Salut! (5) – La Bretagne – Auf Umwegen zum Viadukt von Morlaix

„ … 500 Meter … rechts … more Likes.“
Wie bitte? Was war das eben?
Entweder Sie gehen jetzt mit dem Fuß auf die Bremse oder Sie fahren langsam weiter und fragen staunend: „Liebes, was meintest du gerade?“
Es ist gar nicht so unüblich, sein Navigationsgerät im Auto nach einer dermaßen unklaren Ansage verblüfft in eine Unterhaltung zu verwickeln. Mit etwas Glück wiederholt ihre Fahrassistentin den letzten Hinweis. Zufällig. Eine tatsächliche, direkte Antwort ist eher unwahrscheinlich.
„Fahren Sie 500 Meter und nehmen dann die Ausfahrt auf der rechten Seite nach more Likes.“
Na bitte, es geht doch!
Viel klarer ist die Angelegenheit dadurch allerdings immer noch nicht.

Befinden Sie sich bei Auslandsreisen auch hin und wieder in der Sprachauswahlzwickmühle? Ich überlege häufig, in welcher Sprache ich die Stimme des Navis vor Ort plaudern lasse. Es klingt schön und hat seine Vorteile, die jeweilige Landessprache zu hören, doch alles, was nicht Muttersprache ist, erfordert mehr Konzentration, und von Zeit zu Zeit fühlt man sich als Fahrer am Steuer dabei leicht überfordert. Zum Beispiel, wenn – wie hier in Frankreich – nicht nur auf den regen Verkehr mit seinen vielen quirligen Großkreiseln, auf plötzlich auftauchende Mautstellen oder das generell fremde Terrain zu achten ist, sondern Sie zusätzlich auch noch auf ungewohnte Fachbegriffe horchen müssen.
Ganz fatal wird es, wenn Ihnen mitten im Gewühl Zahlen (z. B. Straßenbezeichnungen aus Buchstaben- und Zahlenkombinationen) vom Tempo her wie eine Maschinengewehrsalve am Ohr vorbeirauschen. Eine französische Salve wohlgemerkt!
Nein, nein, die Hinweise sind selbst auf Deutsch oft schon merkwürdig genug! Klingen gestelzt – und Sie müssen sehr hinhören, ob von Abfahrt, Ausfahrt oder Einfahrt, ob von jetzt sofort, gleich oder irgendwann demnächst die Rede ist.
Um all diese Irrtümer beim Hören und darauffolgende Irrfahrten zu vermeiden, entscheiden Sie sich – als vernünftiger Mensch – lieber für Ihre eigene Sprache. Vor Problemen sind sie trotzdem nicht sicher.
More Likes hat sie gesagt.
Es klingt nicht Deutsch. Es klingt aber auch nicht Französisch.
Erst langsam wird klar, sie spricht Morlaix, unseren heutigen Zielort in der Bretagne, so aus, wie man ihn schreibt. Sie spricht den Begriff für einen der Sprache nicht kundigen Deutschen, der das Wort im Vorbeifahren gleich auf einem Schild rein mit dem Auge erfassen wird und wiedererkennen soll.
Das wird schwer werden! Denn so funktioniert mein Gehirn nicht.
Ich kann mich auch nicht darauf einstellen, weil sich Madame Navi als komplett inkonsequent outet. Worte wie Charles de Gaulle, avenue, rue, Pierre etc., von denen sie annimmt, auch einem Teutonen sei die korrekte Aussprache bekannt, solche Worte und Namen spricht sie französisch aus – andere leider nicht.
Platze du Peiks. Himmel aber auch! Sie meint den Platz des Friedens (Place du Paix)! Und der Strand, la plage, wird für sie tatsächlich zur Plage. Wer ahnt denn so etwas!
Im Endeffekt werden Sie durch derlei Spielchen gezwungen, doch wieder wie ein Luchs hinzuhorchen.
Wissen Sie, wann ich wirklich komplett auf dem Schlauch stand? Gleich am allerersten Bretagne-Tag. Hartnäckig bestand sie auf einem Abbiegen Richtung Estemahlo. Mit der Betonung auf der Silbe mah. Estemahlo.
Ich hatte keinen blassen Schimmer!
Überlegte, ob es eine bretonische Ortsbezeichnung sein könnte. Der Groschen fiel, als ich dahinter kam, dass Madame Abkürzungen ausformuliert. St Malo stand dort geschrieben. Für Saint Malo! Mit der Betonung auf o.
Logischerweise wird bei ihr aus St ein Este und aus zwei Worten eines. Die neue Betonung bringt zusätzlich Leben in die Bude.
Ach, gehen Sie mir doch weg damit! Krempeln sich einem da nicht die Zehennägel hoch?

