ecken entdecken!

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Bis zum nächsten Mal!
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Winter in Hamburg - Oevelgönne - Ausblick auf die Elbe und Container-Terminal Burchardkai

Winter in Hamburg – Oevelgönne – Ausblick auf die Elbe und Container-Terminal Burchardkai

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Neumühlen/Oevelgönne erreichen
Falls Sie Neumühlen ansteuern wollen:
Ab Bahnhof Altona (oder auch von der S-Bahn-Station Landungsbrücken) fährt der Bus 112 Neumühlen direkt an.
Die Buslinie 111 wäre die Alternative, sie fährt ab Neumühlen weiter entlang der Elbe Richtung HafenCity. Eine kleine Stadtrundfahrt quasi mit dem Linienbus. Sie können jedoch auch an der Reeperbahn aussteigen und dort wieder in die S-Bahn wechseln.
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Quellen:
Einige die „Stettin“ sowie den Museumshafen Oevelgönne betreffende Details wurden den jeweiligen Vereinsseiten entnommen.
Wikipedia lieferte die Jahreszahlen und weitere Eckdaten zur Geschichte des ehemaligen Kühlhauses.
Sämtliche Fotos © Michèle Legrand
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©by Michèle Legrand, März 2018
Michèle Legrand

 

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60 Kommentare

Quentin am Balkon …

Tja, nun hat uns das schmuddelige Regenschirmwetter wieder. Harmlos ist es ja zumindest im Vergleich zur Glätte vorgestern. Blitzeis! Nachdem sich die Wetterlage enorm schnell änderte! Schon eigenartig: Erst herrscht tagelang sibirische Kälte. Von dieser Eiszeit geht es etwas untypisch bereits während der Nacht über
zu deutlich „milderen“ Minusgraden, um am Morgen den Gefrierpunkt zu knacken. 0 Grad. Wie abgesprochen macht sich gerade dann von oben aus wärmeren Schichten Nässe auf den Weg nach unten und fällt auf den steinhart gefrorenen Boden. Zack! Schon lag er da, der Eispanzer. Höllisch glatt!

Es war vorhersehbar, es wurde vorgewarnt. Auf den Straßen drehte die Stadtreinigung deshalb sogar prophylaktisch schon vorab in der Nacht zu Montag ihre Runden. Sie streute großflächig und in höherer Dosierung Salz. Aber die Gehwege und Plätze! Eine Katastrophe! Es wurde ein riskanter Eiertanz, den viele
mit Verletzungen bei Stürzen bezahlten. Dazu Probleme für Bahnreisende, vereiste Autos, für Fußgänger teilweise sogar unzugängliche Bereiche aufgrund des dort herrschenden Gefälles. Rutschbahn pur.

Das Erstaunliche an der ganzen Sache jedoch war, wie es weiterging: Tagelang schien die Temperatur im Minusbereich wie festgenagelt. Keine nennenswerten Ausschläge. Doch am Montag konnten Sie ab 8 Uhr am Thermometer verfolgen, wie sich die Luft plötzlich im Stundentakt um gleich zwei Grad erwärmte. Zwischen neun und zehn Grad pendelte es sich am Mittag ein. Im Schatten, wohlgemerkt. Das hieß, das Blitzeisproblem hatte sich bereits vor 11 Uhr komplett auf natürliche Art erledigt. Auch an Stellen, für die sich – was das Streuen anging – keiner zuständig fühlte. Die Sonne half zusätzlich mit, dass sich die Schlittschuhbahn trotz kalten Untergrundes in Wohlgefallen auflösen konnte.
In den Seitenstraßen, in denen sich Schnee über die Tage wesentlich besser gehalten hatte, als entlang der Hauptverkehrsadern, schmolz nicht nur das Eis, sondern im Rekordtempo taute auch gleich all das an den Rand geschippte Weiß mit weg. Dort lief das Wasser in Bächen.

Haben Sie mitbekommen, welche Begriffe bei unseren europäischen Nachbarn für das Phänomen extreme Kälte mit Schneechaos herhalten mussten? Ich  las am Donnerstag vergangener Woche, dass man in Holland vom „Siberischen Bär“ sprach. In Schweden hieß es „Snow Cannon“,  bei den Franzosen wurde die Hauptstadt zu “Moskau-Paris”. Frost und Schnee vom Schwarzen Meer bis ins spanische Katalonien, ebenso auf Korsika, in Biarritz oder auch in Neapel. Dort fiel seit 1956 nicht mehr derart viel Schnee. Die Briten raunten, bei ihnen wüte „The Beast from the East“. Doch was sagten die Finnen, als sie aus dem Fenster schauten? „Oh, Donnerstag.

Momentan hat Grün das Winterweiß abgelöst, dazu Sonnenschein – ein völlig anderer Anblick! Ein Umstand, der meinen Körperthermostat am Montag etwas durcheinander brachte. Der streckte aufgrund der üppigen Temperaturschwankungen nicht nur alle Viere von sich, sondern fühlte sich zusätzlich optisch genarrt. Hielt das linde Lüftchen für eine Sommerbrise.
Tatsächlich hatte man sich mittlerweile derart an den beißenden Frost gewöhnt, dass ein paar läppische Plus-
grade ausreichten, um Hitzewallungen zu verursachen. Ich hätte meine Jacke von mir werfen können, habe es nur aus Vernunftgründen unterlassen.
Ich hoffe, mein Körper und ich gehen bald wieder mit den Temperaturen konform, doch ich vermute, just in dem Moment, in dem ich mich akklimatisiert habe, erfolgt die Rückkehr des Winters.

Ob nun Blitzeis oder gemächlich entstandenes Glatteis, beides wirkt wenig anziehend.  Eiszapfen oder Eis-
skulpturen
hingegen, die die Natur im Winter unter geeigneten Bedingungen sehr phantasievoll kreiiert, üben eine Riesenfaszination aus. Eisblumen am Fenster, Eiskunstwerke an Pflanzen, gefrorene Formationen an Uferrändern, Zapfen an Dachrinnen, an Straßenlaternen, selbst an Autos!
Und wissen Sie, was ich verblüfft festgestellt habe, als ich bei mir auf der Terrasse lediglich für die Vögel neues Futter bereitstellen wollte? Ich habe solche kleinen Naturwunder direkt im eigenen Garten!

Bei mir bildeten sich die Kunstwerke gleich über mehrere Etagen durch eine Art Dominoeffekt. Vom Dach rutschte Schnee in die Dachrinne und eine dicke Flockenschicht setzte sich auf die diversen Querstreben
des Balkongeländers. Wenn die Sonne am Tag schien, setzte das Tauen ein und mit ihm Getropfe. Von der Dachrinne ins Geäst einer daneben rankenden Kletterrose, vom Balkongeländer in den teils wintergrünen Liguster darunter. Mit jedem Tauen und Tropfen veränderten sich die Figuren.

Zu Beginn schienen alle Figuren noch mehr aus harschem Schnee denn aus Eis zu sein. Weiße Knubbel auf dem Geländer …
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Knubbeleis - weißes Schnee-/Eisgebilde auf einem Geländer.
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Unter Einfluss von Sonne taute anfangs nur die Oberfläche an, doch immer mehr Schneekristalle schmolzen, das Wasser verlief, um gleich darauf wieder zu erstarren. Mit einem Mal wirkte der Körper gläsern.
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Eis am Geländer - milchig-gläserene, säulenartige Skulptur
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Ein recht luftig-leicht daherkommendes Gehänge in der Kletterrose …

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Eisgehänge an der Kletterrose
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Im Liguster entstand eine regelrechte Tropfsteinhöhle. Die Eiszapfen hingen dicht gedrängt herab wie sonst Stalaktiten von der Höhlendecke …
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Tropfsteinhöhle im Garten - Eiszapfen, die wie Stalaktiten von der Decke einer Tropfsteinhöhle hängen. Hier aber im Ligusterstrauch
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Nicht nur Zapfen, dazwischen sind einzelne Blätter vom Eis umhüllt …  eingeschlossen wie in einer Blase …
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Ligusterblätter umeist - Eiszapfen und Eisblasen rund um Ligusterlaub
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Das ist Esmeralda, dort obenauf. Ein langbeiniges, heuschreckenartigs Insekt. Oder eine Gemse, die den Gipfel erklommen hat?
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Eisgebilde mit Eisinsekt obenauf
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(Kurz danach tropfte es erneut, von oben bis unten verlief alles. Die Teile verbanden sich miteinander. Das brachte die Umwandlung zur Giraffe mit sich.)
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Das Eisgehänge links an der Gartenhütte würde ich als sogenannten Fake-Eiszapfen bezeichnen. Aus der Distanz echt wirkend …
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Eiszapfen an der Hütte
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… bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings das wahre Innenleben. Die Kette hat Hilfestellung geleistet.

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Eiszapfengebilde an einer herabhängenden Kette
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Und schließlich war da noch Quentin am Balkon, den ich mehrfach besucht habe. Solange er lebte …
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Eiszapfenzeit - Quentin am Balkon (mannähnliches Eisgebilde, das sich an einem Geländer bildete)
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Vergängliche Kunst. Mittlerweile ist alles wieder verschwunden. Nun bin ich sehr gespannt, wie der März weitergeht. Ich sehe im Netz bereits den Wechsel zu Frühlingsbildern und muss Sie vorwarnen: Bei mir wird es höchstwahrscheinlich auch noch im nächsten Post winterlich zugehen. Ich würde Ihnen nämlich gern frostige Aufnahmen vom Elbufer zeigen. Demnächst an dieser Stelle.
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Für heute möchte ich mich verabschieden, aber falls Sie Eiskunstwerke auch faszinieren und Sie Lust auf Eislilien haben, dann schauen Sie doch einmal bei meinem Schweizer Bloggerkollegen Michael Schneider  (Michael’s Beers & Beans / PhotoLyric Blogger)  herein. Der hat absolute Schönheiten am Bodensee entdeckt und fotografiert! Sein Blog ist generell überaus lesens- und anschauenswert!

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©by Michèle Legrand, März 2018
Michèle Legrand

 

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50 Kommentare

Unverwüstlich … Winter im Botanischen Garten

Euphorisch! Doch, doch, es löst Euphorie aus. Erging es Ihnen auch so? Ich fühlte mich wie eine Mischung aus Popeye und Dornröschen. Nach einer Portion Spinat bzw. dem Kuss. Ich hätte auf einmal Bäume ausreißen können, sprühte förmlich vor Elan, und auch wenn nicht viel über ihren Gemütszustand nach dem Wecken bekannt ist, ich vermute, so ähnlich muss sich unser dauerschlafendes Dornröschen nach dem Prinzenkuss gefühlt haben. Zum Leben wiedererweckt! Die Rückkehr des Lichts, als nach 100 Jahren die düstere, hohe Rankenhecke in sich zusammenfiel!

Nach fast ebenso langer Zeit wurden wir im Norden letzte Woche endlich wachgeküsst. Ohne Prinz, doch das Grau, dieses trostlose Elend hatte sich verzogen! Stattdessen Sonnenschein gepaart mit einem unverschämt blauen Himmel. Mit einem Mal gab es wieder Raum nach oben und Sicht bis zum Horizont.
Der Sonnenuntergang am Donnerstag fiel besonders, ach, was sag ich, fiel spektakulär aus! Ein glühender Feuerball versank am Abendhimmel, links und rechts davon züngelten orangerote Flammen, die sich mit an-
sonsten zunehmender Dunkelheit mehr und mehr vom Hintergrund abhoben, bis – ja, bis der Lichtschalter komplett ausgeknipst wurde.

Da stehen Sie in der klaren, knackigen Luft – oder von mir aus bemerken Sie es auch beim Hinaussehen während der Autofahrt – seufzen haltlos, genussvoll wohlgemerkt, und kommen erstmal aus dem Schwärmen gar nicht heraus …

An einem dieser Sonnentage zog ich durch den Loki-Schmidt-Garten. Der Botanische Garten liegt in Hamburgs Westen, in Klein Flottbek, und Stammleser erinnern sich vielleicht an diese große Gartenanlage. Sie kam hier im Blog schon vor. (Bei Interesse finden Sie den entsprechenden Link am Ende des heutigen Posts.)
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Blaue Pyramide

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Blaue Pyramide

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Bei den Sumpfzypressen (Taxodium distichum) am überfrorenen Teich

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Bei den Sumpfzypressen (Taxodium distichum) am überfrorenen Teich

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Sumpfzypressen (Taxodium distichum) - Der Farn in Wartestellung ...

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Sumpfzypressen (Taxodium distichum) – Der Farn in Wartestellung …

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Der Sonnenschein gaukelte milderes Wetter vor, in Wirklichkeit war es jedoch frostig kalt. Ein Teil der Wege liegt zudem im Schatten. Den Temperaturunterschied merken Sie gewaltig!
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Überfroren ... Teich mit dünner Eisdecke, am Ufer Schilfreste und kleine Schneereste am Boden.

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Überfroren …

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Kalt am Boden .... Vertrocknete Gräser flach auf den Boden gedrückt, darauf Schneekristalle

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Kalt am Boden ….

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Frostig ... Breiterer, geschwungener Bachlauf, überfroren

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Frostig …

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Mich überrascht immer wieder, wie robust, wie unverwüstlich einige Pflanzen angesichts herrschender Minus-
grade sind. Pflanzen, denen man es überhaupt nicht zutrauen würde. Entweder, weil anderslautende und nicht sonderlich vertrauenserweckende Angaben zu ihrer Frosthärte kursieren, sie auf den Betrachter bereits optisch schutzbedürftig wirken oder deshalb, weil sie ursprünglich ganz woanders beheimatet sind. In anderen Klima-
zonen. In Regionen, in denen strenger Frost ein Fremdwort ist. Wir kennen bestimmte Pflanzen eher aus tro-
pischen Gewächshäusern. Eventuell steht daheim eine kleine Zuchtform als Zimmerpflanze auf der Fenster-
bank oder ist verhätschelter Wintergartenbewohner. Doch ganzjährig draußen?
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Palme trotzt Frostgraden ...

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Palme trotzt Frostgraden …

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Die Knospen legen zu an der Camellia japonica "Adolphe Audusson"

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Die Knospen legen kräftig zu an der Camellia japonica „Adolphe Audusson“

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Hätten Sie gedacht, dass es Kakteen gibt, die mit Schnee und Eis klarkommen? Diese Wüstenbewohner? Das ist doch immer das erste Bild, was uns spontan dazu einfällt.
Hier haben Sie eine Opuntia compressa syn. O. humifusa, den sogenannten zusammengedrückten oder niederliegenden Feigenkaktus, der in den USA nördlich bis über die Grenze hinüber auf kanadisches Terrain beheimatet ist. Er ist extrem robust und winterhart. Im Sommer zeigen sich recht hübsche Blüten; relativ groß und leuchtend gelb.
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Hamburg - Botanischer Garten Kl. Flottbek - Opuntia compressa syn. O. humifusa - Niederliegender Feigenkaktus im Schnee

Hamburg – Botanischer Garten Kl. Flottbek – Opuntia compressa syn. O. humifusa – Niederliegender Feigenkaktus

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Im englischsprachigen Raum nennt man ihn Eastern Prickly Pear Cactus. Sie wissen, prickly pear bedeutet so viel wie stachelige oder kratzige Birne. Es bezieht sich in dem Fall auf die rötliche Frucht, die sich nach der Blüte entwickelt. Sie ist essbar – und natürlich piksig und birnenförmig. Wir kennen sie unter dem Namen Kaktusfeige, ein Name, der leider im Kopf nicht sofort ein genauso eindeutiges Bild kreiert.
Im Englischen hat sich noch ein weiterer Name etabliert, der diesmal sehr plastisch Form und Oberfläche der Opuntia selbst beschreibt: Devil’s Tongue, Teufelszunge.
Klingt gefährlich, doch wer ein bisschen vorsichtig ist, kommt trotzdem unbeschadet an die Frucht und das Fruchtfleisch bzw.  an den Saft. Beides ist hilfreich, das Mark aufgetragen hilft bei Verletzungen, Schlangen-
bissen und sogar bei Rheuma, der Saft eliminiert Warzen. Zumindest früher bei den Indianern – und vielleicht ist die Anwendung dort heute noch üblich. Bei den Ureinwohnern, bei all jenen, die abgelegen leben oder z. B. der Schulmedizin allein nicht trauen. Oder wenn nach der Begegnung mit der Klapperschlange gerade nur der teuflische Kaktus zur Hand ist. So etwas kommt vor, kennt man ja …
Vielseitig, oder?
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Das kommende Foto zeigt die sehr ähnliche  Opuntia erinaea ssp. utahensis. Das ist jetzt die Wildart des Feigenkaktus Prickly Pear. Sie können hier recht gut noch die Überreste einzelner Früchte erkennen …
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Opuntia erinaea ssp. utahensins - Wildart des Feigenkaktus im Schnee

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Opuntia erinaea ssp. utahensins

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Genauso wie gelegentlich die Frosthärte verblüfft, erstaunt auch, wie weit Neuaustriebe schon gediehen sind! Frühblüher, ob die zahlreichen Zwiebelkollegen oder Stauden – ihre Spitzen und Triebe preschen förmlich aus dem Boden. Teils stehen sie sogar in Blüte  – ungeachtet der Temperaturen und unberührt von der monate-
langen lichtarmen Phase, die vorausging!
Nicht nur der Mensch, sondern vorweg hat offensichtlich vor allem die Natur ihre Frühlingsgefühle.
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Heideblüte (Erica x darleyensis), "George Rendall"

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Heideblüte (Erica x darleyensis), „George Rendall“

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Schneeglöckchen

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Schneeglöckchen

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Christrose in Blüte - Helleborus argutifolius, Korsische Nieswurz

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Christrose in Blüte – Helleborus argutifolius, Korsische Nieswurz

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Ein anspruchsloser, sehr früher Blüher, der Schatten verträgt und gerade mit Plätzen unter Bäumen erfreulich gut klarkommt, ist das Vorfrühlingsalpenveilchen. Es breitet sich über die Jahre zu schönen Teppichen aus und zeigt fröhlich Farbe, wenn sonst noch nichts blüht. Falls Sie mit Cyclamen coum Mill. liebäugeln, achten Sie auf einen leicht kalkhaltigen Boden, also nicht zu den Moorbeetpflanzen gesellen, bei denen naturgemäß ein saures Milieu herrscht.
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Rosa Teppich aus Vorfrühlingsalpenveilchen (Cyclamen coum Mill.)

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Rosa Teppich aus Vorfrühlingsalpenveilchen (Cyclamen coum Mill.)

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Dem Vorfrühlingsalpenveilchen (Cyclamen coum Mill.) macht altes Laub nichts aus

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Dem Vorfrühlingsalpenveilchen (Cyclamen coum Mill.) macht altes Laub nichts aus

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Während ich durchs Gelände strich, begegneten mir nicht nur hin und wieder andere Besucher, die warm eingepackt ihre Spazierrunde drehten, sondern ich stieß auch auf mehrere Gärtner, die selbst bei diesem Winterwetter Arbeiten erledigten. Es war starker Nachtfrost vorhergesagt und keine Schneedecke in Sicht. So wurden noch zusätzlich Vorkehrungen getroffen mit Nadelzweigen oder Planen zum Abdecken, und es lief mir zweimal jemand über den Weg, der nicht nur Zweige, sondern gleich mannshohe Tannenbäume anschleppte. Diese gefällten Exemplare werden hier im Botanischen Garten kurzerhand um empfindliche Pflanzenkandidaten herum gestellt. In Gruppen im Kreis, einzeln angelehnt, mit Leinen festgezurrt, das ist unterschiedlich.
Um Hochstammrosen, um nicht einheimische und daher eingeschränkt frostresistente, leicht „mimosenhafte“ Gehölze, ebenso um Immergrüne, die eine Schattierung brauchen, damit sie bei strahlender Wintersonne nicht austrocknen. Denn während oben Verdunstung stattfindet, kommt von unten durch den gefrorenen Boden kein Nachschub an Flüssigkeit, der die vorhandenen Blätter oder Nadeln versorgen könnte.
Praktische Sache, das mit den Tannenbäumen. Falls Sie einmal nicht wissen, wohin mit Ihrem Weihnachtsbaum, vielleicht könnte er noch als „Wärmflasche“ für einen Fröstelkandidaten in Ihrem Garten dienen.

Dieser Strauch hier benötigt offensichtlich keinen Extraschutz. Er kommt ursprünglich aus China, nennt sich Papierbusch (Edgeworthia tomentosa) und steht zum Februarbeginn gerade kurz vor der Blüte.
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Papierbusch (Edgeworthia tomentosa), chin.

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Papierbusch (Edgeworthia tomentosa), chin.

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Er zählt zu den Seidelbastgewächsen. Die kleinen weißen Laternchen oder Lampions, die Sie auf dem Foto erkennen, öffnen sich noch. Wie ein kleiner Duschkopf breitet sich jeweils ein Büschel mit weißlichen, röhrenförmigen Einzelblüten aus, die vorne an der Spitze gelb sind.
Sind die Blüten etwa fürs Papier …?
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Sich bald öffnende Blüten des Papierbuschs (Edgeworthia tomentosa), chin.

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Sich bald öffnende Blüten des Papierbuschs (Edgeworthia tomentosa), chin.

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Nein, für das sogenannte Japanpapier (das heißt trotz Chinaherkunft des Busches so) nimmt man die langen Bastfasern aus den Zweigen. Dazu werden die Zweige gedämpft und die Rinde entfernt. Die Fasern lassen
sich abschleißen (abspalten), werden längere Zeit in Sodaasche gekocht und anschließend mit dem Hammer bearbeitet. Voilà.
Falls Sie gerade überlegen, ob Sie selbst ein Exemplar im Garten pflanzen sollen oder nicht:
Der Busch sollte geschützt stehen. Mildere Winter machen ihm nichts aus. Da er sommer- und nicht immergrün ist, ist er weniger heikel bei Wintersonne und gleichzeitigem Frost. Ansonsten Wurzeln durch Laubdecke oder anderes Mulchmaterial schützen, bei Frostschäden am Holz notfalls zurückschneiden.
Der Papierbusch gehört zwar zu den Seidelbastgewächsen, bildet aber keine giftigen, verführerischen Früchte aus, die zum Verzehr verlocken könnten. Zeitig fliegende Nektarsammler (Hummeln, evtl. sogar Bienen) mögen die Blüten sehr, und es ist ein schöner Anblick zeitig im Jahr. Die Blätter treiben erst nach der Blüte aus.
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Die Sonne kitzelt und lockt. Der Lambertnuss (Corylus maxima) scheint es zu behagen …
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Corylus maxima (Lambertnuss)

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Corylus maxima (Lambertnuss)

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Die Magnolien zeigen Knospen im fortgeschrittenen Stadium …
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Knospen der Tulpenmagnolie – Magnolia soulangeana "Rustica Rubra"

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Knospen der Tulpenmagnolie – Magnolia soulangeana „Rustica Rubra“

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Die kühlen Farben des Winters haben durchaus ihren Reiz …
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Auch kühle Winterfarben haben Charme ...

