Archiv für die Kategorie Auf Entdeckung – Unterwegs im In- und Ausland (s. dazu auch weitere Spezialkategorien)

Welly Throwing – Einmal im Jahr fliegen die Stiefel …

Der erste flog hoch statt weit. Viel zu hoch!! Bekommen Sie das richtig hin? Treffen Sie gleich mit diesen verflixten … Sekunde, lassen Sie uns lieber doch von vorn beginnen!
Ich muss heute einfach etwas dazwischenschieben!
(Die Alster, die ich letztes Mal ankündigte, erscheint mit etwas Verzögerung nach diesem Post.)

Die Queen winkte! Es flogen schwere Hämmer! Ein Pylon kippte! Männer trugen Rock!
Ich habe Gummistiefel durch die Gegend geworfen! (Eigentlich auf ein Ziel. Zumindest war das der Plan.)
All das nicht drüben im United Kingdom, womöglich sogar direkt oben im Norden bei den Schotten!
Nein, hier in Hamburg!

Man könnte es akkurat so formulieren, dass seit 25 Jahren die in Hamburg lebenden Briten, die Hanseaten selbst und wer sonst Lust verspürt, einmal jährlich eingeladen sind, an einem Sommerwochenende einer kulturellen, sehr britischen Veranstaltung mit gleichzeitig stilvoller Einkaufsmöglichkeit beizuwohnen und dabei tatkräftig einen wohltätigen Zweck zu unterstützen.
Etwas salopper ausgedrückt würde ich es Ihnen so beschreiben:
Es treffen sich Briten und anglophile Deutsche aus dem Norden, die alle locker und möglichst leicht schräg drauf sind, zur sogenannten British Flair, um entspannt zu shoppen, sich zu unterhalten und unterhalten zu lassen, spendabel zu sein und um für einen guten Zweck selbst allerlei verrückte Sachen auszuprobieren.
Die Briten machen das, weil sie es kennen und lieben, es ihnen fern von daheim vermutlich ein wohliges Heimatgefühl vermittelt. Die Deutschen tun es wiederum, weil es ihnen für einige Stunden das Gefühl gibt, den doch angeblich nicht unerheblichen Teil der britisch tickenden Gene des Norddeutschen zu entdecken, den unterdrückten Briten herauszulassen und einer heimlichen Liebe zu frönen.

British Flair in Hamburg. Sehr oft ist an dem angekündigten Termin sogar das entsprechende Wetter: Typisch britisch bzw. typisch schottisch. Feucht von oben. Regen.
Nicht in diesem Jahr am zweiten Augustwochenende! An diesen beiden Tagen herrschte Sommerwetter mit herrlichem Sonnenschein.
Gerade dann findet sich eine äußerst angenehme Atmosphäre an solchen Orten, doch ganz generell kommen bei dieser Art von Veranstaltung die vielen erfreulichen, uns oft als sehr positiv auffallenden Eigenschaften und Merkmale der Nachbarn von der Insel deutlich zum Tragen: Humor, das geduldige Anstehen, Höflichkeit, Gastfreundlichkeit, entspannter Smalltalk, der leichte Hang zur Skurrilität u. v. m.
Ulkig, jedoch sehr vorteilhaft ist, dass diese Wesenszüge im Laufe der Zeit vor Ort auf sämtliche Gäste abfärben. Selbst auf die Nichtbriten!

Passend und stilgerecht ausgewählt ist natürlich auch der Ort des Geschehens: Das Gelände des Hamburger Polo Clubs in der Jenischstraße in Klein Flottbek. Grün, das Areal. So weit das Auge reicht. Polo und gepflegter englischer Rasen – eine bekannte Sportart und ein typisch britisches Merkmal. Passt. Das Pferdeschnauben ist auch nicht weit …

British Flair im Hamburger Polo Club

„British Flair“ im Hamburger Polo Club

Wenn Sie Lust haben, streifen Sie mit über das Gelände und die Ausstellung. Schauen selbst, was die British Flair ausmacht …

Shopping, Show and Charity

Bei diesem Event entdecken Sie eine Vielzahl von Ständen, an denen Sie zugreifen und Ihre typisch britisch geprägten Gelüste jeglicher Art befriedigen können. Es finden sich Schneider, die Ihnen die Anfertigung hochwertiger Maßkleidung anbieten. Muster der Tweedstoffe stehen vor Ort zur Verfügung. Es gibt Schuhhersteller, die rahmengenähtes Schuhwerk offerieren. Sie stolpern über Sonnenhüte, Halstücher und Strickröcke, Artikel für den Hund („Finest Dog Food und Lifestyle für Hund und Halter“), Accessoires für die Wohnung und Informationen über Reisen ins Königreich oder auch nach Irland. Selbstverständlich wird ausreichend für Nahrung gesorgt. Fish & Chips, Indische Currygerichte, Suppen, Spezialitäten, Süßigkeiten, heiße und kalte Getränke aller Art stehen zur Verfügung. Selbst Guinness.

Sonnenhüte und Kappen finden reißenden Absatz bei dem strahlenden Sonnenschein ...

Sonnenhüte und Kappen finden reißenden Absatz bei dem strahlenden Sonnenschein …

Bei einem der Hutstände entdeckte ich von etwas weiter entfernt ein dort aufgestelltes Textschild, von dem ich annahm, es würde mir etwas zu den Kopfbedeckungen verraten.  Ich trat näher.
„Koi-Karpfen zu vekaufen“

Wer andere Vorlieben hat, wird vielleicht bei den Fahrradspezialanfertigungen fündig oder bekommt bei chromblitzenden Motorrädern leuchtende Augen. Auch für so etwas sind Spezialisten vor Ort.

Am Stand von "Le Velo" ...

Am Stand von „Le Velo“ …

Holzpedale ...

Holzpedale …

Autos ...

Autos …

Hunde an Bord ... (Plüschhunde im Fahrerraum eines Minis)

Hunde an Bord …

Oder klopft das Herz für Oldtimer?
Die Oldtimer verschiedener Altersklassen drehen sogar kleine Runden (classic car parade), damit sie jeder in Fahrt bestaunen kann. Den Motoren bekommen die langsamen Drehzahlen auf Dauer nicht so gut, daher geben die Teilnehmer gelegentlich zwischendurch ordentlich Gas und preschen nach vorn. Was natürlich auf diesem Rasen nur auf den geraden Streckenabschnitten möglich ist. Schließlich möchte keiner mit Blitzstarts oder Raserei in den Kurven das Polofeld des Clubs zerpflügen …

MG M-Type Midget, Bj. 1930

MG M-Type Midget, Bj. 1930

Classic car parade - Oldtimers Concours

Classic car parade – Oldtimers Concours

Oldtimer aufgeklappt ... (MG Midjet Baureihe TD, Baujahr 1953)

Oldtimer aufgeklappt … (MG Midjet Baureihe TD, Baujahr 1953)

... Innenraum (Feuerlöscher dabei)

… Innenraum (Feuerlöscher dabei)

Oldtimer ....

Oldtimer ….

Oldtimer ...

Oldtimer …

Es wird hier und bei vielen anderen Dingen gern Show mit Charity verbunden. Sie haben immer etwas zu schauen, doch Sie können ebenfalls Lose für die Tombola kaufen oder zusätzlich für 5 € das Mitfahrrecht im Oldtimer erwerben und so gleichzeitig etwas für den guten Zweck tun. In diesem Jahr geht der Erlös der Veranstaltung an die Stiftung „Ein Platz für Kinder“.

MG M-Type Midget, Bj. 1930

MG M-Type Midget, Bj. 1930

Und sollten Sie selbst Motoren und Technik nicht vollends befriedigen, sind da immer noch Pferde, Sport und etwas fürs Gehör. Dazu gleich mehr.
Bei Veranstaltungen dieser Art bietet sich netterweise ganz unverkrampft die Möglichkeit, sich mit den Sitten und Gebräuchen der Bewohner des Kingdoms vertraut zu machen und anzufreunden.
Briten und Norddeutsche. Briten und Hamburger!
So weit auseinander, wie es manchem scheint, liegen wir wesensmäßig in Wahrheit gar nicht.
Beispiel?
Was uns im Hafen hier der Shantychor im maritimen Look samt Matrosenkragen und Akkordeonmusik, das sind dem Briten und speziell dem Schotten die Dudelsackspieler im Kilt inklusive der ergänzenden Bass- und Snaredrums.
Singt hier die Finkwarder Speeldeel und tanzt dazu eine Volkstanzgruppe in Trachten, bewegen sich die Inselnachbarn im Schottenkaro zu ihren Reels (schottische Volkstänze) und haben dabei die Bagpipes im Ohr.
Wenn Norddeutsche bei Ebbe aufkommende Langeweile verspüren, kostümieren sie sich und veranstalten ungeniert Schlittenschlickrennen im Matsch. Oder heißt es Schlickschlittenrennen? Egal! Hemmungslose Rennen im Watt jedenfalls.
Das Pendant in Sachen Zeitvertreib bei ungewöhnlichen Spielen mit eigenartigen Geräten gibt es bei den Briten in Form der Scottish Highland Games, die dort seit Jahrhunderten Tradition haben. Theoretisch beinhalten sie ca. 50 verschiedene Sportarten, doch in der Praxis wird aus den verschiedenen Disziplinen jeweils gezielt etwas herausgepickt.
(Der Baron de Coubertin, den kennen Sie als den Begründer der modernen Olympischen Spiele, dieser Baron war bei der Weltausstellung 1889 in Paris von der Präsentation einiger Highland-Sportarten so hin und weg, dass er Hammerwerfen, Kugelstoßen und Tauziehen gleich mit in seinen Wettbewerb aufnahm. Bis auf das Tauziehen sind es bis zum heutigen Tage olympische Sportarten!)

Während es drüben auf der Insel jedes Jahr eine große Anzahl von lokalen, profimäßigen Turnieren gibt, hat sich immerhin schon ein spürbares Highland-Games-Fieber auch nach Deutschland verirrt. Vielleicht ist Fieber ein bisschen zu viel gesagt. Eine ordentliche Hitzewallung ist es jedoch durchaus.
Begeisterungsfähig sind wir schon!
Heute trifft man daher selbst bei uns so dann und wann anlässlich der  „British Days“ auf starke Männer, die „Tossing the Caber“ (Baumstammwerfen) oder auch „Putting the Stone“ (Steinstoßen) betreiben.
Die British Flair in Hamburg bot ersteres, dazu „Throwing the Hammer“ (Hammerwerfen) und an einem langen Seil wurden durch die pure Muskelkraft berockter Herren zwei Autos („Minis“) gezogen.

Hammerweitwurf (Throwing the Hammer)

Hammerweitwurf (Throwing the Hammer)

Scottish Highland Games - Hammerweitwurf ...

Scottish Highland Games – Hammerweitwurf …

Was so geworfen wird ...

Was so geworfen wird …

Autos ziehen per Seil und purer Muskelkraft ...

Autos ziehen per Seil und purer Muskelkraft …

Als Besucher wiederum konnten Sie „Welly Throwing“ (Gummistiefelweitwurf) betreiben. Das kann von Menschen sämtlicher Altersgruppen ausgeführt werden und macht allen, vom Kind bis zum Greis, Spaß! Hand aufs Herz: Herumschleudern bekommt schließlich jeder irgendwie hin! (Wo das Ding landet, ist eine andere Sache …)

Den Obolus für Ihre Werfversuche können Sie ebenfalls als Spende betrachten. Die kommt der Stiftung und den Kindern zugute, egal wie Sie abschneiden.
Nach den ersten grottenschlechten Versuchen erwacht allerdings häufig der Ehrgeiz herauszubekommen, wie der Stiefel am besten zu greifen und zu befördern ist. Wie er besser fliegt und zielgenauer eintrifft.
Man fasst ihn vorzugsweise am oberen Schaftrand, hält den Stiefel dabei zu und bewegt sich in etwa so, als würde man kegeln oder bowlen wollen. Der Haken ist, dass Sie dazu tendieren, dabei ihr Gummigeschoss beim Abwurf nach oben zu bewegen. Viel zu weit nach oben!
Das Geheimnis liegt irgendwo darin, die richtige Rotation hinzubekommen und auch den optimalen Winkel zum Wind zu finden. Nur selbst wenn einem all dies in der Theorie klar ist, es durchzuführen ist gar nicht so einfach. Diese Stiefel sind absolut nicht aerodynamisch …

Gummistiefelweitwurf? ... Gummistiefelhochwurf?

Gummistiefelhochwurf?

Gummistiefelweitwurf ...

Gummistiefelweitwurf …

Einige Versuche später verzeichnen Naturtalente jedoch schon eine signifikante Steigerung der Zielgenauigkeit. (Die roten Stofffelder auf dem Rasen sind anzupeilen.)

Welly throwing (Gummistiefelweitwurf) für Jung und Alt ...

Welly throwing (Gummistiefelweitwurf) für Jung und Alt … – Er kann’s!

Noch ein bisschen weiterschauen?

Schäferhunde (Hütehunde) demonstrieren ihr Können. Paddington Bear erzählt den Kindern Geschichten.

Paddington Bear ...

Paddington Bear …

Sie treffen ein Kamel …

Ein Kamel ...

Ein Kamel …

Sie könnten bei den Scottish Reels mittanzen …

Scottish Country Dancing (Reels)

Scottish Country Dancing (Reels)

Eine Liveband spielt auf einer Bühne und ein bisschen zurückversetzt in der Zeit fühlt man sich beim „Side-saddle riding display“. Dort schauen Sie historisch gekleideten Reiterinnen beim Ritt im Damensattel zu, diesem Reiten im Seitsitz.

Im Damensattel und historisch gekleidet ... (Side-saddle riding)

Im Damensattel und historisch gekleidet … (Side-saddle riding)

Kennen Sie die britische (Kult-)Fernsehserie „Downton Abbey“? Wir bewegen uns dort auf einem herrschaftlichen Anwesen und den Ländereien zu Beginn des 20. Jahrhunderts und bekommen einen Eindruck vom Leben der feinen (adeligen) Gesellschaft, aber auch ihrer Dienerschaft. Die Damen, die hier in Hamburg in ihren langen Röcken reiten, könnten sehr gut aus der dort in den ersten Staffeln gezeigten sogenannten Edwardian era (1901-1914) stammen. Beim zweiten, genauen Hinschauen scheint es jedoch eher so, dass ihre Kleidung bereits einige Jahrzehnte früher angesagt gewesen sein könnte.

Im Damen- aber auch normalen Reitsattel ...

Im Damen- aber auch normalen Reitsattel …

Im Damensattel ...

Im Damensattel …

Reiten im Damensattel mit Hund - Side-saddle riding with dog

Reiten im Damensattel mit Hund – Side-saddle riding with dog

Eine Kopfbedeckung (Hut, auch Zylinder) gehörte selbstverständlich dazu. Daran befestigt war ein feinmaschiges Netz, das die Reiterin recht eng über dem Gesicht anliegen hatte. Es diente nicht nur zur eigenen Zierde, sondern auch zu dem Zweck, während des Ritts vor Insekten oder schrammenden kleinen Ästen zu schützen.
Ist es für Sie vorstellbar, dass man in einer solchen Position auf dem Pferd auch noch Hindernisse überspringt? Ohne dabei vom Ross zu fallen? Man kann!

Im Damensattel auch über Hindernisse ...

Im Damensattel auch über Hindernisse …

Nur warum setzt man sich nicht vernünftig? Warum sicher, wenn’s auch wackelig geht?
Das ist unser heutiges Denken!
Früher musste man als Dame eben „ordentlich“ sitzen. Nicht breitbeinig. Das Seitsitzreiten tat man schließlich seit Urzeiten, seit Jahrhunderten – immer schwer, dann etwas zu verändern. Nur eine wirkliche Dame durfte überhaupt auf dem Pferd mit einem Damensitzsattel reiten! Es wäre ein Unding gewesen, hätte ein Mädchen aus dem Dorf gewagt, es ihr gleichzutun. Bei dem Standesunterschied! No, no, no!
Allerdings erkannte man die erhöhte Unfallgefahr trotz so mancher Verbesserung bei der Konstruktion der Sättel. Als Nichtreiter würde ich denken, man fiele einfach viel leichter herunter, doch in Wirklichkeit war das besonders Gefährliche, dass man beim Abrutschen hängenblieb und mitgeschleift wurde.
Nach dem ersten Weltkrieg hat sich (glücklicherweise) der Herrensitz langsam durchgesetzt.

Haben Sie noch Zeit und Lust? Kleine Pause vielleicht …?

Setzen Sie sich einfach auf den weichen Rasen und erwarten die Dudelsackspieler. In Hamburg waren Mitglieder der Gruppe Baul Muluy Pipes & Drums eingeladen und spielten bekannte Titel.

Dudelsackspieler der Gruppe "Baul Muluy Pipes & Drums"

Dudelsackspieler der Gruppe „Baul Muluy Pipes & Drums“

Solche Instrumente müssen durchaus auch zwischendurch gestimmt werden. Gerade bei der Hitze! Vor dem Spielen von Amazing Grace ging ein Mitglied der Truppe reihum und kontrollierte den Klang der Pfeifentöne mit einem elektronischen Stimmgerät. Schließlich soll sich stets alles harmonisch und perfekt anhören …

... stimmen (Stimmen der Dudelsackpfeifen per Gerät)

… stimmen

Marschieren die Musiker nicht während ihres Spiels, bekommen Sie Feinheiten besser mit. Nicht unbedingt der Musik (die hören sie immer gut), aber der Abläufe untereinander. Wer gibt welches Signal an die anderen der Gruppe (Vortreten kurz vor Ende des Lieds, Instruktionen zu Beginn) etc.
Aus der Perspektive des am Boden sitzenden Zuschauers haben Sie zudem einen etwas anderen Blickwinkel als üblicherweise. Meine Aufmerksamkeit wurde auf etwas in Wadenhöhe des einen Dudelsackspielers gelenkt. Die Augen wanderten daraufhin zu den nächsten Füßen und Waden und danach zu der Person daneben …
Die haben das ja alle so!

Schnürtechnik bei den Ghillie Brogues der Dudelsackspieler ...

Schnürtechnik bei den Ghillie Brogues der Dudelsackspieler …

Mittlerweile habe ich gelernt, dass diese speziellen Schuhe Ghillie Brogues heißen, sie keine Zunge haben und die ihnen eigenen langen Schnürbänder traditionell sehr kunstvoll um das Bein geschlungen werden. Falls Sie planen, das Spielen des Dudelsacks zu erlernen und Ambitionen haben, irgendwann korrekt gekleidet aufzutreten, dann passen Sie gleich gut auf. Es gibt zwar keine ganz einheitlich geregelte Bindetechnik, aber grundsätzlich funktioniert es so:
Die Schnürsenkel werden straff gezogen, vorne in Schienbeinhöhe ungefähr fünfmal verzwirbelt und dann nach hinten geführt. In Wadenmitte werden wieder die Bänder miteinander verdreht, aber nur etwa zweimal. Zuletzt werden die Schnürsenkel vorne, alternativ gelegentlich auch seitlich, zusammengeführt und mit Doppelschleife befestigt. Das dies alles über dem Strickstrumpf passiert, sitzt, passt und hält es.
Bis jetzt ist mir nur immer noch nicht ganz klar, ob es rein zur Zierde dient oder die Befestigungstechnik noch weitere Gründe nützlicher und praktischer Art hat …

Was sollte man auf jeden Fall gesehen haben, wenn man schon einmal in einem Poloclub ist?
Polo selbstverständlich! Den Sport, den die Engländer auch „hockey on horses“ nennen.
Stehen Sie bei der British Flair am Feldrand, haben Sie entweder jemanden neben sich, der Ihnen Unklares erläutert (wer in Frage kommt, erkennen Sie schon vorher an den lautstarken Fachkommentaren zu Aktionen auf dem Spielfeld und etwas erhöhter Erregung) oder aber die Lautsprecherdurchsagen verraten mehr über das Treiben auf dem Rasen.
Ich hatte vorher keinen blassen Schimmer, weiß aber jetzt, dass Polo ein Sport ist, bei dem das Tier mehr zählt als der Reiter. Der Schutz des Pferdes hat Priorität. Deshalb gibt es strenge Verhaltens- und Wegerechtregeln für die Spieler. Da darf keiner in vollem Galopp einfach die Bahn des Gegners kreuzen, nur um diesem den Ball abzujagen! Viel zu gefährlich! Es hat derjenige das Wegerecht, der sich in der Bewegungslinie des Balles befindet. Der, der diese Linie kreuzen würde, beginge ein Foul.

Polo ...

Polo …

Ein Spiel besteht aus mehreren Zeitabschnitten (Chukker, Chucka). Auch hier gilt es als unmöglich, dass ein Pferd zwei Abschnitte hintereinander absolviert. Es braucht Pause und darf sowieso nur eine bestimmte Höchstzahl von Chukkers pro Tag absolvieren. Was ist also die Konsequenz?
Ein Spieler braucht für ein einziges Polospiel mindestens zwei Pferde!

Es ist zwar nicht gestattet, die Wege zu kreuzen, dennoch jagen die Teams in wilden Verfolgungsjagden dem Ball hinterher. Direkt auf die Tore zu, die durch locker aufgestellte, nicht am Boden verankerte, Pylone dargestellt werden. Im Eifer des Gefechts kippt schon einmal so ein Torpfosten um …  Es minimiert aber enorm die Verletzungsgefahr der Pferde (und Reiter)!

Polo - Kurze Unterbrechung, der Torpfosten (Pylon) ist umgekippt ...

Polo – Kurze Unterbrechung, der Torpfosten (Pylon) ist umgekippt …

Fiele ein Tor (jetzt meine ich nicht den Pfosten!) ist Seitenwechsel. Diese Regel hat ihren Ursprung in früherer Zeit, als z. B. in Indien gespielt wurde. Aufgrund der Hitze verlegte man die Spiele auf den späten Nachmittag. Dann stand die Sonne sehr tief und eine der beiden Mannschaften wurde mit Sicherheit massiv geblendet. Mit den torbedingten Seitenwechseln wurde ein Ausgleich geschaffen.

Ich habe anfangs den Schiedsrichter gesucht! Bis mir auffiel, dass sich eine ungerade Anzahl von Pferden und Reitern auf dem Feld befand. Ungerade war es durch den Vermissten. Der Schiedsrichter ist nämlich auch beritten und trägt zum besseren Erkennen ein gestreiftes Hemd.
Pfeift er ein Foul, wird die Zeit angehalten. Sollte ein Reiter vom Pferd fallen, ist es nicht zwangsweise so, dass deshalb ein Spiel unterbrochen oder gar abgebrochen wird. Wie gesagt, es zählt mehr das Pferd als sein Reiter …

Polo - Dem Ball hinterher ... (Ganz am Ende reitet der Schiedsrichter)

Polo – Dem Ball hinterher … (Ganz am Ende reitet der Schiedsrichter)

Genug entdeckt?
Sie waren heute übrigens im ältesten Poloclub! Es gibt nur eine kleine Einschränkung: Im ältesten Poloclub auf dem Kontinent. Natürlich gab es auf der britischen Insel schon eher welche – und den Polosport selbst sogar schon seit etwa 600 vor Christus! Hätten Sie das gedacht?

Sie wollen aufbrechen? Ich auch. Es freut mich, dass Sie mit von der Partie waren und so lange durchgehalten haben! Ich glaube, die Geduld der Briten hat schon auf Sie abgefärbt … ^^

Am Ende, kurz vor dem Verlassen des Geländes, hat mir sogar die Queen noch zugewinkt. Eine Miniaturausgabe Ihrer Majestät. Sie stand auf einer Kühlerhaube und war adrett in Rosa gekleidet.

Her Majesty, the Queen ...

Her Majesty, the Queen …

Zum Ausklang der beiden Festtage bestände übrigens jedes Jahr noch die Möglichkeit, sich einen Platz für das Konzert am Sonntagabend zu sichern. In Anlehnung an die legendäre „ Last Night of the Proms“ in der Royal Albert Hall in London, gab es z. B. dieses Mal „The British Flair Open Air Proms Concert“ mit dem Hamburg Festival Orchestra. Very British!

Wie wär’s?  Sind Sie beim nächsten Mal auch dabei?

© by Michèle Legrand, August 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

, , , , , , , , , ,

24 Kommentare

Salut (6) – La Bretagne / Die Île de Bréhat – eine besondere Insel!

Erneut ruft das Meer!
Waren es bei Salut (4) bereits das imposante Cap Fréhel, das unwahrscheinlich farbintensive Meer entlang der Smaragdküste und nicht zuletzt die sich skurril türmenden Felsen in ihrem recht außergewöhnlichen Rosa an der Granitküste, so ist das Ziel heute im sechsten und vorerst letzten Teil der Bretagne-Serie eine Inselgruppe, die sich ebenfalls an der bretonischen Nordküste befindet. Noch im Bereich des Ärmelkanals, etwas nördlich und nicht weit entfernt von Paimpol, einem sehr hübschen Hafenstädtchen.

Bretagne - Paimpol  - Am Hafen

Bretagne – Paimpol – Am Hafen

Bretagne - Paimpol  - Während im Hafen von Paimpol immer Wasser aufgestaut ist ...

Bretagne – Paimpol – Während im Hafen von Paimpol immer Wasser aufgestaut ist …

Bretagne - Paimpol  - ... herrscht nebenan Ebbe und die Boote liegen im Schlick.

Bretagne – Paimpol – … herrscht nebenan Ebbe und die Boote liegen im Schlick.

Bretagne - Paimpol  - Kunstgegenstände ...

Bretagne – Paimpol – Kunstgegenstände …

Es wäre übrigens fantastisch, wenn Sie heute wieder etwas Muße mitbrächten, denn während des Ausflugs soll ein wenig Zeit für Nebengedanken oder einen Vergleich bleiben. Das, was ich Ihnen zeigen möchte, ist zu schade für ein Speeddating mit starrem Blick nur nach vorn.