Schluss. Aus. Themenwechsel!

Nachdem in Teil 4 der Bretagne-Serie Smaragd- und Granitküste mit bizarr gestapelten Granitbrocken, Kaps, Stränden, den Gezeiten etc. eine große Rolle spielten, ist heute der Besuch in Morlaix, einem schönen, alten Städtchen angesagt.
Es liegt im Nordwesten der Bretagne an der sich insgesamt fast 15 km langziehenden Trichtermündung des Flusses Morlaix. Sechs Kilometer sind es von Morlaix aus noch bis zur Bucht von Morlaix am Ärmelkanal. (Sie merken, hier heißt alles Morlaix. Fluss, Bucht, Stadt … Praktisch, oder? Lässt sich leicht merken.)
Etwa 15.500 Einwohner leben hier, es gibt einen Hafen am Fluss (heutzutage für die Sportschifffahrt) und interessante Häuser. Viele mittelalterliche Bauten mit schönem Fachwerk, diversen Fassadenverzierungen und ins Auge fallenden Erkern.
Aufgrund ihres Alters sind die Häuser teilweise windschiefe Bauten! Oder anders gesagt: Charaktergebäude.

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Eine Besonderheit aus dem 15. und 16. Jahrhundert stellen zudem die Laternenhäuser dar, die sich seinerzeit vorwiegend die ortsansässigen reichen Reeder und Kaufleute errichten ließen.
Wie sie zu ihrem Namen (maison à lanterne) kommen?
Laternenhäuser haben zum einen ein Vorderhaus mit oftmals reich verzierter Front. Sie besitzen aber auch ein Hinterhaus, und zwischen diesen beiden Teilen einen geschlossenen, oben verglasten Innenhof, über den in alle Zimmer Licht gelangt. Der Freiraum zwischen den Hausteilen wurde in gewisser Weise beheizt, denn dort befand sich die Feuerstelle.
Der Zugang zu den Geschossen entstand meist direkt im Hof und zwar über eine dort platzierte und von kunstvoll geschnitzten Eckpfosten getragene Holztreppe. Vorder- und Rückteil des Hauses waren in den jeweiligen Geschossen obendrein durch Galerien miteinander verbunden.
Wenn Sie sich die Anordnung der Gebäudeteile jetzt bildlich vorstellen, dazu die verbindenden Seitenwände, den Hof, das Feuer in der Mitte des Innenhofes, einfallendes Licht … dann hatte das Ganze schon etwas von einer Laterne.

Das dreistöckige Haus, das Sie auf dem nächsten Foto sehen, wird „Maison dite de la duchesse Anne“ genannt und ist ein solches Laternenhaus. Die berühmte Herzogin und spätere Königin Anne de Bretagne soll einmal auf einer ihrer Wallfahrtsreisen im Jahre 1505 dort eingekehrt und untergekommen sein.

Bretagne - Morlaix - Rechts das braune Fachwerkhaus ist das Maison dite la duchesse Anne (Laternenhaus, Anne de Bretagne)

Bretagne – Morlaix – Rechts das braune Fachwerkhaus ist das Maison dite la duchesse Anne (Laternenhaus, Anne de Bretagne)

Unter uns: Einmal die Schwelle überquert, schwupps, schon hieß das Haus so wie der Gast? Hm. Was lehrt uns das?
Wenn Sie ab jetzt irgendwo Rast machen oder sich im Urlaub kurz einquartieren, bestehen Sie darauf, dass die Unterkunft künftig Ihren Namen trägt. Lassen Sie sich nicht abwimmeln mit der Begründung, Sie seien weder Herzog noch König! Weisen Sie selbstbewusst darauf hin, dass Sie das noch zu werden gedenken.
Nun zurück zum Laternenhaus. Im Falle von Annes Haus verbindet übrigens eine Renaissance-Wendeltreppe die einzelnen Stockwerke.

