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Schwedenhappen – Teil 4: Die Feschen mit den kleidsamen Pickelhauben

Liebe Blog-Leser, man könnte sagen, sie haben von Tuten und Blasen echt Ahnung. Sie persönlich, groß geschrieben sicher auch, aber ich meine sie klein geschrieben. Den Plural und keine Anredeform.
Also, sie (klein) sehen zudem schnieke aus, haben einen sehr zackigen Gang, sind mehrheitlich blau, ohne getrunken zu haben, und können ihn schon im Schlaf: den Wachwechsel!

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Wachablösung

Wachwechsel im Innenhof des Schlosses

Um ihn geht es hier gleich und hauptsächlich im vierten Teil der Schwedenhappen. Täglich ungefähr gegen 12 Uhr mittags (sonntags gegen 13 Uhr) findet diese Zeremonie im Innenhof des schwedischen Königsschlosses statt. Das Slott ist die offizielle Residenz des Königs, während die private sich auf Schloss Drottningholm befindet.
Ich habe heute zudem völlig gratis ein paar scheppernde Audio-Sequenzen für unempfindliche Ohren mit eingebaut … ^^

Ich erwähnte schon zu Beginn des Stockholmberichts, dass dies hier kein Reiseführer wird. Schon Bericht ist das falsche Wort, wirkt viel zu förmlich!
Ich gebe einfach meine Beobachtungen und Empfindungen wieder. Dabei geht es häufig um Dinge, die in keinem Stadtführer erwähnt werden. Wo steht schon, an welchem Fleckchen das beste Mischmasch aus interessanten Geräuschen entsteht, wo wird erklärt, warum auffällig viele Menschen immer ziemlich schnell über den Kirchhof der Klara Kyrka flitzen. Ich mag solche Plätze gerne entdecken und herausfinden, warum es dort wie ist. Vielleicht mögen das außer mir auch noch andere … Einen Geräuschevielfalt-Platz habe ich Ihnen u. a.  in Teil 3 genannt (der an der Kaimauer beim Vasa-Museum).
Dieses Gedüse über einen eigentlich richtig idyllischen Kirchhof wiederum entsteht dadurch, dass dieser viele Ein- bzw. Ausgänge hat und sehr zentral in der Nähe des Hauptbahnhofes sowie einiger Buslinien liegt. Der Weg über den Innenhof wird aus allen Richtungen kommend als Abkürzung genommen, und wenn die Zeit bis zur Zug- oder Busabfahrt knapp wird (offenbar oft), fällt auch schon der ein oder andere in den Galopp.
Übrigens habe ich die Feststellung gemacht, dass ich irgendwie nicht dazu geschaffen bin, mit dem Touristenhandbuch oder auch nur dem Stadtplan stur durch die Gegend zu marschieren und Erledigtes abzuhaken. Nach einigen offiziellen Punkten, brauche ich immer ein bisschen Gegenprogramm. Nach Touristen-Magneten zieht es mich in Gegenden, in denen hauptsächlich die Anwohner zu finden sind. Parks, in die sich nur wenige Auswärtsbesucher verirren, und dann lausche ich statt spanischen, französischen, amerikanischen oder japanischen Stimmen, mehr dem für mich noch etwas ungewöhnlichen Klang der schwedischen Laute und speichere mir diesen besonderen „Singsang“ der Einheimischen in einem Eckchen des Gehirns ab.

Kommen wir jedoch zurück zum Wachwechsel.
Ist das nicht auch wieder so ein nettes Wort?
Natürlich sind die wach dabei!
Ist auch völlig logisch: die Wachen kommen, und die Müden werden ausgewechselt. Oder werden die Wachen auch müde? Das Gegenteil vom Wachwechsel ist der Schlafendwechsel. Hierbei werden die auszutauschenden Personen auf Bahren in den Innenhof getragen und
Quatsch, glauben Sie mir kein Wort
! ^^

Stockholm, Innenstadt, Militärkapelle auf dem Weg zum Königspalast

Militärkapelle, weißgekleidet (dahinter das Wachregiment für die Ablösung)

Am Sonnabend hatte ich vorab einen Minieindruck erhalten, wie fesch die Herrschaften sein können. Die Hauptstraße war plötzlich von der Polizei abgesperrt worden, und kurz danach drang aus einer Nebenstraße die Musik einer Militärkapelle.

Stockholm, Wachposten am Königspalast (Schloss)

Wachposten am Königspalast (Slott)

Die Wache des Palastes besteht hauptsächlich aus der Leibgarde, der Svea Livgarde. Sie ist ein aus Infanterie und Kavallerie bestehendes Regiment der schwedischen Armee und ist Teil der schwedischen Garde. Ihre Garnison liegt in Kungsängen bei Stockholm.

An diesem Mittag marschierte eine komplett schneeweiß gekleidete Kapelle vorweg. Ihr folgten die zur Ablösung marschierenden Wachen. Diese in weißen Hosen, dunklen Schuhen und schwarzen, sehr figurbetonten Uniformjacken mit in der Sonne leuchtenden Knöpfen und schwarzen Pickelhauben, deren silber- und goldfarbene Zierteile ebenfalls die Sonnenstrahlen reflektierten. Es kam unvermutet, und da zu diesem Zeitpunkt die Abfahrt unseres Sightseeing-Bootes schon sehr nahe gerückt war, konnte ich die Herren leider nicht mehr bis zum Schloss verfolgen und alles genauer betrachten. Schnell vergewisserte ich mich, dass auch am Montag eine Zeremonie stattfinden würde, und diese – ta-ta-tamm!- erlebte ich von vorne bis hinten. Bis ganz hinten, nämlich über das eigentliche Ende hinaus.
Vielleicht fragen Sie sich:„Das Gedöns ist doch sicher schon lang genug, warum hockt sie denn noch länger als nötig da?“
Ich verrate es Ihnen bald.

Am Montag sperrten etwa eine halbe Stunde vor der angekündigten Aktion Mitglieder der Garde einen Teil des Palastinnenhofes ab. Diesmal tragen sie eine schwedisch-blaue Uniform, die Jacken sind weiß abgesetzt und mit weißen Gürtel sowie weißen Knöpfen auf Figur gebracht. Sie tragen gold- und silberglänzende Pickelhauben. Diese Posten hatten mobile Ständer parat, durch die dicke Absperrbänder und –kordeln gezogen wurden. An den Seiten durften sich Touristen aufstellen, die kopfsteinpflasterne Zuwegung und der gesamte Innenhof bleiben frei.

Stockholm, Innenstadt, Wachablösung Königspalast, weibliche Soldaten

Wachablösung, auch weiblich ….

Der Andrang an Zuschauern nahm zu, und wer bei dem Gewusel und Gewimmel die Ständer mit den Tauen verschob und vordrückte, bekam Besuch. Mit zackigem Schritt näherte sich eine Wache und wies kühl mit der Hand nach hinten. Alles schuffelte  drei Schritte zurück, die Wache schlug die Hacken zusammen, machte eine kernige Drehung um 180° und marschierte wieder an den ursprünglichen Punkt zurück.
Ich war nun in Erwartung der bekannten Truppe vom Sonnabend.
Aber nein!
Es erklang zwar, wie erwartet, die Musik einer Militärkapelle, zusätzlich war jedoch noch etwas anderes zu hören – nämlich das Getrappel von Pferdehufen! Und dann kam sie.
Die Kavallerie!

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, berittene Wachablösung, Musikkorps

Wachablösung: Kavallerie mit Instrumenten

Den ersten Block bildeten die Reiter mit ihren Instrumenten: Tuba, Trompeten, Pauken und Trommeln etc.
Mit kleinem Abstand folgte der zweite Block, die berittenen Wachposten, die ihre Kollegen ablösen sollten.
Im Innenhof standen sich alsbald wache und müde Kameraden gegenüber. Es wurde Unverständliches gebrüllt, es wurde von Zeit zu Zeit ordentlich auf die Pauke gehauen.
Alle wieder wach?
Danach ein flottes Liedchen von allen.
Trotzdem wieder einer müde?
Achtung! Gebrüll! Trommelwirbel! Augen auf und Fahne geschwenkt! Es folgte eine kleine Ansprache, die ich leider nicht verstand und erneut die Musik der Kapelle, deren Mitglieder immer auf dem Pferderücken musizierten, teilweise dabei noch kleine Formationen reitend. Die pralle Sonne (ja sie schien in Stockholm auch am Montag!) stach unerbittlich und unbarmherzig auf Ross und Reiter herab. Auf dem Metall der Pickelhauben hätte man sicher Spiegeleier braten können …Verstohlen wischte sich hin und wieder der ein oder andere Wachposten Schweißbäche von der Stirn, bevor diese herunterrannen und in Trompete oder Tuba verschwanden.