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Auch kühle Winterfarben haben Charme …

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Was überaus herrlich blüht und im Vergleich zu den obigen kühlen Farbtönen wirklich warme, frühlingshafte Farben mitbringt, ist die Zaubernuss mit ihren unterschiedlichen Arten und Züchtungen. Wenn es nicht zu frostig ist – und speziell bei Sonnenschein – leuchten die vielen, sehr filigranen Blüten ganz besonders …
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Zaubernuss in Blüte

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Zaubernuss in Blüte – Hamamelis x intermedia

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Foto oben:
Hamamelis x intermedia „Aphrodite“ (rot), rechts außen Hamamelis x intermedia „Orange Beauty“.

Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Zaubernuss

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Zaubernuss

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Zaubernuss - Hamamelis x intermedia _Aphrodite_

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Zaubernuss – Hamamelis x intermedia „Aphrodite“

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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Die Zaubernuss strahlt mit der Sonne um die Wette ... Hamamelis mollis Pallida und Brevipetala

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Die Zaubernuss strahlt mit der Sonne um die Wette …

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Foto oben:
Zwei Exemplare der Hamamelis mollis. Vorne im dem kräftigen, dunkleren Gelb die „Brevipetala“, hinten mit dem vergleichsweise hellen Gelb die „Pallida“
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Recht bizarr wirkt die sich gerade öffnende Blüte der Hamamelis Virginia (Virginische Zaubernuss) …
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Bizarr. Wenn die Blüte gerade loslegt - Hamamelis virginia (Virginische Zaubernuss)

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Bizarr … Wenn die Blüte gerade loslegt: Hamamelis virginia (Virginische Zaubernuss)

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Es gibt in einem Botanischen Garten ja nicht nur die Flora. Zahlreiche Vogelarten, Eichhörnchen, Eidechsen, Kaninchen und andere Nager, Frösche, Fische, Maulwürfe, Insekten, Schmetterlinge und vieles mehr sind in-
zwischen hier beheimatet. Man trifft einen Teil von ihnen auch im Winter an.
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Bachlauf

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Bachlauf

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Am großen Teich und entlang der kleinen Bachläufe haben u. a. ein paar Enten und Teichhühner ihren Platz gefunden. Über Nacht hat sich auf dem Wasser eine leichte Eisdecke gebildet. Das Teichhuhn kann heute trockenen Fußes hinüber ans andere Ufer …
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Teichhuhn spaziert auf dem gefrorenen Bachlauf

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Teichhuhn auf dem gefrorenen Bachlauf

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… unser Erpel hat offensichtlich erfolgreich Diät gehalten. Auch ihn trägt das dünne Eis – und er stellt fest, er kann seine Füße wieder sehen!
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Erpel auf dem Eis ..., sich putzend

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Erpel auf dem Eis …

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Es ist ein Genuss, hier einen Spaziergang zu machen. Nur momentan ist es eben – wie der Hamburger sagt – bannig frisch, und so soll es für heute reichen. Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, das Aufwärmen danach dauert eine Weile!
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Farben des Winters ... Im Gegenlicht ein mannshohes Gras mit vielen Blütenbüscheln, durch die der Sonnenschein fällt

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Farben des Winters …

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Wir trennen uns für heute, doch gesellen Sie sich gern beim nächsten Mal wieder hinzu. Es würde mich freuen!
Oder Sie besuchen in der Zwischenzeit den Botanischen Garten auf eigene Faust. Erzählen mir gern, was sich mittlerweile getan hat.
Das Areal ist gut erreichbar. Die S-Bahn (Station Klein Flottbek) hält quasi direkt gegenüber dem Eingang, rechts davon gibt es obendrein einen großen Parkplatz.
Eintritt wird nicht verlangt, Spenden sind jedoch willkommen.
Wie wär’s?
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Hamburg - Bot. Garten Kl. Flottbek - Winter, schneefrei, aber kalt .... Blick über trockene Gräse und Stauden zu einem Pavillon im Hintergrund

Hamburg – Bot. Garten Kl. Flottbek – Winter, schneefrei, aber kalt ….

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Abschließend noch der Direktlink zu einem vorangegangenen Post, der den Loki-Schmidt-Garten im Spätsommer 2016 zeigt.
Prärie. Und einen Wüste mit „Kakteenen“ … – Unterwegs im Loki-Schmidt-Garten

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©by Michèle Legrand, Februar 2018
Michèle Legrand

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Zwischen Altstadt und Neustadt (2) – Ein neuer Streifzug durch Hamburg


Es geht wieder weiter! Mit leichter Verzögerung folgt heute der zweite Teil des Streifzugs durch Hamburgs Alt- und Neustadt. Ich verwende weiterhin Aufnahmen, die Ende November entstanden, denn seinerzeit schien die Sonne, ein Ereignis, das bekanntermaßen nicht nur hier in Hamburg seit Monaten Seltenheitswert hat. Grau haben Sie sicher genug gesehen, bringen wir via Foto ein bisschen Farbe ins Leben.

Erinnern Sie sich? Wir waren im ersten Teil in der Altstadt im Bereich zwischen der U-Bahn-Station Meßberg und dem Mahnmal St. Nikolai unterwegs. Mit Zwischenstopp an architektonisch interessanten Kontorhäusern sehr unterschiedlichen Alters, an der Brauerei Gröninger und der inzwischen entrüsteten (im Sinne von Gerüst weg, nicht etwa einer furchtbar aufgebrachten) Kirchenruine von St. Nikolai.

Heute streben wir zunächst den Nikolaifleet an, werfen danach einen Blick auf eine der Hauptkirchen Hamburgs, St. Katharinen, und spazieren anschließend am Zollkanal entlang Richtung  Binnenhafen und Baumwall. Auf die Art werden Sie diesmal zu Beginn in der Altstadt unterwegs sein und sich am Ende auf Neustadt-Boden von mir trennen.

Start am Mahnmal …

Unsere letzte Tour endete bei St. Nikolai in der Willy-Brandt-Straße. Halten Sie sich dort westlich, so erreichen Sie nach kurzer Zeit die Straße Holzbrücke. In südlicher Richtung führt Sie diese über den Nikolaifleet auf die Fleetinsel Cremon. In der Verlängerung – nun mit der Straßenbezeichnung Mattentwiete  – geht es weiter zum Zollkanal und Binnenhafen.
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Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet mit Blick auf "Holzbrücke" und Mahnmal St. Nikola

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet mit Blick auf „Holzbrücke“ und Mahnmal St. Nikolai

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Im Verlauf der Straße Holzbrücke gibt es tatsächlich immer noch die gleichnamige Brücke, nur ist das, was
Sie heute vor sich haben, ein dreibogiger Nachfolgebau, der vor gut 130 Jahren (1887) nicht mehr aus Holz, sondern aus Stein erreichtet wurde.
Wären Sie ein bisschen eher – so um 1170 oder auch noch in den folgenden Jahrhunderten – in der Altstadt unterwegs gewesen, hätten Sie die Vorläufer aus Holz selbst in Augenschein nehmen können und hätten auch die Zeit erlebt, als es am Nikolaifleet einen großen Hafen mit regem Betrieb gab, in dem mit Schuten u. a. viel Hopfen angelandet wurde. Gröninger und andere Betriebe brauchten schließlich kontinuierlich Nachschub zum Brauen ihrer Biere.

„Das Schiff“

Heute finden Sie am Fleet direkt an der Holzbrücke möglicherweise keine Schute, dafür jedoch „Das Schiff“, das dort seinen Stammplatz hat. Hamburgs Theaterschiff. An Bord ist politisches Kabarett angesagt, hin und wieder auch Kindertheater. Und gelegentlich wird Literatur zum Thema.
Man feierte 2015 sein 40jähriges Bestehen. Zwar hat vor geraumer Zeit schon (2000) sein bekannter Gründer, Kabarettist Eberhard Möbius, die Leitung in andere Hände übergeben, dennoch läuft der Betrieb weiter.
Noch vor einigen Jahren fuhr man hin und wieder sogar zu Gastspielen nach Kiel, Stade oder Buxtehude.
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Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - _Das Schiff_ (Theater) mit Stammplatz an der Holzbrücke

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet – „Das Schiff“ (Theater) an seinem Stammplatz nahe der Holzbrücke

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„Das Schiff“ ist ein Privattheater, das meist so viel einnimmt, dass laufende Kosten gedeckt sind. Nur was tun, wenn altersbedingt am Schiff umfangreiche Reparaturen notwendig werden? Wenn dazu sein Innenleben überaltert ist? Wenn obendrein Arbeiten am Liegeplatz erforderlich werden, z. B. für einen neuen Bodenbelag des Pontons, der rissig ist. Oder für den Ersatz der vorhandenen Treppe durch eine Art tideunabhängige Gangway, die den Zugang zum Schiff auch für ältere, nicht mehr ganz so rüstige und sportliche Menschen sichert bzw. erst möglich macht. Das ist im Budget nicht drin. Dafür ist man auf  Unterstützung angewiesen. Letzten Dezember standen die Chancen sehr gut, Gelder (über 300.000 Euro) aus einem Sanierungsfond bewilligt zu bekommen.

Schön häufig, wenn ich von der Holzbrücke das Schiff betrachtete, schoss  mir der Gedanke durch den Kopf: Mensch, ist das beachtlich, was der betagte Kahn alles miterlebt hat, seitdem es als Besansegel-Ewer 1912 in Holland das Licht der Welt erblickte! Wie lange das her ist!
Der erste Weltkrieg hatte noch gar nicht stattgefunden. In den Niederlanden saß damals die Uroma des heutigen Königs, Königin Wilhelmina, auf dem Thron, während bei uns Kaiser Wilhelm II herrschte. Zu jener
Zeit misst er lediglich 20,19 m. Der Kahn, nicht der Kaiser. Ein deutscher Kunde ersteht den Segler aus Holland und baut irgendwann eine Hilfsmaschine ein. Für ihn verrichtet der Ewer als „Seemöve“ seinen Dienst.
Ein paar Jahre darauf entscheidet sich der nächste Eigner für einen stärkeren Motor, ein Schiffsmast fällt, der Klüverbaum wird gekappt. So weit so gut. Doch dann! Stellen Sie sich vor, im zweiten Weltkrieg sinkt das Schiff im Hamburger Hafen! Geht komplett unter!
Es wird gehoben, repariert und bei dieser Gelegenheit gleich umgebaut. Plötzlich ist der Rumpf 34,50 m lang und das Boot kein Besan-Ewer mehr, sondern ein Küstenmotorschiff. So hört er bald darauf nicht mehr auf den Namen „Seemöve“, sondern nennt sich fortan „MS Rita Funck“. Dieses Schiff schauen sich Herr Möbius und sein Frau aus, um es nach dem Kauf auf einer Werft in Rothenburgsort für den Theaterbetrieb herrichten zu lassen.
Seit 1975 steht es für diesen Zweck zur Verfügung. Mitte der 80er Jahre war ich selbst einmal an Bord für eine Vorstellung …
Ein abwechslungsreiches Schiffsleben bis dahin mit Hochs und Tiefs. Doch seitdem es Theaterschiff ist, wurde nichts Größeres mehr daran erneuert, gerichtet, saniert oder verschönert, während gleichzeitig unablässig Wind, Wetter und vor allem das Fleetwasser an ihm „nagen“ – wie auch der Zahn der Zeit …

Vielleicht hat „Das Schiff“ im Alter von 106 Jahren nun bald einen längeren Kuraufenthalt.
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Lassen Sie uns ein Stück weiterspazieren …
In vielen dieser Altstadtstraßen stoßen Sie immer wieder auf besondere Eingangstüren oder Portale.
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Hamburg - Altstadt - ... und immer wieder sehenswerte Eingangstüren.

Hamburg – Altstadt – … und immer wieder sehenswerte Eingangstüren.

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Hinter der Holzbrücke, direkt links abgebogen in die Katharinenstraße,  geht es im sanften Bogen bis vor zur Kirche St. Katharinen.
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Sankt Katharinen
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Hamburg - Altstadt - Hauptkirche St. Katharinen

Hamburg – Altstadt – Hauptkirche St. Katharinen

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Von den fünf Hauptkirchen, die es bei uns gibt, ist St. Katharinen die dritte. Sie entstand um 1250 herum. Damals wuchs Hamburg, der Platzbedarf stieg erheblich, und Stadtflächen sollten durch Eindeichungen ver-
größert werden. Gesagt, getan. Doch ist nicht unmittelbar nach Eindeichung gleich alles knochentrocken. Das Gelände hier war noch feuchtes Marschland, und so wurden für das Fundament der Kirche 1 100 Lärchen-
stämme in den Grund getrieben.
Wir sprachen vorhin davon, dass der Hafen früher im Bereich des Nikolaifleets regen Betrieb aufweisen konnte. Ein aufstrebender Hafen zudem, der natürlich viele anzog. St. Katharinen wurde damals die Kirche für die sich neu niederlassenden Kaufleute, die Bierbrauer und Schiffbauer.
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Hamburg - Altstadt - Hauptkirche St. Katharinen (Rückseite)

Hamburg – Altstadt – Hauptkirche St. Katharinen (Rückseite)

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Ob Kirchgänger damaliger Zeit sich eine Vorstellung davon hätten machen können, wie sich die Zeiten wandeln, wie sich die Menschheit in Glaubensfragen und damit auch die Beziehung zwischen Mensch (Volk) und Kirche ändern würde? Die Kirche selbst findet sich mit anderen Aufgaben und Erfordernissen konfrontiert, so dass es nicht verwunderlich ist, wenn sich das Kirchenleben der Neuzeit hin und wieder überraschend anders gestaltet …

In Zeiten, in denen die Finanzlage der Kirchen aufgrund sinkender Kirchensteuereinnahmen und gleichzeitig steigender Pensionsansprüche sowie erhöhter Ausgaben jeglicher Art gehörig in die Schieflage gerät, denkt man mancherorts neben Einsparungen über zusätzliche Einnahmequellen nach. Was lobenswert ist und nicht grundsätzlich schlecht sein muss.
Unabhängig von Sparzwängen oder gar Profitdenken, gilt es manchmal auch nur sich hervorzuheben, sich von anderen Gemeinden bzw. Glaubensrichtungen abzuheben und zu positionieren. Seht her, so machen wir das. Wir sind anders. Fortschrittlicher, konservativer, offener … was auch immer.
Nähe, Erreichbarkeit – nicht nur im örtlichen Sinn – zu demonstrieren, scheint ein weiteres Ziel. Nicht selten erleben Sie den Versuch einzelner Kirchen (Pastoren, Kirchenvorstände), das Image des Starren, des Welt-
fremden, des ewig Gestrigen abzulegen.
Wenn Kirchen viele Mitgliedsaustritte verzeichnen und dazu die Bänke im Gottesdienst stets reichlich freie Plätze aufweisen (womit auch die Kollekte mager ausfällt), ist schon die Frage erlaubt, wie Kirche von heute bei den Menschen auszusehen hat, damit sie wahrgenommen, angenommen, obendrein im Idealfall (finanziell) unterstützt wird.
Es ist wohl immer ein bisschen von allem, was zum Tragen kommt und irgendwann  ein – ich nenne es einmal – Testballons starten auf Kirchenseite hervorruft. Die Katharinenkirche z. B. nutzte die Klimawoche 2015 dazu, ein „Klimakonzert mit grüner Modenschau“ im Kirchenschiff zu genehmigen und durchzuführen.  Mit Models, Lichteffekten und allem, was dazugehört. Das ist mittlerweile salonfähig und kein Aufreger mehr. Es bringt Einnahmen, sorgt für Gesprächsstoff, und immerhin steht dahinter der positiv behaftete „grüne“ Gedanke.
Ein Teil der Gemeinde schreit Hurra, der andere ist etwas pikiert, und morgen ist das Thema abgehakt.
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Hamburg - Altstadt - St. Katharinen vom Zollkanal aus gesehen

Hamburg – Altstadt – St. Katharinen, diesmal vom Zollkanal aus gesehen

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Als allerdings 1996 rund 2 000 Raver in St. Katharinen eine Technoparty feierten, gab es mehr als hanseatisch leicht gerümpfte Nasen. Da half es auch nichts, dass Rauchen nicht erlaubt war. Es gab reichlich Alkohol, seltsame „Energy Drinks“, leichtbekleidete Wesen zwischen Heiligenstatuen, ekstatische Tänzer und viel Remmidemmi.
Warum man es in der Kirche gestattete? Oh, es war eine Art Kreuzzug der Techno-Tänzer („Crusade“). Es sollten die beiden Kulturen Gregorianik und Techno miteinander verbunden werden. Immerhin war auch ein Kieler Gregorianik-Chor mit von der Partie. Auf diese Art erhoffte man, Menschen in die Kirche zu locken, die sonst nie hinfänden. Das hat man sicher auch geschafft, nur ob die danach je wiederkamen?

Finanziell hat es sich gelohnt. Man musste zwar einen Sicherheitsdienst engagieren, der zehn Stunden im Dauereinsatz war, aber bei damals 60 DM Eintritt kam doch ein erkleckliches Sümmchen von ca. 120 000 DM zusammen. Damit waren die Kosten kein Thema  mehr, und der ansehnliche Rest half, den der Kirchen-
technoparty folgenden Stress und Ärger leichter zu verdauen.
Danach fanden in St. Katharinen interessanterweise ebenso Abende mit Gegenveranstaltungen statt, in
denen genau dieses Verhalten (Konsumdenken, Profit egal wodurch) angeprangert und kritisiert wurde.
Kirchenleben ist also bunt. Vielfältig, mit einem Hauch Unberechenbarkeit.

Schauen Sie einmal zur Turmspitze. Diese als Krone geformte Goldverzierung soll gerüchteweise mit Gold
aus dem verschollenen Goldschatz Störtebekers hergestellt worden sein. Sie wissen schon, der berühmt-berüchtigte Pirat. Der Begriff Störtebeker – übersetzt aus dem Plattdeutschen – bedeutet „Stürz den Becher“. Man munkelt, der Pirat konnte einen Vierliter-Krug Wein, wahlweise Bier, in einem Zug austrinken. Ob er deshalb so genannt wurde?
Ich zweifle ein wenig daran, ob jemand überhaupt vier Liter auf einmal in sich hineinbringen kann …
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Hamburg - Altstadt - Turmspitze St. Katharinen mit kronenförmiger Goldverzierung

Hamburg – Altstadt – Turmspitze St. Katharinen mit kronenförmiger Goldverzierung

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Sie können auch in St. Katharinen die Aussicht von oben genießen, allerdings, wenn Sie hier auf den Turm möchten, müssen Sie es im Rahmen einer Führung machen. 292 Stufen hinauf, vorbei an fünf Glocken …
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Plaza oder Turm? Elbphilharmonie vs. Kirchtürme …

Apropos Turmbesteigung. Die Kirchen, und vorneweg der Pastor der Hauptkirche St. Michaelis, klagen, dass seit Eröffnung der Elbphilharmonie vor einem Jahr die Zahl der Kirchturmbesteigungen massiv zurückge-
gangen sei und damit eine wichtige Einnahmequelle versiege. Im Gegensatz zum kostenfreien Besuch der Plaza in der Elbphilharmonie kostet die Besteigung der Türme Geld.
Der Michel-Pastor hat jetzt nicht explizit gefordert, dass die Begehung der Plaza umgehend Eintritt kosten muss, doch hätte er angesichts der Umstände natürlich nichts dagegen. Sein nachvollziehbares Wunschdenken wurde in den Medien vielfach gleich in Richtung Forderung verdreht, und schon rief seine Bemerkung einen Sturm der Entrüstung hervor.

Lassen wir kurz den Punkt Plaza-Eintritt ja oder nein außen vor und betrachten die Situation ganz generell. Zum einen können nicht alle Kirchen diese Entwicklung uneingeschränkt oder in gleichem Maße bestätigen. Beim Mahnmal St. Nikolai ist es nicht eindeutig, weil gerade nach der Sanierung und Wiedereröffnung des Turms im letzten Herbst besonders viel Zustrom zu verzeichnen ist. Dort herrscht Andrang, obwohl die Fahrt mit dem gläsernen Panoramalift fünf Euro kostet. Also ebenso viel, wie beim Michel zu löhnen ist. Ob der Zulauf so bleibt, wird man sehen.
Andere verzeichnen ebenfalls einen Rückgang, der jedoch trotz verlangter Gebühr für die Turmbesichtigung geringer ausfällt.
Die Hauptkirche St. Petri in der City wiederum meldet zwar weniger Zulauf, nur hatte sie dabei eher mit den Auswirkungen des berüchtigten G20-Gipfels im letzten Jahr zu kämpfen. Währenddessen (im Monat Juli) erschienen gleich 17 000 Besucher weniger als im Folgemonat August (39 000 zu 56 000).

