„Oh, Gott! Hat er sich was getan …?“

Planten un Blomen - Herbst - Die Laubfärbung hat eingesetzt, es raschelt auch bereits am Boden ...
Manchmal überlege ich, meinen Unterwegs-Kaffee woanders zu trinken. Nicht ständig wieder im gleichen Eiscafé. Meist auch noch am selben Platz! Doch Begebenheiten wie die des heutigen Tages bestärken mich in der Annahme, dass es keinen Ort gibt, an dem es entspannender und gleichzeitig unterhaltsamer ist als dort.

Vier Menschen sitzen am Nachbartisch. Zu meiner Verblüffung sind sie nicht nur alle miteinander verwandt, sondern jede dieser Personen vertritt auch eine Generation dieser Familie! Da wären ein sechs Monate altes Baby (ein Junge), seine Mutter, deren Mutter und wiederum deren Mama. Baby, Mutter, Oma und Uroma. Diese Tatsache erfahre ich aus ihrem Gespräch.
Ich wäre nie darauf gekommen!
Auf den ersten Blick passt es überhaupt nicht. Uroma? Sie scheint viel zu jung. Eine eventuelle Familienähnlichkeit muss man bei den vier Frauen mit der Lupe suchen. Körperbau, Größe, Gesichtszüge – völlig unterschiedlich. Die Mutter und die Oma des Kleinen tragen lediglich die exakt gleiche Haarfarbe. Während der Altersunterschied zwischen diesen beiden Wesen sehr groß scheint, wirkt die Uroma nur zehn Jahre älter als die Oma, ihre Tochter.
Wie soll denn so etwas gehen?

Man kann nicht ungeniert ewig hinstarren, aber man kann so tun, als ob man lediglich das Baby anhimmeln würde. Das gibt mildernde Umstände, und nach mehrmaligen Hinüberblinzeln komme ich zu folgendem Resultat: Es ist doch möglich.
Die junge Mutter könnte Mitte Zwanzig sein, die Oma hat zwar schon viele, tiefere Falten, wird jedoch nach zweiter Einschätzung nicht Anfang 60 sondern maximal Mitte 50 sein. Und die Uroma ist eben extrem gut erhalten, aber nicht knapp 70 sondern Mitte bis Ende Siebzig. Und vielleicht ist irgendwer aus der mütterlichen Linie, der andere aber aus der väterlichen. Das würde diese Körperbaudiskrepanzen erklären.
Klingt plausibel.

Sie unterhalten sich, während ihre Bestellung in Arbeit ist. Wo waren sie schon an diesem Tag, wo soll es später hingehen …
„Wir könnten ja noch zu Karstadt“, meint die Mittlere.
„Oder lass uns nach C&A!“, schlägt daraufhin die Älteste am Tisch vor.
„Da waren wir doch schon“, erwidert ihre Enkelin.
„Da waren wir schon?“, ertönt die verdutzte Rückfrage.
„Ja, das war dort, wo wir die Lätzchen geholt haben.“
„DAS war C&A?“
„Ach, Oma, du bist echt süß …“

Fallen Ihnen auch gelegentlich die Unterschiede bei der Wortwahl auf? Zumindest hier im Norden benutzen einige Menschen – gern auch welche der älteren Generation –  den Ausdruck „nach“. („Richard, ich fahre gleich nach Karstadt!“)
Die Mehrheit der Jüngeren sagt hingegen „zu“. („Kommst du mit zu Edeka?“)
Ähnlich verhält es sich mit „beim“ und „bei“. (Claudia arbeitet beim Saturn. Sie war vor der Arbeit beim Aldi einkaufen. Aber: Henning bestellt bei Neckermann und erledigt den Rest bei Lidl).
Das „bei“ bzw. erneut das „nach“ wird nun wiederum von einigen Mitmenschen gern dort benutzt, wo andere „zu“ wählen und klingt in meinen Ohren stets extrem merkwürdig. („Ich geh bei Willi.“ „Jonas will nach Herbert.“ vs. „Ich gehe zu Edith.“)
Schon seltsam, diese Sprache … Und so etwas muss nun ein Baby alles erst lernen und begreifen. Nicht nur das! Es muss das Richtige herausfiltern und den Rest möglichst schnell wieder vergessen!