Und da war sie!
Die Frage, die mir durch den Kopf schoss und die der Grund dafür war, dass ich am Ende länger bleiben musste. Sie lautete:
Muss die Kapelle jetzt etwa so erschöpft und verschwitzt und mit all ihren riesigen, schweren Instrumenten gleich wieder zurück?
Ohne Pause, Erfrischung?
Müssen sie alles auch den ganzen Rückweg schleppen, obwohl sie gar nicht mehr musizieren?

Immerhin reitet es sich nicht sonderlich gut, wenn die Hände belegt sind. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Wachposten alle eine Zusatz-Zirkusausbildung haben, und es ist ihnen bestimmt auch nicht gestattet, kurzerhand die Zügel zwischen die Zähne zu nehmen.
Sie merken, auch hier weichen meine Fragen und Überlegungen leicht von gängigen Stadtführern  ab.

Die Zeremonie näherte sich seinem Ende. Die wartenden frischen Pferde, die außerhalb des Innenhofs standen und von identisch uniformierten Damen und Herren gehalten wurden, fingen allmählich an, ihren Unmut durch verdrießliches, lautes Schnauben kundzutun.

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Wachablösung, Wechsel der Pferde

Wachwechsel: Die frischen Pferde warten (und langweilen sich)…

Letztendlich kamen ihre Reiter um aufzusitzen, ritten gesammelt in den Innenhof und bildeten diesmal die Vorhut. Angeführt durch einen einzelnen Reiter auf einem Schimmel, der offensichtlich einen hohen Rang bekleidete (der Mann, vielleicht aber auch das Pferd), nach ihm die abgelösten Wachen und zum Schluss die Kapelle. Diese noch ein paar kurze Takte blasend und trommelnd,  bis sie den Hof vollständig verlassen hatte.
Ende. Aus.
Die Menge verteilt sich. So, und nun?

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Wachablösung beritten, Ausritt aus dem Innenhof

Wachwechsel: Ausritt aus dem Innenhof – Zeremonie beendet

Sie sind noch nicht weit weg. Im Grunde stehen sie alle gerade einmal ums Eck. Dort herrscht ein wenig Schatten. Ich laufe unschuldig hinterher. Und nun wird auch meine Frage beantwortet:
Nein, sie müssen nicht darben und ja, ihnen naht Rettung!
Es werden Wasserflaschen an die Wachen verteilt, und auch die Pferde (zumindest bei einem Teil sehe ich es) bekommen zu trinken. Drei uniformierte junge Männer bewegen sich zwischen den Tieren hin und her, teilen aus und nehmen im Anschluss sämtliche Instrumente entgegen.

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Ende der Wachablösung, Einsammeln der Instrumente

Einsammeln der Instrumente

In einem Hauseingang entdecke ich säuberlich aufeinandergestapelte Musikkoffer, in die nun alles wieder ordentlich verstaut wird.
Dort kann es aber nicht stehenbleiben, oder? Im Koffer wieder aufs Pferd?
Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

Und nun wieder in den richtigen Kasten….

Die Lösung ist ganz einfach. Es nähert sich – ebenfalls in schwedischem Blau gehalten – ein moderner kleiner Transporter mit Heck- bzw. seitlichen Schiebetüren.
Die drei verstauen alle Koffer fachgerecht und geübt, springen dann selbst ins Fahrzeug und entschwinden unerkannt.
Von draußen wirkt es sehr lustig. Ein modernes Auto, aus dem drei mit Pickelhauben bekleidete junge Männer herausschauen.
Das hat mir jetzt wieder sehr gefallen! ^^

Der blaue Transporter….

Und hier noch die:
Audiosequenzen für strapazierfähige Ohren ;)
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_012566

©September 2011 by Michèle Legrand

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Miss Supertype

Miss Supertype – Die Werbesingle aus dem Jahr 1983

Miss Supertype als Podcast (unter dem Artikel die Audiobeschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher sowie der Song als Audio-Datei)
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_980553 Teil 1

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976579 Teil 2

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976587 Teil 3

Ich habe das Bloggen ein wenig vernachlässigt, da ich momentan an etwas anderem schreibe, stelle jedoch soeben fest, dass ich jetzt einfach nicht daran vorbeikomme, denn heute schlug das Schicksal erbarmungslos zu!
Auf der Suche nach amtlichen Unterlagen, zog ich irrtümlich einen falschen Ordner aus dem Regal und fand unter ‚O’ uralte Papiere. Ein Blick auf das Rückenschild des Ordners verriet: Aha, daneben gegriffen! Dieser Ordner enthielt nicht den Behördenschriftverkehr und Rechnungen, sondern Berufsinfos, Firmeninfos und alte, aus nostalgischen Gründen aufbewahrte Dinge aus diesem großen Bereich. Zum Beispiel den Schriftwechsel mit Olympia International  (Olympia Werke, Wilhelmshaven). Diese Firma gibt es seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrtausends nicht mehr, nur der Markenname Olympia existiert noch (und eine Holding).

Ich erwähnte es bereits einmal im Blog, es gab eine Zeit, da es für mich sehr wichtig war, zusätzliches Einkommen zu erzielen. Ich habe es auf sehr viel verschiedenen Wegen getan. Schon während der Schule und der Ausbildung gab es die Arbeit in der Konditorei, die Büroeinsätze über ein Zeitarbeitsunternehmen, Nachhilfeunterricht u.v.m.
Neben meiner regulären Tätigkeit im Büro, arbeitete ich ab 1982 mehrere Male auch auf der Hannover Messe, die ein paar Jahre später (1986) in CeBit umbenannt wurde. Als Messehostess.
Nichts Anrüchiges in diesem Fall, es ging lediglich um die Präsentation von neuen Büromaschinen und generell neu entwickelten Produkten der Firma Olympia. Man war zuvor zufrieden mit mir gewesen, und so kam 1983 ein Brief, in dem man mich erneut um Mitwirkung bat.
Zu dieser Zeit hieß moderne Bürotechnik meist die nächste Generation von Schreibmaschinen, Tischrechnern, etc.,  während Computer noch ein wenig in den Startlöchern scharrten.
Es gab schon  das System Boss  und auf dieser Messe die Erweiterung Boss X8 (Plattenlaufwerk 10 MB Festplatte, 10 MB Wechselplatte) mit dem Betriebssystem Prologue. Als Programmiersprachen dienten Basic, Bal, Cobol, Fortran, Pascal. Dazu noch den Boss ‚People’, der mehr für die Allgemeinheit als fürs Office gedacht war. Alles war in den Anfängen …

Man stelle sich bitte die Zeit vor: vorwiegend Schreibmaschinen; Männer gab es wenig an den verfügbaren Geräten, denn Männer ließen schreiben. Es war ihnen zu mühselig auf den existierenden Maschinen, und aus heutiger Sicht kann man es fast verstehen.
Sich verschreiben war ungünstig. Nach Kugelkopf– war man nun bei Typenradmaschinen, und moderne Geräte hatten natürlich schon ein Korrekturband, welches auch für kleine, sich einschleichende Tippfehler reichte.
Nur, wenn sich ein Satz komplett änderte oder eine neue Situation Änderungen mit sich brachte, gab es lediglich eine Möglichkeit: neu anfangen. Auf einem neuen Blatt, mit Durchschlag möglichst, denn Kopien waren noch teuer.
Pech, der Durchschlag wird dummerweise nicht mit korrigiert. Nur überschrieben. Ein unschönes, schwarzes Gekrakel, das den Leser anstarrt. Zu so etwas hatten Männer selbstverständlich noch weniger Lust.
Durchschläge verschönern mit Radierstift!
Die von ihnen produzierten schwarzen Flecke waren generell noch dunkler. Als Ursache hierfür zählt das von ihnen bevorzugte Schreiben nach Adlersuchsystem. Hierdurch entstand ein so heftiger und brutaler Anschlag, dass der dahinter liegende Durchschlag gleich mit durchschlagen wurde.
LOCH!
Nein, nein, da konnten die Frauen ran … Und damit komme ich wieder zur Messe.