Wenn ein Hamburger Ur-Wahrzeichen wie der Michel von eklatantem Rückgang der Turmbesucher spricht, dann sind es vermutlich weniger die Einzelreisenden, als vielmehr – und zahlenmäßig relevanter – die Teilnehmer von Gruppen- und organisierten Städtereisen, die ausbleiben. Wer allein, auf eigene Faust kommt, plant meist mehr Zeit ein, steuert viele Attraktionen und Ziele an und hängt notfalls dafür noch einen Tag dran.
Bei organisierten Städtetrips (z. B. Wochenendtouren) ist irgendwann Schluss mit der Programmstraffung. Wenn keine zusätzliche Zeit zur Verfügung steht und jeder Reiseteilnehmer erwiesenermaßen vor allem die Elbphilharmonie gesehen haben möchte, wird kurzerhand der Michel entweder komplett herausgenommen oder aber zumindest der Turmbesuch gestrichen. Gerade die Besteigung kostet Zeit, ganz abgesehen davon, dass nicht jeder in der Lage ist, daran teilzunehmen. Die Aufzugfahrt ist nicht von ganz unten bis direkt zur Aussichts-
plattform möglich. Es bleiben einige Treppen, die weiterhin zu Fuß bewältigt werden müssen. Nehmen wir jetzt noch das mehr als unvorteilhafte Wetter des letzten Jahres mit entsprechend schlechter Aussicht, so ist es nicht verwunderlich, wenn weniger Interesse als sonst besteht, bei niedrigen Temperaturen und Nässe den Aufstieg für einen zugigen Turmausblick anzugehen.
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Hamburg - Hafen (Höhe Baumwall) - Restaurant _Feuerschiff_

Hamburg – Hafen (Höhe Baumwall) – Restaurant „Feuerschiff“ – Im Blick haben Sie auch die Elbphilharmonie …

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Es kann nicht allein an den Kosten liegen. Über ein reizvolleres Kombiticketangebot (Kirche mit Krypta plus Turm) ließe sich trotzdem nachdenken. Warum nicht auch als Anreiz den Treppensteigern einen günstigeren Preis anbieten als den Lift-Nutzern oder eventuell einen Tag festlegen, an dem es nur die Hälfte kostet …
Ja, und ein bisschen enthusiastischer die Besonderheiten einer solchen Turmbesteigung und vor allem die des Ausblicks hervorheben! Rundumblick vom Turm aus 106 m Höhe und Plaza-Ausblick sind nun wirklich nicht vergleichbar. Michel und Elbphilharmonie müssten so gesehen gar keine Konkurrenten sein.
(Ich lasse Ihnen am Ende einen Link zu einem Blogbeitrag meiner Michelklettertour da, falls Sie Lust darauf haben. Auch Glockengeläut ist zu hören!)
Angewiesen sind die Kirchen auf die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern, selbst wenn sie im Grunde nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind, betrachtet man die Kosten, die zum Erhalt der Gebäude nötig sind. Es ist also leider keine Option, grundsätzlich auf Eintritt zu verzichten.

Der Plaza-Besuch in der Elbphilharmonie wiederum würde unter Garantie bei den Reiseveranstaltern weiter im Programm bleiben, selbst wenn der Zutritt kostenpflichtig werden würde. Für den Reisegesamtpreis bedeutet es letztendlich keine dramatische Erhöhung. Einzelpersonen hingegen und speziell die Hamburger …

Nun, viele Hamburger fühlten sich doppelt ausgenommen, sollte es dazu kommen. Erst wird das Jahrhundert-
bauwerk und neue Wahrzeichen so hundsteuer, dass mehrfach immense Summen aus Steuergeldern der Hamburger Bürger nachgeschoben werden müssen, und nun soll womöglich noch einmal geblecht werden, bevor man als Einheimischer und Mitfinanzierer einmal einen Blick auf das Ganze werfen kann? Das sieht nicht jeder ein …

Wir werden die Entwicklung weiter verfolgen.
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Hamburg - Altstadt - Zollkanal (Bei den Mühren) mit Speicherstadt im Hintergrund

Hamburg – Altstadt – Zollkanal (Bei den Mühren) mit Speicherstadt im Hintergrund

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Wir sind inzwischen von St. Katharinen ein Stück entlang des Zollkanals gewandert und haben den Binnenhafen erreicht.
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Hamburg - Altstadt - Am Binnenhafen

Hamburg – Altstadt – Am Binnenhafen

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Hamburg - Altstadt - Binnenhafen - Blick Richtung Niederbaumbrücke

Hamburg – Altstadt – Binnenhafen – Blick Richtung Niederbaumbrücke

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Flussschifferkirche

Sehen Sie das blaue Schiff (Foto unten)? Das ist die Flussschifferkirche, Deutschlands einziges Gotteshaus auf dem Wasser, auf Schiffsplanken zumindest. Mit Gottesdiensten, einer Binnenschifferseelsorge, und „Hausbesuchen“. Man fährt zweimal die Woche mit einer alten Arbeitsbarkasse im Hafengebiet herum und besucht die Binnenschiffer direkt an ihrem Arbeitsplatz.
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Hamburg - Altstadt - Binnnhafen mit Flussschifferkirche links (blaues Boot) - Speicherstadt rechts

Hamburg – Altstadt – Binnenhafen mit Flussschifferkirche links (blaues Boot) – Speicherstadt rechts

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Nachdem wir uns bisher die ganze Zeit auf Altstadtgebiet befanden, wechseln wir hier nun auf Neustadtgebiet. Die Grenze verläuft etwa auf der Otto-Sill-Brücke, von der aus das obige Foto aufgenommen wurde. Der Baumwall liegt voraus – doch wenn ich es mir recht überlege, ist eigentlich dieser Wechsel des Stadtgebiets eine wunderbare Gelegenheit, für heute die Tour zu beenden. Mit einem Blick aus der Neustadt zurück in die Altstadt
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Hamburg - Hafen - Niederbaumbrücke - Blick von der Neustadt Richtung Altstadt

Hamburg – Hafen – Niederbaumbrücke – Blick von der Neustadt Richtung Altstadt / Ganz hinten St. Katharinen, links der Turm von St. Nikolai (Mahnmal)

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Sind Sie bei einem weiteren Streifzug wieder mit dabei? Sie haben gemerkt, obwohl es stets seine Zeit braucht, müssen Sie keine Riesenentfernungen schaffen oder tausend Dinge durchhecheln. Es bleibt entspannt.

Bis demnächst! Ich vermeide es allerdings, mich zeitlich festzulegen, denn das klappt erfahrungsgemäß nur mittelprächtig.

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Hier noch der Link zur oben erwähnten St.-Michaelis-Turmbesteigung:
=> „Der Hamburger Michel: Wem die Glocke schlägt“

Und so gelangen Sie bei Interesse zum ersten Teil des Altstadt/Neustadt-Streifzugs:
=>„Zwischen Altstadt und Neustadt (1): Ein neuer Streifzug durch Hamburg“
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© by Michèle Legrand, Januar 2018
Michèle Legrand

 

 

 

 

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50 Kommentare

Allerlei zum Jahresschluss …

2017 soll nicht ohne ein letztes Hereinschauen ausklingen. Ich hätte Ihnen gern den ausstehenden zweiten Teil des Streifzugs durch die Alt- bzw. Neustadt von Hamburg mitgebracht, nur reichte die Zeit dafür hinten und vorne nicht. Es schob sich uncharmant und unerwünscht und vor allen Dingen auch unvorhergesehen einiges dazwischen. Keine ruhige Minute.

Nur müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht zumindest ein kurzes Zusammensitzen hier klappen sollte. Ein kleiner Treff auf der Couch. Als Nichtraucher kann ich bezüglich der Dauer schlecht von einer Zigarettenlänge sprechen. Sagen wir, so lange, bis die Tasse Kaffee ausgetrunken ist …

Die Zeit zwischen den Jahren

Die Zeit jetzt vor Neujahr mag ich recht gern. Sie auch? Die wilde Geschäftigkeit, diese Art von blindem Sturm und Drang, eine Phase, die zuverlässig jedes Weihnachten auftaucht und an Intensität stetig zunimmt, ist vorüber – wie auch die sich anschließenden mehrtägigen Festivitäten ihr Ende gefunden haben.
Sie waren schön, überhaupt keine Frage! Es lässt sich trotzdem nicht leugnen: Feiertage und Zusammenkünfte
in geballter Form sind fein, jedoch gleichzeitig anstrengend. Nicht umsonst lauten (nach all dem) häufig gestellte Fragen: „Na, hast du die Weihnachtstage gut überlebt?“ – „Hast du es überstanden?“

Mein Nachbar muss nun auch keine Weihnachtslieder mehr auf dem Klavier üben. Auffrischen. Er kann sie eigentlich und spielt sehr gut! Auch Klassiktitel oder Evergreens. Ich höre gern, was von nebenan herüber-
schallt. Nur bei bestimmten Weihnachtsliedern hadert er offenbar mit dem getragenen Tempo.
Die „Stille Nacht“ ist ihm definitiv zu still. Spätestens nach drei Minuten ändert sich regelmäßig der Stil, und er schwingt rüber zum Boogie-Woogie …

Die schlichten Tage nach Weihnachten ohne Extragedöns sind mir jedes Mal mehr als willkommen. Sind überlebenswichtig! Ganz unter uns, in diese Zeit zwischen den Jahren lasse ich mir höchst ungern hineinfunken. Die mir kostbaren Stunden verteidige ich vehement. Das sind meine! (So der Wunsch.) Abstriche? Nun ja …
Immerhin treten Unterbrechungen seltener auf als sonst. Es werden Pflichttermine kaum genau in diese Zeit gelegt, und mir scheint, nicht nur bei mir, sondern bei vielen Menschen zeigt sich das Bedürfnis nach Ausspannen und sich Sammeln in den Tagen nach dem Fest und vor dem Jahreswechsel ausgeprägter.
Oder die Mitmenschen sind mit anderem beschäftigt und wollen deshalb ausnahmsweise nichts vor mir. Ein
Teil hält die Stellung im Job, und wer „Aktivurlaub“ vorzieht, der nutzt die Freizeit vermutlich, um seine Geldgeschenke unters Volk zu bringen oder Gutscheine einzulösen. Oder um jetzt schon das Fitnessstudio
zu kontaktieren, bevor nach Silvester der alljährliche Run auf eine Jahresmitgliedschaft losgeht. Modisch einkleiden muss derjenige sich in dem Fall natürlich während der freien Tage dann auch noch. Für die (kurze) sportliche Phase …

Sagen Sie, empfanden Sie es auch als positiv, dass Heiligabend in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel? Dadurch, dass sich der Handel glücklicherweise für geschlossene Läden entschieden hatte, war diesmal der
24. Dezember doch für mehr Menschen ein ganzes Stück weniger hektisch als sonst. Ich gestehe, mir gefiel es sehr, diesen Tag in Ruhe zu starten, und daher werde ich mir für die nächsten Jahre eine Notiz machen:
Egal, auf welchen Tag Heiligabend fällt, kauf nichts mehr noch am Morgen des 24.12. ein. Das gilt auch für sogenannte frische Lebensmittel!
Man darf nämlich anzweifeln, dass es wirklich frischere Ware ist als die vom Vorabend. Und dieses wirklich bis zuletzt im Gewühl mitmischen, schafft enorme Unruhe, deren Nachwirkungen erst mit erheblicher Verzögerung abklingen.
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Die Bulldogge

Bei all den Besorgungen erlebt man schon so einiges. Dramen, weil Taschendiebe unterwegs waren und Beute machten, gestresste Einkäufer, genervtes Verkaufspersonal. Und es gibt die andere Seite.
Amüsieren Sie sich auch manchmal über den Inhalt aufgeschnappter Gespräche oder sind verblüfft, wenn Vorkommnisse einen unvermuteten Ausgang nehmen?
Beim Edeka-Markt traf ich kürzlich am Eingang auf eine angebundene, wartende Bulldogge. Vertreter dieser Rasse schauen – anatomisch vorgegeben – prinzipiell missmutig, obwohl die jeweilige Dogge vermutlich schlechte Laune weit von sich weisen würde und in Wirklichkeit bester Dinge ist. Was kann sie auch für ihre in die Irre führenden heruntergezogenen Mundwinkel!
Das Tier beobachtete mit Röntgenblick permanent den Ein- und Ausgang, wirkte dabei jedoch gelassen. Für eine Bulldogge war es ein recht großer Hund. Vor allem einer mit stattlichem Gewicht!
Ich war im Begriff hineinzugehen, als der Besitzer gerade bepackt heraustrat.
„Komm, Püppchen“, säuselte er, „wir wollen heim.“
Die Zuneigung war nicht zu überhören. Mag sein, der Mann fand seinen Hund tatsächlich  zartgliedrig, winzig … Oder die Liebe erforderte einfach einen solchen Kosenamen. Wer weiß das schon. Der Hund fühlte sich jedenfalls angesprochen.

Das leicht korpulente Püppchen erinnerte mich sofort an Goliath. Ein ähnlicher Fall, allerdings funktionierte es umgekehrt. Ein früherer Arbeitskollege hatte seinen Goldhamster so getauft.  Und „Goliath“ war schon der Kompromiss! Der Kollege hatte zunächst stolz vom Neuzugang in der Familie berichtet und dann geknickt gestanden, dass seine Frau seine Erstwahl, den Namen „Godzilla“, inakzeptabel gefunden und strikt abgelehnt hätte.
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Das Schaf

Was düst man viel herum vor Weihnachten! Für Erledigungen, Vorbestellungen, natürlich auch für Geschenke. Ich bilde da keine Ausnahme. In der letzten Woche habe ich als Geschenk für ein neugeborenes kleines Mädchen eine Spieluhr erstanden. Ich war nach längerer Suche über ein sehr freundlich dreinblickendes, goldiges, kleines Plüschtierschaf mit musikalischem Innenleben gestolpert. Nur konnte ich nicht herausfinden, wie die Spieluhr sich in Betrieb nehmen ließ. Es gab keinen Ring, an dem man hätte ziehen können, einen Knopf zum Draufdrücken suchte ich ebenfalls vergebens.

So wanderte ich damit zur Verkäuferin, direkt an der Kasse. Sie weihte mich in das Geheimnis des knubbeligen Stummelschwanzes ein, der quasi als Griff für das herauszuziehende Band fungierte. Optisch fiel überhaupt nicht auf, dass er gar nicht fest mit dem übrigen Schafpopo verbunden war. Sie zog die Uhr auf, bis es nicht mehr weiterging und das Band vollständig heraushing.
„Schlaf Kindlein, schlaf“ ertönte es. Überraschend flott für ein Einschlaflied, doch dezent, was die Lautstärke betraf. Ich entschied mich für die Uhr, bezahlte, packte das Schaf in meinen Stoffeinkaufsbeutel und verließ das Geschäft.
Die Uhr spielte. Und spielte. Und spielte …
Während ich durchs Einkaufszentrum lief, sorgte meine musikalische Tüte für Irritationen und erstaunte Blicke. Vor allem aber machte die unsichtbare Musikquelle in Bodennähe einen kleinen Hund leicht kirre. Er hing und hechelte an seiner flexiblen Laufleine und zerrte daran sein Frauchen durch die Gänge. Nur, weil er partout nicht von meinem tönenden Beutel ablassen konnte! Er folgte mir schnüffelnd und kläffend, bis endlich Ruhe einkehrte. Im Sack. Das Kind sozusagen schlief, wenn wir uns am Liedtext orientieren.
Ich muss die Mama des Babys vorwarnen, dass das Schaf über extrem langen Atem verfügt und – zumindest unterwegs – besser nicht komplett aufgezogen werden sollte …
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Das Los / Die Gans

Geschenke sind sowieso ein Thema für sich! Gerade heute bekam ich erzählt, wie die Bescherung bei einer Bekannten verlief. Ein Familienmitglied hatte der 91 Jahre alten Mutter, Oma und Uroma ein Jahreslos der „Aktion Mensch“ geschenkt. Sie war zunächst nur mäßig beeindruckt. Doch als der Schenkende farbenfroh ausmalte, was man alles gewinnen könnte, wurde sie sehr aufgeregt.
„Was mache ich denn bloß mit dem ganzen Geld, wenn mein Los den Hauptgewinn bringt?“
„Oma, nimm nicht die Sofortrente!“, riet ihr einer der Enkel eindringlich, woraufhin alle pikiert zischten, er dürfe doch nicht so etwas sagen.
„Mann, was denkt ihr denn alle!“, entrüstete er sich, „es geht mir doch nicht ums Erbe! Ich will doch nur, dass Oma mehr von dem Geld hat und es noch auf den Kopf hauen kann!“
Erleichtertes Ausatmen. Und Oma ist felsenfest davon überzeugt, dass Ihr Los gewinnt.

Die alte Dame hatte übrigens vorab für ziemliche Aufregung gesorgt! Oma lud dieses Jahr zu sich zum Essen ein. Da die Weihnachtsgans im Ofen bei Niedertemperatur garen sollte und dafür sechs bis acht Stunden gerechnet werden müssen, waren alle für 17 Uhr eingeladen. Um 14 Uhr ging bei meiner Bekannten das Tele-
fon. Oma war dran.
„Ihr müsst jetzt schon kommen! Die Gans ist fertig …“

Es hatte sich herausgestellt, dass ihr der Nachbar von oben sehr überzeugend versichert hatte, „dass das mit dieser Niedertemperatur nix wird“.
Pffft! Sie war eh nicht überzeugt davon gewesen. Hatte bereits skeptisch reagiert, als die Tochter mit diesem „neumodischen“ Rezept angekommen war. Kurzentschlossen wurde der Thermostat nach Nachbars Information hochgedreht. Zack! Drei Stunden eingespart.
Hektik in der Familie meiner Bekannten. Unrasiert, ungewaschen. Räuberzivil. Noch Geschenke einpackend. Und die halbwüchsigen Kinder waren noch nicht einmal aufgestanden …
Sie haben es dennoch irgendwie geschafft einzutreffen, bevor die Gans verkokelte.

Ich hatte tatsächlich auch Fleisch bei Niedertemperatur im Backofen. Zweieinhalb Stunden sollte es dauern. Zwischendurch dachte ich, mein Backthermometer wäre verstorben. Der Temperaturzeiger verharrte ewig an einer Stelle. Letztendlich ging es doch weiter. Es dauerte allerdings einige Zeit länger als angegeben, bis das Roastbeef die „Ich-bin-gar-aber-innen-noch-rosig-Temperatur“ erreicht hatte.
Wir haben dann schon mal mit den anderen Sachen angefangen …

(Ich glaube, ich muss Ihre Kaffeetasse kurz wieder auffüllen. Der Schwatz dauert doch ein bisschen länger.)
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Weihnachtsmärkte?

Ich wurde einige Male darauf angesprochen, ob ich in diesem Jahr nichts von den Hamburger Weihnachts-
märkten
zeige oder erzähle. Nein, diesmal zumindest nicht von den großen Märkten. Die Erkrankung meines Mannes regiert hier nach wie vor alles Tun und Lassen, und sein Befinden bzw. speziell die aktuelle Tagesform zeigt ganz klar die unabänderlichen Notwendigkeiten. Alles andere muss hintenan stehen und längere Abwesenheit steht nicht oft auf meiner kurzen Liste der Möglichkeiten.
Generell muss ich im Notfall schnell zurück sein können. Das schränkt zusätzlich den Aktionsradius ein. Und die Teilnahme an Groß-/Massenveranstaltungen birgt leider immer ein höheres Risiko, einen Infekt mit nach Hause zu bringen. Das wäre fatal.

Ich habe es dennoch in den letzten acht Wochen zweimal geschafft, kurz abzutauchen. So lernen Sie diesmal alternativ zu den großen Weihnachtsmärkten vier traditionsreiche Weihnachtsbasare kennen, die aus der Masse herausragen, und ich picke Ihnen ein paar Dinge aus dem Angebot der Altonaer Weihnachtsmesse heraus, die mir besonders auffielen.

Skandinavische Weihnachtsbasare

Schon vor allen anderen Weihnachtsbasaren, finden in jedem Jahr in Hamburg an zwei Wochenenden jeweils von Freitag bis Sonntag die traditionellen Weihnachtsbasare der skandinavischen Kirchengemeinden statt. Im Hafen, schräg gegenüber (rechts) der U- und S-Bahn Station Landungsbrücken, geht von den parallel zur Elbe verlaufenden Straßen „Johannisbollwerk“ bzw.  „Vorsetzen“ die „Ditmar-Koel-Straße“ in nordöstlicher Richtung ab. In dieser einen Straße befinden sich alle vier Kirchen der nordischen Länder. Gleich am Beginn liegt linker Hand die Schwedische Gustaf-Adolfs-Kirche, im späteren Straßenverlauf treffen Sie auf die Finnische, Norwegische und die Dänische Seemannskirche, die sich in dieser Reihenfolge alle direkt hintereinander ebenfalls auf der linken Seite befinden.
Jede Gemeinde richtet ihren eigenen Basar aus. Wählen Sie tunlichst einen der Freitage für Ihr Kommen, dann ist es der Andrang etwas geringer als an den Wochenenden.
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Hamburg - Ditmar-Koel-Straße - Basarzeit - Im letzten Straßenabschnitt die Seemannskirchen von Finnland, Norwegen und Dänemark

Hamburg – Ditmar-Koel-Straße – Basarzeit – Im letzten Straßenabschnitt die Seemannskirchen von Finnland, Norwegen und Dänemark

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Die Basare der Skandinavier sind atmosphärisch sehr schön. Sehr gemütlich! Sie sind kunsthandwerklich geprägt, doch sollten Sie bei den Erzeugnissen nicht zu viel erwarten. Hier sind Hobbykunsthandwerker ver-
treten, keine ausgesprochenen Profikünstler. Was die Basare liebenswert macht, ist die entspannte Stimmung und das Gewirr aus skandinavischen Sprachen. Da sind die Aktionen für Kinder, die Freundlichkeit, der Anblick der farbenfrohen Trachten, die alle Standbetreiber tragen und nicht zuletzt der verlockende Duft von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen.
An den Ständen bestimmen die Farben Rot und Weiß ganz besonders das Bild. Den Elch als Motiv werden Sie häufig finden. Es gibt Dekorationsartikel aus Holz, Stoffe, handgearbeitete Decken, Gestricktes, Kinderkleidung, Kerzen, Schmuck, aber auch Bücher, skandinavische Musik (CDs), Leckereien etc.

Der schwedische Basar wird zwar im Erdgeschoss abgehalten, doch steigen Sie bei der Gelegenheit in der Schwedischen Seemannskirche einmal die Treppen hinauf in den 1. Stock. Dort ist der eigentliche Kirchensaal, in den etwa 300 Kirchenbesucher hineinpassen.
Man hat 2007 zum 100jährigen Bestehen der Gustaf-Adolfs-Kirche viele irgendwann einmal übermalte Kunstwerke an den Wänden wieder freigelegt. Jetzt sind die alten Christusbilder oder auch Nikolaus von Myra, der Schutzpatron der Seefahrer, wieder zu sehen. Oder betrachten Sie das Votivschiff „Gustaf Adolf“, das dort hängt! Ein sehr schönes Modell einer Dreimastbark mit vielen Schnitzereien! Erbaut und übergeben wurde sie der Kirche durch Kap Hoornier Hans Freyholz, der auf diesem Schiff Kapitän war.
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Hamburg - An dem Tag fand sogar eine Hochzeit bei den Skandinaviern statt ...