Die Erwachsenen bekommen ihr Eis serviert, der Junior wird fortan von Schoß zu Schoß weitergereicht, so dass jeder einmal ohne Zappelfrosch ist und vernünftig zum Essen kommt. Bei seiner Uroma wird der Lütte besonders aktiv. Vor ihr steht Spaghetti-Eis mit leuchtend roter Erdbeersoße, die es ihm farblich offenbar schwer angetan hat. Erhitzte Wangen, Begeisterungsgestöhne, das klingt wie ein Hirsch in der Brunftzeit, Oberkörpergeschwanke, Füßegezappel und Armgefuchtel sind die Konsequenz. Er würde wohl gern etwas davon abhaben.
„Nein, nein, Oma“, winkt Juniors Mutter ab, „ich habe für Julius extra etwas dabei. Er bekommt sein eigenes Essen!“
Er wird in den Kinderwagen verfrachtet und dort von ihr mit Apfelmus aus einer Tupperdose gefüttert. Nach Pseudoprotest und drei eiligst hervorgequetschten Krokodilstränen hebt sich die Laune von einer Sekunde zu anderen wieder. Der Nachwuchs mampft nun durchaus mit Begeisterung seinen Fruchtbrei, doch lässt er die Soße weiterhin nicht aus den Augen. Sobald seine Urgroßmutter einen Löffel zum Mund führt – ihrem eigenen wohlgemerkt! – flippt er ein wenig aus.
„Adda, ba …(Quietschlaute) …oohoh …da!“
(Übersetzung: „Ich komme um, wenn ich jetzt nicht bald was von dem Zeug kriege!“)
Die drei Damen amüsieren sich. Eine Diskussion startet zum Thema Soße geben ja oder nein. Die Mutter gerät ins Schwanken, die Oma ist dagegen, die Uroma ist der Ansicht:
„Lass ihn ein ganz bisschen probieren.“ Ihr Argument: „Das ist im Grunde doch nur Soße aus Früchten. Zucker ist dem fertigen Gläschenobstbrei auch!“
Sie erhält das offizielle Okay, befüllt ihren Löffel mit Erdbeerflüssigkeit und füttert den gierigen Urenkel. Das Raubtier schnappt zu, schließt den Mund, reagiert verblüfft auf den neuen Geschmack, verzieht leicht das Gesicht, kneift die Augen ….
In dem Moment naht ein Herr. Der Opa. (Fragen Sie mich nicht, ob Opa oder Uropa, das war altersmäßig wieder alles andere als eindeutig!) Er wird von den Ladys frühzeitig entdeckt und dem Jüngsten überschwänglich angekündigt:
„Ja, Julius! Schau mal, wer da kommt! Der Opa! Ei, der O-PA!“
(Sie kennen diese Art, wie man einem Baby deutlich vorspricht und dabei eine gehörige Portion Begeisterung mimt, nicht wahr?)
Julius hat den Sinn der Worte begriffen, schaut in die richtige Richtung. Beim Anblick seines Großvaters, beginnt er breit zu lächeln. Rote Soße rinnt langsam aus dem Mundwinkel, da Junior leider völlig vergessen hat, den flüssigen Sabsch komplett herunterzuschlucken.
„Oh, Gott! Hat er sich was getan?“
Opa wird blass. Der Enkelsohn sieht aus, als hätte er gerade eine kleine Schlägerei hinter sich. Die Brühe läuft täuschend echt wie Blut über sein Kinn. Und seine Mama sitzt neben diesem Vampir und hat nur Apfelmus auf dem Löffel …
Da jedoch keine der Frauen hysterisch reagiert und die Aufklärung ziemlich prompt erfolgt, bekommt das Gesicht des Großvaters schnell wieder Farbe.
„Jung, Jung …!“, ist der einzige Kommentar, ergänzt vom einem erleichterten Auspusten, welchem herzerfrischendes Gelächter folgt. Der Kleine beteiligt sich daran – auch ohne den Grund zu kennen.
Wie es immer so ist: Fröhlichkeit steckt an.
Jeden.

Soll ich Ihnen etwas verraten? Nächstes Mal werde ich wieder in mein Eiscafé gehen.
Basta.

©Oktober 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand -  freie Autorin - Blog Michèle. Gedanken(sprünge) - Foto ©Andreas Grav

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  1. #1 von finbarsgift am 08/10/2014 - 07:28

    Auch ein Eiscafé kann zu einer Art
    Zweiter Heimat werden…
    und warum aufgeben?

    Köstlich und virtuos bezaubernd
    wie immer geschrieben…

    Liebe Morgengrüße
    vom Lu

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    • #2 von ladyfromhamburg am 08/10/2014 - 17:19

      Nicht aufgeben, aber anderem auch einmal eine Chance geben … Es freut mich, Lu, dass du es nachempfinden kannst, wenn es einen doch immer wieder zum gleichen Ort zieht. Manche können es nicht verstehen. Schon gar nicht, wenn ich ihnen sagen, dass ich dort nie Eis esse! ^^
      Doch ich probiere es natürlich auch anderswo – wenn auch eher dann, wenn ich wirklich anderenorts bin und mein Eiscafé als Wahlmöglichkeit ausfällt. Gefällt mir durchaus, vielleicht gibt es sogar extrem gut schmeckenden Kaffee! Nur der so bunte Mix an anderen Gästen, dieses entspannende Zurücklehnen, die kurze Unterhaltung mit der bekannten Bedienung, das Vertraute überhaupt fehlt mir schnell.

      Danke für deine netten, positive Zeilen! Liebe Abendgrüße von mir zurück!
      Michèle

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  2. #3 von marliesgierls am 08/10/2014 - 11:27

    Da braucht man kein Fernsehen, oder? Live ist immerbesser. lg Marlies

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    • #4 von ladyfromhamburg am 08/10/2014 - 18:05

      Aber allemal!
      Mit dem Fernsehen ist das inzwischen so eine Sache, Marlies. Es gibt immer noch gute Drehbücher, Regisseure und Schauspieler, die die Leichtigkeit solcher Szenen einfangen. Ebenso die Natürlichkeit der Charaktere erfassen und übermitteln. Authentisch! Es gibt dort Dialoge, die so auch im Alltag stattfinden – und die amüsant sind!
      Wer sie als Drebuchautor „spürt“, übernimmt, optimiert, als Regisseur versteht, die Stimmung erfasst, seinem Team vermittelt, der weiß – wenn er im Film die Szenen wiedergibt – automatisch auch den den richtigen Blick dazu, die passende Geste und vor allem – wann auch einmal Stille herrschen muss.
      Stille ist ein Reizwort heute. Denn mittlerweile ist im Kopf vieler TV-Macher und -Entscheider die leise Komik, die in einer Sache selbst steckt und schon so viel hergibt, nicht mehr gefragt. Man verspricht sich mehr von schnell, laut, actionreich, legt fest, wie viele Pointen pro Minute eingebaut werden müssen, überzieht alles sehr gern, es übertönt einer den anderen und grimassenhafte Mimik schafft dann schon den Rest.
      Da freue ich mich einerseits über die Realität im Eiscafé – und natürlich über positive Ausnahmen der Filmschaffenden. Manchmal weiche ich zu britischen Produktionen aus, weil ich damit besser klarkomme. Dort setzt die Handlung nicht ständig auf Knalleffekte, dort sind die Rollen vielfach uneitler, skurriler, und damit erstaunlicherweise trotzdem näher an der Realität.
      Huch, das ist jetzt viel länger geworden als geplant. Ich lasse es trotzdem so.

      LG Michèle

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      • #5 von marliesgierls am 08/10/2014 - 19:28

        Macht nichts Michèle, habe ich mit Interesse gelesen und stimme zu. Ich komme fast nie zum Fernsehen, und wenn schaue ich mir gerne Filme an, die ich schon kenne und wo ich weiß, dass sie gut sind, gutes Neues ist sehr vom Zufall abhängig, da fehlt mir einfach die nötige Info und wie du schon schreibst, so etwas gibt es leider nur noch selten. Da holt man sich dann seine Unterhaltung im Eiscafe und das ganz umsonst. Einen schönen Abend noch, lg Marlies

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  3. #6 von kowkla123 am 08/10/2014 - 12:14

    mir gefällt deine Art, so schön Erlebnisse zu kommentieren, alles Gute, Klaus

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  4. #8 von buemichl am 09/10/2014 - 07:27

    Köstlich!
    Als nordisch Plattdeutscher passiert es mir auch immer wieder, dass ich „nach“ statt „zu“ sage und dann von den Hochdeutschkorrekten ;) korrigiert werde. LG Michael

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    • #9 von ladyfromhamburg am 15/10/2014 - 16:27

      Hallo Michael, entschuldige, dass ich so spät reagiere. Du hast es vielleicht mitbekommen, mein Internet möchte momentan nicht und per Handy sehe ich manche Sachen manchmal verspätet. Du wirst also korrigiert von diesen pingeligen hochdeutsch Sprechenden. Soso. Was sagt man denn dazu! :-) Ich könnte mir vorstellen, dass so etwas wie das „nach“ aber recht fest im Gehirn abgespeichert ist und sich auch durch häufige Reklamation von außen nicht so leicht unterbinden lässt. Mach‘ man weiter so. Wie heißt es doch? Da kräht kein Hahn nach/zu/bei …

      LG Michèle

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  5. #10 von finbarsgift am 10/10/2014 - 07:16

    Bonjour, chère Michèle, natürlich gebe ich auch immer wieder einem anderen Café ein Chance, sonst hätte ich ja vor Jahren niemals das Glück gehabt, Max Frisch kurz vor seinem Tode mal noch in einem Café an der Limmat in ZH zu treffen und mich ein wenig mit ihm über sein geniales Buch-Terzett: Stiller, Homo Faber, Montauk etwas auszutauschen!
    Doch MUT gehört IMMER dazu :)
    Und die Rückkehr zum Café als Zweite Heimat wird trotzdem immer wieder stattfinden…
    liebe Morgengrüße
    vom Lu

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    • #11 von ladyfromhamburg am 11/10/2014 - 15:52

      Da hattest du aber großes Glück was dein Zusammentreffen angeht! Ich werde es ja auch weiter so halten. Die Nase durchaus nach neuem ausstrecken, jedoch den Rückzug ins Bewährte weiterhin genießen.

      LG Michèle

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  6. #12 von ernstblumenstein am 12/10/2014 - 16:44

    ich freue mich jetzt schon riesig auf deinen nächsten Besuch im Eiscafé. Ich muss schmunzeln, Du hast die Alltags-Geschichte wie gewohnt sehr gekonnt und lustig erzählt. Du erinnerst mich vom Schreibstil her an den verstorbenen Ephraim Kishon. Jetzt frag ich mich, ob ich als Opa früher, als unsere Enkel klein waren, nicht etwas falsch gemacht habe 8-O – lach, ich mag mich an solche Situationen nicht erinnern, wobei eben die Uroma schon fehlte…
    Ich wünsche dir frohe Tage in der neuen Woche. Ernst

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    • #13 von ladyfromhamburg am 15/10/2014 - 16:29

      An Ephraim Kishon? Das ist lustig, das hat mir schon einmal jemand gesagt! :-) Danke schön für deine Zeilen, und entschuldige die späte Reaktion. Ich kann nur eingeschränkt per Handy reagieren, mein häuslichen Internet ist malad.

      LG Michèle

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      • #14 von ernstblumenstein am 15/10/2014 - 17:58

        das ist okay, Michèle, nimm es easy, Du musst dich für deine Reaktion bei mir nie rechtfertigen, ich schreibe vielfach auch spät was soll’s, das Leben neben dem PC ist wichtiger und ich werde langsamer, brauche also mehr Zeit, die ich mir einfach nehme…
        Ich geniesse im Moment die milden sonnigen Herbsttage!
        Dir eine frohe Zeit. Liebe Grüsse Ernst

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