Der Kontakt. Man will mich wieder … ;) Und weil ich weiblich bin, bekomme ich auch ein zusätzliches ‚e‘ beim Nachnamen (Nein, nicht Lagrande, aber immerhin ;)

Die erste Vorstellung bei und für Olympia Anfang der 80er Jahre fand in einem Hotel in Hamburg statt. Rekrutierung.
Da gab es ziemlich abschätzende Blicke!
Heute würde höchstwahrscheinlich gleich eine Frauenbeauftragte auf der Matte stehen. Größe, Gewicht, Figur, Haare, Zähne, Nägel – Fleischbeschau. Wer den ersten Teil überlebt hatte, durfte zum „Recall“, wie man heute sagen würde. Das Interview übernahm ein Herr mit enormem Bauchumfang, der heftig schwitzte.
Es wurde gebohrt und gelöchert:
„Vom 10-Finger-System kann ich ausgehen, ja?  Haben Sie technisches Verständnis? Können Sie Sprachen? Wie viele? Sind Sie kommunikativ, belastbar? Überstunden sind kein Thema, oder? Sind sie diskret?
Bitte?
War ich doch etwa an etwas anderes geraten?

Nein, es ging nur um Verschwiegenheit hinsichtlich firmeninterner Informationen. Irgendwann war auch das vorbei.
Bestanden! Warum frau das mitmacht?
Weil der Job selbst gar nicht schlecht ist und weil sie für damalige Zeiten den sehr hohen Lohn von DM 140,– pro Tag bezahlten. Bei zehn Tagen Messe (inkl. der bezahlten Schulungstage), war das eine ganz schöne Stange Geld. Es fiel nicht so schwer, die Vertragsbedingungen mit einem relativ milden Lächeln zu quittieren (siehe Brief –  z. B. Thema Frisur, Kleiderregel). Ich fühle mich heute übrigens nicht mehr an die Diskretion gebunden, und da das Werk nicht mehr existiert, kann es wohl auch keinen wirklich erschüttern.

Die Konditionen, Seite 1

1983 war ich also erneut dort. Diesjähriges Messehiglight: eine neue Schreibmaschine, mit dem reichlich selbstüberzeugtem Namen Supertype.
Der Clou waren LCD Display & Memory. Oberhalb der Tastatur  erschien eine gewisse Anzahl der Zeichen im Display und ggf. konnten diese noch geändert werden – vor dem Ausdruck auf das Papier!
Innovation und schier wahnsinnige ‚editing’ Möglichkeiten …^^
Mir hatte man mir diese Supertype aufs Auge gedrückt („Sie sind unsere Miss Supertype!“) und zusätzlich die Eurotype, eine weiteres Gerät, das – man höre und staune – Sonderzeichen besaß, mit denen sich sämtliche Sprachen im Euroraum darstellen ließen. Fehlte einem früher die Tilde, die Welle auf dem N im Spanischen oder der kleine Kreis auf dem A im Skandinavischen (bolle-Å) – kein Problem, jetzt kam die Eurotype und löste all Ihre Probleme.
Fortschritt. Messeneuheit. Luftsprung. Wahnsinn.

Messeausweis für das Fräulein…

Ein paar Tage vor der Abreise nach Hannover erhielt ich per Paket meine Kleidung. Einen Hosenanzug. So schlecht geschnitten, dass selbst die (bekanntermaßen leidenden) deutschen Olympiateilnehmer immer wesentlich bessere Modelle hatten. Die Farbe würde ich als killendes lachs-rost-matthellbraun bezeichnen. Nicht nur die lange Anzugjacke, sondern auch die Hose selbst war gefüttert, was eklig an den Beinen klebte. Eine formschöne (Sie hören mein Räuspern?), cremefarbene Bluse mit Stehkragen, hochgeknöpft, vollendete das geschmacksverirrte Outfit.

Die Frisur muss sitzen…

Nun, die nächsten zehn Tage war dies mein Opfer, das ich für 140 DM Tageslohn bringen musste. Das Namensschild daran machte es auch nicht schicker. Fräulein Legrand war dort zu lesen.
Ja, damals musste das noch erwähnt werden!
Nein, nicht Frau, Fräulein bitte!
Ich glaube, heute bevorzugen wir Vor- und Nachnamen mit Angabe der Funktion im Unternehmen. Wobei die Mehrzahl der Leute ulkigerweise plötzlich Manager oder Vice-President ist …

Die Messe war gut besucht. Die Arbeit machte Spaß, und die Zeit verging schnell. Ich kam allerdings nie vom Messestand weg, sah also auch nie etwas anderes als den eigenen Olympia-Bereich. Ich liebte das Internationale, die vielen Sprachen, die interessierten Besucher. All die Gespräche, die zustande kamen. Gut, dass die Olympia-Chefs nicht immer mitbekamen, dass es manchmal um etwas ganz anderes ging, als ausschließlich die grandiose, exzeptionelle  Supertype.
Ich ließ mir vom Grand Canyon Nationalpark erzählen, vom Lachsangeln in Norwegen (darauf kamen ein Besucher und ich  durch die „todschicke“ Farbe meines Anzugs, die auch dem Gast aufgefallen war.
„Tragen Sie diese Farbe privat auch?“
Es kam Prominenz an den Stand. Es hieß, es würde gefilmt werden. Dies bewog eine Kollegin, an diesem Tag ihre Privatkleidung anzuziehen. Man möchte ja vorteilhaft aussehen. Als  Folge wurde ihr wurde sofort und fristlos gekündigt. Abreise am Abend. Harte Sitten, aber es stand ja im Vertrag (Kleiderordnung).

Wie gesagt, die Zeit verflog. Abends fuhr ich leicht geschlaucht vom außerhalb gelegenen Messegelände per Straßenbahn zurück in die Stadt zur Pension mit der burschikosen Zimmerwirtin. Mehr als ein Privatzimmer hatte Olympia für das Messepersonal nicht eingeplant. Das Zimmer war jedoch sauber und ordentlich, nur das Bad leider für mehrere und im Flur.
Ansonsten gab es damals ausschließlich männliche Gäste.
Mein Vorteil!
Zum einen bewachte mich die Wirtin sehr resolut-mütterlich und fand es schön, ab und zu mit dem jungen Mädel klönen zu können. Sie brachte mir manchmal sogar spät noch heißen Tee oder Kakao. Zum anderen sind viele Männer bei der Badmitbenutzung nie verkehrt. Nach Festlegung eines Zeitplans für den Morgen, stellte sich heraus, dass diese ohne Schminkerei und Frisurenstyling fix waren, ihnen fünf Minuten reichten und ich das Bad somit lange für mich nutzen konnte.
Vor ihnen!
Also auch noch im sauberen, trockenen  Zustand und ohne Zahnpastareste im Waschbecken.  Am Abend kehrte  ich vor ihnen zurück. Es passte also optimal.
Einladungen gab es während der Zeit viele – von Besuchern und von Kollegen. Ich nahm jedoch nur die ganz am Ende der Messe an. Ich wusste , dass ich nach der Messe sofort wieder für meine eigene Firma im Büro weitermachen musste, mir zwei Wochenenden fehlten und ich daher mit meiner Kraft haushalten musste. Wir gingen zum  Abschluss mit wenigen, jedoch sehr netten Kollegen, zum Essen in ein Restaurant namens Il Borsalino. Wer weiß, ob es dieses Lokal heute noch gibt…

Am Ende des letzten langen Tages, nahm ich sehr erfreut mein Gehalt in Empfang, bekam noch 100 DM extra „Zufriedenheitsprämie“, und weil man so ‚pleased’ war, durfte ich (NEIN!!) auch den Anzug behalten!
Erbarmen!
Die Hose flog zu Hause in den Müll, bzw. kam zur Kleidersammlung. Die Jacke hatte ich noch eine Weile, bis ich mir eingestand:
Michèle, Liebes, sei ehrlich! Die ziehst du nie in deinem Leben wieder an!
Ich entledigte mich auch ihrer.
Mir sagte ein Etui mit Kugelschreiber und Druckbleibstift („Für Sie, für gute Zusammenarbeit als kleine Anerkennung – Ihre Olympia Werke“) weitaus mehr zu, und dann erhielt ich etwas, was mir heute wieder ein Grinsen entlockte: Eine Werbe-Single. Eine 45er Schallplatte.  „Miss Supertype“ – so der Titel.
Hitverdächtig!  ;-)
Ein absolut frauenfeindliches Plattencover, ebenso der Aufdruck auf der Platte selbst. Ich kann darüber nur lachen, aber heute würde man sie verklagen, jawoll! Ich möchte Sie  daran teilhaben lassen. Ich habe es fotografiert und habe sogar im Keller den alten Plattenspieler entstaubt und reaktiviert, weil ich mich selbst nicht mehr an das Lied entsinnen konnte.
Oh, Sie werden es merken! Es ist ein so enorm anspruchsvoller Text! Die Stimme macht einfach sprachlos und die Werbeaussage …
Moment, gibt es eine?
Gut, dass man mir diese Schallplatte nicht vorher zeigte. Ich hätte mir doch im Vertrag zusichern lassen, dass dies nicht meine Arbeitskleidung ist und ich nicht den Supertype-Song lernen muss.
Viel Vergnügen!