Hamburg – An dem Tag fand sogar eine Hochzeit bei den Skandinaviern statt …

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Bei den Finnen und Norwegern, steht zusätzlich noch etwas mehr für das leibliche Wohl  zur Auswahl. Dort hat man außerhalb der Gebäude schon zahlreiche Stände mit nationalen Spezialitäten aufgebaut und Gäste können sich bei kaltem Wetter mit Glühwein warmhalten.
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Hamburg - Ditmar-Koel-Straße - Die Dänische Seemannskirche

Hamburg – Ditmar-Koel-Straße – Die Dänische Seemannskirche

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Die Dänen, ganz am Ende der Ditmar-Koel-Straße ansässig, verlangen offiziell einen Euro Eintritt, doch der wird gar nicht immer einkassiert. Man kann offenbar auch freiwillig etwas in einer Spendendose hinterlassen. Doch dadurch, dass in der Presse wieder von einer Eintrittsgebühr die Rede war, herrschte etwas weniger Zulauf als in den anderen Kirchen. Sie kommen dort besser durch. (Mag sein, dass es auch tages- und zeitenabhängig ist.)
Bei den Dänen gibt es im Garten sogar Hot Dogs zur Verköstigung und trotz später Jahreszeit wird der Grill angeworfen.

Vielleicht schauen Sie im nächsten Jahr einmal vorbei bei unseren nordischen Nachbarn.
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Altonaer Weihnachtsmesse 2017 im Altonaer Museum

Was sich in meinen Augen auch sehr lohnt, ist ein Besuch der Altonaer Weihnachtsmesse im Altonaer Museum. Gerade bei dauerhaft ungemütlichem Wetter, wenn die Märkte draußen nicht so locken können, ist
dies eine sehr schöne Alternative.

Diese Veranstaltung findet an drei hintereinander folgenden Tagen (Fr, Sa, So) in der Adventszeit statt. Der Eintritt beträgt 5,- Euro, berechtigt aber gleichzeitig zum Besuch des Museums. (Alle unter 18 J. haben sogar freien Eintritt.)

Da sich der Kunsthandwerkermarkt über mehrere Stockwerke erstreckt und dort jeweils in den Foyers und breiteren Gängen aufgebaut ist, können Sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie sehen die Exponate der Museumsausstellung und können sich dabei in den verschiedenen Etagen die Weihnachtsmesse zu Gemüte führen. Speziell im zweiten und dritten Obergeschoss stimmt das Ambiente exzellent, denn dort befinden sich Untere bzw. Obere Bauernstube. Sie haben teilweise den Eindruck, die Stände der Kunst-
handwerker befänden sich in einem altehrwürdigen Gemäuer oder auf einem uralten Dachboden.

Auf der Weihnachtsmesse stellen mehr als 70 vorwiegend norddeutsche Kunsthandwerker und Designer ihre Werke aus. Das Schöne daran ist, es sind thematisch nicht ausschließlich weihnachtlich geprägte Erzeugnisse, und abseits des Kunsthandwerks findet zusätzlich Programm statt. Die Modelleisenbahn des Museums ist in Betrieb, es werden kleine Theatervorstellungen gegeben, Familien können sich führen lassen, man hört Märchen, und diesmal fand an einem der Tage sogar ein Poetry Slam im Galionsfigurensaal statt.

Sie wissen, es lässt sich leider in Räumen oder Museen nicht überall fotografieren, d. h. man darf es vielleicht noch für den Privatgebrauch, kann es aber nicht veröffentlichen. Ich hätte Ihnen wirklich gern Fotos mitge-
bracht, doch muss mich nun leider damit begnügen, Ihnen mittels Text eine Vorstellung zu vermitteln.

Sie glauben gar nicht, was es da alles Unterschiedliches gibt! Natürlich ist für Bücherfans für jeden Geschmack und jedes Interesse etwas dabei. Das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.

Wenn Ihnen jemand sagt, es wird viel Selbstgestricktes, Handgefilztes, Gesticktes und Genähtes präsentiert, hört sich das unter Umständen noch gar nicht so prickelnd an. Doch interessant ist, was alles daraus entsteht!
Neben den obligatorischen Schals, Mützen, Socken, Handschuhen oder Kindersachen, gab es in Altona nämlich auch Rucksäcke, Wachstuchbeutel, Handytaschen, Umhängetaschen aus Segeltuch und LKW-Planen, etwas mit Hamburg-Fotos, handgewebte Schals, ungewöhnliche Kulturtaschen, Kissenhüllen, Quilts für Kinder, Schürzen, Schmuckrollen, Krabbeldecken, Tischläufer, Wendemützen, Seidenschals, Designkleidung, hand-
bedruckte Tischwäsche, Häkeltiere, Stulpen, Pulswärmer, strickgefilzte Taschen, andere mit Federn und bestimmt noch einiges mehr, was ich schon gar nicht mehr erinnere.

Es ging munter weiter mit Ölbildern, Plastiken, Grafiken, Zeichnungen, Objekten aus Holz und Stein, mit Buchbindetechnik, Sieb- und Stempeldruck. Dazu Windlichter, Papier- und Glasschmuck, Bernsteinschmuck oder auch Kacheln, die ein gemaltes Dekor erhielten. An wieder anderer Stelle kreative Gutscheinver-
packungen, dazu selbstgemachte Marmeladen und Schokoladen, eingelegte Gurken und Säfte aus eigener Herstellung.
Also eine extrem bunte Mischung!
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Besonderes

Es gibt bei Ausstellungen Stände, deren Auslaget mich persönlich gleich magisch anzieht. Im Altonaer Museum war es das Angebot an Stempeln mit recht ausgefallenen Motiven. Ein extrem fein dargestelltes Ginkgo-Blatt (Rima A. Görler, Design-Stempelkunst) hatte es mir besonders angetan.
Vielleicht hätten Sie so wie ich automatisch an einem Stand gestoppt, welcher diverse Lampen präsentierte, deren Sockel /Standfüße alle aus Treibholz hergestellt wurden. Sehr schöne Werke! (Kunsthandwerk Bernd Kasten)

Was gleich zum Hinsehen reizt, aber nicht unbedingt jeder – weil doch sehr speziell – vom Stil her tragen möchte, ist Schmuck aus recycleter Elektronik (TRANSFORMATOR). Genauso außergewöhnlich wirkt Naturschmuck (Henning Seibt).

Taschen

Beinahe hätte ich zugegriffen bei der Tasche eines Künstlers, der sich „Herr Rüdiger“ nennt.
Herr Rüdiger betreibt ein Upcyling. Er verwendet als Material u. a. ausrangiertes Leder und Skai von Autositzen (Rückseite). Er kombiniert es z. B. gern mit Gobelinstoffen, die sehr unterschiedliche Dessins haben. Seine Umhängetaschen mit Überschlag bestehen also vorwiegend auf der Rückseite aus Leder, aus dem auch der Tragegurt und Verstärkungen gefertigt sind. Vorne besticht die Tasche durch ein farbiges Motiv auf Gobelin.
Es gab ein Modell „ Abbey-Road“, ein anderes zierte ein Hirsch mit imposantem Geweih. Mein Favorit allerdings war eine Tasche, bei der es so wirkte, als wären vorne Bücher liegend aufeinandergestapelt. Man schaute nun auf die Buchrücken von alten, dicken Wälzern mit gefühlt kostbaren Einbänden, die in sehr warmen Farben gehalten waren. Für jemanden, der gern liest, eine wunderbare, persönliche Tasche, in die einiges hineinpasst, die stabil gearbeitet ist und die durch das Gobelinmaterial sehr viel edler wirkt, als mit einem Überklappteil, das lediglich aus bedrucktem Stoff ohne Struktur gefertigt wäre.
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Kunstblumen

Ganz zuletzt muss ich doch einmal fragen, ob Sie schon wussten, dass es Kunstblumen aus Fischschuppen gibt! (Die übrigens klasse aussehen!) Geläufig sind einem viel eher Seidenblumen oder die sehr billig produzierten, fürchterlichen Plastikblumen, die Sie als Gewinn für Schießtreffer auf Jahrmärkten ergattern.

Man kann jetzt nicht behaupten, dass es komplett neu wäre, Fischschuppen so zu nutzen, denn sogar bei Klosterarbeiten im 19. Jahrhundert hat es bereits bei uns in Deutschland diese eigenwillige Art der Blumenherstellung gegeben. Wer aber letztendlich – vielleicht schon Jahrhunderte davor – als erster die Idee dazu hatte, das lässt sich wahrscheinlich gar nicht mehr feststellen.

Auf der Weihnachtsmesse waren es Blüten, die aus Südamerika kamen. Sie werden dort im Norden Brasiliens von den Bewohnern eines Dorfes, vorrangig von Fischerfrauen, angefertigt, die in diesem Fall im Auftrag einer deutschen Firma („Meerblume“) arbeiten, die sie importiert. Die Blumen, nicht die Frauen.
Es gibt bei den Fischen unterschiedliche Schuppenarten und -formen (Plattenschuppen, Schmelzschuppen, Kammschuppen u.s.w. ). Bestimmte lassen sich – nach entsprechender Vorbehandlung – für das Kunst-
handwerk gut verwenden. Sie werden zunächst nach einem besonderen Prinzip getrocknet, danach vermutlich u. a. größenmäßig vorsortiert, und da Sie sie jetzt nicht sehen können, versuche ich eine Beschreibung ihres Aussehens.

Stellen Sie sich vielleicht am besten die Form von Kartoffelchips vor. Auch das leicht Gewölbte bzw. Gewellte daran. Die Schuppen sind cremefarben, wirken teils etwas wachsartig, teils sogar ein bisschen elfenbein- oder perlmuttartig. Sie fühlen sich weder warm noch kalt an, sondern in etwa so, als würden Sie dickeres Kamm-
material zwischen den Fingern halten. Etwas nachgiebiger. Sie lassen sich bearbeiten.

Aus diesen einzelnen Schuppen und Schüppchen, werden äußerst kunstvoll wunderbare Blütenformen zu-
sammengesetzt, die sehr den Originalblüten von gefüllten Pfingstrosen (Päonien), Rosen überhaupt, Dahlien oder auch zartem Feldmohn entsprechen. Andere werden eher wie kleine, rundliche Tuffs zusammengebastelt, so dass diese – auch farblich – dem luftigen Wollgras im Moor verdammt ähnlich sehen.
Ich kann Ihnen nicht sicher sagen, ob es schon von Natur aus dunkleres oder andersfarbiges Schuppenmate-
rial gibt oder ob es sich vielmehr um eingefärbte Schuppen handelt, denn außer cremefarbenen Mohnblüten, werden auch welche in einem Lachs-/Orangeton angeboten. Hm, lachsfarben? Tja, da nun der Lachs als Fisch zwar Fleisch in dieser Farbe hat, nicht jedoch solche Schuppen, bin ich in dieser Hinsicht ein bisschen überfragt.

Eine Blüte kann schlecht alleine daherkommen und in der Luft schweben, deshalb müssen passende Stiele gefertigt werden. Die sind allerdings nicht aus Fischschuppen. Hierzu verwendet man so etwas wie sehr feine Bambusröhrchen, Schilfhalme oder greift speziell bei den hohen Stielen auf dünne Weidenruten zurück.
Als besondere Einzelblüte – oder als Duo mit unterschiedlicher Höhe – in einer formschönen (Glas-)Vase, dabei vielleicht in Kombination mit einem Zweig Korkenzieher-Haselnuss stelle ich mir das sehr apart vor …
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So, mittlerweile dürfte auch Ihre zweite Tasse Kaffee leer sein, der Bedarf mehr als gedeckt, ganz zu schweigen von dem Couchhockbedürfnis. Und Ihre Zeit! Oha, oha …
Wie immer darf man gar nicht erst ins Klönen kommen. Dann vergehen die Minuten und Stunden wie im Flug.
Sie haben aber vielleicht gemerkt, dass Basare und besondere Kunsthandwerkermessen in der Weihnachtszeit in Hamburg durchaus einen Besuch wert sind. Im nächsten Jahr gibt es für Sie wieder eine neue Chance, daran selbst teilzunehmen.
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Ich verabschiede mich für dieses Jahr, sage danke schön für das regelmäßige Mitlesen, Ihre vielfältigen Reaktionen, den regen Austausch, den überaus netten Kontakt zu meinen Lesern sowie den vielen Bloggerkollegen aus aller Welt. Liebe Blogstammgäste, speziell Ihre Anteilnahme hat mich im zurückliegenden Jahr ganz besonders berührt!
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Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie nicht nur gut in das neue Jahr hineinkommen, sondern das 2018 auch ein glückliches, möglichst gesundes Jahr für Sie wird. Es möge Ihnen viel Erfreuliches bescheren, doch helfen Sie kräftig mit, dass der positive Zustand erreicht wird und möglichst lang anhält! Da lässt sich tatsächlich einiges durch Verhalten, Einstellung, Gedanken etc. mit beeinflussen. Im Guten wie auch im Schlechten!
Ersteres ist dabei viel erstrebenswerter, fnden Sie nicht auch?
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Bis demnächst! Ich freue mich auf Sie!
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Regenbogen (Halbkreis) in Hamburg am 16.12.2017

Ein Ihnen hoffentlich Glück bringender Regenbogen zum Start in das Jahr 2018!

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PS
Ich habe eine direkte Verlinkung zu Herstellern unterlassen, da ich überhaupt keine Lust habe, hier deshalb alles als Werbeblock zu kennzeichnen. Es ist meine ureigene, private Meinung, keine Verkaufsankurbelung.  Ich erziele durch meine Vorstellungen und Erwähnungen hier im Blog keinerlei Einkünfte. Es gefällt mir einfach.
Die aufgeführten Namen helfen Ihnen ggf. hoffentlich bei Interesse trotzdem bei Ihrer Suche im Netz.

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© by Michèle Legrand, Dezember 2017
Michèle Legrand

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52 Kommentare

Zwischen Altstadt und Neustadt (1) – Ein neuer Streifzug durch Hamburg

Etwa 1:14. In Hamburg. Würde ich schätzen. Zwischendurch einmal, sehr großzügig ausgelegt, 1:8. Ich spreche vom Verhältnis grauer Tage mit verhangenem Himmel und Regen zu Tagen mit blauem Himmel und Sonnen-
schein. Die Eins steht dabei leider nicht für das Schietwetter, sondern für den mickrigen Schönwetteranteil.
Nicht schön. Was bei vielen Hamburgern in diesem Jahr vermutlich im umgekehrten Verhältnis 8:1 zutrifft, ist
der Regenschirmverschleiß.

Wie sieht es aus? Hätten Sie Lust, heute wieder mit auf Erkundung zu gehen? An einem der „Einsertage“ mit Sonne? Man muss sich das andere ja nicht unbedingt antun.
Mein heutiger Streifzug bewegt sich zwischen Alt- und Neustadt. In Hamburg grenzt beides aneinander, was sich logisch anhört, aber nicht zwangsläufig der Fall sein muss. Mir ist aufgefallen, dass vielen Besuchern und ebenso Einheimischen gar nicht klar ist, wo eigentlich was ist, bzw. wo welcher Bereich anfängt oder endet.
Eine Bemerkung wie: „Der große Brand im Mai 1842 brach damals in der Altstadt aus!“ oder „Ich war in der Neustadt zum Weihnachtsbummel“ löst daher gar nicht selten fragende Blicke aus und enthält offensichtlich keine hilfreiche Ortsinformation.

Wenn Sie Hamburg auf der Karte vor sich sehen, orientieren Sie sich an der Binnenalster, die ist gut zu finden. Östlich von diesem See befindet sich die Altstadt. Um die nördliche Grenze zu erahnen, peilen Sie rechts oberhalb der Binnenalster die Kunsthalle an, schweifen mit dem Blick weiter nach Westen über den Haupt-
bahnhof
hinaus bis zu den Deichtorhallen und bewegen sich von dort aus südlich Richtung Hafen und Elbe. Grobe Richtung Elbphilharmonie. Am Binnenhafen und noch östlich der U-Bahn-Station Baumwall ist Schluss.

Die Neustadt hingegen beginnt genau dort. Sie endet, Richtung Westen geschaut, jedoch bereits wieder kurz vor den Landungsbrücken, verläuft Richtung Norden etwa am Alten Elbpark vorbei, führt entlang der Park-
anlage Planten und Blomen
, dann östlich, weiter, bis Sie auf Lombards- und Kennedybrücke stoßen, die, direkt nebeneinander verlaufend, die Wasserverengung zwischen Binnen- und Außenalster überspannen und Ihnen als optische Grenzlinie prima dienen.

Rathaus, Mönkebergstraße, Kontorhausviertel mit Chilehaus, die Hauptkirchen St. Katharinen, St. Petri und
St. Jacobi, Nikolaifleet, das Mahnmal St. Nikolai, die Deichstraße, die berühmte Speicherstadt
etc., das alles
sind Teile der Altstadt, wohingegen Binnenalster, Alsterarkaden, Jungfernstieg, Alte Post, Gänsemarkt, Oper, Fleetinsel, Großneumark, viele Galerien oder bekannte (und teure) Einkaufsstraßen wie Neuer Wall oder Große Bleichen zur Neustadt zählen. Auch der Michel (Hauptkirche St. Michaelis) befindet sich auf Neustadtgebiet!

Die heutige Tour hält für Sie recht unterschiedliche Eindrücke parat. Lassen Sie uns in Höhe der U-Bahn-Station Meßberg starten, d. h. auf Altstadtterrain. Nicht auf Anhieb die schönste Stelle der Stadt, denn beim Auftauchen aus dem Untergrund, stehen Sie direkt an der mehrspurigen Willy-Brandt-Straße. Eine lärm-
intensive, da vielbefahrene Querverbindung, die früher daher den Namen Ost-West-Straße trug.
Ihnen begegnen dort und im Umkreis allerdings auf verhältnismäßig kurzer Strecke höchst unterschiedliche Bauwerke. Verlassen Sie zusätzlich die Hauptstraße und biegen in eine der Nebenstraßen, ändert sich die Szenerie noch einmal kolossal.
Sie sollten beim Erkunden in Hamburg ein bisschen von dem vielleicht gängigen Muster abweichen. Vergessen Sie Stadtplan, Smartphone mit Navi, unumstößliche Pläne und die reinen Touristenhighlights, die dann Punkt für Punkt angesteuert und abgehakt werden. Wer wenig Zeit hat und das allererste Mal in der Hansestadt ist, dem sei es so verziehen, doch spätestens beim zweiten Mal marschieren Sie ohne feste und enge Zeitvorgabe einfach los.
Vor dem sich Verlaufen muss man in Hamburg keine große Angst haben. Hier ragt immer irgendwo ein großer Kirchturm als Orientierungshilfe über die Dächer der Häuser (und für den äußersten Notfall haben Sie ja wahrscheinlich doch Ihre Technik dabei).
Wenn Sie darauf verzichten, immer nur Einzelziele wahrzunehmen und von der Liste abzuhaken und stattdessen die Wege mit genießen, dann geht es Ihnen vielleicht so wie mir: Das für mich Schönste habe ich immer dann entdeckt, wenn ich losspaziert bin und dort gehalten habe, wo mir etwas ins Auge stach oder ich – ausgelöst nicht nur durch optische Reize, sondern auch durch Geräusche und Gerüche – wie unter Zwang spontan ab-
biegen musste. Sie warten dann förmlich auf einen, die Kontraste auf kleinstem Raum, Unvermutetes und Verblüffendes hinter unauffälligen Türen oder Zeugnisse alter Zeiten.

Vom U-Bahn-Ausgang Meßberg geht es westwärts. Sobald Sie die Richtung Hafen abzweigende Straße Brands-
twiete
überquert haben, taucht auf der linken Seite (Willy-Brandt-Str. 47) die Privatbrauerei Gröninger auf. Sie erinnern sich? Eine historische Hamburger Brauerei mit einem seltsam anmutenden Spruch an der schweren Holzeingangstür, der noch Bezug zu längst vergangenen Tagen hat.
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Hamburg - Altstadt - Brauhaus und Braukeller Gröninger - Die Warnung an der Tür ...

Hamburg – Altstadt – Brauhaus und Braukeller Gröninger – Die Warnung an der Tür …

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Sie können es lesen? Ja? Früher wurde eben mittwochs für das Bierbrauen u. a. Wasser aus dem Nikolaifleet benötigt. Wenn Sie mehr erfahren möchten, am Ende dieses Artikels ist der entsprechende Link zu einem früheren Blogbeitrag (mit weiteren Fotos).
Das bei Gröninger selbstgebraute Bier können Sie bis heute (nun ohne Verwendung von Fleetwasser) im Braukeller in den alten Kellergewölben trinken und dabei rustikal auf alten Holzbänken Platz nehmen. Das Brauhaus (Speisenangebot) befindet sich darüber.

Apropos Nikolaifleet, bzw. Wasser und geschichtliche Sonderlichkeiten. Mir fällt in dem Zusammenhang gerade etwas ein. Ich habe am Freitagabend eine Folge der englischen Serie „Lewis“ gesehen. Sie spielt in Oxford, einer Stadt, die wie Hamburg viele schöne Ecken am Wasser hat. Sorgen hier Elbe, Alster und Bille dafür, so sind es in Oxford Themse und Cherwell.
Es ging u. a. um eine generell recht einfallsreiche Kunststudentin, die neben dem Studium Führungen für Touristen leitete und dabei in ihren Erläuterungen nicht so ganz bei der – in ihren Augen – etwas unspekta-
kulären (historischen) Wahrheit blieb. Um ihren Zuhörern mehr Spannung zu verschaffen, erdachte sie kurzerhand das ein oder andere ausgefallene, leicht haarsträubende oder pikante Detail. Ein Krokodil sollte
es angeblich in Oxfords Gewässern geben, und die Rede war von namentlich recht bekannten Personen der Geschichte, denen sie Aufenthalte und Aktivitäten in der Universitätsstadt andichtete, obwohl sicher nicht ein Einziger der Erwähnten jemals Oxford auch nur näherkam.
Solche Veräppelung würde ich mir mit Ihnen natürlich nicht erlauben. Nie! Spannung hin oder her.
Wussten Sie eigentlich, dass hier im Nikolaifleet 1953 ein Hai gesichtet wurde …?
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Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - Im Hintergrund Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet – Im Hintergrund Mahnmal St. Nikolai

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Nur wenige Schritte weiter befindet sich das Asiahaus. Seine Vorderfront ist rein farblich betrachtet eher unauffällig. Dennoch ist die Sandsteinfassade im Jugendstildekor markant und bei näherer Betrachtung auch ungewöhnlich, denn sie hat zusätzlich einige Motive mit sehr asiatischem Anklang. Hier, im 1900 erbauten Gebäude, beschäftigte man sich früher mit dem Handel nach Fernost. Es gibt – weniger asiatisch – allerdings auch einen Reichsadler, der oben den Giebel ausfüllt …
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Hamburg (Altstadt) - Asiahaus - Sandsteinfassade mit fernöstlichen Motiven und dem Reichsadler ...