Zu der erwähnten Inselgruppe gehören 86 kleine Inseln und obendrein eine überaus attraktive Hauptinsel mit höchst unterschiedlichem Nord- und Südteil. Die Franzosen selbst sprechen bei dieser Ansammlung von Inseln vom Archipel de Bréhat, nennen die Hauptinsel entsprechend Île de Bréhat. Der Begriff Archipel steht nicht allein für die diversen Inseln, sondern schließt Gewässer zwischen ihnen mit ein. Die zweiteilige Hauptinsel hat den Beinamen Blumeninsel sowie die weitere Bezeichnung Insel der rosa Felsen. Auf die Südinsel trifft der erste Beiname zu, denn hier ist die Vegetation nahezu üppig, vielfältig und besonders. Der zweite Zusatz beschreibt den schrofferen, den felsigeren nördlichen Teil der Île de Bréhat.
Rosa Felsen? Hatten wir nicht …?
Ganz recht, bereits hier, um die 40 km weiter östlich (Luftlinie) der Region, die ich Ihnen in Salut (4) zeigte, findet sich das farblich extrem selten vorkommende und daher um so markantere Granitgestein. Stellen Sie sich die Farbe bitte nicht als Barbie-Rosa vor, es geht mehr ins Altrosa, changiert ins Rötliche und Bräunliche, je nach Lichteinfall und Feuchtigkeit.
Anfang November war ich vor Ort.
Einen Moment! Ein Archipel und mehr noch eine Blumeninsel im November …?
Wer macht denn so etwas! Kann das überhaupt reizvoll sein?
Wenn Sie gerade wieder unser wenig apartes Wetter zum Aprilstart ertragen, sich bei Sturm kaum halten können und mehrfach von peitschendem Regen durchnässt werden, können Sie sich eine freiwillige Bootsfahrt oder auch nur wachsfreudige, grüne, blühende Pflanzen (draußen, nicht drinnen!) vermutlich schwer vorstellen. April – wie auch November – haben nicht unbedingt den besten Ruf hinsichtlich großzügiger Sonnenscheindauer oder Regenabstinenz.
Ich versichere Ihnen, es war dort selbst zu dieser späten Jahreszeit wunderbar, und es lässt fast darauf schließen, dass es an einem solchen Ort im Frühjahr und Frühsommer, wenn die Vegetation loslegt, – nein, explodiert! – wirklich traumhaft sein muss!

Bretagne - Île de Bréhat - November - Die Rankpflanzen am Haus sind noch in voller Blüte ...

Bretagne – Île de Bréhat – November – Die Rankpflanzen am Haus sind noch in voller Blüte …

Die Bretonen an der Küste – und speziell die Einheimischen auf der Île de Bréhat – versichern zudem nachdrücklich, dass die Sonne hier bei Ihnen wesentlich häufiger und länger scheint als beispielsweise in der französischen Hauptstadt, in Paris. Oder auf dem Festland ganz generell. Oft käme es vor, dass dunkle Wolken über die Insel zögen, sich allerdings erst am Festland abregneten.
Kennen wir das nicht auch von diversen Stellen an unserer Nord- bzw. Ostseeküste? Von den Nordfriesischen oder Ostfriesischen Inseln genauso wie von Rügen, Usedom etc.?
Den Umstand, dass auf dem Festland und speziell im Landesinneren das Wetter festhängt und der Regen nicht enden will, jedoch direkt an der Küste oder auf den ihr vorgelagerten Inseln alles schon wieder vorbei ist? Schauer kommen schneller, unvermuteter, verschwinden jedoch mancherorts häufig genauso rasant wie sie auftraten.

Prüfen wir doch fix: Was hat Einfluss auf Klima, Wetterlage?
Geographische Breite, Höhenlage und Relief, die Position zum Meer oder auch die Art der Bodenbedeckung. Das sind klimatische Faktoren. Und wenn man genau hinschaut, fallen einem noch viele andere Dinge auf, die vor Ort, lokal begrenzt, ganz eigene, besondere Wetterverhältnisse schaffen.
Werden kalte Winde abgelenkt, fließt eine warme Strömung in der Nähe, in welchem Maße kommen die Auswirkungen der Gezeiten zum Tragen? Halten eventuell natürliche Hindernisse wie Hügel und Berge oder eine hohe, großflächige Bepflanzung das Wetter fest und hindern es am weiterziehen? Oder liegen sie etwa vorteilhaft, so dass sie stattdessen ankommendes (Schlecht-)Wetter aufhalten? Heizt sich irgendwo die Luft besonders auf? Wie intensiv sind auf- und ablandige Winde?
Schon hätte wieder etwas Einfluss auf Verdunstung, auf Wolkenbildung, Regenhäufigkeit und seine Dauer
u. v. m.
Im Falle von Bréhat scheint ganz offensichtlich alles günstmöglichst auszufallen.

Die Einwohner der Île de Bréhat heben außerdem hervor, dass auf ihrer Insel ein besonderes Licht herrsche. Besseres Wetter, spezielle Lichtverhältnisse … Ist dem so?
Wie verhält es sich mit dem Licht an der See? Am Meer ist es doch immer intensiver, heißt es. Die großen Wasserflächen reflektieren schließlich Unmengen an Sonnenlicht. Eine klimatisch verwöhnte Ecke mit weniger Wolken und entsprechend mehr Sonnenstunden ist umso heller. Klar! Ist deshalb aber die Art des Lichts überall automatisch gleich?
Es ist ein wenig wie daheim in der guten Stube – wobei wir natürlich weitere Lichtquellen nutzen, nicht nur eine einzige. Sie empfinden mit Sicherheit große Unterschiede zwischen dem Licht einer Neonröhre oder LED-Leuchte und dem einer Glühbirne oder Kerze. Wie etwas farblich wirkt hängt auch davon ab, ob es direkt und indirekt beleuchtet wird. Ob dezent oder intensiv. Ob ein Lampenschirm das Licht der Quelle in seiner Farbe verändert.
Nicht weniger wichtig ist die Umgebung. Die schwarze Couch schluckt viel Licht, der helle Teppich gaukelt zusätzlich Helligkeit vor …

Draußen verhält es sich nicht anders. Auf die Île de Bréhat fällt mit Sicherheit nicht der Schein einer anderen Sonne, doch das klare Wasser, das die Insel und den ganzen Archipel umgibt, die Farbe der Felsen, die bei Sonneneinwirkung leicht rötlich schimmern, der relativ helle Sand, der zusätzlich Licht reflektiert – all das bewirkt ein durchaus spezielles, einzigartiges Licht.
Einige der örtlichen Gegebenheiten sorgen hier für Lichtintensität, andere kreieren eine Art Lichtfarbe. Bäume und Sträucher hingegen filtern mit ihrem Blattwerk Licht, dämpfen, sorgen für Punkte, an denen das Auge entspannen kann. Die Farbenpracht von Blüten wiederum scheint durch das vorherrschende Licht noch intensiver und regt die Sinne an.
Es ist schon verdammt anziehend! Selbst im November!

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat - Für Seevögel ideal ...

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat – Für Seevögel ideal …

Bretagne - Île de Bréhat - Verblühte Schmucklilien (Agapanthus africanus) - Was muss das im Sommer für ein blaues Blütenmeer sein ...

Bretagne – Île de Bréhat – Verblühte Schmucklilien (Agapanthus africanus) – Was muss das im Sommer für ein blaues Blütenmeer sein …

Ahnen Sie, wen das Licht noch angezogen haben könnte? Von jeher?
Exakt. Maler!
Auf dem Friedhof der Insel finden sich mehrere Ruhestätten von Künstlern, die hier nicht nur einen Urlaub, sondern Jahre ihres Lebens verbrachten, die einfach nicht wieder von ihr und der Atmosphäre, die das Licht schaffte oder den sich daraus ergebenden Malbedingungen, loskamen!

Während des Spaziergangs durch Le Bourg, den kleinen Hauptort der Südinsel, erzählte eine Ortsansässige, die sich nahe der Kirche Église Notre-Dame de Bréhat aufhielt, dass auch Matisse insgesamt 35 Jahre auf Bréhat gelebt hätte, hier verstarb und sich seine Grabstätte gleich nebenan, auf dem angeschlossenen Friedhof, befände.
Ohne zu zögern führte sie im nächsten Augenblick zu einem Haus ein Stückchen weiter, wies auf die Fenster der Wohnräume im ersten Stock und erklärte freundlich, dass sich dort, in großen, durchgehenden Zimmern mit Fenstern in unterschiedliche Himmelsrichtungen, sein Atelier befunden hätte.
Inzwischen bin ich mir dessen nicht mehr ganz so sicher. Als ich danach den Friedhof aufsuchte, stellte sich heraus, dass es sich um die Grabstätte von Auguste Matisse und nicht die von Henri Matisse handelt. Offenbar waren sie noch nicht einmal miteinander verwandt. Obwohl sie Zeitgenossen waren und Henri einen jüngeren Bruder namens Émile Auguste hatte, war es nicht jener Auguste, der hier begraben liegt.
Nun – dann eben ein anderer Matisse. Ein Maler und Zeichner maritimer Landschaften. Viele Wellenbilder sind dabei, aber er hat auch Plakate für die Olympischen Spiele von 1924 in Chamonix/Mont-Blanc entworfen und – so wie es sich anhört – sogar Buntglasfenster! Wahrscheinlich für Kirchen. Das ist doch was!
Die Inselbewohnerin hatte schließlich auch nie behauptet, es wäre Henri gewesen.
Allerdings … Weitere Nachforschungen ergaben, dass Auguste Matisse offenbar auf der felsigeren Nordinsel nahe Corderie lebte, nicht auf der Südinsel, und somit hatte er sein Atelier höchstwahrscheinlich auch nicht in dem gezeigten Haus.
Vielleicht ging es um einen der anderen Inselmaler … Eine Verwechslung. Irgendwer wird dort schon aktiv gewesen sein.

Bretagne - Île de Bréhat  - Friedhof an der Kirche Église Notre-Dame de Bréhat

Bretagne – Île de Bréhat – Friedhof an der Kirche Église Notre-Dame de Bréhat

Wir sind schon wieder mittendrin in den Details, dabei wollte ich Ihnen von der Anfahrt und von der Insel überhaupt erzählen!

Wenn Sie sich, aus der Hafenstadt Paimpol kommend, nördlich halten, stoßen Sie nach wenigen Kilometern auf eine Landspitze mit dem Namen Pointe de l’Arcouest. Hier legen die Fährboote zur Île de Bréhat ab. Wenn Sie sich auf direktem Weg hinüberbegeben, beträgt die Übersetzzeit ungefähr 15 Minuten. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, eine etwa einstündige Fahrt durch die Inselgruppe zu buchen und am Ende auf der Insel auszusteigen.

Bretagne - Pointe de l'Arcouest - Das Boot wartet auf die Rundfahrt- und Inselgäste ...

Bretagne – Pointe de l’Arcouest – Das Boot wartet auf die Rundfahrt- und Inselgäste …

Sie umrunden bei dieser Fahrt im Uhrzeigersinn die beiden Teile der Hauptinsel, gleiten zwischen vielen kleinen Inseln hindurch und bekommen auf diese Art einen ganz famosen Eindruck über die Größe des Archipels, die einzelnen Eilande und die Unterschiedlichkeit der Felsformationen. Sie haben zudem jederzeit einen exzellenten Blick auf zunächst die Süd-, später die Nordinsel

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat

Bretagne - Île de Bréhat - Hafen Port-Clos voraus ...

Bretagne – Île de Bréhat – Hafen Port-Clos voraus …

Bretagne - Rundfahrt durch den Archipel de Bréhat ....

Bretagne – Rundfahrt durch den Archipel de Bréhat ….

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat

Bretagne - Île de Bréhat - Hier sind die Wassersportler im November noch hemdsärmelig unterwegs ...

Bretagne – Île de Bréhat – Hier sind die Wassersportler im November noch hemdsärmelig unterwegs …

Bretagne - Île de Bréhat - Ruhiges Wasser zwischen einigen Eilanden ...

Bretagne – Île de Bréhat – Ruhiges Wasser zwischen einigen Eilanden …

Ganz nebenbei können Sie eine Vielzahl von Seevögeln erspähen. Kormorane, Basstölpel, diverse Möwen und neben sehr vielen weiteren Vogelarten auch die farbenfrohen, stets sehr lustig wirkenden Papageientaucher! Man erkennt, auf welchen Felsen oder kleinen Inseln die Seevögel sich bevorzugt aufhalten oder gar in Kolonien nisten. Die Steine an diesen Stellen erscheinen weißlich, sind überzogen mit den Hinterlassenschaften der fliegenden Mannschaft.

Bretagne - Archipel und Île de Bréhat - Ein Vogelparadies ...

Bretagne – Archipel und Île de Bréhat – Ein Vogelparadies …

Für Fotos sind diese Felsen und besonders ihre Bewohner resp. zeitweiligen Besetzer allerdings zu weit vom Boot entfernt oder aber das Gefährt hüpft zu sehr auf den Wellen, um scharfe Aufnahmen gelingen zu lassen. Ich hätte liebend gern einen der Papageientaucher erwischt – mir gelang es jedoch lediglich an Land und auch nur in Form eines nicht flüchtenden Wandbildes (Es befindet sich nicht einmal auf der Insel, sondern in Trégastel, nahe des Aquarium Marin) bzw. als Titelbild auf der Menükarte der Insel-Crêperie.

Bretagne - Wandbild mit den beliebten Papageientauchern  - hier: nahe des Aquarium Marin de Trégastel

Bretagne – Wandbild mit den beliebten Papageientauchern – hier: nahe des Aquarium Marin de Trégastel

Wir kamen übrigens – nicht das erste Mal – zu einem Zeitpunkt an, an dem in Frankreich das Mittagessen beendet ist und die Gastronomie bis zum Abend überall geschlossen bleibt. Sie erinnern sich vielleicht an meinen Hinweis aus einem der ersten Teile der Bretagne-Reihe. Wir hatten kaum Hoffnung, irgendetwas zu ergattern, doch bei dieser bewussten Papageientaucher-Crêperie saßen gerade die Töchter der Inhaberin am Tisch und aßen, als wir durch das Fenster schauten. Offenbar haben wir sehr verhungert ausgesehen, sie hat uns jedenfalls kurzerhand hereingelassen und ein paar zusätzliche Galettes und Crêpes gezaubert. Ziemlich zuvorkommend, oder?

Bretagne - Île de Bréhat - Crêperie L'oiseau des Îles

Bretagne – Île de Bréhat – Crêperie L’oiseau des Îles

Haben Sie zufällig auf den Text der Karte geachtet?
„Here we try to speak English.“ Das finde ich entzückend! ^^

Wenn die Rundfahrt endet, legt das Boot am Südzipfel der Südinsel in Port-Clos an.

Bretagne - Île de Bréhat - Hafen Port-Clos mit Anleger 1

Bretagne – Île de Bréhat – Hafen Port-Clos mit Anleger 1

Sie erinnern sich an die Gezeiten? Den doch bemerkenswerten Tidenhub?
Ich habe mich gefragt, ob das Festmachen im Hafen wohl nur bei Flut möglich sei, ob Überfahrten überhaupt zu anderen Zeiten – bei ablaufendem Wasser oder richtiger Ebbe – stattfinden könnten. Man hat dafür jedoch eine sehr praktische Lösung: Es gibt an drei verschiedenen Stellen einen Kaianleger!
Bei Flut ist es möglich, direkt in der kleinen Bucht mit Sandstrand zu landen, dort, wo sich ein kleines Hotel (Bellevue) mit Restaurant befindet, maximal eine Handvoll kleiner Läden platziert ist und von wo aus die Wege zum Ortskern oder zu anderen Zielen auf der Insel starten.
Anleger zwei liegt einige Meter südlich. Dort läuft das Wasser nicht mehr ganz so extrem ab. So kann dieser Pier bei mittlerer Tide noch bedient werden.
Der in Nähe der Buchteinfahrt am weitesten ins Meer hineinragende Anleger drei hat selbst bei Ebbe so ausreichend Wasser, dass die Ausflugsboote festmachen können.

Südinsel und Nordinsel zusammen erstrecken sich über eine Länge von 3,5 km, die Breite beträgt ungefähr 1,5 km. Beide Inselteile sind durch eine Brücke, die Pont Vauban verbunden.
Der schroffere Norden erinnert mich mit seiner Felsküste und seine durch eine zeitweilig hügelige Landschaft führenden Wege ein wenig an Irland. Am nördlichsten Zipfel befindet sich der Leuchtturm Phare du Paon (Pfauenleuchtturm). Wer es verlassener und landschaftlich eher etwas herber mag, der ist hier im Norden gut aufgehoben.

Bretagne - Île de Bréhat - Nordteil der Hauptinsel mit dem Leuchtturm Phare du Paon ...

Bretagne – Île de Bréhat – Nordteil der Hauptinsel mit dem Leuchtturm Phare du Paon …

 

Bretagne - Île de Bréhat - Nordteil

Bretagne – Île de Bréhat – Nordteil

Bretagne - Île de Bréhat - Umrundung der Nordspitze (mit Leuchtturm bei Gegenlicht) ...

Bretagne – Île de Bréhat – Umrundung der Nordspitze (mit Leuchtturm bei Gegenlicht) …

Auf der Südinsel ist das durch den warmen Golfstrom geprägte Mikroklima förmlich fühlbar. Erstaunlich, dass es auf einem relativ kleinen Raum bereits derartige Unterschiede gibt! (Aber auch das kennt man aus dem eigenen Garten, der ebenfalls seine warmen und kalten Ecken hat).

Dieser Teil der Insel wirkt an einigen Stellen durchaus südländisch. Bréhat war einst eine Piratenhochburg und von jeher das Ziel vieler Seefahrer. Sie brachten aus der Ferne exotische Pflanzen mit, die hier gediehen. Sie unterstützen den mediterranen Eindruck.

Bretagne - Île de Bréhat - Auch südländische Pflanzen gedeihen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Auch südländische Pflanzen gedeihen …

Bretagne - Île de Bréhat - Palmlilie (Yucca)

Bretagne – Île de Bréhat – Palmlilie (Yucca)

Die Winter sind mild, so haben selbst frostempfindliche Arten eine Chance, die kalte europäische Jahreszeit zu überstehen. Licht und Sonne sind ebenfalls im ausreichenden Maße für die Immigranten vorhanden. So treffen Sie bei Ihrem Besuch der Insel auf Palmen, Agaven, Aloen und Mimosen. Es gedeihen Feigen, Palmlilien, Kamelien oder auch Oleander, den wir in Deutschland eigentlich nur als Kübelpflanze halten können und im Winter hereinnehmen müssen.
Daneben gibt es die etwas weniger empfindlichen Gewächse wie Eukalyptus, Lorbeer, man begegnet Maulbeerbäumen sowie Unmengen von Hortensien. Große Büsche mit riesigen Blütendolden!

Bretagne - Île de Bréhat - Passionblüte im November - Hier wuchert sie üppig in einer Hecke ...

Bretagne – Île de Bréhat – Passionblume (Passiflora) blüht im November – Hier wuchert sie üppig in einer Hecke …

Die Pflanze, die die Bretonen als die Erkennungspflanze der Insel bezeichnen, ist die ursprünglich aus Südafrika stammende Schmucklilie (Agapanthus africanus). Entlang der gewundenen Wege breitet sich diese Blütenstaude aus. Auf hohen Stängeln trägt sie sehr große, weithin leuchtende Blütenkugeln mit einem Durchmesser von ca. 20 cm (meist blau, gelegentlich auch weiß). Auch wer im November erst die Insel erkundet, erkennt noch, dass Goldlack (Erysimum chein/Cheiranthus), Echium (Natternköpfe), Passionsblumen (Passiflora), Lavendel (Lavendula) und rosa bis pinkfarbener Geranium (Pelargonium „Madeira“) häufig anzutreffende Pflanzen sind.
Als Garten- und Naturliebhaber muss man das einfach alles irgendwann einmal während der Hauptblütezeit sehen!

Nur wissen Sie, was der Nachteil ist, gerade dann anzureisen?
Zu dieser Zeit herrscht enormer Andrang!
Die Zahl der ständig – selbst im Winter – auf der Insel Lebenden, beläuft sich auf ungefähr 400, was einer Bevölkerungsdichte von etwa 130 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht.
Daher sieht es jetzt im November auf dem Marktplatz auch eher so aus:

Bretagne - Île de Bréhat - Der Marktplatz von Le Bourg ist um diese Jahreszeit doch etwas verlassen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Der Marktplatz von Le Bourg ist um diese Jahreszeit doch etwas verlassen …

Im Sommer, wenn die Besucher aus dem In- und Ausland herbeiströmen oder einige Franzosen zu ihrem Zweitwohnsitz aufbrechen, steigt der Anteil der auf der Insel weilenden Menschen plötzlich auf bis zu 7000 Personen! Das entspricht mit einem Mal einer Dichte von 2265 Menschen pro km²!
Hamburg hat – nur als Vergleich – eine Dichte von ca. 2300 Einwohnern pro km². Mit anderen Worten herrscht auf der Île de Bréhat im Sommer ein Gewimmel wie in einer Großstadt!
Gut, nicht ganz. Glücklicherweise ist Autoverkehr auf der Insel nicht zugelassen. Wer dort unterwegs ist, ist es zu Fuß oder auf einem (Miet-)Fahrrad. Nur ein paar Trecker verrichten Arbeiten auf der Insel oder ziehen Wägelchen mit Touristen bzw. deren Gepäck.
Wer außerdem gelegentlich motorisiert unterwegs sein darf? Les pompiers! Die Feuerwehr!

Bretagne - Île de Bréhat - Die Inselfeuerwehr. Sie darf Autos benutzen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Die Inselfeuerwehr. Sie darf Autos benutzen …

Die – wie auch der Postbote – sollten sich tunlichst gut auskennen auf der Insel, damit sie im Fall der Fälle wissen, wohin sie zum Löschen zu fahren haben bzw. wo exakt die Post abzugeben ist. Es gibt auf der Île de Bréhat eigenartigerweise nämlich keine Straßennamen. Wohl auch keine Hausnummern oder etwas in der Art. Ich habe jedenfalls nichts entdeckt.

Irgendwie erscheint es mir trotz der ausbleibenden Verkehrsprobleme trotz allem ratsam, sich außerhalb der Hauptferienzeiten auf den Weg zu machen. Die Schmucklilien blühen immerhin von Juni bis September, das schafft Möglichkeiten …

Bretagne - Île de Bréhat - Novemberblüher ... und abgeblühte Schmucklilien.

Bretagne – Île de Bréhat – Novemberblüher … und abgeblühte Schmucklilien.

Bretagne - Île de Bréhat - Imposante Eingangstür ...

Bretagne – Île de Bréhat – Imposante Eingangstür …

Bretagne - Île de Bréhat - Ganz in Blau  ... und ein Heiliger über der Tür.

Bretagne – Île de Bréhat – Ganz in Blau … und ein Heiliger über der Tür.

Ungefähr 800 m beträgt die Entfernung vom Hafen zum Ortskern mit seinem Marktplatz und einigen Geschäften, kleinen Cafés und der Kirche, die zu dieser Jahreszeit nur noch eingeschränkt geöffnet haben.
Ein Kilometer Distanz besteht zwischen Port-Clos und der auf einer Anhöhe erbauten Kapelle St. Michel, die sich 33 m über dem Meeresspiegel befindet und von der aus man daher einen spektakulären Ausblick auf das glitzernde Meer mit seinen vielen kleinen Inseln und Felsen hat. Von hier ist – wenn man richtig steht – auch die Gezeitenmühle der Insel – Moulin de Birlot – zu sehen.

Bretagne - Île de Bréhat - Blick auf die Anhöhe mit der Kapelle Saint-Michel ...

Bretagne – Île de Bréhat – Blick auf die Anhöhe mit der Kapelle Saint-Michel …

Bretagne - Île de Bréhat -  ... und hier der Ausblick von der Kapelle Saint-Michel auf den Archipel Richtung Westen

Bretagne – Île de Bréhat – … und hier der Ausblick von der Kapelle Saint-Michel auf den Archipel Richtung Westen

In der Kapelle findet man eine Wandkarte, die einen Plan der Insel zeigt. Ich habe für Sie die Hauptpunkte eingetragen:

Bretagne - Île de Bréhat - Wandmosaik in der Kapelle St. Michel  mit Karte der Süd- und Nordinsel

Bretagne – Île de Bréhat – Wandmosaik in der Kapelle St. Michel mit Karte der Süd- und Nordinsel-1

Im November wird es früh dunkel. Und kalt, wenn die Sonne verschwindet! Landflächen heizen sich in der Sonne zwar schnell auf, kühlen jedoch genauso schnell wieder ab. Der Vorteil ist: Bei sinkender Temperatur fällt der Abschied nicht ganz so schwer.

Bretagne - Île de Bréhat - Port-Clos - Das Wasser am Hauptanleger 1 ist verschwunden. Anleger 2 ist  quer ins Wasser ragend zu erkennen ...

Bretagne – Île de Bréhat – Port-Clos – Das Wasser am Hauptanleger 1 ist verschwunden. Anleger 2 ist quer ins Wasser ragend zu erkennen …

Die letzte Fähre zum Festland legt bei Sonnenuntergang ab. Inzwischen herrscht Ebbe, und so ist ein kleiner, knapp zehnminütiger zusätzlicher Spaziergang zum Anleger drei einzuplanen.
Die See hat sich merklich zurückgezogen. Auf dem Schlick, dort wo bei der Ankunft noch das Wasser die Bucht füllte, liegt überall Tang und verströmt seinen ganz typischen Geruch.

Bretagne - Île de Bréhat - Ebbe - Tang im Schlick im Hafen Port-Clos ...

Bretagne – Île de Bréhat – Ebbe – Tang im Schlick im Hafen Port-Clos …

Entlang einer Felswand führt der geteerte Weg hinaus zum Steg. Das Boot ist noch nicht im Sichtfeld, dazu müssen Sie ziemlich am Ende der Strecke erst die den Blick verstellenden, vorspringenden Felsen umrundet haben.

Bretagne - Île de Bréhat - Auf dem Weg zum Anleger 3. Es hat nicht geregnet. Der Weg war bis vor kurzem noch von Wasser überflutet ...

Bretagne – Île de Bréhat – Auf dem Weg zum Anleger 3. Es hat nicht geregnet. Der Weg war bis vor kurzem noch von Wasser überflutet …

Bretagne - Île de Bréhat - Sonnenuntergang, das letzte Schiff für heute. Und alles strömt ...