 

Miss Supertype Cover und Platte (Blog: Michèle. Gedanken(sprünge) - August 2011

Miss Supertype, auch die Platte ziert ein „Bunny“

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976551 Die Beschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976567  Die Single als „Hörgenuss“

©August 2011 by Michèle Legrand

Nachtrag 2014:
Seit März 2014 hat SugarSync sein Dienste leider nicht mehr gratis im Angebot. Daher wurde mein dortiges Konto gelöscht und die Audiodateien sind momentan für Sie nicht abspielbar. Ich suche nach einer anderen Lösung.

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Begehren

Kleine Geschichte vorweg. Ich wollte dieses Gedicht gestern schon einstellen, saß auf der Terrasse mit allem technischen Gerät und meinte, in der dort gerade herrschenden, vermeintlichen Ruhe, schnell ein Gedicht von einer Minute für die Audioversion einsprechen zu können.
Eine Amsel, die mir vorher schon Gesellschaft geleistet hatte (in stiller Form, Regenwürmer aus dem Rasen zupfend), fühlte sich durch die Piepsgeräusche beim Tastendrücken auf dem Diktiergerät gestört. Sie protestierte lautstark und wiederholt. Sie narrte mich auch mehrfach gekonnt, indem sie mich starten ließ und erst nach zehn Sekunden dazwischenfunkte.
Es wurde nichts, bzw. wurde anders als gewollt….

Heute morgen nun die Variante ohne Amsel.

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_864551
(Sollte der Audioplayer streiken, bitte nachstehenden Link verwenden:
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_864551 )

Begehren

Manch einer begehrt technische Geräte,
manch einer begehrt ständig auf,
Begehren auch nach Beifall, Titel,
nach Urlaub, Macht, Geld, Onlinekauf.

Doch ist’s Begierde, nicht Begehren,
hat mit der Seele nichts zu tun.
Ist Drängen nach Besitz und Wohlstand –
nach Dingen, die grad opportun.

Begehren heißt jedoch sich sehnen
nach etwas, was zum Kauf nicht steht.
Verzehren nach dem einen, jenen,
der schon an deinem Blick errät,
dass Begehren niemals Schein ist,
nie vorgetäuscht, nie terminiert.
Allein Herz, Seele und Gedanken –
sagen dem Körper ungeniert,
ich komm zu dir aus freien Stücken,
hab’ Verlangen, weil du mich willst,
empfinde köstliches Entzücken,
wenn du, auch du so überquillst.
Gefühle, völlig ungelenkt,
unbeherrscht, ungebremst, unzensiert,
Begehren ist, wenn man nicht denkt,
nur fühlt, lauscht, explodiert.

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Küssen

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_710589

(Falls der Audioplayer sich nicht abspielen lässt, bitte folgenden Link zur Hörvariante nehmen,
der auf die Seite von Audioboo führt –>  „Küssen“  http://boo.fm/b713265 )

Es braucht schon zwei.
Das Küssen.
Zwei, die Küssen mögen.
Zwei, die einander küssen wollen.
Ohne Aufforderung.
Ohne Tag des Kusses als Anlass.
Ohne Einladungserinnerung.
Einladend hingegen kann es sein –  das Lächeln, der Blick,
Nur eben so, einfach weil du da bist.
Weil der Wunsch urplötzlich da ist –
Aus heiterem Himmel
Einfach so
Schon wieder
Du – nur du…

Nichts ist so traurig, wie darum bitten müssen.
Nicht betteln, das tust du dir nicht an.
Du kannst auch niemanden zwingen…
Ein Pflichtkuss ist unpersönlicher als Hände schütteln.
Nichts ist so traurig, wie ein erneuter, vergeblicher Versuch.
Und der andere versteht nicht.
Lässt dich stehen,
Sehnt nicht,
Merkt nicht,
Braucht nicht.
Aber du wünschst es sehr
Doch es bist
Du – nur du…

Küssen ist nicht ein ungeliebter Punkt
auf der Liste der täglich zu absolvierenden Pflichten,
nicht etwas, das du im Vorbeigehen widerwillig erledigst,
nicht etwas, wofür du eine Erinnerungsnotiz benötigst,
nicht etwas, was zahlenmäßig erfasst wird.
Es ist Nähe und Wärme
Es ist Verstehen und Vertrauen
Es ist Gefühl, Anziehung
Es ist Sehnsucht und Verlangen
Küssen ist Liebe
Zu dir
Küss mich.
Du – nur du …

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2 Kommentare

Du machst mir Rost …!

(Folgender Link führt Sie zur Hörversion ->
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_788562 )

Sie war erhitzt. Ihr Haar wirkte leicht verstruwelt, der Atem ging ein wenig schwerer. Ein leichtes Rinnsal, welches sich aus Schweißtropfen gebildet hatte, floss zwischen ihren Brüsten hinab. Es erreichte quälend langsam den Bauchnabel. Ein Teil versickerte, der Rest tastete sich unbeirrt seinen Weg weiter abwärts…
Er war direkt vor ihr und streckte seine langen Arme gierig nach ihr aus. Sie stöhnte, griff dann jedoch kurzentschlossen nach hinten, bis sie Metall fühlte.
Die Schere! Damit konnte sie ihn in Schach halten.
Es war einfach zu oft. Das sechste Mal …!

Warum beginnen Gartenartikel nicht einfach einmal so?
Ein bisschen Erotik, ein bisschen Thriller.
Treibt sie es jetzt mit ihm? Bringt sie ihn um? Wer ist dieser Wüstling? Findet sie ihn toll, wenn sie bei ihm so ins Schwitzen gerät und stöhnt? Himmel, wer ist er?
Nun, er ist eine Pflanze, und das ist diesmal der Anfang meines Blogartikels, der somit durchaus zum Thema Garten gehört!
(Das andere könnte eventuell irgendwann eine neue, eigenständige Geschichte in einer anderen Rubrik werden …^^)
Heute geht es ‚nur’ um ihn, den Blauregen. Er ist es, der mich zum Schwitzen und Stöhnen bringt. Der Blauregen – auch Glyzinie oder Wisteria genannt. Es existieren mehrere Schreibweisen, und wer sich generell für die Pflanze interessiert oder nach diesem Artikel zu interessieren beginnt, der findet hier mehr:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wisteria

Glyzinie (Blauregen, Wisteria) in voller Blüte

Glyzinie (Blauregen, Wisteria) in voller Blüte

Ganz kurz nur zum allgemeinen Verständnis: Es ist eine sehr schnell und stark wachsende Kletterpflanze (Lianengewächse), die zudem auch stark verholzt. Wer ein wenig unbedarft ein Pflanzencenter  betritt und die kleinen zierlichen Pflänzchen mit dünnen Trieben und hellgrünem, zart geteiltem Laub entdeckt, der kann sich oft nur schwer vorstellen, was ihn erwartet, sobald der kleine Gartenzuwachs sich daheim erst einmal eingewachsen hat und loslegt.
„Oh, guck’ mal! DAS sieht doch hübsch aus! Stell dir vor, wenn das bei uns an der Pergola rankt! Kann man ja ein bisschen zurückschneiden, wenn es zu lang wird …“

Glyzinie ein paar Tage später - Bluten und Laubentwicklung

Glyzinie ein paar Tage später – Bluten und Laubentwicklung

Ein bisschen. Darauf komme ich gleich zurück.
Ja, Blauregen sieht superschön aus.  Besonders, wenn er – meist im April – blüht. Dann riecht es zudem noch angenehm, leicht süßlich. Später im Jahr gibt es sogar eine kleine Nachblüte, die aber aufgrund der dann vorhandenen Laubmassen gar nicht mehr richtig auffällt. Das Gewächs gehört ebenfalls zur Unterfamilie der Schmetterlingsblütler, hat also sehr hübsch geformte Blüten (ähneln Löwenmäulchen-Blüten), die in langen Trauben herunterhängen. Je nach Sorte in kräftigem oder hellem Violett oder auch in Weiß.

Glyzinie: sich öffnende Blütenknospen

Glyzinie: sich öffnende Blütenknospen

Die Pflanzenbeschreibung weist schon darauf hin, dass eine Wuchshöhe bzw. –länge von 30 m nicht ungewöhnlich ist. Und diese Angabe ist wirklich nicht übertrieben! Es wird auch erwähnt, dass ein sehr stabiles Rankgerüst notwendig ist. Aber, seien wir ehrlich, was steht nicht immer alles in Büchern, und woran hält man sich im Endeffekt?
Ach, erst mal schauen, wie sie anwächst …
Nun, sie ist angewachsen und verspürte diesen kolossalen Ausbreitungsdrang. Ihr Vorteil: in meinem Fall hatte sie vor Jahren mich als noch relativ unkundigen Gartenbesitzer und ein Balkongeländer, das sehr stabil wirkte. Stabil ist.
Die zarten dünnen Ausläufer suchten sich ihren Weg automatisch. Wo etwas zum Halten war, wurde sich auch herumgewunden. Manchmal wickelten sich erst drei Triebe um sich selbst, bevor sie sich dann gemeinschaftlich ‚weiterschlingerten’.
Anfangs war ich schwer begeistert. Prima, das Balkongitter sollte über die volle Länge berankt werden. Dadurch hätte die darunterliegende Terrasse eine lauschige Begrünung und der Sitzplatz bekäme etwas Idyllisches. An heißen Tagen würde die Belaubung zudem das grelle Sonnenlicht filtern und ein wenig Schatten spenden.

Glyzinie - Blütenknospen und sich entfaltendes Grün

Glyzinie – Blütenknospen und sich entfaltendes Grün

Der Mensch denkt, die Natur hat ihre ureigenen Regeln. Nichts steht still oder stoppt auf einmal. Wenn ich als Betroffene irgendwann beschließe: So,  jetzt brauchst du nicht mehr weiter zu wachsen! – dann lacht sich die Pflanze einen Ast und scheint spitzbübisch grinsend zu sagen: Hindere mich doch!
Was bleibt auch anderes übrig. Diesen Stand habe ich jetzt seit ca. 18 Jahren. Die fünf Jahre davor konnte sie noch halbwegs wie sie wollte.
Die Glyzinie treibt in der Zeit von April bis September dermaßen stark aus, dass  teilweise alle zwei bis drei Wochen – abhängig von der Witterung – ein Rückschnitt erforderlich ist. Anderenfalls käme niemand mehr ins Haus oder könnte noch aus den Fenstern schauen. Rolllädenkästen wären eingewachsen, Dachantennen überzogen und jeder Spalt in Besitz genommen.

Im Laufe der Jahre verholzen die Triebe und werden dicker. Wie Baumstämme trotzen sie jedem Sturm und schaffen es – wenn man nicht sehr gut aufpasst – Balkongeländer fast zu zerquetschen. Es ist unmöglich, diese verholzten Teile noch mit einer Gartenschere abzuschneiden, da einfach keine Lücke vorhanden ist, um richtig anzusetzen. Es bleibt wirklich nur die Säge. Mit viel Geduld und in kleinen Teilstückchen, lassen sich  Geländer oder Rankgerüst damit wieder freilegen.

Glyzinie: ineinander verdrehte, verholzte Triebe

Glyzinie: ineinander verdrehte, verholzte Triebe

Nachdem mir das einmal passiert ist, verspürte ich wenig Lust auf Wiederholung. Ich zog zusätzlich zum Balkongeländer eine davorliegende  Querverstrebung, an der ich von da an den Blauregen entlangleitete. So blieb das Geländer untenherum relativ frei, um auch gelegentlich mal Ausbesserungsarbeiten wie Entrosten oder Streichen vornehmen zu können. Das horizontale Leiten ist auch wichtig, damit die Pflanze richtig zum Blühen kommt. Beim Schneiden und Einkürzen gibt es natürlich  noch einige wichtige Tricks, um den Blütenansatz zu fördern. Sie stehen aber auch in der einschlägigen Literatur, genauso wie Boden- und Lichtbedürfnisse.
Was dort nicht steht ist Folgendes:
Wenn Sie Ihren Blauregen schneiden, rate ich Ihnen, dunkle, am besten schwarze Kleidung zu tragen!
Ich habe es anfangs natürlich nicht getan, sondern bin – gerade, weil es so häufig ist – einfach so, wie ich gerade war, mit einer Schere ans Werk gegangen. Ich habe mich nur relativ  häufig gewundert, auf welche Art ich wieder einmal mein Oberteil oder auch meine Hose  mit kleinen, braunen und nicht zu entfernenden Flecken verunstaltet hatte.
Schokolade? Teespritzer?
Ich bin nicht der typische Essenskleckerer. Zumindest bemerke ich es ….
Irgendwann kam es heraus: der Blauregen ist der Verursacher! Die frischen, knackigen Triebe, die gestutzt werden, haben viel Saft, der fast durchsichtig ist. Er wirkt absolut harmlos, und es fällt überhaupt nicht auf, wenn etwas auf die Kleidung spritzt. Sobald er jedoch angetrocknet ist, ist alles zu spät. Im Laufe von zwei Tagen verfärbt sich alles dunkel, und es sieht aus wie Rostflecken.

Glyzinie: Die langen Triebe entwickeln sich

Glyzinie: Die langen Triebe entwickeln sich

Glyzinie: Schnitt tut Not

Glyzinie: Schnitt tut Not

Ein weiterer Hinweis bezüglich ‚idyllisch am Sitzplatz’:
Wenn im April oder Mai die ersten warmen Tage sind, an denen gerne ein Teil des Lebens auf die Terrasse verlegt wird, dann sind zeitgleich die Blütentrauben des Blauregens am Welken. Ganze Wolken von vertrockneten Blüten fallen kontinuierlich auf Ihren Tisch, und Sie dürfen dann ganz getrost wirklich von ‚Blütentee’ sprechen.

Um  ein Fazit zu ziehen:
Die Pflanze ist hübsch anzuschauen, ich möchte sie gar nicht missen. Sie ist recht robust, kälteresistent, hitzevertragend und ausdauernd. Ihr Laubdach ist ein sehr angenehmer Schattenspender,  und durch das recht locker aufgebaute, hellgrüne Laub wirkt nichts erdrückend oder duster.
Kleines Manko:
Wuchsbeobachtung und –lenkung tut wirklich Not! Sehr stabile Rankgerüste oder Rankgitter sind dringend erforderlich, sonst nimmt sie sich selbst  ungeeignete  ‚Haltegriffe’ (und reißt alles mit sich).
Häufiges Rückschneiden ist zwingend erforderlich!
Vorsicht beim Kontakt mit dem Saft und basteln Sie sich besser eine Abdeckvorrichtung für Ihre Teetasse (Rieseltendenz der Blüten).

… das sechste Mal. In diesem Jahr! Der Kerl war unersättlich. Sie nahm kurzentschlossen einen Trieb in die Hand und schnitt ihn mit der Schere weit zurück. Und dann den nächsten. Seine sie umschlingenden Arme verschwanden nach und nach. Was blieb, war ein Blauregen, der sie in zwei Wochen erneut zum Stöhnen bringen würde. Vielleicht würden dann Tropfen über ihre Wange gleiten …
Denn sie schnitt auch bei Regen.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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2 Kommentare

Einvernehmen

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„Hast‘ Eile?“
„Eile? Hast? Ich?“
„Ja, hast nicht?“
„Was?“
„Eile!“
„Nein, hast du?“
„Nein, hast du nicht Hast, hast‘ ich auch nicht.“
„Genau! Ist’s eilig, eil‘  ich…“
„Jo, wenn’s hastig, hast’ ich.“
„Ach ja?“
„Ja!“
„Du?“
„Ja?“
„Ich hasse Hast!“
„Ich auch….!“

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Wenn Hendrik in Hotels ist …

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(Alternativlink zum Audiobeitrag, falls der Audioplayer unwillig ist:
-> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_672554

Um es vorweg zu nehmen, es ist nicht so, dass nur Hendrik dieses – nennen wir es einmal fröhlich – Malheur passiert. Es ist nicht einmal so, dass es ein männerspezifisches Phänomen wäre. Und – wenn es denn ein Mann ist – muss er absolut nicht unbedingt Hendrik heißen! (Um ehrlich zu sein, er heißt auch anders, geniert sich aber und möchte daher lieber anonym bleiben).
Worum es geht?
Hendrik ist ein intelligenter, freundlicher, häufig auch sehr aufmerksamer Mann. Beruflich bedingt ist er des Öfteren unterwegs und nächtigt dementsprechend häufig in Hotels. Es verwundert nicht sonderlich, dass er dadurch bedingt Profi im Kofferpacken wurde. Ach was, er ist sowieso ein Naturtalent in dieser Hinsicht! Ob für zwei Tage oder 14, ob für München oder Christchurch, Neuseeland, ob für Temperaturen unter Null Grad oder nahe an der Marke „Sauna“…. Für ihn kein Problem.
Hendrik ist flott. Er denkt und arbeitet effizient. Seine Packart ist als äußerst rationell zu bezeichnen. Was eine Frau als ihr Schminkköfferchen bezeichnen würde, ist seine 14-Tage-Indien Ausrüstung. Selbst fürs Auswandern käme er höchstwahrscheinlich mit Handgepäck aus.
Was ist es nun, was Hendrik Probleme macht? Wo hat dieser gewandte Mann seine kleine Schwäche?
Hendrik lässt gern – zu seinem eigenen Leidwesen – Dinge im Hotel zurück. Es begann alles vor langen Jahren mit einer noch nicht ausgelesenen Zeitschrift.
Meine Güte! Was soll’s! Vergiss es! Ist wirklich nicht tragisch. So wichtig und interessant kann sie auch nicht gewesen sein. Allerdings war dies nur der Anfang.
Bei der nächsten Gelegenheit blieb sein Schlafanzug im Hotel, weil er ihn an einem an der Innenseite der Badezimmertür befindlichen Haken aufgehängt hatte. Natürlich guckt kein Mensch (Mann) noch einmal ins Bad. Wozu auch?
Ach, komm! Neu war der auch nicht mehr. Gibt Schlimmeres. Und doch, ja, er hing auch wirklich recht versteckt. Was tun? Im Hotel nachfragen?  Sollten die es aufheben? Man(n) kommt vielleicht bald wieder? Hendrik wand sich. Es war zu unangenehm, und so verzichtete er auf die Kleidung. Vielleicht wollte er das Nachtgewand aber auf diese Art auch nur  loswerden….
Hendriks nächste Reise bedeutete den Verlust eines Stiftes mit persönlicher Gravur. Doch Hendrik hat schon recht, wenn er ihm nicht so heftig nachtrauert. Mit diesem Stift hatte er wirklich eine undeutliche Schrift – um das Wort Sauklaue zu umgehen.
Danach waren es mal ein Oberhemd, Socken (zum Glück gleich ein komplettes Paar), dann das Aftershave, gefolgt von einem dünnen Überziehpulli. Der blieb übrigens dort, weil er leicht geknüllt auf dem Sessel halb hinter dem Kissen den Unsichtbaren gespielt hatte. Selbst schuld – sozusagen. Genauso wie das Nageletui, das merkwürdigerweise in der Nachttischschublade gelandet war. Hendrik hatte noch höchst erzürnt gefragt, wer denn – bitte schön – dafür verantwortlich gewesen wäre. Beim Aufenthalt einer Einzelperson eine doch relativ leicht nachzuvollziehende Sache. Unser Mann von Welt hingegen hatte ein wenig das Zimmermädchen in Verdacht. Sicher. Es wird so gewesen sein. Eine ehrgeizige, schwer schaffende und sehr gewissenhafte Zimmerfee erkennt man daran, dass sie ungefragt das Zimmerinventar sowie die vom Gast mitgebrachten Gegenstände nach eigenem Ermessen und nicht immer im Sinne des Besitzers umsortiert… Hendrik fand diese Gedankengänge übrigens nicht so witzig und bezeichnete sie als weit hergeholt. Das ist verständlich, denn seine Ideen sind natürlich weitaus realistischer…
Ein wenig später, es war bei einem Aufenthalt in Singapur, vergaß er das Aufladegerät seines Handys. Er zieht gern nur den Stecker vom Gerät, aber nicht aus der Steckdose… Da er ein altes Mobiltelefon besitzt, an dem er zärtlich hängt, half es nichts, hier nach einem neuen Ersatz-Ladegerät zu suchen. Die Stecker sind generell nicht nur von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich, sondern auch noch von Modell zu Modell. Ein Ladegerät für sein antikes Stück gab es im Handel nicht mehr. Die jungen Ladenangestellten schauten auch jedes Mal staunend, manchmal auch panisch – oder sie wurden extra von ihren älteren Kollegen hinzugeholt, um sich das ‚Ding von früher’ einmal anzugucken.
Die Lage war klar. Wollte Hendrik dieses Handy weiterbenutzen, war es nötig, mit dem Hotel Kontakt aufzunehmen.
Würden Sie ihm sein Ladegerät nach Deutschland senden? Per Kurier, versteht sich, denn der Akkustand wurde langsam bedrohlich. Die Hotelangestellten waren zuvorkommend, durchaus willens sein geliebtes Teil vor dem nahen Tod zu bewahren. Allerdings wurden sie dabei anfangs von Auflagen und Regeln gebremst. Man darf nicht einfach so  technisches Gerät einpacken und ins Ausland verschicken. Da haben Staat und Zoll noch ein Wörtchen mitzureden! Es gibt strikte Vorschriften und viele Formulare. Hendrik jedoch ist ein Glückskind. Sein Ladegerät kam drei Tage später unversehrt in Hamburg an, und er verwendet es noch heute.
Weitere Kleinigkeiten der nachfolgenden Monate und Jahre können ausgelassen werden, sie waren nicht weiter erwähnenswert.  Wen interessieren schon Ledergürtel, USB-Kabel, ein Ken Follett Roman, Kopfschmerztabletten oder im Ausland erstandenes Hobby-Material? (Welches ich nicht genau nenne, um die Anonymität nicht zu gefährden)
Hendrik wusste nun um seine Schwäche, was einen annehmen ließe, er würde jetzt sicher vor jedem Auschecken aus einem Hotel, eine  äußerst gründliche Inspektion des Zimmers vornehmen.  Er gesteht sein kleines Schwächelchen mittlerweile durchaus ein, denn irgendwann erkannte auch er, dass seine Zimmermädchen-Theorie löchrig war. Er beteuert nun, eine gründliche Komplett-Zimmer-Kontrolle durchgeführt zu haben – nur…
Nun, wir waren nicht dabei. Vielleicht – wir wissen es nicht – hat er dabei lieber geschlossene Augen.
Als Hendrik vorgestern anrief, saß er im Zug und hatte gerade bemerkt, dass ihm etwas fehlte. Als die Klimaanlage blies, fiel ihm auf, dass er sein Jäckchen nicht dabei hatte. Nun benötigte er geschwind die nicht vorhandene Telefonnummer eines bestimmten Hotels. Dieses neueste Opfer seiner kurzfristigen Vernachlässigung war übrigens ein sogenanntes  Lieblingsstück, auf welches unser weit gereister Hotelgast nun gar nicht verzichten mag.
Es wurde sich mehrfach telefonisch kurzgeschlossen, und im Endeffekt war das Hotelpersonal bereit, gegen eine Aufwandsentschädigung  von 15€ (Porto inkl.) ein Päckchen zu packen und sofort auf den Weg zu bringen.
Wie durch ein Wunder lieferte es die so oft kritisierte Post schon am nächsten Tag aus. Erstaunen löste folgende Aufschrift auf dem Karton aus:
Vorsicht, nicht werfen! Zerbrechlich!
Eine Jacke?
Eine vorsichtige Rückfrage beim Besitzer ergibt nach einigem Herumgedruckse das kleinlaute Eingeständnis, dass es sich wohl um ein Glas handeln müsste. Zusätzlich wohlgemerkt, denn das mit der Jacke stimme schon. Dieses Glas sei ein nach einer Vortrags-Veranstaltung allgemein verteiltes Geschenk und ist offenbar so hässlich, dass unser Mann von Welt und mit Geschmack, es mit voller Absicht zur Minibar gestellt und für den dortigen Verbleib auserkoren hatte.
Tja, Hendrik, … das haben sie dir nun allerdings auch hinterher gesandt!