Hamburg (Altstadt) – Asiahaus – Sandsteinfassade mit fernöstlichen Motiven und dem Reichsadler …

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Das Asiahaus ist eines dieser einzeln stehenden Kontorhäuser außerhalb des bekannten Kontorhausviertels (mit dem markanten Chilehaus, dem Sprinkenhof etc.), die es sowohl in Alt- als auch Neustadt gibt. Diese ganz speziellen Gebäude entstanden um die Jahrhundertwende und bestechen bis heute besonders durch die oft prunkvolle Gestaltung ihrer Foyers und Treppenhäuser. (Am Ende des heutigen Beitrags finden die Interessierten unter Ihnen Links zu früheren Blogposts, die sich speziell mit dem Thema „Kontorhäuser“ befassten!)
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Hamburg (Altstadt) - Asiahaus - Eingangsverzierung mit Namenszug - Willy-Brandt-Straße 49

Hamburg (Altstadt) – Asiahaus – Eingangsverzierung mit Namenszug – Willy-Brandt-Straße 49

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Hamburg (Altstadt) - Asiahaus - Innenhof

Hamburg (Altstadt) – Asiahaus – Innenhof

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Auch im Asiahaus ist das Gebäudeinnere besonders sehenswert! Die Glaseinsätze der Türen haben zum Teil Sprossen, die Eingangshalle kann mit einem länglich-ovalen Oberlicht punkten. Die Treppenhauswände sind mit kleinformatigen, hellen, quadratischen Kacheln in den Tönen beige/creme dekorativ gefliest. Speziell im Foyer taucht hier und dort dunkel abgesetzt ein Dekor auf. Senkrechte Streifen, Einfassungen, einzelne, betonende dunkle Quadrate. Dazu Deckenschmuck, eine schöne Ausleuchtung, Treppen und Säulen aus poliertem Marmor mit Goldverzierungen im unteren Säulenbereich und natürlich das Treppengeländer! Ein sehr gefälliges Jugendstil-Treppengeländer, das sich durch sämtliche Geschosse zieht. Die weich geschwungenen Formen der Metallstreben mit ihren zusätzlich kunstvoll eingearbeiteten Elementen nehmen die hellen Töne des Marmors auf, der Holzhandlauf setzt sich hingegen in einem warmen Dunkelbraun ab.
Foyers und Treppenhäuser sollten etwas „hergeben“,  für etwaige Besucher des Handelsunternehmens einen Ort mit repräsentativem Charakter darstellen. Man wollte potentiellen Kunden oder einem wichtigen Lieferanten damit gleich demonstrieren, dass es der eigenen Firma wirtschaftlich gut ging.

Ich sprach vorhin von Kontrasten. Schauen Sie dazu einmal hinüber auf die andere Straßenseite. An der Ecke Willy-Brandt-Straße/Domstraße steht ein im Gegensatz dazu relativ neuer Bau, das Zürich-Haus, 1989-1992 erbaut und damit ganze 90 Jahre jünger. Es ist ebenfalls ein Kontorhaus, bei dem man bewusst Klinker in der Art und Farbe verwendet hat, die schon früher für die Bauten im Kontorhausviertel üblich waren. Nur da dieses Gebäude an – wie wir wissen – sehr befahrenen Straßen liegt, beschloss man, sich gegen Lärm und Staub ein bisschen mehr abzuschotten. Und zwar mit Glas, um nicht gleichzeitig auch das Licht auszusperren. Zwei große, gläserne Eingangshallen gibt es (Sie können die Kuppeln ganz gut oben auf dem Dach erkennen) und zu uns hinüber, Richtung Willy-Brandt-Straße, wurde vor die eigentliche Fassade noch eine konvex geschwungene Glasfront gesetzt.
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Hamburg (Altstadt) - Zürich-Haus - Domstraßenseite (Archivfoto)

Hamburg (Altstadt) – Zürich-Haus – Domstraßenseite (Archivfoto)

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Hamburg (Altstadt) - Zürich-Haus - Lichtdurchflutete Eingangshallen ...

Hamburg (Altstadt) – Zürich-Haus – Lichtdurchflutete Eingangshallen …

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Hamburg (Altstadt) - Zürich-Haus - Die eigentliche Fassade im Klinkerstil alter Kontorhäuser ....

Hamburg (Altstadt) – Zürich-Haus – Die eigentliche Fassade im Klinkerstil alter Kontorhäuser ….

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Hamburg (Altstadt) - Zürich-Haus - Domstraßenseite (Archivfoto)

Hamburg (Altstadt) – Zürich-Haus – Domstraßenseite (Archivfoto)

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An dieses moderne Haus grenzt wiederum auf der anderen Seite ein Kontorhaus aus dem Jahre 1899, das Afrikahaus. Einst für das Handelsunternehmen C. Woermann errichtet, welches die Woermann-Linie und die Deutsche Ost-Afrika-Linie betrieb. Das heißt, die Firma war intensiv im Geschäft mit einigen afrikanischen Ländern, was Einfluss auf den Baustil des Hauses und seine dekorativen Elemente hatte.
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Hamburg (Altstadt) - Afrikahaus (Woermann)

Hamburg (Altstadt) – Afrikahaus (Woermann)

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Das Afrikahaus steht bereits seit 1972 unter Denkmalschutz. Als man es 1999 sanierte, hat man aufgepasst, dass genau seine Stilmerkmale erhalten blieben. So sind bis heute die Gusseisen-Stützen vorhanden, es gibt die Kappendecken oder auch die Stiltüren ebenso wie das Wandmosaik mit den afrikanischen Motiven und die beiden Elefanten am Portal.
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Hamburg (Altstadt) - Afrikahaus - Eingang zum "Elefantenhaus" (Links und rechts der Eingangstür stehen zwei große gusseiserne Elefanten)

Hamburg (Altstadt) – Afrikahaus – Eingang zum „Elefantenhaus“

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Hamburg (Altstadt) - Afrikahaus - Bronzestatue eines afrikan. Wahehe-Kriegers

Hamburg (Altstadt) – Afrikahaus – Bronzestatue eines afrikanischen Wahehe-Kriegers

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Doch wurden andererseits – natürlich eingschränkt – auch Veränderungen zugelassen. So erfolgte eine moderne Rekonstruktion des im Krieg zerstörten östlichen Flügels und des „Elefantenhauses“. Inklusive Aufstockung. Die Flächen sind heute vermietet.
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Hamburg (Altstadt) - Afrikahaus - Einer der gusseisernen Elefanten von Carl Börner

Hamburg (Altstadt) – Afrikahaus – Einer der gusseisernen Elefanten von Carl Börner

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Vom Zürich-Haus nebenan über die Domstraße auf die gerade gegenüberliegende Ecke geschaut, entdecken Sie direkt hinter dem Nikolaifleet an der Trostbrücke den Laeiszhof. Ein weiteres – Sie werden es ahnen – Kontorhaus, welches ich dringend von drinnen anzuschauen empfehle! Deshalb habe ich über dieses Gebäude im Blog bereits ein bisschen mehr berichtet. (siehe Link unten). Der Laeiszhof  ist eines der wenigen Gebäude, in denen sich sogar noch funktionierende Paternoster finden!
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Hamburg - Altstadt - Blick von der Domstraße Richtung Laeiszhof (eigenes Archivbild)

Hamburg – Altstadt – Blick von der Domstraße Richtung Laeiszhof (eigenes Archivbild)

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Was Sie natürlich auf dem Spaziergang schon die ganze Zeit gar nicht übersehen konnten, ist das Mahnmal St. Nikolai.
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Hamburg - Altstadt - Mahnmal St. Nikolai - Blick von der Neustadt aus nach Osten

Hamburg – Altstadt – Mahnmal St. Nikolai – Blick von der Neustadt aus nach Osten

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Hier einmal die Ansicht, die sich Ihnen bietet, wenn Sie nicht vom Meßberg, sondern von der anderen Seite, aus der Neustadt kommend, auf die Kirchenruine zulaufen. Hinten rechts können Sie in dem Fall die Hauptkirche St. Katharinen erkennen.

Von der eigentlichen Kirche St. Nikolai, 1874 nach einem neugotischen Entwurf fertiggestellt, blieb nach dem Zweiten Weltkrieg nicht viel übrig. Ein Großteil bereits im Bombenhagel 1943 zerstört, ein weiterer Teil 1951 im Nachhinein abgerissen, doch der Turm und ein Teil der südlichen Außenmauer sowie die Wände des Chors blieben erhalten. Heute ist es keine (wiederhergestellte) Kirche mit Gottesdiensten, sondern eine Ruine, die zur Gedenkstätte mit Museum und Dokumentationszentrum wurde. Dieser neu geschaffene Ort soll an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft der Jahre 1933-1945 erinnern.
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Hamburg - Altstadt - Mahnmal St. Nikolai - Die Mauerreste ...

Hamburg – Altstadt – Mahnmal St. Nikolai – Die Mauerreste …

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Hamburg - Altstadt - Mahnmal St. Nikolai (Torbogen im Außenbereich)

Hamburg – Altstadt – Mahnmal St. Nikolai

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Wenn Sie einmal das Mahnmal besuchen, gehen Sie auch dorthin, wo einst das Kirchenschiff war und hören Sie zu, wenn das Carillon erklingt. Heute ist an dieser Stelle nur ein offener Hof, aber das Glockenspiel ist trotz Straßenlärm von nebenan nicht zu überhören. Das Carillon ist ein Instrument mit 51 Glocken. Wenn Sie die Gewichte aller Glocken (von klein wie Saftglas bis groß wie Riesenkübel) zusammenzählen, kommen Sie auf immerhin 13 Tonnen Metall!
Von diesen unterschiedlich großen, tönenden Kelchen führen Seilzüge zu einem Glashäuschen im Turm, das Sie erreichen, sobald Sie ungefähr 50 Stufen erklommen haben. In diesem Häuschen steht ein Spielpult mit Holztasten. Tasten und Glocken sind über die Seilzüge miteinander verbunden. Sobald oben ein Kundiger auf die Tasten schlägt (schon mit Kraft!), erklingt die entsprechende Melodie im Hof.
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Hamburg - Altstadt - Mahnmal St. Nikolai - Carillon (Glockenspiel am Turm mit Glashaus und Spielpult)

Hamburg – Altstadt – Mahnmal St. Nikolai – Carillon

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Der Turm von St. Nikolai misst stolze 147,3 Meter. Mit dieser beachtlichen Höhe war er im 19. Jahrhundert sogar zeitweise das weltweit höchste Bauwerk! Der Michel in Hamburg ist dagegen „nur“ 132 m hoch, die Hauptkirche St. Petri an der Mönckebergstraße kommt auf das gleiche Maß.
In der Turmruine von St. Nikolai können Sie bis zu einer Höhe von 76 m hinauf. Mit einem gläsernen Fahrstuhl, den es seit 2005 gibt und der sie zu einer Aussichtsplattform bringt. Ein Ausblick von dort lohnt sich!

Wir hatten hier während der letzten drei, vier Jahre ein komplett eingerüstetes Mahnmal, denn 2011 kam ein ziemlich großer Steinbrocken (10 kg Gewicht!) vom Turm heruntergerauscht und fiel auf die Willy-Brandt-Straße. Gutachter sahen das als mehr als kritisch an und empfahlen, am Turm dringend etwas zu tun.
Eine grundlegende Sanierung stand an. Immerhin mussten um die dreitausend Steinblöcke in den unter-
schiedlichsten Höhen ausgetauscht werden, dazu das Mauerwerk neu verfugt werden. Dafür werden Fachleute benötigt – und man kommt nicht so mir nichts dir nichts an alles heran! Was wiederum bedeutet, neben der eigentlichen Sanierungsarbeit, ist allein schon der Gerüstauf- und abbau bei einem Bauwerk dieser Größen-
ordnung eine enorm aufwendige und jeweils viele Monate in Anspruch nehmende Aktion.
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Hamburg - Altstadt - Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet am 20. Januar 2016

Hamburg – Altstadt – Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet am 20. Januar 2016

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So ging es 2014 los (wobei ich eigene Fotos wiederfand, die bereits im August 2012 Gerüstteile am Turm zeigen), 2015 und teilweise in 2016 konnten die Arbeiten in der oberen Hälfte ausgeführt werden, d. h. im Bereich zwischen der Aussichtsplattform (76 m) und der Turmspitze (147 m). Ab 2016 war die untere Hälfte an der Reihe.
Vor einigen Monaten startete der Abbau des Gerüsts, und gerade im Moment liegen die Arbeiten in den letzten Zügen. Ein Riesenprojekt nähert sich seinem Ende!
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Hamburg - Altstadt - Mahnmal St. Nikolai - Nov. 2017_Die Reste der Einrüstung ...

Hamburg – Altstadt – Mahnmal St. Nikolai – Nov. 2017_Die Reste der Einrüstung …

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Hamburg - Altstadt - Durchgang am Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Altstadt – Durchgang am Mahnmal St. Nikolai

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Vor zwei Jahren nutzte man den Vorteil des vorhandenen Gerüsts und illuminierte den Turm grün …
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Hamburg (Altstadt) - Mahnmal St Nikolai ganz in Grün - Dez. 2015 - Aktion Cities for Life - Städte für das Leben (Illumination Michael Batz)

Hamburg (Altstadt) – Mahnmal St Nikolai ganz in Grün – Dez. 2015 – Aktion Cities for Life – Städte für das Leben (Illumination Michael Batz)

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Herrschaftszeiten! Wir sind schon eine ganze Weile unterwegs … Was halten Sie davon, wenn wir unsere weiteren Erkundungen für eine nächste Etappe aufheben? Verschoben ist ja nicht aufgehoben.

Kleine Erfrischung zum Ende? Sogar in der zweiten Novemberhälfte sprühen die Wasserstrahlen noch munter vor dem Haus der „Hamburg Süd“.  In den nächsten Nächten muss mit Frost gerechnet werden, sicher ist es dann auch dort mit den Wasserspielen endgültig vorbei für dieses Jahr …
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Hamburg - Altstadt - Willy-Brandt-Straße - Vor dem Bürogebäude der _Hamburg Süd_

Hamburg – Altstadt – Willy-Brandt-Straße – („Hamburg Süd“)

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In nicht allzu ferner Zukunft könnte es hier jedoch weitergehen mit  z. B. St. Katharinen, der Deichstraße, einigen Punkten am Hafenrand
Seien Sie gern wieder mit von der Partie! Es würde mich freuen!
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Abschließend noch die im Text erwähnten Links zu vorangegangenen Blogposts.
Die Kontorhaus-Serie „Stilvolle Treppenhäuser und schöne Fassaden, eigenwilliges Interieur: Der Charme alter Kontorhäuser“ ist über nachstehende Links für Sie aufrufbar:

Eine kleine Einführung

Teil I: Entspannt ein bisschen mehr über das Wesen eines Kontorhauses …

Teil II: Laeiszhof samt Paternoster

Teil III: Hildebrand-Haus

Teil IV: Das Hübner-Haus

Teil V: Das Haus Pinçon

Den Beitrag über das Nikolaifleet und das Bierbrauen in früheren Zeiten finden Sie hierüber:
Bierbrauerei Gröninger – Die Sache mit dem Wasser aus dem Fleet und der Warnung an der Tür

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Bis zum nächsten Mal! Ich denke, sobald sich wieder einer dieser raren „Einsertage“ zeigt …

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© by Michèle Legrand, November 2017
Michèle Legrand

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Hamburg im Herbst / Vogelversammlung an der Kleinen Alster

Am Montagnachmittag war ich kurz in der City und erwischte dabei erfreulicherweise einen der sonnigsten Tage seit Langem. Samt unverschämt blauen Himmel und milden Temperaturen so um die 20 °C.
Scharen von Menschen waren unterwegs. Hamburger, die Gäste aus dem Umland, Touristen. Viele Besucher der Innenstadt zieht es bei Sonne automatisch ans Wasser. Wenigstens zwischendurch. An ein Fleet oder an die Binnenalster, die strategisch günstig liegt. Sie ist von allen Seiten im Nu erreichbar. Dann wird sie schlen-
dernd umrundet, oder man sitzt in Ufernähe und beobachtet das Treiben auf dem Wasser. Eisschleckend. Es entspannen sich die Gesichtszüge und gelegentlich umspielt unbeabsichtigt ein Lächeln die Lippen. Das macht der Sonnenschein. Er verbessert die Laune schlagartig.
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Hamburg - Binnenalster im Herbst - Der alte Dampfer St.Georg ... (Blick Richtung Neuer Jungfernstieg. Im Hintergrund der Fernsehturm.)

Hamburg – Binnenalster im Herbst – Der alte Dampfer St.Georg …

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Hamburg - Herbst an der Binnenalster - Der Anleger Jungfernstieg (mit einigen Ausflugsschiffen. Der Dampfer St. Georg legt gerade ab.)

Hamburg – Herbst an der Binnenalster – Der Anleger Jungfernstieg

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Es wäre auch schade, eine solche Gelegenheit im Oktober nicht zu nutzen. Man muss goldene Herbsttage feiern, wie sie fallen. Die Nase in die Sonne halten. Besonders, da bereits feststand, dass mit Auswirkungen
des Orkans (anfangs Hurrikans) „Ophelia“ noch fest zu rechnen war. Staub aus der nordafrikanischen Sahara bzw. Rußpartikel, entstanden bei portugiesischen Waldbränden, drangen bereits in den Norden und Nordwesten vor. Am nächsten Tag war dann tatsächlich zunächst nichts mehr mit blauem Himmel. Stattdessen blieb es über Stunden verhangen wie durch eine leichte, graue Gardine. Hinter diesem Vorhang zeigte sich allerdings am frühen Dienstagvormittag für ein Weilchen eine ungewöhnliche Lichtscheibe. Eine, die keine ganz klaren Ab-
grenzungen zu besitzen schien und die ein eher diffuses Licht abgab. Die Sonne, die einen erstaunlichen und äußerst seltenen Morgenfarbton, ein extravagantes Orangerot, präsentierte. Es sah faszinierend aus, wirkte zugleich aber fast irreal.
Mein einer Nachbar, dem ich beim Laubfegen begegnete, dachte daher auch zuerst an eines dieser als „Blutmonde“ bezeichneten Phänomene. Die Sonne kam für ihn gar nicht in Betracht.

Sie haben es sicher aus den Medien mitbekommen, es sind alles Auswirkungen der ungewöhnlichen Bestand-
teile in der Luft und der Atmosphäre gewesen. Diese Partikel (Saharasand, Ruß etc.) sorgten dafür, dass die Teile des Sonnenlichts, die kurzwellig und bläulich sind, gestreut wurden und das, was dann vermehrt fürs Auge erkennbar war, waren langwellige Lichtteile, die rötlich erscheinen.
Warum das Schauspiel gerade am Vormittag auftrat?
Je flacher die Sonne steht, desto ausgeprägter der Effekt, denn in dem Fall muss das Licht eine längere Strecke durch die Atmosphäre hinter sich bringen. Gegen Abend verhält es sich logischerweise ähnlich, nur Abendsonnen, die den Himmel in ein Orange oder Rot tauchen und selbst wie ein Feuerball scheinen, sind für uns ja nicht ganz so ungewöhnlich.
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Hamburg - Laubfärbung an der Binnenalster

Hamburg – Laubfärbung an der Binnenalster

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Der Herbst zeigt sich auch in der Innenstadt. Nur scheint in diesem Jahr ein Großteil des Laubs herabzurieseln, bevor die Herbstfärbung überhaupt richtig in die Gänge kommt. „Xavier“ riss wohl vorzeitig viel herunter, und offenbar waren die Nächte noch nicht kalt genug. Es ist, als bräuchten die Gehölze einen derartigen Impuls. Danach schienen bei mir im Garten die Ahornarten oder auch der Ginkgo biloba stets besonders Farbe zu entwickeln. Der Indian Summer fällt also – zumindest bei mir im Norden – etwas sparsamer aus als sonst.
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Hamburg - Binnenalster im Oktober - Noch fahren die Ausflugsschiffe ... (Einer der Fleetenkieker auf dem Weg zur Außenalster.)

Hamburg – Binnenalster im Oktober – Noch fahren die Ausflugsschiffe …

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Hamburg - Lombardsbrücke - Laubfärbung an der Binnenalster

Hamburg – Lombardsbrücke – Laubfärbung an der Binnenalster

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Das Nahrungsangebot in der freien Natur wird für die Wasservögel, die sich an Binnen- und Außenalster niedergelassen haben, allmählich knapper. Da die meisten von ihnen eingefleischte Hamburger sind und im Winter nicht in den Süden ziehen, sind sie jetzt besonders wild hinter den Futtergaben der Spaziergänger her. Erlaubt sind Fütterungen nicht, doch es gibt immer genügend Leute, die sich nicht daran halten. Wenn irgendwo einer mit der Tüte am Ufer knistert, ist das der Startschuss für Massenandrang in Ufernähe und Riesenversammlungen auf dem Wasser.

Das ist auf der Ballindammseite an der Binnenalster ….
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Hamburg - Binnenalster (Seite Ballindamm) - Schwäne und andere Wasservögel
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… genauso der Fall wie auf der Kleinen Alster, dem Wasserbereich direkt vor den Alsterarkaden, zwischen Reesendammbrücke und der Rathausschleuse.
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Hamburg - Kleine Alster - Gänse, Schwäne und Möwen

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Mit mir betrachteten zwei Touristen das Treiben, ein Ehepaar aus Graz, wie sich bald herausstellte.
„Oh, ist hier was los! So viele Schwäne!“, hatte sie gerufen und ihren Mann wild angestupst, weil er bisher hauptsächlich die Alsterarkaden im Blick hatte. „Hast du schon mal so viele auf einmal gesehen?“ Und in
meine Richtung schauend, fragte sie: „Sind Sie von hier? Ist das immer so?“
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Hamburg - Kleine Alster - Schwanentreffen ...

