„Willi wird’s überleben …“

„Du fährst doch auch mit ins Altmühltal, Liesel?“ Die kleine, weißhaarige Dame, die diese Frage stellte, hatte soeben mit einer Freundin das Café betreten. Beide schälten sich aus ihren Jacken.
„Ist das warm hier!“ stöhnte Edith. Sie nestelte am Halstuch. Der dekorative, kunstvoll geknüpfte Knoten war widerspenstig und ließ sich nicht gleich öffnen. Ihre Bewegungen wurden zunehmend hektisch.
Liesel hatte damit keine Probleme. Sie war ohne separaten Halswindschutz, und ihr dunkler Filzhut mit Bernsteinbrosche blieb selbstverständlich dort, wo er hingehörte: auf ihrem Kopf!
Es gibt eine Generation von Damen, die hat das so gelernt. Hat es förmlich eingebläut bekommen! Sie würde sich eher den Finger abhacken, als den Hut abzunehmen. Weder draußen noch im Lokal. Tut man einfach nicht. Der Hut bleibt auf dem Haupt bis zur Heimkehr. Basta!
Edith hatte inzwischen den Knoten überlistet, bekam nun sichtlich besser Luft. Kaum hatten beide Platz genommen, näherte sich auch schon der Kellner ihrem Tisch. Das Gespräch über eine eventuelle Mitfahrt ins Altmühltal musste noch einen kleinen Moment warten.

„Haben Sie schon gewählt? Was darf ich Ihnen denn bringen?“
„Wir hätten gern Kaffee“, antwortet Liesel.
„Café Crema oder Latte Macchiato, Cappuccino …?“
„Nee, nee, normalen Kaffee! Nichts mit diesem Schaum. Richtigen Kaffee! BOHNENKAFFEE, junger Mann! Den haben Sie doch, oder?“
„Selbstverständlich! Zweimal Kaffee … Sehr gern. Große oder kleine Tassen?“
„Gibt es auch Kännchen?“, hakt Edith nach.
„Leider nicht.“ Der Angestellte zieht bedauernd die Schultern hoch.
Kännchen sind am aussterben. So wie die Generation Dame-mit-Hut-plus-Bohnenkaffee-pur selten geworden ist. Heute sind besondere Kaffeekreationen angesagt, gern mit Schaum, wenn es mehr sein soll notfalls in XL-Tassen oder -Gläsern serviert. Ohne Hut getrunken.
Der junge Mann vom Service entfernt sich, die Unterhaltung wendet sich erneut dem Thema Reise zu.

„Ich glaube, ich kann da leider nicht mit“, seufzt Liesel. „Ich habe gerade wieder eine hohe Rechnung bekommen, da ist wohl erst einmal keine Fahrt drin.“
„Ach, nein, sag nicht so etwas!“ Edith reagiert enttäuscht. „Was ist es denn? Strom, Heizung? Musst du nachzahlen?“
„Nein, die Rechnung vom Friedhof ist da. Willis Grabpflege.“
„Wie viel ist es denn?“, möchte Edith wissen.
„Die wollen jedes Jahr 350 €! Dabei tun sie gar nicht viel!“ Liesel klingt leicht verbittert. „Wenn ich nicht hingehen und kontrollieren würde, würden die wohl auch das Vereinbarte nicht immer erledigen. Ich habe sie bereits einmal erwischt.“
„Und warum machst du es nicht lieber selbst?“, fragt Edith.
„Ich schaffe es nicht mehr, alles selbst heranzuschleppen und auf den Knien herumzurutschen! Aber es wurmt mich, wie wenig und was gemacht wird. Weißt du, auf dem Grab sind Bodendecker, und lediglich in der Mitte vor dem Stein ist ein kleines Stück freigelassen für andere Sachen, Blühendes. Momentan pflanzen die dort im Frühjahr einmal fünf Stiefmütterchen, im Sommer fünf Eisbegonien und im Winter decken sie ein bisschen Tanne drauf. Dafür 350 €! Unkraut wächst trotzdem, das mache ich zwischendurch weg. Und gießen tu ich auch! Da kommt selbst bei Dauerhitze kein Mensch!“
„Und wegen der Rechnung kannst du jetzt nicht mit ins Altmühltal? Geht es wirklich nicht? Kommst du denn im nächsten Sommer mit nach Büsum?“ Edith lässt nicht locker.
„Du, so weit im Voraus plane ich nicht mehr. Wer weiß, ob ich dann noch lebe! Die Veranstalter wollen ja sofort bei der Buchung eine Anzahlung! Die zahlt doch keiner zurück, falls … In meinem Alter schaue ich höchstens noch drei Monate voraus.“
„Liesel!“
„Doch, Edith!“ Liesel sieht das ganz nüchtern und hat sich angewöhnt, pragmatisch zu handeln.
„Nun, wenn du nur noch so kurzfristige Sachen planst, musst du jetzt aber doch im Oktober mit ins Altmühltal kommen!“ Edith zwinkert verschworen.
„Kommt eigentlich Marianne auch mit?“ Die zu Überzeugende ist am schwanken und sucht weitere Entscheidungshilfen.
„Nur wenn es dort Diät gibt. Marianne darf ja nicht alles essen.“
„Und was ist mit Gerd?“
„Gerd will nur, wenn die Krögers nicht mitbekommen. Die findet er fürchterlich.“ Edith ist über alles bestens informiert. „Jetzt müssen wir irgendwie die Krögers vom Buchen abbringen …“

Inzwischen ist der Kaffee eingetroffen und für gut befunden worden.

„Liesel, kündige das mit der Grabpflege. Das ist es doch nicht wert! Wie oft gehst du auf den Friedhof?“
„Wie oft? Wieso? Einmal die Woche etwa …“
„Dann lass das mit der Bepflanzung in der Mitte, steck da eine dieser grünen Vasen hin. Bring jede Woche eine einzelne frische Blume oder einen Zweig mit. Dann blüht immer etwas. Notfalls setzt du zwei weitere Bodendecker in die Lücke, wenn dir noch zu viel Erde rausschaut. Die kann ich dir hinbringen und einpflanzen. Tanne brauchst du im Winter nicht unbedingt. Danach macht das Grab kaum Arbeit, und du hast jedes Jahr eine hohe Rechnung weniger.“
Liesel denkt über diese Alternative nach.
„Und du meinst nicht, dass Willi … dass er das komisch fände?“
„Ach, komm, der wird’s überleben!“, kontert Edith.
Liesel reagiert mit leichter Verzögerung. Sie stutzt plötzlich und ruft mehr gespielt als tatsächlich empört:
„Du bist unmöglich!“
„Wieso das denn?“, fragt Edith verdutzt. Sie ist sich ihres Schnitzers überhaupt nicht bewusst.
„Na, hör mal! Willi wird’s überleben! Wird etwas schwierig …!“
Edith errötet. Erleichtert registriert sie, dass die Freundin es nicht wirklich übelgenommen hat, im Gegenteil, der kleine Fauxpas hebt die Stimmung gewaltig. Liesel fällt prompt ein weiteres wichtiges Argument dafür ein, den Grabpflegeservice fortan nicht mehr zu nutzen:
„Du, Edith, wusstest du, dass Willi Eisbegonien immer gehasst hat …?“
Die Freundin lacht laut los und verkündet kurz entschlossen:
„Du kommst mit in den Urlaub! Kündige den Kram – und wenn du grad im Moment etwas Geld brauchst, um mitfahren zu können, dann leihe ich dir einen Teil. Nur komm mit!“

Freundinnen. Schön, dass sie sich haben …
Ein Gespräch, dass inhaltlich (vielleicht nicht immer wortwörtlich) so am vergangenen Sonnabend stattfand. Ich schrieb es auf, weil es einerseits nicht einer gewissen Komik entbehrt und andererseits etwas offenbart, was in unseren Tagen häufig geworden ist: Die traurige Tatsache, wie wenig oft einem Menschen im Alter bleibt. Finanziell gesehen. Den Frauen ganz besonders. Und wenn die Knappheit der Mittel schließlich verhindert, dass soziale Kontakte aufrecht erhalten werden können und an gemeinsamen Unternehmungen teilgenommen werden kann (nichts Luxuriöses, nicht Häufiges, manchmal nur der Kaffee auswärts oder die Kosten für den Busfahrschein), ist das sogar mehr als traurig.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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  1. #1 von Fred Lang am 10/09/2014 - 07:10

    Zitat: „Kännchen sind am aussterben. So wie die Generation Dame-mit-Hut-plus-Bohnenkaffee-pur selten geworden ist.“

    Ja, das stimmt. Andererseits habe ich mich auch nicht selten darüber geärgert, wenn man im Cafe-Garten nur eine Tasse Kaffe bestellen wollte. Dann hieß es immer: „Draußen gibt’s nur Kännchen!“
    Eine Geschichte zum Schmunzeln, aber mit ernstem Hintergrund; und er regt zum Nachdenken an.

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    • #2 von ladyfromhamburg am 10/09/2014 - 20:11

      Stimmt! An das „Muss-Kännchen“ draußen kann ich mich auch entsinnen! Nun, im Grunde ist es nicht wirklich tragisch, dass Kännchen verdrängt worden sind. Der Lauf der Zeit, doch ich glaube, auch ohne lässt sich der Kaffee genießen. Er hielt sich allerdings besser warm als in großen, weiten Tassen, die heute die Alternative sind, um mehr Menge anbieten zu können.
      Der andere Punkt – Altersarmut bzw. äußerst geringe Mittel, die zur Verfügung stehen – fällt mir immer häufiger auf. In dem Maße, wie Kosten, Gebühren, Lebenshaltung, Krankenkassenbeiträge, Zuzahlungen etc. gestiegen sind, ist keine Rente angehoben worden. Es ist seit Jahren ein Minusgeschäft. Speziell bei den heutigen älteren Damen, die mehrheitlich den Haushalt führten, die Kinder großzogen und nur minimale Renten beziehen oder Einkünfte aus der Hinterbliebenenversorgung (Witwenrente) erhalten, reicht es hinten und vorn nicht. Kommt eine zusätzliche Rechnung ins Haus, geht ein Teil kaputt und muss ersetzt werden, wird verzweifelt versucht, irgendwo noch einzusparen. Meist an der Nahrung …
      Man liest häufig, kaum eine Rentengeneration hätte es so gutgehabt, wie die heutige. Und da wären ja auch noch die zahlreichen Erbschaften, die zusätzlich beträchtliche Summen in die Haushaltskasse spülen! Was ich um mich herum wahrnehme, ist, dass es das durchaus gibt. Für einen Teil trifft es sicher zu. Nur die Schere zwischen ganz wenig (fast gar nichts) und ganz viel (fast im Überfluss) zur Verfügung haben, die hat noch nie so weit auseinandergeklafft wie heute.

      Fred, ich war mittlerweile schon des Öfteren auf deiner Website und habe mich durch einige Bereiche durchgelesen. Enorm vielseitig, kreativ, informativ, unterhaltend, positiv … Ich verweile gern dort!

      LG Michèle

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  2. #3 von englandliebhaber am 10/09/2014 - 09:15

    Sehr traurig.

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  3. #5 von marliesgierls am 10/09/2014 - 11:15

    Ja, das ist für viele nicht einfach und wirklich wichtig,dann noch jemand zu haben, der einem ab und zu aus dem Alltagsgrau heraushilft. Das mit dem Kännchen ist mir nun gerade in Berlin passiert, als ich im Schloss Glienecke ein Kännchen bestellen wollte, gab es auch nur große Tassen, aber ich hatte keinen Hut auf!
    lg Marlies

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    • #6 von ladyfromhamburg am 10/09/2014 - 20:17

      Ich kann mir bei dir auch irgendwie keinen Hut vorstellen, Marlies! :-) Du hast völlig recht bezüglich des „aus dem Alltagsgrau heraushelfen“. Wenn das nämlich auch noch wegfällt, sieht es ganz duster aus. Dann ist nicht nur knappe Kasse, sondern auch Vereinsamung, Schwermut, Depression etc. angesagt.

      LG Michèle

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  4. #7 von kowkla123 am 10/09/2014 - 13:19

    es macht nachdenklich und auch traurig, wünsche einen guten Tag, Klaus

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    • #8 von ladyfromhamburg am 10/09/2014 - 20:14

      Dir auch, Klaus, vielen Dank für deinen Kommentar. Manche haben es tatsächlich nicht leicht. Um so besser, wenn das Netz der Freunde erhalten bleibt und man sich zur Not gegenseitig ein wenig auffangen und unterstützen kann.

      LG Michèle

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  5. #10 von Silberdistel am 10/09/2014 - 18:41

    Ich kann Liesel das Altmühltal nur sehr ans Herz legen. Ich bin gerade dort :-D Dankeschön für diesen so treffsicher gewählten Beitrag :-D
    Liebe Grüße von der Silberdistel

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    • #11 von ladyfromhamburg am 10/09/2014 - 20:22

      Ach, du bist da gerade, liebe Silberdistel? :-) Das ist aber ein Zufall! Ich las zwar vorhin bei dir, dass ihr noch einmal unterwegs seid, aber gerade dort … ^^ Man liest, es sei eine sehr schöne Region nicht nur zum Wandern, sondern auch zum Fahrrad fahren. Mal schauen, was du noch über das Altmühltal berichtest.
      Ich wünsche euch schönes Wetter und eine nette Zeit!

      LG Michèle

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  6. #12 von ernstblumenstein am 11/09/2014 - 18:58

    tja, Michèle, Du hast diese aussterbende Idylle treffend und liebevoll beschrieben, wie wenn Du einen Tisch daneben gesessen wärest – eine schöne, aber traurige und aussterbende Geschichte. Ich wünsche dir eine güldne Herbstzeit, geniesse die wärmenden, aber nicht mehr heissen Sonnentage…
    Einen ganz lieben Gruss nach Hamburg schickt dir Ernst

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    • #13 von ladyfromhamburg am 12/09/2014 - 18:20

      Danke schön für deine Zeilen, Ernst. Ich habe übrigens daneben gesessen … ^^
      Dir auch noch schöne Herbsttage, ich hoffe, auch bei dir scheint die Sonne noch ein ganzes Weilchen, so dass du noch oft den Garten aufsuchen kannst (nicht nur für Arbeit, auch zum Genießen!).

      Lieben Gruß zurück!
      Michèle

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