Die Stretchlimousine

Sonnabend wurde ich überrascht. Keinesfalls gezielt. Nicht geplant von jemandem, der mich kennt. Nein, ich und auch andere reagierten vielmehr verblüfft aufgrund einer abweichenden Erwartung.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei einer Tasse Kaffee im Café, schauen aus dem Fenster und entdecken eine sich nähernde Stretchlimousine. Weiß. Nicht endend. Sie rollt langsam auf Sie zu und kommt schließlich schräg gegenüber am Beginn einer abzweigenden Straße zum Stehen.
Stretch-Limousine mit Blumenschmuck
Nicht nur Sie werfen einen zweiten Blick darauf – auch die Tischnachbarn werden aufmerksam. Neben mir das jüngere Pärchen zum Beispiel. Er stupst sie an:
„Hey, schau mal! Langes Auto! ’ne Stretchlimousine! Cool!“
Sie hat sofort erspäht, dass auf der Motorhaube Blumenschmuck befestigt ist. Ihre verzückte Reaktion:
„Ooooh, eine Hochzeit!“
Angesichts dieser Tatsache interessiert sie die weiße Karosse nur sekundär.
Ihren Ausruf hören die Leute bis ungefähr vier Tische weiter und recken die Hälse. Zwei Freundinnen stehen sogar auf und spazieren zum besseren Verfolgen direkt an die Scheibe. Die anwesenden Herren konzentrieren sich unabgesprochen weiterhin auf das Auto, die weiblichen Wesen – romantischer veranlagt – auf das damit verbundene Ereignis.
Die Bedienung spitzt ebenfalls die Ohren, kann jedoch nicht stehenbleiben und länger zusehen. Sie zögert merklich, verteilt dennoch pflichtbewusst Bestellungen und wirft sehnsüchtige Blicke hinüber – aus der Ferne.
Bisher ist nicht viel passiert. Dort, wo der Wagen seit einiger Zeit steht, befindet sich das Traditionshaus Lackemann, das seit einiger Zeit wieder geöffnet hat. Offenbar geladene Gäste warten draußen am Eingang … Die Limousine nimmt die Fahrbahn einer Einbahnstraße in Beschlag. Bislang ohne den Verkehr zu beeinträchtigen. Ob überhaupt Fahrgäste transportiert werden, lässt sich gar nicht mit Gewissheit sagen, die Autoscheiben sind getönt.
Die Tassen des Pärchens vom Nachbartisch sind geleert, ebenso die Eisbecher. Bezahlt haben sie vorhin schon. Der junge Mann will aufbrechen, wendet sich seiner Partnerin zu:
„Kommst du?“
„Warte noch! Ich möchte die Braut sehen!“
Er seufzt und setzt sich wieder.
Geduld ist vorteilhaft, denn geschlagene drei weitere Minuten Warten sind angesagt. Endlich öffnet sich hinten links die Wagentür. Sie bleibt in weit geöffnetem Zustand, ohne dass sich jemand zeigt. Die Hälse werden wieder lang.
„Ist sie schon ausgestiegen?“, fragt die Bedienung neugierig vom anderen Ende des Ganges.
„Nein, noch nicht, aber die Tür ist auf!“, wird ihr gleich von zwei Tischen Bericht erstattet.
„Und?“
„Nichts …“
„Jetzt!“
Ein Herr windet sich mühsam heraus. Kein älterer, nein, ein kleiner, wirklich alter Mann.
„Wahrscheinlich der Brautvater …“, meint sie, die weibliche Hälfte des Pärchens.
„Oder der Bräutigam?“, schlägt er vor, grient allerdings dabei.
„Ach, hör auf!“ Sie findet es völlig abwegig.
„Nee, echt jetzt!“, echauffiert er sich gespielt, nur mittlerweile hat sie sein Grinsen bemerkt.
Der Wir-wissen-nicht-genau-was-er-ist-Herr schlurft langsam um das Heck der Limousine herum zur anderen Seite und öffnet dort die hintere Tür. Die geladenen Gäste zücken mittlerweile alle ihre Kameras und Handys, um Fotos zu schießen.
„Jetzt kommt sie, glaube ich!“, ruft jemand im Raum der Bedienung zu.
Zig Augenpaare starren hinaus.
Eine ebenso betagte Dame mit silbrig-weißem Haar, nicht viel größer, als der Wagen hoch ist, entsteigt der weißen Limousine, wird von dem Herrn eingehakt und unter Applaus der Umstehenden Richtung Eingang des Hauses Lackemann geführt. Die Limousine entfernt sich.
Stretchlimousine mit Blumenschmuck entfernt sich ...
„Das war’s“, stellt der junge Mann fest, der vorhin schon gehen wollte. „Können wir jetzt?“
Was? Keine junge Braut? Kein weißes Hochzeitskleid?

Verdutzte Gesichter – und wilde Spekulationen beginnen! Man tendiert zu der Variante, dass es sich um die Goldene Hochzeit oder eventuell sogar die Diamantene (60 Jahre Ehe) handeln müsste und dass es doch „echt süß“ sei, „sowas“.
Fetzen einer Diskussion dringen an mein Ohr, deren Inhalt auf Pläne hindeutet, ebenfalls im Fall der eigenen Goldenen Hochzeit eine Stretchlimousine zu ordern.

Die Versammlung am Fenster im Café löst sich auf. Als ich mich kurz danach allein auf dem Heimweg befinde, haben die Gedanken Gelegenheit, noch einmal zurückzuwandern …
Wissen Sie, was ich mich nach reiflicher Überdenkung der Angelegenheit frage?
Ob wir nicht doch falsch liegen!
Vielleicht waren es tatsächlich Braut und Bräutigam. Frischgetraut! In dem Alter – und im Fall der wahrscheinlich nicht ersten Hochzeit ihres Lebens – verzichtet die Braut auf ein weißes Brautkleid. Das wäre doch plausibel.
Ich stelle mir das so vor:
Sie ist 90, er 92 Jahre alt. Kennengelernt haben sie sich im letzten Jahr bei Edeka in der Schlange an der Kasse. Irgendjemand lag wegen des Wechselgelds im Clinch mit der Kassiererin und das dauerte. Elisabeth hatte befürchtet, dass ihr Eis schmilzt bei der langen Wartezeit. Daraufhin hatte ihr Friedrich angeboten, es mit in seinen Thermobeutel zu packen bis es weiterginge. Letztendlich hatte er ihr das Eis bis zur Haustür getragen …
Oder sie trafen sich das erste Mal anlässlich des (Ur-)Großelterntages im Kindergarten der Enkel. Er fluchte, weil er dazu verdonnert wurde, Laternen zu basteln, und die Situation hatte sich erst entspannt, als Friedrich und Elisabeth festgestellt hatten, dass ihm der Cutter und die Schneidearbeiten, ihr aber mehr das Kleben und Malen lag. Zusammen klappte es prima, Teamwork funktionierte. Seitdem waren sie ein Dreamteam.
Nicht?
Dann war es im Wartezimmer beim Augenarzt. Er hatte von den Tropfen weitgestellte Pupillen, konnte nichts sehen und wollte mit ihrem Mantel nach Hause. Sie stellte sich ihm – mit dem Regenschirm drohend – in den Weg. Beim anschließenden Gerangel haben sie sich wider Erwarten Hals über Kopf verliebt. Er hatte so weiche Hände …
Wenn Ihnen das auch nicht zusagen sollte und Sie glauben, die beiden seien moderne Alte mit PC und Internet, dann waren sie eben in der gleichen Facebookgruppe! Kamen sich über die  „Freunde der Orchideen“ oder „Excel für Senioren“ näher.  Leon, Friedrichs Urenkel, war übrigens der erste, der eingeweiht war. Aber auch nur, weil er hartnäckig fragte, warum sein Uropa von ihm auf einmal unbedingt Skype installiert haben wollte. So oder ähnlich.
Was weiß ich!
Spinnen Sie doch ihre eigene Story!
Hören Sie, ich habe nun wirklich keine Zeit mehr! Die Bretagne schmort schließlich auch noch …

Bis zum nächsten Mal! Machen Sie es gut bis dahin!

©November 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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  1. #1 von marliesgierls am 14/11/2014 - 12:40

    Süß! Da kann man wirklich den Gedanken freien Lauf lassen, jeder macht seine eigene Story raus. Doch irgendwie grummelt es in mir, ich würde zu gerne die echte Geschichte kennen. lg Marlies

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    • #2 von ladyfromhamburg am 14/11/2014 - 21:23

      Ja, mich würde es durchaus auch interessieren, Marlies. – Schön, dass du wieder vorbeigeschaut hast!
      Wozu tendierst du denn? Runder Jahrestag oder eher frisch verheiratet? Oder schließt du dich vielleicht auch der Idee von Fred Lang in seinem Kommentar an?

      LG und schönes Wochenende!
      Michèle

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      • #3 von marliesgierls am 14/11/2014 - 21:50

        Spontan hatte ich an den runden Jahrestag gedacht, doch dann kamen mir Zweifel. Aber nun muss ich mit der Ungewissheit leben. lg Marlies

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  2. #4 von Fred Lang am 14/11/2014 - 15:26

    Es könnte auch sein, dass dieses offensichtlich nicht mehr ganz junge Hochzeitspaar sich im Traditionshaus Lackmann kennengelernt hat. Auch ich wüsste übrigens gerne die wahre Geschichte. LG Fred

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    • #5 von ladyfromhamburg am 14/11/2014 - 21:31

      Hallo Fred! Das könnte durchaus möglich sein! Du sprichst jetzt von einem Kennenlernen bei Lackemann vor Jahrzehnten, oder?
      Tja, die wahre Geschichte werden wir leider nicht erfahren, aber ich gebe zu, ich wüsste sie auch sehr gern.

      LG ins Alte Land und schönes Wochenende!
      Michèle

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  3. #6 von finbarsgift am 14/11/2014 - 17:28

    *lächel*
    Jetzt weiß ich wenigstens wie diese fahrenden Langufos heißen, liebe Michèle, feine Geschichte…
    *schmunzel*

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    • #7 von ladyfromhamburg am 14/11/2014 - 21:35

      Lu, Langufos gefällt mir aber ebenfalls außerordentlich! Das merke ich mir!
      (Man liest das Wort anfangs leicht falsch. Es erinnert zuerst an Languste – nur beim Lesen … ^^)

      Lieben Gruß!
      Michèle

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      • #8 von finbarsgift am 17/11/2014 - 20:57

        *haha* das stimmt, liebe Michèle, aber das war so intendiert *g*
        Liebe Abendgrüße
        vom Lu

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      • #9 von ladyfromhamburg am 19/11/2014 - 15:23

        Dacht‘ ich’s mir doch! :-) *kennt ja den Lu inzwischen ein bisschen*

        LG Michèle

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      • #10 von finbarsgift am 19/11/2014 - 16:48

        Schön ist das *freu*

        Dir einen schönen Abend,
        Liebe Grüße vom Lu

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  4. #11 von Silberdistel am 15/11/2014 - 20:00

    Mir gefällt die Variante beim Augenarzt am besten. Er sah sie mit verklärtem Blick an … Welche Frau kann da widerstehen? .. und dann noch weiche Hände :-D
    Wir haben einmal während unseres Urlaubs auch eine solche Stretchlimousine gesehen – einschließlich Hochzeitsgesellschaft. Ich war damals auch von diesem Langufo sehr beeindruckt und musste natürlich auch ein Foto machen :-D – https://buecherstaub.wordpress.com/2013/08/30/wo-wasser-seinen-eigenen-spielplatz-hat-schloss-seehof/
    Dort wurde das Gefährt damals ebenfalls sehr bestaunt und bewundert, nicht nur von uns. Danke für Deinen schönen Beitrag – sehr amüsant geschrieben. Es hat wieder einmal viel Spaß gemacht, bei Dir zu lesen :-)
    Liebe Grüße von der Silberdistel

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    • #12 von ladyfromhamburg am 15/11/2014 - 22:42

      Ich erinnere mich an deinen Blogpost, hatte allerdings die Limousine (auch eine weiße!^^) nicht mehr vergegenwärtigt. Liebe Silberdistel, du bist also für die Augenarztvariante. An den verklärten Blick durch die dunklen Riesenpupillen hatte ich ja noch gar nicht gedacht! :-D Stimmt, das ist natürlich ein Argument für promptes Dahinschmelzen.
      Schön, dass du kommentiert hast und danke für deinen Link zum „Langufo“-Post bei dir!

      LG und schönes Wochenende, liebe Silberdistel!
      Michèle

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  5. #13 von Isa Schikorsky am 17/11/2014 - 15:20

    Sehr schöne Ideen, daraus lassen sich wirklich tausend verschiedene Kurzgeschichten spinnen.

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    • #14 von ladyfromhamburg am 18/11/2014 - 23:14

      Vielen Dank! Dem stimme ich zu – nur geht es mir allerdings manchmal so, dass ich einen einzigen Part daraus für eine komplette Kurzgeschichte (auch wenn ihr Aufbau und Sinn dafür prädestiniert ist) schnell als zu wenig unterhaltsam und als wenig Überraschendes bietend empfinde.

      LG Michèle

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  6. #15 von Zeitreisender am 19/11/2014 - 14:23

    Mir gefällt am besten die Variante „Excel für Senioren“.
    Sie haben bestimmt zusammen an einem PC gesessen und über die richtige Syntax der Excel-Formeln diskutiert. Danach haben sie sich über die Farbe des Indikators bei Excel-Kommentaren unterhalten und sich anschließend beim Handling von multiplen Pivot-Tabellen so richtig ausgelebt. Nur die Tastenkombination „Strg+Alt+Entf“ fanden sie nicht so toll…
    Nun ist aber Schluss :-)

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    • #16 von ladyfromhamburg am 19/11/2014 - 15:55

      Tja, Excel ist ja auch dein Metier, Volker! :-) Danke schön für deine sehr plastische Darstellung der Entwicklung der Beziehung zwischen Elisabeth und Friedrich! Gefällt mir!

      LG Michèle

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  7. #17 von ernstblumenstein am 19/11/2014 - 17:26

    wie immer gekonnt amüsant erzählt ! Die lernten sich in einem Grand Casino in Las Vegas kennen und liessen sich dort auch trauen. Hier in Hamburg waren sie nur auf einen kurzen Besuch bei einem Bekannten. Die Stretchlimousine ? – standesgemäss eben…

    PS: Zum Glück bekamen sie die Aufregung im 1. Stock des gegenüberliegenden Café nicht mit.
    Liebe Grüsse Ernst

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