Hamburg – Kleine Alster – Schwanentreffen …

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„Ja, ich bin von hier“, beantwortete ich den ersten Teil ihrer Frage und verriet ihr, dass sich vor ihr längst noch nicht alle Schwäne versammelt hatten, die es an der Alster gibt.
„Es gibt NOCH mehr davon?“ Sie schaute ungläubig. „Und sind die ständig da?“

Offenbar hatte sie von unseren berühmten Alsterschwänen bisher noch gar nicht gehört. Bis nach Graz schien es sich nicht herumgesprochen zu haben, dass sie schon seit ewigen Zeiten Hamburgs lebende Wahrzeichen sind.
Ich klärte sie daraufhin ein wenig auf und da beide, auch ihr Mann, höchst interessiert reagierten und mehr erfahren wollten, gerieten wir ins Plaudern.

„Im letzten Jahr, d. h. in 2016, gab es ungefähr 120 Schwäne auf der Alster. Das weiß man relativ genau, weil unser Schwanenvater ein Auge auf sie und ihre Nester hat und sie außerdem jedes Jahr vor dem Winter mit seinem Team hier auf der Kleinen Alster zusammentreibt und einsammelt, um sie dann in offenen Booten zum Mühlenteich in Eppendorf zu verfrachten. Dort ist ihr Winterquartier. Ein Teil der Teichfläche wird eisfrei ge-
halten und dass sie nicht verhungern, ist auch sichergestellt. Wir müssen schließlich gut für sie sorgen, denn kennen Sie die Legende, die sich um unsere Alsterschwäne rankt?“
Ratloses Kopfschütteln.
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Hamburg - Kleine Alster - Versammlung von Schwänen, Gänsen, Möwen, Rallen und Enten
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„Es heißt, dass nur „solange stolze Schwäne auf der Alster ihre Runden ziehen“, Hamburg eine freie und wirtschaftlich erfolgreiche Hansestadt bleibt. Wer wollte riskieren, dass sich an diesem Zustand etwas ändert, nicht wahr. Daher wurden die weißen Höckerschwäne rund um die Alster schon vor Jahrhunderten zunächst vom Hamburger Rat unter besonderen Schutz gestellt und später im 17. Jahrhundert durch den Senat gesetzlich geschützt.“
Ich versuchte, eine halbwegs strenge Miene aufzusetzen.
„Sie dürfen sie also weder beleidigen, noch hetzen, verletzen oder gar abmurksen. Darauf steht Strafe!“

Das Touristenpaar, das nicht so wirkte, als würde es je eine Bedrohung für irgendeinen Wasservögel darstellen, schaute dennoch beeindruckt. Strafe. Oha.
„Dann sind die im Winter also überhaupt nicht hier? Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt, Johann“, stellte die Dame fest. „Und ab wann sind sie fort?“
„Meist verlassen sie die Alster in der zweiten Novemberhälfte und kommen Anfang März zurück. Nur im letzten Jahr herrschte in vielen Regionen und Ländern die Vogelgrippe bzw. die Geflügelpest. Es wurde auch für die Schwäne extrem riskant. Man hat sie daher ausnahmsweise bereits Anfang November eingesammelt, und sie leider dann im Frühjahr auch noch drei Wochen länger als üblich in einem extra mit Zeltplanen geschützten Bereich des Winterquartiers lassen müssen, weil weiterhin immer neue Fälle von Vogelgrippe auftauchten.“

„Ist das denn sehr schlimm für die gewesen, dass sie nicht rauskonnten?“ Der Österreicher klang besorgt.
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Hamburg - Kleine Alster - Wasservögel
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„Denen gefällt es ganz grundsätzlich sicher auf der weiträumigen Alster viel besser als auf beengtem Raum, aber was hinzukommt, ist, dass im März die Brutzeit startet und auch das Verhalten der Schwanenmänner sich ändert. Es wird aggressiver.
Eine Befürchtung oder Komplikation war, dass durch das verzögerte Freilassen erst sehr verspätet der Nestbau rund um die Alster beginnen konnte. Dieser Umstand wirkt sich leicht negativ auf die Gesamtzahl der dann noch entstehenden Nester, die Zahl der Gelege oder aber die Anzahl der Eier pro Gelege aus.“
„Hat man das mal geprüft? Sind es denn tatsächlich weniger junge Schwäne in diesem Jahr?“
„Ja. Wobei man nicht beschwören kann, dass es allein daran lag. Es spielen noch andere Gründe mit hinein. Ungünstige Witterung zum Beispiel. Nur während es sonst im Schnitt 30-35 Jungschwäne gewesen sind, schlüpften in diesem Frühjahr nur etwa 20 Küken.“

Wir beobachteten noch ein Weilchen, was sich dort vor der Ufermauer alles versammelte und um Futter bettelte. Die Möwen veranstalteten immer ein Mordsgeschrei und absolvierten wildeste Flugmanöver, um an Nachschub zu gelangen. Enten waren an diesem Tag erstaunlich zurückhaltend. Die Wildgänse watschelten
mit Vorliebe am Ufer auf und ab und pickten dort Heruntergefallenes auf. Die wendigen dunklen Rallen um-
kurvten rasant die Schwäne und versuchten, sie mit diesem Slalom auszutricksen. Es schien ein einstudiertes und bereits erfolgreich erprobtes Szenario.
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Hamburg - Kleine Alster - Kollege wollte schnell noch mit aufs Bild ... (Möwe im Vordergrund, Richtung Kamera fliegend)

Hamburg – Kleine Alster – Kollege wollte schnell noch mit aufs Bild …

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Das gefiederte Volk war gierig und fraß beachtliche Mengen! Diesen Eindruck hatte auch das Ehepaar aus Graz gewonnen.
„Ich habe kürzlich gelesen, dass Kondore manchmal so viel essen, dass sie danach nicht mehr abheben können. Zu schwer … Ob das den Schwänen oder Gänsen wohl auch passiert?“, überlegte ich. Mein Einwurf löste folgende Reaktion aus:
„Wissen’s, was mir da grad in den Sinn kommt?“, sprudelte es aus dem Munde des Grazers nur so heraus. Dann allerdings legte er eine kleine Kunstpause ein, bevor er sein Geheimnis lüftete. „Bernhard und Bianca!“
Nun war es an mir, kurz verdutzt dreinzuschauen.
„Dieser Trickfilm! Mit den Mäusedetektiven! Die wollten auf einem Albatros abheben, und der hatte auch ganz kolossale Startschwierigkeiten!“
Dunkel erinnerte ich mich an eine solche Szene und musste grinsen. Er hatte recht, der etwas korpulente Vogel hatte enorm zu kämpfen gehabt.

Von den großen Wasservögeln hier schien keiner Abflugpläne zu hegen, und so konnten sie sich alle unbesorgt weiter den Magen vollschlagen und eine kleine Winterspeckreserve anlegen.

Ich wäre gern noch länger geblieben, aber die Zeit war an dem Tag sehr knapp bemessen. So wie sie es auch jetzt wieder ist. Für heute verabschiede ich mich und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Bis zum nächsten Mal!

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PS:
Falls sie Gegend und/oder Thema reizen, möchte ich Sie noch auf zwei Blogposts aus früheren Jahren hinweisen, die sie über nachstehende Links erreichen können:
Bootsfahrt im November (2011)
Gefiederte Hamburger und Quiddjes / Die Scherben an der Rathausschleuse (Winter an der Alster, 2012)

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PPS
PSpPS

© by Michèle Legrand, Oktober 2017
Michèle Legrand

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Blick von oben …

Es ist soweit: Zumindest ab und zu werde ich wieder bei Ihnen hereinschneien und Sie behelligen. Die
Wochen seit Mai sind gefühlt schnell vergangen, waren und sind aber alles andere als einfach. Ich möchte
das Thema Erkrankung nicht völlig umgehen, die Lage allerdings nur kurz und schnodderig so umreißen:
Es ist alles Grütze. Weiterhin große, ernste, unbarmherzige, verdammte Grütze.

Einen kleinen Lichtblick gab es allerdings am Sonntag. Der Gemahl hatte Freigang! Oder wie heißt das korrekt, wenn man tagsüber raus darf aus dem Bau? Warten Sie … Bin ich gerade auf dem richtigen Dampfer? Nicht, dass wir uns missverstehen, es geht ums Krankenhaus …
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Asklepiosklinik Altona - Am freundlichsten wirkt das Hochhaus in der Abendsonne (20stöckiges Hochhaus, Nordansicht mit Haupteingang)

Asklepiosklinik Altona – Am freundlichsten wirkt das Hochhaus in der Abendsonne …

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Mein Mann muss seit geraumer Zeit erneut stationär behandelt werden. So bin ich seit nunmehr fünf Wochen täglich quer durch Hamburg von Ost nach West bzw. umgekehrt unterwegs und verbringe viele Stunden bei ihm am Krankenbett. Ich werde Sie nicht mit privaten Krankenhausgeschichten zuschütten. Nein, nein. Doch stellen Sie sich darauf ein, dass ich Ihnen momentan logischerweise ausschließlich von Ereignissen, Eindrücken und Menschen erzählen kann, die mir auf dem Weg zum Krankenhaus unterkamen.

Ist Ihnen auch aufgefallen, wie außergewöhnlich oft Hamburg in den Wochen meiner Blogabstinenz aus den unterschiedlichsten, dabei nicht immer schönen, Anlässen bundesweit in den Medien erwähnt wurde? Auf der einen Seite bot der G20-Gipfel mit seinen Ausschreitungen ausreichend Gelegenheit. Dazu Themen wie Bürgermeister Scholz in Nöten, dauerhaft innerstädtische Staus, Wasserrohrbruch mit anschließendem Riesenkrater auf der Amsinckstraße, wochenlange Sperrungen wegen immer neuer Langzeitbaustellen und Bauarbeiten entlang der Autobahn, Brückenerneuerung selbst bei der Bahn mit umfangreichem Schienen-
ersatzverkehr über die gesamten Sommerferien.
Dazu Ereignisse wie die kürzliche Messerstecherei im Supermarkt, Funde von Leichenteilen in Rissen, ein Erschlagener an der Alster oder auch Berichte über die Müllzunahme auf den Straßen, die vielen zu späten
und lauten An- oder Abflüge am Flughafen, das nicht endende Chaos bei der Gepäckabfertigung.
Klar, es gab glücklicherweise auch Positives. Den Gegenpol bildeten ansprechende Fotos einer grünen und wasserreichen Stadt, gute Taten und Aktionen, der friedliche Ablauf zahlloser Events. Bei den Großveran-
staltungen fielen die Triathlon-Tage sowie der jährliche Schlagermove als positiv verlaufen auf. Sogar Kate und William waren bei uns zu Besuch! Nicht bei mir direkt, aber beim Bürgermeister und u. a. in der Elbphilharmonie.
Ja, die jungen Vertreter des Hauses Windsor samt ihrer beiden Kinder … Die Presse hatte wieder einmal aufgepasst und mitgezählt, wie viele unterschiedliche Kleider die Herzogin auf der Reise wo und zu welchem Anlass trug. Man staunt, dass das immer noch Leser hinter dem Ofen hervorlockt … Unter uns: Ich persönlich stehe eher auf Berichte über beispielsweise den Gummistiefelweitwurf bei Veranstaltungen wie der „British Flair“, die am vergangenen Wochenende wieder zum Besuch einlud. Ich habe Ihnen vor zwei Jahren davon erzählt, erinnern Sie sich noch? (Welly throwing – Einmal im Jahr fliegen die Stiefel …)

Nirgends aktiv teilgenommen, habe ich von all dem dennoch eine Sache wirklich intensiv miterlebt: die Auswirkungen des G20-Gipfels. Plötzlich ist eine Stadt tagelang mehr oder weniger lahmgelegt und dabei gleichzeitig in Aufruhr. Straßensperrungen machen jegliches Durchkommen unmöglich, die Umleitungen sind im Nu ebenso verstopft oder funktionieren aufgrund chaotischer Zustände von vornherein nicht. Selbst Taxis geben auf und stellen die Fahrten ein, die Notfallpläne für den oberirdisch verlaufenden öffentlichen Verkehr können nicht umgesetzt werden. Kaufhäuser verbarrikadieren vorab vorsorglich ihre großen Fensterflächen aus Angst vor Randale mit Holzplatten, und in kritischen Ecken bleiben Läden, Betriebe und Praxen geschlossen.
Das Aufeinandertreffen von gewaltbereiten Demonstranten und der Polizei artet teilweise aus, Steine fliegen, Autos brennen, Vandalismus findet statt, Plünderungen passieren, an denen sich erstaunlich viele beteiligen! Und überall sind Menschen im Handumdrehen in Gefahr! Die Polizei, die in einen Hinterhalt gelockt wird, aber selbst Außenstehende, Passanten, Anwohner, die gar nicht aktiv an etwas teilnehmen. Ihre Unversehrtheit, ihr Leben. Ihr Hab und Gut dazu, wenn sie das Pech haben, am „falschen“ Ort zu wohnen, bzw. bereits dann, wenn sie lediglich ihr Auto oder sonstiges Eigentum dort abgestellt haben.

Ich muss Ihnen gestehen, ich habe Hamburg noch nie so erlebt. Ich war wirklich erschüttert! Es mag Anwohner aus anderen Stadtteilen und speziell den Außenbezirken geben, die abwiegeln. Ach, komm, so schlimm war’s nun auch nicht! Vielleicht hat es dann nicht so eindrücklich berührt, wenn vieles nur im Nachhinein verwundert den Medien entnommen wurde, der Mensch jedoch zu weit ab vom Geschehen war. Distanz bewahren konnte.
Wer einmal erlebte, wie völlig egal offenbar einigen gewaltbereiten Demonstranten Menschenleben sind, wie viel Hass auf jeden und alles, wie viel blinde Zerstörungswut sich zeigt, wer sich dem immensen Polizeiaufgebot gegenüber sah mit den schier endlosen Fahrzeugkolonnen, den Wasserwerfern, wer die stundenlang über einem kreisenden Hubschrauber hörte, sehr schwer einzuschätzende Vermummte oder sogar Randalierende plötzlich in seiner Nähe entdeckte, neben wem es knallte, wer mit demolierten Fahrzeugen, eingeschlagenen Fenstern oder verkohlten Resten einer Barrikade unmittelbar konfrontiert wurde, dem war alles andere als wohl zumute.

Ich selbst hätte unter anderen Umständen konsequent einen Riesenbogen um die Innenstadt und die Areale gemacht, die als Korridore für die Fahrten der Delegierten des Gipfels herhalten mussten. Unter normalen Umständen hätten mich keine zehn Pferde aus meinem Viertel im Osten Hamburgs bekommen. Durch den Klinikaufenthalt gab es erzwungenermaßen eine Planänderung: Ich wollte – allen Sperrungen zum Trotz – zum Krankenhaus am anderen Ende der Stadt kommen!
Als sicherste Variante entpuppte sich die in den kritischen Gebieten unterirdisch verkehrende S-Bahn. Sie werden in solch einer Situation ja trickreich. Sie lassen den während der Gipfeltage als unsicher geltenden Bahnhof Altona aus, suchen sich nicht ab dort die empfohlene, praktische Anschlussverbindung, sondern fahren unterirdisch über das eigentliche Ziel hinaus und schleichen sich dann von hinten per Bus wieder an. Wenn jedoch selbst im feinen und vermeintlich sicheren Othmarschen, in Bahrenfeld, in den schmalen Straßen Ottensens, an der noblen Elbchaussee und an weiteren Stellen unerwartet ebenfalls herumrandaliert wird, Scheiben zertrümmert sowie Geldautomaten demoliert werden und Busse sich zum Halten zwischen den Touren auf einmal in Nebenstraßen verdünnisieren, jeglichen Fahrplan über den Haufen werfend … dann hat das Chaos gefühlt allmählich die ganze Stadt erreicht.

Dies alles ist nun einen Monat her, doch erstaunlicherweise ist es präsent, als wäre es gestern passiert. Es beschäftigt gedanklich wieder und wieder.

Bahn- und Busfahren habe ich seitdem beibehalten, denn es ist tatsächlich die schnellste Variante, um auf die andere Seite der Stadt zu kommen. Und die nervenschonendste! Außerdem, das wissen Sie vermutlich aus eigener Erfahrung, sind Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus lehrreich. Manche Linienbusse hier bei uns haben eine sogenannte „Buchhaltestelle“. Das ist eine Art Leihbücherei für Mitfahrende. Ein Buchregal, aus dem sich während der Fahrt bedient wird und aus dem Bücher auch leihweise entführt werden können. Bis man sie durch hat. Bei einer der nächsten Fahrten stellt man sie einfach ins Bord zurück.
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Hamburg - Die Busbibliothek "Buchhaltestelle" ... (Bücherregal im Fahrgastraum)

Hamburg – Die Busbibliothek „Buchhaltestelle“ …

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Weiterhin lernte ich kürzlich zwischen Othmarschen und Altona, dass die Chance, von einem Hai angegriffen zu werden, geringer ist, als die Chance auf einen Sechser im Lotto. Und ich habe mir sagen lassen, die sei schon extrem winzig. Der Mensch seinerseits  – das hat mich angesichts der Menge sehr erstaunt – murkst jährlich die schier unvorstellbare Zahl von 100 Millionen Haien ab!

Mich verblüffen häufig auch die Gespräche meiner Mitfahrer. Manchmal aufgrund der unerwarteten Wendung, die sie nehmen.
Zwei erhitzte, junge Männer stiegen zu, nahmen mir gegenüber Platz. Der eine meinte mit sehnsuchtsvollem Blick, jedoch akustisch eher resolutem Einschlag:
„Jetzt ´nen Energydrink! Mann, was habe ich grad Bock auf  ‘nen Energydrink!“
Einen Moment herrschte Ruhe.
„Hätte noch Wasser“, sagte der andere. „Willste?“
„Ja, geht auch.“

Oder die Schulklasse auf Ausflug. Davon waren in Hamburg in der zweiten Julihälfte vor der Zeugnisvergabe und dem Beginn der Sommerferien einige unterwegs.
Vier Jungen, zehn, elf Jahre alt, drängten auf zwei einander gegenüberliegende Zweiersitzbänke zu. Die beiden Fixesten belegten die Fensterplätze. Einer der Nachkömmlinge wandte sich schwer empört an den am Fenster:
„Da sitze ich!“
„Nö.“
„Los, mach Platz!“
„Nö.“
„Mir wird aber immer schwindlig am Gang!“
(Man kann es ja wenigstens versuchen.)
„Spinner.“
(Versuch erfolglos, Schwindelkandidat gibt auf.)

Die vier erwähnten im lebhaften Gespräch einige Male den Ausdruck „OP machen“, das Wort „steril“ und weitere Begriffe, die ich in den Bereich Medizin packen würde. Ich vermutete kurzzeitig, vielleicht weil ich momentan etwas vorgeschädigt bin, sie hätten gerade eine Krankenhausbesichtigung hinter sich, aber nein, sie redeten über ein Handyspiel. Einiges klang für mich wie böhmische Dörfer. Zum Beispiel entwickelte sich eine heiße Debatte über einen Stick mit Verbrennung. (Keine Ahnung, ich grüble heute noch darüber nach.) Die Wortwahl anschließend fiel nicht minder kurios aus.
„Du kannst Coins im Shop kaufen.“
„Da bist du ja instant tot!“
(Was?)

Kennen Sie noch das Spiel „Papier, Schere, Stein“ und den dazugehörigen Spruch: „Ching, Chang, Chong“?
Von den Jungen habe ich eine neue Variante kennengelernt. Bei dieser Abart führen Sie die gleichen Hand-
bewegungen aus, die Sie von Papier, Schere, Stein kennen, sagen dabei jedoch laut und vernehmlich: „Ching, Chang, Schmerz.“ Wer verliert, kriegt eine Backpfeife. Keine saftige Ohrfeige, mehr ein gezieltes, jedoch labberiges Tätscheln. Bei den jungen Herren gab es großes Gelächter gratis dazu.
Ich vermute, wenn sich Mädchen etwas Alternatives ausdächten, hieße es „Ching, Chang, Schmatz.“ Und die Verlierer müssten den Gewinner küssen.

Zu erzählen wäre noch einiges, nur meine Zeit für heute ist um. Ihre sicher auch. Ich komme demnächst wieder. Ich hätte Ihnen zum Abschluss jedoch gern noch einen Blick von oben gezeigt.
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Aussicht aus dem 18. Stock des Klinikums Altona (Blickrichtung Süd, Elbe)

Elbblick vom Klinikum Altona …

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Das ist die Aussicht, die Sie aus dem 18. Stock des Klinikums in Altona haben. Ich bin extra einmal hoch-
gefahren. Nur in diesen Höhen kommt selten eine Fensterputzkolonne vorbei. Die Scheibe hat sicher schon einmal sauberere Zeiten erlebt; erkennen können Sie trotzdem ein bisschen.
Der Blick geht Richtung Süden, Richtung Elbe. Da das Gelände am Flussufer schnell ansteigt und Baum-
bestand auf den Anhöhen zusätzlich die Sicht auf den Strom nimmt, können Sie am besten mit Hilfe der Kräne am gegenüberliegenden Ufer erkennen, wo die Elbe verläuft.
Etwa in Bildmitte (Klick aufs obere Foto vergrößert die Aufnahme) lässt sich im Hintergrund sogar die langgezogene, geschwungene Köhlbrandbrücke ausmachen …
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Aussicht vom Klinikum Altona (Blickrichtung Elbe)

Aussicht vom Klinikum Altona (Blickrichtung Elbe)

Wenn Sie sich von unserem Aussichtspunkt eine senkrechte Linie Richtung Elbfluss denken, würde sie etwa in Höhe der recht bekannten „Strandperle“ auf das Ufer stoßen. Die liegt zwischen dem Museumshafen Oevelgönne und dem großen Findling, den man „Alter Schwede“ getauft hat. Gegenüber am Elbufer befindet sich Waltershof mit den erwähnten Kränen, ein Areal, das nahezu ausschließlich aus Hafen- und Industrie-
anlagen besteht. Rechts davon (flussabwärts) liegt Finkenwerder. Dort schließt sich auch das Gelände von Airbus an. Die dicken Transportmaschinen („Beluga“) kommen hier beim Ansetzen zur Landung im Tiefflug vorbei, und sie röhren speziell beim Starten mächtig.