Bretagne – Île de Bréhat – Sonnenuntergang, das letzte Schiff für heute. Und alles strömt …

Es wartet bereits, präsentiert sich in der untergehenden Sonne. Die Dunkelheit bricht sagenhaft schnell herein! Während der lediglich viertelstündigen Überfahrt versinkt die Sonne endgültig im Meer zwischen den Inseln des Archipels.

Bretagne - Nordküste - Archipel de Bréhat bei Sonnenuntergang

Bretagne – Nordküste – Archipel de Bréhat bei Sonnenuntergang

Drüben, an der Pointe de l’Arcouest (auf der Festlandseite), wird diesmal ebenfalls ein weiter ins Meer hinausragender Anlegesteg angesteuert. Aufgrund der eintretenden Finsternis ist die Uferbeleuchtung nun bereits eingeschaltet
Das Ende eines schönen Erkundungstages naht. Auf dem kurzen Weg zum Auto wandert der Blick noch einmal hinüber zur Insel. Sie ist jetzt nur noch ein schwarzer Schatten, aus dem ganz vereinzelt ein kleines Licht aufblitzt.
Mit dem Verlassen der letzten Besucher ist auf der Île de Bréhat fürs Erste wieder die Novemberstille eingekehrt.

Bretagne - Blick von Pointe de l'Arcouest hinüber zur Île de Bréhat - Die Dunkelheit kommt schnell ...

Bretagne – Blick von Pointe de l’Arcouest hinüber zur Île de Bréhat – Die Dunkelheit kommt schnell …

Liebe Blogleser, das war die Bretagne! Danke fürs Mitkommen und Miterkunden! Salut!

PS: Das Osterfest naht. Ich lasse Ihnen diesen Bericht als mein Osterei für Sie da. Die Île de Bréhat fungiert sozusagen als Osterinsel.^^

Frohe Feiertage wünsche ich Ihnen allen und bis demnächst!

© by Michèle Legrand, April 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

, , , , , , , , , ,

28 Kommentare

Salut! (5) – La Bretagne – Auf Umwegen zum Viadukt von Morlaix

„ … 500 Meter … rechts … more Likes.“
Wie bitte? Was war das eben?
Entweder Sie gehen jetzt mit dem Fuß auf die Bremse oder Sie fahren langsam weiter und fragen staunend: „Liebes, was meintest du gerade?“
Es ist gar nicht so unüblich, sein Navigationsgerät im Auto nach einer dermaßen unklaren Ansage verblüfft in eine Unterhaltung zu verwickeln. Mit etwas Glück wiederholt ihre Fahrassistentin den letzten Hinweis. Zufällig. Eine tatsächliche, direkte Antwort ist eher unwahrscheinlich.
„Fahren Sie 500 Meter und nehmen dann die Ausfahrt auf der rechten Seite nach more Likes.“
Na bitte, es geht doch!
Viel klarer ist die Angelegenheit dadurch allerdings immer noch nicht.

Befinden Sie sich bei Auslandsreisen auch hin und wieder in der Sprachauswahlzwickmühle? Ich überlege häufig, in welcher Sprache ich die Stimme des Navis vor Ort plaudern lasse. Es klingt schön und hat seine Vorteile, die jeweilige Landessprache zu hören, doch alles, was nicht Muttersprache ist, erfordert mehr Konzentration, und von Zeit zu Zeit fühlt man sich als Fahrer am Steuer dabei leicht überfordert. Zum Beispiel, wenn – wie hier in Frankreich – nicht nur auf den regen Verkehr mit seinen vielen quirligen Großkreiseln, auf plötzlich auftauchende Mautstellen oder das generell fremde Terrain zu achten ist, sondern Sie zusätzlich auch noch auf ungewohnte Fachbegriffe horchen müssen.
Ganz fatal wird es, wenn Ihnen mitten im Gewühl Zahlen (z. B. Straßenbezeichnungen aus Buchstaben- und Zahlenkombinationen) vom Tempo her wie eine Maschinengewehrsalve am Ohr vorbeirauschen. Eine französische Salve wohlgemerkt!
Nein, nein, die Hinweise sind selbst auf Deutsch oft schon merkwürdig genug! Klingen gestelzt – und Sie müssen sehr hinhören, ob von Abfahrt, Ausfahrt oder Einfahrt, ob von jetzt sofort, gleich oder irgendwann demnächst die Rede ist.
Um all diese Irrtümer beim Hören und darauffolgende Irrfahrten zu vermeiden, entscheiden Sie sich – als vernünftiger Mensch – lieber für Ihre eigene Sprache. Vor Problemen sind sie trotzdem nicht sicher.
More Likes hat sie gesagt.
Es klingt nicht Deutsch. Es klingt aber auch nicht Französisch.
Erst langsam wird klar, sie spricht Morlaix, unseren heutigen Zielort in der Bretagne, so aus, wie man ihn schreibt. Sie spricht den Begriff für einen der Sprache nicht kundigen Deutschen, der das Wort im Vorbeifahren gleich auf einem Schild rein mit dem Auge erfassen wird und wiedererkennen soll.
Das wird schwer werden! Denn so funktioniert mein Gehirn nicht.
Ich kann mich auch nicht darauf einstellen, weil sich Madame Navi als komplett inkonsequent outet. Worte wie Charles de Gaulle, avenue, rue, Pierre etc., von denen sie annimmt, auch einem Teutonen sei die korrekte Aussprache bekannt, solche Worte und Namen spricht sie französisch aus – andere leider nicht.
Platze du Peiks. Himmel aber auch! Sie meint den Platz des Friedens (Place du Paix)! Und der Strand, la plage, wird für sie tatsächlich zur Plage. Wer ahnt denn so etwas!
Im Endeffekt werden Sie durch derlei Spielchen gezwungen, doch wieder wie ein Luchs hinzuhorchen.
Wissen Sie, wann ich wirklich komplett auf dem Schlauch stand? Gleich am allerersten Bretagne-Tag. Hartnäckig bestand sie auf einem Abbiegen Richtung Estemahlo. Mit der Betonung auf der Silbe mah. Estemahlo.
Ich hatte keinen blassen Schimmer!
Überlegte, ob es eine bretonische Ortsbezeichnung sein könnte. Der Groschen fiel, als ich dahinter kam, dass Madame Abkürzungen ausformuliert. St Malo stand dort geschrieben. Für Saint Malo! Mit der Betonung auf o.
Logischerweise wird bei ihr aus St ein Este und aus zwei Worten eines. Die neue Betonung bringt zusätzlich Leben in die Bude.
Ach, gehen Sie mir doch weg damit! Krempeln sich einem da nicht die Zehennägel hoch?

Schluss. Aus. Themenwechsel!

Nachdem in Teil 4 der Bretagne-Serie Smaragd- und Granitküste mit bizarr gestapelten Granitbrocken, Kaps, Stränden, den Gezeiten etc. eine große Rolle spielten, ist heute der Besuch in Morlaix, einem schönen, alten Städtchen angesagt.
Es liegt im Nordwesten der Bretagne an der sich insgesamt fast 15 km langziehenden Trichtermündung des Flusses Morlaix. Sechs Kilometer sind es von Morlaix aus noch bis zur Bucht von Morlaix am Ärmelkanal. (Sie merken, hier heißt alles Morlaix. Fluss, Bucht, Stadt … Praktisch, oder? Lässt sich leicht merken.)
Etwa 15.500 Einwohner leben hier, es gibt einen Hafen am Fluss (heutzutage für die Sportschifffahrt) und interessante Häuser. Viele mittelalterliche Bauten mit schönem Fachwerk, diversen Fassadenverzierungen und ins Auge fallenden Erkern.
Aufgrund ihres Alters sind die Häuser teilweise windschiefe Bauten! Oder anders gesagt: Charaktergebäude.

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Eine Besonderheit aus dem 15. und 16. Jahrhundert stellen zudem die Laternenhäuser dar, die sich seinerzeit vorwiegend die ortsansässigen reichen Reeder und Kaufleute errichten ließen.
Wie sie zu ihrem Namen (maison à lanterne) kommen?
Laternenhäuser haben zum einen ein Vorderhaus mit oftmals reich verzierter Front. Sie besitzen aber auch ein Hinterhaus, und zwischen diesen beiden Teilen einen geschlossenen, oben verglasten Innenhof, über den in alle Zimmer Licht gelangt. Der Freiraum zwischen den Hausteilen wurde in gewisser Weise beheizt, denn dort befand sich die Feuerstelle.
Der Zugang zu den Geschossen entstand meist direkt im Hof und zwar über eine dort platzierte und von kunstvoll geschnitzten Eckpfosten getragene Holztreppe. Vorder- und Rückteil des Hauses waren in den jeweiligen Geschossen obendrein durch Galerien miteinander verbunden.
Wenn Sie sich die Anordnung der Gebäudeteile jetzt bildlich vorstellen, dazu die verbindenden Seitenwände, den Hof, das Feuer in der Mitte des Innenhofes, einfallendes Licht … dann hatte das Ganze schon etwas von einer Laterne.

Das dreistöckige Haus, das Sie auf dem nächsten Foto sehen, wird „Maison dite de la duchesse Anne“ genannt und ist ein solches Laternenhaus. Die berühmte Herzogin und spätere Königin Anne de Bretagne soll einmal auf einer ihrer Wallfahrtsreisen im Jahre 1505 dort eingekehrt und untergekommen sein.

Bretagne - Morlaix - Rechts das braune Fachwerkhaus ist das Maison dite la duchesse Anne (Laternenhaus, Anne de Bretagne)

Bretagne – Morlaix – Rechts das braune Fachwerkhaus ist das Maison dite la duchesse Anne (Laternenhaus, Anne de Bretagne)

Unter uns: Einmal die Schwelle überquert, schwupps, schon hieß das Haus so wie der Gast? Hm. Was lehrt uns das?
Wenn Sie ab jetzt irgendwo Rast machen oder sich im Urlaub kurz einquartieren, bestehen Sie darauf, dass die Unterkunft künftig Ihren Namen trägt. Lassen Sie sich nicht abwimmeln mit der Begründung, Sie seien weder Herzog noch König! Weisen Sie selbstbewusst darauf hin, dass Sie das noch zu werden gedenken.
Nun zurück zum Laternenhaus. Im Falle von Annes Haus verbindet übrigens eine Renaissance-Wendeltreppe die einzelnen Stockwerke.

Kirchen finden Sie in Morlaix natürlich auch. Die Kirche Saint-Melaine (Flamboyantstil (Spätgotik) – Bj. 1489), die nach schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde und dadurch heute moderner wirkt, als sie es eigentlich ist.

Bretagne - Morlaix  - Kirche Saint Melaine direkt am großen Viadukt

Bretagne – Morlaix – Kirche Saint Melaine direkt am großen Viadukt

Über die Rue Ange-de-Guernisac gelangen Sie zur Place des Viarmes. Wenn Sie sich dort Richtung Rue des Vignes halten, erreichen Sie das ehemalige Jakobinerkloster, heute Sitz des Musée de Morlaix.

Bretagne - Morlaix - Blick auf das Musée de Morlaix - Couvent des Jacobins

Bretagne – Morlaix – Blick auf das Musée de Morlaix – Couvent des Jacobins

Es gibt außerdem die Gemeindekirche Saint-Mathieu. Allerdings ist lediglich der Turm noch aus dem 16. Jahrhundert erhalten, alles andere wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollständig restauriert.
Seitdem darf sich dort die bretonische Flora ausbreiten …

Bretagne - Morlaix  - Kirche Saint Mathieu im Quartier Mathieu

Bretagne – Morlaix – Kirche Saint Mathieu im Quartier Mathieu

Bretagne - Morlaix  - Église Saint Mathieu - Hochgeschaut: Turmbewuchs ...

Bretagne – Morlaix – Église Saint Mathieu – Hochgeschaut: Turmbewuchs …

Jeder Ort, jedes Städtchen ist immer sehr stolz, wenn es etwas präsentieren kann, was ihn oder es unverwechselbar macht. Morlaix hat ein weithin sichtbares, markantes Bauwerk als sein Wahrzeichen vorzuweisen. Ein riesiges, zweistöckiges Viadukt!

Bretagne - Das Viadukt von Morlaix

Bretagne – Das Viadukt von Morlaix

Die Meterangaben zu Breite und Höhe schwanken – wie es häufig vorkommt bei Größenangaben. Sagen wir daher, die Brücke hat eine Länge von 285 bis 292 m und ist etwa 58 m hoch.
Der untere Teil besteht aus neun Gewölben, das obere Stockwerk sogar aus 14 Aufbauten mit halbkreisförmigem Bogenabschluss. Direkt über der ersten Etage verläuft ein Fußgängerweg in ca. 27 m Höhe über der Straße.
Ganz oben befindet sich die zweigleisige Eisenbahnstrecke von Paris nach Brest. Morlaix selbst liegt im tiefen Taleinschnitt des Dossen und hat sich im Laufe der Zeit beidseitig an den Hängen ausgebreitet.
Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Verantwortliche beschlossen, eine zukünftige Zugstrecke nicht unten durch das Tal zu legen, sondern den Brückenbau zu realisieren. Der erste Dampfzug querte die Brücke 1864, offiziell eröffnet wurde die Strecke über das Viadukt im Jahr darauf (April 1865).
Auch heute noch fährt der TGV auf dem Weg nach Brest hier entlang!

Bretagne - Morlaix - Unter dem Viadukt ...

Bretagne – Morlaix – Unter dem Viadukt …

Imposant! Diese enorme Höhe! Wenn Sie unter den Bögen hindurchgehen, kommen Sie sich recht winzig vor. Ein Viadukt wie für Riesen gemacht. Die könnten ungeduckt …

Am Tag des Besuchs ließ sich die erwähnte Fußquerung auf halber Höhe nicht durchführen. Der Weg war aufgrund einer Veranstaltung gesperrt. Ein Ereignis, dessen Vorbereitungen sich vorher bereits auf die eigene Anfahrt auswirkten und wieder einmal zeigte sich, dass ein elektronischer Fahrassistent eben eine Maschine und nur so schlau ist, wie es die ihm vorliegenden Informationen erlauben.

Wie handhaben Sie es, wenn Sie sich an einem fremden Ort so gar nicht auskennen? Was steuern Sie an?
Ich vermute die Attraktivitäten zunächst vorrangig im Zentrum und nenne daher meinem Navigationsgerät als Ziel und Ausgangspunkt für Erkundungen einen zentral gelegenen Parkplatz in der Stadtmitte. So auch im Fall von Morlaix.
Was passiert?
Die Navistimme säuselt ihre Wegbeschreibung. Alles funktioniert prima, bis ungefähr einen halben bis einen Kilometer vor dem Ziel eine Straßensperrung auftaucht. Ein gelbes Schild mit dem Hinweis: Route barrée. Das ist eindeutig.
Nun, es gibt schließlich immer mehrere Wege nach Rom.

Bretagne - Morlaix  - Route barrée ...

Bretagne – Morlaix – Route barrée …

Pflichtgemäß biegen Sie ab, die neue Route wird hastig berechnet. Ihre Navidame hält eine Alternative bereit. Sie rollen frohgemut an – nur nach kürzester Zeit erscheint auch auf der Ausweichstrecke das berüchtigte gelbe Zeichen: Route barrée!
Nach zwei weiteren Fehlversuchen ahnen Sie, dass es nicht um eine kleine, örtlich begrenzte Baustelle geht, sondern die Sperrung recht ausgedehnt sein muss. Was machen Sie? Sie verwerfen das Ziel Zentrum, parken außerhalb und laufen. Ohne Navigation.
Morlaix macht es einem dabei einfach. Auf dem Hinweg zumindest. Man befindet sich in luftiger Höhe, wandert beschwingt hinunter ins Tal. Das Viadukt ist der Ansteuerungspunkt. Gar nicht zu übersehen. Der Rückweg hingegen … Zu dem komme ich nachher.
Der Grund der Vollsperrung ist ein Semimarathon, der an diesem milden Novembertag ausgetragen wird. Würde ich wie mein Navi sprechen, verliefe die Strecke von Estepohl nach More Likes. Ich aber sage, man wetzt von Saint Pol nach Morlaix. Außerdem gibt es eine Variante, bei der lediglich zehn Kilometer von Taulé nach Morlaix zu laufen sind. Und dann ist noch ein Abendlauf vorgesehen.Endpunkt ebenfalls Morlaix.
Viel los im Städtchen!

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014 -  Noch kommt man von einer Seite zur anderen  (Das ist übrigens der ursprünglich einmal anvisierte Parkplatz ...)

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon 02.11.2014 – Noch kommt man von einer Seite zur anderen (Das ist übrigens der ursprünglich einmal anvisierte Parkplatz …)

Nach der Einrichtung der Verkehrssperren, ist nun am späten Vormittag der Aufbau vieler Meter Absperrgitter entlang der Zielstrecke in vollem Gang. Der Zieleinlauf erfolgt vom Hafen kommend Richtung Viadukt, der Auslaufbereich befindet sich hinter dem Brückenbauwerk direkt vor dem Rathaus.

Bretagne - Morlaix -  Place des Otages zwischen Viadukt und Rathaus (im Hintergrund) - Schon für die Läufer reserviert

Bretagne – Morlaix – Place des Otages zwischen Viadukt und Rathaus (im Hintergrund) – Schon für die Läufer reserviert

Bretagne - Morlaix  -  Rathaus (Hôtel de Ville)

Bretagne – Morlaix – Rathaus (Hôtel de Ville)

Viele Sicherheitsleute und Ordner sammeln sich. Die Polizei ist präsent. Allerdings ist letztere vorerst noch unterwegs, um sich ein spätes Frühstück zu besorgen.

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014 -  Erstmal Hunger ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon 02.11.2014 – Erstmal Hunger …

Geraume Zeit weist die Absperrung entlang der Laufstrecke noch Lücken auf, so dass man die Straße weiter queren kann, doch irgendwann ist Schluss mit der Seitenwechselei. Die Barriere ist nun durchgängig. Wer jetzt erst merkt, dass nur „drüben“ etwas Essbares zu ergattern ist, der hat enorme Umwege vor sich, ehe er in den Bereich gelangt, wo ihn keine Abtrenngitter mehr stoppen.
Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, denn die Nutzung des Viadukts scheidet durch die Wegsperrung ebenfalls aus. Fußgänger sind dort oben heute nicht erwünscht, wohl um zu vermeiden, dass jemand etwas auf die Läufer oder die Fahrzeuge bzw. technische Ausrüstung der Sender und Pressevertreter werfen könnte.
Die Lautsprecherdurchsagen starten. Man redet sich warm. Allmählich wird es ernst; die ersten Läufer des Halbmarathons sind avisiert und sollen das Ziel in Kürze erreichen. Die Eliteläufer aus der Profiliga brauchen nur knapp über eine Stunde für die Strecke.
In froher Erwartung werden zunächst die vorwegradelnden Polizisten registriert, danach die siegreichen Teilnehmer und alle weiteren Profiläufer mit anerkennendem Applaus bedacht.
Nur damit ist noch lange nicht Schluss!

Bretagne - Morlaix - Halbmarathon ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon …

Bretagne - Morlaix - Halbmarathon - Die ersten haben es geschafft ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon – Die ersten haben es geschafft …

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014 - Warten auf die Läufer ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon 02.11.2014 – Warten auf die Läufer …

Hier laufen nicht nur die Profis, hier läuft gefühlt das ganze Département Finistère! Erwachsene jedes Alters, jedoch ebenso Kinder verschiedener Altersgruppen. Die Jüngsten mögen um die zehn Jahre alt sein. Eine enorm große Teilnehmerschar, die selbstverständlich ihre eigenen Groupies entlang der Absperrgitter stehen hat. Das ist hier heute gleichzeitig ein riesiges Familienevent und die Stimmung entsprechend hervorragend.
Nach leichtem Regen am Morgen, hat es die Sonne am Mittag tatsächlich wieder durch die Wolkendecke geschafft. Das muntere Team an den Mikrofonen zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen. Es liefert eine Mischung aus Interviews, Angaben zu Läufern, rattert Zeiten herunter, feuert an und fiebert mit. Die Stimmen überschlagen sich. Vor lauter Begeisterung redet man sich gegenseitig fast in Grund und Boden.
Einerseits steckt dieser Enthusiasmus durchaus aus, andererseits schafft die Beschallung auf Dauer auch etwas.
Glück muss der Mensch haben, wenn er ein schönes Sitzplätzchen entdeckt, an dem es für Zuschauer neben einem exzellenten Ausblick auf die eintreffenden Läufer auch noch leckere Verköstigung in Form von Crèpes und Galettes gibt. (Sie erinnern sich an den Bretagnepart im Blog über die Hauptstadt Rennes? Dort steht mehr über die kulinarische Spezialität und die besonderen Vorlieben der Bretonen.)

Bretagne - Morlaix  -  Galette, die deftige Variante eines Crèpe

Bretagne – Morlaix – Galette, die deftige Variante eines Crèpe

Nebenher der Ausblick Richtung Hafen …

Bretagne - Morlaix  - Im Hintergrund der Hafen

Bretagne – Morlaix – Im Hintergrund der Hafen

Spätsommerwetter. Ein ungewöhnlicher, völlig untypischer Novembertag ….

Bretagne - Morlaix  - Novembervegetation ... Schon erstaunlich

Bretagne – Morlaix – Novembervegetation … Schon erstaunlich

An einem solchen Tag wirkt alles sehr harmonisch, fröhlich, heiter und entspannt. Dass hier auch durchaus einmal ein anderer Wind wehen kann und die Bevölkerung dieses Ortes genauso den üblichen Widrigkeiten ausgesetzt ist, mit EU-Regeln hadert und seine wirtschaftlichen Probleme hat wie anderswo auch, wurde gerade wieder im September und November deutlich, als französische Gemüseerzeuger in Morlaix auf die Straße gingen und ihren Unmut über fallende Preise und Absatzschwierigkeiten (das russische Embargo für europäische Produkte ließ den Export sinken) kundtaten.
Es blieb nicht allein beim Reden. Sie luden überall Artischocken und Blumenkohl, später auch Düngemist ab und brannten letztendlich sogar Steuer- und Versicherungsbüros nieder! Sie erinnern noch, dass die Agrarwirtschaft für die Menschen der Bretagne eine sehr große Rolle spielt? Die Lage ist für diese Menschen zurzeit kritisch …

Wenn so etwas nicht gerade direkt vor Ihrer Nase geschieht, bekommen Sie als Tourist davon meist nicht viel mit. Lokale Probleme dringen gar nicht so schnell an ihr Ohr. Außer Sie wollen es hören. Nein, Urlauber schauen auf andere Dinge und wandern eher im Haus der Duchesse Anne umher. Lauschen dort den Ausführungen.

Bretagne - Morlaix  - Blick in die Nebengassen ...

Bretagne – Morlaix – Blick in die Nebengassen …

Bretagne - Morlaix  - Die Bauten Richtung Hafen sind etwas neueren Datums ...

Bretagne – Morlaix – Die Bauten Richtung Hafen sind etwas neueren Datums …

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Ein interessantes Städtchen, dieses Morlaix. Eines mit einem recht eigenen Gesicht. Man müsste es nun noch einmal ganz in Ruhe und pur, ohne Halbmarathon, erleben. Müsste mit Muße mehr kennenlernen, bis zur Bucht vorwandern, sich niederlassen, viel Zeit zum Schauen mitbringen und mit dem ein oder anderen Menschen reden. Einem von dort.
Dafür wäre definitiv eine Portion Fingerspitzengefühl nötig, denn uns Deutschen tritt man in dieser Gegend seit dem unrühmlichen Verhalten im Zweiten Weltkrieg auch heute – nach all den Jahren – noch nicht wieder völlig vorbehaltlos entgegen.

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon – 02.11.2014 – Place des Otages

Die Place des Otages vor dem Rathaus, dort, wo heute der Auslauf für die Läufer des Halbmarathons eingerichtet wurde und sie ihre Rucksäcke deponiert haben, dieser Platz wurde zum Gedenken an die bretonischen Opfer der Deutschen geschaffen. 60 Bürger aus Morlaix wurden von den Deutschen am 2. Weihnachtsfeiertag 1943 als Geiseln genommen und deportiert.
Oder das Bombardement. Die Absicht der Deutschen, die Zugverbindung nach Brest zu unterbrechen, sollte durch eine Bombardierung des Viadukts erreicht werden. Bei dem Versuch traf man jedoch ziemlich daneben. Die Bomben zerstörten viel in Morlaix. Es gab dabei zahlreiche weitere Tote, zusätzliches Leid. Das ist nicht vergessen …
Genug der ernsten Sachen. Doch auch das braucht einfach seinen Platz.

Jetzt allerdings geht es noch darum, das Auto wiederzufinden.

Der Rückweg zum Auto entpuppte sich – ganz wie erwartet – als der anstrengendere Part. Ständiges Ansteigen der Straße erfordert dauerndes Kraxeln. Serpentinen, begrenzte Sicht, kaum ein markanter Anhaltspunkt, der als Orientierungshilfe dienlich wäre. Das war auf dem Hinweg wesentlich leichter gewesen. Leider besitzt das Auto nicht die Abmessungen eines Viadukts und macht sich auch sonst nicht bemerkbar. Doch die Erinnerung an die absolvierte Hinstrecke stimmt, der Wagen taucht irgendwann auf.
Das Navi war natürlich – mangels fehlender Kenntnis der tagesaktuellen Lage – auch bei der Weiterfahrt nicht davon abzubringen, durch die Innenstadt von Morlaix zu leiten. Sperrung hin oder her. More Likes for ever. Einfach, weil es die kürzeste Route für den Heimweg ergab.
Echt stur, das Ding.

Das waren Impressionen aus Morlaix. Persönliche. Vielleicht verschlägt es Sie auf einer Bretagne-Reise einmal in dieses Städtchen, so dass Sie sich Ihr eigenes Bild machen können. Dann klettern Sie doch seitlich des Viadukts am Hang all die Treppenstufen empor zur Eisenbahnstrecke und zum Bahnhof von Morlaix, der sich auf dem Plateau auf der Westseite befindet. Von dort haben Sie eine tolle Aussicht!