Später am Telefon.  Ein ungläubiges Wispern in der Leitung: „Das Glas haben die auch geschickt??“
„Ja.“
Stille. Sprachlosigkeit
Bisher hat nichts geholfen, um Hendrik vor seinen Verlusten zu bewahren, von seiner Schwäche zu kurieren. Aber vielleicht, man kann ja nie wissen, leitet dieses ‚traumatische‘ Erlebnis jetzt eine Wende ein…

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Eine merkwürdige Begegnung

Der Link zum Gratis-Podcast -> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_654563

Sie war klein und zierlich, ging mir gerade bis zur Brust. Mokkafarbene Augen, ein straff zurückgenommener Pferdeschwanz mit einem perlenbesetzten Band gehalten.
Inmitten eines Pulks von Menschen war ich an ihr vorbeigelaufen, als sie auf der Bank am Gehwegrand gesessen hatte. Vorbeigegangen, den mit mir und mir entgegenkommenden Menschen ausweichend. Irgendwann hatte ich etwas vernommen:
„Warten Sie bitte einen Augenblick!“
Ich hatte kurz gestutzt, dann für zwei Sekunden angenommen, wohl nicht gemeint zu sein und hatte mich doch plötzlich mitten im Gewühl umgedreht mit der absoluten inneren Gewissheit, dass die Stimme mich gemeint hatte. Woher dieses Wissen kam, weiß ich nicht.
Ihre Schritte näherten sich, sie stoppte unmittelbar vor mir. Gerade noch so, dass ich es, was die Nähe anging, erträglich fand. Da war sie. Klein, still und mich fixierend. Auf meinen um Aufklärung bittenden Blick hin kam eine Frage:
„Möchten Sie etwas über Ihre Zukunft wissen?“
Ach nein, nicht so was!
Die erste Reaktion ist ablehnend, abwehrend, und das äußert sich auch darin, dass ich automatisch zwei Schritte zurücktrete. Im Kopf wird fieberhaft nach einer freundlichen, aber bestimmten Absage, Ablehnung, Entschuldigung – was auch immer – gesucht.
Sie scheint das einkalkuliert zu haben. Sie hört sich in aller Ruhe meine Worte an, nickt sogar bestätigend, und doch dient es wohl nur meiner Beschwichtigung. Als ich ende, beginnt sie zu reden.
Kein Bohren in Form von Fragen nach dem Warum? oder Warum nicht?
Keine Überzeugungsarbeit, indem sie mir einzureden versucht, ich müsste es unbedingt, zu meinem eigenen Wohl, über mich ergehen lassen, müsste es einfach erfahren.
Stattdessen sagt sie mir Dinge über mich. Über Vergangenes. Über die momentane Situation. So speziell, dass ich es nicht abtun kann mit einem: Na, super, das trifft auf jeden zu. Toll reingelegt! Und was mich völlig überrascht: es stimmt absolut!
Sie merkt, dass ich perplex bin. Viele Dinge schwirren mir zeitgleich durch den Kopf.
Da ist Misstrauen, Unglaube, Zweifel, der Wunsch wegzukommen.
Da ist das Wissen, dass es Menschen gibt, die mehr sehen können. Ich habe es selbst schon erlebt (in der Form, dass ich etwas vorher wusste).
Da ist eine eigenartige Starre und das Gefühl, förmlich am Boden festzukleben.
„Es stimmt was ich Ihnen gesagt habe, nicht wahr?“
Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern fährt fort:
„Denken Sie nicht, dass ich jeden anspreche. Ich sehe nicht überall etwas. Doch wenn es so ist, dann suche ich den Kontakt.“
Ich kann es weder bestätigen, noch als Lüge abtun. Ich habe sie weder davor noch danach, noch lange genug auf der Bank gesehen, als dass ich ihr Verhalten hätte  beobachten können.
Sie redet weiter zu mir, und ich merke, dass sie jetzt ihr Wissen hinsichtlich der Zukunft preisgeben will. Ich stoppe sie.
Die ganze Zeit geht mir noch etwas Anderes im Kopf herum: Sie redet nie von Geld für ihre ‚Leistung’. Ist es nicht so, dass diese Menschen auf der Straße es eben genau deshalb machen? Um Geld damit zu verdienen? Ihren Lebensunterhalt? Die einen, weil sie tatsächlich besondere Fähigkeiten haben, die anderen, weil sie gewitzt genug sind, dass es zumindest so wirkt, als hätten sie ein seherisches Talent.
Ich frage sie geradeheraus, doch sie schüttelt den Kopf.
Diese ernsten Augen …
„Wenn mir jemand dafür etwas geben will, werde ich es nehmen, aber ich verlange nichts.“
Ich bin erstaunt, gleichzeitig ein wenig beschämt. Ihr folgender Satz beginnt mit:
„In den nächsten beiden Jahren …“
Nein! Ich halte meinen Zeigefinger vor die Lippen. Sie hält inne.
„Ich möchte es nicht wissen“,  sage ich bestimmt.
„Aber warum denn nicht? Es würde Ihnen helfen!!“
Warum? Warum will ich es nicht wissen?
Und wieder ist da eine verwirrende Mischung aus Unglaube, Zweifel und … Angst! Ja, Angst und ein wenig Trotz.
Mein Leben ist mein Leben!
Ich möchte es allein entdecken und damit zurechtkommen.
Wir trennen uns, ich wende mich um, bin drei, vier Schritte entfernt, als ich deutlich etwas höre. Sie hat noch etwas gesagt. Über die Zukunft …
Ich drehe mich um, aber sie sitzt schon wieder auf der Bank und verhält sich, als wäre nichts gewesen.

Ein paar Minuten später finde ich mich vor einem Schaufenster stehend wieder. Ich war dorthin gelaufen, ohne es zu bemerken, stand dort seit Minuten, ohne es wahrzunehmen und war erst nach weiteren Momenten des Sammelns und in gewisser Weise auch Abschüttelns wieder in der Lage, die Zeit weiterlaufen zu lassen.

Es passieren manchmal merkwürdige Dinge. Und in meinem Leben gibt es keine Zufälle.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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Heute wieder die Beine gesehen – nicht am Geländer…

Im letzten August lernte ich Traumbeine kennen. Unverhofft.  Darüber habe ich damals via http://www.goodnewstoday.de berichtet. Heute kam ich erneut an diesen Platz des Geschehens und traf sie wieder. Die nicht enden wollenden Beine…
Für alle, die sie nicht kennen auch hier im Blog nachfolgend:

Beine am Geländer

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_96566

Viele von euch wissen es schon: Meine Tochter zieht aus, und zurzeit ist gerade die Renovierung der neuen Wohnung auf der Tagesordnung. Glücklicherweise kennen Töchterlein und ihr Freund viele Menschen, die bereit sind, den jeweiligen Fähigkeiten entsprechend zu helfen. Auch ich ‚durfte’  gleich mehrfach mitmachen.
Heute Morgen nun komme ich mit dem Auto in der kleinen Nebenstraße an, finde sogar eine Parklücke gegenüber dem Haus und schau mich vorsichtshalber  noch einmal um, ob ich nicht doch irgendwo jemanden blockiere.
Eine kleine Bewegung oder ein minimales Geräusch,  lenken meinen Blick nach oben zu einer Dachterrasse im Obergeschoss. Dort hängen Beine heraus! Beine, unendlich lang und makellos, haben  den Weg durch die Streben des Geländers gefunden. So bildhübsch und ebenmäßig, dass ich erst denke, jemand hätte  zum Jux eine Schaufensterpuppe drappiert.
Kann aber nicht sein, denn die Beine fangen an, sich zu bewegen. Beingymnastik.. Linkes Bein hoch und strecken, Fuß kreist. Das rechte Bein folgt. Tja, da tut eine Dame aber was für ihre Extremitäten. Hat sich aber echt gelohnt!
Nun, ich bin nicht zum Gucken hier. Ich hole noch Material aus dem Kofferraum und schlage die Klappe zu.  Plötzlich ertönt eine Stimme von oben: „Mona, bringst du die Post mit hoch?“
Ich fühle mich nicht angesprochen und schweige.
„Hallo?“ ertönt es etwas irritiert. „Hast du mich gehört?“
Irgendwie scheint die Beinschönheit dort oben hier unten jemand anderen zu erwarten. Es ist mir zu doof, gar nichts zu sagen – also antwortete ich in Richtung Terrasse:
„Tut mir leid, ich bin nicht Mona! Ich habe nur hier geparkt und gerade ihre Traumbeine bewundert.“
Wuups, da ist es wieder passiert! Spontan. Das, was gerade in den Sinn kam. Herausgelassen. Unverblümt. Glücklicherweise in den meisten Fällen geht es wenigstens um Positives.
Zuerst passiert gar nichts. Ich will mich schon dezent und unerkannt verdrücken. Dann erscheint über dem Geländer ein Kopf, der sich lachend zu mir herunterbeugt. „Danke!“ gluckst die Stimme von zuvor.
Ich gucke mindestens dreimal und muss mit Gewalt den Mund zuklappen. Es sieht sonst zu blöd aus. Die Dame ist keine Dame. Die Dame ist ein Herr! Mit Kleid, halblangen, dunklen Haaren, die von einer Sonnerbrille zurückgehalten werden. Leicht geschminkt, aber ohne Zweifel ein männliches Wesen!
Zum Kaschieren meines Erstaunens, platzt solcher Nonsens heraus wie:
„Sie wären ein supergefragtes Strumpfmodel!“
„Weiß ich,“ kommt die Antwort, „aber die nehmen lieber Frauen für ihre Feinstrumpfhosen.“  Was für eine Unterhaltung. „Wohnen sie jetzt auch hier?“ werde ich gefragt.
„Nein, Ihnen gegenüber ziehen meine Tochter und ihr Freund ein.“
„Aha, schön, vielleicht sieht man sich noch mal. Oder ich lasse wieder die Beine baumeln ….“
Ich grinse und verabschiede mich. Freundlicher Zeitgenosse.

Danach gehen die Renovierungsarbeiten in der neuen Wohnung los, und nach drei Stunden will ich auf dem kleinen Balkon eine Umzugsdecke, die als Unterlage diente, ausschütteln. Direkt gegenüber ist die Dachterrasse. Wie gemalt steht  meine Strumpfmodel-Bekanntschaft in der Mittagssonne. Hüfte leicht eingeknickt, ein Bein etwas angezogen, das Kinn  Richtung Sonne gestreckt, die Hand vor Augen wie Kolumbus, als er von Bord aus Amerika  entdeckte.
Tolles Profil… Was für ein Foto würde das geben! Und diese Wahnsinnsbeine!
Strumpffabrikanten und Werbefirmen der Welt: Ihr seid so ignorant, wisst gar nicht, was euch hier durch die Lappen geht.  Und nicht nur euch…
Er entdeckt mich und winkt herüber. Ich zurück. Keine Distanz, die überbrückt werden müsste, weder im Allgemeinen noch im Besonderen.
Eine halbe Stunde später verabschiede ich mich bei meiner Tochter und ihrem Freund. Habe ihr von ihrem Gegenüber-Nachbarn erzählt. Sie findet’s gut.  Gemeinsam tragen wir Müllsäcke zum Auto, die ich zum Entsorgen mitnehmen will.  Automatisch schaue ich zum Geländer hoch – kann mir ein Lächeln gar nicht verkneifen. Unser Aufbruch wurde bemerkt.
Wir klönen noch über dies und das, und am Ende kommt das Angebot, dass er, sollte mal etwas sein, immer gern zur Verfügung stände. Man könnte sich ja von Balkon zu Balkon gut Signale geben!

Mehr wäre dazu gar nicht zu sagen. Ich wollte es euch nur gern erzählen, weil ich es als unheimlich positiv empfand.  Meine Erkenntnis des Tages:
Gut, ich sollte vielleicht manchmal etwas die Spontan(e)ität  zügeln, aber generell kann man es durchgehen lassen. Und, wichtiger noch: Lass dich auf alles und jeden ein. Punkt.

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Kennen Sie einen guten Zahnarzt?

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_48551

Ein neu hinzugezogenes Pärchen aus der etwas weiteren Nachbarschaft sprach mich kürzlich an, als wir – wieder einmal – vor der geschlossenen Bahnschranke warteten. Auf diese Art hatten wir uns bereits zuvor kurz kennengelernt. Oder vielmehr überhaupt. Wir wussten nun, aha, der bzw. die wohnt offenbar um die Ecke. Die kleine Tochter – schätzungsweise fünf Jahre alt – stand daneben. Diesmal hatten ihre Eltern eine Frage an mich:
„Entschuldigen Sie, gut dass wir Sie gerade treffen. Sagen Sie, kennen Sie vielleicht einen guten Zahnarzt in der Nähe?“
Ich weiß, es hört sich nach einer ganz einfachen Frage an, aber nichts wird so unterschiedlich beurteilt wie die ‚Qualität’ eines Zahnarztes. Die Kriterien sind einfach zu verschieden.
Was ist in diesem Fall gut? Erwarte ich sofort einen Termin, habe keine Geduld hinsichtlich Wartezeit? Will ich neueste technische Scheckimeckis in der Praxis?  Erhoffe ich eine zügige Arbeitsweise,  ein verbindliches Wesen? Bin ich schmerzempfindlich, ängstlich? Für den einen ist ‚gut’, wenn es schon prophylaktisch eine Betäubungsspritze gibt, für den anderen ist das ein Grund, laut ‚Körperverletzung’ zu brüllen.
Reicht mir ein Zahnarzt für das Normale, oder suche ich den Spezialisten für Implantate? Stelle ich mir optisch was Nettes vor? Bevorzuge ich vielleicht Frau (bzw. Mann)? Das geht weiter bis hin zur Frage: Wie ist die Lektüre im Wartezimmer? Oder auch: Muss ich Treppen steigen? …
Es gäbe also viele Punkte, und ich kenne die Neuen noch nicht genauer.
Die Schranke ist weiterhin zu, ich hake nach, beschreibe dann meinen Doktor, mit dem ich sehr zufrieden bin und sie beschließen, es zu versuchen und sich bei ihm einen Termin geben zu lassen.
Töchterchen ist mittlerweile etwas gelangweilt. Sie bohrt mit dem großen Zeh, der aus ihrer Sommersandalette herausragt, in kreisförmigen Bewegungen ein Loch ins Erdreich.
Ihr Vater spricht sie aufmunternd an, für mein Empfinden fast schon ein wenig zu enthusiastisch:
„Nicht wahr, Anni, wir besuchen diesen Zahnarzt, und dann kann sich der Herr Doktor auch gleich deine Zähne mit ansehen. Pass auf, das wird toll!“
„Nö.“
Das kommt prompt und entschieden. Sie bohrt weiter Löcher und schaut nicht hoch.
Die Eltern werfen sich Blicke zu.
„Ach komm“,  sagt nun die Mama beschwichtigend, „das geht doch auch ganz schnell!“
Eine kleine Pause entsteht.
„Erst mal gucken“, meint Anni nur.
„Was willst du gucken?“ fragt der Papa, nun eine kleine Spur genervter.
Keine Antwort. Schweigen vor der Schranke.
Ich bin neugierig, denn es ist ihr auf der Stirn abzulesen, dass sie eine Vorstellung von einem ihr genehmen Zahnarzt hat. Ich stelle nun meinerseits beiläufig eine Frage an das kleine Mädchen:
„Anni, was für einen Zahnarzt hättest du denn gerne? Möchtest du vielleicht noch mehr über meinen wissen?“
Ihr Kopf schnellt herum und sie platzt heraus:
„Ja! Hat er weiche Hände?“
Ich konnte mir das Lachen gerade noch verkneifen, doch die Mundwinkel gingen eigenständig etwas höher. Es kamen Erinnerungen hoch, denn meine Mutter hatte mir erzählt, dass auch für mich diese ‚Sache’ ein maßgebliches Auswahlkriterium gewesen war.
Heute weiß ich, es sind nicht die Hände gemeint, die dauernd eingecremt werden und zart wie Babyhaut sind. Nein, es sind die Hände gemeint, die sanft mit einem umgehen.
Die mag ich übrigens bis heute – nicht nur beim Zahnarzt…

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