Feierabend. Vorerst. Machen Sie sich bitte darauf gefasst, dass ich Sie gelegentlich mit einem neuen Beitrag behelligen werde. Ich habe es jedenfalls vor. Je nach Lage – und wenn ich die beschreiben sollte, dann am ehesten so: Der Blick schweift in diesen Wochen eher nicht in die Ferne, sondern vorsichtig voraus, immer nur bis zur nächsten Ecke …

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Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit noch einmal recht herzlich für den vielen Zuspruch, die fürsorglichen Nachrichten und überhaupt ihre persönliche Anteilnahme via Kommentar und Mail nach dem letzten Post bedanken!

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© by Michèle Legrand, August 2017
Michèle Legrand

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63 Kommentare

Hamburg entdecken – Heute ein Blick in den Oberhafen und seine Umgebung

Moderne Glasbauten, Backstein, Brücken, alte Schlösschen und mehr  

Hätten Sie heute zufällig etwas übrig für schiefe Kaffeeklappen, eigenartige Drachenschwäne
und all die anderen Dinge, die ich gerade oben erwähnte? Elbwasser wäre auch dabei …
Überlegen Sie es sich, und bis Sie einen Entschluss gefasst haben, lesen Sie einfach weiter.

In der letzten Zeit hatte ich abends mehrmals in für mich relativ unbekannten Ecken der Hansestadt zu tun. Entweder war ich noch nie dort gewesen (Hamburg ist immerhin eine Großstadt) oder hatte mich ewig lang
nicht mehr in gerade diesen Bereichen aufgehalten.
War man bereits irgendwann einmal in dem Viertel, verleiht dieser Umstand eine trügerische Sicherheit im Hinblick auf den jetzigen Besuch. Das finde ich schon wieder, ist der erste Gedanke. Nur vergisst man dabei schnell, dass Veränderungen gerade in einer Stadt an der Tagesordnung sind. Im Laufe von fünf, zehn oder noch mehr Jahren, hat sich vieles erheblich gewandelt. Wo Sie sich einst fast schon auskannten, ist nun eine andere Straßenführung, es gibt auf einmal Tunnelbauten oder weitere Brücken, riesige Kreuzungsanlagen, es fanden diverse Abrisse statt, Neubauten gesellten sich dafür dazu, andere Fassaden blinzeln sie an. Es ist manchmal gar nicht so einfach, sich wieder zu orientieren.
Klar, wie jeder andere wahrscheinlich auch, suche ich mir gerade deshalb jeweils vorab die entsprechende Route heraus, doch, Hand aufs Herz, Karte gegenüber realer Ansicht – irgendwie wirkt das beim Näher- bzw. Ankommen oft komplett anders. Vor allem, wenn die markanten Punkte, die einem als Wegmarken dienen sollen, kaum zu sehen sind. Wegen Dunkelheit. Im Winterhalbjahr ist sie leider ein ständiger Begleiter.
Ich habe jedenfalls in letzter Zeit hin und wieder ganz schön verdutzt geschaut und herumsuchen müssen.
Umso schöner, hin und wieder einen Mitkommer und Mitsucher dabeizuhaben. Als ich neulich am Abend in Begleitung meiner Tochter unterwegs war, wurde dabei nur eines ziemlich deutlich: Man kann nicht gerade behaupten, dass ich – zumindest zu später Stunde – über so etwas wie Adleraugen verfügen würde.

Wir wollten zu einer Veranstaltung am Großmarkt. Früher strebten dorthin nur Produzenten und Händler von Lebensmitteln (frisches Gemüse und Früchte) und Blumen. Und bis heute herrscht dort speziell nachts und in den frühen Morgenstunden Hochbetrieb! Generell gibt es aber in den Großmarktmallen rund um die Uhr ein Riesenangebot für Kaufwillige. Es ist Norddeutschlands größtes Frischezentrum mit etwa 470 beteiligten Marktfirmen!
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Hamburg (Hammerbrook) - Der Großmarkt am Tag ... (Eingang zu den Großmarkthallen

Hamburg (Hammerbrook) – Der Großmarkt am Tag …

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Sind es sonst die Firmenvertreter und die Käufer des Einzel- und Großhandels, die sich in den Hallen begegnen, so treffen einmal im Jahr an einem Wochenende auf dem Großmarktgelände völlig andere Menschen und viel blitzender Chrom aufeinander. Dann sind Harley Days angesagt und auf dem Vorplatz stehen die Maschinen dicht an dicht.
Seit zwei Jahren streben nun regelmäßig Unmengen von abendlichen Besuchern mit einem wiederum völlig anderen Plan auf die Hallen mit den geschwungenen, wellenförmigen Dächern zu. Sie wollen ins Konzert!
Im Jahr 2015 hat das „Mehr! Theater am Großmarkt“ eröffnet,  das bis zu 3500 Besuchern Platz bietet und wohl das einzige Theater ist, das in einen bestehenden Lebensmittelgroßmarkt einfach integriert wurde.
Nicht direkt ins Gemüse, aber in eine der Hallen, in die mittlere.
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Hamburg - Großmarkthallen (Blick auf die wellenförmig geschwungenen Dächer)

Hamburg – Großmarkthallen

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Mit meiner Tochter spazierte ich vor dem Konzert vom Hauptbahnhof und den Deichtorhallen kommend die lange Banksstraße hinauf Richtung Mehr!Theater.  Kurz vor dem Ziel überquert man die „Erste Banks-Brücke“, und dort tauchte mitten aus der Dunkelheit auf der Außenseite des Geländers ein mittelgroßes Wesen auf. Ein unechtes, wie aufgrund der Starre schnell klar wurde. Aber was ..?  Ich versuchte, etwas zu erkennen.
„Was ist denn das? Ein Schwan?“, fragte ich meine Tochter.
Ein kurzer Blick hinüber genügte ihr. „Nein! Kein Schwan! Eher ein Drachen!“, entgegnete sie überzeugt.
Ein Drachen? Ich fixierte das Wesen genauer. Meine Augen sahen allmählich etwas mehr … Sie hatte sofort Details im Dunkeln erkannt, ich hingegen zunächst nur die reine Form, die Haltung. Das muss die berühmte Nachtblindheit sein, die unweigerlich zunimmt, sobald man in die Jahre kommt …
Wir mussten weiter. So nahm ich mir in dem Moment bereits fest vor, mir den sonderbaren Kollegen bei Gelegenheit noch einmal anzuschauen. Im Hellen!

Letzte Woche war es schließlich soweit. Der Wochenanfang hielt lang vermisste Sonnenscheintage und nicht mehr ganz so frostige Temperaturen parat. Somit geht es heute auch für Sie hinaus! Später zum Drachen, doch zunächst an die Elbe. Auf Hamburger Gebiet. Zur Abwechslung diesmal nicht elbabwärts Richtung Blankenese (und Nordsee), sondern ein Stückchen in die Gegenrichtung, elbaufwärts.
Wer von der Norderelbe abzweigt, kommt z. B. in die Speicherstadt, landet im Zollkanal, in den Fleeten oder in verschiedenen Hafenbecken. Eines davon trägt den Namen Oberhafen, und das – inkl. seiner Umgebung – schauen wir uns heute an.
An einem Ufer dieses Hafenbeckens schließt der Stadtteil Hammerbrook an, an der gegenüberliegenden Uferseite stoßen Sie auf den neuen Stadtteil HafenCity mit dem Lohsepark.
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Hamburg - Oberhafen - Der Fruchthof Hamburg am Stadtdeich

Hamburg – Oberhafen – Der Fruchthof Hamburg am Stadtdeich

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Eine recht interessante, kontrastreiche Ecke Hamburgs! Sie haben nämlich neben der schönen Wasserlage eine lebhafte Kombination von Altem und Neuem. Einerseits Bürogebäude mit futuristischen Design und hohem Glasanteil, andererseits die Ausläufer der alten Speicherstadt mit ihren roten Klinkern und dazu die zwischen 1911 und 1914 auf dem Areal des ehemaligen Berliner Bahnhofs in Hamburg als Markthallen errichteten Deichtorhallen.
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Hamburg - Deichtorhallen (zum Wasser und der Flutschutzanlage hin)

Hamburg – Deichtorhallen (zum Wasser und der Flutschutzanlage hin)

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Als Markthallen werden sie schon länger nicht mehr genutzt. Sie wurden restauriert, saniert, und heute sind
sie mit der Halle für aktuelle Kunst sowie dem Haus der Photographie (Südhalle) bekannter und beliebter Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Noch bis zum 1. Mai heißt es „Elbphilharmonie revisited“. Kein er-
neuter, ellenlanger Aufwasch der Entstehungsgeschichte, die gerade vor der Eröffnung der Philharmonie im Januar extrem oft und ausführlich durch die Medien ging, sondern Werke von Künstlern, die sich durch die Elbphilharmonie inspirieren ließen. Ich war noch nicht in dieser Ausstellung, es hört sich aber spannend an.
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Hamburg - Deichtorhallen - Haus der Photographie (Halle Süd)

Hamburg – Deichtorhallen – Haus der Photographie (Halle Süd)

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Hamburg - Auf dem Gelände der Deichtorhallen das Palazzo Gourmet Theater im Spiegelpalast

Hamburg – Auf dem Gelände der Deichtorhallen das Palazzo Gourmet Theater im Spiegelpalast

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Der Kunstverein ist gleich gegenüber am Klosterwall ansässig und zeigt ebenfalls zeitgenössische Kunst.
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Hamburg - Der Kunstverein in Hamburg - Klosterwall/Deichtorplatz

Hamburg – Der Kunstverein in Hamburg – Klosterwall/Deichtorplatz

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Das ZDF-Landesstudio hat sich in einem sehr modernen Gebäude niedergelassen, dem 2002 fertiggestellten Deichtor-Center. Zehn Geschosse und u. a. war hier Herr Teherani einer der Architekten (Jens Bothe, Kai Richter und Hadi Teherani (BRT Architekten))
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Hamburg - Das Deichtor-Center mit dem Landesstudio des ZDF

Hamburg – Das Deichtor-Center mit dem Landesstudio des ZDF

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Mittendrin tost der Verkehr. Ein Verkehrsknotenpunkt, eine wichtige Verbindung auch von Stadt Ost nach Stadt West. Gewusel und Gedränge herrscht am Klosterwall stets zusätzlich durch die Bauarbeiten im Wallringtunnel. Die Sanierung des Tunnels begann bereits 2014, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Immerhin ist die Oströhre bald (geplant April) fertig.
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Hamburg - Klosterwall - Baustelle am Wallringtunnel

Hamburg – Klosterwall – Baustelle am Wallringtunnel

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Nach dem Blick auf die Gegebenheiten auf Landseite, werfen wir doch jetzt ein Auge auf das Wasser. Der Oberhafen grenzt unmittelbar an den Ericusgraben. Ein Begriff, der Ihnen vielleicht irgendwoher bekannt vorkommt. Ericus? Genau! Ericusspitze! DER SPIEGEL! Dort, mit Adresse Ericusspitze 1, residiert in einem modernen Gebäude mit sehr markantem Aussehen seit 2011 die SPIEGEL-Gruppe.
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Hamburg - Die Ericusspitze mit dem Verlagsgebäude des SPIEGELs

Hamburg – Die Ericusspitze mit dem Verlagsgebäude des SPIEGELs

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Hamburg - Ericusgraben - Die Deichtorhallen noch einmal vom Wasser aus gesehen ....

Hamburg – Ericusgraben – Die Deichtorhallen noch einmal vom Wasser aus gesehen …

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Woher weiß man überhaupt, wo der Oberhafen endet und der Ericusgraben beginnt? Das Elbwasser sieht doch nicht plötzlich anders aus … Es gibt eine Art optische Begrenzung zwischen Oberhafen und Ericusgraben. Die Oberhafenbrücke dient als guter Anhaltspunkt.  Dort wo sie das Wasser quert, denken Sie sich einfach eine Trennlinie. Die Brücke ist speziell. Sie ist eine kombinierte Bahn- und Straßenbrücke, bei der der Verkehr nicht nebeneinander, sondern übereinander verläuft!
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Hamburg - Oberhafenbrücke - Ein ICE auf der obersten Ebene

Hamburg – Oberhafenbrücke – Ein ICE auf der obersten Ebene

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Auf ihr fährt ganz oben auf insgesamt vier Gleisen der Fernzugverkehr Richtung Harburg (Süden) bzw. kommt hierüber in die Stadt hinein. Darunter, eine Ebene tiefer, ist es dem Autoverkehr möglich, das Wasser zu queren. Zu beiden Seiten der Fahrbahn verlaufen Wege für Fußgänger.
Es ist ein ulkiges Gefühl, dort als Passant zu laufen. Zwischen all den Stahlstreben, bei gefühlt recht geringer Brücken- bzw. Raumhöhe, dicht neben sich Autos … Besonders merkwürdig wird es, wenn über einem gerade ein Zug fährt. Oder gar Züge! Eigenartige Geräusche entstehen, und ein anhaltendes Vibrieren und leichtes Schwanken macht sich bemerkbar. Die Seitenverstrebungen engen seltsam ein, nehmen zudem viel Licht. Urplötzlich kommt es einem so vor, als sei man die Wurstscheibe in einem Sandwich. Von oben und unten etwas eingezwängt. Gleichzeitig meldet sich die Hoffnung, von der Lage drüber möge bitte nichts abbröseln und durchkleckern …

Von der Hammerbrook-Seite aus startend, stoßen Sie nach Überquerung der Brücke ganz am Ende auf etwas, was herrlich windschief daherkommt und eine recht lange, zeitweise unruhige Geschichte mit ungewissem Ausgang vorweisen kann: die Oberhafen-Kantine.
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Hamburg - Die Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke (Ansicht von vorne)

Hamburg – Die Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke

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Ursprünglich war in dem kleinen 1925 erbauten Gebäude eine Kaffeeklappe. So nannte man in der Bevöl-
kerung eine Einrichtung, die es ungefähr seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst in England gab und die eigentlich korrekt Volkskaffeehalle hieß. Das Hauptmerkmal einer Kaffeeklappe war, dass es dort einfache Speisen für Arbeiter und keinerlei alkoholische Getränke gab.
Arbeitgeber waren damals schwer hinter der Sache her und unterstützten die Klappen, um dem Alkoholkonsum von vornherein wirksam entgegenzutreten. Man bot das Essen äußerst preisgünstig an und schenkte zusätzlich reichlich Kaffee aus, der die Arbeitsleistung noch steigern sollte.

Bei der Oberhafen-Kantine, die für die Werft- und Hafenarbeiter errichtet wurde, spricht man von expressio-
nistischer Gebrauchsarchitektur
. Toller Begriff, oder? Es klingt beeindruckend. Sollten Sie vorhaben, gegrillte Würstchen an den Mann zu bringen und eigens zu diesem Zweck ein Häuschen mit ordentlicher Raumhöhe
und einigen Spitzbögen bauen, dann könnten Sie Ihren Imbiss mit stolz geschwellter Brust als gotische Gebrauchsarchitektur bezeichnen.
Doch zurück zur Oberhafen-Kantine. In dem speziellen Fall und angesichts der Umgebung, in der sie sich befindet, spricht man von norddeutschem Klinker- bzw. Backsteinexpressionismus. Der ist nun nicht auto-
matisch windschief und krumm. Warum also steht das Häuschen dermaßen schräg?
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Hamburg - Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke - Abgesackt ... (Gebäude neigt sich nach vorn)

Hamburg – Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke – Abgesackt …

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Sie können sich vorstellen, dass das kleine Gebäude an dieser Position direkt an der Kaikante des Oberhafens nicht immer trockene Füße behalten hat. Der Fluss ist mächtig – und tideabhängig! Das Mauerwerk wurde unterspült, sowohl bei den normalen Gezeiten, aber vor allem bei Sturmfluten. Das komplette Haus ist dadurch abgesackt.

Es ist erstaunlich, dass es überlebt hat und bis heute immer wieder neu betrieben wird! Nachdem der Bauherr es vor über 90 Jahren als eine Art Familienbetrieb etablierte, kümmerte sich dessen Tochter bis ins hohe Alter um die Verpflegung und blieb der Kantine treu. Erst vor 20 Jahren, nach ihrem Tod 1997, musste man sich überlegen, wie es weitergehen könnte.
Es hieß damals, das Gebäude sei einsturzgefährdet, jedoch viel zu schade zum Abriss. Nach einigem Hin und Her wurde es zunächst unter Denkmalschutz gestellt, dann kaufte es derselbe Herr, der auch die Rote Flora in der Sternschanze besaß, Klausmartin Kretschmer. 2005 pachtete es – frisch renoviert – Tim Mälzer, dessen Mama  wiederum ab 2006 mit Frikadellen, Kartoffelsalat und ähnlichen Speisen für das leibliche Wohl der Kantinenbesucher sorgte.
Leider richtete danach ein Orkan schwere Schäden an, also musste erneut saniert werden. Herr Mälzer fand den Zustand nicht so verlockend, seine Mutter mit Sicherheit auch nicht, also wechselten seit 2008 mehrfach die Gastronomen. Schon 2014 schlug abermals ein Orkan mit entsprechendem Hochwasser zu, und noch einmal musste gerettet werden, was noch zu retten war. Während der notwendigen Sanierungen und Schadens-
behebungen blieb als Ausweg immer nur die zeitweilige komplette Schließung der Klappe oder das befristete Auslagern des Betriebs.

Aber sie lebt immer noch! Sie ist einfach nicht unterzukriegen.

Man kann sein Pausenbrot natürlich ebenso gut von daheim mitbringen und mittags hinaus in die Sonne gehen. Die Möwen warten hoffend …
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Hamburg - Oberhafen/Ericusgraben - Pause mit Blick aufs Wasser ...

Hamburg – Oberhafen/Ericusgraben – Pause mit Blick aufs Wasser …

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Interessant auch, was bei Niedrigwasser im Schlick so alles zum Vorschein kommt …
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Ericusgraben an der Oberhafenbrücke - Fundstücke bei Ebbe

Hamburg – Ericusgraben an der Oberhafenbrücke – Fundstücke bei Ebbe

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Wenn Sie von Westen, also von der Stadt her kommend, auf die Oberhafenbrücke sehen, entdecken Sie an ihr einige Wörter, die in großen, weißen Neonlettern geschrieben sind. Es sind Begriffe wie Kanäle, Eisenbahn-
brücke, Lagerhäuser, Schiff, Wolken, Himmel, Wind
 und Hafenkräne. Begriffe, die für Hamburg und gerade diesen Bereich der Stadt am Rande des ehemaligen Freihafens sehr typisch sind. Und wer hat …?
Das ist ein Kunstprojekt! Diese Beschriftung wurde bereits für die Vorgängerbrücke (Drehbrücke von 1902) im Zuge einer Ausstellung des Schweizers Rémy Zaugg (Deichtorhallen, 1992) angefertigt, und nach abgeschlos-
sener Neuerrichtung der Oberhafenbrücke (2007) später an dieser wieder montiert.
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Hamburg - Oberhafenbrücke - Kunstprojekt (1992) - Hafenbegriffe von Rémy Zaugg

Hamburg – Oberhafenbrücke – Kunstprojekt (1992) – Hafenbegriffe von Rémy Zaugg

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Auf der Hammerbrook-Uferseite, auf der Sie auf einem Foto weiter oben den Fruchthof gesehen haben, liegt
die Straße Stadtdeich. Auf dieser Seite der Brücke gibt es ein Schiebetor zur Flutsicherung. Man kann also die Brückenfahrbahn schließen.
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Hamburg - An der Oberhafenbrücke - Schiebetor als Flutschutz

Hamburg – An der Oberhafenbrücke – Schiebetor als Flutschutz

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Hamburg - Oberhafenbrücke - Ein weiterer Begriff aus dem Kunstprojekt von Rémy Zaugg ...(Das Wort KANÄLE ist an der Brücke montiert)

Hamburg – Oberhafenbrücke – Auf der Schiebetorseite – Ein weiterer Begriff aus dem Kunstprojekt von Rémy Zaugg …

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Bevor es abschließend zu einem wirklich schönen Bauwerk in traumhafter Lage an einem Fleet in der Speicherstadt geht, möchte ich mit Ihnen noch den Schlenker zum „Drachenschwan“ in der Banksstraße (Hammerbrook) einlegen.
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Hamburg - Banksstraße/Hammerbrook - Einer der beiden Brückendrachen ...