Wie es hier weitergeht?
Einen Besuch der Île de Bréhat hätte ich noch für Sie. Den Archipel und die Hauptinsel finden Sie im Nordwesten der Bretagne, recht küstennah gelegen. Als Orientierungshilfe an Land wäre die Stadt Paimpol zu nennen. Dorthin geht es also im nächsten Bretagne-Blogpost. Vielleicht schauen Sie wieder herein?

Ihnen allen ein schönes Wochenende!

© by Michèle Legrand, Februar 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

, , , , , , , , , , ,

24 Kommentare

Salut! (4) – La Bretagne – Das Meer so weit …

Es geht an die bretonische Küste!
Liebe Leser, willkommen zurück zu Teil 4 der Bretagne-Serie! Küste, Strand, Meer … was macht die französische Halbinsel in dieser Hinsicht so besonders?
Wir schauen uns das heute an.

Bretagne - Der Norden - Smaragdküste mit Blick auf Cap Fréhel (im Hintergrund)

Bretagne – Der Norden – Smaragdküste mit Blick auf Cap Fréhel (im Hintergrund)

La mer … Man hat sofort das 40er-Jahre-Lied gleichen Titels und die Stimme von Charles Trenet im Ohr. Ich glaube, es die Leichtigkeit, die Harmonie der Melodie, die daherkommt wie ein Plätschern der Wellen. Verstärkt noch durch den Hintergrundchor, die Wahl der Instrumente etc. Es lässt sich nicht leugnen, eine gewisse Meeressehnsucht dringt herüber, obwohl der originale, der französische Text in der Hinsicht nicht unbedingt trifft. Er ist ganz generell keine wirkliche Glanzleistung.
Haben Sie eigentlich schon einmal die englische Version gehört? Beyond the Sea? Nehmen Sie bloß nicht an, es sei eine Übersetzung des Originals! Oh, nein!
Unter uns, es ist eine Liebesschnulze sondergleichen, klingt aber trotzdem verdammt gut. Eine ganz frühe Version von Benny Goodman gibt es, doch vielleicht kennen Sie es auch durch Robbie Williams, der es für Findet Nemo einsang.
Zurück zur Bretagne.
Geht es Ihnen auch so? Wasser übt eine eigenartige Faszination aus. Man kann sich seiner Anziehungskraft schwer entziehen. Bereits ein einzelner Tropfen, in dem sich das Licht bricht, eine Pfütze, in der sich Wolken widerspiegeln, eine Fontäne, deren kraftvoller Strahl himmelwärts schießt und in dessen Umkreis sich feine Gischt verbreitet … und dann erst das Meer!
Der Ozean mit seinem beruhigenden Blau in sämtlichen Schattierungen. Mit seiner unendlichen Weite! Allein der Anblick reicht aus, dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit hervorzurufen.
Viele Seeleute, Freizeitsegler oder auch Kreuzfahrtreisende empfinden es besonders, wenn sie weit draußen unterwegs sind, um sie herum nichts als Wasser, Himmel, Licht – nachts dann die tiefe Finsternis und das Leuchten der Sterne. Taucher erleben die Unterwasserwelt und kommen davon nicht wieder los.
Dann lernen Sie erst die Bretagne kennen!

Küste ist nicht gleich Küste …
Sie werden feststellen, dass Sie gar nicht auf oder im Wasser sein müssen. Sie trifft es bereits mit Macht an Land – beim Blick von dort in diese scheinbar grenzenlose Weite oder jedoch ebenso beim gezielten Anblick küstennaher, spektakulärer Naturphänomene. Sie entdecken verblüfft, wie vielfältig die bretonische Halbinsel gerade in Küstennähe ist. Ganz gleich, ob es um die dem Land zugewandte Seite geht, oder sich um den Teil handelt, der zum Meer gewandt ist bzw. in die See hineinragt.
Bei schönem, ruhigem Wetter, spielt es dafür keine so große Rolle, ob Ihr Standpunkt sich am Strand, direkt auf einer Höhe mit dem Wasser befindet oder ob es sich um einen Aussichtsplatz hoch oben auf einer Felsklippe handelt. Generell gilt: Je höher Sie stehen, desto imposanter ist natürlich das Panorama.
Eine schier endlose Weite!
Endlos? Der Schein trügt nicht völlig, denn immerhin besteht die Oberfläche unseres Planeten (wie Sie natürlich wissen) zu 71 % aus Wasser. Ohne Zweifel finden sich weltweit unerhört viele Küstenregionen, an denen Wasser und Land aufeinandertreffen. Unzählige! Nur – jede Region hat ihre Eigenarten, ein ganz eigenes Gesicht.
Küste ist definitiv nicht gleich Küste!

Weltweit betrachtet (lassen wir dabei in diesem Fall einmal eine Bebauung bis direkt an den Strand außer acht), wie oft stoßen Sie auf Küstenabschnitte, deren Anblick sich für Ihr Auge über endlose Kilometer kaum verändert, selbst dann nicht, wenn die Wetterverhältnisse sich wandeln und der Wind kräftiger bläst. Dabei geht es meist um Bereiche, bei denen das Meer auf relativ flaches Land und einen breiten Strand trifft, die Wellen somit lang auslaufen können.
Selbstverständlich nimmt überall bei steigender Windstärke der Wellengang zu, natürlich entgehen Ihnen nicht die Schaumkronen oder die Verfärbung des Wassers, das Hinübergleiten von durchsichtigem Türkis in ein dunkles, undurchsichtiges Grau. Doch das Gesamtbild bleibt relativ ähnlich erhalten.
Rückt auch der Horizont bei Dunst etwas näher, die Trennlinie zwischen Strand und Wasser verschiebt sich nicht wesentlich. Das vielleicht auffälligste Veränderungsmerkmal an solchen Plätzen ist daher eher die sich mit zunehmendem Wind verändernde Geräuschkulisse.
Das Sterben der Stille.

Wenn Sie hingegen an die Küste der Bretagne, auf die Kanalinseln oder auch nach Irland (in geringerem Ausmaß trifft es auch auf einige Küstenabschnitte des Vereinigten Königreichs von Groß Britannien zu) fahren, erwartet Sie innerhalb weniger Stunden ein völlig anderes Bild. An manchen Tagen ein kompletter Wandel, der fast einen Ortswechsel vorgaukelt.  Eine Sinnestäuschung? Nicht direkt. Wenn Sie so wollen, ergibt sich ständig ein kleiner Sinnesrausch in Form von Überraschungen für Augen, Nase, Ohren, die Haut.
Wodurch?

Die Sache mit den Gezeiten etc. …
Die Bretagne ist sehr speziell, denn es gibt etwas, was anderenorts ohne oder kaum von Belang ist, hier jedoch eine immense Rolle spielt: Ebbe und Flut! Die Gezeiten! Überhaupt das ungewöhnliche Aufeinandertreffen verschiedener Naturereignisse, das Zusammenspiel zwischen Klima, Lage und deren Auswirkungen auf die Gezeiten!

Wenn Sie sich die Halbinsel einmal bildlich vorstellen, so ist sie einerseits rundherum vom Atlantik umgeben, trennt aber wie ein weit herausragender dicker Finger den im Norden gelegenen Ärmelkanal von der im Süden gelegenen Biskaya. Oben im Nordosten, schließt sich die Basse-Normandie an (dort ist auch die Bucht mit dem Mont St. Michel), unten im Südosten, die Region Pays de la Loire.
Weil die Bretagne atlantiknah ist und gleichzeitig auch im Einflussbereich des Golfstroms liegt, ist das Klima relativ mild. Kaum Schnee oder Frost, was sich auf die Vegetation auswirkt. Palmen habe eine Chance, empfindliche Kamelien, Hortensien wuchern, immergrüne Büsche sind keinem großen Winterstress ausgesetzt. Das Hinterland zeigt oft Bewuchs, der ein wenig das Gefühl von Mittelmeerregion vermittelt.

Bretagne - Der Norden - Cottage aus dem für die Bretagne typischen Stein ...

Bretagne – Der Norden – Cottage aus dem für die Bretagne typischen Stein …

Der Region sind relativ viele Sonnenscheinstunden beschieden. Allerdings – wer einmal versucht hat, einen Zelturlaub in der Bretagne zu verbringen und nach etlichen Regentagen wegen Durchweichung des Bodens aufgeben musste, kann darüber nur lächeln. Tatsächlich ist es jedoch – besonders in Küstennähe – die Seltenheit, dass es längere Zeit hintereinander regnet. Davon ist mehr das Landesinnere betroffen.
Die Winde, die vom Westen, vom Atlantik her mit den Hoch- und Tiefdruckgebieten eintreffen, kommen oft kurzfristig und heftig. Dafür müssen Sie erst ein Auge und ein Gefühl entwickeln. Sonst werden Sie gnadenlos überrascht. Dann stürmt und regnet es kurze Zeit, doch das war’s. Sie bemerken beim Einatmen: Die Luft ist von Schadstoffen freigepustet, dafür ist der Jodgehalt ist hoch. (Und Sie merken es bei der Rückkehr, dass Sie in den ersten Tagen Probleme mit der Stadtluft daheim haben).
Geprägt wird die Entwicklung des Wetters natürlich auch wieder von Ebbe und Flut. Hier herrschen Wechselwirkungen.
Die Gezeiten sind schon gewaltig – aber nicht überall in ihrer Wirkung gleich stark.
Im Nordosten, in der Bucht des Mt.-Saint-Michel, sind die Höhenunterschiede zwischen dem niedrigsten Stand bei Ebbe und dem höchsten Stand bei Flut am größten. Überhaupt gibt es hier (abgesehen von Kanada) die weltweit stärksten Gezeiten überhaupt! Je weiter Sie entlang der Nordküste der Halbinsel Richtung Westen marschieren, umso geringer ausgeprägt ist dieses Phänomen. Die Südbretagne hinkt noch weiter hinterher.
Erklären lässt es sich mit der Stauwirkung des Ärmelkanals. Es ist kaum zu glauben, aber eine Höhendifferenz von 14 Metern ist an der Nordküste möglich, was dann genau das beschert, was ich Ihnen eingangs prophezeite: Überraschungen und Sinneseindrücke en masse.
Sie sollten in der Bretagne bestimmte Stellen an der Küste mindestens zweimal, wenn nicht noch öfter gesehen haben: jeweils bei Hochwasser, bei Niedrigwasser, bei schönem, ruhigen und bei stürmischen Wetter.
Was für ein Anblick, wenn eine große, mit Wasser ausgefüllte Bucht wenige Stunden später nur noch Schlick und Wattboden präsentiert, wenn vorher im gut aufgefüllten Hafenbecken schwimmende Boote nun schräg auf dem Trockenen liegen, zu Fuß erreicht werden oder sogar mit dem Auto angefahren werden können!

Bretagne - Der Norden - Der Hafen von Erquy - Das Wasser schwindet ...

Bretagne – Der Norden – Der Hafen von Erquy – Das Wasser schwindet …

Bretagne - Der Norden - Granitküste bei Tregastel - Auf dem Trockenen. Ebbe. Mit dem Auto bis an das eigene Boot ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste bei Trégastel – Auf dem Trockenen. Ebbe. Mit dem Auto bis an das eigene Boot …

Wo Fische schwammen und Wasservögel auf dem Wasser tanzend auf- und niederwippten, sind nur noch Algen, Muscheln, Steine, buntes Wattleben – bis sich zuerst die Priele und schließlich das ganze Becken wieder füllt. Die Flut ist zurückkehrt. Zeit für die Fischer, wieder hinauszufahren. Ein ständiger Kreislauf.

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Abenteuer Gezeiten. Die Entdeckung der Wattlandschaft ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Abenteuer Gezeiten. Die Entdeckung der Wattlandschaft …

Auch wenn Sie entlang der Küste wandern, wird es Sie erstaunen, wie anders der gleiche Abschnitt bei unterschiedlichen Wetterverhältnissen erscheint. Ruhe bei Abwesenheit des Meeres, tosende Brandung, wenn das Wasser sich zurückgemeldet hat. Flache See, leuchtende Farben bei Sonne und Windstille, heranrollende Wellen, stumpfes Grau, aufspritzende Gischt, sobald der Wind zusätzlich mitmischt.

Wo und wie erkunden?

Apropos wandern. Es ist tatsächlich die Frage, auf welchem Weg die Küste am besten zu erkunden ist. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln gestaltet es sich nicht ganz einfach. Sind die größeren Städte im Landesinneren gut vernetzt und der Fahrplan weist häufige Fahrten auf, so verkehren die wenigen Busse zwischen den kleineren Küstenorten selten am Tag, da wird jeder neue Anlaufpunkt zu einem kompletten Tagesausflug. Sie kommen irgendwie hin, aber lange Zeit nicht wieder fort …
Zu Fuß entgeht Ihnen nichts, nur braucht es viel Zeit, bzw. Sie können nicht immer vom selben Ort starten, sondern müssen sich kontinuierlich weiterbewegen. Sonst wäre ihr Radius zu klein.
Per Fahrrad ließe es sich am vorteilhaftesten bewältigen. Es kommt ein wenig auf Ihre verfügbare Zeit, auf Ihr Vorhaben und auf Ihre Kondition an, denn sollte Sie der Ehrgeiz packen, die gesamte bretonische Küste zu entdecken, sprechen wir immerhin von einer Strecke von 2.700 km!
Kaum vorstellbar, wo doch die reine Entfernung vom Osten der Bretagne (etwa ab Vitré) zum Westende der Halbinsel (etwa bis Brest) lediglich ca. 300 km beträgt, die Distanz zwischen Norden (z. B. St. Malo) und Süden (z. B. Vannes) direkt auch nur etwa 150 km.
Doch außen herum gerechnet, die Küsten des Binnenmeeres (des mit dem Atlantik verbundenen Golfs von Morbihan mit seinen 42 Inseln im Süden der Bretagne) mit eingerechnet, jeden Zacken, alle Buchten und Einmündungen berücksichtigt, ergibt sich die fast unvorstellbare o. g. Gesamtlänge.
Zu Fuß drei Monate, per Fahrrad vier bis sechs Wochen inkl. der Stopps – wenn das Wetter mitspielt.

Ein Tipp für den Norden …
Vielleicht ist es doch leichter, sich gezielt etwas herauszupicken, auch das Auto in Erwägung zu ziehen und an markanten Punkten einen Halt einzulegen.
Denken Sie sich jetzt bitte an die Nordseite der Bretagne und stellen Sie sich eine – speziell im Westen vorhandene – überaus zerklüftete Küstenlinie, mit einem nicht unerheblichen Anteil an Steilküsten, vor. Dazwischen allerdings traumhafte weite Buchten mit Sandstränden.

Hier am Cap Fréhel (Halbinsel im Norden der Côte d’Émeraude), erheben sich Granitklippen bis zu einer Höhe von 70 Metern! Das Wasser leuchtet leicht türkis-grünlich und macht dem Namen des Küstenabschnitts wirklich alle Ehre: Smaragdküste wird sie im Deutschen genannt.
Die Landschaft am Cap ist Teil eines geschützten Landschaftparks, von denen in der Bretagne insgesamt sechs eingerichtet wurden. Vielfältige Vegetation, ungewöhnliche (See-)Vögel (Vogelschutz- und Brutgebiet), Leuchttürme, von denen in der gesamten Bretagne ungefähr noch 140 stehen, sowie ein Fort aus alten Zeiten (Fort la Latte) ergänzen das Bild.

Bretagne - Der Norden - Smaragdküste - Cap Fréhel mit seinen beiden Leuchttürmen ...

Bretagne – Der Norden – Smaragdküste – Cap Fréhel mit seinen beiden Leuchttürmen …

Bretagne - Der Norden - Smaragdküste mit Landschaftsschutzgebiet und Felsklippen

Bretagne – Der Norden – Smaragdküste mit Landschaftsschutzgebiet und Felsklippen

Bretagne - Der Norden - Smaragdküste - Der Leuchtturm am Cap Fréhel im Gegenlicht

Bretagne – Der Norden – Smaragdküste – Der Leuchtturm am Cap Fréhel im Gegenlicht

Bretagne - Blick Richtung Cap Fréhel (Leuchturm)

Bretagne – Blick Richtung Cap Fréhel (Leuchturm)

Bretagne - Der Norden - Smaragdküste - Cap Fréhel - Der zweite Turm, direkt auf der Klippe vorne ...

Bretagne – Der Norden – Smaragdküste – Cap Fréhel – Der zweite Turm, direkt auf der Klippe vorne …

Bretagne - Der Norden - Smaragdküste - Der Ausblick vom Cap Fréhel ...

Bretagne – Der Norden – Smaragdküste – Der Ausblick vom Cap Fréhel …

Bretagne - Blick vom Cap Fréhel Richtung Fort la Latte

Bretagne – Blick vom Cap Fréhel Richtung Fort la Latte

Noch weiter westlich, von Lannion aus direkt senkrecht nach Norden zur Küste vorgestoßen, liegt Perros Guirec. In diesem Bereich treffen Sie auf die unvergleichliche Côte de Granit Rose, die Küste mit dem rosafarbenen Granit. Ein ca. 30 km langer Küstenstreifen, der sich von Plestin-les-Grèves bis Louannec erstreckt.
Falls Sie sich beschränken müssen, konzentrieren Sie sich auf den Teil der Strecke zwischen Trégastel über Ploumanac’h nach Perros-Guirec. Dort kommen Sie aus dem Staunen nicht heraus!

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Strandweg ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Strandweg …

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Sentier des Douaniers zwischen Trégastel und Perros-Guirec

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Sentier des Douaniers zwischen Trégastel und Perros-Guirec

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Es türmt sich auf ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Es türmt sich auf …

Sie entdecken sowohl am Strand als auch im flacheren Wasser riesige Granitblöcke! Nicht nur einzeln platziert, wie es bei Findlingen üblich wäre, sondern eine enorme Ansammlung und diese nicht nur nebeneinander verteilt, sondern wild aufeinandergestapelt. Kreuz und quer mit haarsträubenden Lücken und Überhängen, so dass Sie an der Existenz der Schwerkraft zweifeln.
Genauso verblüffend die entsprechenden Blöcke im Meer, dicht vor der Küste, so versprenkelt, als hätte Obelix seine großen Hinkelsteine beim Training wahllos vom Strand aus hineingeworfen. Und was Sie alles zu erkennen meinen! Die Steinformen und Formationen sind so bizarr, dass manchmal Tierfiguren, Häuser, Baumwipfel oder ähnliches vor dem inneren Auge erscheinen.

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Interpretationsmöglichkeiten ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Interpretationsmöglichkeiten …

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Gestapelt ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Gestapelt …

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Hält auch bei Sturm ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Hält auch bei Sturm …

Wenn Sie die größtmögliche Wirkung erleben wollen, versuchen Sie, einen Spaziergang in der Abendsonne zu planen. Denn mit dem dann schräg stehenden, rötlichen Licht der untergehenden Sonne, leuchten die Granitsteine besonders intensiv. Dieser rosa Granit ist übrigens äußerst rar! Es gibt ansonsten nur noch Vorkommen in Kanada (Ontario), China und auf Korsika.

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Die Flut läuft auf, die Sonne bricht durch, der Granit beginnt zu leuchten ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Die Flut läuft auf, die Sonne bricht durch, der Granit beginnt zu leuchten …

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Leuchturm Min Ruz (offiziell Phare Mean Ruz)

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Leuchturm Min Ruz (offiziell Phare Mean Ruz)

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Verlies am Strand ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Verlies am Strand …

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Nicht nur direkt am Strand türmen sich die Granitfelsen ..

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Nicht nur direkt am Strand türmen sich die Granitfelsen …

Bretagne - Der Norden - Granitküste am Phare Mean Ruz bei Ploumanac'h

Bretagne – Der Norden – Granitküste am Phare Mean Ruz bei Ploumanac’h

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Landschaftsschutzgebiet

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Landschaftsschutzgebiet

Perros-Guirec vorgelagert ist die Inselgruppe Sept-Îles, wunderschön anzuschauen. Wenn Sie gerade auf das Meer hinausschauen, achten Sie auf Bewegungen an der Wasseroberfläche! Mit ein wenig Glück können Sie Delfine beobachten!
Sept-Îles – Sieben Inseln. Gibt es noch ein paar mehr? Viele?
Möchten Sie einmal schätzen, wie viele Inseln überhaupt die Bretagne umgeben?
Es sind um die 800! Damit ist die Bretagne die inselreichste Region Frankreichs!

Bretagne - Der Norden - Granitküste bei Ploumanac'h

Bretagne – Der Norden – Granitküste bei Ploumanac’h

Bretagne - Der Norden - Granitküste bei Ploumanac'h-3

Bretagne – Der Norden – Granitküste bei Ploumanac’h

Bretagne - Der Norden - Granitküste bei Ploumanac'h

Bretagne – Der Norden – Granitküste bei Ploumanac’h

Von Trégastel aus laufend, entdecken Sie Richtung Ploumanac’h  nahe des Ufers eine kleine Insel mit dem Château de Costaérès, einem im neugotischen Stil errichtetem Schloss. Es wird gesagt, dass Dieter Hallervorden hier seinen Zweitwohnsitz hat. Könnte ich mir auch vorstellen. Also für mich. Oder Sie. Als Zweitwohnsitz. Rein theoretisch. Ob Herr Hallervorden tatsächlich … wir wissen es nicht.

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Richtung Ploumanac'h - Die kleine Insel mit dem Château de Costaérès

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Richtung Ploumanac’h – Die kleine Insel mit dem Château de Costaérès

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Richtung Ploumanac'h - ... die Flut kommt.

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Richtung Ploumanac’h – … die Flut kommt.

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Richtung Ploumanac'h - ... und schon ist die Insel mit Château de Costaérès wieder komplett von Wasser umgeben.

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Richtung Ploumanac’h – … und schon ist die Insel mit Château de Costaérès wieder komplett von Wasser umgeben.

Alle diese Wege gehören im Grunde zu einem einzigen ca. 2.000 km langen Küstenwanderweg (dem GR 34), der durch die gesamte Bretagne führt. Das ist der sogenannte Sentier des douaniers, der Zöllnerpfad, der zur Zeit des Sonnenkönigs entstand und im 17.-20. Jh. dem Schutz des französischen Binnenlandes vor Plünderern, Schmugglern und anderen Zollbetrügern diente.
Nicht selten fühlt man sich ein wenig zurückversetzt in frühere Zeiten – oder verliert während des Umherstrolchens jegliches Zeitgefühl. Auch eine Art von Freiheit …
Überhaupt empfinden Sie höchstwahrscheinlich die Küste als enormen Spender innerer Ruhe. Sie schafft es, sie ein wenig zu fordern, ihre Sinne anzuregen, Sie in Bewegung zu halten und gleichzeitig bringt Sie Ihnen eine wohltuende Langsamkeit bei.

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Mittendrin auf Krebs-, Fisch-, Muschelsuche ....

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Mittendrin auf Krebs-, Fisch-, Muschelsuche ….

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Geröllklettern ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Geröllklettern …

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Angelplatz ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Angelplatz …

Wir bewegten uns heute lediglich im nördlichen Teil der Halbinsel. Der südliche bietet viele andere spektakuläre Anlaufziele. Nur reichte bei diesem Mal meine Aufenthaltsdauer dafür nicht aus. In dieser Bretagne-Serie wird es jedoch noch Stippvisiten auf der Île de Bréhat und im Städtchen Morlaix geben – und zwar sobald es meine Zeit wieder erlaubt, für den Blog zu schreiben.

Ein letzter Blick auf das Meer …

Bretagne - Nordküste - nahe Cap Fréhel - La mer ....

Bretagne – Nordküste – nahe Cap Fréhel – La mer ….

Seit einigen Tagen herrscht enorm stürmisches Wetter. Wahrscheinlich ist auch in der Bretagne der Wind aktiv, was ich eigentlich Anfang November, bei meinem Aufenthalt fast erwartet hatte. Doch zu dieser Zeit kehrte urplötzlich der Sommer zurück. Oben, am Cap Fréhel, direkt vorne an der Klippe zerrte trotz allem der Wind, obwohl an Land kaum ein Lüftchen wehte.

Bretagne - Der Norden - Granitküste - Es spritzt ...

Bretagne – Der Norden – Granitküste – Es spritzt …

Was meinen Sie, wie sich bei einem Sturm die Atlantikwellen an all den Felsklippen tosend brechen und selbst an den Leuchttürmen in große Höhen hinaufspritzen. Naturgewalten … Wind und Meer.

Bretagne - Der Norden - Smaragdküste - Die Flut steht noch aus. An den Felsen ist gut zu erkennen, bis wohin das Wasser gewöhnlich klettert.

Bretagne – Der Norden – Smaragdküste – Die Flut steht noch aus. An den Felsen ist gut zu erkennen, bis wohin das Wasser gewöhnlich klettert.

Kennen Sie den Punkt, an dem das Wasser für uns Menschen leider seine Faszination völlig verliert?
Genau! Wenn es – wie momentan – pausenlos von oben kommt.
Das wird auch wieder anders werden.
Passen Sie derweil gut auf sich auf und halten Sie alles fest, was nicht niet- und nagelfest ist!

Bis demnächst!