Kirchen finden Sie in Morlaix natürlich auch. Die Kirche Saint-Melaine (Flamboyantstil (Spätgotik) – Bj. 1489), die nach schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde und dadurch heute moderner wirkt, als sie es eigentlich ist.

Bretagne - Morlaix  - Kirche Saint Melaine direkt am großen Viadukt

Bretagne – Morlaix – Kirche Saint Melaine direkt am großen Viadukt

Über die Rue Ange-de-Guernisac gelangen Sie zur Place des Viarmes. Wenn Sie sich dort Richtung Rue des Vignes halten, erreichen Sie das ehemalige Jakobinerkloster, heute Sitz des Musée de Morlaix.

Bretagne - Morlaix - Blick auf das Musée de Morlaix - Couvent des Jacobins

Bretagne – Morlaix – Blick auf das Musée de Morlaix – Couvent des Jacobins

Es gibt außerdem die Gemeindekirche Saint-Mathieu. Allerdings ist lediglich der Turm noch aus dem 16. Jahrhundert erhalten, alles andere wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollständig restauriert.
Seitdem darf sich dort die bretonische Flora ausbreiten …

Bretagne - Morlaix  - Kirche Saint Mathieu im Quartier Mathieu

Bretagne – Morlaix – Kirche Saint Mathieu im Quartier Mathieu

Bretagne - Morlaix  - Église Saint Mathieu - Hochgeschaut: Turmbewuchs ...

Bretagne – Morlaix – Église Saint Mathieu – Hochgeschaut: Turmbewuchs …

Jeder Ort, jedes Städtchen ist immer sehr stolz, wenn es etwas präsentieren kann, was ihn oder es unverwechselbar macht. Morlaix hat ein weithin sichtbares, markantes Bauwerk als sein Wahrzeichen vorzuweisen. Ein riesiges, zweistöckiges Viadukt!

Bretagne - Das Viadukt von Morlaix

Bretagne – Das Viadukt von Morlaix

Die Meterangaben zu Breite und Höhe schwanken – wie es häufig vorkommt bei Größenangaben. Sagen wir daher, die Brücke hat eine Länge von 285 bis 292 m und ist etwa 58 m hoch.
Der untere Teil besteht aus neun Gewölben, das obere Stockwerk sogar aus 14 Aufbauten mit halbkreisförmigem Bogenabschluss. Direkt über der ersten Etage verläuft ein Fußgängerweg in ca. 27 m Höhe über der Straße.
Ganz oben befindet sich die zweigleisige Eisenbahnstrecke von Paris nach Brest. Morlaix selbst liegt im tiefen Taleinschnitt des Dossen und hat sich im Laufe der Zeit beidseitig an den Hängen ausgebreitet.
Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Verantwortliche beschlossen, eine zukünftige Zugstrecke nicht unten durch das Tal zu legen, sondern den Brückenbau zu realisieren. Der erste Dampfzug querte die Brücke 1864, offiziell eröffnet wurde die Strecke über das Viadukt im Jahr darauf (April 1865).
Auch heute noch fährt der TGV auf dem Weg nach Brest hier entlang!

Bretagne - Morlaix - Unter dem Viadukt ...

Bretagne – Morlaix – Unter dem Viadukt …

Imposant! Diese enorme Höhe! Wenn Sie unter den Bögen hindurchgehen, kommen Sie sich recht winzig vor. Ein Viadukt wie für Riesen gemacht. Die könnten ungeduckt …

Am Tag des Besuchs ließ sich die erwähnte Fußquerung auf halber Höhe nicht durchführen. Der Weg war aufgrund einer Veranstaltung gesperrt. Ein Ereignis, dessen Vorbereitungen sich vorher bereits auf die eigene Anfahrt auswirkten und wieder einmal zeigte sich, dass ein elektronischer Fahrassistent eben eine Maschine und nur so schlau ist, wie es die ihm vorliegenden Informationen erlauben.