Hamburg – Banksstraße/Hammerbrook – Einer der beiden Brückendrachen …

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Ich habe die Brücke und ihn bei Sonnenschein wiedergefunden und dabei entdeckt, dass nicht nur ein Drache existiert, sondern auf der anderen Straßenseite, ebenfalls außen am Geländer, sein Zwilling Wache schiebt. Allerdings ist auf dessen Schild sogar die Bezeichnung „Erste Banks-Brücke“ zu lesen.
Mich interessiert sehr, welchen Bezug Drachen gerade zu dieser Brücke oder überhaupt zu einem Standort wie diesem in der Banksstraße haben. Ich vermute stark, es ist ein Zeichen dafür, dass dieser Teil der Stadt ursprünglich einmal zum Stadtteil St. Georg gehörte. Sie kennen doch die Sage um den heiligen Ritter Georg, den Drachentöter …
Aber vielleicht sollen sie auch nur den Mittelkanal und die Einwohner von Hammerbrook vor unliebsamen Gästen schützen, die sich via Oberhafen und durch die Hammerbrookschleuse einzuschmuggeln versuchen. Wer weiß …
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Hamburg-Hammerbrook - Banksstraße - Der Drache auf der anderen Seite verrät sogar, wie die Brücke heißt ... (Sein Schild zeigt _Erste Banks-Brücke_)

Hamburg-Hammerbrook – Banksstraße – Der Drache auf der anderen Seite verrät sogar, wie die Brücke heißt …

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Es gibt noch etwas Interessantes an dieser Stelle, was offenbar wesentlich älter ist als die eigentliche Straßenbrücke. Es ist eine separate Rohrbrücke aus dem Jahr 1894, die parallel zu ihr über den Mittelkanal führt.
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Hamburg-Hammerbrook - Banksstraße - Rohrbrücke von 1894 über den Mittelkanal

Hamburg-Hammerbrook – Banksstraße – Rohrbrücke von 1894 über den Mittelkanal

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Auf dem nächsten Kanalfoto können Sie im Hintergrund die Hammerbrookschleuse gut erkennen. Sie ist schon mächtig alt, wurde zwischen 1844 und 1847 erbaut! Das muss man sich einmal vorstellen. Die Schleuse wurde in dem Jahr fertiggestellt, als Thomas Alva Edison, Paul von Hindenburg oder auch Revolverheld Jesse James gerade erst geboren wurden!
Die Hammerbrookschleuse steht unter Denkmalschutz. Dennoch hat man natürlich inzwischen nachgebessert (2008/2009) und saniert, damit sie technisch gut funktionsfähig bleibt sowie von der Höhe her ausreichend Schutz bietet. Sie regelt nämlich als Stauwehr die Tide zwischen der Norderelbe und dem vom Oberhafen hier abzweigenden Mittelkanal.
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Hamburg - Hammerbrookschleuse (Mittelkanal)

Hamburg – Hammerbrookschleuse (Mittelkanal)

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Aber jetzt! Nun geht es noch einmal zum Ericusgraben, über die Oberbaumbrücke am SPIEGEL-Gebäude entlang und kurz danach rechts in eine kleine Seitengasse, die zur Poggenmühlenbrücke über dem Wandrahmsfleet führt. Die Brückenmitte sollten Sie sich als Platz merken! Von da aus haben Sie nämlich
eine hervorragende Sicht auf das kleine Wasserschloss, das abends zusätzlich wunderbar illuminiert wird.
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Hamburg - Speicherstadt - Wasserschloss

Hamburg – Speicherstadt – Wasserschloss

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Sieht schön aus in seiner Umgebung, nicht wahr? Es ist eines der beliebtesten Fotomotive hier in Hamburg. Insbesondere als Nachtaufnahme, wenn es angestrahlt ist!
Es wurde vor etwa 110 Jahren erbaut, als auch die Speicherstadt entstand. Und hier haben wir ihn wieder:
den Backstein-Expressionismus. Zusätzlich zum Backstein wurde zur Gliederung noch Granit verwendet. Den Schlosscharakter erhält das kleine viergeschossige Schmuckstück durch seinen Turm, die runden Erker und durch die hohen Bogenfenster. Auch sein Kupferdach macht sich gut.

In früheren Zeiten wurde das Schlösschen von Windenwächtern genutzt. Als Unterkunft, aber auch als Werkstatt. Windenwächter (oder –wärter) waren die Hafenarbeiter, die für die Wartung und die Reparatur von Speicherwinden zuständig waren. Von diesen hydraulischen Vorrichtungen gab es in der Speicherstadt unzählige, denn wie anders als durch Hochhieven sollte man Waren aus den Booten vom Fleet hinauf zu den Lagerböden der Speicherhäuser bekommen. Obwohl sonst in der Speicherstadt damals keiner wohnen durfte – für die Wächter und anderes technisches Personal wurde eine Ausnahme gemacht. Es war vorteilhafter, sie direkt vor Ort zu wissen.

Heute wacht im Wasserschloss keiner mehr über Winden, aber über Tee oder über Sie. Das „Wasserschloss Speicherstadt“ besteht aus einer Gastronomie mit gleich angeschlossenem Fachgeschäft, in dem sich alles um
Tee dreht. Sie können also zunächst einkehren, später im Teekontor Sorten schnuppern und neue Ge-
schmacksrichtungen für daheim erstehen.

Haben Sie Kinder? Es könnte sein, dass Ihrem Nachwuchs das Wasserschloss schon ein Begriff ist. Es ist sehr bekannt, seit es in der beliebten Fernsehserie „Die Pfefferkörner“ vorkam.
Mir fällt gerade ein, was Sie in dem Schlösschen am Wasser auch tun könnten! Stilvoll heiraten! Sie müssten sich in dem Fall zwecks Terminabsprache mit dem Standesamt Hamburg-Mitte in Verbindung setzen.

Natürlich dürfen Sie sich auch das noch gut überlegen und müssen hier und jetzt keine übereilten Entschlüsse fassen. Während Sie in sich gehen, verabschiede ich mich für dieses Mal.
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Bis demnächst – vielleicht bei einer neuen Entdeckungstour.

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©by Michèle Legrand, Februar 2017
Michèle Legrand

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46 Kommentare

„Das liegt an den Pferden …“

Kürzlich kullerten mir ein paar weiße Zuchtpilze vor die Füße. Sie und ein Verteilerkasten sind die Auslöser für den Beitrag, der heute auf Sie zukommt.
Verwundert? Nun, dieser Blog trägt nicht grundlos die Bezeichnung Gedankensprünge als Teil seines Namens. Die gibt es hier halt. Ein Erlebnis, die vor einem ablaufenden Bilder, ein auftauchendes Geräusch, ein Duft … So etwas ruft sehr häufig Assoziationen hervor und lenkt Gedanken im Nu um. In eine gänzlich neue Richtung. Bei mir ist es jedenfalls so. Sie führt ein solcher Gedankensprung heute in meine Wohngegend und nebenbei zeitlich zurück.

Wieso mir die Pilze überhaupt …? Das auslösende Moment gehört gar nicht zum Endthema, doch wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen gern davon gleich mit.
Ich fuhr eine Rolltreppe hinauf. Direkt vor mir stand eine Frau mit einem proppevollen Einkaufsbeutel. Oben angekommen, erfolgte der obligatorische Schritt auf festen Boden – und da blieb sie stehen. Mitten im Auslauf! Dort, wo es noch zu eng ist, um auszuweichen und seitlich an ihr vorbeizuhuschen. Hinter mir folgten weitere Leute, eine Rolltreppe stoppt prinzipiell nicht, und so stieß ich von hinten an sie an. Es ließ sich absolut nicht verhindern.

Sie reagierte entrüstet. Verblüfft hielt ich mich zunächst zurück, denn – wäre ich an ihrer Stelle gewesen – ich hätte mich wohl eher entschuldigt. Sie begann erstaunlicherweise, sich lautstark zu beschweren und erklärte, dass alle Auflaufenden (ich, aber auch die danach Kommenden) besser hätten aufpassen müssen. Das wäre
so wie beim Autofahren: der, der auffährt, hätte Schuld.

Dem Herrn, der auf der Treppe direkt hinter mir gestanden hatte und der genauso in die Bredouille geraten war (er klebte nun noch halb an mir), platzte fast der Kragen, als er das vernahm. „Wir hätten alle stürzen können!“, war noch das Mildeste, was er von sich gab. Danach wurde es inhaltlich etwas ausfallend, was natürlich in keiner Form zu einem gütlichen oder halbwegs einvernehmlichen Ende führte.
Ich stand dazwischen und kam nicht weg. Natürlich ärgerte es mich auch! Was hatte das mit Aufpassen zu tun! Es gab doch keinerlei Anzeichen für einen kommenden Blitzstopp! Und wohin hätte man ausweichen sollen?
Überhaupt dieser Vergleich mit dem Straßenverkehr … Was wäre denn eine in etwa vergleichbare Situation? Vielleicht ein in einem engen, einspurigen Tunnel unvermittelt bremsender Autofahrer, der den Motor von jetzt auf gleich abschaltet und sein Fahrzeug grundlos stehen lässt? Wobei sich dort wenigstens nicht noch die Fahrbahn hinter ihm wie ein Transportband weiterbewegen würde.
Ich wandte mich ihr zu:
„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Wir werden die Fahrt wiederholen. Es scheint, Sie können sich nicht vorstellen, dass Ihr Hintermann keine Chance hat, einen solchen Aufprall zu vermeiden. Also probieren wir es aus. Diesmal fahre ich vor Ihnen, Sie stellen sich hinter mich. Oben werde ich mich genauso verhalten wie Sie vorhin. Und Sie haben jetzt sogar noch den Riesenvorteil, dass Sie wissen, was kommt. Wir werden sehen, wie Sie die Lage meistern.“
Oooh! Das war gar nicht ihr Ding. Sie bezeichnete es als „bekloppte“ Idee und weigerte sich vehement. Vor lauter Empörung geriet der Einkaufsbeutel ins Schwanken, die obenauf liegende Papiertüte vom Gemüse-
händler fiel heraus, riss, und eine Ladung weißer Kullerpilze verteilte sich auf dem Boden. Vor meinen Füßen …

Ansonsten hat sich der kleine Menschenauflauf danach auseinanderdividiert. Es hatte keiner mehr Lust auf den Zirkus. Einsammeln musste sie ihre Pilze alleine.

Direkt nach diesem Theater stieß ich auf dem Heimweg auf besagten Verteilerkasten, der seit Kurzem über-
haupt nicht mehr grau und trostlos aussieht, sondern sehr positiv auffällt, nachdem er farblich gestaltet wurde. Es ist nicht der erste Stromkasten, der in meinem Bezirk (Wandsbek) durch das kunstvolle Bemalen und Aufsprühen von farbigen Motiven eine solche Schönheitskur erfährt – und wieder ist es ein Werk von Vincent Schulze!
Können Sie sich noch dunkel entsinnen? Bereits vor fünf Jahren (2012) habe ich den Hamburger Künstler
ein erstes Mal im Blog erwähnt. Inzwischen hat er in vielen Stadtteilen seine Spuren hinterlassen. Außer in Wandsbek wird man u. a. in Eimsbüttel, Curslack, Neugraben, Lohbrügge sowie Niendorf oder auch an der Alster fündig. Seine Werke entstehen jedoch nicht nur draußen, als Kunst im öffentlichen Raum (Fassaden, Verteilerkästen etc.) für alle sichtbar, sondern natürlich vermehrt auch als Innengestaltung in Wohn- und
Nutzräumen (z. B. Badgestaltung) oder nicht allgemein zugänglich als Wandmalerei auf Privatgrund (Innenhöfe). Auftraggeber sind sowohl Privatpersonen als auch Vereine sowie Firmen unterschiedlichster Branchen, die ihren Traum vom geschäftsbezogenen Motiv oder von Skylines, Dünenlandschaften, Tieren, Gebäuden etc. verwirklicht haben möchten.
Was mir – abgesehen von seiner Arbeit ganz generell – besonders gefällt, ist, dass die Außenmotive in der Mehrheit der Fälle einen unmittelbaren, meist geschichtlichen, Bezug zur Umgebung haben.

Der recht breite Verteilerkasten, um den es zunächst geht, steht auf dem Wandsbeker Marktplatz. Er besitzt auf Vorder- und Rückseite unterschiedliche Motive.
Die der Straße abgewandte Ansicht verschafft einen Eindruck davon, wie der Marktplatz im Jahre 1866 ausgesehen hat. Zu der Zeit gab es dort tatsächlich noch eine Art Wald.
Erkennen Sie die Freifläche rechts neben der Kirche? 22 Jahre später (1888) startete dort der Bau des Matthias-Claudius-Gymnasiums, das es heute noch gibt, wenngleich auch die Schäden am ursprünglichen Gebäude im Krieg enorm waren und es inzwischen einige Neu- und Erweiterungsbauten gibt.
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Hamburg - Wandsbeker Marktplatz - Verteilerkasten mit alter Ansicht (Blick stadtauswärts) - Gestaltung: Vincent Schulze,, HH

Hamburg – Wandsbeker Marktplatz – Verteilerkasten mit alter Ansicht (Blick stadtauswärts) – Gestaltung: Vincent Schulze,, HH

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Auf dem zur Straßenseite ausgerichteten Bild, ist als größter Bau das Karstadt-Haus zu erkennen und zwar um das Jahr 1900 herum. (Für Nichthamburger zur Information. Karstadt gibt es bis heute dort, eines der wenigen Gebäude, die sogar den Krieg überstanden haben.) Wer ein bisschen in diese Zeit zurückgeht, findet heraus, dass es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Rudolph Karstadt, dem bekannten Begründer der Dynastie, gehörte, sondern seinem Bruder Ernst, der es ihm jedoch nicht lange danach verkaufte.
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Hamburg - Wandsbeker Marktplatz - Alte Ansicht der Wandbeker Marktstraße mit Karstadt-Haus - Gestaltung: Vincent Schulze, HH

Hamburg – Wandsbeker Marktplatz – Alte Ansicht der Wandbeker Marktstraße mit Karstadt-Haus – Gestaltung: Vincent Schulze, HH

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Auf zwei weiteren, nebeneinander stehenden, kleineren Kästen, die ebenfalls durch Vincent Schulze ein neues Gesicht erhielten, sind Matthias Claudius, der hier in Wandsbek lebte, sowie seine Frau Rebecca (Rebekka) porträtiert (Ecke Claudiusstraße/Schloßstraße).
Und noch ein sehr schöner und vom selben Künstler enorm aufgewerteter Verteilerkasten mit Wandsbek-Bezug hat seinen Platz Ecke Neumann-Reichardt-Straße/Schädlerstraße. Auf ihm ist das ehemalige Wandsbeker Schloss zu sehen, das einst nah des Wandsbeker Marktes stand. Leider existiert es nicht mehr. Dabei würde es sich sehr gut machen …

An seinem Platz entstand zunächst die Wandesburg, eine Wasserburg, die Heinrich Rantzau ab 1564 er-
bauen ließ. Nach diversen Eigentümerwechseln gelangte 200 Jahre später Heinrich Carl von Schimmelmann in ihren Besitz. Wir Wandsbeker (und noch ein paar andere, z. B. die Altonaer) gehörten früher lange zum Königreich von Dänemark. So erklärt sich die zunächst erstaunlich klingende Aussage, dass der neue Eigen-
türmer 1764 gleichzeitig Finanzminister von Dänemark war. So wie übrigens auch schon zuvor Rantzau die Funktion eines dänischen Statthalters ausübte.
Von Schimmelmann ließ die Burg bald danach abreißen, um auf ihr sein Wandsbeker Schloss (1772 bis 1778) zu errichten – inklusive eines Barockparks und eines Landschaftsgartens. Und natürlich entstanden Gebäude für die Bediensteten sowie Stallungen. Große Teile des heutigen Stadtteils Marienthal zählten früher zum Gebiet des ausgedehnten Guts.
Ungünstig war nur, dass bereits die Nachfahren Schimmelmanns im 19. Jahrhundert Geldprobleme hatten und das Anwesen verkaufen mussten. Ein Herr von Carstenn (tatsächlich mit Doppel-n) übernahm es, teilte flink das Land in Parzellen auf, verkaufte diese und ließ das schöne Schloss 1861 abreißen.
Achtzig oder knapp neunzig Jahre sind in meinen Augen keine sonderlich lange „Lebenszeit“ für ein Barockschloss.
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Hamburg - Wandsbek - Verteilerkasten mit Wandsbeker Schloss (Vorderseite) - Gestaltung: Vincent Schulze

Hamburg – Wandsbek – Verteilerkasten mit Wandsbeker Schloss – Gestaltung: Vincent Schulze

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Vor zehn Jahren – bevor ein Neubauvorhaben mit umfangreichen Bodenbewegungen gestartet wurde – führte man vor Ort Ausgrabungen durch. Dabei wurden Ziegelmauerreste entdeckt, die auf Felssteinfundamenten errichtet waren. Außerdem kamen  hölzerne Zu- und Abwasserleitungen zum Vorschein.

Auf alten Ansichten ist zu erkennen, dass einst zwei steinerne Löwen links und rechts der Auffahrt zum Schloss Wache hielten. Die Originale gibt es noch, sie stehen heute im WBZ (Zentrum für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt, Schlossgarten 9), also fast an ihrem ursprünglichen Platz, nur drinnen, damit der Sandstein nicht der Witterung ausgesetzt sind. Es sind Abgüsse der beiden Skulpturen, die seit 2004 den Wandsbeker Marktplatz bewachen.
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Hamburg - Wandsbek - Einer der Löwen (Abguss) des ehemaligen Wandsbeker Schlosses

Hamburg – Wandsbek – Einer der Löwen (Abguss) des ehemaligen Wandsbeker Schlosses

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Und bis heute existieren zwei Exemplare der Sandsteinvasen, die ebenfalls die Außenanlage des Schlosses zierten …
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Hamburg - Wandsbek - Eine der existierenden Sandsteinvasen, die einst am alten Wandsbeker Schloss standen

Sandsteinvase, die einst am alten Wandsbeker Schloss stand …

Dass mich die Malereien auf dem Verteilerkasten zu Vincent Schulze und dessen Wandsbek-Motive wiederum zum Thema Schloss führten, können Sie leicht nachvollziehen. Doch warum auch die Pilze?

Als ich vor recht langer Zeit hierher in eine Parallelstraße zum „Schloßgarten“, eben jener Straße zog, in der sich in früheren Zeiten das Schloss befand, hatte ich nur eine sehr vage Idee davon gehabt. Und die eher vom Bauwerk als von den Ausmaßen der Ländereien!
Während ich südwestlich vom ehemaligen Standort des Schlosses lebe, zogen sich die angelegten Gärten
mehr in östlicher Richtung, dort, wo heute die Überreste des alten Baumbestandes das Gehölz bilden.
Gab es auch eine Ausdehnung in die andere Richtung, mehr zu meiner Seite hin?

Als ich in den Anfangsjahren einmal im Garten werkelte, spazierte eines Spätsommernachmittags eine betagte Dame vorbei, die in der Nachbarschaft, nur ein paar Häuser weiter, wohnte. Wir kamen ins Gespräch, und ich verriet ihr, dass ich erstaunt darüber sei, schon das dritte Jahr in Folge haufenweise Champignons auf meinem Rasen zu entdecken. Echte Wiesenchampignons!
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Wiesenchampignon im Garten ...

Wiesenchampignon im Garten …

Sie schaute verschwörerisch drein und verkündete mir dann:
„Das liegt an den Pferden.“
„Ich habe keine Pferde.“
„Nein, die von früher …“
Ich verstand immer noch nicht, worauf sie hinaus wollte. So erklärte sie die Umstände etwas genauer:
„Schauen Sie, ich spreche von dem alten Schloss. Hier waren früher Pferdekoppeln, die Weiden der herrschaftlichen Pferde. Die haben damals natürlich überall ihre Pferdeäppel abgelegt. Den Mist aus den Ställen verteilte man in den Nutzgartenbereichen. Beste Voraussetzung dafür, dass auf dem Boden Champignons gedeihen. Selbst heute hat das Erdreich immer noch etwas davon in sich. Von diesem Pferdedung, meine ich. Ich habe auch Champignons im Garten!“

Ich weiß bis heute nicht, ob ich dem Glauben schenken soll oder nicht … Was meinen Sie?
Als nach dem Abriss des Wandsbeker Schlosses die Grundstücke verkauft wurden, also auch die Weide- und Anbauflächen, errichtete man dort nach und nach Villen und zog neue Straßen durch das Gebiet. Später, im Krieg, war diese Gegend u.  a. während der Operation Gomorrha Ziel zahlreicher Bombenabwürfe. Ein ganz erheblicher Teil der Villen lag danach in Trümmern oder hatte den Feuersturm nicht überstanden.
Man ließ damals den Schutt an Ort und Stelle, verteilte ihn großflächig, planierte alles und baute so bald es ging direkt darauf neue Häuser. Aus eigener Erfahrung weiß ich, nur eine dünne Lage Erde bedeckt die Ziegelgeröllschicht von damals.
Schauen Sie einmal, was ich vor Jahren bei jedem Stück Garten, das ich neu anlegen und gestalten wollte, zuvor alles auszugraben hatte …
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Hamburg - Wandsbek/Marienthal - Schuttreste aus Kriegszeiten sind immer noch im Boden ...

Hamburg – Wandsbek/Marienthal – Schuttreste aus Kriegszeiten sind immer noch im Boden …

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Selbst wenn einige Stellen im Umkreis des Schlosses tatsächlich noch „original“ sein sollten, d. h. der Boden ohne Schuttschicht … Kann es sein, dass sich der damals reichlich ausgebrachte Pferdedung in Form von Weideäpfeln und Stallmist noch nach 100 bis 150 Jahren auf die Erdbeschaffenheit auswirkt? Sie eine champignontaugliche Zusammensetzung besitzt? Zumindest, wenn weitere Gegebenheiten ebenfalls passen, wie beispielsweise ein Stück vorhandene, natürliche Rasenfläche/Wiese, möglicherweise Gehölze als Anrainer, neutraler bis leicht basischer Untergrund, keine mineralischen Dünger, überhaupt wenig Nährstoffe bei gleichzeitig genügend hohem Stickstoffanteil. Ideal dazu wäre eindeutig halb verrottetes, fermentiertes Material (wie eben Pferdemist).

Vielleicht ist das, was mir die alte Dame erzählte, lediglich ein schönes Märchen. Allerdings mag ich solche Geschichten!
Wann immer bei mir Champignons vorwitzig aus der Erde oder zwischen Gräsern des Rasens hervorlugen,
sich strecken und ihre erstaunlich großen Hüte ausbreiten, denke ich automatisch an die Rösser des Herrn Schimmelmann, die womöglich ausgerechnet in meinem Garten den Drang verspürten, Äppeldung mit Langzeitwirkung zu hinterlassen.
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Schluss machen für heute? Ja, es ist schon wieder dunkel draußen. Nur noch ein kleiner Schlenker und gedanklicher Sprung zurück zur Wandmalerei und Verteilerkastengestaltung.
Wenn Sie neugierig geworden sind und Lust auf weitere Motive bekommen haben, dann finden Sie auf der Website des Künstlers Vincent Schulze im Blogbereich vielfältige und wirklich sehenswerte Fotobeispiele.

Hier geht’s zur Homepage, hier direkt zum Blog.
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Und nun ist endgültig Feierabend!  Denn, um es mit den Worten von Matthias Claudius zu sagen, „Der Mond ist aufgegangen“.

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Hamburg - Wandsbek/Christuskirche - Zur Erinnerung an Matthias Claudius die Bronze "Der Mond ist aufgegangen" von Waldemar Otto.

Hamburg – Wandsbek/Christuskirche – Zur Erinnerung an Matthias Claudius die Bronze „Der Mond ist aufgegangen“ von Waldemar Otto.

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Vielleicht schauen Sie gelegentlich wieder vorbei, es würde mich freuen.  Bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, Januar 2017
Michèle Legrand

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