© (Text und Fotos) by Michèle Legrand, Januar 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

, , , , , , , , , , ,

37 Kommentare

Salut! (3) – Die Bretagne und das junge, alte Rennes …

Die Bretagne im November. Gibt es keinen günstigeren Zeitpunkt für eine Erkundungsreise? Im Sommer oder September vielleicht?
Salut, liebe Leser! Willkommen zurück!
Als ich das erste Mal in diese Region reiste, war ich knackjung. Es war Anfang September, das Wetter herrlich, die Gegend traumhaft. Natürlich hatte ich damals vor, einmal dorthin zurückzukommen.
Ist es etwas geworden? Nein.
Hätte ich das gedacht? Nein!
Und wissen Sie, was ich auch nie vermutet hätte? Dass ich Jahrzehnte später (nicht mehr so jung, dafür knackend) deshalb dort landen würde, weil meine damals noch gar nicht geborene, nicht mal im Entferntesten angedachte, jetzt erwachsene Tochter in Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, ein Auslandssemester absolvieren würde. Dies war der Anlass, der gleichzeitig den Zeitpunkt des Aufenthaltes diktierte. Nicht am Beginn des Semesters beim Eingewöhnen und Zurechtfinden, nicht am Ende im Klausurenstress. Eine nette Unterbrechung mittendrin und gemeinsame Unternehmungen an zu dieser Zeit gerade vorlesungsfreien Tagen.
Ende Oktober/Anfang November eben …

Die Bretagne. Wo würden Sie sie geografisch einordnen? Frankreich natürlich, was für eine Frage. An der Küste, auch klar, denn es ist eine Halbinsel. Eigentlich meinte ich: Wo ist die Bretagne gefühlsmäßig für Sie gelegen? Ganz spontan. Es heißt, sie sei ganz im Norden des Landes. Genau diese Angabe verursacht bei vielen eine Vorstellung von „generell ganz weit oben“. Muss kühl und wahrscheinlich regnerisch sein. So wie Schottland.
Moment, Schottland?
Das ist aber wirklich viel nördlicher! Ja? Nein. Doch! Echt?
Geografie ist nicht jedermanns Sache. Erdkunde und persönliches geografisches Empfinden beißen sich nur allzu gern. Was meinen Sie, wie viele Menschen immer noch verdutzt sind, wenn sie hören, dass New York auf der Höhe von Rom liegt oder Hamburg auf gleicher Höhe mit dem sehr nördlichen Kanada. Wenn Sie einen Kirschkern in gerader Linie hinüberspucken würden, landete das Ding (kommen Sie mir jetzt nicht mit Erdkrümmung, oder so!) irgendwo im Bundesstaat Neufundland und Labrador.
Die Bretagne wiederum liegt so, dass der Kern eines bretonischen Weitspuckers – je nachdem ob er an der Nord- oder Südküste seiner Halbinsel steht – bei Ostrichtung zwischen Pforzheim und dem Raum südlich von Basel landen würde. Vielleicht auch keimen.
Der Standort der Hauptstadt Rennes befindet sich sogar etwas südlicher als der von Paris (die Stadt, die viele überhaupt nicht als im Norden gelegen empfinden). Das Klima ist zudem sehr mild, gar nicht extrem nordisch – doch dazu später mehr, wenn es an die Küste geht.

Rennes. Rennes ist speziell. Wenn Sie reine Geschichte suchen, die Haltung und Situation im Krieg erfahren wollen, ein Jahreszahlenfetischist sind etc., rufen Sie sich die entsprechenden Seiten im Internet auf. Das steht alles dort.
Ich werde Ihnen dafür erzählen, was mich am heutigen Rennes beeindruckt hat, wie es auf mich wirkte.

Bretagne - Rennes - Altstadt mit Fachwerkbauten

Bretagne – Rennes – Altstadt mit Fachwerkbauten

Rennes ist alt und jung zugleich! Die Stadt bietet einen gekonnten Mix aus Althergebrachtem und Modernem und hat – was die „Mischung“ angeht – eine doch eher ungewöhnliche, zumindest seltener anzutreffende Art der Zusammensetzung aus älteren und jungen Einwohnern.
Rennes zählt (über den Daumen, die Angaben schwanken je nach Quelle) 220.000 bis 240.000 Einwohner.
Was schätzen Sie, wie hoch der Anteil der Studenten ausfällt? Wie viele mag es in einer Stadt dieser Größenordnung geben?
Es sind ca. 60.000! Ein Viertel der Stadtbevölkerung!
Als Rennes I (die erste Universität) nicht mehr ausreichte, baute man Rennes II und verfügt über weitere angeschlossene Hochschulen. Die französischen étudiants, die aus allen Regionen des Landes stammen, werden ergänzt durch zahlreiche ausländische Kommilitonen. So ergibt sich ein buntes, internationales Völkchen.
Aus purer Neugier habe ich mir die entsprechenden Zahlen meiner Heimatstadt zum Vergleich herausgesucht.
Die Einwohnerzahl Hamburgs liegt bei ungefähr 1,8 Millionen. Die Zahl der Studenten aller Unis und (Fach-)Hochschulen beläuft sich auf insgesamt ca. 68.000 Studierende.
Gar nicht so viel mehr als in Rennes, oder?
Hochgerechnet –  also ebenfalls von einem Viertel ausgehend – müsste Hamburg somit 450.000 Studenten verzeichnen, um einen ebenso hohen Anteil und eine vergleichbare Bevölkerungsstruktur wie die Rennes‘ aufzuweisen.
Die Anzahl der Hamburger Studenten  – immer angenommen, dass es so wäre –  ergäbe wiederum fast zweimal die Gesamteinwohnerzahl (!) von Rennes.
Hätte Rennes prozentual allerdings nur so „wenig“ Studenten wie meine Stadt, würde sich die Zahl der Studierenden dort irgendwo im Bereich von mageren 9000 (statt 60.000) bewegen. Zahlenspielerei …
Es gibt jedoch eine deutsche Universitätsstadt, die eine ähnliche prozentuale Mischung wie die bretonische Hauptstadt besitzt: Marburg! Dort sind von rund 80.000 Einwohnern ungefähr 22.000 Studenten.
Ein so hoher Anteil an jungen Menschen (hinzu kommen Schüler und andere junge Nichtstudierende) fällt schon auf in einer Stadt und hat Gewicht. Es wirkt sich ebenfalls auf die weitere Stadtentwicklung (Wohnungsbau, Verkehrsnetz), Aussehen (moderner) und Angebote (Gastronomie, Bildung, Sport, Kultur u. a.)  aus.

Als Hauptstadt einer Region, die in vier Départements untergliedert ist, liegt Rennes überaus zentral und leicht erreichbar. In der Bretagne selbst sind es die gut ausgebauten vierspurigen Nationalstraßen, die die größeren Städte miteinander verknüpfen, keine Autobahnen. Vorteil: es geht zügig voran (Tempolimit 110 km/h) und ist obendrein mautfrei.
Es gibt die Anbindung per Flugzeug, per Zug (auch der TGV fährt Rennes an), und innerhalb der Stadt klappt das Vorankommen durch die Métro sowie das gut verzweigte Linienbusnetz. Nur wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Vororte zurückkommen oder sie verlassen möchte, dem begegnet die gleiche Situation, die auch hier in Deutschland viele Pendler kennen: In Hauptverkehrszeiten sieht der Fahrplan ganz gut aus, danach oder am Wochenende wird es schwierig.
Die bereits bestehende Linie der Métro Rennes wird momentan um eine zweite, diese erste Strecke kreuzende Linie erweitert. Der Bau schreitet voran, doch es wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen, ehe alle Teilabschnitte und Bahnhöfe fertiggestellt sind. Manchmal dauern auch die Vorarbeiten länger als gedacht. An der Stelle, an der einmal die Station Saint-Germain sein wird, sind momentan noch die Archäologen tätig …

Bretagne - Rennes - Bauarbeiten für die neue Metro-Station St. Germain (noch sind die Archäologen dort)

Bretagne – Rennes – Bauarbeiten für die neue Métro-Station St. Germain (noch sind die Archäologen dort)

Bis 2019 soll jedoch alles ausgeführt und vollendet worden sein.

Bretagne - Rennes - Bauzaun mit Graffiti ... Dahinter sind die Arbeiten am Bau der neuen Métrolinie im Gange.

Bretagne – Rennes – Bauzaun mit Graffiti … Dahinter sind die Arbeiten am Bau der neuen Métrolinie im Gange.

Rennes von heute ist eine sukzessive gewachsene und dabei sehr bunte Stadt. Das liegt an den vielen Stilrichtungen und all den unterschiedlichen Baustoffen, die im Laufe der Zeit bei der Erstellung von Gebäuden zum Einsatz kamen. Prächtige öffentliche Bauten neben privaten Häusern aus unterschiedlichen Epochen. Stadtteile mit lebendigen Wohnstraßen, Bereiche mit sozialem Wohnungsbau und hinzu gesellen sich neue Gebäudekomplexe, die beinahe etwas futuristisch anmuten. Eher schlicht die Fassade, jedoch als Gesamtwerk architektornisch eigenwillig. Das Mittelalter trifft auf die Moderne. Doch es gibt ja auch noch die vielen charmanten Fachwerkbauten

Bretagne - Rennes -  Buchhandlung in alten Gemäuern ...

Bretagne – Rennes – Buchhandlung in alten Gemäuern …

Bretagne - Rennes - Altstadt mit Fachwerkbauten

Bretagne – Rennes – Altstadt mit Fachwerkbauten

Bretagne - Rennes - Altstadt mit Fachwerkbauten

Bretagne – Rennes – Altstadt mit Fachwerkbauten

Eine Nebengasse außerhalb der Altstadt …

Bretagne - Rennes - Nebengassen ...

Bretagne – Rennes – Nebengassen …

Und wieder etwas aus einer anderen Zeit …

Bretagne - Rennes - Aus einer anderen Zeit ... (Das Modernste sind die Mülltonnen)

Bretagne – Rennes – Aus einer anderen Zeit … (Das Modernste sind die Mülltonnen)

Die Hauptstadt hat diesen historischen Kern mit wirklich sehenswerten uralten, windschiefen und sehr unterschiedlichen Fachwerkbauten, die glücklicherweise nicht alle dem großen Brand von 1720 zum Opfer fielen. Im Bereich der „Place des Lices“ wurden sie vielfach verschont. Das ist heute das Areal, auf dem sich auch die Markthallen befinden. Auf dem früheren Ritterturnierplatz und den angrenzenden Straßen beginnt jeden Sonnabend der Aufbau für den zweitgrößten Wochenmarkt Frankreichs mit vielen frischen, regionalen Produkten. Die Bretagne ist eine der wichtigsten Agrarregionen Frankreichs, Sie können sich sicher vorstellen, was dort alles aufgetischt wird. Muscheln gibt es selbstverständlich auch. Zur Küste und zum Atlantik ist es nicht weit … Leider war ich lediglich an einem Donnerstag dort.

Bretagne - Rennes - Die alten Fachwerkbauten am Place des Lices

Bretagne – Rennes – Die alten Fachwerkbauten am Place des Lices

Bretagne - Rennes - Place des Lices mit Markthallen links anschließend - Hier ist sonnabends großer Markt!

Bretagne – Rennes – Place des Lices mit Markthallen links anschließend – Hier ist sonnabends großer Markt! Dann sind sämtliche (jetzt leere) Flächen belegt.

Natürlich lebt nicht jeder in der Altstadt bzw. kann sich dort die teuren Mieten und Preise gar nicht leisten. Der Ortskundige kauft eher in den Zentren am Stadtrand und bezieht vielleicht eine Wohnung in einem Haus wie diesem:

Bretagne - Rennes - Sozialer Wohnungsbau

Bretagne, Rennes

Ordentlich, aber einfacher. Dennoch zentral, und die Métro fährt quasi vor der Tür. Falls Sie die U-Bahn einmal benutzen sollten, schauen Sie genau hin. Hier fahren oft führerlose Züge. Der Zugang zu den Gleisen ist durch eine fest montierte Glaswand gar nicht mehr direkt möglich. Die Métro hält exakt so, dass die in der Glaswand befindlichen Schiebetüröffnungen mit den Türöffnungen des ankommenden Waggons übereinstimmen. Maßarbeit.

Bretagne - Métro Rennes -  Station Kennedy - Glastüren am Bahnsteig ...

Bretagne – Métro Rennes – Station Kennedy – Glastüren am Bahnsteig …

Bretagne - Métro Rennes -  Station Kennedy - ... und der fahrerlose Zug hält exakt an der richtigen Stelle.

Bretagne – Métro Rennes – Station Kennedy – … und der fahrerlose Zug hält exakt an der richtigen Stelle.

Rennes lebt nicht allein vom Tourismus. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs ausgehend, hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt. Als Folge setzte verstärkt die Entwicklung zur Industrie- und Handelsstadt ein. Konzerne siedelten sich an. Der Hauptstadtstatus bringt es zudem mit sich, dass Behörden (Finanz und Justiz) ihren Sitz dort haben. Über Bildung und Studenten sprachen wir schon. Sie haben wichtigen Anteil am Leben in Rennes.

Dies ist das Parlement de Bretagne, der Gerichtshof der Bretagne (1618-1655 erbaut, Arch. Salomon de Brosse). Ein kleiner Zirkus gastierte gerade auf dem Vorplatz.

Bretagne - Rennes - Place bzw. Palais du parlement de Bretagne - Der Gerichtshof der Bretagne

Bretagne – Rennes – Place bzw. Palais du parlement de Bretagne – Der Gerichtshof der Bretagne

Das Innere des Parlement de Bretagne ist übrigens äußerst sehenswert! Dort bestimmen wirklich einmalige Deckenmalereien und viele geschnitzte und reichlich mit Blattgold verzierte Täfelungen das Bild. Gar nicht so selbstverständlich, dass all das heute in dieser Form überhaupt noch existiert, denn können Sie sich vorstellen, dass dieses Bauwerk im Jahre 1994 einen katastrophalen Brand erlebte und in weiten Teilen zerstört wurde? Auch sein Inneres und die kunstvollen Dekors!
Man hat es in jahrelanger Arbeit wieder aufgebaut, einen komplett neuen Dachstuhl errichtet, die beschädigten Kunstwerke restauriert. Exemplarisch! Heute (seit 1999) dient das Parlement de Bretagne als Berufungsgericht.

Die Lage der Stadt, ihre Vielfältigkeit fällt positiv auf. In Rennes fließen die Flüsse Ille und Vilaine zusammen. Wasser tut jeder Stadt gut. Es vermittelt optisch oft Weite und wirkt entspannend. An einigen Stellen der Stadt tauchen unvermittelt gepflegte kleine Parkanlagen auf, wie z. B. hier der Jardin St. Georges.

Bretagne - Rennes - Palais et Jardin St Georges - Eine ehemalige Benediktinerabtei erbaut 1670 mit schönem Garten

Bretagne – Rennes – Palais et Jardin St Georges – Eine ehemalige Benediktinerabtei erbaut 1670 mit schönem Garten

Ein großer Park nordöstlich des Zentrums ist der Jardin Thabor. Er besticht durch alten Baumbestand, einen botanischen Gartenteil, Wasserkaskaden, Gewächshäuser, seinen Pavillon und die Vogelvoliere.

Bretagne - Rennes - Der Zugang zum Stadtgarten Thabor - wie das Rathaus bereits für Allerheiligen mit Chrysanthemen geschmückt

Bretagne – Rennes – Der Zugang zum Stadtgarten Thabor – wie das Rathaus bereits für Allerheiligen mit Chrysanthemen geschmückt

Bretagne - Rennes -  Jardin Thabor - Brücke

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Wasserfall – Das Brückengeländer, das hölzern wirkt, ist in Wirklichkeit aus Beton erstellt. Aber sehr gekonnt!

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor - Brückengeländer

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Brückengeländer – Eine der Stützen läuft als eine Art Handabdruck im Beton aus …

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor - Voliere

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Voliere

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor - Voliere -  Oben die Tauben ...

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Voliere – Oben die Tauben …

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor - Voliere -  ... unten die Horde Wellensittiche.

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Voliere – … unten die Horde Wellensittiche.

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor - Monatswechsel Okt./Nov.: Rosenblüte ...

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Monatswechsel Okt./Nov.: Rosenblüte …

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor - Herbst!  Ende Oktober!

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor –  Ende Oktober! Kaum zu glauben …

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor - ... eine Ecke weiter:  Es ist tatsächlich schon Herbst.

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – … eine Ecke weiter: Es ist tatsächlich schon Herbst.

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor -  Freigehege und Anlage für mehrere Arten Wasservögel und einige Hühner

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Freigehege und Anlage für mehrere Arten Wasservögel und einige Hühner

Bretagne - Rennes - Jardin Thabor -  Haben Sie gesehen, was der französische Vogelmann an den Füßen trägt?  Hahn trägt Puschen.

Bretagne – Rennes – Jardin Thabor – Haben Sie einmal auf die Füße geachtet? Der französiche  Hahn trägt kleidsame „Puschen“.

Wer in den Straßen unterwegs ist, begegnet immer wieder Besonderheiten. Das Schwimmbad St. Georges im Art-Déco-Stil gehört dazu:

Bretagne - Rennes - Schwimmbad Saint-Georges im Art-Déco-Stil - Die Mosaiken stammen von der Künstlerfamilie Odorico

Bretagne – Rennes – Schwimmbad Saint-Georges im Art-Déco-Stil – Die Mosaiken stammen von der Künstlerfamilie Odorico

Schauen Sie sich auch die Kathedrale Saint-Pierre an. Atemberaubend und mit viel vergoldetem Schnitzwerk über dem Altar!

Bretagne - Rennes -  Kathedrale Saint-Pierre - Muss man von innen anschauen!

Bretagne – Rennes – Kathedrale Saint-Pierre – Muss man von innen anschauen!

Bretagne - Rennes -  Kathedrale Saint-Pierre - Im Innern ...

Bretagne – Rennes – Kathedrale Saint-Pierre – Im Innern …

Bretagne - Rennes -  Kathedrale Saint-Pierre - Ein Blick auf Details ...

Bretagne – Rennes – Kathedrale Saint-Pierre – Ein Blick auf Details …

Ein Blick auf den Handelshof

Bretagne - Rennes - Palais du Commerce (Handelshof)

Bretagne – Rennes – Palais du Commerce (Handelshof)

… und den Platz mit Rathaus und Oper, heute mit Feuerwehranwesenheit.

Bretagne - Rennes - Das Rathaus: Hôtel de Ville  (geschmückt für Allerheiligen am 01. November)

Bretagne – Rennes – Das Rathaus: Hôtel de Ville (geschmückt für Allerheiligen am 01. November)

Bretagne - Rennes - Die Oper  ... heute mit Feuerwehreinsatz

Bretagne – Rennes – Die Oper … heute mit Feuerwehreinsatz

Die Gasse, in der es hauptsächlich um Trinken und Durstlöschen geht, wird hier per Graffiti angekündigt:

Bretagne - Rennes -  Graffiti  "Rue de la Soif"

Bretagne – Rennes – Graffiti „Rue de la Soif“ (soif= Durst)

Und wenn Sie jetzt allmählich – wie ich – Hunger bekommen haben sollten, dann setzen Sie sich doch mit auf den Platz zum Crèpes oder Galettes essen. Selbst zum Monatswechsel Oktober/November sorgt die Sonne für genug Wärme, um draußen genießen zu können.

Bretagne - Rennes - Fast November, aber Crèpes und Galettes draußen ...

Bretagne – Rennes – Fast November, aber Crèpes und Galettes draußen genießen …

Crèpe, dieser Ausdruck ist den meisten ein Begriff. Crèpes gibt es auch in Deutschland. Viele machen sich sogar daheim ihre eigenen hauchdünnen Pfannkuchen nach französischer Art. Dem Crèpe (eigentlich weiblich, also ihr …) ist eigen, dass er süß ist. Der Teig und auch der Belag. Der Bretone lädt sich gern noch zusätzlich reichlich Butter und Zucker, Schokolade (oder Nutella),  aber auch Zitronenaroma obendrauf. Es gibt natürlich ebenso die Varianten mit Apfelmus und anderen süßen Fruchtaufstrichen. Alles wird nett gefaltet, geklappt – und verspeist. Lecker!
Wer Galettes bestellt, bekommt die deftigere Variante. Der Pfannkuchenteig wird mit Buchweizenmehl gebacken (blé noir) und ist gesalzen, nicht gesüßt. Der Belag fällt entsprechend herzhaft aus. Galette complète ist die Variante mit Schinken, Käse und Spiegelei. Die Ränder der Galettes klappt man teils oder ganz zur Mitte ein.
(Galettes gibt es noch in völlig anderer Form. Unter diesem Begriff erhält man gelegentlich auch spezielle Butterkekse.)
Die Franzosen essen beide Pfannkuchentypen sehr gern als Mittags-Snack. Als Hauptgang Galette (salzig), als Nachtisch hinterher Crèpe (süß). Was mich vollkommen verblüfft ist die Tatsache, dass die Bretonen bei all ihrer Liebe zu sehr viel Extrabutter und Extrazucker, insgesamt unheimlich schlank sind! Man sieht dort kaum dicke Menschen!
Den Trick müssen sie der Menschheit unbedingt einmal verraten.

Wie Sie es schaffen, als Deutscher im Urlaub bei den Franzosen ohne größere Anstrengung abzunehmen, kann ich Ihnen allerdings verraten:
Sie wählen vermutlich ein Hotel oder Zimmer mit Frühstück. Das Buffet fällt meist reichlich aus. Weil Sie Urlaub haben, sind Sie nicht ganz so früh dran, dementsprechend lauert nun schon ein Hüngerchen. Sie haben ausgiebig Zeit zum Frühstücken und langen somit zu, auch, damit Sie für ihre Tagesunternehmungen gerüstet sind. Ihr nächster Hunger stellt sich daher nicht vor 15 Uhr ein.
Das ist schlecht. Ganz schlecht.
Es gibt nämlich nur zwischen 12 und 14 Uhr geöffnete Restaurants oder Lokale. Selbst eine Crèperie macht in den weitaus meisten Fällen danach zu. Erst am Abend – frühestens ab 19 Uhr, eher später – öffnen sich die Pforten bzw. Küchen wieder. Wenn Sie ab spätestens 16 Uhr einen veritabel knurrenden Magen haben, wird Ihnen klar, wie lang es noch hin ist bis zum nächsten Mahl. Vor 20 Uhr steht vermutlich nichts auf dem Tisch.
Es besteht auch nicht so leicht die Möglichkeit, sich irgendwie „etwas Kleines“ zu organisieren. Selbst Cafés sind – zumindest in der Bretagne – nachmittags gar nicht aktiv. Wenn Sie sich in der Stadt aufhalten, bleiben Ihnen immerhin zur Überbrückung bis abends der Besuch beim Bäcker, Supermarkt, Schlachter etc. Nach dessen Mittagspause wohlgemerkt! Das ist sowohl von der Versorgung als auch vom Verzehr her etwas eintönig und auch ungemütlich, wenn Sie noch nicht einmal sitzen können.
Folglich verzichten sie lieber. Oder sind außerhalb und kriegen sowieso nichts.
Und schon nehmen sie ab.
Ausnahme: Sie kommen in Rennes bei Gaëlle & Raphaël Roy vorbei, werden plötzlich schwach und schlagen hemmungslos zu …

Bretagne - Rennes -  Gaëlle & Raphaël Roy, Boulangerie- Pâtisserie  - feinste Kuchen!

Bretagne – Rennes – Gaëlle & Raphaël Roy, Boulangerie- Pâtisserie – feinste Kuchen!

Sollten Sie es geschafft haben, sich an die neuen Essenszeiten zu gewöhnen, achten Sie zusätzlich darauf, welches Restaurant Sie sich für den Abend ausgucken. Denn irgendwann hat dort jedes auch noch seinen Ruhetag. Mit Sicherheit.
Ich habe jetzt Ruhetag.
Sehen Sie bitte zu, dass Sie fertig werden, denn hier ist gleich Blogladenschluss.
War nur Spaß. Sie kennen mich doch.
Nun, lieber Blogleser, was haben Sie heute gelernt?
Exactement! Wo der Kirschkern landet …

In nicht allzu ferner Zukunft geht es mit Salut! (4) an die Küste. Ans Meer! Seien Sie gern wieder mit dabei!
A bientôt!

©November 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

, , , , , , , , , , ,

36 Kommentare

Salut! (2) – La Bretagne! Die kleinen Tücken auf dem Weg dorthin …

Himmel, wo bitte muss man jetzt hin? Da fahren Sie gerade erst ein Stückchen auf einer französischen Autobahn und werden schon durch das Schild „péage“ darauf hingewiesen, dass Sie gleich an eine Mautzahlstelle gelangen. Gleich ist gut!
Ehe man sich versieht, ist sie direkt vor einem; das Bild der Straße hat sich rasant verändert!
Mon Dieu! Und nun …?

Darf ich kurz unterbrechen?
Ich werde Ihnen wie versprochen im weiteren Verlauf dieser Artikelserie noch zahlreiche sehenswerte Stellen der beeindruckenden Bretagne zeigen, wie zum Beispiel die Granitküste

Bretagne - 01. Nov. 2014 - Granitküste bei Ploumanac'h

Bretagne – 01. Nov. 2014 – Granitküste bei Ploumanac’h

… jedoch heute vorab von Unterschieden erzählen. Zwischen Frankreich und Deutschland. Denn
das, was wir gewohnt sind, ist nicht unbedingt bei unseren Nachbarn gang und gäbe. Umgekehrt genauso.
Sicher, in vielerlei Hinsicht haben wir uns mittlerweile angenähert, bis zu einem gewissen Punkt sogar einander angeglichen, doch manche Eigenart oder länderspezifische Gegebenheit ist eben anders und dementsprechend anfangs fremd.
Dann kommt er, dieser Moment, in dem der Nichtlandsmann die Premiere erlebt. Da müssen alle irgendwie durch. Die Franzosen hier, die Deutschen drüben.
Dass es auch mich traf (davor schützten weder die seit frühester Jugend frankophile Haltung noch meine französischen Vorfahren väterlicherseits) ergab sich aus der Tatsache, dass vor einer Ankunft in der Bretagne zunächst eine recht lange Fahrt aus Norddeutschland via Belgien und Nordfrankreich unumgänglich ist. Die Entscheidung für eine Reise per Auto wiederum fiel, als sowohl Deutschlands Piloten als auch seine Lokführer immer wieder Streiks ausriefen, der Gemahl und ich jedoch gern sicher zu einem bestimmten Zeitpunkt ankommen wollten. So warteten gut 1200 Kilometer Strecke, davon ein gar nicht so geringer Teil in Frankreich mit seinen besagten kleinen Eigenheiten und Ungewohntem – wie z. B. diesen Mautstellen

Die bisher zweispurige Fahrbahn verbreitert sich unvermittelt dramatisch wie ein Flussdelta. Sie stehen mit einem Mal zwölf Schaltereinfahrten gegenüber, in deren weiterem Verlauf sich zwölf geschlossene Schranken befinden. Es erinnert ein bisschen an diese Boxen, in die man Hochleistungszuchtpferde vor einem Rennen hineinpfercht. Bis der Startschuss ertönt und sich vorne das Gitter öffnet.
Sie, als Ankömmling, schauen zunächst perplex, kurz danach hochkonzentriert, was Ihnen die Leuchtanzeigen über den zahlreichen Einlässen so zu bieten haben!
Oha! Es variiert.
Haben Sie schon den Überblick? Überlegen Sie flott, wohin Sie wollen, denn Sie können hier absolut nicht länger im Schneckentempo herumkrauchen oder noch drei- bis sechsmal unschlüssig umschwenken.
Zack! Entscheidung bitte! Wo müssen Sie sich jetzt einordnen?
Bei einer der Symbolanzeigen scheint es, als könnte nur mit Münze bezahlt werden, bei einem anderen Leuchtbildchen wirkt es eher, als sei dort Kartenzahlung vorgesehen. Oh, es gibt sogar beides in einem!
Bei zwei Schaltern erscheint gar keine Anzeige! Geschlossen scheinen sie dennoch nicht zu sein … Darf man die überhaupt anfahren? Wie ist das zu deuten?
Bei manchen Durchlässen leuchtet ein auffälliges „t“. Einzeln oder zusätzlich mit anderen Symbolen. „t“ wie Ticket? Bekommt man nur dort sein Streckenbillet? Und das andere sind reine Kassen? Vielleicht fürs Bezahlen schon hinter sich gebrachter Strecken, also nur für diejenigen, die gleich von der Autobahn abfahren?
Moment! Da gibt es offenbar kleine Angestelltenhäuschen an den Schranken. (Hörten Sie gerade, wie der Stein vom Herzen plumpste?) Wenn dort jemand sitzt, kann man wenigstens fragen.
Und falls das Kabuff leer ist …? (Es ist tatsächlich meist unbesetzt.)