Wie handhaben Sie es, wenn Sie sich an einem fremden Ort so gar nicht auskennen? Was steuern Sie an?
Ich vermute die Attraktivitäten zunächst vorrangig im Zentrum und nenne daher meinem Navigationsgerät als Ziel und Ausgangspunkt für Erkundungen einen zentral gelegenen Parkplatz in der Stadtmitte. So auch im Fall von Morlaix.
Was passiert?
Die Navistimme säuselt ihre Wegbeschreibung. Alles funktioniert prima, bis ungefähr einen halben bis einen Kilometer vor dem Ziel eine Straßensperrung auftaucht. Ein gelbes Schild mit dem Hinweis: Route barrée. Das ist eindeutig.
Nun, es gibt schließlich immer mehrere Wege nach Rom.

Bretagne - Morlaix  - Route barrée ...

Bretagne – Morlaix – Route barrée …

Pflichtgemäß biegen Sie ab, die neue Route wird hastig berechnet. Ihre Navidame hält eine Alternative bereit. Sie rollen frohgemut an – nur nach kürzester Zeit erscheint auch auf der Ausweichstrecke das berüchtigte gelbe Zeichen: Route barrée!
Nach zwei weiteren Fehlversuchen ahnen Sie, dass es nicht um eine kleine, örtlich begrenzte Baustelle geht, sondern die Sperrung recht ausgedehnt sein muss. Was machen Sie? Sie verwerfen das Ziel Zentrum, parken außerhalb und laufen. Ohne Navigation.
Morlaix macht es einem dabei einfach. Auf dem Hinweg zumindest. Man befindet sich in luftiger Höhe, wandert beschwingt hinunter ins Tal. Das Viadukt ist der Ansteuerungspunkt. Gar nicht zu übersehen. Der Rückweg hingegen … Zu dem komme ich nachher.
Der Grund der Vollsperrung ist ein Semimarathon, der an diesem milden Novembertag ausgetragen wird. Würde ich wie mein Navi sprechen, verliefe die Strecke von Estepohl nach More Likes. Ich aber sage, man wetzt von Saint Pol nach Morlaix. Außerdem gibt es eine Variante, bei der lediglich zehn Kilometer von Taulé nach Morlaix zu laufen sind. Und dann ist noch ein Abendlauf vorgesehen.Endpunkt ebenfalls Morlaix.
Viel los im Städtchen!

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014 -  Noch kommt man von einer Seite zur anderen  (Das ist übrigens der ursprünglich einmal anvisierte Parkplatz ...)

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon 02.11.2014 – Noch kommt man von einer Seite zur anderen (Das ist übrigens der ursprünglich einmal anvisierte Parkplatz …)

Nach der Einrichtung der Verkehrssperren, ist nun am späten Vormittag der Aufbau vieler Meter Absperrgitter entlang der Zielstrecke in vollem Gang. Der Zieleinlauf erfolgt vom Hafen kommend Richtung Viadukt, der Auslaufbereich befindet sich hinter dem Brückenbauwerk direkt vor dem Rathaus.

Bretagne - Morlaix -  Place des Otages zwischen Viadukt und Rathaus (im Hintergrund) - Schon für die Läufer reserviert

Bretagne – Morlaix – Place des Otages zwischen Viadukt und Rathaus (im Hintergrund) – Schon für die Läufer reserviert

Bretagne - Morlaix  -  Rathaus (Hôtel de Ville)

Bretagne – Morlaix – Rathaus (Hôtel de Ville)

Viele Sicherheitsleute und Ordner sammeln sich. Die Polizei ist präsent. Allerdings ist letztere vorerst noch unterwegs, um sich ein spätes Frühstück zu besorgen.

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014 -  Erstmal Hunger ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon 02.11.2014 – Erstmal Hunger …