Mir gefällt absolut nicht der Gedanke, am falschen Schalter vor einer Schranke zu halten, einer, die sich niemals öffnen wird – und über den Rückspiegel eine sich am Autoheck in Windeseile kilometerlang aufbauende Schlange wahrzunehmen. Nie, nie kommen Sie rückwärts wieder heraus!
Sie blockieren, sind allerdings selbst gefangen und alle müssen warten … Ruhig atmen. Franzosen sollen recht charmant sein. Sein können zumindest! Allerdings auch recht temperamentvoll. Es ließe sich bei der Gelegenheit herausfinden …
Diejenigen unter Ihnen, die schon oft in Frankreich unterwegs waren, vielleicht sogar nahe der Grenze leben und ständig hinüberhuschen, lachen. Maut zahlen. Nichts leichter als das! Ja, ja, so langsam kann ich es auch! Übung macht den Meister. Aber als Neuling?
Ich kannte lediglich die praktischen Jahres-Vignetten aus anderen Ländern. Kaufen, an die Windschutzscheibe kleben, fertig. Die vorherigen Autofahrten in Frankreich liegen ewig zurück. Ich entsinne mich überhaupt nicht, damals gezahlt zu haben. Da die Nachbarn ihren Wegzoll aber schon 1955 beschlossen haben, muss es eher an meinem löcherigen Gedächtnis liegen.
Nach mehreren Mautstellen und kleineren Zitterpartien, bin ich mir nach meiner Rückkehr in die Heimat immer noch nicht ganz sicher, ob ich das Prinzip verstanden habe oder nicht. Bei immerhin elf unterschiedlichen Betreibergesellschaften in Frankreich und abweichender Optik an den Zahlstellen, darf man zwischendurch kurz ins Schleudern kommen. Man wurschtelt sich eben bestmöglich durch.
Entweder Sie ziehen nur ein Ticket, das es in diesem Fall offenbar an jedem der Schalter gibt und bezahlen zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts, oder Sie bezahlen einen einheitlich festgesetzten Betrag vorab – und falls kein Geldschlitz dort ist, funktioniert es immerhin mit der EC-Karte. (Obwohl im Internet vielfach mitgeteilt wird, dass keine EC-Karten sondern Kreditkarten nötig sind, hat es damit bestens geklappt.)
Alternativ bringen Sie bereits ein Ticket von der vorherigen Mautstelle mit und treffen diesmal auf eine reine Bezahlstelle. Der Automat liest das Ticket aus, sieht, wie viele Kilometer Sie schon auf Frankreichs Autobahn zubrachten, rechnet ab und zeigt Ihnen sehr eindeutig, was und womit Sie blechen müssen. Falls Sie beim Einfahren einen Zugang mit reinem Kartensymbol erwischten, können Sie eben nur mit Karte zahlen, ansonsten halten Sie Bargeld bereit.
Was mich verblüfft hat, ist, dass Sie beim bargeldlosen Verfahren Ihre Karte lediglich einstecken und die Abbuchung läuft. Sofort! Von wegen PIN eingeben! Ich bitte Sie! Wer braucht denn so etwas …
Tja, Sie können nur mitmachen, sich wundern und hoffen, dass alles hinterher seine Richtigkeit hat oder Sie kommen dort nicht weiter. Versauern an der Schranke.
Fahrstreifen mit dieser ominösen „t“-Anzeige sollten Sie eher meiden, außer Sie verfügen über so etwas wie ein Abonnement bzw. ein Gerät, das die automatische Mauterhebung möglich macht und alles elektronisch erfasst.

Gefühlt ist man ständig am bezahlen. Gerade fielen wieder zusätzlich 5,40 Euro für die Nutzung der „Pont de Normandie“ an …

Bretagne - Maut auch für die Überquerung der Seine-Mündung zwischen Le Havre und Honfleur (Pont de Normandie)

Bretagne – Maut auch für die Überquerung der Seine-Mündung zwischen Le Havre und Honfleur (Pont de Normandie)

Doch so langsam rückte die Bretagne näher und das Schöne ist – eine absolute Seltenheit in Frankreich! – dort ist die Fahrt auf den Straßen bzw. über Brücken und durch Tunnel mautfrei!

Der nächste Knackpunkt – für Norddeutsche und Hamburger sicher ganz speziell – ist Frankreichs Kreiselliebe.
Meine Güte, in Süddeutschland und in ländlichen Gebieten haben sich Kreisel etabliert und vermehrt wie die Kaninchen, aber wir haben hier in der Stadt kaum welche und wenn, dann solche mit einer einzigen Fahrspur innerhalb des Kreisels. Und wenn sie tatsächlich mehrere Spuren haben (Horner Kreisel, Hamburg), erhalten sie zusätzlich Ampeln. Die sollen zwar gerade durch den Kreisel vermieden werden – doch so sind wir Deutschen.

Die Franzosen haben kaum überhaupt noch irgendwo eine Ampel. Überall sind die „rond-points“ und französische Autofahrer können etwas, worüber ich nur staunen kann: Sie kommen bei dreispurigen Kreiseln nebst sechs Zu- und Abfahrten mit traumwandlerischer Sicherheit hindurch! Ihnen gelingt es blendend und filmreif, mit diagonalem Fahren durch alle Spuren von innen nach außen zur Wunschabbiegung zu gelangen – temporeich und vor allem schadlos durch den dicksten Verkehr! Das funktioniert ebenso beim Spurwechsel von außen nach innen. Nur wie?

Woher wissen die Fahrer auf der Mittel- und Außenspur, die sich auch erst sortieren, wann wieder einer von innen in einem Winkel von 45 bis 70 Grad spontan Richtung Ausfahrt will und quer durchschießt? Ungeniert die eigene Spur respektive den Kühler schneidet?
Woher ahnt der Mittelspurfahrer, ob die neu in den Kreisel einfahrenden Wagen auf die Außen-, Mittel- oder Innenspur möchten? Der Blinker zeigt bestenfalls links und rechts, aber nichts linkser und rechtser.
Wo wird bei dem Gewusel nun vorsichtshalber eher gebremst, wo tritt man hingegen aufs Gas? Ich konnte keine Regel erkennen. Die Einfahrt in den Kreisel ist machbar, klar – die Lösung für ein lebendiges wieder Hinausgelangen bereitet mir allerdings weiterhin Sorgenfalten.

Und wenn Sie endlich alles geschafft haben, die Anreise hinter Ihnen liegt, begegnen Ihnen im Hotel Gegebenheiten, die – zumindest in sehr vielen Fällen – in Frankreich anders sind als bei uns daheim.
Attention s.v.p.! Prudence est de mise.
Vorsicht ist tatsächlich angesagt, denn französische Toiletten sind wesentlich niedriger als deutsche! In der ersten Zeit sackt man beim Platz  nehmen durch, hängt zuerst immer irgendwie einen Moment in der Luft, um letztendlich die letzten Zentimeter Richtung WC-Sitz eigentlich mehr zu fallen. Der Mensch ist schon so ein Gewohnheitstier. Seine innere Umstellung auf die geringere Höhe dauert!
Ich z. B. hatte mich exakt am Tag der Abreise damit arrangiert und zu Hause prompt Schwierigkeiten bei der Rückgewöhnung. Was meinen Sie, was ich anfangs hier mit Schwung auf die Brille krachte! Der französische Abstand war weiterhin einprogrammiert. Ich bin halt davon ausgegangen, es sei noch massig Platz bis es ernst würde.
Noch eine Sache: Sie werden vergeblich nach Stöpseln für den Auslauf des Waschbeckens suchen.

Sekunde, lassen Sie mich einmal kurz auf die Uhr schauen …
Oh, là, là!
Wissen Sie was?
Genug für den Moment. Machen wir Schluss für heute. Wir werden uns beim nächsten Mal in Rennes umsehen. Die Hauptstadt der Bretagne ist überaus schön! Anziehend! Es wird also entsprechend bildreich zugehen!

Bretagne - Rennes - Altstadt mit Fachwerkbauten

Bretagne – Rennes – Altstadt mit Fachwerkbauten

Kennen Sie den Unterschied zwischen Crèpes und Galettes? Dazu kommen wir im dritten Teil ebenfalls.
Vielleicht sind Sie wieder mit dabei! Es würde mich freuen!

Salut et à bientôt!

©November 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

, , , , , , , , , ,

21 Kommentare

Salut! (1) – Zurück aus der Bretagne …

Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)Salut! Zurück aus der Bretagne!
Schnell die Reste vom letzten Crèpe vertilgt, und schon können wir beginnen.
Wie geht es Ihnen?
Hatten Sie in Ihrer Region auch diesen sagenhaften Sommernovemberbeginn? Zum Monatswechsel spazierte ich bei ca. 22 Grad und strahlendem Sonnenschein am bretonischen Cap Fréhel entlang und konnte gar nicht fassen, wie mild die Luft auf der Haut entlangstrich, wie weit die Sicht über das Meer war und in welchen Blau- und Grüntönen der Atlantik schimmerte!
Frankreich hat enorm schöne Ecken. Die Franzosen können sich schon glücklich schätzen. Die Bretonen ganz besonders! Was für eine herrliche Küste! Welch malerische Städtchen!
Sie ahnen, dass Ihnen in naher Zukunft im Blog etwas davon begegnen wird.
Doch heute starten wir sehr locker und halten es auch kurz.

Salut. Sie kennen dieses Grußwort, verwenden es vielleicht selbst hin und wieder. Es ist praktisch, denn es lässt sich sowohl bei der Begrüßung als auch bei der Verabschiedung nutzen. Die Schreibweise kommt uns Deutschen zudem vertraut vor, da wir Wortkreationen mit „Salut-“ kennen. Salutschüsse. Ist etwas anders, doch wen stört’s …
Macht nix?
Ich möchte Sie warnen! Wenn uns ein Wort in einer Sprache begegnet, die wir nicht beherrschen, es uns jedoch irgendwie bekannt vorkommt durch seine Schreibweise (meist eher als durch Aussprache), dann deuten wir es gern selbst. Grübeln, raten ein bisschen, mutmaßen sehr gewagt, beschließen irgendetwas und sind fortan felsenfest überzeugt, bezüglich des Sinns recht zu haben. Vielleicht kennen wir bei zusammengesetzten Begriffen sogar lediglich einen kleinen Teil, doch wir sind Meister im Interpretieren und basteln uns daraus unsere komplette Übersetzung.
Dass so etwas in die Hose gehen kann, werden Sie gleich anhand einiger Fotos sehen.

Was haben wir denn hier? La Porte de France.
Porte? Pforte? Tür, oder? Tor, Tür … Egal.
Die Tür nach Frankreich!
Dort geht es rein ins Land! Barzahlung vor Einlass. Klar, kennt man ja. Die Franzosen fordern schließlich fast überall Maut. Doch dies ist der Weg. Der Zugang! Hinter dieser Tür beginnt la Grande Nation … Oder doch nicht?

Bretagne - Morlaix - La porte de France ...

Bretagne – Morlaix – La Porte de France …

Und hier! Foto zwei zeigt ein überaus wichtiges Schild! Sollte Ihr Fahrrad ein Alkoholproblem haben, dürfen Sie hier nicht fahren! Sogenannte „Saufmodelle“ sind in dieser Straße unerwünscht …

Bretagne - Sauf bicyclettes ...

Bretagne – Sauf bicyclettes … Saufräder?

(Sind Sie zum ersten Mal mein Bloggast?  Als Wiederkehrer wissen Sie später, dass Sie sich von mir bitte nicht veräppeln lassen! „Sauf“ steht für außer, ausgenommen von … d. h. Fahrräder dürfen hier im Gegensatz zu Autos sehr wohl die Straße benutzen. Gesteuert von einem möglichst nüchternen Fahrer.)

Was haben wir denn da? Einen Schuhmacher. Er macht es Sprachunkundigen leicht, denn er hat netterweise dieses stiefelförmige Werbeschild an der Wand. Doch schauen Sie einmal auf den Begriff, der dort etwa in der Mitte auftaucht. Tampons.
Das Wort kennen Sie. Alles klar. In Frankreich kauft man Tampons nicht im Drogeriemarkt, sondern beim Schuster …

Bretagne - Cordonnerie

Bretagne – Cordonnerie … Der Schuster mit den Tampons?

Wundern Sie sich nur nicht, wenn Ihnen der Mann am Tresen daraufhin einen Stempel in die Hand drückt. Sein „tampon“ ist halt kein „o.b.“

In die nächste Straße eingebogen – und gleich Herzklopfen!
Mord L’Express!
Bringt man Sie hier schnell um die Ecke?
Restauration rapide …
Wird der vorher unbeschadete Zustand des Opfers womöglich doch schnell wiederhergestellt?

Bretagne - Mord l'Express ...

Bretagne –  Mord l’Express – Die Sache mit dem Expressmord und dem Restaurieren  …?

Oder ist es eher ein Schnellrestaurant, welches Ihnen in Windeseile etwas zu beißen verschafft (mordre = (an)beißen)? Ich würde sagen, Sie können sich wieder beruhigen …

Auf der Suche nach einer Unterkunft sollten Sie daran denken, dass in Frankreich auch nicht alles, was den Begriff „Hôtel“  in sich birgt, Zimmer bereitstellt.

Bretagne - Morlaix - Hôtel de Ville

Bretagne – Morlaix – Hôtel de Ville …

Das Hôtel de Ville ist leider nicht das größte Hotel der Stadt, sondern schlicht und einfach sein Rathaus.

Und noch etwas möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Hier haben Sie es schwarz auf weiß:
In einer 30-km-Zone kriegen auch die Franzosen ihren Rappel (und teilen es allen gleich schriftlich mit).

Bretagne - 30 km Rappel

Bretagne – Der 30-km-Zone-Rappel …?

Komisch nur, dass dieses Rappel-Geständnis, diese Durchdreh-Warnung unter allen Tempozeichen auftaucht, selbst bei 130 km/h … Möglicherweise doch eher eine Erinnerung oder Ermahnung, dass Sie sich gefälligst stets an die ausgewiesene Geschwindigkeit zu halten haben?
Wie auch der Besitzer dieses schönen alten Renault R4 GTL …

Bretagne - Oldtimer (Renault 4 GTL)

Bretagne – Oldtimer (Renault 4 GTL)

Die Franzosen haben manchmal urige Öffnungszeiten. Das Foto ist sehr verspiegelt, doch Sie können die Uhren sicher erkennen. Sie meinen zu wissen, dass matin etwas mit morgens bedeutet und après-midi am Nachmittag anzusiedeln ist.
Doch werden Sie daraus so richtig schlau?

Bretagne - Recht eigenwillige und etwas "krumme" Öffnungszeiten ...

Bretagne – Recht eigenwillige und etwas „krumme“ Öffnungszeiten …

Ziemlich krumme Zeitangaben und überhaupt … Andere Länder, neue Entdeckungen, Erstaunliches.
Doch für heute soll es reichen. Fini! Ende.
Sie und ich müssen uns erst wieder eingewöhnen. Mein Internet geht übrigens hervorragend nach der Umstellung! Der Monteur hat Mittwoch sehr kompetent und fix alles neu gestöpselt und geregelt. Ihnen bleibt somit nichts erspart, und für mich gibt es keine Ausflüchte mehr …^^

In lockerer Folge erscheinen in nächster Zeit im Blog Berichte aus der Bretagne. Aus Rennes, von der beeindruckenden Granitküste, kleineren Küstenorten, vom Cap Fréhel, der Île de Bréhat, der mittelalterlichen Stadt Vitré sowie aus Morlaix. Es geht dabei ebenfalls um Unterschiede bzw. französische Besonderheiten, die einem Nichtfranzosen eben auffallen.
Aktuelles wird sich sicher dazwischenmogeln – auch damit es abwechslungsreich bleibt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Wochenausklang, ein nettes Wochenende und hoffe, Sie haben keinen Stress durch nicht fahrende Züge.
Salut! Bis demnächst!

©November 2014 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , ,

33 Kommentare

Am Bodensee: Die Mainau – und warum ein Touristenmagnet zu sein auch Nachteile mit sich bringt (4)

Heute geht es zur Mainau. Erinnern Sie sich an Lummerland, Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer? Haben Sie das berühmte Insellied noch im Ohr?
Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen, weiten Meer,
mit vier Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr …

Sobald Sie am Bodensee, an dem Teil im Nordwesten, den man als den Überlinger See bezeichnet, die tropfenförmige „Blumeninsel“ der gräflichen Familie Bernadotte entdecken, idyllisch und durchaus südländisch anmutend, grün bewachsen, leicht ansteigend, von Wellen umplätschert … kann es Ihnen ergehen wie mir:
Sie summen das Lummerlandlied, und möglicherweise texten Sie dabei ebenfalls um:
Eine Insel mit viel Blumen und dem großen Bodensee
Mit Terrassen, Bäumen, Tieren und dem Schloss in luft’ger Höh’
Nun, wie mag die Insel heißen, ringsherum ist’s grün und blau.
Jeder sollte einmal reisen auf die herrliche Mainau …

Insel Mainau - Schöne Aussicht auf den See ...

Insel Mainau – Schöne Aussicht auf den See …

 

45 Hektar misst die Blumeninsel, die ihrem Namen wirklich alle Ehre macht. Eine Größe, die in etwa der Fläche von 63 Fußballfeldern entspricht, und nahezu das gesamte Areal ist gärtnerisch gestaltet. Im Süden ist die Insel über eine Fußgängerbrücke mit dem Festland verbunden, im Norden, im tieferen Seewasser, befinden sich die Schiffsanlegeplätze. Fähren erreichen die Mainau z. B. von Überlingen, Konstanz und Meersburg. Wer per Auto, Bus oder Rad anreist, für den ist vor dem Verbindungssteg Schluss. Für die, die nicht so weit laufen möchten bzw. können, pendelt jedoch regelmäßig der Inselbus zwischen Festland (Parkplätzen) und Blumeninsel.

Blumeninsel Mainau - Über eine Fußgängerbrücke geht es auf die Insel (oder Sie legen mit dem Schiff an).

Blumeninsel Mainau – Über eine Fußgängerbrücke geht es auf die Insel (oder Sie legen mit dem Schiff an).

Mainau - Der Weg auf die Blumeninsel - Urban knitting bzw. crocheting hier (umhäkelte Bäume)

Mainau – Der Weg auf die Blumeninsel – Urban knitting bzw. crocheting hier (umhäkelte Bäume)

Ich werde mich heute darauf beschränken Ihnen Garteneindrücke zu zeigen, Stellen, die mir gut gefallen haben und Ihnen gleichzeitig jedoch verraten, warum ich bei Touristenattraktionen – wie es auch die Insel eine ist – häufig etwas zwiespältige Gefühle habe. Egal, wie kritisch es sich anhört, ich mag das Eiland! Mir dient es heute lediglich als Beispiel für eine ganz bestimmte Entwicklung.
Wenn Sie an der Insel Mainau, jedoch eher an ihrer Geschichte, Entwicklung oder den geologischen Einzelheiten interessiert sind, bitte ich Sie daher, hinüber zu Herrn Wiki oder der Homepage der Mainau zu wandern.

Blumeninsel Mainau - Der Pfau

Blumeninsel Mainau – Der Pfau

Es muss ungefähr zwanzig Jahre her sein, dass ich – zwei kleinere Kinder dabei – das erste Mal die Blumeninsel besucht habe. Zu sehr kühler Jahreszeit, denn ich entsinne mich, dass wir damals sehr froh über die Orchideen waren, die im warmen Gewächshaus standen. Auf diese Art bot sich eine Gelegenheit, sich zwischendurch aufzuwärmen. Da diese Sonderausstellung immer im Zeitraum von März bis Anfang Mai stattfindet, wird es wohl ziemlich zum Ende des Winters, noch im März, gewesen sein.
Das, was haften blieb vom Besuch der Mainau, war ein Gefühl von Weite auf der eigentlich kleinen Insel, war die Erinnerung an den Anblick von großen Flächen auf denen schon Zwiebelblüher ihre Blütenpracht entfaltet hatten. Ein Meer von Krokussen, die ersten Narzissen und andere Frühblüher. Es war das Bild von mächtigen, alten, ehrwürdigen Bäumen. Es war die Erinnerung an das Schloss, die feuchtwarme Glashausatmosphäre bei den vielen Orchideen – und vor allem im Gedächtnis blieb das abenteuerliche Erkunden der Schatzinsel, wie meine Kinder sie genannt hatten.

Blumeninsel Mainau - Das Deutschordensschloss der Gräflichen Familie Bernadotte mit der Schlosskirche nebenan ...

Blumeninsel Mainau – Das Deutschordensschloss der Gräflichen Familie Bernadotte mit der Schlosskirche nebenan …

Blumeninsel Mainau - Links der Gärtnerturm (Wehrturm), rechts noch Teile des Torbogengebäudes ...

Blumeninsel Mainau – Links der Gärtnerturm (Wehrturm), rechts noch Teile des Torbogengebäudes …

Es gab Platz, viel Platz. Es gab sehr natürlich wirkende Ecken. Es gab räumlichen Abstand zwischen den Menschen, die auf der Insel unterwegs waren. Die Insel war lebendig, was sie jedoch keinesfalls automatisch zu einer lauten Insel machte.

Der Besucherandrang, der Konsum, das Programmangebot, die Vermarktung etc. hielten sich in Grenzen. Für die Kinder war zwar schon ein extra Spielbereich da, zog sie aber nicht sonderlich an. Es störte nicht. Es zählten das bergauf und bergab Insel erkunden, die neugierigen und beinahe zutraulichen Wasservögel, der Turm am Schloss, der Ausblick aufs weite Wasser und das Gefühl von noch viel vorhandener Natur.
Letztendlich hatten wir nicht übermäßig viel Zeit zur Verfügung, weil wir zum Familienbesuch im Süden waren und uns nur kurz weggeschlichen hatten.
Damals hatte ich mir immer gewünscht, irgendwann einmal wiederzukommen. Möglichst in einem der Sommermonate, wenn die Stauden ihre Hochzeit hatten  (mit langem „o“ –  sie haben nicht geheiratet) und all die wärmeliebenden Pflanzen im milden Klima am See so richtig losgelegten …

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Es mag damals an der Jahreszeit gelegen haben, daran, dass nicht Hochsaison herrschte. Es mag aber auch noch vor der Phase gewesen sein, in der man Umstrukturierungen einführen musste, weil langsam aber sicher nicht mehr kostendeckend gewirtschaftet werden konnte und durch Besucherrückgang Verluste entstanden. Im Vergleich zu den 90er Jahren, halbierten sich die Gästezahlen bis etwa zum Jahre 2005.
Heute nun ist die Insel ganzjährig ein Touristenmagnet. Perfekt vermarktet. Eine eigene GmbH kümmert sich um das gesamte Management, die Stiftung ist höchst aktiv.

Blumeninsel Mainau - Der Paradiesvogel-Brunnen

Blumeninsel Mainau – Der Paradiesvogel-Brunnen

Die Mainau von heute bietet wechselnde Bepflanzung, Blütenhöhepunkte, Aktionswochen, Sonderausstellungen, Kunstprojekte, Märkte, Wahl zur Rosenkönigin, Schulungen, Seminare, Feste und noch mehr.
Die Räumlichkeiten des Schlosses können für Veranstaltungen, Feiern oder Tagungen gemietet werden. Hochzeiten (jetzt wirklich das Heiraten) finden im Schloss bzw. der daneben befindlichen Kirche statt. Die Gärten sind makellos. In der Hochsaison werden die Anlagen von ca. 300 Kräften gehegt und gepflegt, außerhalb der Saison ist immerhin noch die Hälfte (ca. 150 Mann) im Einsatz.

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Blumeninsel Mainau - Oberhalb der Staudenbeete grasen Ziegen. Und irgendetwas hat die Katz' vorn gerade entdeckt ...

Blumeninsel Mainau – Oberhalb der Staudenbeete grasen Ziegen. Und irgendetwas hat die Katz‘ vorn gerade entdeckt …

Und hier ist der Punkt, an dem jedes Unternehmen, vor allem aber jeder, der anstrebt, ein Touristenmagnet zu sein oder zu bleiben, ganz fürchterlich in die Zwickmühle gerät. Ein merkwürdiger Kreislauf startet, Kettenreaktionen werden in Gang gesetzt.
Um etwas am laufen zu halten, den Unterhalt zu finanzieren, müssen weiterhin viele kommen, besser sogar, es zieht noch mehr an als bisher, denn:
Mehr Gäste, mehr Einnahmen.
Mehr Gäste aber auch nur, wenn mehr geboten wird, denn:
Mehr Leistung, höhere Attraktivität, steigende Besucherzahl.

Blumeninsel Mainau - Die berühmte Wassertreppe von 1982, die 2007 im Rahmen eines Kunstprojekts noch einmal verlängert wurde.

Blumeninsel Mainau – Die berühmte Wassertreppe von 1982, die 2007 im Rahmen eines Kunstprojekts noch einmal verlängert wurde.

Mehr leisten steigert jedoch ebenfalls die Kosten – mehr Gäste bringen allerdings das Plus auf der Einnahmenseite.
Wer mehr bietet, kann zudem eher den Eintrittspreis anheben. Durchsetzen! Wenn es gerechtfertigt erscheint!

Blumeninsel Mainau -  ... hier noch einmal nur der obere Teil der Wassertreppe.

Blumeninsel Mainau – … hier noch einmal nur der obere Teil der Wassertreppe.

Was rechtfertigt denn höhere Eintrittspreise? Und wann und wie kommen mehr Menschen als vorher?

Nehmen wir wieder die Mainau als Beispiel:
Man verbessert die Infrastruktur. Erneuert und vergrößert Parkplätze in beträchtlichem Ausmaß (plus Parkleitsystem, inkl. neuer, großzügiger Busbereiche). Man optimiert das Wegesystem auf der Insel. Breiter, besser begehbar, Rundgang, Querverbindungen, weiter führend als bisher oder sogar großteils barrierefrei. Man entkommt der Saisonfalle und bietet ganzjährig Programm. Kreiert im Jahresverlauf wechselnde Attraktionen, um Besucher zum Wiederkommen zu animieren. Zeigt ausgefallene Pflanzen. Pflanzt üppig und ungewöhnlich. Hebt auch den besonderen Baumbestand mehr hervor (Arboretum)
Man kümmert sich um das Wohl der jüngsten Gäste, stellt einen interessanteren, neuen, zusätzlich mit Wasser gestalteten Spielbereich zur Verfügung. Denkt sogar an das Vermieten von Handtüchern. Man sorgt für das leibliche Wohl. Baut nicht nur ein Restaurant, sondern bietet an verschiedenen Punkten quer über die Insel verteilt ein gastronomisches Angebot. Informationen zu Veranstaltungen, Pflanzen, Rundgängen, Geschichte etc. werden leichter zugänglich gemacht.
Man erhöht die Zahl der Anlegeplätze (inzwischen mind. fünf!), welche von den Fährschiffen genutzt werden, die die (begehrten) Touristen befördern. Mehr Schiffe, mehr Gäste … Gerade erst wurde im Bereich der Schiffsanlegestelle ein weiterer, sehr großer, modern erscheinender Gastronomiebereich erstellt.

Blumeninsel Mainau - Die Zahl der Anlegestellen hat im Laufe der Jahre mächtig zugenommen ...

Blumeninsel Mainau – Die Zahl der Anlegestellen hat im Laufe der Jahre mächtig zugenommen …

Was zusätzlich ein sehr einträgliches Geschäft ist und Geld in die Kassen schwemmt, ist der Souvenirverkauf. Folglich wird der Bau von Läden intensiviert. Die Shops werden strategisch geschickt platziert, nämlich so,  dass keiner so einfach daran vorbeikommt.
Was schließlich auch immer hervorragend läuft, sind Tiere. Bauernhoftiere machen sich gut und ziehen an.
Waren kalte Jahreszeit, Vegetationspause oder einfach schlechtes Wetter bisher das Problem und ließen Besucher fortbleiben, werden nun Attraktionen entwickelt, die vom Wetter unabhängig machen. Ein riesiges Schmetterlingshaus unter Glas lädt ein, mit je nach Saison bis zu 1000 Schmetterlingen!

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus - Tropische Tagfalter

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus – Tropische Tagfalter

Blumeninsel Mainau - Im Schmetterlingshaus ...

Blumeninsel Mainau – Im Schmetterlingshaus …

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus - ... an der Tränke

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus – … an der Tränke

Ich betone, die Mainau dient nur als Beispiel für etwas, was in dieser Form überall auftritt, wo geballt vermarktet wird, wo etwas Attraktivität erlangen bzw. behalten soll und es darum geht Besucher anzulocken, weil das Projekt – was immer es auch sei – sonst nicht tragbar wäre.
Die Ideen sind gut, die einzelnen Angebote gelungen, das Ziel scheint somit erreicht – doch alles zusammen erzeugt gleichzeitig leider auch etwas Unerwünschtes:
Massenandrang und Massenabfertigung mit all seinen negativen Nebenerscheinungen, und zusätzlich entfernt man sich mit der Zeit immer mehr vom ursprünglich Existierenden!
Manchmal auch von dem, was es einst ausmachte …
Ganz hart ausgedrückt, setzt die Entwicklung zudem eine Spirale der Eskalation in Gang mit Folgen, die so keiner möchte. Je mehr Leute tatsächlich wie gewünscht reagieren, d. h. anbeißen und hinströmen, umso mehr wird notgedrungen wieder angepasst respektive verändert. Um so in der Position zu sein, noch mehr Menschen aufzunehmen, sie abzufertigen und durchzuschleusen. Um erneut zusätzliche Eintrittsgelder zur Deckung der ein weiteres Mal gestiegenen Aufwendungen einzustreichen …

Blumeninsel Mainau - Brunnenarena

Blumeninsel Mainau – Brunnenarena

Blumeninsel Mainau - An der Brunnenarena - Dahlien, Hochstammrosen, ergänzt durch Stauden und Sommerblumen ...

Blumeninsel Mainau – An der Brunnenarena – Dahlien, Hochstammrosen, ergänzt durch Stauden und Sommerblumen …

Blumeninsel Mainau - Üppige Blütenpracht - Engelstrompete (Brugmansia)

Blumeninsel Mainau – Üppige Blütenpracht – Engelstrompete (Brugmansia)

Weitere Fähranlandungen oder Busladungen von Besuchern erfordern natürlich weitere Gastronomie, sanitäre Anlagen, zusätzliche Souvenirstände, noch mehr und immer buntere Beete, weitere Pflanzenarten, noch häufiger wechselndes Angebot, ständig neue Pläne und Ideen. Auf Seiten der Gäste steigt nämlich mittlerweile die Erwartungshaltung.
Und immer noch mehr … mehr … mehr.
Weiterer Kostenanstieg – denn der Erhalt und Unterhalt alles Neuen kommt hinzu. Die logische Konsequenz: Der Eintritt wird weiter erhöht. Gelegentlich werden in dem Zuge auch gleich bisher beibehaltene Vergünstigungen abgeschafft. Die Stimmung kann jetzt leicht kippen. Die Insel wird nicht größer, nur voller. Die Gärten werden nicht schöner, nur gefühlt bombastischer, erschlagender.
Gut so? – Okay? – Oder keine schöne Entwicklung?
Nur was wäre jetzt die Alternative?

Blumeninsel Mainau - Bitterorange  (Poncirus trifoliata)

Blumeninsel Mainau – Bitterorange (Poncirus trifoliata)

Zurückdrehen geht nicht mehr. Ein simpler Garten allein ist heute zu altbacken und uninteressant, bzw. wäre lediglich einer unter vielen. Kein Touristenmagnet. Er würde tatsächlich nur die reinen Gartenfreunde, die Pflanzenliebhaber und -kenner entzücken. Damit ließen sich nicht die Massen anlocken, und selbst die Liebhaber würden nicht fortwährend Wiederholungsbesuche einplanen, wenn sich tatsächlich nie etwas veränderte oder für Überraschungen sorgte.
Man kann also weder zurück, noch lässt sich einfach Stillstand bewahren. Nichts zu unternehmen bedeutete, keine Neugier mehr zu wecken, den (selbst anerzogenen) Besuchererwartungen nicht mehr zu genügen und in vermutlich kürzester Zeit an Anziehungskraft zu verlieren.
Dem Nichtstun folgte das Einfahren von Verlusten,  der Garten in der bestehenden Form könnte nicht erhalten werden. Er würde allmählich verkommen. Die Blumeninsel langsam aber sicher in Vergessenheit geraten …

Die Mainau hat sich verändert. Teilweise wohl zu ihrem Vorteil (vielseitiger, profitabler), teilweise eindeutig auch zum Nachteil. Die Begleitumstände sind es, die zu denken geben.
Es finden sich immer noch viele wunderschöne Stellen auf der Insel. Das sind für mich die weniger grellen, die ungekünstelten, an denen gar nicht versucht wurde, auf kleinstem Raum unheimlich viel Verschiedenes zusammenzupferchen.  Das ist dort, wo einen die Masse nicht erschlägt. Es gibt reizvolle Ideen wie die saisonalen Gärten, wo sich der Andrang in Grenzen hält. Anziehend ist mit Sicherheit das Schmetterlingshaus – würde man sich dort nur nicht wie eine Sardine in der Büchse fühlen.

Tropischer Tagfalter - Insel Mainau - Schmetterlingshaus

Tropischer Tagfalter – Insel Mainau – Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau - Saisonale Gärten: "Welten"

Blumeninsel Mainau – Saisonale Gärten: „Welten“

Blumeninsel Mainau - Schön ist's, wenn die Wege am Wasser verlaufen und dazu noch südländisches Flair aufkommt ...

Blumeninsel Mainau – Schön ist’s, wenn die Wege am Wasser verlaufen und dazu noch südländisches Flair aufkommt …

Blumeninsel Mainau - Rankpflanzen mit tollen Blüten von Juli bis Herbst_ Die Sternwinde (Ipomea quamoclit)

Blumeninsel Mainau – Rankpflanzen mit tollen Blüten von Juli bis Herbst:  Die Sternwinde (Ipomea quamoclit)

Blumeninsel Mainau - Fleischfresser ...

Blumeninsel Mainau – Fleischfresser …

Ich wäre insgesamt mit wesentlich weniger zufrieden. Für mich müsste es tatsächlich nicht immer mehr, immer bunter, immer aufwändiger, immer anders, ständig neu sein.
Mich faszinieren Farbharmonien, Natürlichkeit und z. B. auch wesentlich mehr der Moment, in dem ich eine kleine Eidechse auf einem Stein entdecke …

Blumeninsel Mainau - Ein ganz kleiner ...

Blumeninsel Mainau – Ein ganz kleiner …

Blumeninsel Mainau -  ... wendet gerade

Blumeninsel Mainau – … wendet gerade

… oder Enten am Ufer bei ihren Dehnübungen beobachten kann. (Und mir überlege, ob ich das mit dem Bein wegstrecken auch hinbekommen würde.)

Blumeninsel Mainau -  ... hier betreiben auch die Enten ihre Dehnungsübungen

Blumeninsel Mainau – … hier betreiben auch die Enten ihre Dehnübungen

Trotz gemischter Gefühle würde ich gern wieder dorthin. Dem ganzen noch einmal eine Chance geben. Denn mit einem kann die Mainau immer punkten –  daran wird sich glücklicherweise nichts ändern: Sie hat diese traumhafte Lage im milden, so pflanzenfreundlichen Seeklima und den wirklich atemberaubenden Ausblick von der Anhöhe oben in Schlossnähe hinunter auf den Bodensee und Richtung Alpen.

Blumeninsel Mainau - Zimmer mit Aussicht ...

Blumeninsel Mainau – Zimmer mit Aussicht …

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – höher gelegene Staudenbeete an den Treppen nahe des Schlosses

Als ich die Mainau am frühen Nachmittag verließ – mit dem Gefühl, es sei bereits mehr als gut gefüllt!  – strömten gerade neue Menschenmassen aus Bussen und PKW über die Fußgängerbrücke zur Insel.
Wirkliche Massen! Die Tageshauptbesuchszeit hatte eingesetzt.
Summend entfernte ich mich …

Eine Insel mit viel Blumen und mit Menschen dicht an dicht
Mit Gedränge und Anstehen und nicht immer freier Sicht
Nun wie mag die Insel heißen, hin und wieder herrscht Radau
trotzdem sollte jeder reisen auf die herrliche Mainau …

Vielleicht sind Andrang und Lärm Anfang Mai oder im Spätherbst nicht ganz so groß … Einen Versuch wäre es wert.

©Oktober 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

, , , , , , , , , ,

32 Kommentare

Lauenburg – Kaiser Wilhelm, Kellergewölbe, passgenaue Zäune, Mücken und ein Fest

Würden Sie gern einmal auf einem 114-Jährigen sitzen? Einem, der zeit seines Lebens wirklich jedes Jahr einige Male aktiv war?
Oder zieht es Sie zur Reeperbahn, nur Sie haben Bedenken wegen Rotlichtmilieu, zwielichtigen Gesellen o. ä.? Es gibt eine Alternative!
Vielleicht träumen Sie aber auch davon, sich in grün-blau ausgeleuchteten Kellergewölben herumzutreiben?
Lieben Sie steile Treppen, alte Türme, Möwengeschrei und den Blick aufs weite Wasser?
Sind Sie ein Flussschiffinteressierter, ein dem Museumsbesuch nicht Abgeneigter, vielleicht ein Fischesser, Kopfsteinpflasterliebhaber und Fachwerkbewunderer?
Dann sollten Sie definitiv einmal das Städtchen Lauenburg besuchen!

Elbe vor Lauenburg__

Elbe vor Lauenburg

Lauenburg liegt – von Hamburg aus gerechnet – etwa 50 km flussaufwärts unmittelbar an der Elbe. Wenn Sie dort am Wasser stehen, dann sind es zur einen Seite Richtung Flussmündung bei Cuxhaven noch 158,4 km und zur anderen Seite Richtung Quelle im Riesengebirge noch 932,6 km Flussstrecke. Schon ziemlich lang, diese Elbe
Falls Ihnen – auch wenn Sie weiter weg leben – der Name des Städtchens irgendwie geläufig, seltsam bekannt erscheint, dann kann dies zwei Ursachen haben:
Zum einen wird die schöne historische Altstadt mit Fachwerkbauten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert gelegentlich überregional hervorgehoben, und zum anderen erscheint Lauenburg immer dann in Zeitungen und im Fernsehen, wenn – wie Ende Mai/Anfang Juni 2013 wieder ganz massiv – Überschwemmungsgefahr bei extremen Hochwassern oder schweren Sturmfluten besteht.
Die Altstadt liegt direkt am Flussufer (Unterstadt), während sich der neuere Teil, die Oberstadt, außerhalb der Gefahrenzone an einem Hang in sicherer Höhe befindet.

Lauenburg - Hochwasseranzeige ....

Lauenburg – Hochwasseranzeige …. Die Pegelstände aus verschiedenen Jahren. Ziemlich weit oben das Jahr 2013 – ganz oben die Anzeige bzgl. der aktuellen Deichhöhe

Am letzten Septemberwochenende gab es in der alten Schifferstadt einen Grund zum Feiern. Nach vierjähriger Umbauphase hatte das Lauenburger Elbschifffahrtsmuseum zur Wiedereröffnung eingeladen. Es bot am 27. und 28. September 2014 die Gelegenheit zu einem Kennenlernbesuch bei freiem Eintritt sowie weiteres Programm zur Unterhaltung.
Das Museum (Elbstraße 59) ist im ehemaligen Rathaus direkt bei der Maria-Magdalenen-Kirche untergebracht, die Tourist-Information der unmittelbare Nachbar.
Auf dem Kirchplatz wurde bei Sonnenschein kräftig gefeiert. U. a. traten am Sonntag die Sänger des Lauenburger Shanty-Chors „Die Kielschweine“ auf. Falls Sie sich über diesen Namen wundern – es ist nichts Verwerfliches oder Anstößiges. Ein Kielschwein ist ein äußerst wichtiges Teil eines Schiffes, nämlich der Längsholm ganz unten über dem Kiel, dessen Funktion es u. a. ist, die Spanten des Bootes und deren Kräfte aufzunehmen. Das Teil gibt also dem Rumpf Längssteifigkeit und den Spanten und Bodenwrangen Anbindung.  Bei der Chorgründung im Jahre 1976  hatten die damaligen Mitglieder  alle in irgendeiner Form mit Booten zu tun und entschieden sich daher damals für diesen Namen.

Lauenburg - Fest auf dem Kirchplatz anlässlich der Wiedereröffnung des Elbschifffahrtsmuseums - Shanty-Chor "Kielschweine"

Lauenburg – Fest auf dem Kirchplatz anlässlich der Wiedereröffnung des Elbschifffahrtsmuseums – Shanty-Chor „Kielschweine“

Und wo wir schon bei verwerflich oder nicht sind … Reeperbahn! Ihnen ist schon bewusst, dass dies ursprünglich nicht der Begriff für eine Straße im Rotlichtviertel war? Eigentlich hat der Ausdruck Reep die Bedeutung von Seil oder Schiffstau. Die Reeperbahn war der Arbeitsplatz eines Reepschlägers in einer Seilerei. Hier wurden die Schiffstaue verdrillt. Manchmal wurde auch der Lagerplatz der Reepseile so genannt.
Auf dem Kirchplatz konnte man einem Herrn zusehen, der seine eigene Reeperbahn mitgebracht hatte und die Seilherstellung demonstrierte.

Lauenburg - Seilherstellung mit der "Reeperbahn"

Lauenburg – Seilherstellung mit der „Reeperbahn“

Lauenburg - Seilherstellung mit der "Reeperbahn" - Auf einer Seite einhängen, kurbeln, drehen, zwirbeln, straffen, richten .... Ein Kunstwerk für sich.

Lauenburg – Seilherstellung mit der „Reeperbahn“ – Auf einer Seite einhängen, kurbeln, drehen, zwirbeln, straffen, richten …. Ein Kunstwerk für sich.

Das Museum, das sich mit allem was zur Flussschifffahrt dazugehört beschäftigt, hat sich von einer einstmals bloßen Ausstellungsfläche zu einer multimedialen Erlebniswelt entwickelt. Barrierefrei erreichbar, lässt sich auf drei Etagen inkl. Kellergewölbe eine Vorstellung davon bekommen, wie das Leben am und auf dem Fluss mit seinen Werften und seiner Personen- bzw. Güterschifffahrt für die Menschen im Laufe der Jahrhunderte gewesen sein muss und welche Bedeutung die Schifffahrt bis heute hat.
Und es war viel Betrieb auf dem Fluss!
Wenn Sie sich vorstellen, dass im Jahre 1877 50 % aller in Deutschland registrierten Schiffe auf der Elbe fuhren!
Im Museum werden nicht nur die Wandflächen für Tafeln, Bilder und Informationen genutzt, sondern auch die Bodenflächen – beispielsweise für aufgezeichnete Landkarten oder auch nachempfundene Eisschollen. Modellschiffe in Großvitrinen, Gemälde, zeitgenössische Gegenstände und Filme (via Flachbildmonitor mit Sitzmöglichkeit davor!) warten. Sie können interaktiv werden und Informationen abrufen oder Abläufe in Gang setzen.
Sie erfahren mehr über die Flößer, Werftarbeiter und Schleusenwärter früherer Zeit, sehen Modelle der Kettendampfer (Schleppdampfer mit nur 50 cm Tiefgang), entdecken Schiffs- und Wassermühlen.
Den eingangs erwähnten grün-blau ausgeleuchteten Keller treffen Sie ebenfalls hier im Museum an. Im dem nicht sehr hohen, schummrigen Gewölbe befinden sich unzählige große Maschinen, die punktuell und höchst effektvoll beleuchtet sind. Bestimmt empfinden es viele Besucher als sehr faszinierend, jedoch vielleicht anfangs ebenso als leicht gruselig. Ehe sich nämlich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, könnten es auf den allerersten Blick durchaus auch Folterinstrumente sein. Ein bisschen Frankenstein-Gefühl kommt auf … Mit der Zeit erkennt man alles, und die vielen Motoren, Dampfkessel, Dampfmaschinen, Glühkopfmotoren, Antriebswellen etc. entpuppen sich als ungefährlich. Zusätzliche „normale“ Beleuchtung lässt sich an den einzelnen Ausstellungsstücken zur besseren Sicht hinzuschalten.

Lauenburg - Das wiedereröffnete Elbschifffahrtsmuseum im ehemaligen alten Rathaus in der Elbstr. 59

Lauenburg – Das wiedereröffnete Elbschifffahrtsmuseum im ehemaligen alten Rathaus in der Elbstr. 59

Lauenburg - Elbschifffahrtsmuseum - Wein und Efeu ranken vorwitzig die schönen alten Schilder ein ...

Lauenburg – Elbschifffahrtsmuseum – Wein und Efeu ranken vorwitzig die schönen alten Schilder ein …

Lauenburg - Alter Postbriefkasten in der Altstadt

Lauenburg – Alter Postbriefkasten in der Altstadt

Wenn Sie mit der Museumsrunde fertig sind, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie sind ein Freak, dann nehmen Sie auch noch Kontakt zum Schifffahrtsarchiv auf, das sich in einem separaten Gebäude ein Stück die Elbstraße hinauf befindet und in dem Abertausende von Unterlagen lagern.
Wenn Ihnen mehr nach frischer Luft ist, wäre Kaiser Wilhelm mein Vorschlag. Der Kaiser ist gebürtiger Sachse. Ihn hatte es eine Zeit lang an die Weser verschlagen, doch seit 1970 verweilt er in Lauenburg. Er ist mittlerweile 114 Jahre alt und trotz seines hohen Alters meist draußen, unten am Anleger, zu finden. Manchmal pfeift er ziemlich durchdringend fremden Leuten hinterher. Sie können ihn besteigen, sich auf ihn setzen … aber das erwähnte ich glaube ich bereits.
Kaiser Wilhelm ist ein Schaufelraddampfer, der im Sommerhalbjahr von Ende April bis Ende September Fahrten auf der Elbe zwischen Lauenburg und Bleckede, manchmal auch ein Stück elbabwärts unternimmt. Tatsächlich ist es so, dass er bisher in jeder Saison gefahren ist – seit 114 Jahren! Ohne Ausnahme! Das Schiff ist in Deutschland einer der letzten noch fahrenden kohlebefeuerten Schaufelraddampfer, und derart original erhaltene Exemplare findet man weltweit nur noch ganz wenige.
Am vergangenen Sonntag fand um 14 Uhr die allerletzte Tour dieses Jahres statt. Da war ich an Bord – und viele Menschen mit mir.

Lauenburg - Ablegen mit Raddampfer "Kaiser Wilhelm" bei schönstem Herbstwetter ...

Lauenburg – Ablegen mit Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ bei schönstem Herbstwetter …

Lauenburg an der Elbe

Lauenburg an der Elbe

Fahrt auf dem Raddampfer "Kaiser Wilhelm"

Fahrt auf dem Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ – Beim Unterfahren der Brücke muss der Mast eingeklappt werden …

Elbflitzer bei Lauenburg ...

Elbflitzer bei Lauenburg …

Möwen gibt es wohl überall wo Wasser ist ....

Möwen gibt es wohl überall wo Wasser ist ….

Zufluss der Elbe-Seitenkanals in die Elbe

Zufluss des Elbe-Seitenkanals in die Elbe

Wieder von Bord .... Die Dampfpfeife ertönt  - Raddampfer "Kaiser Wilhelm" in Lauenburg - 28.09.2014:  Letzte Fahrt der Saison

28.09.2014: Letzte Fahrt der Saison – Wieder von Bord …. Die Dampfpfeife ertönt – Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ in Lauenburg

Falls Sie Lust bekommen haben, merken Sie sich den Raddampfer für die nächste Saison vor. An Bord können Sie übrigens selbst testen, wie warm es unten im Maschinenraum ist …

Treppen steigen lässt sich in Lauenburg sehr ausgiebig. Es geht gar nicht anders, wenn Sie zwischen Altstadt (unten) und Neustadt (oben) pendeln. Es erinnert mich als Hamburgerin ein wenig an das Treppenviertel in Blankenese. Schmale, teilweise steile Stiegen mit gelegentlichem Richtungswechsel …

Lauenburg - Von der Altstadt am Wasser über Treppen zur Oberstadt ...

Lauenburg – Von der Altstadt am Wasser über Treppen zur Oberstadt …

In oberen Teil Lauenburgs angekommen, erreichen Sie den Fürstengarten, eine Parkanlage, die seit 2003 nach alten Originalplänen (aus dem 16. bzw. 17.  Jahrhundert) rekonstruiert wurde. Hier stoßen Sie auf Herrn Fielmann. Nicht persönlich, doch es gibt eine Baumallee, für deren Anpflanzung der Chef der Optikerkette die vielen Kupferfelsenbirnen gespendet hat.
Ein kleiner Rosenbereich, ein Insektenhotel, viel Rasenfläche zum Verweilen  …

Lauenburg - Fürstengarten mit Rosenbereich

Lauenburg – Fürstengarten mit Rosenbereich

Lauenburg - Großzügiges Insektenhotel im Fürstengarten ...

Lauenburg – Großzügiges Insektenhotel im Fürstengarten …

… und auch hier einen grandiosen Ausblick hinab auf den Fluss und die Einmündung des Elbe-Lübeck-Kanals!

Lauenburg - Blick vom Fürstengarten hinunter auf die Elbe - Vorne die Einmündung des Elbe-Lübeck-Kanals

Lauenburg – Blick vom Fürstengarten hinunter auf die Elbe – Vorne die Einmündung des Elbe-Lübeck-Kanals

 

Die alte Schifferstadt besaß sogar einst ein komplettes Schloss! Von der Schlossanlage stehen nach einem Brand im Jahre 1616 lediglich noch ein Flügel (heute von der Stadtverwaltung genutzt) sowie der älteste Teil der Anlage, ein alter Turm aus dem Jahre 1477. Auf den musste ich natürlich hinauf. Allein schon, um den Ausblick von dort auf die Elbe zu genießen …
Was mich davon abhielt, oben länger zu verweilen, waren ein Angriff von unzähligen Mücken, die dort als Geschwader umherzischten und die Hinterlassenschaften von offenbar einer Riesenhorde Tauben.

Lauenburg - Der alte Turm (1477) am Schloss ...

Lauenburg – Der alte Turm (1477) am Schloss …

Lauenburg - Schlossturm ... der Aufstieg ist eng und niedrig. Kopf einziehen ...

Lauenburg – Schlossturm … der Aufstieg ist eng und niedrig. Kopf einziehen …

Lauenburg - Schlossturm - Ganz schön dicke Wände ...