Geraume Zeit weist die Absperrung entlang der Laufstrecke noch Lücken auf, so dass man die Straße weiter queren kann, doch irgendwann ist Schluss mit der Seitenwechselei. Die Barriere ist nun durchgängig. Wer jetzt erst merkt, dass nur „drüben“ etwas Essbares zu ergattern ist, der hat enorme Umwege vor sich, ehe er in den Bereich gelangt, wo ihn keine Abtrenngitter mehr stoppen.
Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, denn die Nutzung des Viadukts scheidet durch die Wegsperrung ebenfalls aus. Fußgänger sind dort oben heute nicht erwünscht, wohl um zu vermeiden, dass jemand etwas auf die Läufer oder die Fahrzeuge bzw. technische Ausrüstung der Sender und Pressevertreter werfen könnte.
Die Lautsprecherdurchsagen starten. Man redet sich warm. Allmählich wird es ernst; die ersten Läufer des Halbmarathons sind avisiert und sollen das Ziel in Kürze erreichen. Die Eliteläufer aus der Profiliga brauchen nur knapp über eine Stunde für die Strecke.
In froher Erwartung werden zunächst die vorwegradelnden Polizisten registriert, danach die siegreichen Teilnehmer und alle weiteren Profiläufer mit anerkennendem Applaus bedacht.
Nur damit ist noch lange nicht Schluss!

Bretagne - Morlaix - Halbmarathon ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon …

Bretagne - Morlaix - Halbmarathon - Die ersten haben es geschafft ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon – Die ersten haben es geschafft …

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014 - Warten auf die Läufer ...

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon 02.11.2014 – Warten auf die Läufer …

Hier laufen nicht nur die Profis, hier läuft gefühlt das ganze Département Finistère! Erwachsene jedes Alters, jedoch ebenso Kinder verschiedener Altersgruppen. Die Jüngsten mögen um die zehn Jahre alt sein. Eine enorm große Teilnehmerschar, die selbstverständlich ihre eigenen Groupies entlang der Absperrgitter stehen hat. Das ist hier heute gleichzeitig ein riesiges Familienevent und die Stimmung entsprechend hervorragend.
Nach leichtem Regen am Morgen, hat es die Sonne am Mittag tatsächlich wieder durch die Wolkendecke geschafft. Das muntere Team an den Mikrofonen zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen. Es liefert eine Mischung aus Interviews, Angaben zu Läufern, rattert Zeiten herunter, feuert an und fiebert mit. Die Stimmen überschlagen sich. Vor lauter Begeisterung redet man sich gegenseitig fast in Grund und Boden.
Einerseits steckt dieser Enthusiasmus durchaus aus, andererseits schafft die Beschallung auf Dauer auch etwas.
Glück muss der Mensch haben, wenn er ein schönes Sitzplätzchen entdeckt, an dem es für Zuschauer neben einem exzellenten Ausblick auf die eintreffenden Läufer auch noch leckere Verköstigung in Form von Crèpes und Galettes gibt. (Sie erinnern sich an den Bretagnepart im Blog über die Hauptstadt Rennes? Dort steht mehr über die kulinarische Spezialität und die besonderen Vorlieben der Bretonen.)

Bretagne - Morlaix  -  Galette, die deftige Variante eines Crèpe

Bretagne – Morlaix – Galette, die deftige Variante eines Crèpe

Nebenher der Ausblick Richtung Hafen …

Bretagne - Morlaix  - Im Hintergrund der Hafen

Bretagne – Morlaix – Im Hintergrund der Hafen

Spätsommerwetter. Ein ungewöhnlicher, völlig untypischer Novembertag ….

Bretagne - Morlaix  - Novembervegetation ... Schon erstaunlich

Bretagne – Morlaix – Novembervegetation … Schon erstaunlich

An einem solchen Tag wirkt alles sehr harmonisch, fröhlich, heiter und entspannt. Dass hier auch durchaus einmal ein anderer Wind wehen kann und die Bevölkerung dieses Ortes genauso den üblichen Widrigkeiten ausgesetzt ist, mit EU-Regeln hadert und seine wirtschaftlichen Probleme hat wie anderswo auch, wurde gerade wieder im September und November deutlich, als französische Gemüseerzeuger in Morlaix auf die Straße gingen und ihren Unmut über fallende Preise und Absatzschwierigkeiten (das russische Embargo für europäische Produkte ließ den Export sinken) kundtaten.
Es blieb nicht allein beim Reden. Sie luden überall Artischocken und Blumenkohl, später auch Düngemist ab und brannten letztendlich sogar Steuer- und Versicherungsbüros nieder! Sie erinnern noch, dass die Agrarwirtschaft für die Menschen der Bretagne eine sehr große Rolle spielt? Die Lage ist für diese Menschen zurzeit kritisch …

Wenn so etwas nicht gerade direkt vor Ihrer Nase geschieht, bekommen Sie als Tourist davon meist nicht viel mit. Lokale Probleme dringen gar nicht so schnell an ihr Ohr. Außer Sie wollen es hören. Nein, Urlauber schauen auf andere Dinge und wandern eher im Haus der Duchesse Anne umher. Lauschen dort den Ausführungen.

Bretagne - Morlaix  - Blick in die Nebengassen ...

Bretagne – Morlaix – Blick in die Nebengassen …

Bretagne - Morlaix  - Die Bauten Richtung Hafen sind etwas neueren Datums ...

Bretagne – Morlaix – Die Bauten Richtung Hafen sind etwas neueren Datums …

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Bretagne - Morlaix

Bretagne – Morlaix

Ein interessantes Städtchen, dieses Morlaix. Eines mit einem recht eigenen Gesicht. Man müsste es nun noch einmal ganz in Ruhe und pur, ohne Halbmarathon, erleben. Müsste mit Muße mehr kennenlernen, bis zur Bucht vorwandern, sich niederlassen, viel Zeit zum Schauen mitbringen und mit dem ein oder anderen Menschen reden. Einem von dort.
Dafür wäre definitiv eine Portion Fingerspitzengefühl nötig, denn uns Deutschen tritt man in dieser Gegend seit dem unrühmlichen Verhalten im Zweiten Weltkrieg auch heute – nach all den Jahren – noch nicht wieder völlig vorbehaltlos entgegen.

Bretagne - Morlaix  - Halbmarathon 02.11.2014

Bretagne – Morlaix – Halbmarathon – 02.11.2014 – Place des Otages

Die Place des Otages vor dem Rathaus, dort, wo heute der Auslauf für die Läufer des Halbmarathons eingerichtet wurde und sie ihre Rucksäcke deponiert haben, dieser Platz wurde zum Gedenken an die bretonischen Opfer der Deutschen geschaffen. 60 Bürger aus Morlaix wurden von den Deutschen am 2. Weihnachtsfeiertag 1943 als Geiseln genommen und deportiert.
Oder das Bombardement. Die Absicht der Deutschen, die Zugverbindung nach Brest zu unterbrechen, sollte durch eine Bombardierung des Viadukts erreicht werden. Bei dem Versuch traf man jedoch ziemlich daneben. Die Bomben zerstörten viel in Morlaix. Es gab dabei zahlreiche weitere Tote, zusätzliches Leid. Das ist nicht vergessen …
Genug der ernsten Sachen. Doch auch das braucht einfach seinen Platz.

Jetzt allerdings geht es noch darum, das Auto wiederzufinden.

Der Rückweg zum Auto entpuppte sich – ganz wie erwartet – als der anstrengendere Part. Ständiges Ansteigen der Straße erfordert dauerndes Kraxeln. Serpentinen, begrenzte Sicht, kaum ein markanter Anhaltspunkt, der als Orientierungshilfe dienlich wäre. Das war auf dem Hinweg wesentlich leichter gewesen. Leider besitzt das Auto nicht die Abmessungen eines Viadukts und macht sich auch sonst nicht bemerkbar. Doch die Erinnerung an die absolvierte Hinstrecke stimmt, der Wagen taucht irgendwann auf.
Das Navi war natürlich – mangels fehlender Kenntnis der tagesaktuellen Lage – auch bei der Weiterfahrt nicht davon abzubringen, durch die Innenstadt von Morlaix zu leiten. Sperrung hin oder her. More Likes for ever. Einfach, weil es die kürzeste Route für den Heimweg ergab.
Echt stur, das Ding.

Das waren Impressionen aus Morlaix. Persönliche. Vielleicht verschlägt es Sie auf einer Bretagne-Reise einmal in dieses Städtchen, so dass Sie sich Ihr eigenes Bild machen können. Dann klettern Sie doch seitlich des Viadukts am Hang all die Treppenstufen empor zur Eisenbahnstrecke und zum Bahnhof von Morlaix, der sich auf dem Plateau auf der Westseite befindet. Von dort haben Sie eine tolle Aussicht!

Wie es hier weitergeht?
Einen Besuch der Île de Bréhat hätte ich noch für Sie. Den Archipel und die Hauptinsel finden Sie im Nordwesten der Bretagne, recht küstennah gelegen. Als Orientierungshilfe an Land wäre die Stadt Paimpol zu nennen. Dorthin geht es also im nächsten Bretagne-Blogpost. Vielleicht schauen Sie wieder herein?

Ihnen allen ein schönes Wochenende!

© by Michèle Legrand, Februar 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

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  1. #1 von marliesgierls am 08/02/2015 - 12:08

    Da kommt wieder Urlaubsstimmung auf, Michèle. Und ich kann so richtig vom Frankreich-Urlaub träumen, dazu ein paar nette Chansons, und der Tag ist gerettet. Allerdings können wir uns heute nicht beschweren, die Sonne scheint und Frühlingsgefühle kommen auf. Ich wünsche Dir auch einen sonnigen Sonntag, liebe Grüße Marlies

    Gefällt mir

    • #2 von ladyfromhamburg am 08/02/2015 - 16:26

      Danke schön für deine Zeilen, Marlies. Hier ist es heute auch den ganzen Tag herrlich sonnig gewesen – allerdings richtig frisch! Das täuschte von drinnen mächtig.
      Lieben Gruß auch von hier!
      Michèle

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  2. #3 von regenbogenlichter am 08/02/2015 - 17:57

    Das war wieder ein sehr interessanter, toll bebilderter Bericht liebe Michèle.
    Die Laternenhäuser finde ich sehr interessant. Eine Art „Lichthöfe“.
    Der (das) Viadukt erinnert mich an die Göltzschtalbrücke.
    http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ltzschtalbr%C3%BCcke
    Und dieser vermaledeite Krieg… man kann nie oft genug darüber schreiben und sprechen.
    Kriege hinterlassen Wunden für die Ewigkeit. :-(
    Nie wieder!
    Liebe Grüße
    Ute

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    • #4 von ladyfromhamburg am 09/02/2015 - 11:55

      Vielen Dank, Ute, freut mich, dass es dir gefiel. Stimmt die Innenhöfe sind auch gleichzeitig Lichthöfe.
      Danke auch für den Link zur Göltzschtalbrücke! Wow, das ist aber ein riesiges Bauwerk! Sogar vierstöckig und damit auch noch einmal 20 m höher als das Viadukt in Morlaix! Sieht schon sehr imposant aus!
      Ob man sich hier vielleicht für Frankreich inspiriert hat? Denn die Brücke über das Göltzschtal wurde ja vorher fertiggestellt und danach gingen die Planungen für Morlaix los. Allerdings gibt es noch einige weitere Viadukte dieses Stils, auch direkt in Frankreich. Vielleicht war eher das dreistöckige Viadukt von Chaumont aus den 50er Jahres des 19. Jahrhunderts ein Vorbild.
      Mich freut (das möchte ich gern noch erwähnen), dass dich das Einbeziehen der Details aus dem Zweiten Weltkrieg nicht gestört hat – ich meine jetzt mitten in einer ansonsten eher frohgemuten Reiseerzählung. Für mich gehörte es mit hinein. Also vielen Dank für deine Reaktion!

      Eine schöne Woche für dich, Ute und lieben Gruß!
      Michele

      Gefällt 1 Person

      • #5 von regenbogenlichter am 09/02/2015 - 22:17

        Liebe Michele,
        nein natürlich hat mich das nicht gestört. Ich finde es sehr wichtig, dass das immer wieder erwähnt wird. Und Reuseberichte, die solch ernste Sachen die zur Geschichte und zur Gegend gehören, verschweigen, sind für mich unvollständig und nicht gut. Ich möchte immer alles wissen und Licht und Schatten gehören immer zusammen.

        Liebe Grüße
        Ute

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      • #6 von regenbogenlichter am 09/02/2015 - 22:20

        Ach noch vergessen, vielleicht haben sich die Architekten ja wirklich inspirieren lassen. Gut möglich…
        Diese Form gab es aber schon im Altertum, denke an die Äquadukte im römischen Reich…

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      • #7 von ladyfromhamburg am 10/02/2015 - 14:43

        Du, Ute, danke für den Hinweis und auch den Link zu dem Äquaduktartikel. An die denke ich schon, ich meinte mehr, dass die Inspiration im Hinblick auf eine Eisenbahnstrecke, die über ein derartiges Viadukt führt, vielleicht ein bisschen von dem zehn oder 20 Jahre davor konstruierten Bauwerken stammt, die seinerzeit schon die gleiche Funktion erfüllen sollten. Das Thema Eisenbahn kam ja damals gerade richtig auf und Pläne spukten auf einmal in allen Köpfen.

        LG Michèle

        Gefällt 1 Person

  3. #9 von kowkla123 am 08/02/2015 - 18:42

    Alles Gute, Klaus

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  4. #12 von Zeitreisender am 09/02/2015 - 10:16

    Mal wieder ein sehr ausführlicher und interessanter Bericht mit einladenen und schönen Fotos. Auch der Hinweis auf die traurigen Ereignisse der Vergangenheit gehört dazu. Kann man nicht oft genug erwähnen.
    Du könntest mittlerweile aus deinen Reiseberichten eigene kleine Reiseführer machen. Ich bin auch diesmal wieder angenehm mitgereist, so als wenn ich selbst vor Ort gewesen wäre.
    Und zum Thema Navi im Ausland könnte ich auch einige Kapriolen erzählen…
    Liebe Grüße!
    Volker

    Gefällt mir

    • #13 von ladyfromhamburg am 09/02/2015 - 12:08

      Hallo Volker, danke schön für deine positive Rückmeldung! Ich bin immer sehr zufrieden, wenn ich höre, dass jemand das Gefühl hatte, dagewesen zu sein. Das ist mit ein Ziel, das ich beim Schreiben erreichen möchte.
      Reiseführer erstellen? ^^ Meine Reiseerlebnisse und der ein oder andere Tipp stehen ja nun im Blog, da sind sie bereits für Interessierte zugänglich, und das ist für mich zurzeit die Hauptsache. Ansonsten gibt es bereits recht viel, was auf den Markt gebracht wird. Da ist – in meinen Augen und was Informationen betrifft – schon jetzt so viel doppelt Gemoppeltes, Wiederholtes, Übernommenes dabei. Es würde mich nicht reizen, einen weiteren reinen Reiseführer mit ausschließlich Touristenattraktionen und Öffnungszeiten zu erstellen. Eine Gegend wird für mich oft erst durch Dinge attraktiv, die kein ausgewiesenes Highlight sind.
      Ich vermute fast, ich muss bei meinen Erzählungen von den Entdeckungen unterwegs bleiben und nutze weiterhin meine Blogfreiheit. ^^

      Du hast also auch deine Erlebnisse mit dem Navi? Wenn du einmal ganz viel Lust und Zeit hast – schreib’s auf! Ich wäre sehr neugierig! :-)

      LG Michèle

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  5. #14 von kowkla123 am 10/02/2015 - 13:29

    toll, liebe Michelle, beste Grüße, Klaus

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  6. #16 von kowkla123 am 11/02/2015 - 14:08

    ist es in Hamburg auch so ungemütlich heute, alles Gute, Klaus

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  7. #17 von kowkla123 am 14/02/2015 - 12:54

    Liebe Michelle, heute ganz besonders herzliche Grüße, Klaus

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  8. #19 von Sartenada am 14/02/2015 - 13:40

    Wonderful driving report and very beautiful photos presenting this town. Thank You taking us with You and thus having the feeling being there thru Your photos.

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  9. #21 von ernstblumenstein am 18/02/2015 - 11:22

    Herzlichen Dank Michèle! Stell dir vor, ich war heute den ganzen Tag in Morlaix unterwegs, ein herrlicher Bericht.
    Hab eine frohe Zeit. Ernest

    Gefällt mir

    • #22 von ladyfromhamburg am 18/02/2015 - 22:55

      Ah ja … in Morlaix warst du. Ich nehme an, du bist auch gleich beim Halbmarathon angetreten, gell? :-)
      (Freut mich, Ernst, wenn dir der Bericht von der Reise gefiel!)

      Dir auch eine gute Zeit und liebe Grüße!
      Michèle

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  10. #23 von deutschtrailer am 19/02/2015 - 15:39

    Sehr schöne Bilder, vielen dank Michèle Legrand…💗💗💗

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