Lauenburg – Schlossturm – Ganz schön dicke Wände …

Lauenburg - Ausblick vom Turm am Schloss auf die Elbe  ....

Lauenburg – Ausblick vom Turm am Schloss auf die Elbe ….

Lauenburg - ... wieder abwärts, zurück zur Altstadt

Lauenburg – … wieder abwärts, zurück zur Altstadt

Lauenburg - Altstadt - Elbstraße

Lauenburg – Altstadt – Elbstraße

Lauenburg - Altstadt - Raths-Apotheke mit sehr schönem Eingang ...

Lauenburg – Altstadt – Raths-Apotheke mit sehr schönem Eingang …

Lauenburg - Altstadt

Lauenburg – Altstadt

Lauenburg - Altstadt

Lauenburg – Altstadt

Lauenburg - Altstadt

Lauenburg – Altstadt

Graniticum XV - Alter Schwede in Lauenburg -  Pyramide und Megalith sind Symbole für Zeit und Ewigkeit

Graniticum XV – Alter Schwede in Lauenburg – Pyramide und Megalith sind Symbole für Zeit und Ewigkeit (Entwurf: Ludwig Vöpel, Bau: Hitzler-Werft, 2002) – Der Findling wiegt 2.800 kg!

Sie merken,  in Lauenburg gibt es allerhand zu sehen. Wenn Sie selbst zu weit entfernt wohnen, haben Sie die über 800 Jahre alte Schifferstadt heute zumindest via Blog ein wenig kennengelernt. Falls Sie einen persönlichen Besuch planen, entdecken Sie selbst bestimmt noch viel mehr und haben bis dahin das Geschriebene hier samt Fotos sowieso fast schon wieder vergessen.
Wissen Sie, was die meisten Menschen ein paar Monate später aller Voraussicht nach auf Anhieb davon erinnern werden?
Lauenburg? Klar, weiß ich noch! Da gibt’s einen Raddampfer. Irgendein Kaiser. Uralt. Aber ständig aktiv! Und hat das Museum nicht einen Frankenstein-Keller? Ach ja, oben im Turm schwirren saumäßig viel Mücken … Und sonst … Bitte? Die Altstadt? … Oh ja, natürlich, die ist auch sehr schön! Wohnt da nicht Fielmann …?
Vorsicht! Kriegen Sie nichts durcheinander!
Wir sollten Schluss machen. Nur eines noch:
In Lauenburg werden Zäune überaus akkurat angepasst. Schauen Sie einmal hier, die Stelle, an der Felsmauer und Bretterzaun aufeinandertreffen …

Lauenburg - Mauer triff auf Zaun - Der Übergang stimmt ...

Lauenburg – Mauer triff auf Zaun – Der Übergang stimmt …

Eine weiteres (unnützes) Detail, das – wie ich vermute – hartnäckig im Gedächtnis haften bleiben wird. ^^

Nun ist wirklich Feierabend für heute!
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Bis zum nächsten Mal!

©Oktober 2014 by Michèle Legrand

Michèle Legrand - freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

, , , , , , , , , , ,

20 Kommentare

Am Bodensee: Pfahlbauten …! (3)

„Ach, die sind nicht echt?“ Ich erhielt zu meinem Erstaunen auch diese Reaktion, als ich erzählte, ich hätte mir während des Urlaubs am Bodensee Pfahlbauten angeschaut. Sinngemäß lief die Unterhaltung folgendermaßen ab:
„Wo warst du da? Unterwas? Noch nie gehört. Was gibt es da?“
Unteruhldingen. Der Ort liegt am Überlinger See, einem nordwestlichen Teil vom Bodensee. Dort gibt es die Pfahlbauten.
„Und warum?“
„Warum was? Warum ich sie ansehe oder warum sie da sind?“
„Warum alles überhaupt.“
„Dort und in der Umgebung standen in der Stein- und Bronzezeit Häuser, die am Wasser auf Pfählen gebaut wurden. Ganze Dörfer sogar!
„Die kann man angucken?“
„Nicht die Originale, aber Rekonstruktionen.“
Und dann folgte dieser Eingangssatz, aus dem leichte Enttäuschung und sogar ein minimaler Vorwurf herauszuhören war:
„Ach, die sind gar nicht echt?“ Die Miene verriet milde Entrüstung.
Ich weiß, dass mein Fragesteller ein Holzgerätehäuschen im Garten besitzt und versuchte es so:
„Wenn du von der Hütte auf eurem Grundstück ausgehst, was denkst du, wie lange die bei Nässe, Sonne, Frost, Sommer, Winter, Sturm und Hagel noch halten wird?“
Ratloser, fragender Blick.
„Sie müsste um das Jahr 8000 n. Chr. immer noch stehen – falls irgendjemand partout das Original besichtigen wollte“, fuhr ich fort. „Dann hätten wir einen vergleichbaren Zeitabstand.“
„Was, so lange ist das her? Oder hin …?“
„Ja, Stein- und Bronzezeit waren von etwa 4000 bis 850 v. Chr. und selbst wenn die Menschen damals ihre Häuser sorgfältig gebaut haben, einen noch bestehenden, derart „gut erhaltenen Altbau“ gibt es nach 6 000 Jahren nicht. Den findet man selbst nach 3 000 Jahren nirgends.“
„Und woher weiß man dann, wie das alles aussah?“
„Von zahlreichen Ausgrabungen und Fundstücken. Die Bauten versanken im See und Taucher haben einiges entdeckt. Es blieb unter Wasser, abgeschlossen von der Luft, erstaunlich gut erhalten. Die wissenschaftlichen Untersuchungen brachten umfangreiche Erkenntnisse. Mit diesen Funden und dem gewonnenen Wissen konnte man einiges rekonstruieren. So entstand bereits vor langer Zeit das Pfahlbau-Museum von Unteruhldingen.“

Bodensee (Überlinger See) - Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee (Überlinger See) – Unteruhldingen – Pfahlbauten

Klinken wir uns hier aus dem Gespräch aus. Ich erzähle Ihnen direkt weiter.

Ich hatte gern dorthin gewollt. An einem Tag, der morgens recht diesig und mit Regenvoraussage startete, ging es entlang des Sees Richtung Freilichtmuseum. Man sollte sich nie ewig ärgern, wenn das Wetter sich bockig zeigt. Dann eben ohne Sonne!
Ich konnte mir sogar vorstellen, dass Pfahlbauten, die am Wasser diffus aus dem Nebel ragen, besonders eindrucksvoll wirken. Gleichzeitig erinnert allein der Gedanke an eine solche Atmosphäre spontan ein bisschen an die alten Edgar-Wallace-Krimis, die an der neblig verhangenen Themse angesiedelt sind. Wasser, das an Pfähle prallt, Glucksen, knartschendes Holz, aufsteigende Luftblasen, Schritte, ein hoher Schrei …
Bitte, ganz ruhig bleiben!
Am Bodensee schreien prinzipiell nur die Wasservögel.
Fast war es ärgerlich, dass der Dunst sich vormittags schnell lichtete, doch einen ersten Blick erhascht man dadurch schon aus sehr großer Entfernung auf diese eigentümlichen Bauten. Wenn Sie auf dem Weg nach Unteruhldingen auf einer Anhöhe an der sehenswerten Klosterkirche Birnau vorbeikommen, dann halten Sie an. Besuchen Sie die innen reich verzierte Kirche und vor allem, genießen Sie den Ausblick auf und weit über den See! Wenn Sie in die Ferne und auf die linke Seite schauen, dort wo die einzelnen Bäume auf einer Landzunge in den See hineinragen … dort sind die Pfahlbauten.

Bodensee (Bereich Überlinger See) - Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See ...

Bodensee (Bereich Überlinger See) – Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See …

Sie sehen nichts? Ich kann Ihnen viel erzählen?
Sie haben recht. Wissen Sie was? Ich werde etwas heranzoomen … Jetzt können Sie es erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) - ... die Bäume etwas herangeholt ... So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) – … die Bäume etwas herangeholt … So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Pfahlbauten ansehen … Es ist eine kleine Zeitreise, die man unternimmt, und das Museum unterstützt den Einstieg in die Stein- und Bronzezeit tatkräftig, indem der Besucher zu Beginn zu einem virtuellen Tauchgang geladen wird. Sie verweilen in Gruppen einige Minuten in einer Art Rundkino (Archäeorama), welches Ihnen den Eindruck vermittelt, Sie befänden sich in der Unterwasserwelt und seien mit Tauchern zwischen den Pfählen in den Tiefen des Bodensees auf Erkundungstour. Sie saugen die ersten Informationen auf, und wenn Sie nach einigen Minuten aufsteigen (gefühlt), öffnet sich ein Tor nach draußen. Was Sie als erstes und zwar ausschließlich – sehen, sind die stein- und bronzezeitlichen Häuser auf den Pfählen über dem Wasser …
Ein ganz eigenartiges Empfinden. Es katapultiert Sie kurzzeitig tatsächlich zurück – solange, bis Sie auf die Verbindungsstege getreten sind, Ihren Blick wieder in alle Richtungen wenden können und von da an die Beweise der modernen Zeit wieder mit erfassen.
Trotz allem, sehr geschickt und gekonnt inszeniert!

Das Freilichtmuseum gibt es schon sehr lang. Die ersten Häuser entstanden 1922. Es kamen später in den dreißiger Jahren weitere hinzu, danach noch einmal in den Jahren zwischen 1996 und 2007. Es handelt sich – wie oben kurz erwähnt – um originalgetreue Rekonstruktionen, die aufgrund der Auswertungsergebnisse der Ausgrabungen möglich waren.
In den Häusern selbst sind darüber hinaus Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge verschiedener Berufsgruppen als Nachbildungen zu sehen, die man – was ich sehr schön finde! – in diesem Fall in die Hand nehmen darf. So bekommen Sie ein Gefühl für die Handhabung und auch für die Schwere oder Bauweise eines Werkzeugs. Die echten Fundstücke sind separat in einer Sonderausstellung zu sehen.

Nach Ihrem Ausstieg aus der „Tauchglocke“ erhalten Sie durch einen Mitarbeiter des Museums weitere Informationen vor dem Erkunden der Häuser, und selbst dort stehen Fachleute im Innern der Gebäude parat und verraten Details zu handwerklichen Tätigkeiten, unterschiedlichen Arbeitsweisen und Besonderheiten der Lebensweise der Menschen in der Stein- und Bronzezeit! Das empfand ich als eine sehr gelungene Kombination von auf eigene Faust sowie mit dem eigenen Tempo ansehen und der Möglichkeit, Fragen zu stellen oder einfach stehenzubleiben und zuzuhören.

Bodensee - Unteruhldingen - Pfahlbauten - Eines der Steinzeithäuser "Riedschachen"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Eines der Steinzeithäuser „Riedschachen“

.

Bodensee - Pfahlbauten am Überlinger See - Das bronzezeitliche Dorf "Unteruhldingen"

Bodensee – Pfahlbauten am Überlinger See – Das bronzezeitliche Dorf „Unteruhldingen“

.

Manchmal wundert sich der Mensch von heute über Dinge aus vergangener Zeit oder über die Existenz eines Objekts an einem bestimmten Ort. Er sucht nach einer Begründung, ist neugierig. Speziell dann, wenn das Existierende die kompliziertere Lösung von mehreren Möglichkeiten zu sein scheint. Wie und warum, warum so und nicht anders. So ergeht es mir jedenfalls häufig. Wenn Sie Lust haben, gehen wir einigen Dingen im Zusammenhang mit den Pfahlbauten nach.

Warum hat man eigentlich damals Pfahlbauten errichtet? Sie normalen, einfacher zu bauenden,  eventuell vom Wasser etwas entfernter liegenden Häusern vorgezogen? Warum zog es die Leute gerade in die Gegend der Voralpenseen (Bodensee u. weitere Gewässer)?

Die unmittelbare Nähe zum Wasser war höchst praktisch! Es war dort sicherer, und es lag verkehrsgünstig. Die Menschen damals handelten bereits mit einzelnen Gütern, so war es hochwillkommen und wurde angestrebt, dass die großen Handelswege (europäischer Fernhandel!) nicht fern lagen. Die Kommunikation war einfacher wie auch die Frage der Abfallentsorgung
Am Haus stand recht fruchtbares Land für Anbau oder Viehzucht zur Verfügung, und es gab ausreichend Fläche für den Fischfang. Der Wasserweg als Verbindung von einem zum anderen Ort wurde zudem damals (mangels gleichwertiger Verbindungen über Land) rege genutzt.
.

Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Einbaum (kleinerer Art, 5,50 m)

Bodensee – Unteruhldingen am Überlinger See – Pfahlbauten – Einbaum kleinerer Art, 5,50 m Länge. (Was heute das Auto vor der Tür, war damals der Einbaum am Pfahlhaus)

.

Einziger Wermutstropfen: ein ständig wechselnder, teilweise bedrohlich hoher Seewasserspiegel.
So etwas war riskant, gefährlich!
Es bedeutete nicht nur gelegentlich nasse Füße oder war damit erledigt, dass zwischendurch schnell durchgefeudelt wurde!

Bereits in der Jungsteinzeit entstanden daher erste nach Pfahlbauweise errichtete Dörfer, die vor diesem gefürchteten Hochwasser und generell dem sehr feuchten, nachgebenden Untergrund schützen konnten.
Auch heute noch schwankt der Wasserspiegel des Bodensees während des Jahres beträchtlich. Wenn die Schneeschmelze ab März einsetzt, steigt der Spiegel durch enorme Zuflüsse manchmal innerhalb von drei Monaten um bis zu drei Meter an! Dieses Phänomen kannten natürlich auch damals die Steinzeitbewohner, es trat für sie ganz ähnlich in Erscheinung. Ihm musste in irgendeiner Form wirkungsvoll begegnet werden, und hinzu kam, dass der ständige Wechsel zwischen Überflutung und Trockenlegung, zwischen Sedimentation und Erosion einem „normalen Haus“ ebenfalls arg zusetzte.
Wer also nicht riskieren wollte, ständig ein überflutetes oder unterspültes, danach schwer wieder trocknendes, ja, ein in kurzer Zeit komplett zerstörtes Haus zu haben und zusätzlich auf einen generell sicheren Stand bedacht war, der suchte sich geeignete Stämme zur Konstruktion eines aus dem Wasser herausragenden Wohnsitzes.
Jeweils im Winterhalbjahr, bei Wasserniedrigstand und teilweise trockenen Uferzonen, wurden die neuen Pfähle in den Boden getrieben, auf ihnen eine Plattform und auf ihr das Haus errichtet.

Wie lange „überlebte“ denn so ein Pfahlhaus tatsächlich?

Die Pfahlbauten hielten unter den gegebenen Bedingungen natürlich nicht ewig. Die verwendeten Holzpfähle waren nach zehn bis fünfzehn Jahren, ganz selten auch einmal dreißig Jahren verrottet und somit untauglich. Eichenpfähle überdauerten unter Umständen bis zu 50 Jahre, standen jedoch nicht immer zur Verfügung. Das leichter aufzutreibende Nadelholz oder auch Esche besaß leider nur eine kürzere Haltbarkeit. So wurde damals ständig repariert, um einen Neubau solange wie möglich herauszuzögern.
Das wirft bei mir die zusätzliche Frage auf, wie denn die ersten rekonstruierten Häuser, die bereits 1922 entstanden und mittlerweile über 90 Jahre alt sind, diese lange Zeit überstanden.
Vermutlich wird viel zum Erhalt der Häuser beigetragen wird und eventuell mit heutigen, modernen Mitteln ihrer Verrottung entgegengewirkt.
.

Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten

.

Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl. Dorfs "Bad Buchau"

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl. Dorfs „Bad Buchau“

.

Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Auf den Stegen außen entlang ...

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Auf den Stegen außen entlang …

.

Wie war das beim Bauen? Dauerte es sehr lang? War es sehr beschwerlich?

Ich hatte so still für mich angenommen, dass es unheimlich mühsam und sehr langwierig gewesen sein muss, neue Pfahlbauten zu erstellen.
Unter den gegebenen Umständen und mit den vorhandenen Steinzeitutensilien! Allein das Suchen, Finden, Vorbereiten und Bearbeiten von Baumaterial!
Massenhaft möglichst gerade, ähnlich dicke Bäume auswählen, von denen zumindest ein Teil in einer bestimmten Höhe vorzugsweise eine Astgabel besitzen sollte, damit beim Hausbau später dort tragende Hölzer aufgelegt werden können.
Unzählige Bäume fällen, die Last ans Ufer transportieren, Pfähle anpassen, richten, einrammen, ausrichten, Material (Äste, Lehm) für die Wände heranschaffen, Flechtwände oder Wände anderer Art erstellen. Gras, Schilf schneiden, bündeln, Rinde von Bäumen schälen, einweichen, in schmale Streifen teilen, um daraus „Schnüre“ zu produzieren, mit denen einzelne Bauteile eng und fest verbunden wurden, eine Dachkonstruktion erstellen …
Alle Arbeiten am Haus zudem nicht ebenerdig, sondern irgendwo in luftiger Höhe!
.

Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbau-Museum - Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden..

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbau-Museum – Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden.

.

So viele Arbeitsschritte, so viel Mühe – und dabei keine helfenden Maschinen, keine elektrischen Geräte! Lediglich reine Handarbeit. Anfangs mit Hilfe simpler Steinäxte, später in der Bronzezeit unter Einsatz von Werkzeugen, die bereits Metallklingen besaßen oder unter Verwendung neuer bzw. zusätzlicher hilfreicher, meist stabilerer Gegenstände.
Wissen Sie, was der Klebstoff der Vorzeit war? Mit dem man teilweise auch die Klingen in die Holzschäfte einsetzte? Man nahm Birkenpech, das durch Destillation aus der Rinde der Birken gewonnen wurde. Doch das nur nebenbei.

Also, wie viel Zeit muss man rechnen? Wie viel Zeit brauchte es zum Fällen eines einzigen Baumes, wie viele Monate ein Haus fertigzustellen?
.

Es gibt in Unteruhldingen einen sehr anschaulichen Film dazu, der in Zusammenarbeit mit der Sendung mit der Maus entstand, als 1996 das steinzeitliche Hornstaadhaus originalgetreu nachgebaut wurde. Mit Werkzeugen, die vor tausenden von Jahren üblich waren!
Der Film zeigt die Vorgehensweise und verrät Details zur Bautechnik. Er zeigt mir auch endlich, dass ein Baum nicht wie ein Brot durchgeschnitten wird. Nicht ein „Schnitt“ waagerecht, quer durch den Stamm, sondern stattdessen wird mit einer Axt in der gewünschten Höhe durch einen schräg-senkrechten Einschlag Holz abgespalten. Nachdem anfangs die Rinde rundherum abgespalten ist und wie eine Ziermanschette absteht, wird im nächsten Arbeitsgang die Axt entsprechend tiefer, weiter im Stammesinneren, angesetzt und somit rundherum die nächste Lage gespalten. Keilförmig. Vorteil: es geht enorm schnell, und der Pfahl ist automatisch schon zugespitzt! Fertig zum Aufstellen!
Für mich die verblüffende Erkenntnis, dass ein zukünftiger Pfahl von einem Könner in drei, vier Minuten (!) abgeholzt ist. Für den Hausbau insgesamt bedeutet es: Wenn drei bis vier Helfer mit anfassen, beträgt die reine Bauzeit etwa drei Wochen. Hinzu kommt die Vorbereitungszeit, die für die Materialbeschaffung und dessen Einsatzbereitschaft einkalkuliert werden muss. Sie schlägt noch einmal mit ca. zwei Monaten zu Buche. Bevor das nächste Hochwasser im zeitigen Frühjahr anstand, war das neue Pfahlhaus fertig!
.

Bodensee - Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links steinzeitl. Dorf "Sipplingen", rechts Haus " Hornstaad"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links steinzeitliches Dorf „Sipplingen“, rechts Haus “ Hornstaad“

.

Was müssen die Menschen begeistert gewesen sein, als sie zum Ende der Steinzeit merkten, dass ein Zusatz von Zinn das (bisher zu weiche) Kupfer zu einer sehr harten Legierung verwandelte. Bronze hieß die Neuerfindung, die sie fortan für effektivere Werkzeuge oder Waffen (Jagd) nutzen konnten.
Vielleicht waren sie in diesem Moment damals euphorisch und in dem festen Glauben, sie wären – was Erfindungen angeht – am Ziel. Etwas Besseres, Moderneres könnte nicht mehr kommen. Stellen Sie sich doch einmal vor, wie es den Steinzeitmenschen wohl von den um die Füße gewickelten Zeugstreifen (Socken gab es noch nicht) gerissen hätte, hätte er geahnt, welche weiteren Entwicklungen es bis zum Jahr 2014 n. Chr. geben würde!
Oder wir!
Wir glauben doch eigentlich ebenso, dass es langsam nichts wirklich Neues mehr zu erfinden gibt, bzw. dass es nun vielleicht mehr um das Erforschen von z. B. Krankheiten und deren Bekämpfung geht als um noch mehr neue, durchgreifende, total anders geartete technische Errungenschaften.
Ob wir da richtig liegen?
Es wäre interessant zu wissen, was in tausend oder zweitausend Jahren der zu diesem Zeitpunkt lebende Mensch von dem Schnickschnack des Jahres 2014 hält.
Vielleicht geht er 4014 n. Chr. in ein Museum, das sich in einer Ausstellung unserer Jahre, unserer Epoche annimmt. Sieht dort rekonstruierte Glasbauten, einen Nachbau der Elbphilharmonie, lässt sich Laubbläser und Jahrhunderte alte Hochleistungswäschetrockner, antike Smartphones und merkwürdige Dinger mit dem Namen iPad erklären. Erkennt daran den Fortschritt von Schiefertafel stromfrei zu elektronischen Devices und grinst breit, weil mittlerweile das Schreiben schon seit 875 Jahren abgeschafft ist und alles nur noch per Gedanken übertragen wird. Er kennt eine völlig neue Energiequelle, Laub zum Wegpusten gibt es in Ermangelung von Bäumen leider nicht mehr und Wäschetrockner braucht seit 2692 n. Chr. kein Mensch, weil sich die Einwegkleidung durchgesetzt hat. Ein Sprühverfahren, mit dem der Körper täglich beflockt wird.
Wer weiß …

Sie können nicht in die Zukunft reisen, aber am Bodensee haben Sie dafür die einmalige Gelegenheit zurückzureisen und der Stein- und Bronzezeit näherzukommen. Falls Sie das Thema der Pfahlbauten jetzt noch weitergehend interessiert und Sie mit einem Besuch des Museums in Unteruhldingen liebäugeln, empfehle ich Ihnen wärmstens das Aufrufen der Website, die sehr gut und übersichtlich aufgebaut ist und zahlreiche Informationen bereithält.
Abgesehen von den persönlichen Eindrücken und allem Gelernten während des Besuchs, diente diese Homepage auch für mich als Quelle für einige der genannten Daten bzw. zu ihrem Gegencheck.
Schauen Sie bitte hier:
Pfahlbaumuseum Unteruhldingen (Danach „Ihr Besuch“ oder z.  B. auch den „Virtuellen Rundgang“ auswählen)
Dort finden Sie auch Hinweise auf Veranstaltungen und Einzelheiten zum Steinzeitparcours, der besonders mit Kindern empfehlenswert ist!
.

Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links Haus "Hornstaad", rechts Haus "Arbon" (aus Holz gebaut)

Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links Haus „Hornstaad“ (1996 – Pfosten, Lehmflechtwände, Grasdach), rechts Haus „Arbon“ (1998 – Pfosten, Bretterwände, Schindeldach)- Diese beiden Häuser sind für experimentelle Langzeitbeobachtungen, daher nicht zugänglich.

.

Bodensee - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Bereich Steinzeitdorf (TV, 2006)

Im Jahre 2006 wurde in Oberschwaben an einem Weiher eine ARD-Dokumentationsserie gedreht, bei der 13 Menschen in einem Experiment über acht Wochen lang versuchten, sich unter Bedingungen durchzuschlagen, wie sie die ersten Bauer und eben auch die Pfahlbauer der Jungsteinzeit vorgefunden haben. Nach dem Experiment wurden die Häuser hier nachgebaut und dienen Schülern im Rahmen von Projekten zur Veranschaulichung des Lebens in der Steinzeit.

.

Pfahlbauten in dieser Form, als angelegtes Dorf, gab es nach der Bronzezeit vorerst nicht mehr, denn die Menschen zog es aufgrund einer erheblichen Klimaveränderung (auch damals schon!) inzwischen doch mehr in das Landesinnere bzw. in höher gelegene Gebiete. Nach über 3 000 Jahren war in dieser Hinsicht das Ende des Pfahlbaus gekommen.

Gibt es den Pfahlbau gar nicht mehr? Hat man danach nie wieder …?
.

Doch, heutzutage sind Stelzenbauten, wie sie auch genannt werden, noch an den Küsten in Südostasien verbreitet. Oder denken Sie näher. Denken Sie an die Bauten (z. B. Anlegebrücken) an Ost- bzw. Nordsee, die ins Meer (oder Watt) hineinragen. Auch sie stehen auf Pfählen.
Und all die Bauten, bei denen gar nicht sichtbar ist, dass Ihre Errichtung auf Pfählen erfolgte! Gebäude auf feuchtem, sumpfigem, nachgebendem Grund! Ganz Amsterdam ist auf Pfählen errichtet! Allein für den Hauptbahnhof (Centraal Station, Bj. 1922) benötigte man 8 657 Erdstützen. Das Rathaus meiner Heimatstadt Hamburg (1897 fertiggestellt) wird von über 4.000 Eichenpfählen getragen …

 

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen - Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre ...

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen – Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre …

.

Die Zeitreise endet allmählich – was nicht unvorteilhaft ist, da es demnächst u. a. auf die Insel Mainau gehen wird! Und dieser Besuch auf der bekannten Blumeninsel soll eindeutig wieder in der jetzigen Zeit stattfinden.
.

Ihnen vielen Dank fürs Pfahlbauten anschauen!
Haben Sie ein schönes, entspanntes Wochenende!
.

.

©by Michèle Legrand, September 2014
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Foto Andreas Grav

, , , , , , , , , , ,

26 Kommentare

%d Bloggern gefällt das: